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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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13. Kapitel

Nach drei Stunden fuhr Nash plötzlich hoch als ob irgendein Geräusch ihn aufgeschreckt hätte. Er reckte sich, gähnte einmal ordentlich und sprang auf die Füße. Da sein kleiner Wirt nirgends zu finden war, machte er sich selbst noch eine tüchtige Portion Essen zurecht, die er rasch hinunterschlang. Dann ging er hinaus, um nach seinem Pferd zu sehen.

Der Rotschimmel begrüßte ihn mit wildem Ausschlagen und hätte beinah seinen Kopf getroffen. Nash war jedoch äußerst nachsichtig.

»Na – fühlen wir uns wieder bei Kräften, altes Mistvieh?« sagte er lächelnd mit einem leichten Rippenstoß, an dem der Hengst sofort die Hand des Herrn erkannte.

Die kurze Rast hatte ihm so gut getan, daß es nach dem Verlassen des Stalles wieder den üblichen Kampf zwischen ihm und seinem Reiter gab. Wie immer blieb auch diesmal der Mensch Sieger über das Tier. Der Rotschimmel legte beide Ohren an und trabte widerwillig den Höhen zu.

Da die monotone Landschaft überall das gleiche Bild zeigte, es nirgends etwas Besonderes gab, wonach man sich hätte richten oder eine Fährte, der man hätte folgen können, so war es mehr als verwunderlich, daß der Cowboy durch die weite Bergwüste seinen Weg mit der gleichen Sicherheit fand wie ein Stadtmensch in den gepflasterten Straßen. Nicht einmal einen Kompaß besaß er, nur auf seinen Instinkt konnte er sich verlassen wie die Zugvögel bei ihrem Flug über Meer und Gebirge.

Den ganzen Nachmittag hindurch ging es in stets gleichbleibendem, gemächlichem Trab vorwärts. Am späten Abend, als die Sonne blaß verdämmerte und die rötlichen Bergspitzen in der Ferne sich in blaue Schatten hüllten, entdeckte Nash einen Lichtschimmer, dem er folgte, um die Nacht unter Dach zu verbringen.

Auf seinen Ruf trat ein stattlicher, kahlköpfiger Mann mit einer Laterne aus der Tür. Sein Willkommengruß war weder kühl noch herzlich. Gastfreundlichkeit ist nämlich in den Bergen etwas Selbstverständliches. Nachdem Nash sein Pferd in den Stall gebracht hatte, wurde er von dem Alten zum Haus hinübergeleitet.

Die Abendmahlzeit war schon halb aufgetragen. Als er eintrat, brachten zwei junge Mädchen gerade eine Schüssel mit dampfenden Kartoffeln und einen mächtigen Topf mit schwarzem Kaffee herein, die sie neben den Speck und den Teller, auf dem bräunlich-knusprige Zwiebäcke zu einer hohen Säule aufgestapelt waren, auf den Tisch stellten. Er nickte ihnen zu und nahm, nachdem er auf ihre Aufforderung ein Dankeswort gebrummt hatte, Platz, um mitzuessen.

Die Familie bestand aus vier Köpfen: dem hochgewachsenen Vater, der Mutter, deren Gesicht rosig glänzte, und den beiden Mädchen. Die eine trug das Haar straff nach hinten zusammengedreht und ein Männerhemd aus blauer Leinwand, dessen Ärmel bis über die sonngebräunten Ellbogen aufgekrempelt waren. Offenbar spielte sie die Rolle des Haussohnes, und zu ihrem Pflichtenkreis gehörte, wie die verarbeiteten Hände bewiesen, die Tätigkeit auf Hof und Feld. Sie hatte auch den ruhigen, selbstsicheren Blick eines, der weiß, daß er sich sein Essen verdient hat.

Ihre Schwester hatte augenscheinlich alles, was die Familie an Schönheit und Grazie aufbringen konnte, auf sich vereinigt. Nicht, als ob sie besonders hübsch und graziös gewesen wäre, aber sie besaß doch eine gewisse weibliche Anmut, die sich in ihrem Gang, ihrem Lächeln und ihren glänzenden Augen spiegelte. Ihre Kleider waren durchaus nicht aus feinerem Material als die der Schwester – aber sie paßten ihr wenigstens, und sie trug sie mit einer gewissen Koketterie. Die rosa Blüte, die sie am Halsausschnitt hatte, machte in dieser Umgebung eine größere Wirkung als die teuerste Orchidee, die eine kostbare Abendtoilette schmückt.

Sie war sehr abweisend, ganz mit Stolz gepanzert, unterhielt sich nur mit ihrer Mutter und auch mit ihr nur höchst einsilbig. Zuerst glaubte Stephan Nash, daß seine Gegenwart dies sonderbare Verhalten veranlaßt habe, bald aber merkte er, daß es einem dritten Manne galt, der am Tisch saß. Während das junge Mädchen wenigstens so tat, als ob sie äße, gab sich der nicht einmal die Mühe, diesen Anschein zu erwecken. Mit festgeschlossenem Mund und finstergerunzelten Brauen hockte er da – eine fast mitleiderregende Erscheinung. Schließlich schob er seinen Stuhl so heftig zurück, daß der ganze Tisch wackelte.

»Ich hab's jetzt satt!« brummte er mürrisch. »Auf Wiedersehn!«

Mit schweren Schritten verließ er das Zimmer, gleich darauf verklangen sie draußen in der Stille der Nacht.

»Er nimmt sich's viel zu sehr zu Herzen!« sagte der Vater.

Und die Mutter seufzte leise:

»Der arme Ralph!«

»Du hast ihn wieder weggejagt!« schrie die Mannhafte ihre Schwester an.

»Wieso ich?!« kreischte die andere.

»Er ist viel zu gut für dich!«

»Aber, Kinder!« rief die Mutter angstvoll. »Denkt doch daran, daß wir einen Gast haben!«

»Dem können wir doch nichts vormachen!« erwiderte die mit den gebräunten Armen. »Der hat doch Augen und sieht selbst, was los ist!«

Dann wandte sie sich ruhig an Nash:

»Lissie quält nämlich den armen Ralph Boardman immer!«

»Susie!« schrie die Schwester auf.

»Natürlich – wenn man's dir sagt, schämst du dich – aber es zu tun schämst du dich nicht!«

»Jetzt ist's aber genug!« knurrte der Vater.

»Was ist genug?«

»Ich dulde dieses Theater nicht mehr! Ihr habt mir sowieso schon wieder das Essen verdorben!«

»Und ich sage doch, daß sie sich schamlos benimmt!« trumpfte Susie auf. »Ralph ist viel zu gut für sie! ... Skandalös ist's, wie sie's mit dem Stadtfrack getrieben hat, diesem lächerlichen Greenhorn!«

»Nimm ihn dir doch, deinen Ralph!« schrie Lissie. »Ich will ihn ja gar nicht haben! Du bist ja doch immer hinter ihm her!«

Susies braunes Gesicht verfärbte sich dunkelrot.

»Wenn ich ihn haben wollte, hätt' ich ihn mir längst genommen – darauf kannst du dich verlassen! ... Und ich hätt' ihn nicht, wie du, um so eines Greenhorns willen aufgegeben, von dem du dich hast küssen lassen, nachdem du ihn eben erst kennengelernt hattest!«

Lissie kämpfte heroisch, um nicht ihre Selbstbeherrschung zu verlieren. Ihre bleichen Lippen zitterten, als sie jetzt der Schwester zuzischte:

»Wie ich dich hasse, Erbärmliche!«

»Susie – schämst du dich denn gar nicht?« suchte die Mutter zu vermitteln.

»Aber durchaus nicht! Sie soll sich schämen! ... Zwei Jahre hat sie mit Ralph 'rumkokettiert, zwei Jahre lang war er ihr gut genug – und jetzt läßt sie ihn schießen wegen eines so hergelaufenen Bengels, der's gar nicht einmal ernst gemeint und ihr ins Gesicht gelacht hat, weil sie's ihm so leicht machte!«

»Mutter, erlaubst du wirklich, daß sie weiter in diesem Ton von mir spricht – noch dazu in Gegenwart eines Fremden?«

»Jetzt hältst du den Mund, Susie!« befahl herrisch der Vater.

»Aber ich denke gar nicht daran!« erwiderte die erstaunlich unbekümmert. »Aller Welt werd' ich erzählen, wie sie sich mit dem Greenhorn lächerlich gemacht hat!«

»Hat der eine Schecke geritten?« mischte sich Stephan plötzlich ins Gespräch.

»Sie kennen ihn?!« fragte Lissie und ließ die Tränen, die schon in ihren Augen glitzerten, ungeweint.

»Das weniger – ich hab' nur unterwegs von ihm gehört.«

»Wie heißt er denn?«

Sie wurde dunkelrot – aber schon sagte Susie gehässig:

»Nicht einmal seinen Namen hat er dir genannt, bevor du dich von ihm hast küssen lassen!«

»Doch! ... Tony heißt er!«

»Tony!« sagte Susie voll inniger Verachtung. »Da weißt du ja ganz genau wie er heißt! Na – du kannst ja lange warten, bis er zurückkommt und dich auf sein Schloß holt!«

Lissie ignorierte diesen beißenden Spott.

»Wissen Sie seinen Nachnamen?« fragte sie Nash gierig, gespannt.

»Seinen Namen?« wiederholte der, sich rasch überlegend, ob er ihn nennen oder verschweigen solle. »Anthony Bard heißt er, soviel ich weiß.«

»Aber Sie kennen ihn nicht näher?«

»Alles, was ich von dem Burschen weiß, ist, daß er eine Schecke reitet, die ihm noch nicht lange gehört.«

»Um Gottes willen – er wird doch das Pferd nicht etwa gestohlen haben?«

Diese Frage stellte sie in größter Angst, als wenn sie sich erkundigt hätte: »Er hat doch hoffentlich keinen Menschen umgebracht?« Hier, in den Bergen, galt Pferdediebstahl für ein bei weitem schlimmeres Verbrechen als Mord.

Dessen wollte Nash ihn direkt nun doch nicht bezichtigen, und darum begnügte er sich mit einer Antwort, die ebenso vernichtend wirkte:

»Ich weiß nicht!« sagte er zweideutig und zuckte die Achseln.

Vor seinem inneren Auge stand das Bild dieses merkwürdigen jungen Menschen, der an ein und demselben Tag sich ein gefährliches, gutes Pferd und das Herz eines hübschen Mädchens gewann. Die Spuren, die er auf seinem Pfad hinterließ, waren ja erfreulich deutlich, aber doch so, daß sogar ein so wenig nachdenklicher Mensch wie Stephan Nash anfing, sich allerlei Gedanken zu machen ...

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