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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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9. Kapitel

Als die flimmernde Hitze des Nachmittags vorüber war und die Schatten immer schneller nach Osten sich verlängerten, krochen die Schafe aus dem schützenden Dornengesträuch, unter das sie sich zusammengedrängt hatten, hervor, um auf der offenen Weide zu grasen. Die Hunde, die rechts und links neben ihrem Herrn ausgestreckt geruht hatten, sprangen auf, ihr Wächteramt wieder zu übernehmen.

Nur der Schafhirt veränderte seine Stellung nicht, sondern blieb mit gekreuzten Beinen unter dem Baum sitzen. Gemächlich strich er sich seinen langen, über den Mund hängenden Schnurrbart und zwirbelte ihn zu scharfen Spitzen auf. Ganz gedankenlos tat er das, während seine immer feuchten Augen über den See schweiften, zu den schneebedeckten Gipfeln der »Kleinen Brüder« hinauf, deren leuchtendes Weiß sich langsam ins Bläuliche verfärbte.

Jetzt hob er mit dem tabakgebräunten Zeigefinger das dichte Gestrüpp seines Bartes von der Oberlippe, beugte sich etwas vorwärts und spie aus. Sichtlich zufrieden lehnte er sich dann wieder zurück. Die braune Soße hatte genau die Mitte des kleinen, viereckigen Steines getroffen, den er vor zwei Stunden vergeblich zu erreichen gesucht hatte, weil da Gegenwind herrschte. Nun aber hatte er es geschafft! ...

Die spindeldürren Kronen des etwas dürftigen Waldes stachen in das blasse Blau des wolkenlosen Himmels, die klare Luft trug das Blöken der Schafe herüber, ihre Glöckchen bimmelten leise.

Dies Bild völligen Friedens wurde plötzlich durch die Erscheinung eines Reiters jäh gestört, dessen Gestalt sich groß und dunkel vom östlichen Horizont abzeichnete. Er ließ sein Pferd den Abhang hinunter traben, jagte eine Schar verängstigter Schafe vor sich her und zog gerade vor dem Hirten die Zügel an.

»n'Abend!«

»n'Abend, Fremdling!«

»Gehört Ihnen das Land hier?«

»Nein – hab's nur gepachtet.«

»Kann ich hier übernachten?«

Der Schafhirt hob seinen Schnurrbart und spuckte aus. Während er dann antwortete, hielt er verstimmt den Blick fest auf den Stein gerichtet, den er diesmal wieder verfehlt hatte.

»Ich wüßte nicht, wer Sie daran hindern sollte!«

»Gehört das Haus da auch Ihnen? Haben Sie das auch gepachtet?«

Der Fremde wies dabei nach einer ziemlich verfallenen Ruine auf einer Landzunge am Seeufer hin, die die Zeit zermürbt und geschwärzt hatte.

»Nee!«

»Sind eigentlich Fische in dem Bach da?«

»Weiß nicht – ich eß' keinen Fisch!«

»Ich möchte wetten, daß Sie sich da manche herrliche Forelle entgehen lassen ... Übrigens – wem gehört denn das Haus?«

»Demselben, dem auch das Land gehört.«

»So, so? ... Und wie heißt er?«

Der andere zog die buschigen Augenbrauen hoch und sah ihn verwundert an.

»Sie sind wohl noch nicht lange hier – was?«

»Allerdings nicht.«

»Das Haus gehört William Drew.«

»William Drew?« wiederholte der Reiter, als ob er sich den Namen einprägen wolle. »Ist er zu Hause?«

»Schon möglich.«

»Dann werd' ich mal 'rüberreiten und ihn fragen, ob ich hierbleiben kann.«

»Einen Augenblick! ... Wenn er zu Haus ist, ist er auf der anderen Seite der Bergkette da!«

»Das ist wohl ziemlich weit von hier?«

»Ziemlich!«

»Und woran erkenne ich ihn, wenn ich ihm vielleicht unterwegs begegne?«

»Er ist groß, grauhaarig, breitschultrig ...«

»Aha!« murmelte der andere und lächelte, als ob ihm diese Beschreibung besonders gut gefalle. »Ich werd' ihn aufsuchen und ihn fragen, ob er mir das Haus für einige Zeit überlassen will.«

»Versuchen können Sie's ja!«

»Glauben Sie denn, daß er mir's nicht vermieten wird?«

»Das schon – aber sehr günstig liegt das Haus nicht.«

»Wieso das?«

»Ein Grab ist gerade davor!«

»Ein Grab? Wer ist denn da begraben?«

»Keine Ahnung!«

»Na – das würde mich nicht stören. Auf alle Fälle werd' ich mich jetzt aufmachen und diesen Herrn Drew besuchen.«

»Warten Sie lieber, Sie würden ihn ziemlich sicher verfehlen.«

»Wieso?«

»Er kommt jeden ersten Dienstag im Monat hier vorbei. Morgen ist's wieder soweit!«

»Das paßt ja großartig! Inzwischen kann ich ja wohl hier übernachten?«

»Ich wüßte nicht, wer Sie daran hindern sollte.«

»Warum kommt denn Herr Drew übrigens jeden Monat einmal hierher?«

»Hab' ihn noch nicht danach gefragt! ... Man soll überhaupt nicht soviel fragen – hab' ich in der Schule gelernt.«

Der Fremde quittierte diese feine Zurechtweisung mit einem so herzlichen, ansteckenden Gelächter, daß sogar der Schafhirt den Mund zu einem Lächeln verzog, leider gerade im Moment, als er wieder nach seinem Stein spuckte, den er darum natürlich um mehrere Zentimeter verfehlte.

»Ich bin gern bereit, jede Frage, die Sie an mich stellen wollen, zu beantworten! Ich heiße Anthony Bard und bin hier in die Berge gekommen, um mich mit meiner Angel und meiner Büchse zu amüsieren.«

Die trüben Augen des Hirten sahen ihn ohne jedes Interesse an. Bard sprang aus dem Sattel und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

»Auf gute Nachbarschaft denn – wenn ich vielleicht auch nur kurze Zeit hierbleibe. Ich verspreche Ihnen feierlich, Sie nicht mehr mit Fragen zu belästigen!«

»Mein Name ist Logan.«

»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Herr Logan!«

»Gleichfalls! ... Haben Sie zufällig einen Priem bei sich?«

»Nein – tut mir sehr leid!«

»Mir auch! ... Meiner ist nämlich alle geworden, und da kriegt man so einen pappigen Geschmack ins Maul!«

»Ich hab' Pfeifentabak – vielleicht ist Ihnen damit gedient?«

Er holte einen Tabaksbeutel aus der Tasche, den Logan öffnete und dem er eine gehörige Portion entnahm.

»Das Zeug sieht beinah aus wie Kautabak!« sagte er, während er sich den Mund damit vollstopfte. »Und, verdammt will ich sein, wenn's nicht gerad so gut schmeckt!«

Die feuchten Augen hoben sich mit einem verlangenden Blick zu Bard.

»Ist wohl sehr teuer, das Zeug? Sonst würd' ich nämlich sagen ...«

»Aber es gehört doch Ihnen!« unterbrach Bard ihn lebhaft. »Es soll Ihnen helfen, die vielen Fragen zu vergessen, mit denen ich Sie gequält habe!«

Der Schafhirt stopfte sich, voller Angst, der Fremde könne noch anderen Sinnes werden, hastig den Inhalt des Tabaksbeutels in die Brusttasche seines Hemdes. Dann suchte sein wäßriger Blick die verdämmerten Gipfel der »Kleinen Brüder«. Ein großer Entschluß rang sich in ihm los und vertiefte die Linien seines gelblichen Gesichts.

»Sie können bei mir übernachten, wenn Sie wollen!« sagte er feierlich.

Bard hustete, um nicht laut loszulachen.

»Vielen herzlichen Dank – aber ich übernachte lieber allein, darin bin ich komisch, wissen Sie!«

»Kann ich sehr gut begreifen!« antwortete der Schafhirt erleichtert. »Ich hab' auch nicht gern Gesellschaft – höchstens mal in der Kneipe ... Aber vielleicht könnte ich Ihnen eine passende Stelle zeigen, wo Sie am besten Ihr Lager aufschlagen.«

»Auch dafür vielen Dank – aber die find' ich schon allein!«

Damit schwang er sich wieder in den Sattel und trabte pfeifend den Abhang hinan in der Richtung auf den Bach zu, über den er mit Logan gesprochen hatte. Kaum war er jedoch im Wald außer Sicht, als er sich scharf nach rechts wandte, seinem Cowboypferd die Sporen gab und in einem Renntempo auf das verfallene Haus zuhielt.

Schon aus der Entfernung hatte es sehr baufällig gewirkt, wie weit die Zerstörung vorgeschritten war, konnte Bard jedoch erst merken, als er nahe herankam. Jeder einzelne Balken, jedes Brett schien zermürbt und morsch, als müsse alles beim ersten Windstoß zusammenstürzen.

Er ließ sein Pferd, dem er die Zügel über den Hals gelegt hatte, hinter dem Haus grasen, und trat durch die rückwärtige Tür ein. Schon beim ersten Schritt über die Schwelle brach sein Fuß durch die verfaulte Planke – bis übers Knie sank er ein ...

Vorsichtig bewegte er sich auf den Querbalken, auf die die Dielenbretter aufgenagelt waren, vorwärts. Sie hielten – aber sie ächzten und stöhnten bedenklich unter seinem Gewicht. Auch die Bretter, die die Decke bildeten, waren völlig morsch und teilweise herabgefallen, so daß man die Dachsparren sehen konnte. An einer Stelle hatte ein großer Ast, den wohl der Blitz oder Sturm von dem das Haus überschattenden Baum abgerissen hatte, das Dach durchschlagen und hing melancholisch bis auf den Boden herab.

Endlich fand Bard einen bewohnbaren Raum im vorderen Teil des Hauses. Hier war in das alte Wrack ein neues Fachwerk eingezogen worden, vier starke Eckpfeiler mit darübergelegten Tragbalken, die das Dach vorm Zusammenbrechen bewahrten. In der Mitte stand ein rohgezimmerter Tisch, an den Längsseiten der Wände waren Schlafbänke errichtet. Offenbar übernachtete bei seinen allmonatlichen Besuchen hier der Besitzer ...

Bard trat aus dem düsteren Haus in die schon tiefstehende, aber noch warme Sonne des späten Nachmittags wie ein Mensch, der einen quälenden Traum abschüttelt. Als er weiterging, fand er die einzige Stelle des ganzen Grundstücks, die eine gewisse Pflege verriet – einen Grabhügel unter dem Schutz zweier Bäume, deren Äste sich ineinander verflochten hatten und ein fast undurchdringliches Dach bildeten. Alles Gras und Unkraut war sorgfältig von dem Hügel entfernt, um den ringsherum ein kiesbestreuter, saubergehaltener Pfad führte, der verhältnismäßig frische Fußspuren zeigte.

Den Grabstein bedeckte keinerlei Moos, aber die Zeit hatte ihn mitten durchgebrochen und die eingegrabenen Buchstaben verwaschen. Mit unendlicher Mühe gelang es Bard, die Inschrift zu entziffern:

 

Hier ruht
Juana,
Das Weib von William Drew.

 

Sie selbst hat sich diesen Platz für den ewigen Schlaf erwählt.

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