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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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10. Kapitel

Es schien, als ob Logans friedliche Nachmittage ein für allemal vorbei sein sollten, denn schon tags darauf wurde er wieder aus seiner behaglichen Ruhe aufgescheucht. Der Schafhirt empfand die Störung fast noch unangenehmer als gestern, wie denn auch sein heutiger Besuch gewichtiger war als der gestrige. Unter der Last des breitschultrigen Mannes, der da den Hügelabhang herunterkam, wäre wohl auch das zäheste Cowboypferd hoffnungslos zusammengebrochen. So ritt er denn einen riesigen, geduldig dreinblickenden Rotfuchs, dessen breite Schultern aussahen, als ob sie an ein Arbeitskumt gewöhnt seien. Doch er trug den Kopf sehr edel, und seine mächtigen Beine endeten in zarten Fesseln – der beste Beweis, daß er ein wirklich rassiges Pferd war.

Aber selbst dieses kräftige Tier schleppte schwer an der Bürde, die es trug. Sein Reiter wirkte mit seinem mächtigen Brustkasten wie eine Gestalt aus jenen Tagen, da eisengepanzerte Ritter mit eingelegter Lanze auf Abenteuer auszogen.

Als Logan seiner ansichtig wurde, kam Leben in seine trägen Glieder. Er sprang auf und lehnte nur eine Schulter leicht gegen den Baum, unter dem er vor sich hin gedöst hatte.

»n'Abend, Herr Drew!« rief er ihm schon von weitem entgegen.

»Hallo, Logan! Wie steht's denn? Alles in Ordnung bei Ihnen?«

Er hatte eigentlich vorüberreiten wollen, doch Logans Antwort veranlaßte ihn, anzuhalten.

»Es geht. Entsetzlich viel Gesellschaft hab' ich letzthin gehabt.«

»Wieso Gesellschaft?!«

»Ja – ein junger Bursch ist hier gewesen, der Sie besuchen wollte. Jetzt wird er drüben am Bach sein und fischen, denk' ich mir. Ich hab' ihm versprechen müssen, Sie anzurufen, wenn ich Sie seh'.«

»Was will er denn von mir?«

»Keine Ahnung! ... Das heißt – er will hier jagen und in Ihrem Bach angeln.«

»Warum haben Sie ihm denn nicht gleich gesagt, daß er das kann, Logan? Offenbar ist's ein Mensch aus dem Osten, was?«

»Sicher! Er will auch in dem alten Haus da kampieren. Schien ihn mächtig zu interessieren, die Bude.«

»So, so? ... Was ist es denn für ein Bursche?«

»Ganz nett soweit – nur reichlich gesprächig ... Ein Greenhorn natürlich – aber er reitet verdammt gut ... Und großartigen Tabak raucht er!«

Er hatte unwillkürlich die Hand erhoben und klopfte gegen seine Brusttasche.

»Na – da will ich doch mal zu ihm gehen!« meinte Drew und warf sein Pferd nach links herum. Doch er hielt gleich wieder an und rief über die Schulter zurück:

»Wie sieht denn der Junge aus?«

»Ein hübscher, starker Bengel ist's!« antwortete Logan und ließ sich wieder in seine bequeme Lage nieder. »Schwarze Haare, schmales Gesicht, dunkle Augen!«

»Na, danke!« murmelte Drew und ließ seinen Gaul dem Bach zu traben.

Genau wie Bard gestern, änderte er aber die Richtung, sobald er außer Sehweite war. Nach kurzem Ritt hielt er an und schwang sich mit einer Leichtigkeit aus dem Sattel, die bei einem Mann von seiner Figur und seinem Alter verblüffen mußte. Er warf dem Tier die Zügel über den Kopf und schlich sich dann vorsichtig durch das Unterholz, geräuschlos wie ein Indianer, nach allen Seiten scharf Ausschau haltend.

Wenn ein Zweig unter seinem Fuß knackte, blieb er lange Zeit regungslos stehen, sich ängstlich hinter dem Stamm eines Baumes verbergend. Erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß nichts sich rühre, kroch er weiter. So erreichte er den Fluß, benutzte aber nicht den bequemen Weg am Ufer entlang, sondern blieb weiter in Deckung.

Endlich sah er in der Ferne eine Gestalt durch die Bäume schimmern. Er verdoppelte seine Vorsicht, um keinerlei Geräusch zu machen. Auf Händen und Knien kroch er vorwärts, manchmal auch platt auf dem Bauch, immer im Schatten der Bäume bleibend. Ab und zu hob er den Kopf, um sich zu vergewissern, daß er die Richtung nicht verloren habe. Schließlich hatte er sich auf diese Weise an einen Punkt herangearbeitet, von dem aus er Bard genau betrachten konnte.

Dieser stand, mit dem Rücken gegen Drew, am Bach und angelte. Wieder und wieder warf er seine Fliege unter einem überhängenden Ast aus, der eine tiefe Einbuchtung des Ufers überschattete. Mit zusammengebissenen Zähnen belauerte ihn der große, grauhaarige Mann, geduldig wie ein Raubtier, das auf Beute wartet, wie eine Katze, die einen halben Tag lang, ohne sich zu rühren, vor einem Mauseloch liegen kann.

Endlich schien der Angler einen Biß zu haben. Die Rute bog sich und die Schnur rollte sich von der Spule ab. Bard griff nach seinem Käscher, kurz darauf schimmerte es silbrig durch dessen Maschen. Während er den Fisch in Sicherheit brachte, drehte er sich so, daß Drew ihm voll ins Gesicht sehen und in ihm den jungen Mann wiedererkennen konnte, der vor einigen Wochen im Madison-Square-Garden das wilde Pferd geritten hatte.

Offenbar war es maßloses Erstaunen, was den starken Mann bei diesem Erkennen bewegte – denn Furcht konnte es ja nicht gut sein. Wie er so hinter dem schützenden Baum kniete, glich er mit seinem bleich gewordenen Antlitz und den weit aufgerissenen Augen einem Menschen, der aus einem Traum erwacht und die Gespenster, die ihn im Schlaf geängstigt haben, leibhaftig, im vollen Sonnenschein, vor sich sieht. Er schlug die Hände vors Gesicht, und sein riesiger Körper fing an zu zittern. Wenn das nicht Furcht war, so war es jedenfalls eine Empfindung, die ihr sehr ähnlich sah ...

Als wäre er wirklich verängstigt, kroch er vorsichtig, wie er gekommen war, immer die Bäume als Deckung benutzend, wieder zurück. Er bestieg sein Pferd und ritt geradeswegs zu Logan zurück.

»Ich hab' Ihren jungen Freund am ganzen Bachufer nicht finden können!« rief er ihm zu.

»Nanu?!« antwortete Logan. »Er muß doch in Rufweite sein!«

»Nein, nein! ... Na – dann sagen Sie ihm, daß ich ihm gern erlaube, hier zu tun, was ihm beliebt. Auch in dem Haus kann er natürlich schlafen, wenn's ihm Spaß macht ... Wissen Sie übrigens seinen Namen?«

»Gewiß – Anthony Bard heißt er!«

»So, so? ...«, sagte Drew langsam. »Anthony Bard? ...«

»Jawohl – stimmt!« nickte Logan und maß den Reiter mit einem erstaunten Blick. Der warf plötzlich sein Pferd herum, gab ihm die Sporen, preschte in gestrecktem Galopp den Hügel hinauf und verschwand in der Richtung, aus der er gekommen war.

Logan sah ihm kopfschüttelnd nach.

»Komisch!« murmelte er vor sich hin. »Er bleibt nicht über Nacht?! ... Hat sich überhaupt um die alte Baracke nicht gekümmert? ... Was mag denn da wohl los sein?«

Gewohnt, wie alle Schafhirten, die stets allein und nur auf sich angewiesen sind, Selbstgespräche zu halten, beantwortete er sich seine Frage sofort allein:

»Irgend was stimmt mit dem alten Knaben nicht! Ich laß mich hängen, wenn das nicht mit diesem Bard zusammenhängt. Jedenfalls werd' ich das Bürschchen mal ein bißchen im Auge behalten!«

Und er lockerte den Revolver im Halfter.

Er würde sich wahrscheinlich noch mehr gewundert haben, wenn er das beinah unvernünftige Tempo gesehen hätte, zu dem Drew sein Pferd zwang. Ganz ausgepumpt kam das arme Tier spät in der Nacht vor der Stalltür an.

»Wo ist Nash?« fragte der Reiter noch im Absteigen den Mann, der herbeigestürzt war, ihm den Gaul abzunehmen.

»Auf seiner Stube, Herr – er spielt mit den anderen.«

Drew ging rasch nach dem großen Wohnhaus hinüber, klopfte und öffnete die Tür zu einem Raum, in dem ungefähr ein Dutzend Männer um einen Tisch herum saßen und standen.

»Nash!« rief er in den fast undurchdringlichen Tabaksqualm hinein.

»Bitte?«

»Kommen Sie doch mal einen Moment 'rüber, Nash – ich hab's eilig!«

Ein Mann sprang auf, dessen Figur in Boxerkreisen Aufsehen gemacht haben würde. Er hatte das typische Faustkämpfergesicht, sein Oberkörper war der eines Schwergewichtlers, vom Gürtel abwärts aber war er Leichtgewicht. Seine Erscheinung wirkte trotzdem nicht unschön, obwohl auch seine Augen ein wenig zu klein und seine Lippen ein bißchen zu schmal waren.

Ein allgemeines Murren erhob sich, als er jetzt einen recht ansehnlichen Haufen Goldmünzen und die sauber vor seinem Platz aufgestapelten Silberstücke einstrich und in die Tasche steckte.

»Du bist uns Revanche schuldig!« sagte einer der Spieler erbittert und schlug mit der Faust auf den Tisch. Das ist einfach unanständig!«

Ein spöttisches Lächeln umspielte Nashs verkniffene Lippen. Gleichmütig antwortete er:

»Wenn du schon länger bei uns wärst, Peter, wüßtest du, daß alles, was ich mache, anständig ist! ... Es tut mir ja leid, Herrschaften, daß ich aufhören muß, bevor ich euch vollkommen ausgemistet habe – aber Befehl ist Befehl!«

»Eine Runde hätt'ste schon noch machen können!« meinte Peter verärgert.

»Du blöder Hund!« antwortete Nash grimmig. »Denkst du, ich werd' es deinetwegen riskieren, ihn warten zu lassen?!«

Der Rest seines Gewinns verschwand mit melodischem Geklimper in seiner abgründigen Tasche. Eilig verließ er das Zimmer und ging zum Hauptgebäude hinüber. Hier fand er Drew, der mit dem Hut in der Hand vor der Tür seines Büros stand.

»Kommen Sie 'rein und setzen Sie sich!« sagte er. »Haben Sie wieder mal den Jungens die ganze Löhnung abgeknöpft, Stephan? Ich hab' doch, wenn ich nicht irre, bereits im vorigen Monat mal ernstlich mit Ihnen darüber gesprochen!«

»Das schon, Herr Drew!« erwiderte Nash. »Aber mit den Karten ist's bei mir wie bei den Pferden mit dem Futter – ganz ohne geht's nun mal schlecht ... Außerdem lassen mir die Bengels ja keine Ruhe, ehe sie nicht ihren Zaster restlos verloren haben.«

»Sie sind eben ein unverbesserlicher Spieler, Nash!«

»Gewiß – aber immer anständig! Ich hab' ihnen gesagt, daß sie gegen mich nicht die Spur einer Chance haben – mehr kann ich doch wohl nicht tun – nicht wahr?«

»Aber das geht doch nicht so weiter!«

»Ja – was kann man dagegen machen? Ich spiel' nun mal besser als sie!«

Der große Mann konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Na – schließlich ist's ja auch egal, ob sie das Geld an Sie oder an sonst wen verlieren!«

»So ist's!« grinste Nash. »Jetzt bleibt's wenigstens in der Familie!«

»Für die nächsten Tage aber muß das Gespiele aufhören – es gibt Wichtigeres zu tun!«

»Soll mir nur lieb sein!«

»Ich habe nämlich Arbeit für Sie!«

»Richtige Arbeit?«

»Ja, sogar eine, die Ihnen besonders gut liegt!«

»Das klingt ja lieblich wie das Geläut der Mittagsglocke! ... Bitte, schießen Sie los, Herr!«

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