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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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19. Kapitel

Nash schüttelte bedächtig den Kopf.

»Ich finde«, sagte er nach einer Weile, »Ihre Angewohnheit noch komischer als meine – besonders, weil sie so sauunpraktisch ist! Wenn Sie den Revolver unter Ihrer Decke verkramen, brauchen Sie doch viel zu lange, um ihn herauszuholen, falls es mal nötig ist!«

»Ach, keine Spur – man muß nur dran gewöhnt sein! ... Sie würden sich wundern, wie schnell das geht.«

»Kann ich mir gar nicht denken!«

»Doch, doch! ... Und besonders: es schießt sich so gut, wenn man auf dem Rücken liegt – nur ein bißchen Übung muß man darin haben.«

»Mit 'nem Gewehr vielleicht – aber doch nicht mit dem Revolver.«

»Wir können es ja mal probieren ... Sehen Sie den kleinen Papierfetzen da an dem Dachsparren?«

»Ja!«

Blitzschnell fuhr Bards Hand unter den Kopf, der Schuß fiel und der Papierschnitzel flatterte langsam herab wie ein verwundeter Vogel, der sich vergeblich in der Luft zu halten sucht. Kurz bevor er den Boden berührte, ergriff ein Windstoß den Fetzen und wirbelte ihn durch den türlosen Eingang hinaus in die Nacht.

Gähnend schob Anthony den Revolver wieder unter die Decke. Zwischen den halbgeschlossenen Lidern beobachtete er Nash, dessen Gesichtszüge etwas Hartes bekamen – einen Moment nur, dann verschwand es wieder wie ein Wolkenschatten, der über eine sonnige Wiese huscht.

Das Licht der Kerze in der Mitte zwischen den beiden Schlafbänken flackerte unruhig hin und her. Bard war schon im Begriff aufzustehen, um es auszulöschen, da fiel sein Blick auf den Lasso. Ein ungemütliches Gefühl hemmte seine Bewegung – er legte sich wieder auf die Decke zurück. Nash schien seine Absicht bemerkt zu haben.

»Sie sind jetzt wohl schläfrig?« fragte er, gleichgültig tuend.

»Ich?! ... Nicht im geringsten! Sie vielleicht?«

»Nicht die Spur! ... Ich liege überhaupt immer lange wach, ehe ich einschlafen kann – gewöhnlich unterhalten wir uns da noch ein bißchen.«

»Mir geht's ganz genau so.«

»Ulkig, daß unsere Gewohnheiten in so vielen Punkten übereinstimmen!«

Eine Weile lagen sie sich, den Kopf auf den Arm gestützt, schweigend gegenüber.

»Ein Glück, daß wir die Bude hier erreicht haben, bevor der Regen losgebrochen ist«, meinte Bard, dem tollen Geplansche lauschend, das auf das Dach der Hütte trommelte.

»Ja gewiß! ... Wenn's übrigens noch ein paar Stunden so weiter gießt, führen alle Flüsse Hochwasser. Dann verlieren wir einen ganzen Tag, denn dann müssen wir nach einer Furt hinaufreiten, um über den Saverack zu kommen.«

»Ach, Unsinn – dann schwimmen wir einfach rüber.«

»Bei Hochwasser über den Saverack schwimmen?! ... Nee, junger Freund, das wollen wir lieber bleibenlassen!«

»Dann werd' ich's wohl allein versuchen müssen. Ich hab' doch, wie Sie wissen, für morgen abend eine Verabredung in Eldara.«

Nash biß die Zähne zusammen und unterdrückte einen Hustenanfall. Dann holte er Papier und Tabak hervor, drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und nahm einen tiefen Lungenzug.

»Gewiß haben Sie sich verabredet«, sagte er, den Rauch ausstoßend. »Aber schlimmstenfalls wird sich Cilly eben einen Tag gedulden müssen!«

»Sie macht eigentlich nicht den Eindruck, als ob sie gern wartet.«

»Ein kleiner Aufschub wird ihr sogar guttun – da hat sie die Möglichkeit, sich zu bedenken.«

»Jeder Mann hat den Frauen gegenüber seine eigene Methode. Mein Prinzip ist, ihnen überhaupt keine Zeit zum Überlegen zu lassen.«

Wieder schüttelte ein Hustenanfall Nash.

»Sie ist aber nicht wie andere Weiber!« sagte er schließlich verbissen.

»Das sollte mich doch sehr wundern!« antwortete Bard.

Er hatte bei diesem Wortduell den ungeheueren Vorteil, daß er unter seinen langen, schwarzen Wimpern hervor die Wirkung seiner Rede auf den Cowboy genau kontrollieren konnte, ohne daß dieser sah, wie scharf er ihn beobachtete. Er wollte gern herausbekommen, ob Nashs feindliche Einstellung gegen ihn, die er instinktiv fühlte, nur von ihrer Rivalität bei dem jungen Mädchen herrührte oder eine tiefere Ursache habe.

Nash, der, finster und schweigend vor sich hinbrütend, die Kräfte dieses schlanken Fremden gegen die eigenen abwog, kam zu dem Resultat, daß, wenn er eine Keule, jener ein Dolch war, der geräuschloser aber auch tödlicher wirken konnte. Daß Bards überlegene Wortgewandtheit bei Cilly erheblich gegen ihn ins Gewicht fiel, war ihm natürlich auch klar, und darum suchte er dieses Thema vorläufig einmal auszuschalten.

»Sie haben bei dem alten Haus jenseits der Berge gejagt?« fragte er ablenkend.

»Ich will es erst tun!«

»Jedenfalls ein famoses Revier.«

»Schon möglich.«

»Sie wollten mir übrigens noch etwas von Logan erzählen.«

»Ich? ... Wieso? Wollt' ich das? ... Ach so – daß der Bursche mir einen falschen Weg nach Eldara gezeigt hat ... Na – wenn ich zurückkomme ...«

»Was ist dann?«

»Brech' ich ihm alle Knochen im Leib!« sagte er mit entsprechender Handbewegung.

Nash traute seinen Augen und Ohren nicht. Die gleiche Geste und die nämlichen Worte hatte er erst kürzlich von seinem Brotherrn gehört und gesehen.

»Sie müssen sich darüber nicht so aufregen. Logan ist ein guter Kerl – er wird sich geirrt haben.«

»Das glaub' ich ja nun weniger!«

»Haben Sie übrigens das Grab vor dem alten Haus schon gesehen?«

»Gewiß!«

»Damit hat's eine ganz seltsame Bewandtnis.«

Es entging Nash nicht, daß Bard sich jetzt ein wenig aufgerichtet hatte. Daß er sofort wieder eine gleichgültige Miene aufsetzte, bestärkte ihn in seiner Vermutung, daß er dem wahren Grund, aus dem der junge Mensch mit Drew zu sprechen wünsche, auf der Spur sei.

»Haben Sie die Inschrift auf dem Grabstein gelesen?« fuhr er darum fort.

Bard nickte.

»Die Sache liegt ja weit zurück, hat sich lange vor meiner Zeit abgespielt – aber ich hab' doch allerlei davon gehört. Ein paar Graubärte drüben bei uns, die schon Gott weiß wie lange in Drews Diensten stehen, haben ab und zu mal einiges angedeutet. Aber das interessiert Sie wohl nicht?«

»Ehrlich gesagt: nicht besonders! Aber erzählen Sie nur! ... Lieber hör' ich die langweiligste Geschichte, als dies ewige Geplansche auf dem Dach.«

Nash lächelte. Der Junge war doch reichlich naiv! ... Als ob dies gespielte Uninteressiertsein einen erfahrenen Westmann wie Stephan Nash täuschen könne! ...

Er räusperte sich und begann.

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