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Rübezahl-Buch

Carl Hauptmann: Rübezahl-Buch - Kapitel 11
Quellenangabe
typelegend
booktitleRübezahl-Buch
authorCarl Hauptmann
year1988
publisherBergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn
addressWürzburg
isbn3-87057-125-X
titleRübezahl-Buch
pages1-147
created19991007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Neuntes Abenteuer

Wie Rübezahl sich unter der Teilnahme der ganzen Stadt Schmiedeberg als einsamer König begraben läßt

Nun war wieder einmal Herbst.

Im Lande unten feierte man irgend ein Kirchenfest.

Auch in der Stadt Schmiedeberg feierte man es.

Und Rübezahl war zu diesem Feste mit einem Gepränge wie große Herren in die Stadt eingefahren.

Er hatte aus einer zweispännigen Isabellenkutsche allerhand vornehme Hüllen und Decken in das Gasthaus am Markte tragen lassen.

Man hatte einen gewaltigen, blankbeschlagenen Lederkoffer aus den Gabeln rückwärts geschoben.

Und weil auch der in Federn hängende, große Reisewagen und die Purpurlivreen seiner Diener große Wappen trugen, dachten alle Bürger der Stadt, er wäre ein Fürst oder gar ein König.

Rübezahl war diese Vermutung der Stadtleute grade für den Spaß recht gewesen, den er in dieser späten Jahreszeit, wo alles in das Verborgene kriecht und dann unter Schnee bald begraben ist, tun und treiben wollte.

Denn Rübezahl war und blieb nun einmal der unberechenbare Gauch, der nichts lieber tat, als einfältigen Menschen Kuckuckseier in ihre Nester zu legen, bis die ihr blaues Wunder daraus vorkriechen sahen.

Also lebte Rübezahl in Schmiedeberg auch gleich als eine Art König in dem besten Gasthause am Markte.

Er hatte seinen Wagen mit den Isabellen in alle Lüfte geschickt, die sich wie eine Husche fliegender Herbstblätter beim Hinausrasen aus der Stadt einfach ins Unbestimmte zerlösten.

Er selber saß schon in den großen Vorderzimmern nach dem Markte zu in einem köstlichen, purpurnen Samtmantel eingehüllt.

Er spielte nur mit einer Goldkrone voll blinkender Steine, die er vor den Augen des Wirtes aus dem gewaltigen Reisekoffer bedachtsam herausgenommen. Und zeigte dem Wirte allmählich auch tausend andere Herrlichkeiten der Erde, die in dem Prunkkoffer verborgen waren.

Es war für die ganze Stadt sofort etwas in den Lüften gewesen, was um Rübezahls Ankunft einen richtigen Nimbus verbreitete. Das Gasthaus am Markte war gleich in das Gefühl und Bewußtsein eines jeden Bürgers hineingehoben. Vom Ratsherrn bis zum kleinsten Gassenjungen herab paßten die Bürger alle neugierig und gespannt in die Fenster des ersten Stockwerkes hinauf, was sich wohl darin begeben möchte?

Aber Rübezahl rührte sich nicht ganze zwei Tage lang.

Er saß nur in seinem kostbaren Samtstuhl.

Und legte, solange der Wirt oder die Dienstleute des Gasthauses um den hohen Gast herumgingen, die goldene Krone nicht aus den Händen.

Oder, wenn ihm plötzlich in den Sinn kam, dem Wirt eine besondere Gnade anzutun, griff er mit schönen, langen, bleichen Händen, gleichsam wie nur mit sich beschäftigt, in seinen Prunkkoffer hinein, um die wunderbarsten Kleinode herauszunehmen und sie sinnend anzustarren.

Mit Händen so fein gepflegt wie die Hände alter, französischer Könige, die dazu an allen möglichen Gliedern mit kostbaren Ringen geschmückt waren.

Mit Händen von einer unerhört königlichen Bewegung, ganz als wenn solche Hände im Leben nie zu etwas anderem, als zum königlichen Winken oder zum leisen Streicheln von Frauengesichtern, zum Durchgleitenlassen von kostbaren Perlenketten oder von goldenem Frauenhaar, vielleicht auch noch zum behutsamen Brechen einer Purpurrose vom vollen Stocke bestimmt gewesen.

Das war wirklich ein König.

Und in seinem goldverschlagenen Riesenkoffer lagen auch Diademe aus blitzenden Steinen und reiche Perlenketten wie bei einem Juwelenhändler aus Astrachan. Steinkolliers, groß und kostbar wie Spitzenlätze.

Jeder, der in diese Nähe geriet, dachte gleich, daß das ein unermeßlich reicher König sein müßte, der auch viele Untertanen und Günstlinge besäße. Obwohl der hohe Herr zum Staunen der ganzen Stadt alle seine goldbetreßten Lakaien mit dem hängenden Reisewagen stiebend heimgeschickt.

Um ihn webte auch gleich der Hauch geheimnisvoller Zusammenhänge.

Der Wirt und der Apotheker und der Pastor in der Stadt, auch der Arzt und die wohlhabendsten Händler zerbrachen sich am Wirtstisch die Schädel, warum dieser König incognito reiste. Und waren darüber einig geworden, daß er nur deshalb keinen seiner Diener um sich behalten, damit diese Schwätzer nichts über ihn ausplaudern sollten.

Von Anfang an war der hohe Herr abweisend und spröde und zu einem tieferen Zwecke ganz in sich gekehrt. So daß sich um seine Vereinsamung bald ein heiliger Ernst zu breiten schien.

Anfangs hatte er überhaupt nur den Wirt in Person in seiner Nähe geduldet. Sonst war niemanden Zutritt gewährt. Und nur mit der Zeit hatte er den Wirt auch gnädig an den Tisch herangewinkt. Und hatte ihm Ringe und Gürtelschnallen mit indischen Topasen und schwarzen Perlen, und mit Diamanten von Daumengröße vor die Nase gehalten.

Dann hatte er freilich vor ihm auch ganz in die Koffertiefe hineingelangt, wo der Wirt eine Reihe von Beuteln mit Golddukaten hatte mit seinen Augen erlisten können.

Einmal, das war am Abend des zweiten Tages gewesen, hatte er dem Wirt sogar einen Szepterstab mit einem in tausend Farben funkelnden Steinbesatz gewissermaßen zum Anfühlen einen Augenblick in die Hände gelegt. Der aber wie eine doppelte Zentnerlast schwer geschienen. Und den der Wirt unzweifelhaft hätte aus den Händen fallen lassen, wenn nicht der gnädige Herr selber noch immer die Hand fest darum gehalten.

Und unfehlbar hätte beim Falle dieses Riesengeschmeide die Gaststubendiele nach unten in die Wirtsstube hinein einfach durchgeschlagen.

So saß also der überreiche, verlassene König ganz einsam zwei Tage in seinem Hotelzimmer.

Er aß und trank unterdessen die köstlichsten Dinge.

Er hatte den Wirt wie einen aufgezogenen Kreisel beweglich gemacht.

Kein Wunder, daß die Staunensworte des Wirtes, sobald er einmal wieder die knarrende Holztreppe auf die ebene Erde gelangte, wie lustige Zeitungsjungen sogleich in alle Stadtgassen und Winkel, in die Ratsstube und in die Barbierstube, in den Apothekerladen und zu allen Krämern an den Ladentisch rannten.

Schon bei der Ankunft hatte sich vor den Gasthausfenstern ein Haufe Neugieriger auf dem Markte zusammengefunden, der beständig zugenommen und Tag und Nacht nicht mehr davonging.

Manche wollten den großen König auch nur für einen flüchtigen Augenblick sehen. Vielleicht nur eine braune Haarzottel von ihm. Oder einen kleinen, beringten Finger.

Das Kirchenfest war ganz in Vergessenheit geraten oder es hatte wenigstens seinen Charakter verloren. Als wenn es nur noch eine Defiliercour vor des hohen Gastes Fenstern gewesen.

Und schließlich harrten alle Bürger der Stadt sogar fiebernd eines Ereignisses.

Und doch saß der hohe Ankömmling nur einstweilen auf seinem kostbaren Samtstuhl und hatte sich diese ganzen zwei Tage nicht verleiten lassen, das Zimmer des Gasthauses auch nur ein einziges Mal mit dein Rücken anzusehen...

Aber am dritten Tage am Morgen ließ der einsame König den Wirt rufen.

Er empfing ihn feierlich. Saß, nur das mächtige Haupt hinterrücks in die große Samtlehne zurückgebogen. Den samtenen Purpurmantel offen. So daß der Wirt auch die kostbaren, goldenen Unterkleider jetzt sehen konnte.

Und der hohe Herr redete mit zitternder, müder Baßstimme:

»Ich bin hier zu euch gekommen... und das Schicksal überrascht mich... der Tag, der heute für mich noch einmal begonnen hat, wird für mich niemals endigen... ich fühle... ich werde heute sterben!«

Erst nach langer, tiefer Schweigsamkeit, die er mit geschlossenen Lidern verbrachte, winkte er mit seinen langen, bleichen, schönen Händen und königlicher Gebärde nach dem Prunkkoffer hin, der dem Wirte jetzt noch einmal so groß wie sonst erschien. Und der mit hunderterlei geöffneten Kisten und Kasten, mit Zepter und Krone dastand und in dem Morgensonnenschein ein schier verblendendes, unerhörtes Blinken und Blitzen gab.

Und dabei redete der müde König endlich weiter:

»Nämlich... euch habe ich ausersehen, mein Erbe zu sein... meine Kinder sind undankbar und hart gegen mich alten, sterbenden König... meine Untertanen werden immer leben, wie Menschen nun einmal leben... recht und schlecht... heute im Frieden und morgen im Kriege... heute in Samt und Seide... und morgen in Staub und Lumpen... also, mein lieber Eß- und Trinkmeister Kuring, daß auch ich und du an dieser alten Leier nichts ändern werden... nimm du nur den Koffer dort... laß ihn verschlossen in deinen tiefsten Keller tragen... und entnimm seinem tiefen Bauche, sobald ich meinen Geist ausgehaucht habe, noch so viel für mich, daß du mir unter der Teilnahme der ganzen Stadt ein wahrhaft königliches Begräbnis schaffst und mir damit die letzte Königsehre antust!«

Der Wirt mußte alle Kräfte zusammenraffen, um nicht vor Entzücken in einen Lachkrampf auszubrechen.

Er stierte nur, während der offenbar todkranke König die Augen wieder schloß, gierig nach dem Prunkkoffer hin.

Er überschlug innerlich rasch, daß da noch ein Königreich für ihn übrigbliebe, wenn er auch an jeden einzelnen Bürgersmann für seine Begängnisteilnahme einen vollen Golddukaten auszahlte. Und wenn die Glocken von rechts und links eine ganze Woche lang und mehr den königlichen Tod ausläuten würden.

Verbeugte sich fortwährend wie Binsen im Winde.

Begann sich dann aber doch auf das zu besinnen, was in solchen ernsten Augenblicken des Lebens die einfachste Höflichkeit gebietet.

Fragte mit tränenfeuchtem, pusteligem Gesicht und erstickten Worten, ob denn das Sterben unwiderruflich wäre?

Ob man nicht sofort ärztliche Hilfe herbeischaffen sollte?

Ob denn nicht vorher noch etwas getan werden könnte, was dem menschlichen Staubleibe noch einmal wieder auf die menschlichen Staubbeine helfen könnte?

Alles freilich noch immer mit heimlich seligem, tiefem Verneigen, so daß sich die runde Bauchfülle jedesmal wie ein Gummiball zusammendrückte.

Und weil der hohe Herr nur königlich abwehrte, von derlei Menschenwerk durchaus nichts mehr vorgesehen, mit herrischer Gebärde, aber jetzt leise, das nahe Sterben noch einmal bestimmt hatte, geschah dann sofort alles nach seinem königlichen Worte.

Der Wirt wußte in dieser Minute nicht, wie er hinunter auf die Straße gelangte.

Der Wirt stand richtig wie sinnbenommen schon mitten auf dem Marktplatze und flüsterte es überall herum, so leise wie nur ein Spitzbube einem anderen zuflüstert, der eben auch stehlen will, daß der große König im Sterben liege.

Aber dann war er eben so sinnverwirrt mit Zittern und Beben auf Zehen wieder ins Haus gelaufen.

Und während er sein Weib heimlich gerufen und mit ihm den goldbeschlagenen Riesenkoffer aus dem Zimmer des hohen Gastes in den eigenen, tiefsten Keller hinuntergeschafft, ehe das Hausgesinde davon viel wittern konnte, war Rübezahl in seinem samtenen Goldsessel sanft entschlafen.

Und jetzt eilten auf die goldenen Verheißungen des Wirtes Arzt und Pastor und Pfarrer herbei.

Beide Geistliche entschlossen sich, die Sterbezeremonien vorzunehmen.

Die Konfession des entschlafenen Königs kannte niemand.

So kamen sie friedlich überein: »Es war ein König... besser ist besser!«

Der Arzt schrieb unter Beisein der Ratsherren feierlich den Totenschein.

Der Apotheker kam mit den allerfeinsten Räucherungen, das Sterbezimmer auszufüllen.

Die Stadtgärtner liefen Sturm, das Gasthaus mit Blattpflanzen und bunten Blumen wie einen südlichen Garten auszuschmücken.

Das alte, knarrige Gasthaus widerhallte von Arbeitslärm und in allen Winkeln von Weibertränen.

Schon der üppige Geruch von der Fülle Lorbeerbäume, die in Flur und Zimmer standen, betäubte alle Herzen.

Treppauf, treppab waren bunte Blumengirlanden gewunden und die Stufen mit frischen Blüten bestreut.

Man hatte den mächtigen König in einem reichen Metallsarge aufgebahrt.

Feine, offene Silberpfannen rauchten beständig ihren Weihrauch.

Es hatte sich sogar in der Stadt schon die Legende gebildet, daß die königliche Leiche selber diesen wonnevollen Duft ausströmte wie die Leiche mancher Heiligen.

Im Grunde waren alle beseligt.

Im Grunde strömten Trauer und Tränen süß aus aller Blute.

Der Wirt hatte es ja einem jeden Bürgersmanne und Ratsherren, jedem Honoratioren, aber auch jedem Bettelmanne mit gutem Gewissen geheimnisvoll zuflüstern können, daß das Begräbnis wahrhaftig eines Königs würdig sein würde.

Daß es mit Tausenden von Golddukaten reichlich bezahlt werden sollte. Und daß er aus des sterbenden Mannes eigenen Händen zehn Beutel mit je tausend Dukaten für diesen Zweck ausdrücklich erhalten hätte, die noch am Begräbnistage nach Anwartschaft und Würden einem jeden Bürger ausgezahlt werden sollten.

Und nun war der Tag des Begräbnisses endlich gekommen.

Woher plötzlich die langen Kolonnen Soldaten marschierten, die sich sogleich vor den königlichen Sarg setzten, wußte niemand zu sagen.

Und woher die goldbetreßten Purpurlakeien in Hülle und Fülle heranwimmelten, ebensowenig.

Die Frauen der Stadt erschienen alle tief in Schwarz gehüllt, mit fliegenden Floren, mit feinsten Battisten in Händen.

Allen flossen die hellsten, seligsten Tränen.

Allen standen nur fortwährend die zehn Beutel mit je tausend Golddukaten vor ihren Augen.

Ein langer Zug feiner Geschirre mit schwenkenden Pferdehälsen ging feierlich hinter den Scharen trauernder Fußgänger her.

Die ganze Stadt war durchzuckt von glücklicher Trauer.

Das Flattern der Flore auch aus den offenen Wagenfenstern verdunkelte fast die hellen Herbstlüfte.

Und schon wie man den schweren Metallsarg des Königs die knarrenden Treppen im Gasthause niedertrug, war ein schier herzzerreißendes Schluchzen aufgewacht, das über den ganzen Marktplatz weiter gelaufen und sich an den Giebelhäusern im Echo wiederholt hatte.

Von allen Stadtgassen war wie am höchsten Pfingsttage die Menge herangewogt.

Und jetzt schritt sie im unendlichen Entströmen der Tränen feierlich und ernst im Trauerzuge. So daß selbst die Gemüseweiber am Markte und die Schornsteinfegerjungen auf den Dächern weinten. Und auch die sich von den Goldbeuteln gelockt ins Trauergefolge mischten, als man den incognito-König der mit aller Schnelligkeit in Stein gehauenen Gruft zutrug.

Aber da mochte schon die richtige, rübezählische Verwandlung vor sich gegangen sein.

Denn wie man so im feierlichen Marschschritt hinter den dumpfen Trommlern und Soldaten hinschritt, merkte zuerst der Doktor, und dann der Pastor und Kaplan, und schließlich auch die beiden reichsten Händler, die alle mit an dem königlichen Sarge trugen, daß durch das allgemeine Klagestimmengedröhn ein fröhliches, um nicht zu sagen freches Lied mit gewaltigerem Tone durchdrang.

Als wenn der incognito-König sich innerhalb des schweren, hohen Metallsarges für sich eine Lust machte.

Die hohen Träger, denn es waren die höchsten der Stadt, nicht nur der Apotheker, auch der Bürgermeister und der Stadtschreiber hatten die Sarglast mit auf ihre Schultern genommen, dachten sofort an Stillehalten und den Sarg zur Erde zu stellen.

Aber da hatte der tolle Gesang doch ebenso plötzlich wieder nur wie eine unbestimmte Täuschung innerhalb des allgemeinen Trauerlärmes geschienen.

Von der tausendfältigen Trauerbegleitung war noch niemand betroffen worden.

Es war nur ein kleines Zögern entstanden. Und der Zug ging im Rhythmus dumpfer Trommeln weiter.

Dann freilich, wie man einmal heimlich aufmerksam geworden war, lauschte der Doktor und Apotheker und Bürgermeister gemeinsam.

Und da hörten sie es wie aus einer Bramarbaskehle schallen.

So daß sie auch die Worte gleich ganz genau verstehen konnten.

»So will ich lustig schlafen...
Und mausetot im Dunkel sein...
Ich bin der Geist der Berge...
Wie Sommerkorn so klein...«

Man war auch gerade vor der steinernen, gemeißelten Gruft angekommen.

Da warf man fast den Sarg scheu von den Schultern. Stellte ihn erschrocken vor die Gruft nieder.

Niemand wagte den anderen anzusehen.

Alle horchten nur.

Alle hielten jetzt richtig den Atem an.

Auch die Trommler hatten sofort geschwiegen.

Wunderbarerweise waren jetzt auch Soldaten und Trommler, sobald der Spuk begann, fortgehuscht, als wenn es nur goldene Blätter und Zweige von den dürren Kirchhofsbäumen gewesen.

Aber die Stadtleute kümmerten sich darum gar nicht.

Sie standen nur bleich und erstarrt und horchten.

Und da kam es jetzt wirklich aus dem Sarge heraus.

Schon nicht mehr wie aus einer, wie aus einem ganzen Chore von Bramarbaskehlen.

Und mit unerhörter Feierlichkeit, wie der unheimlichste Grabgesang.

So daß jetzt alle richtig zwangsweise die Hände falten mußten.

Sich die ganze Stadt neu in tiefste Trauer senkte. Als wenn dieser kolossale Gesang erst der Hauptteil der Zeremonie wäre.

Und nun alle lange tief ergriffen mit gefalteten Händen standen. Endlich sogar den Vers auch noch ein zweites Mal unter Geheul und Tränen feierlich mit hinaussangen.

Und wieder lange noch standen, auch wie der gewaltige Chor und auch die Stimmen aus dem Sarge endlich geschwiegen.

Bis allen das ganze Rätselhafte der Sachlage doch neu und klar fühlbar wurde, man sich vollends besann, sich von allen Seiten gleichzeitig um den hohen Sarg drängte, ihn aufschrob und hineinsah.

Nun, da war freilich nichts Königliches drin.

Man sah nur, was der Bauer sieht, wenn er das goldene Korn auf den Ackerboden hingesät und darüber dicke Posten Mist aufgeschichtet hat.

Da kann man das goldene Weizenkorn bald gar nicht sehen und nur die fetten Dungfladen.

Auch in dein Sarge des incognito-Königs lagen hauptsächlich fette Dungfladen, die es auch völlig begreiflich machten, warum der Sarg die Schultern der städtischen Ehrenmänner so unerhört niedergedrückt. Man muß begreifen, daß die Trauerversammlung, wie sie diesen peinlichen Inhalt sah, sich unerhört betrogen fühlte.

Johlend und schimpfend über den mistigen Anblick und mit dem schamlosesten Geschrei, daß dieser Bauernfänger ein gehöriger König gewesen, der frechste, stinkigste Viehkerl, rannte und stob alles toll auseinander.

Da war bald niemand mehr am Sarge geblieben.

Natürlich noch der Wirt. Und auch einige bessere Elemente. Die Geistlichen, der Doktor und Apotheker, und auch die Stadträte und der Bürgermeister.

Die standen noch immer bestürzt vor dem Rätsel und besahen es.

Und der Wirt war noch immer völlig getröstet.

Der wußte ja doch, daß er einen jeden für die reichlichen Mühen und Unkosten königlich bezahlen konnte. Und außerdem noch heimlich die Hauptherrlichkeiten für sich zurückbehielt.

Und wie dann die Stadt in wildem Tumulte vor dem Gasthause sich zusammenscharte, wehte noch immer aus dem Königsfenster bunt wie Blut und weiß wie Schnee eine Fahne, freilich jetzt mit Zauberzeichen.

So daß das ganze Menschengewimmel wild dazu zu johlen begann.

Da war der Wirt ruhig vor die Türe hinausgetreten, eine Ansprache zu halten.

Auch der Pastor trat hinaus und redete feierlich, hier wäre ein Mysterium geschehen, das man durchaus noch nicht erklären könnte.

Und der Wirt schrie ungeduldig dazwischen: aber das Gold für die aufgewendeten Mühen und Kosten und für die Trauer und vielen Tränen würde ein jeder doch gleich erhalten!

Unterdessen auch wieder der Pastor und dann auch der Doktor sich bemühten und umständlich versuchten, das Mysterium zu erklären.

Und noch immer fleißig erklärten und umschrieben, während der Wirt samt seinem Weibe schon in den tiefsten Keller gelaufen war, um die Dukatensäcke aus dem königlichen Reisekoffer heraufzuholen und sie endlich, wie er sich jetzt zum hundertsten Male eilfertig im Geiste überschlug, zur Beruhigung gleich vor die Nase der Leute hochzuhalten und dann vom Bürgermeister nach Verdienst und Würden ordentlich verteilen zu lassen.

Aber jetzt geriet erst der Wirt in richtigen Wahnsinn.

Er griff in stinkende Hundeknochen und Sauborsten.

Er griff gierig hinein, hielt, seinen Ekel mit aller Gewalt zurückdämmend, die Laterne in den Kofferschlund und beleuchtete ganz genau das vermeintliche Goldbehältnis.

Der bestialische Gestank warf ihn ein paarmal richtig zurück.

Er lief schon wie gescheucht die Stufen wieder aufwärts.

Und rannte doch wieder in den Keller hinunter.

Und griff noch ein paarmal wie genarrt in den Unrat.

Und rannte dann in der trostlosen Verwirrung, in die er sogleich geraten war, während er beim Vorüberhasten am Küchentische ein langes Messer im Wahn ergriffen, mit verstörten Blicken und verwirrtem Haare hinaus unter die Leute.

Da war der Marktplatz am Ende doch plötzlich leer geworden.

Die Stadt lag in dieser Nacht bald in unheimlichstem Dunkel.

Alle hatten die Haustüren hinter sich fest verschlossen und horchten in zerrüttetem Schlafe noch immer auf den irrsinnig Gewordenen und auf das wildeste Getöse in den Lüften, das vom Gebirge längst niedergebrochen. Auf dem Marktplatze wehte aus dem Königsfenster die Fahne toll und höhnisch, darauf man jetzt die Worte lesen konnte:

»Bunt wie Blut und weiß wie Schnee...
So fährt Rübezahl ins Grab...
Und wieder in die Höh'...«

Aber wie der Wirt, der wie ein Grasfresser hinaus auf die Felder gestürmt war, sich nächtlicherweile in die Stadt hineintraute, weil er wieder zur Besinnung gekommen war, und zu seinem Weibe ins Gasthaus am Markte durch die Hintertür hineinschlich, zeigte ihm sein Weib lachend eine goldene Schüssel.

Das war die irdene Schüssel, aus der Rübezahl noch vor seinem Tode fünf Liter Blaubeeren mit Appetit verzehrt hatte.

Die hatte er zum Andenken in Gold verwandelt.

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