Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
Schließen

Navigation:

18. Kapitel

Draußen näherten sich eilige Schritte. Schwere Stiefel klapperten durch den Torweg.

Die beiden fuhren herum. Ein großer Mann mit gebräuntem Gesicht und breiten Schultern war der erste, der eintrat, hinter ihm Nash.

»Wo ist denn Conklin?« rief der Richter Glendin und sah sich erstaunt im Zimmer um.

Der Verwundete war tatsächlich nicht mehr da. – nur ein roter Fleck am Boden zeigte die Stelle, wo er gelegen hatte. Offenbar war er zu sich gekommen und hatte die Versunkenheit der beiden, die Wichtigeres zu tun gehabt hatten, als auf einen Gefangenen zu achten, zur Flucht benutzt.

»Zum Donnerwetter, wo ist denn Conklin geblieben?!« wiederholte jetzt Nash.

»Ei weh!« flüsterte Bard Cilly zu. »Da hab' ich ja was Schönes angerichtet mit meiner ›Methode‹!«

Laut aber sagte er:

»Er war genug gestraft – ich hab' ihn laufen lassen.«

»Junger Mann!« sagte Richter Glendin drohend. »Sie sind erst ein paar Stunden in unserer Stadt, und trotzdem hab' ich recht viel von Ihnen zu hören bekommen! ... Was denken Sie sich eigentlich dabei, hier auf eigne Faust Gerechtigkeit zu üben?«

»Ich kann mir schon vorstellen, wie die Sache gekommen ist!« sagte Nash mit einem bezeichnenden Seitenblick auf Cilly. »Dies junge Greenhorn denkt, im Westen braucht man die Dinge nicht so genau zu nehmen!«

»Das ist das Schlimme: die Sorte denkt zu viel!« bestätigte Glendin.

Nash überlegte einen Moment, dann gab er seinem Herzen einen Stoß und sagte zu dem Richter:

»Jetzt nützt's nichts mehr, ihm Vorwürfe zu machen – lassen Sie die Sache auf sich beruhen, Glendin!«

»Weiter kann ich ja schließlich auch nichts tun ... Nur, daß Cilly nicht dagegen Einspruch erhoben hat, begreif ich nicht!«

»Ja, die Frauen sind in vielen Dingen ein Rätsel – besonders die hübschen ... Na, können wir nun aufbrechen, Herr Bard?«

»Ich bin fertig!«

»Auf Wiedersehen, Cilly!«

»Gute Nacht, Fräulein Fortune!«

»Guten Abend, Herrschaften! ... Es bleibt also dabei, Herr Bard: ich erwarte Sie morgen abend in Eldara zurück!«

Dabei warf sie Nash einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Gewiß!« antwortete Anthony. »Länger wird mich mein Geschäft kaum aufhalten!«

»Zumal ich den kürzesten Weg nehmen werde!« schloß Nash.

Damit verließen die beiden das Zimmer und bestiegen ihre Pferde.

Obwohl der Rotschimmel durch die kurze Rast in Eldara etwas ausgeruht war, wäre er mit Bards Schecke keinesfalls mitgekommen, wenn Anthony sein Pferd nicht nach Kräften zurückgehalten hätte. Er behauptete, auf einer Straße, die er nicht kenne, die Führung nicht übernehmen zu können. Sein Hauptgrund jedoch war, daß er Nash nicht im Rücken haben wollte. Cillys Bemerkung hatte ihn doch etwas mißtrauisch gemacht.

Nash fühlte das und begriff sofort, daß dadurch seine Aufgabe doppelt schwierig wurde. Nach allem, was er von diesem Menschen gehört und gesehen hatte, durfte man ihn jedenfalls nicht unterschätzen. Immer wieder fiel ihm das Bild von einem jungen Puma ein.

Wie der Bengel ritt! ... Wenn er auch nicht auf die im Westen übliche Art im Sattel saß – man sah doch sofort, daß er jeden Gaul zu reiten verstand. Als ob Pferd und Reiter ein Wesen wären, so wirkte es ... Der alte Drew hatte schon recht – wer so ritt, konnte auch sonst noch allerlei! ... Ganz verteufelt aber erschwerte es die Sache, daß Cilly ihn offenbar vor ihm gewarnt hatte! ...

Ruhig und gelassen versuchte er, sich einen Plan zurechtzulegen. Wenn er es einrichten konnte, daß er dem Jungen nur eine Minute in den Rücken kam, war der Fall erledigt, denn sein Lasso hing griffertig am Sattelknauf. Dann hatte er die tausend Dollar so gut wie in der Tasche und damit auch Cilly. Er kannte doch die Weiber – bei denen wirkte Bargeld immer überzeugender als die gewandtesten Redensarten eines Ostmannes ...

Der Rotschimmel trottete mürrisch vorwärts, wurde immer langsamer. Doch sosehr auch die Schecke sich bäumte und ins Gebiß schäumte, es gelang ihr nicht, den vor ihr Trabenden zu überholen. Nashs Bulldoggenkinn schob sich immer wütender nach vorn, während Bard ihn durch »kindische« Fragen über die Gegend, an der sie vorbeikamen, reizte oder lustig vor sich hinpfiff wie ein Schulbub auf einem Ferienausflug. So erreichten sie schließlich die alte Hütte, wo Nash, wie er gesagt hatte, rasten wollte. Wie eine formlose Masse stand sie einsam da, kaum zu erkennen im Dunkel der Nacht.

Sie zogen ihre Pferde unter das überragende Wetterdach und nahmen ihnen die Sättel ab. Dann traten sie in den einzigen Raum der Hütte. Nash zündete eine Kerze an, die er seiner Satteltasche entnahm, und stellte sie mitten auf den Fußboden. Schweigend breiteten sie ihre Wolldecken über die beiden Schlafbänke, die an den Längsseiten des Zimmers standen.

Es war eine recht merkwürdige Bude, diese Hütte – eine Baracke, wie sie zwei Mann in höchstens einem Tag zusammenhauen, wenn sie das nötige Material bequem zur Hand haben. Sie stand zwar fest auf dem Erdreich, aber auf der abfallenden Seite eines Hügels, so daß der Fußboden schräg von der Tür nach oben ging. Wind und Regen hatten an manchen Stellen den Sand unter den Brettern fortgespült. Durch deren Lücken pfiff jetzt der Wind, der sich plötzlich erhoben hatte, und ein feuchter Nebel, der Vorbote eines nahenden Regengusses, drang durch sie ein. Ab und zu hatte Anthony das Gefühl, als ob der immer stärker werdende Sturm jeden Moment die ganze wacklige Bude hochheben und den Abhang hinunterstürzen müsse.

Das Heulen des Unwetters bildete eine seltsame Begleitmusik zu dem stummen Kampf, der sich zwischen den beiden Männern abspielte. Sobald Nash bei seinem ruhelosen Aufundabgehen hinter Bard zu stehen kam, fuhr er herum, angeblich um seine Schlafdecke anders zu legen. Wenn Bards Hand zufällig in die Nähe seines Halfters kam, griff Nash instinktiv nach dem Kolben seines Revolvers.

Endlich war der Cowboy, der nur Hut, Stiefel und Gürtel abgelegt hatte, entschlossen, zu Bett zu gehen und kroch unter die Decke. Dann nahm er seinen Lasso auf, der zusammengerollt am Boden neben ihm lag.

»Komische Gewohnheiten bekommt man hier im Westen!« sagte er, während er das feste Seil durch die Finger gleiten ließ und die Schlinge dabei lockerte.

»Wieso?« fragte Bard, der auf seiner Schlafbank saß.

»Wie die Kinder wird man mit der Zeit – wenn die ein neues Spielzeug haben, wollen sie's auch immer mit ins Bett nehmen. Haben Sie das schon mal beobachtet?«

»Gewiß!«

»Mir geht's wenigstens so! Wenn ich mich schlafen lege, muß ich meinen Lasso bei mir haben. Gewöhnlich hängt er an einem Nagel über meinem Kopf. Wie oft haben mich meine Kameraden darum schon ausgelacht, aber ich kann mir nun mal nicht helfen – ich muß das Ding bei mir haben, sonst fühl' ich mich nicht behaglich!«

Leise in sich hineinkichernd, als ob er sich seiner Angewohnheit ein wenig schäme, hängte er den sorgfältig aufgerollten Lasso an einen Nagel, der über dem oberen Ende der Schlafbank aus der Wand herausragte. So brauchte er nur die Hand auszustrecken nach der gefährlichen Schlinge, die Bard mit gespanntem Interesse betrachtete.

Für Stadtmenschen ist ein Stück Seil eine harmlose Sache, die man vielleicht gelegentlich um einen Koffer schnürt oder als Waschleine auf dem Trockenboden benutzt. Für den Seemann hat ein Seil schon mehr Bedeutung – ihm ist es ein Handwerkszeug, mit dem er täglich zu tun hat. Für die Leute des Westens aber ist es eine Waffe. Der Italiener wird im Kampf Mann gegen Mann instinktiv zum Messer greifen – der Westmann zu dem scheinbar harmlosen Stück Seil, das in seinen Händen sich belebt und für den Gegner gefährlich und verhängnisvoll wird. Eben ruht es noch unbeweglich, plötzlich fängt es an zu kreisen und zu wirbeln, im nächsten Moment saust die Schlinge durch die Luft wie der Kopf einer zischenden Kobra, mit unheimlicher Sicherheit trifft sie ihr Ziel, die Windungen des Seils legen sich enger und enger um das Opfer, machen ihm jede Bewegung unmöglich, lähmen es, unerbittlich, wie die Umstrickung einer Riesenschlange ...

All dies ging Bard blitzschnell durch den Kopf, während er neugierig nach dem Lasso hinüberschielte.

»Sie haben recht!« sagte er. »Für einen Mann ist das eigentlich eine komische Angewohnheit – aber ich kann das nachfühlen! Ich kann zum Beispiel nicht einschlafen, wenn ich nicht einen entsicherten Revolver unter dem Kopfkissen habe!«

Damit schob er seine Waffe unter die Decke, auf die er sich niederlegte ...

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.