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Rübezahl-Buch

Carl Hauptmann: Rübezahl-Buch - Kapitel 10
Quellenangabe
typelegend
booktitleRübezahl-Buch
authorCarl Hauptmann
year1988
publisherBergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn
addressWürzburg
isbn3-87057-125-X
titleRübezahl-Buch
pages1-147
created19991007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Achtes Abenteuer

Wie Rübezahl sich freute, daß das Riesengebirge auch seine historischen Tage hatte und wie er dazwischen den Prczichowitzer Jahrmarkt fegte

Diesmal war es ein Tag im August.

Niemals soll Rübezahl so ausgelassen, so kindisch und breitmäulig vergnügt, so pfiffig schwenkend und schwankend mit seinen langen Armen und mit den langen Fingern schwippend, so zu Luftsprüngen bereit und außer allem Gleichgewicht gewesen sein, wie in der Zeit, wo das Riesengebirge seinen großen historischen Tag hatte.

Niemals soll er auch sich eitler und richtig in langatmiger Trottelhaftigkeit kopfloser dienstwillig gezeigt haben, wie in den damaligen Augusttagen. Gleichsam als wenn sein heimlichstes Herz nie höher geschlagen.

Es hatten in dem Sommer Heere der Preußen und Russen monatelang bis tief hinein nach Schlesien abwartend gelegen. Und das Heer des Kaisers dehnte sich mit seinen vielen Feldlagern tief nach Böhmen hinein.

Durch alle deutschen Völker ging damals ein ehernes Schüttern.

Es war im August des Jahres 1813.

Allerwärts hielt man den Atem an.

Keins der Völker war einzeln stark genug, den gewaltigen Löwen im Westen, den großen Phantasten, der mit seiner grenzenlosen Staatsidee die Welt durchraste, wieder in seine irdische Enge zurückzutreiben.

Österreich zögerte noch immer den Kampf zur Befreiung mit den Preußen und Russen gemeinsam zu führen.

Man wartete längst auf die letzte kaiserliche Entscheidung.

Und die war an dem Augusttage endlich gefallen.

Fürst Metternich hatte den kaiserlichen Befehl in Händen, daß jetzt der gemeinsame Kampf für die Freiheit wirklich begänne.

Das war der große Tag für das Riesengebirge gewesen.

Das Riesengebirge sollte das gewaltige Postament sein, von dem aus in dieser Augustnacht die Feuerfanale von allen Höhen zum Himmel brannten, um den deutschen Völkern die Einigkeit zu verkündigen.

In dieser entschlußdurchtobten Nacht wollen viele Leute, auch Studenten, die über das Gebirge zu den Freiheitsfahnen heimeilten, den Rübezahl gesehen haben wie einen lustigen Schattenriesen, mit wildern Flatterhaar sich im jauchzenden Wirbel von Flammenherd zu Flammenherd drehen.

Und es scheint auch gar kein Zweifel, daß die kühnen Fanale im nächtlichen Luftkreis von den Tälern aus so mächtige Feuer schienen, als wenn sie von Götteratem hochgetrieben manchmal bis zum Nachtfirmamente auflohten.

*

Das Riesengebirge hat noch einen zweiten historischen Tag.

Der war elf Jahre später. 1824.

Es war auch ein Tag im August.

Der zweite historische Tag kam nur wie ein leises Abendwehen.

Aber er war nicht weniger deshalb nach Rübezahls Herzen. So daß er dabei die Koppe wie einen Feuerberg brennen ließ.

Aber wir wollen erst erzählen, was diesem Tage alles vorherging.

Die neuen Blütenlichter über Tannen und Fichten waren längst grün geworden. Die neuen Zapfen allenthalben schon geschwollen. Und der Wald duftete reich unter der heißen Augustsonne. Zwei Studenten der Theologie schritten die Paßstraße von Schreiberhau in der Waldkühle auf Böhmen zu.

Der beiden Blut hatte mit den sonnendurchringelten Flußwellen und mit den munteren Waldschatten und Goldlichtern gehüpft.

Sie genossen die Losgebundenheit der ersten Ferientage.

Und nun wanderten sie fröhlich singend und schauend in die Wiesenansiedlung Neuwelts hinein, deren graue und karierte Holzhäuschen im grünsten Grün der Gräser lagen.

Die alten Schornsteine aus den Glashüttenkolossen schickten ihren dicken Rauch in den tiefblauen Augusthimmel.

Junge Mütter im warmen Goldschein saßen auf den Türschwellen, Strümpfe strickend.

Die kleinen Kinder lärmten und schrien um die Häuser.

Sie sahen auch berußte Glasmacher am Tore der Hütten mit Kaffeetöpfchen im Schatten stehen und ihre Vesperstunde genießen.

Und obzwar die beiden Wandrer wie lustige Blätter waren, die sich gerne vom Winde treiben lassen, hatten sie doch einen alten, zerlumpten Bettelmann am Wege gefragt, wie sie am besten in die Berge weiterkämen.

Der staubgraue Lumpenkerl, der auch eine Art Torwärtel an einem Hütteneingang schien, hatte ihnen pfiffig geraten, über Wurzelsdorf nach Prczichowitz weiter zu wandern, weil dort oben grade ein schöner böhmischer Jahrmarkt wäre.

Die beiden, Gustav Reichardt und sein Freund, waren Studenten der Universität Greifswald. Waren Lieblingsschüler eines berühmten, dortigen Gotteslehrers. Junge, heiße Herzen. Jetzt noch mehr mitten im weiten Wald und Gebirge des Schwärmens voll. Beide mit einer Kehle voll Wohllaut. Gustav Reichardt auch mit einer Seele voll Melodien.

So wanderten sie mit Singen und mit Schauen noch eine Weile am Flusse weiter. Waren lange einen Waldweg unter Hochstämmen schroff bergan geschritten. Und traten endlich aus den kühlen Waldschatten wieder ins Freie.

Da glänzten in weit sich dehnender, hügeliger Runde allenthalben im hellsten Sommerlichte Dörfchen und Ansiedelungen nahe und fern und ferner bis in die entferntesten Höhen so schön und wellig getürmt wie die heiligen Stätten von Samaria und Galiläa.

Denn sie waren Theologiestudenten und sahen in aller Welt voll Wonne immer auch ein Stück der heiligen Geschichte schimmern.

Dort standen sie lange. Besahen sich immer wieder neu diese unerhört leuchtende, unvergleichliche Erdenwelt, die ihnen noch von keiner Stelle im Gebirge so selig verheißend vor Augen gelegen.

Lachten in alle Sonnenfernen.

Rühmten Gottes Schöpfung.

Wurden im Anschauen stumm.

Schritten dann weiter mit frei erhobenen Köpfen, als wenn sie von den glücklichsten Gefühlen Flügel hätten.

Und rühmten und priesen neu die fernen, blauen Hügel, daran Menschen wie an Ölbaumhängen zu wohnen und auch nur zum Lobe Gottes zu leben schienen.

Da fuhr an ihnen vorbei auf der Straße zum Jahrmarkt ein sonderbarer Planwagen mit einer ungeheuer großen, tiefblauen Plane.

Der Wagen selber so blitzblank und blau gestrichen, als wäre er eben erst aus der Wagnerei und vom Anstreicher gekommen. Und der Wagen innen so geräumig, daß man hätte darin tanzen können.

Trotzdem war nur eine einzige, klapperdürre Isabelle davorgespannt, die mit tollem Galopp an ihnen vorbeirollte und tatterte, als wenn der alte Handelsmann sich verspätet hätte oder gar etwas auf dem Jahrmarkt verpassen könnte.

Dabei klang das muntere Geschrei des alten Hudelkopfes, der langatmig und ausgelassen die Peitsche schwang, so anfeuernd, daß auch sie ihre Schritte noch beschleunigten.

So liefen die beiden Wanderfreunde eiliger nun dem Jahrmarkt zu, der schon am Hange nahe mit Fahnen und Wimpeln flatterte.

Und bald waren die beiden Studenten wie zwei hohe Mannesengel, die eine Friedensmission mit sich trugen, unter den Jahrmarktsleuten erschienen.

Der Jahrmarkt wimmelte von Hunderten bunter, sonnegeröteter Bauersleute.

Die jungen Burschen trugen Federsträußchen an der Mütze. Hatten windige Laune in den Augen blinken. Und die Mädchen gingen mit bunten Sträußchen am Mieder.

Da waren allerhand Verkaufsbuden aufgeschlagen.

Die ganze Dorfstraße entlang bis zu dem großen Wirtshause hin mußte man sich durch geschmücktes Menschenvolk drängen.

Vor und hinter den Verkaufsbuden, die lärmend umlagert waren, standen die alten Handelswagen, die Porzellan- und Glaswaren, Steinwaren und allerhand Heilmittel, Kräuter und Salben, auch Zucker und Backwaren, Leinenzeug und Tuchzeug, Mützen und Hüte, Spielwaren und Schnarrteufel, Uhren im Glase und Teufelchen in der Flasche herzugefahren.

Ausrufer machten ihre rostigen Kehlen noch rauher mit ihrem Geschrei.

Bunte böhmische Tücher und Fähnchen wehten überall.

Und um die Wurstkessel und Bierfässer standen Gruppen, Brot und Fleisch in Händen. Oder die buntbäuerlichen, flüggen Mädchen an Zuckerkringeln knabbernd.

Ganze Reihen, breit wie die Straße, kamen lachend und lärmend einher, daß die einzelnen Fußgänger ausweichen mußten. Und die halbwüchsigen Burschen klumpten sich, schrille Pfiffe aus ihren erhitzten, bedrohlichen Mienen ausstoßend, und nach Raube lüstern.

Übrigens hatte auch der tolle Alte längst eine blitzblank blaue, mächtige Bude aufgeschlagen.

Auch er brüllte schon seine Schätze aus.

Die klapperdürre Isabelle benagte hinten den Planwagen.

Und viele Jungen standen bereits und höhnten.

Das Pferd sah wirklich jämmerlich aus.

Aber es warf Blicke wie ein verrückter, jähzorniger Mensch. Sobald man sich ihm nur frech nahen wollte. Schlug aus, als wenn sich jedes Hinterbein in einem Augenblicke um drei Meter verlängern könnte.

Und der alte Hudelkopf achtete dessen gar nicht, brüllte nur immer seine weisen Sprüche:

»Iserin... Iserin... das wird euch Gesindel sehen helfen... denn ihr denkt auch, lieber nur für den Bauch sorgen... durch Auge und Ohr geht bessere Speise als durchs Maul... das werdet ihr freilich nie begreifen... deshalb bleibt die Welt eben voll Gesindel!«

Solche Sätze brüllte der Alte.

Und die Bauersleute alle, und noch schlimmer die Dorfjungen, schrien höhnend dazwischen.

Alles lief herzu.

Aber erst, wie Reichardt und sein Freund auch lachend unter die Zuhörer traten, begann heimlich der Unfrieden, zu dem der alte Isabellenkutscher unter der tiefblauen Plane offenbar noch rechtzeitig hatte zur Stelle sein wollen.

Nämlich der Alte wandte sich jetzt sofort nur an die beiden Studenten, die er damit immer näher an sich heranzog. Und denen er schließlich grinsend und pfiffig immer nur alle Dinge und Steine ausdrücklich dicht vor die Nase hielt, damit es die anderen womöglich gar nicht zu sehen bekamen.

Und wenn sich die Dorfburschen mit den Ellbogen doch herandrängen wollten, puffte er sie, als wenn die beiden fremden Wandersleute etwas Extraes wären, einfach beiseite.

Da wurde der Janhagel natürlich immer frecher.

Der alte Hudelkopf betrachtete am Ende die Studenten richtig mit breitmäuligen Liebesblicken. Und die drängenden und johlenden und frech rempelnden Leute ringsum sah er mit solcher gemeinen Verachtung an, als wenn er ihnen gleich »Gesindel« und »Viehkerl« und allerhand niedrige Namen in die Augen und an den Kopf würfe.

So fing der ganze Jahrmarkt an, immer toller zu schäumen.

Man hatte sich längst hinter dem Rücken der Studenten zu schaffen gemacht.

Man fing an, vereinzelt loszubrüllen.

Ein Junge rief: »Das sein sanfte Heilige!«

Andere brüllten in die Lüfte: »Laffen... Preißenlaffen!«

Andere schrien: »Sanfte Heilige aus der Fremde!«

Andere brüllten lachend: »Nein doch... das sind preißische Erzengel!«

Man hatte den beiden Pappplakate an den Rücken gezweckt.

Es stand mit großen Buchstaben darauf geschrieben:

»Preißische Erzengel!«

Nun merkten sie plötzlich, daß sie genarrt wurden.

Aber da kam es auch gleich derber.

Eine Rotte von halbwüchsigen Jungen, einer fest in den anderen gehenkelt, kam mit Gejohl gegen sie heran. Die äußersten reckten die Ellenbogen wie Henkelkrüge. Hin und her schwankend stürmten sie an und versuchten die beiden Freunde rüde in ihren Kreis hineinzuziehen.

Die beiden waren natürlich ziemlich erschrocken. Und lachten doch noch immer. Weil sie zu einer Balgerei in der hellen Sommersonne auf der vollbesetzten Jahrmarktstraße durchaus nicht gestimmt waren.

Wenn nur überhaupt noch ein paar Augenblicke Zeit zur Besinnung übrig gewesen.

Man hatte den beiden schon unversehens einen Zünder vor die Füße geworfen.

Sie mußten rasch beiseite springen.

Und während sie an den Zaun eines Bauerngartens heransprangen, warf ihnen ein langer, halbbetrunkener, aufgeputzter Kuhknecht eine Hand voll Mehl dicht vor die Augen.

Das alles ging gleich so wirr durcheinander, daß die Studenten nur noch rasch ihre Wanderstecken fest umgreifen konnten.

Und doch hielten sie die Stecken wieder einen Augenblick nur hoch. Noch immer gute Miene zum bösen Spiel machend.

Freilich jetzt mächtig gespannt und scharf nach allen Seiten beobachtend.

Aber da schrien schon alle möglichen Jahrmarktsläufer und sträußchengeschmückte Bengel. Und auch alte, saumselige, vertrottelte Runzelschädel schrien wild durcheinander.

Da flogen auch schon Stücke fauler Holzreste, die ein dummer Junge von einem Lattenzaune abgerissen hatte.

Da hatte der Freund gleich auch losgeschlagen.

Aber Reichardt hatte eine wahre Trompetenstimme erhoben.

Er hatte in die Volksmenge laut und feierlich hineingeredet, wie ein sanfter Pfarrer.

Er hatte gesagt, daß sie friedliche Wandersleute wären. Daß sie ins Gebirge aufsteigen, aber vorher die herrliche Welt um Prczichowitz hätten mit eigenen Augen besehen wollen. Und daß sie diese Welt so herrlich gefunden hätten wie die heiligen Hügel im gelobten Lande.

Jung und alt, Männer und Frauenzimmer, geputzt und bewimpelt, pfiffen und schnarrten und johlten nur.

Die Burschen machten ein Schrillen, daß man dachte, der tollste Sturm pfiffe auf Eisenpfeifen.

Die Worte, die Reichardt mit freiem, furchtlosem Tone noch erzählen wollte, ertranken in sinnlosem Getöse.

Und man begann längst mit Fäusten und Knüppeln ineinander einzuhauen.

Es war auch schon auf Reichardts Arm ein derartig harter Schlag gefallen, daß er hätte sofort müssen aus der Balance kommen, wenn er nicht im selben Augenblicke an den heiligen Georg mit dem Drachen gedacht und mit dem linken Arme jetzt einen Burschen richtig unter seine Knie gestoßen.

Und auch der Freund, der noch handfester wie Reichardt war, wäre in diesem Handgemenge beinahe mit dem Kopfe zuunterst gekommen, wenn er nicht in diesem Augenblicke das eine Bein seines Gegners gewaltsam niedergezogen und den grünrot bebüschelten, gelbzähnigen Bauernknecht jach in die wütende Menge hineingeschleudert.

Aber da war ein Wunder gekommen.

Reichardt hat die Geschichte später oft erzählen müssen.

Die alte, blitzblank-blaue Steinschneiderbude war mit der klapperdürren Isabelle im Vorspann jach unter Krachen in die Lüfte gegangen und richtig wie in flatternden Fetzen zerfledert.

In diesem Augenblicke hupften und watschelten über die Wiese auch schon fünf große Dreschflegel her.

Die Dreschflegel hatten etwa zwanzig Schritt vom Wege an einer alten Scheunenwand gehangen.

Diese fünf Dreschflegel schlurten und schlüpften wie kurzbeinige Krokodile immer näher.

Einzelne Burschen, die am äußersten Ende der Kämpfenden durcheinanderstürzten und dieses unheimliche Ereignis mit Augen sahen, wurden fast starr vor Staunen und Schrecken.

Die Dreschflegel hüpften ungestört auf diese mühsame Weise bis auf den Jahrmarkt heran.

Dort fingen sie an, sich von selber etwa so hoch wie ein Mensch aufzurichten.

Da kam in das Wirrsal des Jahrmarktes ein richtiger panischer Schrecken.

Denn jetzt begannen die Dreschflegel, wie von Menschenarmen durch die Lüfte geschwungen, wild und rücksichtslos in das kämpfende Gesindel hineinzuschlagen.

Die tollsten Rädelsführer flohen plötzlich mit gesträubten Haaren.

Aber einer der Dreschflegel und dann ein zweiter hoben sich ihnen nach, wie vertrackte Flügelwesen in den Lüften surrend.

Unterdessen die anderen an alle Ecken und Enden des Jahrmarkts weiter gaukelten und schwankten, richtig wie Pinguine.

Und so kreuz und quer in die Runde hauend, fegten sie die wirrseligen Knäuel, als Reichardt und sein Freund sich längst aus dem Staube gemacht und nur noch manchmal von ferne staunend und lachend auf den zerflädernden Jahrmarktsplunder zurückgesehen.

*

Das war der Jahrmarkt von Prczichowitz.

Den haben die beiden Freunde in gutem Andenken behalten.

Auch wie sie auf der freien Kammhöhe neu ihre alte Wanderlust fühlten.

Dann erst waren sie tagelang unbehelligt den Kamm entlanggezogen. Allenthalben freundlich begrüßt von den Baudenleuten. Oder von einem einsamen Wandersmann, wie ihnen in der verspäteten Jahreszeit damals selten einer entgegenkam.

Die Welt, tief und fern, schwoll ihnen neu zu Herzen, je höher die Felshäupter von leisem Winde umwogt lagen, die Bergrücken sich hindehnten und alle Menschenwohnungen in den Tälern unten in Dunst versanken.

Erst am dritten Tage ihrer Wanderung stapften sie dem Koppenkegel zu.

Das einsame, flechtengelbe Steingetrümmer liegt hochgehalten in den Himmel.

Lose Nebel wehten und zerwehten über den steilen, steinigen Zickzackweg.

Eine lockende Kühle kam nach heißer Wanderung froh gefahren, die den leuchtenden Geröllhang auf und den leuchtenden Geröllhang hinunter huschte.

Die einsame, beglänzte Kapelle ragte über ihnen.

Der ganze Berg lag in einem zarten Rosenglanz.

Ein schier liebliches Geflüster herrschte allenthalben in den Lüften und umflatterte ihre Ohren wie ein ferner Sonnengesang.

Keiner von beiden konnte ein Wort aus der Kehle bringen, als sie endlich über die letzten Felsstufen auf die höchste, östliche, deutsche Landeswacht anstiegen.

Alles um sie schien Licht und Wohllaut.

Da haben sie ewig schweigend gestanden.

Da haben sie die Sonne und die ferne Welt und dazwischen den kleinen Klang des Steinpiepers über dem Flechtengetrümmer lange einsam tönen hören.

Wie traumwandelnd und selber mit heimlich singenden Sinnen.

Haben auch noch lange schweigend in der kleinen Kuppelkapelle gestanden, indessen Gustav Reichardt auf die leere Rückseite eines Briefes hastig diese Noten niederschrieb.

Und haben dann das frische Notenblättchen vor den Augen mit jungen, frohen Stimmen in die kleine Kuppelwölbung hoch und durch die offene Tür in die Berglüfte die alten Arndtworte in der neuen, eigenen Weise hinausgesungen:

»Was ist des Deutschen Vaterland!
Ist's Preußenland, ist's Schwabenland?
Ist's, wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist's, wo am Belt die Möve zieht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist's Bayernland, ist's Steierland?
Ist's, wo des Marsen Rind sich streckt?
Ist's, wo der Märker Eisen reckt?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist's Pommerland, Westfalenland?
Ist's, wo der Sand der Dünen weht?
Ist's, wo die Donau brausend geht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
Soweit die deutsche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder singt.
Das soll es sein!
Das große Deutschland soll es sein!«

Und Rübezahl?

Der saß unterdessen wie ein gewaltiger Flechtenblock gegen den Himmel und die sinkende Sonne, und hat urtrotzig wie ein Denker der Welt, der im höchsten Luftkreise atmet, dem Liede zugehört.

Und hat dazu seine Wunder spielen lassen.

Denn an diesem späten Augustabend haben die Leute in Böhmen und in Schlesien gleichermaßen, und wo immer man in der Ferne die Koppe ragen sah, gewähnt, als wäre der Koppenkegel von diesem Liede in lebendigen Brand geraten. So daß er von tausendfach flammender Lohe umgeben im lichtesten Feuer gen Himmel brannte.

Und es hat allen in den Tälern dabei heimlich in Ohren und Herzen geklungen, als wenn aus den höchsten Lüften her die kühnen Worte mit Windgeflatter herniederflögen:

»Das ganze Deutschland soll es sein!
O Gott vom Himmel sieh darein
Und gib uns rechten deutschen Mut,
Daß wir es lieben treu und gut.
Das soll es sein!
Das große Deutschland soll es sein!«

*

Das war der zweite historische Tag des Riesengebirges.

Das war eine kleine einsame Feier, als aus den Seelen und Kehlen der beiden Studenten, als käme es aus der Seele des ganzen deutschen Volkes, der alte Vaterlandswunsch in hellem Gesange ausfuhr:

»Das große Deutschland soll es sein!«

Und wer Zeit und Raum vergißt, sieht die beiden jungen Wandrer dort oben singend ragen, wenn der Koppenkegel von Goldwolken umgeben im Abendlicht glüht.

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