Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
Schließen

Navigation:

14. Kapitel

Diese Gedanken waren wohl auch schuld daran, daß Nash eine recht schlechte Nacht hatte und schon beim ersten Morgengrauen wieder auf den Füßen war. Susie erschien gerade noch rechtzeitig, um dem letzten Akt des üblichen Trauerspiels beizuwohnen, zu dem der Rotschimmel jeden Aufbruch machte, bevor er sich zu dem gleichmäßigen Trab bequemte, in dem er mühelos seinen Reiter den ganzen Tag durch die Bergwüste trug.

Nash hielt sich mehr nach rechts, um den Weg abzuschneiden, da er annehmen konnte, daß das Greenhorn inzwischen wohl Eldara erreicht haben würde. Um die Mittagsstunde, da die unerträgliche Hitze selbst einen abgehärteten Mann wie ihn schläfrig machte, legte er eine kurze Pause ein, während er seine Phantasie frei schweifen ließ. Wieder und wieder stellte er sich im Geiste vor, was er sich alles für die tausend Dollar und das verdoppelte Gehalt leisten würde – wie herrlich es sein müßte, wenn er Cilly Fortune ...

Doch so hoch verstiegen sich seine Träume noch nicht. Vorläufig konzentrierten sie sich einmal auf Flanders Kneipe, und trotz der drückenden Hitze galoppierte er weiter.

Mit völlig ausgedorrter Kehle erreichte er endlich das Ziel seiner Wünsche. Er war sicher, dort schnell bedient zu werden, da nicht mehr als ein halbes Dutzend Cowboypferde vor dem kleinen Haus stand, dessen Bestimmung eine verblaßte, kaum noch leserliche Inschrift an der baufälligen Wand verriet.

Er schwang sich aus dem Sattel und warf dem Pferd die Zügel über den Kopf. Kaum aber hatte er einen Schritt vorwärts gemacht, als er stehenblieb und nach seinem Revolver faßte.

Die Tür des Schankraums war nämlich aufgeflogen, und die Treppe herab kam ein hochgewachsener Mann gestürzt, dessen hellgelber Schnurrbart so lang war, daß er beim Gehen buchstäblich auf beiden Seiten über die Schultern zurückwehte. In jeder Hand hielt er einen Revolver. Offenbar war er auf der Flucht vor jemand, der ihn bedrohte.

Im Umkreis von tausend Meilen kannte jedes Kind »Sandy« Ferguson, der den Spitznamen »Der Sandfarbene« der eigentümlichen Farbe seines Schnurrbartes verdankte. Weit und breit beneidete und fürchtete man ihn. Bei Nash war es jedoch nicht eben Furcht gewesen, die seinen Schritt gehemmt hatte, denn dann hätte er ja seine unwillkürliche Bewegung nach dem Revolver fortgesetzt und diesen aus dem Halfter gezogen. Immerhin aber war seine Empfindung sehr nahe mit Furcht verwandt.

Auch Sandys Gesicht zeigte unverkennbar einen Ausdruck, den man bei jedem anderen Menschen nur hundsgemeine Angst hätte nennen können. Obwohl es von Haus aus wie dunkelgegerbtes Leder wirkte, war es durch die Blutleere fast weiß. Sein eines Auge starrte erschrocken geradeaus, das andere konnte dies nicht, denn es war übel verfärbt und dick verschwollen. Auch seine Lippen unter dem riesigen Schnurrbart waren unnatürlich dick und erinnerten stark an die eines Negers.

Er entfernte sich taumelnd ein paar Schritte, dann fuhr er herum und hob seine Revolver. Die Tür war nämlich geöffnet und in ihr schwitzend der kleine, dicke Flanders sichtbar geworden. Sein Vollmondgesicht verriet alles andere als Blutdurst – höchstens Wut und Ärger malten sich darauf. In der herabhängenden Rechten hielt er einen Revolver. Die drohend auf ihn gerichteten Waffen des Gegners schienen keinerlei Eindruck auf ihn zu machen.

Als er jetzt den Arm hob, prallte Sandy zurück, als hätte ein Peitschenhieb ihn getroffen.

»Steck sofort deine Schießeisen weg!« schrie Flanders ihn an. »Sofort! Hast du mich verstanden?«

Zu Nashs höchster Verwunderung gehorchte Sandy – das eine noch funktionierende Auge wie hypnotisiert auf den kleinen Holländer gerichtet.

»Nun klemm dich auf deinen Gaul und hau ab! Wenn du dich aber wieder hier sehen läßt, schick' ich dir meinen Jüngsten auf den Hals, der wird nächstens sieben Jahre alt, der soll dich festbinden und mit der Peitsche versohlen!«

Der Revolverheld verlor kein Wort und keine Minute. Mit einem Satz sprang er in den Sattel und sprengte davon, daß unter den Hufen seines Gauls Sand und Funken stoben.

»Zum Donnerwetter!« sagte Nash. »Ich will gehängt werden ...«

»Gewiß werden Sie das eines schönen Tages!« unterbrach ihn Flanders freundlich. Sein Gesicht lag schon längst wieder in lächelnden Falten – was seinem Charakter entschieden besser entsprach. »Inzwischen aber kommen Sie ruhig 'rein und trinken Sie einen. Ich werd' Ihnen dabei sogar Gesellschaft leisten, denn mir ist hundsübel geworden bei der Geschichte!«

Nachdenklich folgte ihm Stephan ins Haus.

»Sagen Sie mal, Kamerad!« fing er ernsthaft das Gespräch an, »mit meinen Augen muß irgend was nicht in Ordnung sein. Sah der Kerl, den Sie da eben fortgejagt haben, nicht dem Sandy Ferguson verdammt ähnlich?«

»Sehr sogar!« antwortete der Kneipenwirt, sich noch immer den Schweiß von der Stirn wischend. »Er war's nämlich selber!«

»Dann geben Sie mir einen scharfen Tropfen – den hab' ich unbedingt nötig!«

Verständnisinnig nickte Flanders, holte, mehrere Flaschen vom Brett und mischte eine »scharfe Sache«.

»s'ist komisch!« sagte er, als sie die Gläser zusammenklingen ließen, »aber so geht's in der Welt: solange Sandy immer gesiegt hat, war er unbestrittener König – ein einziges Mal aber besiegt, ist er kein Pfund Pökelfleisch mehr wert!«

»Stimmt, stimmt!« meinte Nash betroffen. »Also ist Sandy geschlagen worden?«

»Geschlagen?! ... Geschlagen ist gar kein Ausdruck! Verdroschen worden ist er, vermöbelt, versohlt, aus dem Anzug gestoßen – mir fehlen die Worte, um das richtig zu bezeichnen!«

»Donnerwetter, Flanders – das hätt' ich Ihnen gar nicht zugetraut!«

»Mir?! ... Erlauben Sie mal – seh' ich so aus?! ... Nee, mein Lieber, ich bin keine Kampfnatur! Der Junge, der Sandy so zugerichtet hat, ist ein ganz zartes Kerlchen und ein Greenhorn dazu!«

»Dacht' ich mir's doch!« murmelte Nash unwillkürlich.

»Was sagen Sie da?!«

»Ach, gar nichts! ... Na, dann erzählen Sie mal die Geschichte – aber vorher geben Sie mir noch ein Glas!«

»Die Sache ist sehr einfach. Gestern abend war der gute Sandy mal wieder hier mit ein paar Freunden. Er wie immer: Hahn im Korb. Einen sitzen hatte er wohl auch schon – jedenfalls seine Klappe ging wie geschmiert. Da kommt ein Bursche 'rein – so groß ungefähr wie Sie, Stephan – nur ausgesprochenes Leichtgewicht. Ein hübsches Kerlchen, zartes Gesicht, große, dunkle Augen wie ein Mädel. Ein bißchen müde sah er aus, als ob er einen langen Ritt hinter sich hätte ... Der tritt also an die Bar zu mir und sagt: ›Ach, Herr Wirt, würden Sie mir wohl freundlichst eine recht herbe Zitronenlimonade machen?‹

Ich halte mich an der Theke fest.

›Eine – was?!‹ frag' ich.

›Eine Limonade, bitte!‹

Ich sehe nach Sandy hinüber, der mit offenem Mund dasteht – dann aber mach' ich mich rasch dran und quetsch' eine Zitrone aus. Schon aber kommt Ferguson auf den Fremden, zu.

›Sind Sie Engländer?‹ fragt er.

Am Ton schon wußt' ich, was kommen würde und lange mir meinen Revolver, den ich für solche Fälle immer unter der Theke bereitliegen habe.

›Ich?‹ sagt das Greenhorn. ›Nein, warum? Wie kommen Sie auf diese Frage?‹

›Weil Sie so saudumm daherreden!‹ antwortet Sandy.

›So, so?‹ meint der andere und nickt, als ob er in dieser Antwort etwas Berechtigtes anerkenne. ›Wahrscheinlich hab' ich mich etwas ungewöhnlich ausgedrückt?‹

›Ungewöhnlich? Saudumm nenn' ich das ... Außerdem: hab' ich recht gehört, haben Sie eine Limonade verlangt?‹

›Allerdings!‹

›Würden Sie mir die Frage übelnehmen,‹ sagt Sandy in gefährlich-höflichem Ton, ›ob Ihnen Whisky vielleicht nicht gut genug ist?‹

Der junge Bursch lacht.

›Der Whisky‹, sagte er, ›den ich bisher in der Gegend hier probiert habe, ist, ehrlich gesagt, nicht ganz nach meinem Geschmack. Als Gegengift bei einem Schlangenbiß mag er ja vielleicht gut sein!‹

Sandy braucht fast eine Minute, ehe er antworten kann: ›Whisky, den ich trinke, laß ich nicht beleidigen!‹

›Sie sind ja ein komischer Kauz!‹ sagt der andere. Ganz leichthin sagt er das. Sandy aber nahm das eklig krumm, holt seine Revolver 'raus und legt auf den Jungen an.

Ich schreie: ›Um Gottes willen, Ferguson, du wirst doch ein Greenhorn nicht umbringen?!‹

›Wenn Whisky ihn umbringt, muß er sterben!‹ antwortet Sandy. ›Vorwärts, Flanders, gieß ein ordentliches Glas voll für den Herrn!‹

Ich tu's, obwohl meine Hand ganz scheußlich dabei zittert. Der Bursche nimmt das Glas, hebt es hoch und sieht sich die Farbe an. Ich denk' schon: gottlob, er trinkt es! und wisch' mir den Schweiß von der Stirn. Doch der setzt das Glas wieder hin und sagt lächelnd zu Sandy:

›Der Scherz, den Sie sich da mit mir erlauben wollen, mag früher mal ganz nett gewesen sein – heute verfängt er aber nicht mehr.

Sehen Sie mal – wenn früher ein Mann tatsächlich einen anderen wegen so einer Dummheit niedergeschossen hatte, setzte er sich auf seinen Gaul und verschwand. Damit war die Sache aus und erledigt. Heute aber gibt es Telegraphen, die schneller sind als jedes Pferd, und überdies einen elektrischen Stuhl, der sehr unangenehm wirken soll ... Ich denke, wir lassen damit die Sache auf sich beruhen! Ich fürchte mich nämlich nicht vor Ihnen, lieber Freund, wenn auch Ihr Schnurrbart mächtig gefährlich aussieht!‹

Sandy geht hoch wie ein giftiger Hund.

›Na alsdann!‹ sagt er, ›wenn Sie so einer sind, können wir ja die Chose auch anders erledigen!‹

Damit legt er seine Revolver vorsichtig auf den Tisch und geht mit erhobenen Fäusten auf den anderen los.

Er holt aus – ich denk', der Schlag muß den armen Bengel zu Brei zermanschen ... Hat sich was! ... Er trifft ihn gar nicht! Das Greenhorn hat sich zur Seite gebückt ... Jedesmal, wenn er die Faust kommen sieht, ist er weg. Ferguson wird wild, dreht sich herum, schlägt zu – verfehlt ihn wieder. Das geht so eine ganze Weile. Das Greenhorn tänzelt herum wie ein gelernter Boxer im Ring. Nicht einen Schlag kann Sandy landen ...

Plötzlich aber trifft doch ein Rechter des Burschen Schulter. Sandy brüllt triumphierend auf, schon aber hat er einen Schwinger im Auge sitzen, der nicht von schlechten Eltern ist. Wie angeschossen taumelt Sandy in eine Ecke und bricht nieder.

Er richtet sich, noch ganz verdutzt, auf, greift in die Tasche, holt ein Messer heraus. Schon steht er wieder auf den Füßen. Das Greenhorn wartet ruhig ab. Mit erhobenem Messer kommt Sandy heran – der Junge macht einen tänzelnden Schritt, haarscharf an seinem Kopf vorbei saust das Messer nieder ... Aber nun ging's los! Das zarte Kerlchen auf Sandy los. Rechts, links – immer in die Fresse. Wie ein Sack plumpst der zusammen, geht wieder hoch. Jetzt packt ihn das Greenhorn und schleudert ihn über die Schulter weg auf den Rücken – ich dachte, alle Knochen müssen ihm im Leibe zerbrechen ...

Der Junge sieht einen Moment zu ihm nieder, dann sagt er ganz seelenruhig:

›Sie sind nicht schnell genug, mein Lieber! ... Übrigens würde ich Ihnen raten, jetzt aufzuhören, denn zum zweitenmal vertragen Sie das bestimmt nicht!‹

Sie können mich totschlagen, Stephan, wenn er das nicht gesagt hat!

Sandy richtet sich mühsam auf, geht taumelnd zum Tisch, steckt seine Revolver ein und schleicht sich, die Augen immer ängstlich auf das Greenhorn gerichtet, zur Tür hinaus. Beschämend war's, diesen Abgang mit anzusehen, kann ich Ihnen sagen! ...

Das Bürschchen aber tritt, als ob nichts geschehen wäre, zur Theke.

›Wenn's Ihnen recht ist‹, sagt er, ›möcht' ich meine Bestellung rückgängig machen und lieber doch den Whisky nehmen. Jetzt wird er mir guttun.‹

›Söhnchen!‹ sag' ich, ›alles, was Sie wollen, können Sie von mir haben! Versuchen Sie mal das hier!‹

Und dabei hol' ich eine Flasche von meiner eigenen Sorte – Sie kennen sie ja auch! Seit fünfundzwanzig Jahren lagert der Stoff bei mir und war schon zehn Jahre alt, wie ich ihn gekauft habe!

Er greift nach dem Glas und kostet vorsichtig wie ein Wolf, der Witterung nimmt. Dann strahlt mit einemmal sein ganzes Gesicht, er trinkt und lächelt mir zu, als sei ich sein verschollener Bruder, den er jahrelang gesucht hat. Er trinkt und trinkt, genießerisch, in kleinen Zügen ... Man merkt sofort, daß er ein Kenner ist.

›Donnerwetter!‹ sagt er. ›Das Zeug ist gut, Herr ... ‹

›Flanders ist mein Name!‹ sag' ich.

›Ich heiße Anthony Bard!‹ sagte er, und wir schüttelten uns die Hände. Sein Griff war der eines richtigen Mannes, kann ich Ihnen sagen!

›Mit gutem Schnaps ist's wie mit einer vornehmen Dame‹, meinte er dann. ›Nur ein wirklicher Gentleman weiß beides zu würdigen ... Auf Ihr Wohl, Herr Flanders!‹

So war die Geschichte! ... Seitdem ist's aus mit Sandy Ferguson – ein für allemal ... Na – Sie haben's ja vorhin selbst gesehen, wie ich ihn zum Tempel 'rausgejagt habe, weil er sich hier wieder mausig machen wollte!«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.