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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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11. Kapitel

»Sie kennen doch die Gegend um das alte Haus jenseits der Bergkette?«

»Wie meine Hosentasche. Jeden Baum kenn' ich mit Vornamen!«

»Schön! ... Dort ist ein Mann, den ich haben möchte.«

»Etwa Logan?«

»Nein – er heißt Bard.«

»So, so? ... Hat der was mit Ihrem früheren Kameraden zu tun?«

Drew ignorierte die Frage.

»Ich will, daß dieser Anthony Bard hierhergebracht wird!«

»Nichts leichter als das! Ich werd' mit 'nem Wagen 'rüberfahren und ihn herschleifen.«

»Nein – er muß herreiten – verstanden?«

»Das erschwert die Sache!« erwiderte Nash seelenruhig. »Ein Toter hält sich meist schlecht im Sattel.«

»Um Gottes willen!« schrie ihn Drew an. Obwohl er seine Stimme zu dämpfen suchte, klang sie noch immer wie ein grollender Donner. »Wenn Sie dem Jungen auch nur ein Haar krümmen, brech' ich Ihnen eigenhändig jeden Knochen im Leib!«

Er begleitete seine Worte mit einer sehr plastischen Handbewegung. Nash feuchtete sich die Lippen mit der Zunge an und schob sein massiges, viereckiges Kinn nach vorn.

»Demnach würde es sich darum handeln, dem Jüngelchen gut zuzureden, hierherzukommen? Vielleicht müßte man's mit Hypnose versuchen?«

»Lassen Sie die Witze, Nash!« sagte Drew, wieder ruhiger geworden. »Was ich will, ist folgendes: Sie sollen den jungen Mann lebend, völlig unbeschädigt und ungekränkt hierherbringen, am besten gefesselt, und auf den Stuhl da setzen, so daß er zehn Minuten lang, die ich mit ihm zu reden habe, nicht Hand noch Fuß rühren kann.«

»Das ist ja eine recht nette, runde Sache, die Sie mir da auftragen, Herr Drew!«

Drew beachtete auch diesen Einwand nicht. Er schien über etwas nachzudenken.

»Haben Sie mir nicht einmal von einem Mädchen erzählt, das Sie heiraten wollen!« fragte er plötzlich.

Nash nickte.

»Sie meinen Cilly Fortune? Stimmt – aber mit der bin ich noch nicht soweit.«

»So? Mag sie Sie nicht?«

»Daran liegt's wohl kaum!« meinte Nash selbstbewußt. »Nur die Hauptsache fehlt noch ...«

»Ich kann mir schon denken, was!«

Stephan Nash wurde plötzlich gesprächig.

»Sehen Sie, Herr – ein anständiges Mädel wie die Cilly, hinter der alle Männer her sind, die ist natürlich wählerisch. Wenn man noch so gut aussieht – man muß ihr doch auch was bieten können! So eine will vorwärtskommen im Leben ... Na – und da aller Anfang schwer ist ...«

»Meinen Sie, daß sie Sie nehmen würde, wenn Sie für diesen Anfang tausend Dollar bar und eine Anstellung als Vormann mit dem Doppelten Ihres bisherigen Gehaltes hätten?«

Stephan Nash wischte sich die Stirn ab, die ganz feucht geworden war.

»Mit solchen Sachen soll man keinen Scherz treiben, Herr!«

»Mir ist's durchaus ernst: wenn Sie mir diesen Anthony Bard gesund, aber an Händen und Füßen gebunden, hierherbringen, sollen Sie zum mindesten das bekommen, was ich eben gesagt habe, vielleicht sogar mehr!«

Eine grobfingrige Hand reckte sich ihm über den Tisch entgegen.

»Abgemacht, Herr Drew?«

Drew schlug ein und preßte Nashs Hand so stark, daß der die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht laut aufzuschreien. Glücklicherweise hatte dieser Händedruck, wie er, erleichtert aufatmend, feststellen konnte, keinen dauernden Schaden zur Folge.

»Also, morgen vor Sonnenuntergang können Sie Ihren Herrn Bard hier näher beaugenscheinigen!«

»Stellen Sie sich die Sache nicht so einfach vor! Sie werden allerhand zu tun haben, um Ihren Tausender zu verdienen.«

»Nanu – ist der Herr Bard so eine gefährliche Nummer?«

»Das kann man schon sagen.«

»Ein erfahrener Westmann also?«

»Im Gegenteil – ein absolutes Greenhorn! Aber reiten kann er wie der Teufel, davon hab' ich mich selbst überzeugt, und ein Mensch, der das kann, hat auch sonst noch mancherlei Fähigkeiten. Es ist darum schon besser, Sie suchen sich zwei, drei handfeste Leute aus, die das Maul halten können. Die Spesen trag' ich natürlich – Sie dürfen ihnen ruhig einen anständigen Preis machen.«

Nash schüttelte den Kopf.

»Nee – Herr Drew, wenn ich auch ein Spieler bin und man mir allerlei nachsagt – unfair hab' ich noch nie gespielt! ... Vier gegen einen?! ... Nee, die Sache schaukle ich allein!«

»Gut – versuchen Sie Ihr Heil! Ist mir auch, ehrlich gesagt, lieber, wenn Sie's allein schaffen ... Und, wie gesagt: es darf ihm nichts geschehen! Das ist die unerläßliche Bedingung, sonst ist's nichts mit Vormann und tausend Dollar – dann muß Cilly einen anderen heiraten!«

»Wann soll ich aufbrechen?«

»Gleich!«

»Dann: auf Wiedersehen!«

Er sprang elastisch auf und eilte hinaus. Rasch lief er in sein Zimmer hinüber und riß alle seine Ausrüstungsgegenstände aus dem Verschlag, wo er sie aufbewahrte, heraus. Unter ihnen traf er dann eine peinliche Auswahl.

Zunächst suchte er sich den Patronengürtel aus, in dem die Patronen am lockersten saßen. Dann prüfte er seine Lassos, Zentimeter für Zentimeter, als ob es gälte, den wildesten Stier einzufangen und zu fesseln. Er wußte zwar ganz genau, daß sie alle in bester Ordnung waren – aber, sicher ist sicher, dachte er sich. Wieder und wieder probierte er, welcher am besten in der Hand läge, indem er sie, mitten im Zimmer stehend, einen nach dem anderen um seinen Kopf kreisen ließ. Nachdem er den gewählten Lasso dann sorgfältig aufgewickelt hatte, ging er daran, unter seinen sechs Revolvern, die er nebeneinander auf den Tisch aufbaute, die geeignetsten herauszufinden. Zwei schieden von vornherein aus, die anderen wog er in der Hand, lud und entlud sie, drehte die Trommeln hin und her, sah alle wichtigen Teile des Mechanismus nach. Eigentlich waren es alles Waffen, an denen jeder Fachmann seine helle Freude gehabt hätte, doch ihr Besitzer hatte an einigen trotzdem noch etwas auszusetzen. Bei einem Revolver war ihm die Feder zu stramm, bei dem anderen kam es ihm vor, als ob das Magazin ein wenig schleife. Mit den übriggebliebenen gab er nach der Scheibe, die er am Türpfosten befestigt hatte, ein paar Probeschüsse ab – jedesmal ins Zentrum! – steckte sie dann in den umgeschnallten Halfter und packte alles andere wieder sorgfältig fort.

Auch jetzt waren seine Vorbereitungen noch nicht beendet. Jede einzelne Patrone, die er in den Gürtel einschob, unterzog er einer genauen Prüfung – was eine volle halbe Stunde in Anspruch nahm. Endlich stieg er, vor sich hinsummend, die Treppe hinunter.

Im Stall, den er mit einer Laterne in der Hand betrat, verlor er keine Zeit damit, unter den Pferden eine Wahl zu treffen. Er ging vielmehr direkt auf einen rammnäsigen Rotschimmel zu, der zwar ziemlich hoch, aber schmalbrüstig war und eine stark abfallende Hinterhand hatte. Kein Pferdeliebhaber hätte das Tier auch nur eines Blickes gewürdigt, das mit hängendem Kopf und eingeknickten Vorderbeinen dastand, ein Auge geschlossen, das andere halb geöffnet ...

Als Nash jetzt an den Hengst herantrat, kam Leben in ihn. Er begrüßte ihn, indem er ihm den Kopf zuwandte und die Zähne entblößte wie ein wütender Köter.

»Steh ruhig, Bestie!« schnob er das Tier an, das die Ohren anlegte, aber sich nicht rührte, während Stephan Nash die Hufe einzeln untersuchte. Da er zufrieden war, ging er daran, den Rotschimmel zu satteln – was nicht ohne rauhe aber herzliche Worte vor sich ging. Schließlich schwang er sich in den Sattel.

Der Hengst verließ ruhig und vorsichtig den Stall, dessen schlüpfriger Holzboden ihm augenscheinlich nicht zusagte. Kaum aber fühlte er den Sand des Hofes unter den Hufen, als er, nach braver Cowboypferdeart, zu bocken begann. Es dauerte immerhin fast zehn Minuten, bis Nashs kräftige Faust und klatschende Peitsche diesem Manöver ein Ende machte – dann sprengte der Rotschimmel im gestreckten Galopp davon.

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