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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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1. Kapitel

Während der ganzen Vorstellung schon saßen die beiden uninteressiert da, obwohl hier die beste Wild-West-Schau gezeigt wurde, die je die Sägespäne von Madison-Square-Garden aufgewirbelt, obwohl donnernder Applaus fast ununterbrochen das bis zum letzten Platz gefüllte Haus durchdröhnte.

Ganz New York, arm und reich, war versammelt. Nicht das bestbesetzte Sechstagerennen und kein Boxkampf hätten eine so bunt gewürfelte Menge auf die Beine gebracht. Jeder wollte einmal die Männer sehen, die, von keiner Zivilisation angekränkelt, unter dem endlosen, weiten Himmel des fernen Westens ein Erobererleben führen – deren schriller Kampfruf die freie, wilde Bergwelt hier, mitten im Herzen des poesielosen Ostens, erstehen ließ ...

All das Toben des Publikums und das Kreischen in der Arena ließen die beiden seltsamen Zuschauer unberührt. Nur, als die ersten Pferde in die Schranken hereinpreschten, hatte der kleinere von ihnen ein wenig den Kopf gehoben, während der größere sich etwas vorneigte, als Diaz, der »Zauberer mit dem Lasso«, begann, das Seil um seinen Kopf kreisen zu lassen. In beiden Fällen jedoch war das Interesse ganz vorübergehend gewesen. Als ob zwei alte erfahrene Schauspieler sich ein Stück, das ihnen in jeder Einzelheit vertraut ist, einmal in zweiter Besetzung ansähen, so hatte es gewirkt ...

Der Kleinere, von der sengenden Sonne gebräunt, von Wind und Wetter gegerbt und ausgedörrt, stieß seinen stämmigen Begleiter mit dem Ellbogen an.

»Jetzt kommt offenbar die Schlagsahne, Drew!« sagte er lächelnd. »Ich werd' ihnen aber das Dessert versalzen!«

Der Angesprochene war ein hochgewachsener, grauhaariger Mann, dem offensichtlich das Alter nichts anzuhaben vermocht hatte. Es hatte ihn nur gehärtet und gestählt. An diesem Eichenstamm mußten die Stürme der Zeit sicher noch lange rütteln, ehe es ihnen gelingen würde, ihn zu fällen ...

»Wir haben noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Zuges«, meinte er. »Das reicht doch für deinen kleinen Scherz?«

»Bequem ... Nu sieh dir das nur an! So eine Jammerbande ... Reiten nennen sie das?! ... Ein zehnjähriges Kind kann sich über so was kranklachen. Na – ich will's ihnen schon zeigen!«

Die Reiter, die sich diese abgründige Verachtung des kleinen Mannes zuzogen, hatten sich inzwischen in der Mitte der Arena versammelt. Eine schreckeneinflößende Schar war es, mit langen Haaren und blitzenden Augen. Der Manager der Schau ergriff ein Megaphon und nahm den Mund ordentlich voll.

»Meine Damen und Herren!« donnerte er. »Sie sehen hier die besten Reiter und erfolgreichsten Bezwinger wilder Pferde, die je über die riesigen Prärien des Westens galoppierten! ... Tollkühne Männer sind es, die den Tod herausfordern und der Gefahr ins Gesicht lachen! ... Ich habe die Ehre, Ihnen jetzt ›Happy Morgan‹ vorzustellen!«

Happy Morgan, brüllend, als sei er von zehntausend Dämonen besessen, brach im Galopp aus der Schar heraus und zwang sein Pferd, das er mitleidlos mit den Sporen bearbeitete, bockend und ausschlagend eine halbe Runde um die Arena zu machen. Dann kehrte er zu den anderen zurück.

Das also war der berühmteste Pferdebrecher des Wilden Westens, der nicht Tod und Teufel fürchtete? ... Die Bravorufe ließen den ganzen Raum erzittern.

Als der Lärm etwas abebbte, fuhr der Manager fort:

»Dies, meine Damen und Herren, ist ›Bud Reeves‹, der unvergleichliche Cowboy, der noch jeden Stier eingefangen hat!«

Bud folgte zunächst dem Beispiel Happy Morgans – dann, einer nach dem anderen, die fünf übrigen Reiter. Inzwischen war eine Anzahl wildaussehender Pferde, die sich bäumten und ausschlugen, in die Arena gebracht worden. Ihnen wandte sich der Zeremonienmeister der Schau jetzt zu:

»Aus dem fernsten Westen haben wir diese herrlichen Mustangs mitgebracht, ungezähmte Tiere, die noch nie die Last eines Menschen trugen! Aus Naturtrieb bocken diese Pferde, aus Freude am Kampf wehren sie sich gegen Zaum und Sattel ... Wenn Sie das bezweifeln, dann, bitte, kommen Sie herunter und versuchen Sie selber Ihr Heil! Einhundert Dollar dem Mann, der sich auf ihrem Rücken halten kann ... Arzt und Krankenhaus allerdings bezahlen wir nicht!«

Er nahm das Megaphon vom Mund, um erst einmal das Gelächter seiner Zuhörer sich austoben zu lassen. Der kleinere von den unzufriedenen Zuschauern benutzte die Zeit, dem anderen zuzuraunen:

»Noch nie die Last eines Menschen getragen?! ... Dieser geputzte Affe da lügt teils aus Naturtrieb, teils aus Freude am Schwindel ... Noch nie die Last ... dabei kann ich von hier aus die Satteldruckstellen auf ihren Rücken sehen ... Ich denke, ich werd' mal 'runtergehen und mir den Hunderter holen! Leichter hab' ich bestimmt noch nie in meinem Leben Geld verdient.«

Er stand auf, um seine Drohung wahr zu machen – doch Drew hielt ihn zurück.

»Laß den Blödsinn, Werther! Du wirst doch hier den Leuten keine Kunststückchen vormachen!«

»Gut – warten wir noch eine Weile ... Was quatscht der Kerl da?«

Der Manager fuhr brüllend fort:

»Diese männermordenden Pferde können nur von unseren berühmten Reitern hier gebrochen werden, denn die vermögen alles zu reiten, was auf vier Beinen läuft und ein Fell hat! Sie allein ...«

Werther sprang auf, legte die Hände trichterförmig vor den Mund und schrie gellend:

»Hi ... i ... i ... ip!«

Hätte er ein knatterndes Feuerwerk abgebrannt, wäre die Wirkung kaum verblüffender gewesen. Der fremdartige, schrille Ton unterbrach den Ausrufer mitten im Wort. Ein beifälliges Murmeln ging durch die Reihen der Zuschauer, die die Sache natürlich für einen besonders amüsanten Teil des Programms hielten.

»Hallo, Kamerad!« rief Werther und schüttelte dabei die mächtige Hand Drews ab, die ihn auf seinen Sitz zurückzwingen wollte. »Zwei Abende hintereinander hab' ich mir Ihren Spuk jetzt mit angesehen – aber zum drittenmal kann man doch nicht mit demselben Trick bluffen!«

»Das klingt ja, als ob Sie ein gewiegter Pokerspieler wären!« antwortete der Manager schlagfertig. »Wie hoch soll denn der Einsatz sein?«

»Fünfhundert Dollar setz' ich auf eine Karte!« schrie Werther, eine Handvoll graugrüner Banknoten lebhaft hin und her schwenkend. »Fünfhundert Dollar für jeden von Ihrer Bande – oder überhaupt für jeden der Anwesenden, der ein wirklich wildes Pferd reiten kann!«

»Und wo ist der Gaul?«

»Gleich um die Ecke, in einem Stall in der Sechsundzwanzigsten Straße! In fünf Minuten wird er hier sein ...«

»Na – denn mal her damit!«

Die Stimme des Ausrufers klang schon nicht mehr so laut und zuversichtlich.

»Jetzt soll ihm seine Schlagsahne sauer werden!« flüsterte Werther Drew zu, kletterte aus seiner Loge und lief quer durch die Arena hinaus. Die Galerie kicherte und beklatschte die fliegenden Rockschöße des kleinen Mannes.

Er hatte die Zeit, die er brauchte, sogar etwas überschätzt, denn es waren noch keine volle fünf Minuten vergangen, als die Tore am unteren Ende der Arena aufgerissen wurden und Werther, gefolgt von zwei kräftigen Stallburschen, die einen mächtigen Hengst zwischen sich führten, hereintrat. Vor dem Glanz der Lichter und dem Gemurmel der Menge stutzte das prächtige Tier und stieg. Es wich zurück, so daß die Stalleute, die ihr ganzes körperliches Gewicht in die Halteseile legten, es nicht vorwärtsbekamen. Dann sprengte es plötzlich in die Arena hinein, seine beiden Wärter mit sich schleifend, was recht komisch, aber auch etwas beängstigend wirkte.

Ganz New York brach in dröhnenden Beifallsjubel aus. Offenbar war das auch eine einstudierte Sache – aber ein Pferd, das seine Rolle so meisterhaft beherrschte, verdiente unbedingt den Applaus ...

Das tosende Geräusch, das sich an den Wänden wie die Brandung der Wogen am Gestade brach, machte das Tier vollends kopfscheu. Es schlug aus, bäumte sich und sprang dann in großen Sätzen vorwärts. Kaum war es den beiden, die es aus Leibeskräften zurückzerrten, gelungen, es zum Stehen zu bringen, als ein bunter Schal, der gerade in der Loge, vor der es tänzelnd stand, aufflatterte, es wieder scheuen ließ. Jetzt gab es kein Halten mehr. Wiehernd, bockend galoppierte es durch die Arena, die beiden strauchelnden Männer mit sich ziehend. Als die wilde Jagd an einer Loge vorüberbrauste, in der ein hochgewachsener junger Mann im Smoking allein saß, sprang dieser begeistert auf und schrie:

»Bravo!«

Die schäumende Wut des Hengstes, der verzweifelt überall nach einem Ausgang gesucht hatte, wandte sich plötzlich dieser schlanken Erscheinung zu. Mit zurückgelegten Ohren und blutunterlaufenen Augen ging das Pferd gegen die Loge an, deren Holzbrüstung unter den Schlägen seiner riesigen Vorderhufe krachte und splitterte.

Der junge Mann bewahrte diesem empörten Toben gegenüber vollkommen seine Ruhe. Eine rötliche Schaumflocke traf die gestärkte Hemdbrust. Er zog lässig das Taschentuch und wischte sie ab, doch sie hinterließ einen Fleck auf dem tadellosen Weiß ...

Die Stalleute hatten inzwischen das Tier zurückgerissen. Mit erhobenem Kopf und bebenden Nüstern stand es da, als sähe es sich nach einem geeigneteren Opfer um.

Immer stiller und stiller war es in der weiten Runde geworden – jetzt lagerte atemloses Schweigen über dem riesigen Haus. Die Menschen blickten einander fragend an, noch im Zweifel, aber allmählich doch vermutend, daß dies eine Sondervorstellung sei, die nicht im Programm vorgesehen war. Alles hatte sich von den Sitzen erhoben, musterte vorgeneigt das gewaltige Pferd und erwartungsvoll die Gruppe der Männer, »die alles reiten können, was auf vier Beinen läuft und ein Fell hat« ...

Einige Frauen wandten ängstlich den Kopf, denn das würde sicher kein sportliches Spiel, sondern ein blutiger Kampf werden. Die überwältigende Mehrheit New Yorks aber sah den Dingen, die da kommen sollten, schon jetzt mit spöttisch gekräuselten Lippen entgegen. Wenn auch die Umgebung heute anders war, wenn auch die modernsten elektrischen Sonnen den weiten, überdachten Raum erhellten und die Zuschauer die Tracht unserer Tage trugen – der grausame Ausdruck auf den blassen Gesichtern war der gleiche, mit dem die Menge einst im Kolosseum des alten Roms dem Moment entgegenharrte, da die Löwen auf ihre Opfer losgelassen wurden ...

Die rauhen Präriereiter drängten sich mit ihrem Manager schutzsuchend in eine Ecke zusammen – möglichst weit weg von dem gefährlichen Hengstriesen. Der Ausrufer selbst hatte all seine kaltblütige Schlagfertigkeit verloren. Für einen so außergewöhnlichen Fall gab es offenbar in seinem Sprachschatz keine geeignete Phrase.

Der kleine Werther, wachsend mit seinen höheren Zwecken, stolzierte in der Mitte der großen Arena und brüllte, den Tonfall des Managers nachahmend:

»Meine Damen und Herren! Wie Sie sehen, haben die tollkühnen Männer, die den Tod herausfordern und der Gefahr ins Gesicht lachen, keine Lust, mein Pferdchen zu reiten. Wahrscheinlich reizt sie der ausgesetzte Preis nicht! ... Darum: Tausend Dollar bar auf den Tisch jedem, der imstande ist, den Gaul zu reiten!«

Unter den Cowboys entstand eine Bewegung – keiner aber näherte sich dem Hengst. Der schüttelte, als ob er seines Sieges sicher sei, laut wiehernd den prachtvollen Kopf.

Ein wahnsinniges Gelächter quittierte diese Herausforderung. Das war ein »Roßhumor«, für den das große New York etwas übrig hatte. In die allgemeine Fröhlichkeit stimmte sogar Drew, der starke, grauhaarige Mann, ein ...

Mit erstaunlicher Plötzlichkeit verstummte auf einmal das Lachen, und tiefes Schweigen trat ein. Wie wenn der Sturm, der ein Haus rüttelnd umheult, sich einen Moment legt, alle Bewohner einander bang anschauen und beklommen auf das Wiederlosbrechen des Unwetters lauschen, so starrten Galerie und Logen einander mit verhaltenem Atem an. Nur der starke, grauhaarige Mann erhob sich leise fluchend ...

In der Loge, die der Hengst vorhin attackiert, hatte nämlich der schlanke, junge Bursche im Smoking Rock und Weste abgeworfen und krempelte sich die steifen Manschetten seines Oberhemdes hoch. Dann legte er eine Hand leicht auf die Logenbrüstung, sprang mit einem eleganten Satz in die Arena herab und ging direkt auf das Pferd zu ...

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