Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Hauptmann >

Rübezahl-Buch

Carl Hauptmann: Rübezahl-Buch - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
booktitleRübezahl-Buch
authorCarl Hauptmann
year1988
publisherBergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn
addressWürzburg
isbn3-87057-125-X
titleRübezahl-Buch
pages1-147
created19991007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
Schließen

Navigation:

Sechstes Abenteuer

Wie Rübezahl sich in seinem Geisterreiche die Zeit vertreibt

Oben im Gebirge schrie jetzt der Nordsturm.

Noch am Vormittag hatte die Dezembersonne blaß geschienen und die kleinen Fenster der Hütten am Hange mit ihren matten Strahlen dünn vergoldet.

Aber gegen die Vesperstunde begannen Huschen Schnee mit wildem Hörnerschall auch durch die Hohlen unten hinaufzufahren. Und oben höher auf den freien Steinhalden des Kammes jagten die schneeweißen Bergfrauen in feinen Glitzerschleiern im Wirbeltanz, Hunderte und Tausende die abschüssigen, reinen Flächen hinab.

Da blieb keine Stätte hoch oben, wo nicht in sinnverwirrendem Zuge die unkenntlichen, vermummten alten Rauzen und Knieholzzwerge in den menschenleeren Einsamkeiten umfegt und umgellt waren.

Tausende von Windsbräuten mit gierigen Herzen und gierigen Mündern, die ihre Buhlen im Fluge suchen gingen, waren in Gründen und Schluchten zugleich aufgewacht. Und die verdorrten und abgestorbenen Forstherrlichkeiten alle, die noch eben in der herbstlichen Sonne sanft geleuchtet hatten, begannen unter jähem Bellen und lautem Gekläff der tollen Meute mit flatternden Graukleidern hangauf hangab im Kreise zu jagen.

Heere waren überall aufgestanden und in die Lüfte geflohen.

Heere, wie sie der große Schwedenkönig nicht zahlreicher gegeneinander durch Deutschland und Böhmen gejagt.

Undurchdringliche Wirbelheere.

So daß das Auge des kleinen Dorfschmiedes in der umheulten Wohnhütte in der Schlucht durch die verfrorene Scheibe hinaufsah, wo kein Himmel mehr sich zeigte.

Heere, deren Gejohl und freches Gewieher den dicken Schankwirt mit flatternder Schürze von dem kleinen Scheunentore wieder jach in den Hausflur zurücktrieb.

Denn die kleinste Ritze am Scheunentore in diesem Augenblicke aufzutun, hätte nur heißen können, die beiden Torflügel auseinander zu reißen, damit die lechzenden, von hudligen Silbergespinsten umflogenen Gesichter der Bergfrauen zu Scharen auch noch auf die glatte Tenne stürmten und die kleine Tenne samt Körnerresten und Strohpuppen zum Tanzsaale machten.

Da war für den Menschen in den kleinen Bergdörfern keine Rettung vor Wintergewalten.

Die Armseligen innen saßen in ihren Holzhütten und starrten in den langen, trüben Stubendämmer.

Welche auch saßen und schnitzten Rübezahle, wie die Leute an heiligen Wallfahrtsstätten Muttergottesbilder und den Christ am Kreuze schnitzen.

Da waren Rübezahls Atemhauche auch vom Sturmheer gefaßt.

Da war auch er einer aus einer anderen Welt. Und durchraste die Räume einsam wie der Sturm selber.

Blieb ungestalt.

Weil er jetzt mit Menschen nicht mehr handeln brauchte, die nur ihresgleichen mit ihren kleinen Tieräuglein begreifen können.

Ging mit den wesenlosen Nebelfrauen wesenlos im Zuge, die Winterhirsche und Winterrehe in die Täler treiben.

Da jauchzte auch sein Herz.

Da lag die Welt der Menschentäler tief unten.

Da wuchs auch er schemenhaft in die Lüfte wie der Gewaltigste unter Gewaltigen.

Da fuhr er wie ein wahnsinniger Luftgeist einher, den tausend Tänzerinnen wie ihren Götzen umtanzten. Oder vor dem tausend Beterinnen sich in den wirbelnden Schneestaub beugten.

Da konnte das Menschenauge hoch oben nur unheimliche Visionen entdecken, die sich im Fluge zerlösten, wenn es einen Blick hoch hinaufgeworfen, sobald eine unsichtbare Riesenhand ein Loch in die treibenden Nebelschleier gerissen und das Tal bis hinauf zum Kamme einen Augenblick freigemacht.

Da ahnte man wohl, wie ein kühnster Führer seine Geisterscharen in wilden Haufen in die Schluchten trieb, sie in der Tiefe plötzlich verbergend. Um sie im nächsten Augenblicke neu emporzutreiben, daß sie kühn und dröhnend die Höhe hinanmarschierten, bald im tollsten Handgemenge miteinander.

Da stand Rübezahl mitten inne. Hochgerichtet im Luftkreise. Ein kühnes Gespinst. Umheult und umbrüllt wie ein Fels im Meere.

Nur Wahnsinn und Gier um ihn und hartes Gelechz.

Nicht anders auch, als wäre er ein kühner Hexenmeister am Sabbattage der Hölle.

Als wollten die allertollsten Hexenweiber den Herrn der Feuer und Stürme selber zu ihrem Buhlen machen. Und mit ihm durch alle Hohlen jagen und um alle verschneiten Gebirgsriffe teuflische Tänze im Fluge tanzen.

Das waren Tage, wo Rübezahl nichts mehr vom Meilenschreiter oder vom grünbeschirmten Laboranten wußte. Sich niemals erinnerte, als Rad in Sommersonne von den Grenzbauden nach Schmiedeberg getorkelt und getanzt zu sein. Vielleicht noch eher daran, daß er auch einmal als Baumfalke mit Tausenden schwirrender Kohlweißlinge auf einer Sommerwiese um die Wette geflattert und getändelt.

Das waren Tage, wo man die innerste Gewalt seiner Lüste ausspürte. Wo man begreifen konnte, daß ein solcher wie er mochte ein Verwandter von Geistern aus dem kalten Weltenraume sein, der von wer weiß woher einst seine Reise aus Ferne und Sternenlicht auf die steinige Erde gemacht, um hier des Riesengebirges Herr und Meister zu sein. Wer auch sollte jetzt wissen, welche der tausend Buhlerinnen, deren Gieren über die Berghalden schrien und gellten, ihm seine Gnadenlaune am jähesten abstahl. In welchen Tanzwirbeln sich seine Süchte am künsten erletzten.

Wer hätte es wagen dürfen, heimlich zuzusehen, wie die tobsüchtigen Flockenweiber ihn umringten. Ihm auf Kopf und Nacken sprangen. In tollem Hintreiben auf seinem Rücken hockten, so daß er sich ihrer kaum erwehren konnte.

Wie er mit seiner Sturmpeitsche den Scharen um die silberglitzernden Geschmeide schlug, daß es hundertfach klirrte. Weil sonst vor ihren Umarmungen und Erstickungen keine Hilfe gewesen.

Oft stand Rübezahl wie ein weißer, gewaltiger Hirsch kühn auf der Höhe, Machttöne voll Brunst die Hänge niederbrüllend. Die gestauten Nebelheere in trotzendem Lachen rings um ihn.

Wer könnte je die einsamen Leidenschaftsspiele begreifen, wenn alle eisigen Wintereinsamkeiten den gewaltigen Berggeist aus seinen Schlupfen emporgelockt, um sich selber genug zu tun und seiner irdischen Herrschaft froh zu werden.

Da waren viele Tage und Nächte, die unheimlicher und erschütterlicher waren wie die ersten Schöpfungstage, wo die Engel die Ecksteine der Welt in die Räume geworfen unter dem Jauchzen der Morgensterne.

Da war kein Sehen mit Menschenaugen. Und das Ohr der Menschen wäre nicht fähig gewesen, das Brausen aufzunehmen, das wie ein Brüllen von Orkanen wild durcheinander ging.

Da wurde jeder begreifliche Laut wie ein Tropfen im Meer verschlungen.

Das waren nicht Finsternisse für ein kleines enges, irdisches Leben.

Nur Finsternisse, dreimal so tief wie die dunkelsten Nächte.

Und sinnloseste Verwirrungen, als wenn es gälte, noch einmal die Urlust des Chaos auszukosten.

Da wollte der Geist der Berge unter den entflatterten tausend Gieren Herr und Genießer sein.

Das waren keine Menschenfreuden.

Das waren Dämonentumulte im Blute des unbarmherzigen Bergriesen, dessen Gelüste aufzischten wie Schlangen aus Eiskristallen, die um Berghäupter herum wuchsen, um sich als wilder Drachen mit unzähligen Mäulern bis zum Himmel auszudehnen.

Hu! Schneestürme hoch und fern, dem Wolkenzuge nahe. Darein die gierigen Bergfeen jauchzend springen, um endlich selbst die lieblichen Goldengel zu ihren Liebesspielen zu greifen und herunterzuholen.

Oder daraus sündige Engel, von flüchtigen Sonnenschimmern beglüht, gierig herabstürzen, von der Frechheit der irdischen Schneeschatten verlockt, um in dem freien Treiben über die Hänge einmal Lust und Wahn des Erdenglückes auszukosten.

Und dann ewig zu stürzen und zu stürzen. Wie ein Wasserfall stürzt. Stufe um Stufe in die Dämmer der Abgründe.

Das war Rübezahls Geisterreich.

Wenn die Sonne ihren kurzen Weg um die Erde nahm, so daß an dem Steinleibe der Erde Wonne und Wachstum und die Glückseligkeit von Blüte und Baum und Vogelsang ganz verarmte, saßen die Menschen unten im Tale heimlich in ihren Hütten und warteten, daß sie endlich den heiligen Lichterbaum neu entzünden könnten, um darunter zu singen, daß doch wieder der Frühling kommt.

Tage um Tage, Wochen um Wochen ging es so in den einsamen Winterbergen...

Aber eines Tages konnte der mächtige Berggeist dann auch einmal von den wilden Sturm- und Eisfesten hoch oben verschnaufen.

Da lag er hingedehnt wie ein Schemen am Rande einer weißen Winterwiese und tändelte hin im Erinnern und Hoffen wie der Mensch selber.

Denn Sehnsucht nach Frühling mag wohl in allen Geistern wohnen.

Da spielte er lose damit, die stillen Schneewiesen auf allen Gebirgshängen zu überhauchen, daß sie bald glitzernd unter dem tiefen Blau des Himmels lagen. Versuchte über sie gleichsam hinzuträumen, als wenn schon wieder der Frühling wäre. Und so im Träumen, die handtellergroßen Eisblätter reichlich eins in das andere geschachtelt, Rose an Rose aus diamantenen Scheibchen über die Wiese hinzubilden.

Und schien dann wohl auch, kaum wie das glitzernde Schemen eines Tänzers, über die tausend Wunderblumen hinzuwehen.

Horchte im Schauen tief versunken lange in die Waldeinsamkeiten hinein. Dort wo unter schneelastenden Hochstämmen ein Bergwasserlauf sich unter Eise staute und dumpf brauste.

Saß wieder am Bachrande im Schnee, wo die tiefschwarze Wasserstarre spiegelt.

Hauchte auch hier im Erinnern, gleichsam als wenn es schon wieder Frühling wäre, stille Scharen großer, weißer Falter über den dunklen Wassergrund. Die feinsten, diamantenen Flügel wie zum Fluge gebreitet. Als wenn sich Rübezahl auch noch zugetraut, mit dem leisesten Atemhauche das silbereisige Sommergaukelspiel als Hunderte weißer Schmetterlinge in die Lüfte aufzutauchen.

Auch heute war ein solcher ruhiger, eiskalter, eisklarer Wintertag gewesen.

Rübezahl war allenthalben unten über Wiesen und in Schluchten lose umgegangen, leiser wie eine Husche gestörter Schneekristalle von einem Tannenwipfel herabstäubt.

Und nun war er achtlos schon wieder hinauf, quirlte zwischen den Eispalästen der gebeugten Kammknorren, wo verwunschen glitzernde Gestalten ihn um und um wie ein müdes Heer umgaben. Skythe an Skythe auf mageren Pferden. Kanonengefährte und Fußvolk in diamantenen und goldenen Lappen und Lumpen. Alles im Tode erstarrt. Auch dazwischen schlafende Adler und erstarrte Beterinnen. Alles aus Eiskristallen flüchtig und unbegreiflich hingebildet.

Hinter dem Hochstein schien die Sonne wie ein Feuer zu brennen. Die Täler lagen ganz unter schneeweißen Nebelbetten verborgen. Der Reifträger erstrahlte wie aus Golde. Und von der Tiefe wogten die Talnebel dünn und lose dem obersten Bannwaldgürtel zu, dessen urweltliche Eisbehänge im eisfarbigen Lichte hundertfältig flimmerten.

Wie Rübezahl lose so hintrieb, begann er gleichsam in einem erhabenen Weltentraum sich zu verlieren. Und Wunder in die Abendluft träumend, mit seinem leisesten Bergatem in die Waldflächen hineinzuwehen.

Da deuchte es, als wenn die tausend und tausend schneeverwunschenen Waldgebilde plötzlich nicht mehr starre, eisverhangene Bäume wären.

Als wenn nur Scharen stummer, grauer, langschopfiger Riesenvögel hockend in dem weiten Bergkessel säßen, darein sie mit ihren trägen, schwerfälligen Flügellasten Zuflucht suchend sich dicht ineinander gedrängt.

Und es schien auch, als wenn unter dem erzenen, rauchsilbernen Gefieder ein feierliches Schwanken und hartes, klirrendes Vibrieren jetzt anhob, das metallene Töne wesenlos auftrieb. Ein weiter, unbegreiflicher Chor war aus den eisbehangenen Bergwäldern plötzlich aufgewacht.

Ein sagenhaftes, unirdisches Tönen. Steinhart und klar, als ob allenthalben hellste Diamanten und Saphire wie zufällig sanft aneinander schlügen und feinste, spröde und durchdringende Glockentöne gäben.

Nicht wie aus je erdachten menschlichen Instrumenten.

Die Töne schienen unbegreiflich frei in den Lüften zu hängen. Als wären die Lüfte selber entfesselt ohne Ursprung und Grenzen.

Es klang nicht wie Sehnsuchten der Menschenseele.

Nicht wie Zerrissenheiten oder Klagen.

Es klang wie ein selig gebundenes Schöpferlied.

Schlaf oder Tod gebunden.

In silberner Schönheit und Klarheit erstarrt. Und wie Traumschemen noch wieder sich regend.

So schwoll es geheimnisvoll auf und ebbte jäh ins Nichts, ohne daß je von dem tiefen Himmel und den glitzernden Bergwänden eine Antwort erwachte.

Auch Weideglocken einer freien Herde schienen für Augenblicke darein zu klingen. Und auch wieder Harfen und Geigen in den Lüften dazwischen zu singen und zu zerklirren.

Das war kein irdisches Tönen, das die Scharen rauchsilberner Zaubervögel mit dem Zittern und Schwanken ihrer müde atmenden Riesenflügel in die verglühende Sonne sangen. Das war Rübezahls Wintermusik, die den eisklaren Bergeinsamkeiten und dem bleichenden Ätherhimmel, als das Sonnenfeuer verglommen war, immer noch zuschwoll wie von einem Unsichtbaren geläutet.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.