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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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16. Kapitel

Nash fand zwar vorerst keine Gelegenheit zum Tanz – sondern in dem sonst leeren Lokal, das Cilly gehörte und das sie mit Hilfe ihrer tüchtigen Hände und eines Koches führte, die Eigentümerin friedlich beim Essen, und am gleichen Tisch mit ihr – das Greenhorn, den Weiberheld, den Rossebändiger, den Bezwinger der gefürchtetsten Raufbolde! ...

Stephan Nash blieb im Schatten vor der Tür stehen und betrachtete das glatte, hübsche Gesicht mit spöttischem Blick und einem finstern, verbissenen Zug um die dünnen Lippen. Das war ja durchaus keine erschreckende Erscheinung, dieser junge Bursch! ... Doch, was er von ihm in den letzten paar Tagen gehört hatte, konnte nachdenklich stimmen.

Auf alle Fälle, sagte er sich, war dieses seltsame und ungewöhnliche Greenhorn durch seine Gewandtheit und die Schnelligkeit seiner Bewegungen bestimmt kein Gegner, den man unterschätzen durfte. Selbst jetzt, wo er behaglich am Tisch, in angeregteste Unterhaltung mit Cilly Fortune vertieft, saß, würde es wahrscheinlich schwer sein, ihn zu überrumpeln ...

Übrigens schien die gute Cilly gar nicht böse darüber, daß der Fremde ihre Zeit so ungebührlich lange in Anspruch nahm! Sie aß, wie es Stephan vorkam, auf eine geradezu fürchterlich gezierte Art und Weise. Die graziöse Bewegung, mit der sie die massige, unzerbrechliche Kaffeekanne hob, machte ihm direkt das Herz schwer. Sosehr er sich auch gegen die Erkenntnis wehrte: zweifellos ging sie darauf aus, hier eine Eroberung zu machen ...

Er versuchte sein finsteres Gesicht, so gut es gehen wollte, in freundliche Falten zu legen, und trat lächelnd ein.

»Ach, Sie sind's, Stephan?!« erwiderte Cilly lebhaft seine Begrüßung, sprang auf und rannte ihm fast entgegen. Sie ergriff seine beiden Hände und führte ihn an den Nebentisch. Alles das geschah so nett und liebenswürdig – einen Bruder hätte sie nicht herzlicher empfangen können. Nash aber, der sie genau kannte, wußte, daß das Ganze nur eine Komödie war, um auf Bard Eindruck zu machen.

»Mein guter, alter Freund Stephan Nash!« stellte Cilly jetzt vor. »Herr Anthony Bard!«

Der Ton lag auf dem »Herr« – konstatierte Stephan verbissen. Trotzdem stand er auf und wechselte mit dem Greenhorn einen Händedruck.

»Ich komme gerade von Butlers Bude«, sagte er. »Er hat mir den neckischen Scherz erzählt, den Sie sich da erlaubt haben. Jedenfalls war's Zeit, daß einer mal nicht auf Conklins Bluff 'reingefallen ist.«

»Bluff?!« rief Cilly empört. »Einen Bluff nennen Sie das?!«

»Bluff?« fragte auch Bard, die Augenbrauen leicht runzelnd.

»Natürlich ist's nur ein Bluff von ihm! In Wahrheit ist Conklin ungefährlich wie ein Kätzchen mit geschnittenen Krallen – das müssen Sie ja selbst gemerkt haben.«

Damit setzte er sich, gerade, als Cilly wieder ihren Platz Bard gegenüber einnahm.

»Lieber Stephan!« sagte sie ruhig, aber ziemlich giftig, »sein Bluff genügt, um mit vieren von Ihrer Sorte fertig zu werden. Jedenfalls habe ich noch nie gesehen, daß Sie sich an Conklin 'rangetraut hätten.«

Er ignorierte diesen Hieb und sagte liebenswürdig:

»Kommen Sie doch 'rüber an meinen Tisch, dann können wir uns ja weiter unterhalten ... Übrigens hab' ich einen Mordshunger!«

Daß man sie an ihr Geschäft erinnern mußte, beschämte Cilly ein wenig. Sie senkte die schönen, blauen Augen, die eigentlich das einzige, auch im ästhetischen Sinne wirklich Schöne an ihrem Gesicht waren. Das kokette Näschen blickte nämlich eine Kleinigkeit zu keck nach oben, ihr Mund war ein ganz, ganz wenig zu voll und das Kinn etwas stark, was ihrem Gesicht in Momenten der Ruhe beinah etwas Finsteres gab. Dieser Ausdruck war besonders betont, als sie sich jetzt erhob und Nash scharf anfunkelte. Er konnte ihrem Blick nicht standhalten, sah vielmehr weg und drehte sich umständlich eine Zigarette.

»Es tut mir leid, daß ich fort muß, ehe wir fertig gegessen haben«, sagte Cilly freundlich zu Bard. »Aber: Geschäft ist Geschäft!«

»Und manchmal eine rechte Last!« fügte er anzüglich hinzu.

Das wäre nun eine wundervolle Gelegenheit gewesen, einen Streit zu beginnen. Nash erinnerte sich aber glücklicherweise noch rechtzeitig daran, daß tausend Dollar auf dem Spiel standen, und William Drew versprochen hatte, ihm alle Knochen im Leib zu brechen, wenn dem Greenhorn auch nur ein Haar gekrümmt werde. Er tat darum, als hätte er nichts gehört, und zündete sich seine Zigarette an.

»Die ganze Stadt scheint aus Angst vor diesem Conklin auf dem Kopf zu stehen«, meinte er obenhin. »Dabei kommt er natürlich heute nacht gar nicht!«

»Das nehm' ich auch an!« antwortete Bard kühl.

Diese, das Gespräch gewissermaßen abschließende Antwort machte Nash wütend. Er fühlte sich in der Rolle, die ihm hier aufgezwungen wurde, durchaus nicht wohl. Von Hause aus war er alles andere als ein Schwätzer – das Geschäft jedoch, das er übernommen hatte, machte es nötig, den angenehmen Plauderer zu spielen.

»Ein ganz merkwürdiger Eindruck war das, wie ich vorhin in die verdunkelte Stadt eingeritten bin!« fing er etwas krampfhaft an. »Da fällt mir übrigens eine Geschichte ein ...«

»Stephan – ach bitte!« rief in diesem Augenblick Cilly von der Küche her.

Er sprang auf.

»Entschuldigen Sie mich einen Moment!« sagte er zu Bard. »Ich bin sofort wieder da.«

In der Küche empfing ihn Cilly ohne jede Einleitung mit der Frage:

»Was für eine Teufelei haben Sie wieder mal vor, Stephan?«

»Ich?!« antwortete er mit unschuldiger Miene. »Was soll ich vorhaben?!«

»Mich können Sie doch nicht dumm machen, Stephan!«

»Ist es eine Teufelei, hier, in Ihrem Lokal, essen zu wollen?«

»Ich bin doch nicht blind!« entgegnete sie erregt. »Sie sind viel zu höflich – als daß Sie nicht irgend etwas Schlimmes planten! Also los: was ist es?«

»Geben Sie mir einen Kuß, Cilly – dann sag' ich Ihnen, warum ich hergekommen bin.«

Sie wurde dunkelrot und wollte böse antworten – doch dann besann sie sich rasch und hielt ihm den vollen Mund hin.

»So! ... Nun also – erzählen Sie!«

»Ich bin nur nach Eldara gekommen, um mir diesen Kuß zu holen!«

Zweimal schlug sie ihm klatschend mit der flachen Hand ins Gesicht und riß sich von ihm los. Er verfolgte sie lachend, doch sie bewaffnete sich mit der fast rotglühenden Bratpfanne und wehrte ihn damit ab. Da er ernstlich böse zu werden schien, lenkte sie rasch ein und fing an zu lachen.

»Ihnen kann man ja nicht böse sein!« sagte sie. »Hören Sie, Stephan, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten!«

»Und das wäre?«

»Ist das die richtige Art, mir zu antworten, wenn ich Sie um etwas bitte?«

»Hat es vielleicht was mit dem Milchbart da drinnen zu tun?« fragte er mißtrauisch.

Sie wurde dunkelrot.

»Und wenn es das hätte?«

»Soll das heißen, daß Sie auch auf seinen Schmus 'reingefallen sind?«

»Lächerlich – ich bin doch kein Kind!«

»Wissen Sie denn, wer der Junge ist?«

»Natürlich! Anthony Bard heißt er.«

»Und wissen Sie, was dieser Anthony Bard für ein Mensch ist?«

»Was denn für einer?« fragte sie sichtlich beklommen.

»Na – wenn Sie das noch nicht wissen, werden Sie's ja bald erfahren. Sein letztes Mädel ist auch sehr schnell dahintergekommen.«

Sie schwankte einen Moment, dann aber schien ihr Entschluß gefaßt.

»Ich habe Sie um einen Gefallen gebeten, Stephan!« sagte sie dringlich.

»Den ich unbedingt erfülle – das wissen Sie ja!«

»Ich möchte, daß dieser Bard heil aus der Stadt herauskommt.«

»Was ich dazu tun kann, soll geschehen!«

Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah ihn nachdenklich an.

»Wollen Sie mich auch nicht täuschen, Stephan? Haben Sie keinen Hintergedanken?«

»Wieso mißtrauen Sie mir? Hab' ich schon einmal nicht gehalten, was ich gesagt habe?«

»Nein – aber Sie sind so rasch auf meine Bitte eingegangen.«

Plötzlich wurden ihre Züge merkwürdig hart.

»Wenn Sie mich hintergehen, werd' ich mich furchtbar rächen!« sagte sie. »Ist die Sache abgemacht?«

»Abgemacht!«

Er schlug in ihre Hand ein, die sie ihm entgegenstreckte. Was mit dem Greenhorn wurde, wenn er erst einmal gesund aus der Stadt heraus war – davon war ja in ihrem Pakt nichts gesagt ...

Allerlei seltsame Gedanken stiegen in Nashs Kopf auf, während er in den Speiseraum zurückging, wo Bard gerade dabei war, seinen Kaffee auszutrinken.

Eine Weile herrschte tiefes Schweigen zwischen den beiden Rivalen, bis Bard plötzlich fragte:

»Kennen Sie zufällig den Weg nach der Farm eines gewissen William Drew?«

Nash glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Seine Aufgabe war es, diesen Menschen dorthin zu bringen, wohin er offenbar selber wollte. Allerdings war ja die Art, wie er ihn abliefern sollte, verdammt genau vorgeschrieben! ...

»Gewiß kenn' ich den Weg!« antwortete er laut. »Ich arbeite dort.«

»Wahrhaftig?«

»Ja – ich bin Drews Vormann!«

»Da gehen Sie am Ende heute nacht noch nach Hause?«

»Freilich – wenn ich auch heute nacht nicht ganz bis hin kommen werde.«

»Darf ich mit Ihnen gehen?«

»Wenn es Ihnen Spaß macht – natürlich!«

Er konnte seine Freude kaum verbergen.

»Übrigens: was ist dieser Drew eigentlich für ein Mensch?« fragte Bard, ganz zutraulich geworden.

»Kennen Sie ihn denn nicht?«

»Nein ... Ich frage nämlich darum, weil ich ihn um die Erlaubnis bitten will, drüben, jenseits der Berge, auf seinem Gebiet jagen und angeln zu dürfen.«

»Vielleicht dort, wo das alte Haus liegt? In der Nähe von Logans Weide?«

»Ja – stimmt!«

»So, so?« brummte Nash, offensichtlich ganz uninteressiert.

»Und was ist Herr Drew für ein Mann?«

»Groß – breitschultrig, mit grauen Haaren.«

Bard lächelte. Nash glaubte ein so unangenehmes Lächeln in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen zu haben.

»Drew wird Ihnen sicher alles erlauben, was Sie wünschen«, sagte er. »Er ist ein sehr zugänglicher Herr.«

»Hoffentlich!« nickte Anthony, vor sich hinstarrend. »Ich hab' ihn nämlich eine ganze Menge zu fragen!«

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