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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 16
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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15. Kapitel

Am dritten Tag war sogar der kräftige Rotschimmel vollkommen erschöpft. Als er den letzten Höhenzug erreichte, von dem aus man vor sich im tiefen Schatten Eldara liegen sah, blieb er mit hängendem Kopf, aber mit gespitzten Ohren stehen. So grausam das Tempo gewesen war, das Nash den ganzen Ritt über durchgehalten – den flüchtigen Schecken Anthony Bards hatte er immer noch nicht einholen können.

Als es langsam stolpernd den Abhang hinunterging, prüfte Nash noch einmal genau seine Ausrüstung. Er fühlte, ob sein Revolver locker genug saß, ob die Schlingen des Lassos richtig lagen, ließ jede einzelne seiner Muskeln spielen, um sicher zu sein, daß sie im gegebenen Moment seinem Willen gehorchten. Dann zog er noch die Sohlen aus den Steigbügeln, so daß nur die Fußspitzen ganz leicht darin ruhten – und war bereit ...

Die ersten Häuser der Hauptstraße, durch die er ritt, zeigten keinerlei Licht. Wohin er auch blickte, überall waren die Vorhänge herabgelassen und die Läden geschlossen, so daß nicht der dünnste Kerzenschimmer herausdrang. Die Stimmen, die er ab und zu vernahm, klangen gedämpft und leise.

Es war, als hätte die Pest oder ein anderes Unheil neun Zehntel aller Einwohner des kleinen Ortes an einem Tage dahingerafft. Irgend etwas Schlimmes mußte auch wohl passiert sein, denn anders konnte sich Nash diese bedrückende Stille nicht erklären. Er kannte Eldara nur von fröhlichem Lachen erfüllt, widerhallend von eiligen Schritten, vom Klappern des Zinngeschirrs, das aus den Küchen, und dem Wiehern der Pferde, das aus den Ställen herausdrang. Doch heute war alles ruhig. Direkt beklemmend legte sich ihm das Schweigen des dunklen Abends auf die Brust.

Sogar Butlers Kneipe war geschlossen! ... Er traute seinen Augen nicht. Seinem besten Freund hätte er das nicht geglaubt, wenn er ihm das erzählt haben würde ...

Er ritt dicht an das Haus heran und klopfte mit dem Absatz gegen das verrammelte Fenster. Nur das dumpfe Echo seiner Schläge antwortete ihm. Fluchend, doch mit einer gewissen Scheu, pochte er noch einmal.

Jetzt fragte eine gedämpfte Stimme:

»Wer ist da?«

»Stephan Nash! ... Was, in drei Teufels Namen, ist denn in Eldara passiert?«

Die Fensterläden wurden einen kleinen Spalt breit geöffnet, und ein Mann blickte vorsichtig heraus.

»Sind Sie's wirklich, Stephan?« flüsterte er.

»Verdammt noch mal, Butler – kennen Sie denn meine Stimme nicht mehr?! ... Was hat denn ganz Eldara in einen Kirchhof verwandelt?«

»Kirchhof kann stimmen! Der ›blutige‹ Conklin mit seiner Bande will unseren Ort heute nacht überfallen.«

Nash pfiff leise vor sich hin.

»Aber warum, zum Teufel, tun sich denn dann eure Jungens nicht zusammen, wenn sie wissen, daß Conklin mit seinen Schießern kommen will?«

»Das haben sie ja getan! Jeder geradegewachsene Mann liegt draußen auf den Höhen. Sie wollen Conklins Bande auflauern, bevor sie in die Stadt herein kann.«

Da Butler nur ein Bein hatte, war es begreiflich, daß er zurückgeblieben war.

»Und woher wißt ihr, daß Conklin kommt? Wer hat euch das verraten?«

»Conklin selbst!«

»Was?! Ist er denn hier in der Stadt gewesen?«

»Jawohl – stockbesoffen!«

»Und warum habt ihr ihn wieder gehen lassen?«

»Weil unser Ortsvorsteher ein Dummkopf ist, und der Bezirksrichter ein noch viel größerer – darum!«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Conklin kam, wie ich schon sagte, besoffen – das ist er ja meist – aber er benahm sich ganz anständig, so daß niemand mit ihm anbinden wollte. Gerade dadurch, daß er sich manierlich zeigte, ist die Schweinerei dann aber doch gekommen.«

»Wieso? ... Ich versteh' den Zusammenhang nicht.«

»Na ja – jeder behandelte Conklin rücksichtsvoll wie einen König, keiner wagte ihm zu widersprechen, nur so ein lächerliches Greenhorn ...«

Nash brach in eine nicht enden wollende Flut wildester Verwünschungen und Flüche aus. Das polterte und donnerte aus seinem Mund – sein Vorrat an Schimpfworten schien unerschöpflich zu sein. Endlich schloß er diese unheilige Litanei mit den Worten:

»Ist der gottverdammte Narr denn noch in Eldara?«

»Kennen Sie ihn denn?«

»Nein – nur vom Hörensagen! Also vorwärts – was geschah weiter?«

»Wie gesagt – Conklin benahm sich ganz anständig, bezahlte sogar mehrere Runden für alle, die in der Bar waren, kurz, führte sich auf, wie man sich's nur wünschen kann ... Dann aber bekam er Hunger und ging in Cilly Fortunes Lokal hinüber.«

Nash knurrte wütend:

»Und ihr habt das Schwein zu ihr gehen lassen?«

»Wer hätte ihn denn daran hindern sollen? Würden Sie's vielleicht getan haben?«

»Ich hätt' es, verdammt noch mal, wenigstens versucht!«

Butler zuckte die Achseln und fuhr fort:

»Also, er geht 'rüber, pflanzt sich an den Mitteltisch und verlangt für zehn Dollar Schinken mit Eier – dabei haben wir in der ganzen letzten Woche nicht ein Ei hier in Eldara gehabt ... Cilly, die sich nicht einmal vor Conklin fürchtet, sagt ihm das. Er wird wütend und schimpft – schließlich aber verlangt er, sie solle bringen, was sie gerade in der Küche habe, sich zu ihm an den Tisch setzen und ihm Gesellschaft leisten.«

»Und hat Cilly das getan?«

»Gewiß – was hätte sie denn sonst machen sollen?! ... Also, sie bringt ein Beefsteak an, bedient Conklin zuvorkommend und setzt sich auch an den Tisch. Wir standen alle herum und lachten – nicht laut natürlich, um Conklin nicht zu ärgern ... Dann aber waren da zwei Sachen, die die ganze Geschichte verdarben: das elektrische Klavier, das Cilly erst kürzlich für Gott weiß wieviel angeschafft hat – und zweitens das besagte Greenhorn.«

»Na also!« unterbrach ihn Nash verärgert, »das Greenhorn hat einfach euren Conklin vermöbelt?«

»Nanu – wer hat Ihnen denn das erzählt?«

»Niemand – ich dacht's mir nur! Aber es stimmt doch?«

»Ja – es war wirklich eine ganz ulkige Sache! ... Dieser Bard – seinen Namen haben wir später erfahren – kommt 'rein, setzt sich, und da er nicht gleich bedient wird, steht er wieder auf und steckt einen Nickel in den Schlitz des Klaviers. Das fängt an zu klimpern und zu bumsen – sein eignes Wort konnte man nicht verstehen. Conklin hört sich das eine Weile mit an, dann brüllt er: ›Wer hat denn die verfluchte Drahtkommode aufgezogen?‹

Dieser Bard steht auf, tritt vor ihn hin und sagt: ›Ich, mein Herr! ... Ich wollte hier etwas essen; da Sie aber die Bedienung offenbar für sich allein in Anspruch nehmen, wollt' ich solange mit der Musik vorliebnehmen.‹

Bei Gott, Stephan – wörtlich hat er das gesagt – zu Conklin!! ... Der war einen Moment wie vor den Kopf geschlagen. Bard aber verbeugt sich vor Cilly und sagt: ›Wollen wir ein bißchen tanzen, bis ich was zu essen bekommen kann?‹

Uns wurde ganz blümerant zumute – keiner wagte zu lachen, alles stiert nach Conklins Revolver. Cilly aber steht auf und sagt: ›Gern!‹ und will lostanzen.

›Einen Moment!‹ brüllt Conklin. ›Wollen Sie mich vielleicht wegen dieses hergelaufenen Grünschnabels sitzenlassen?‹

Sonst sieht ja Cilly einer Keilerei ganz gern mal zu – diesmal aber schien sie Mitleid mit dem jungen Burschen zu haben, denn sie suchte Conklin zu beruhigen. Doch das Greenhorn macht all ihre Fürsorge zuschanden.

›Kommen Sie, Fräulein!‹ sagt er. ›Dieser rohe Patron ist keine Gesellschaft für Sie!‹

›Wer ist ein roher Patron?‹ kreischt Conklin.

Bard geht ruhig auf ihn zu.

›Sie!‹ sagt er.

Schon greift Conklin nach dem Revolver. Alles rennt zur Tür – ich aber, als armer Krüppel, kann nicht so rasch 'raus und hab's darum mit angesehen ... Conklin war schnell – der junge Mensch aber schneller. Er hatte dessen Handgelenk gepackt, ehe er sich's versah, drehte und drückte ein bißchen – da hatte er den Revolver schon in der Hand und zielte direkt auf Conklins Stirn. Der starrt ihn entgeistert an wie ein Gespenst und konzentriert sich langsam rückwärts.

An der Tür sucht er die Würde zu wahren.

›Ich bin friedlich hierhergekommen und tückisch überfallen worden!‹ sagte er. ›Ich komme wieder – aber nicht allein!‹

Unser Glück war, daß er keinen Revolver mehr hatte, als er aus der Tür heraustrat. Aber auch ohne Schießeisen sah er gefährlich genug aus. Betroffen blickten wir ihm nach. Alle waren ganz verstört – nur Cilly und dieser Herr Bard nicht!

›Fräulein Fortune‹, sagte er. ›Wie steht's denn mit dem Tanz, den Sie mir versprochen haben?‹

›Ach, verzeihen Sie!‹ antwortete Cilly, ›das hab' ich ganz vergessen.‹

Und dann fangen die beiden an, nach den Klängen des elektrischen Klaviers loszuwalzen – immer zwischen den Tischen durch! ... Wir andern haben uns natürlich schnell dünne gemacht, da wir Conklin und seine Bande ja nur zu genau kennen ... Nanu – Stephan, wo wollen Sie denn so eilig hin?«

»Ich will auch ein bißchen tanzen gehen!« rief Nash über die Schulter zurück.

Und schon verhallte der Hufschlag seines davonjagenden Pferdes in der Stille der Nacht ...

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