Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/rousseau/bekennt1/bekennt1.xml
typeautobiography
authorJean-Jacque Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Erster Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081207
projectid0f2df011
Schließen

Navigation:

1732

Schon seit einiger Zeit beabsichtigte Merceret, die von ihrer Herrin noch nicht die geringste Nachricht erhalten hatte, nach Freiburg zurückzukehren; jetzt bewog Giraud sie, ihren Entschluß zur Ausführung zu bringen. Sie that mehr; sie überzeugte sie, daß es gut wäre, wenn jemand sie zu ihrem Vater zurückbrächte, und schlug mich dazu vor. Die kleine Merceret, der ich ebenfalls nicht mißfiel, fand diesen Gedanken sehr gut. Noch an dem nämlichen Tage sprachen beide mit mir davon wie von einer abgemachten Sache, und da ich in dieser Art, über mich zu verfügen, nichts Beleidigendes sah, so willigte ich ein, indem ich glaubte, daß diese Reise höchstens acht Tage in Anspruch nehmen könnte. Die Giraud, die darüber andere Gedanken hegte, richtete alles ein. Ich konnte den Zustand meiner Geldverhältnisse nicht verschweigen. Man trug Fürsorge, die Merceret übernahm die Deckung meiner Reisekosten, und um diesen Mehraufwand wieder einzubringen, wurde auf meine Bitte abgemacht, daß wir nach Voraussendung ihres geringen Gepäckes in kleinen Tagereisen zu Fuße gehen sollten. Und so geschah es.

Es ärgert mich zu erzählen, daß so viele Mädchen in mich verliebt waren; da ich aber auf den Gewinn, den mir alle diese Liebeshändel eingetragen haben, nicht sehr stolz sein kann, glaube ich unbedenklich die Wahrheit sagen zu dürfen. Jünger und weniger gewitzigt als die Giraud, ist mir die Merceret nie so herausfordernd entgegengekommen; aber sie ahmte mir im Tone und in der Aussprache nach, wiederholte meine Lieblingsredensarten, erwies mir Aufmerksamkeiten, die ich ihr hätte erweisen müssen, und trug, da sie sehr furchtsam war, stets große Sorge dafür, daß wir in demselben Zimmer schliefen, eine Gemeinsamkeit, die sich, sobald ein junger Mann von zwanzig Jahren und ein Mädchen von fünfundzwanzig mit einander reisen, selten darauf beschränkt.

Dennoch geschah es diesmal. Meine Einfalt war der Art, daß mir während der ganzen Reise, obgleich die Merceret nicht unschön war, ich sage nicht die geringste galante Versuchung, sondern nicht einmal der entfernteste Gedanke daran kam; und wäre dieser Gedanke je in mir aufgestiegen, so wäre ich zu dumm gewesen, ihn zu verwerthen. Ich konnte mir keinen Begriff davon machen, wie ein Mädchen und ein Bursch dazu kommen könnten, zusammenzuschlafen; ich wähnte, dieses schreckliche Übereinkommen verlangte Jahrhundert lange Vorbereitungen. Wenn die arme Merceret darauf rechnete, daß ich sie dafür, daß sie mich frei hielt, schadlos halten würde, so täuschte sie sich sehr, und wir kamen in Freiburg eben so unschuldig an, als wir Annecy verlassen hatten.

Als wir durch Genf kamen, besuchte ich niemanden, aber auf der Brücke wäre ich beinahe krank geworden. Nie habe ich die Mauern dieser glücklichen Stadt sehen, nie sie betreten können, ohne von einer gewissen krankhaften Schwäche befallen zu werden, die in einer übergroßen Rührung ihren Grund hatte. Während das erhabene Bild der Freiheit meine Seele erhob, rührte mich der Anblick der Gleichheit, der Einigkeit, der Sittenreinheit bis zu Thränen und erfüllte mich mit tiefer Trauer, alle diese Güter verloren zu haben. In welchem Irrthume befand ich mich, und doch, wie natürlich war er nicht! Weil ich dies alles in meiner Seele trug, glaubte ich es auch in meinem Vaterlande zu sehen.

Auch durch Nyon führte uns der Weg. Es durchwandern, ohne meinen guten Vater zu sehen! Würde es mir an Muth dazu gefehlt haben, hätte ich mich zu Tode gegrämt. Ich ließ die Merceret im Gasthause und suchte ihn auf alle Gefahr hin auf. Ach, wie Unrecht hatte ich, mich vor ihm zu fürchten! Bei meinem Anblick öffnete sich sein Herz den väterlichen Gefühlen, die verschlossen in ihm ruhten. Wie viele Thränen flössen, als wir uns umarmten! Zuerst glaubte er, daß ich zu ihm zurückkehrte. Ich erzählte ihm, was ich erlebt und jetzt beschlossen hatte. Er machte wenig Einwendungen dagegen. Er zeigte mir die Gefahren, denen ich mich aussetzte, und meinte, die kürzesten Thorheiten wären die besten. Uebrigens gab er nicht einmal die Versuchung zu erkennen, mich mit Gewalt zurückzuhalten, und darin hatte er meines Erachtens Recht. Aber sicherlich that er, um mich zur Rückkehr zu veranlassen, nicht alles, was er hätte thun können; sei es, daß ich nach seiner Ansicht den einmal gethanen Schritt doch nicht zurückthun durfte, oder vielleicht auch aus Verlegenheit, was er in meinem Alter mit mir anfangen sollte. Später habe ich erfahren, daß er von meiner Reisegefährtin eine sehr unrichtige und weit von der Wahrheit entfernte, sonst aber sehr natürliche Meinung hatte. Meine Stiefmutter, eine gut und etwas süßliche Frau stellte sich, als ob sie mich zum Abendessen zurückhalten wollte. Ich blieb nicht, doch theilte ich ihnen meine Absicht mit, mich auf dem Heimwege länger bei ihnen zu verweilen, und gab ihnen mein kleines Packet, welches ich mit dem Schiffe hatte nachkommen lassen und das mir lästig war, in Verwahrung. Früh am folgenden Morgen machte ich mich wieder auf den Weg, voller Freude, meinen Vater gesehen und das Herz gehabt zu haben, meine Pflicht zu thun.

Wir langten glücklich in Freiburg an. Gegen das Ende der Reise erzeigte mir Fräulein Merceret bereits weniger Freundlichkeiten; nach unserer Ankunft trug sie nur noch Kälte gegen mich zur Schau, und ihr Vater, der nicht in Ueberfluß schwamm, bereitete mir ebenfalls keine allzu gastliche Aufnahme; ich suchte deshalb in der Herberge ein Unterkommen. Am nächsten Tage besuchte ich sie und nahm das mir angebotene Mittagsessen an. Keine Thränen flossen bei unserer Trennung, am Abend kehrte ich in mein Kosthaus zurück und trat am zweiten Tage nach meiner Ankunft die Rückreise wieder an, ohne mir darüber völlig klar zu sein, wohin ich denn gehen wollte.

Es war wieder einmal eine Gelegenheit in meinem Leben gewesen, wo mir die Vorsehung gerade das angeboten, was ich nöthig hatte, um mein Leben in glücklicher Ruhe hinzubringen. Die Merceret war ein sehr gutes, durchaus nicht glänzendes und schönes, aber auch keineswegs häßliches Mädchen, wenig lebhaft und von einigen kleinen Launen abgesehen, die nie mit stürmischen Folgen verbunden waren, sehr verständig. Sie hatte mich wirklich lieb; ich hätte sie ohne lange Bewerbung heirathen und das Geschäft ihres Vaters betreiben können; meine Neigung zur Musik hätte es mir lieb gemacht. Ich hätte mich dann in Freiburg niedergelassen, einer kleinen und nicht sehr hübschen Stadt, deren Bevölkerung sich aber durch Gutmüthigkeit auszeichnete. Manche Freuden wären mir zwar verloren gegangen, aber dafür würde ich bis zu meiner letzten Stunde in Frieden gelebt haben, und ich muß besser als irgend ein anderer wissen, daß ich um solchen Preis nicht hätte schwanken sollen.

Ich kam zurück, nicht nach Nyon, sondern nach Lausanne. Ich wollte mich wieder satt sehen an dem Anblick dieses schönen Sees, den man dort in seiner größten Ausdehnung überschaut. Der größte Theil meiner Beweggründe, von denen ich mich im Geheimen habe leiten lassen, ist nicht besser gewesen. Viele Zielpunkte haben selten Kraft genug, mich zum Handeln anzutreiben. Bei der Ungewißheit der Zukunft sind mir weitaussehende Pläne stets wie Lockspeisen für Narren vorgekommen. Ich überlasse mich der Hoffnung wie jeder andere, sobald sie sich leicht unterhalten läßt; ist sie indessen mit langer Mühe verbunden, so will ich nichts mehr von ihr wissen. Das geringste kleine Vergnügen, das ich mir verschaffen kann, ist mir verlockender als die Freuden des Paradieses. Dabei nehme ich jedoch das Vergnügen aus, auf welches Schmerz folgt; dieses setzt mich deshalb nicht in Versuchung, weil ich nur reine Genüsse liebe, und weil man diese nie empfindet, wenn man weiß, daß man sich damit Reue bereitet.

Es war durchaus nöthig, daß ich an irgend einem Orte, gleichgiltig an welchem, ankam, und der nächste war der beste, denn nachdem ich mich unterwegs verirrt hatte, befand ich mich des Abends in Moudon, wo ich das wenige Geld, das mir noch blieb, bis auf zehn Kreuzer, mit denen ich am folgenden Tage das Mittagsessen bestritt, ausgab. Als ich am Abend dieses Tages in einem kleinen Dorfe bei Lausanne anlangte, kehrte ich, ohne einen Sou zur Bezahlung meines Nachtlagers zu haben, und ohne zu wissen, was nun anfangen, in ein Wirthshaus ein. Ich hatte großen Hunger; ich verlor trotzdem nicht die Fassung und verlangte Abendbrot, als ob es mir an Geldmitteln nicht fehlte. Ich legte mich ohne schwere Sorgen nieder und schlief in aller Ruhe. Nachdem ich des Morgens gefrühstückt und mich mit dem Wirth berechnet, wollte ich ihm für die sieben Batzen, die ich zu zahlen hatte, meine Weste zum Pfande lassen. Der brave Mann lehnte sie ab und sagte zu mir, er hätte Gott sei Dank noch nie jemanden ausgezogen. Um sieben Batzen wollte er damit nicht anfangen, ich könnte meine Weste behalten und ihn bezahlen, sobald es mir möglich wäre. Ich wurde von seiner Güte gerührt, aber weniger, als ich es hätte werden sollen, und später auch wirklich geworden bin, so oft ich daran zurückdachte. Ich säumte nicht, ihm durch einen sicheren Mann sein Geld mit bestem Danke zuzuschicken; aber als ich fünfzehn Jahre später auf meiner Rückkehr aus Italien wieder durch Lausanne kam, that es mir aufrichtig leid, den Namen der Schenke und des Wirthes vergessen zu haben. Jedenfalls hätte ich ihn besucht; ich hätte ihn mit wahrer Freude an seine gute Handlung erinnert und ihm den Nachweis geliefert, daß sie nicht am unrechten Platze gewesen war. Ungleich wichtigere Dienste, die mir aber mit größerer Ostentation erwiesen wurden, sind mir nicht so dankenswerth erschienen, als die einfache und im Stillen geübte Menschenfreundlichkeit dieses redlichen Mannes.

Als ich mich Lausanne näherte, versenkte ich mich in Grübeleien über die bedrängte Lage, in der ich mich befand, über die Mittel, mich ihr zu entreißen, ohne meiner Schwiegermutter meine Noth bemerkbar zu machen, und verglich mich auf dieser Wanderung mit meinem Freunde Venture bei seiner Ankunft in Annecy. Dieser Gedanke erfüllte mich so vollkommen, daß ich völlig außer Acht ließ, wie mir ja sein artiges Benehmen und seine Talente abgingen, und es mir deshalb in den Kopf setzte, in Lausanne den kleinen Venture zu spielen, in der Musik, von der ich nichts verstand, Unterricht zu ertheilen und mich für einen Pariser auszugeben, obgleich ich nie in Paris gewesen war. Da es dort keine Kapellmeisterei gab, in der ich ein Unterkommen hätte finden können, und ich mich überdies hütete, mich unter die Leute vom Handwerk zu drängen, begann ich die Verwirklichung dieses schönen Planes mit der Nachfrage nach einem leidlichen und billigen Gasthofe. Man machte mich auf einen Herrn Perrotet aufmerksam, der Kostgänger hielt. Dieser Perrotet bewies sich mir gegenüber als der beste Mensch von der Welt und nahm mich sehr gut auf. Ich erzählte ihm meine kleinen Lügen, wie ich sie mir vorher zurecht gelegt hatte. Er versprach, mich zu empfehlen und sich zu bemühen, mir Schüler zu verschaffen, und versicherte, von mir erst Geld zu verlangen, wenn ich etwas verdient haben würde. Für Kost und Herberge waren fünf Weißthaler zu entrichten, eine für das Gebotene zwar geringe, aber für mich bedeutende Summe. Er rieth mir, zuerst mit der halben Kost fürlieb zu nehmen, welche zu Mittag nur aus einer guten Suppe, aber am Abend aus einem reichlichen Nachtessen bestand. Ich ging darauf ein. Der arme Perrotet gewährte mir alle diese Vortheile mit dem besten Herzen von der Welt und ließ nichts unversucht, um mir nützlich zu sein.

Weshalb muß ich von den guten Menschen, deren ich so viele in meiner Jugend angetroffen habe, in vorgerückterem Lebensalter nur so wenige finden? Sind ihrer keine mehr vorhanden? Das nicht; allein der Kreis, in dem ich sie jetzt suchen muß, ist nicht mehr derselbe, in welchem ich sie damals fand. Unter dem Volke, bei welchem die großen Leidenschaften nur in langen Zwischenräumen hervortreten, machen sich die natürlichen Gefühle öfter vernehmbar. In den höheren Lebensstellungen sind sie vollkommen erstickt, und unter der Maske des Gefühls redet nur der Eigennutz oder die Eitelkeit.

Von Lausanne aus schrieb ich an meinen Vater, der mir mein Packet schickte und mir vortreffliche Rathschläge ertheilte, die ich nur besser hätte benutzen sollen. Ich habe schon einige Augenblicke unbegreiflichen Wahnsinns aufgezeichnet, in denen ich ein ganz anderer Mensch war. Ich darf jetzt einen noch auffallenderen nicht verschweigen. Um zu erkennen, bis zu welchem Grade ich mich gleichsam venturisirt hatte, braucht man nur zu hören, eine welche Menge Tollheiten ich gleichzeitig beging. Ich gebarte mich als Gesanglehrer, ohne eine Melodie vom Blatte lesen zu können; denn wenn mir auch die sechs Monate, die ich bei Le Maître zugebracht, nützlich gewesen waren, so hätten sie doch noch immer nicht genügen können, aber obendrein hatte ich den Unterricht eines Meisters genossen, und der fällt immer schlecht aus. Pariser aus Genf und Katholik in einem protestantischen Lande, glaubte ich meinen Namen eben so gut wie meine Religion und mein Vaterland wechseln zu müssen. Ich suchte stets meinem großen Vorbilde nach besten Kräften nahe zu kommen. Hatte er sich Venture von Villeneuve genannt, so machte ich aus dem Namen Rousseau das Anagramm Vaussore und nannte mich Vaussore von Villeneuve. Venture konnte componiren; ich rühmte mich dessen gegen jedermann, ohne es zu können, und nicht im Stande, das geringste Gassenlied in Noten zu setzen, gab ich mich für einen Komponisten aus. Das ist noch nicht alles. Nachdem ich einem Herrn von Treytorens, einem Professor der Rechte und Musikfreund, der in seinem Hause Concerte veranstaltete, vorgestellt war, wollte ich ihm eine Probe meines Talentes geben und begann mit einer Dreistigkeit, als hätte ich wirklich etwas davon verstanden, ein Musikstück für ihn aufzusetzen. An diesem schönen Werke hatte ich die Ausdauer vierzehn Tage lang zu arbeiten, die Reinschrift zu besorgen, die Stimmen auszuschreiben und sie mit einer Zuversichtlichkeit zu vertheilen, als wäre es ein Meisterwerk von Harmonie gewesen. Ja, um dieses erhabene Kunstwerk würdig zu krönen, ließ ich es – es klingt unglaublich, ist aber vollkommen wahr – mit einem hübschen Menuet schließen, welches man schon auf allen Gassen hören konnte und dessen sich vielleicht noch alle Welt an den damals so bekannten Worten erinnert:

Quel caprice!
Quelle injustice!
Quoi, ta Clarice
Trahirait tes feux!

Venture hatte mir diese Melodie im Baß mit einem untergelegten zotigen Texte beigebracht, mit dessen Hilfe ich sie behalten hatte. Meine Composition ging also am Schlusse in dieses, im Basse durchgeführte Menuet mit Hinweglassung des Textes über, und ich gab es mit einer Keckheit für mein Machwerk aus, als hätte ich Leuten aus dem Monde diese Ueberzeugung aufdrängen wollen.

Man versammelt sich, um mein Stück aufzuführen. Ich lege jedem die Beobachtung des Taktes, die Art des Vortrages, die Berücksichtigung der Zeichen an das Herz, ich bin außerordentlich thätig. Man stimmt fünf oder sechs Minuten lang, die mir wie eben so viele Jahrhunderte vorkommen. Als endlich alles bereit ist, klopfe ich mit einer schönen Papierrolle einige Male auf mein Dirigentenpult, um Achtung zu gebieten. Tiefste Stille herrscht; feierlich beginne ich den Takt zu schlagen, man fängt an... Nein, so lange es französische Opern giebt, hat man eine ähnliche Katzenmusik nie vernommen. Was man auch von meinem Talente gedacht haben mochte, die Wirkung war schlimmer als alles, was man zu erwarten schien. Die Musiker erstickten vor Lachen; die Zuhörer rissen die Augen weit auf und würden sich am liebsten die Ohren zugestopft haben, aber da gab es keine Rettung. Meine Henker von Mitgliedern der Kapelle, die ein Vergnügen haben wollten, kratzten, um einem Tauben das Trommelfell zu sprengen. Ich quälte mich unverdrossen immer weiter ab, allerdings große Schweißtropfen vergießend, aber vor Scham unfähig, die Flucht zu ergreifen und alles im Stiche zu lassen. Um meine Verzweiflung voll zu machen, hörte ich, wie sich die Anwesenden einander oder vielmehr mir in die Ohren raunten, der eine: »Es läßt sich nichts Unerträglicheres denken;« ein anderer: »Was für eine Heidenmusik!« wieder ein anderer: »Was für ein Hexensabbath!« – Armer Jean-Jacques, in diesem furchtbaren Augenblicke hofftest du wahrhaftig nicht, daß deine Töne eines Tages vor dem Könige von Frankreich und seinem ganzen Hofe Gemurmel der Ueberraschung und des Beifalls hervorrufen würden, und daß in allen Logen um dich her sich die liebenswürdigsten Damen zuflüstern würden: »Welche reizende Töne! Welche entzückende Musik! Alle diese Klänge sprechen zum Herzen!«

Was aber alle Welt in die köstlichste Laune versetzte, war das Menuet. Kaum hatte man einige Takte desselben gespielt, als ich hörte, wie man auf allen Seiten in lautes Gelächter ausbrach. Jeder beglückwünschte mich zu meinem musikalischen Geschmacke. Man gab mir die Versicherung, dieses Menuet würde von sich reden machen, und mein Werk verdiente, überall gesungen zu werden. Ich brauche meine Herzensangst nicht weiter zu schildern noch zu bekennen, daß ich sie wohl verdient hatte.

Am nächsten Tage besuchte mich einer der Mitspielenden, Namens Lutold, und war ehrlich genug, mir nicht zu meinem Erfolge Glück zu wünschen. Das tiefe Bewußtsein meiner Dummheit, die Scham, die Reue, die Verzweiflung über die Lage, in welche ich mich gestürzt, die Unmöglichkeit, mein Herz in seiner Angst zu verschließen, bewogen mich, es ihm zu öffnen; ich ließ meinen Thränen freien Lauf, und anstatt mich darauf zu beschränken, ihm meine Unwissenheit einzugestehen, sagte ich ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles. Natürlich gelobte er mir Schweigen und hielt es, wie man sich denken kann. Noch an dem nämlichen Abend wußte ganz Lausanne, wer ich war, und eigentümlicherweise ließ es sich niemand mir gegenüber merken, nicht einmal der gute Perrotet, der trotz alledem nicht Anstand nahm, mir auch fernerhin Unterkommen und Unterhalt zu gewähren.

Ich lebte, aber in sehr traurigen Verhältnissen. Die Folgen eines derartigen ersten Auftretens machten aus Lausanne keinen sehr angenehmen Aufenthaltsort für mich. Die Schüler strömten nicht schaarenweise herbei; es erschien keine einzige Schülerin, und niemand aus der Stadt. Ich hatte im Ganzen zwei oder drei ungeschickte Deutsche, die so dumm waren, wie ich unwissend, mich bis zum Sterben langweilten und in meinen Händen keine großen Musikkenner wurden. Ich wurde in ein einziges Haus gerufen, in dem eine kleine Schlange von Mädchen sich den Spaß machte, mir viele Musikstücke zu zeigen, von denen ich nicht eine Note zu lesen vermochte, und welche sie darauf die Bosheit hatte, dem Herrn Lehrer vorzusingen, um ihm darzuthun, wie dergleichen vorgetragen werden müßte. Ich war so völlig unfähig, ein Musikstück vom Blatte zu lesen, daß es mir in dem erwähnten glänzenden Concerte nicht möglich war, dem Spiele nur einen Augenblick zu folgen, um zu beurtheilen, ob man meine eigene Composition, die ich vor mir hatte, richtig vortrüge.

Inmitten so großer Demüthigungen hatte ich an den Nachrichten, die ich dann und wann von den reizenden Freundinnen erhielt, einen gar süßen Trost. Ich habe in dem weiblichen Geschlechte stets eine große tröstende Kraft gefunden und bei allen Widerwärtigkeiten lindert meinen Kummer nichts mehr, als die Ueberzeugung, daß ein liebenswürdiges Wesen Antheil an denselben nimmt. Dieser Briefwechsel hörte jedoch bald nachher auf und wurde nie wieder angeknüpft; allein die Schuld lag an mir. Bei dem Wechsel meines Wohnsitzes ließ ich außer Acht, ihnen meine Adresse zu geben, und fortwährend gezwungen, nur an mich selbst zu denken, vergaß ich sie bald völlig.

Schon lange habe ich nicht von meiner armen Mama geredet; man irrt jedoch sehr, wenn man wähnt, ich habe sie auch vergessen. Unaufhörlich dachte ich an sie und sehnte mich nach ihr zurück, nicht allein aus Mittellosigkeit, sondern weit mehr aus Herzensbedürfnis. So lebhaft und zärtlich meine Zuneigung zu ihr auch war, so hielt mich dieselbe doch nicht ab, noch andere zu lieben, freilich nicht in gleicher Weise. Allen huldigte ich unterschiedslos um ihrer Reize willen; während aber bei den anderen meine Huldigung nur diesen galt und mit ihnen zugleich erloschen wäre, hätte Mama alt und häßlich werden können, ohne daß ich sie weniger zärtlich geliebt hätte. Die Verehrung, die ich erst ihrer Schönheit gezollt, hatte mein Herz ganz auf ihre Person übertragen, und bei allen Veränderungen ihres Aeußern hätten sich, sobald sie sich selbst treu blieb, meine Gefühle für sie nicht ändern können. Ich weiß wohl, daß ich ihr Erkenntlichkeit schuldig war, aber daran dachte ich wirklich nicht. Was sie auch für mich gethan oder nicht gethan hätte, es wäre stets das Nämliche gewesen. Ich liebte sie nicht aus Pflicht oder aus persönlichen Rücksichten; nein, ich liebte sie, weil ich dazu geboren war, sie zu lieben. Verliebte ich mich in eine andere, so zog mich das, wie ich gestehe, von ihr ab, und ich dachte weniger oft an sie; aber ich gedachte ihrer mit derselben Freude und, verliebt oder nicht verliebt, habe ich mich nie mit ihr beschäftigt, ohne zu fühlen, daß es für mich, getrennt von ihr, kein wahres Glück im Leben geben könnte.

Obgleich ich von ihr schon lange keine Nachrichten erhalten hatte, glaubte ich doch nie, daß ich sie völlig verloren hätte, noch daß sie im Stande gewesen wäre, meiner zu vergessen. Ich sagte mir: Früher oder später wird sie erfahren, daß ich umher irre, und wird mir irgend ein Lebenszeichen geben; ich werde sie wiederfinden, dessen bin ich sicher. Inzwischen war es für mich ein Genuß, in ihrer Heimat zu weilen, die Straßen zu durchwandeln, die ihr Fuß einst durchschritten, an den Häusern vorüber, in denen sie gewohnt, wenn ich mich hierbei auch nur auf Muthmaßungen verlassen konnte; denn zu meinen Wunderlichkeiten gehört auch, daß ich nicht den Muth hatte, mich nach ihr zu erkundigen oder auch nur ohne die dringendste Nothwendigkeit ihren Namen auszusprechen. Durch die blose Nennung ihres Namens glaubte ich alle Gefühle, die sie mir eingeflößt, zu verrathen, das Geheimnis meines Herzens zu enthüllen und sie einer bösen Nachrede auszusetzen. Ich glaube sogar, daß sich die Besorgnis hineinmischte, man könnte mir Schlechtes von ihr erzählen. Man hatte viel von ihrer Flucht aus der Heimat und ein wenig von ihrer Aufführung gesprochen. Aus Furcht, man könnte ihr nicht das nachsagen, was ich zu hören wünschte, wollte ich lieber gar nicht von ihr reden hören.

Da meine Schüler mich nicht sehr beschäftigten und ihre Geburtsstadt nur vier Meilen von Lausanne entfernt war, reiste ich auf zwei oder drei Tage dorthin, während deren ich mich unaufhörlich in der süßesten Erregung befand. Der Anblick des Genfersees und seiner herrlichen Ufer hatte in meinen Augen stets einen eigenthümlichen Reiz, den ich mir nicht zu erklären weiß und der nicht allein von der Schönheit des Panoramas herrührt, sondern von etwas noch Fesselnderem, das mich angenehm berührt und ergreift. So oft ich mich dem Waadtlande nähere, erhalte ich einen Eindruck, der durch die Erinnerung an Frau von Warens, welche dort geboren ist, an meinen Vater, der dort lebte, an Fräulein von Vulson, für die zum ersten Male mein Herz in Flammen gerieth, an mehrere Vergnügungsreisen, die ich in meiner Jugend darin machte, und, wie ich glaube, an etwas noch Geheimeres und Stärkeres als dies alles hervorgerufen wird. Allen diesen Erinnerungen hat Rousseau in der Neuen Heloise Ausdruck gegeben. Wenn das glühende Verlangen nach einem solchen glücklichen und ruhigen Leben, das mich flieht und für das ich geboren wurde, meine Einbildungskraft entzündet, so versetzt sie mich immer in das Waadtland, an den See, in die reizenden Landschaften ringsumher. Ich bedarf durchaus eines Obstgartens am Ufer dieses Sees und keines andern; ich bedarf eines zuverlässigen Freundes, einer liebenswürdigen Frau, einer Kuh und eines Bootes. Nie werde ich hienieden ein vollkommenes Glück genießen, als bis ich dies alles habe. Ich lache über die Einfalt, in der ich mehrere Male in dieses Land gekommen bin, einzig und allein um dieses eingebildete Glück darin zu suchen. Ich war stets verwundert, die Bewohner desselben, namentlich die Frauen, von einem ganz andern Charakter zu finden, als ich vorausgesetzt hatte. Welcher Widerspruch schien mir doch darin zu liegen! Das Land und seine Bevölkerung sind mir nie wie für einander geschaffen vorgekommen.

Auf dieser Reise nach Vevay versenkte ich mich, das schöne Ufer entlang gehend, in die süßeste Schwermuth. In heißer Glut stürzte sich mein Herz in tausenderlei unschuldige Wonnen; ich wurde gerührt, ich seufzte und weinte wie ein Kind. Wie oft unterbrach ich meine Wanderung, um mich, auf einem Felsblocke sitzend, nach Herzenslust auszuweinen, und hatte meine Lust daran, wenn ich sah, wie meine Thränen in das Wasser fielen.

In Vevay wohnte ich im »Schlüssel«, und während der zwei Tage, die ich daselbst blieb, ohne jemand zu besuchen, faßte ich für diese Stadt eine Vorliebe, die mich auf allen meinen Reisen begleitete und mich endlich bewog, die Helden meines Romans dorthin zu versetzen. Ich möchte allen, die Schönheitsgefühl und Empfänglichkeit besitzen, den Rath geben: Gehet nach Vevay, lernet das Land kennen, betrachtet die Landschaft, machet Lustfahrten auf dem See und saget selbst, ob nicht die Natur dieses schöne Land für eine Julie, für eine Clara und für einen Saint-Preux geschaffen hat. Aber suche sie nicht darin! – Ich komme jetzt zu meiner Geschichte zurück.

Da ich Katholik war und mich als solchen bekannte, nahm ich ohne Heimlichkeit und ohne Bedenken an den Gottesdiensten des Glaubens Theil, zu dem ich übergetreten war. Bei schönem Wetter besuchte ich Sonntags die Messe in Assens, zwei Meilen von Lausanne. Gewöhnlich machte ich diesen Weg mit anderen Katholiken, namentlich mit einem Pariser Sticker, dessen Namen ich vergessen habe. Er war kein Pariser gleich mir, nein, er war ein echter Pariser aus Paris, ein Erzpariser und dabei eine kreuzbrave Seele, gutmüthig wie ein Kind der Champagne. Er liebte seine Heimat so sehr, daß er meine Landsmannschaft nie in Zweifel setzen wollte, aus Furcht, diese Gelegenheit zu verlieren, von ihr zu reden. Herr von Cronzas, der Patrimonialrichter, hatte ebenfalls einen Pariser, aber einen weniger umgänglichen, zum Gärtner, der den Ruhm seiner Vaterstadt für gefährdet hielt, wenn man sich ihrer zu rühmen wagte, ohne auf dieses Glück Anspruch machen zu können. Er fragte mich mit der Miene eines Mannes aus, der seiner Sache sicher war, mich auf einem Fehler zu ertappen, und lächelte dann boshaft. Einmal fragte er mich, was für Merkwürdiges sich auf dem Neumarkt fände. Ich machte, wie man sich denken kann, leere Redensarten. Nachdem ich zwanzig Jahre in Paris zugebracht habe, muß ich jetzt diese Stadt kennen; wenn man mir jedoch heut die nämliche Frage vorlegte, würde ich nicht weniger verlegen sein, darauf zu antworten, und man würde aus dieser Verlegenheit eben so gut den Schluß ziehen können, daß ich nie in Paris gewesen sei; in so hohem Grade ist man selbst bei voller Wahrheit der Gefahr ausgesetzt, sich auf irre führende Gründe zu stützen.

Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich mich in Lausanne aufhielt. Ich brachte aus dieser Stadt keine bleibenden Erinnerungen mit. Ich weiß nur, daß ich aus Mangel an Verdienst von dort nach Neufchâtel ging und daselbst den Winter verlebte. In letzterer Stadt hatte ich größeren Erfolg; ich bekam dort Schüler und verdiente genug, um meinem guten Freunde Perrotet, der mir trotz meiner großen Schuld bei ihm mein kleines Gepäck treulich nachgeschickt hatte, dieselbe abtragen zu können.

Nach und nach lernte ich beim Unterrichten die Musik. Mein Leben war ziemlich angenehm; ein vernünftiger Mensch hätte sich damit begnügen können, allein mein unruhiges Herz verlangte nach etwas Anderem. Sonntags und an meinen freien Tagen durchstrich ich die Umgegend und die benachbarten Wälder, stets umherirrend, träumend, seufzend, und so oft ich einmal die Stadt verlassen hatte, kehrte ich nie vor Abend zurück. Als ich einst in Boudry in eine Schenke einkehrte, um zu Mittag zu essen, traf ich daselbst einen langbärtigen Mann in einem violetten Gewande nach griechischer Tracht, mit verbrämter Mütze, von ziemlich vornehmem Aeußern und Wesen, der sich nur schwer verständlich machen konnte, da er ein fast kaum zu errathendes Kauderwelsch sprach, das jedoch mehr vom Italienischen als von jeder anderen Sprache enthielt. Ich verstand fast alles, was er sagte, und zwar ich allein; mit dem Wirthe und den Landleuten vermochte er sich nur durch Zeichen zu verständigen. Ich redete ihn italienisch an und er verstand mich vollkommen; er stand auf und umarmte mich voller Freuden. Die Bekanntschaft war bald geschlossen, und von diesem Augenblicke an diente ich ihm als Dolmetscher. Sein Essen war gut, das meinige noch nicht mittelmäßig; er lud mich ein, an dem seinigen Theil zu nehmen, und ich ließ mich nicht lange nöthigen. Beim Trinken und Radebrechen wurden wir vollends vertraut und gegen Ende des Mahls waren wir unzertrennlich. Er erzählte mir, er wäre ein griechisch-katholischer Prälat und Archimandrit von Jerusalem und hätte den Auftrag, in Europa eine Sammlung zur Wiederherstellung des heiligen Grabes vorzunehmen. Er zeigte mir schön ausgestattete Erlaubnisscheine der Zarin und des Kaisers; auch besaß er deren noch eine große Zahl von anderen Fürsten. Er war mit dem Ertrage seiner bisherigen Sammlung ziemlich zufrieden; aber in Deutschland hätte er unglaubliche Mühe gehabt, da er weder ein Wort Deutsch noch Lateinisch noch Französisch verstand und sich lediglich mit seinem Griechisch, Türkisch und der lingua franca durchhelfen mußte, was ihm in dem Lande, in welches er sich hineingewagt hatte, wenig Nutzen gewährte. Er machte mir den Vorschlag, ihn als Secretär und Dolmetscher zu begleiten. Trotz meines ziemlich neuen Röckleins, welches zu meiner neuen Stellung gar nicht übel paßte, war mein Aeußeres doch im Ganzen so ärmlich, daß er mich ohne Mühe zur Annahme seines Anerbietens zu bewegen hoffte, und er irrte sich nicht. Unser Vertrag war binnen Kurzem abgeschlossen; ich verlangte nichts, und er versprach viel. Ohne Bürgschaft, ohne Sicherheit, ohne nähere Bekanntschaft vertraue ich mich seiner Leitung an, und bereits der nächste Morgen sieht mich auf dem Wege nach Jerusalem.

Wir begannen unsere Rundreise mit dem Canton Freiburg, in dem er keine glänzenden Geschäfte machte. Die bischöfliche Würde gestattete ihm nicht, den Bettler zu spielen und Privatleute anzusprechen; wir beschränkten uns deshalb darauf, den Senat von seinem Auftrage in Kenntnis zu setzen, der ihm eine kleine Summe bewilligte. Von dort ging es nach Bern. Wir wohnten im Falken, einem damals vorzüglichen Gasthause, in dem es an guter Gesellschaft nie fehlte. Die von zahlreichen Gästen besetzte Tafel war stets gut versehen. Ich hatte mich lange mit schlechter Kost begnügen müssen und fühlte sehr das Bedürfnis, meinen Leib zu pflegen; die Gelegenheit dazu war da und ich benutzte sie. Seine Hochwürden, der Herr Archimandrit, war selbst ein guter Gesellschafter, ein großer Tafelfreund, heiter, ein guter Erzähler für die, welche ihn verstehen konnten, auf einzelnen Gebieten ziemlich kenntnisreich und befähigt, seine griechische Gelehrsamkeit leuchten zu lassen. Als er eines Tages beim Nachtische Nüsse knackte, schnitt er sich dabei tief in die Fingerspitze, und da eine starke Blutung eintrat, zeigte er der Gesellschaft seinen Finger und sagte lachend: Mirate, signori, questo é sangue pelasgo.

In Bern war meine Vermittlung nicht vergeblich, und ich zog mich nicht so übel aus der Sache, wie ich befürchtet hatte. Ich war weit kühner und beredter, als ich für meine eigene Person gewesen wäre. Die Angelegenheit hatte nicht einen eben so leichten Verlauf wie in Freiburg. Es waren langweilige und häufige Verhandlungen mit den Ersten des Staates nöthig, und die Prüfung seiner Beglaubigungen ließ sich nicht an einem Tage abmachen. Nachdem endlich alles in Ordnung war, erhielt er Zutritt zum Senat. Als sein Dolmetscher wurde ich ebenfalls vorgelassen, und man forderte mich zu reden auf. Ich hatte mich auf nichts weniger gefaßt gemacht und es mir nicht in den Sinn kommen lassen, daß es nach so langen Unterhandlungen mit den einzelnen Mitgliedern noch einer besonderen Ansprache an die ganze Körperschaft bedürfen könnte, als ob noch gar nichts gesagt worden wäre. Man denke sich meine Verlegenheit! Für einen so schüchternen Menschen, nicht allein öffentlich, sondern sogar vor dem Berner Rathe zu reden, und sofort ganz unvorbereitet zu reden – das, sollte man meinen, hätte mich völlig vernichten müssen. Aber ich wurde dadurch nicht einmal eingeschüchtert. Ich setzte den Auftrag des Archimandriten kurz und deutlich auseinander. Ich lobte die Mildthätigkeit der Fürsten, welche zu der Sammlung, die vorzunehmen sein Zweck war, beigetragen hatten. In der Absicht, die ihrer Excellenzen zum Wetteifer anzutreiben, fügte ich hinzu, daß sich von ihrer gewöhnlichen Opferfreudigkeit nicht weniger erwarten ließe, und nachdem ich mich bemüht hatte, dieses gute Werk als ein für alle Christen ohne Unterschied des Bekenntnisses gleich verdienstliches hinzustellen, schloß ich, indem ich allen, welche daran Theil nehmen würden, die Segnungen des Himmels verhieß. Ich will nicht gerade sagen, daß meine Rede Aufsehen erregte, aber sie fand jedenfalls Beifall, und beim Verlassen des Audienzsaales erhielt der Archimandrit ein sehr ansehnliches Geschenk und außerdem Glückwünsche über die Talente seines Secretärs, die ich zu verdolmetschen die angenehme Aufgabe hatte, aber nicht wörtlich wieder zu geben wagte. Das war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich öffentlich und vor dem Staatsoberhaupte, und auch vielleicht das einzige Mal, daß ich dreist und gut geredet habe. Welche Verschiedenheit in den Stimmungen des nämlichen Menschen! Als ich vor drei Jahren bei meinem alten Freunde Roguin zu Yverdun auf Besuch war, empfing ich eine Deputation, die mir im Namen der Stadt ihren Dank für einige Bücher, welche ich der dortigen Bibliothek geschenkt hatte, aussprechen sollte. Die Schweizer sind große Redner, diese Herren hielten nun auch eine feierliche Ansprache an mich. Ich hielt mich für verpflichtet zu antworten; aber ich verwickelte mich bei meiner Antwort in einer Weise, und der Kopf schwindelte mir derartig, daß ich stecken blieb und mich mußte auslachen lassen. Obgleich von Natur blöde, bin ich in meiner Jugend bisweilen kühn gewesen, nie dagegen in vorgerückterem Alter. Je mehr ich die Welt kennen lernte, desto weniger habe ich mich in ihren Ton schicken können.

Von Bern begaben wir uns nach Solothurn, denn der Archimandrit hatte die Absicht, die Reise durch Deutschland wieder aufzunehmen und von dort die Rückreise durch Ungarn oder Polen anzutreten, was einen unendlich langen Weg bedingte, doch da sich seine Börse unterwegs mehr füllte als leerte, so scheute er die Umwege wenig. Ich für meine Person, der ich an Reisen zu Pferde fast das gleiche Gefallen fand wie an denen zu Fuß, hätte nichts Besseres verlangt, als auf diese Weise mein ganzes Leben lang zu reisen; aber das Verhängnis wollte, daß ich nicht so weit kommen sollte.

Das Erste, was wir nach unserer Ankunft in Solothurn thaten, war, daß wir den französischen Gesandten begrüßten. Zum Unglück für meinen Bischof bekleidete die Stelle eines Botschafters damals der Marquis von Bonac, der bei der hohen Pforte Gesandter gewesen war und deshalb von allem, was mit dem heiligen Grabe in Verbindung stand, Kenntnis haben mußte. Der Archimandrit hatte eine Audienz von einer Viertelstunde, zu der ich nicht zugelassen wurde, weil der Gesandte die lingua franca verstand und italienisch wenigstens eben so gut sprach als ich. Als mein Grieche herauskam, wollte ich ihm folgen, aber man hielt mich zurück, denn nun kam ich an die Reihe. Da ich mich für einen Pariser ausgegeben hatte, stand ich als solcher unter der Gerichtsbarkeit seiner Excellenz. Dieselbe fragte mich, wer ich wäre, und ermahnte mich, die Wahrheit zu bekennen. Ich versprach sie ihr, indem ich um eine Privataudienz bat, die mir zugestanden wurde. Der Gesandte führte mich in sein Arbeitszimmer, dessen Thüre er hinter uns schloß, und nachdem ich mich ihm dort zu Füßen geworfen hatte, hielt ich Wort. Ich würde es eben so gut gethan haben, wenn ich es auch nicht versprochen hätte, denn ein beständiges Bedürfnis nach Herzensergießung legt mir jeden Augenblick das Herz auf die Lippen. Hatte ich vorher dem Musiker Lutold rückhaltslos mein Herz ausgeschüttet, so hatte ich jetzt noch weniger Grund, dem Marquis von Bonac gegenüber den Geheimnisvollen zu spielen. Er war mit meiner kleinen Geschichte und der Aufrichtigkeit, mit der ich sie, wie er sah, erzählt hatte, so zufrieden, daß er mich bei der Hand nahm, mit mir zu seiner Frau ging und mich ihr vorstellte, indem er ihr meine Erzählung in kurzen Worten mittheilte. Frau von Bonac empfing mich mit großer Güte und meinte, man dürfte mich mit diesem griechischen Mönche nicht ziehen lassen. Man entschied sich dahin, daß ich im Gesandtschaftshotel bleiben sollte, bis man sähe, was man aus mir machen könnte. Ich wollte mich zu meinem armen Archimandriten begeben, den ich liebgewonnen hatte, und ihm Lebewohl sagen, allein man gestattete es mir nicht. Man setzte ihn von meiner Verhinderung in Kenntnis, und schon eine Viertelstunde später sah ich meinen kleinen Reisesack ankommen. Gewissermaßen wurde dem Herrn de la Martinière, dem Secretär der Gesandtschaft, die Sorge für mich übertragen. Als er mich in das für mich bestimmte Zimmer führte, sagte er zu mir: »Unter dem Grafen du Luc ist dieses Zimmer von einem berühmten Manne bewohnt worden, der denselben Namen trug wie Sie. Es hängt nur von Ihnen ab, ihn in jeder Weise zu ersetzen, daß es eines Tages heißt: Rousseau der Erste, Rousseau der Zweite.« Diese Gleichheit, auf welche ich damals keineswegs rechnete, würde meinem Verlangen, dieses Ziel zu erreichen, weniger geschmeichelt haben, wenn ich hätte voraussehen können, mit welchem Preise ich sie eines Tages erkaufen würde.

Die Worte des Herrn de la Martinière erfüllten mich mit Neugier. Ich las die Werke dessen, der vor mir dieses Zimmer bewohnt hatte, und da mich nach der Schmeichelei, die man mir gesagt, der Wahn erfaßte, ich hätte dichterische Begabung, so dichtete ich zum Versuche ein Loblied auf Frau von Bonac. Diese Begabung bewährte sich jedoch nicht. Von Zeit zu Zeit habe ich mittelmäßige Verse gemacht; man kann sich dadurch ziemlich gut auf elegante Wendungen einüben, und eine bessere Prosa schreiben lernen, aber ich habe in der französischen Poesie nie Reiz genug gefunden, um mich ihr völlig hinzugeben. Var.: ... völlig hinzugeben, und würde in ihr wahrscheinlich geringe Erfolge erzielt haben.

Herr de la Martinière wollte meine Schreibweise kennen lernen und verlangte, ich sollte ihm das, was ich dem Gesandten erzählt, ausführlich aufschreiben. Ich schrieb ihm einen langen Brief, welchen, wie ich höre, Herr von Marianne, der dem Marquis von Bonac schon seit langer Zeit beigegeben war und später, als Herr von Courteilles die Gesandtschaft übernahm, der Nachfolger des Herrn de la Martinière wurde, aufbewahrt hat. Ich habe Herrn von Malesherbes gebeten, mir eine Abschrift dieses Briefes zu verschaffen. Wenn ich sie durch ihn oder durch andere erhalten kann, wird man sie in der Sammlung finden, welche als Anhang meiner Bekenntnisse erscheinen soll.

Die Erfahrung, welche ich allmählich gewann, hielt meine romantischen Pläne und Hoffnungen nach und nach in den gehörigen Schranken; so wurde ich zum Beispiel nicht nur nicht verliebt in Frau von Bonac, sondern fühlte auch augenblicklich, daß mir das Haus ihres Mannes keine großen Aussichten bot. Bei der Stellung des Herrn de la Martinière und der Anwartschaft des Herrn von Marianne konnte ich höchstens auf die Stelle eines Untersecretärs rechnen, die für mich nicht viel Verlockendes hatte. Aus diesem Grunde bezeigte ich, als man mich über das, was ich anzufangen gedächte, befragte, große Lust nach Paris zu gehen. Dem Herrn Gesandten gefiel dieser Gedanke, dessen Ausführung ihn wenigstens von mir befreien mußte. Herr von Merveilleux, Dolmetscher der Gesandtschaft, sagte, sein Freund Godard, Schweizeroberst in französischen Diensten, suchte für seinen Neffen, der sehr jung in den Dienst träte, einen Gefährten, und er dächte, ich würde seinem Freunde gefallen. Auf diese ziemlich leichtsinnig gefaßte Hoffnung hin wurde meine Abreise beschlossen, und ich, der ich wieder Aussicht auf eine Reise hatte und noch dazu nach Paris, schwelgte in Wonne. Man gab mir unter vielen guten Lehren einige Briefe und hundert Francs Reisegeld, und ich machte mich auf den Weg.

Ich gebrauchte zu diese Reise vierzehn Tage, die ich zu den glücklichen meines Lebens zählen kann. Ich war jung, befand mich wohl, hatte reichlich Geld, viel Hoffnung, reiste zu Fuß und reiste allein. Die Aufzählung des letzten Vortheils müßte Verwunderung erregen, hätte man sich nicht schon mit meiner Gemüthsart vertraut machen müssen. Meine freundlichen Traumbilder leisteten mir Gesellschaft, und nie hat die Glut meiner Einbildungskraft reizendere erzeugt. Bot mir jemand einen Platz auf einem Wagen an, oder redete mich jemand unterwegs an, so machte ich ein finsteres Gesicht, da ich befürchtete, das Luftschloß, das ich mir beim Wandern baute, einstürzen zu sehen. Diesmal waren meine Gedanken kriegerisch. Ich war auf dem Wege mich einem Soldaten anzuschließen und selbst Soldat zu werden; denn man war darüber einig geworden, daß ich meine militärische Laufbahn als Cadet beginnen sollte. Ich glaubte mich schon in Officieruniform mit einem schönen weißen Federbusch zu sehen. Mein Herz schwoll bei diesem stolzen Gedanken. Ich besaß einige oberflächliche Kenntnis von Geometrie und Befestigungskunst; ich hatte einen Ingenieur zum Onkel, ich trat gewissermaßen in seine Fußstapfen ein. Meine Kurzsichtigkeit bot zwar ein kleines Hindernis dar, das mich jedoch nicht in große Verlegenheit setzte; diesen Fehler gedachte ich durch Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit auszugleichen. Der Marschall Schomberg war, wie ich gelesen hatte, kurzsichtig gewesen; weshalb sollte es also der Marschall Rousseau nicht sein? Ich gerieth bei diesen Thorheiten dergestalt in Hitze, daß ich nur noch Truppen, Wälle, Schanzkörbe und Batterien und mich mitten im Feuer und Pulverdampf sah, meine Befehle ruhig mit der Lorgnette in der Hand ertheilend. Sobald ich jedoch durch freundliche Gegenden kam, sobald ich Gehölze und Bäche sah, mußte ich bei diesem rührenden Anblicke seufzen. Mitten in den Bildern meines Kriegsruhmes fühlte ich, daß mein Herz nicht für solches Getümmel geschaffen war, und ohne zu wissen wie, fand ich mich bald wieder inmitten meiner lieben Schäfereien, für immer auf die Thaten des Kriegsgottes verzichtend.

Wie wurde ich doch bei meinem Eintritte in Paris in meinen Erwartungen enttäuscht! Das zierliche Aeußere, das ich in Turin wahrgenommen, die Schönheit der Straßen, die Regelmäßigkeit und Gleichheit in der Straßenflucht der Häuser hatten mich in Paris noch ganz andere Dinge erwarten lassen. Ich hatte mir eine eben so schöne wie große Stadt vorgestellt, die einen Bewunderung erregenden Anblick gewährte und in der man nichts als prachtvolle Straßen, Paläste von Marmor und Gold erblickte. Als ich die Vorstadt St. Marceau durchschritt, gewahrte ich nur kleine, unreine und stinkende Gassen, häßliche schmutzige Häuser, Unsauberkeit, Armuth, Bettler, Fuhrleute, alte Klatschweiber, Ausruferinnen von Tisane und alten Hüten. Alles dies machte von Anfang an einen solchen Eindruck auf mich, daß ihn alles, was ich in Paris späterhin von wirklicher Pracht gesehen habe, nicht hat zerstören können und mir von da an stets ein geheimer Widerwille gegen den Aufenthalt in dieser Hauptstadt geblieben ist. Ich kann behaupten, daß ich die ganze Zeit, welche ich späterhin daselbst verlebt habe, nur zur Aufbringung der Mittel verwandte, um fern von ihr leben zu können. Das ist die Frucht einer zu lebhaften Einbildungskraft, welche die Uebertreibungen der Menschen von neuem übertreibt und immer mehr sieht als das, was man ihr sagt. Man hatte mir Paris so sehr gerühmt, daß ich es mir wie das alte Babylon vorgestellt hatte, von dessen mir selbst entworfenem Bilde ich wahrscheinlich, wenn ich es in Wirklichkeit gesehen, eben so viel hätte hinfortnehmen müssen. Dasselbe widerfuhr mir in der Oper, die ich mich beeilte schon den Tag nach meiner Ankunft zu besuchen; dasselbe später in Versailles; noch später, als ich zum ersten Mal das Meer erblickte; und eben so wird es mir immer ergehen, wenn sich meinen Augen ein mir zu sehr angepriesenes Schauspiel zeigt; denn es ist den Menschen unmöglich und der Natur selbst schwer, meine Einbildungskraft am Reichthum zu überbieten.

Nach der mir von allen, an die ich Empfehlungsbriefe hatte, zu Theil gewordenen Aufnahme glaubte ich mein Glück gemacht. Der, welchem ich am dringendsten empfohlen war und der mich am wenigsten freundlich empfing, war Herr von Surbeck, der den Dienst aufgegeben hatte und ein philosophisches Leben in Bagneux führte, wo ich ihn mehrmals besuchte und er mir auch nicht einmal ein Glas Wasser anbot. Einen bessern Empfang bereitete mir Frau von Merveilleux, die Stiefschwester des Dolmetschers, und sein Neffe, ein Gardeofficier. Nicht allein nahm mich Mutter wie Sohn freundlich auf, sondern sie boten mir auch ihren Tisch an, ein Anerbieten, das ich auch während meines Aufenthalts in Paris häufig benutzte. Frau von Merveilleux schien mir schön gewesen zu sein. Ihr Haar zeichnete sich durch ein schönes Schwarz aus und fiel nach alter Sitte in Schmachtlocken über die Schläfe hinab. Geblieben war ihr, was mit den äußeren Reizen nicht dahin stirbt, ein sehr liebenswürdiger Charakter. Ihr schien der meinige zu gefallen, und sie that alles, was sie vermochte, um sich mir gefällig zu erzeigen; allein niemand war ihr dabei behilflich, und ich war über all diesen großen Antheil, den man scheinbar an mir genommen, bald enttäuscht. Man muß den Franzosen indessen Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie erschöpfen sich nicht so sehr, wie man behauptet, in Versprechungen, und die, welche sie machen, sind fast stets aufrichtig gemeint; aber sie haben eine Weise, sich scheinbar für dich zu interessiren, die mehr täuscht als Worte. Die groben Schmeicheleien der Schweizer können nur Thoren irreführen. Das Benehmen der Franzosen ist dabei schon um deshalb verführerischer, weil es einfacher ist; man sollte glauben, daß sie dir nicht alles sagen, was sie thun wollen, um dich um so angenehmer zu überraschen. Ja, ich sage noch mehr: sie sind in ihren Kundgebungen nicht falsch; sie sind von Natur dienstfertig, menschenfreundlich, wohlwollend und, was man auch darüber sagen möge, sogar wahrer, als irgend ein anderes Volk; aber sie sind leichtsinnig und unbeständig. Sie haben wirklich die Gesinnung, die sie dir zu erkennen geben; aber diese Gesinnung vergeht, wie sie gekommen ist. So lange sie mit dir reden, sind sie voll von dir; sehen sie dich nicht mehr, so vergessen sie dich. Sie haben für nichts ein bleibendes Gedächtnis; bei ihnen ist alles ein Werk des Augenblicks.

Mir wurden viele äußere Freundlichkeiten, aber wenig wahre Dienste erwiesen. Der Oberst Godard, für dessen Neffen ich bestimmt war, entpuppte sich als ein alter filziger Geizhals, der mich, obgleich er im Golde wühlte, bei der Wahrnehmung meiner Noth für nichts haben wollte. Ich sollte bei seinem Neffen eher eine Art von unbesoldetem Diener als ein wirklicher Hofmeister sein. Beständig an seine Person gefesselt und um deswillen vom Dienst befreit, sollte ich von meinem Sold als Kadet, das heißt vom Soldatentractamente, leben, und kaum verstand er sich dazu, mir die Uniform zu geben; nach ihm hätte ich mich mit der vom Regimente gelieferten begnügen sollen. Ueber solche schmachvolle Anerbietungen empört, bewog mich Frau von Merveilleux selbst, sie abzulehnen; ihr Sohn theilte ihre Ansicht vollkommen. Man suchte nach anderen Auswegen, fand aber keine. Mittlerweile trat die Noth immer näher an mich heran; mit hundert Francs, welche zur Bestreitung meiner Reisekosten hatten dienen sollen, konnte ich nicht lange ausreichen. Glücklicherweise erhielt ich von dem Herrn Gesandten noch einen kleinen Zuschuß, der mir sehr zu Statten kam, und ich bin überzeugt, daß er mich bei längerer Geduld nicht im Stich gelassen hätte; aber ruhig abwarten, flehen sind für mich Dinge der Unmöglichkeit. Ich verlor den Muth, erschien nicht mehr, und alles war zu Ende. Meine arme Mama hatte ich nicht vergessen; aber wie sie finden? wo sie suchen? Frau von Merveilleux, die meine Geschichte kannte, hatte mir bei meinen Nachforschungen hilfreiche Hand geleistet, und lange Zeit vergebens. Endlich benachrichtigte sie mich, daß Frau von Warens bereits vor zwei Monaten wieder abgereist wäre, daß man jedoch nicht wüßte, ob sie nach Savoyen oder nach Turin gegangen, und daß sie sich nach den Behauptungen einiger nach der Schweiz zurückgewandt hätte. Mehr bedurfte es nicht, um mich zu dem Entschlusse zu bringen, ihr zu folgen, indem ich völlig überzeugt war, daß ich sie, wo sie sich auch immer aufhalten möchte, in der Provinz leichter auffinden würde, als es mir in Paris möglich gewesen wäre.

Vor der Abreise übte ich noch mein neues poetisches Talent in einer Epistel an den Oberst Godard, in der ich ihn nach bestem Vermögen durchhechelte. Ich zeigte dieses Machwerk der Frau von Merveilleux, die mich nicht, wie sie hätte thun sollen, auszankte, sondern im Gegentheile über meinen bittern Spott recht herzlich lachte, eben so wie ihr Sohn, der, wie ich glaube, kein Freund des Herrn Godard war, und man muß gestehen, daß er keine freundschaftlichen Gefühle einflößen konnte. Ich war versucht, ihm das Erzeugnis meiner Muse zuzuschicken; sie ermuthigten mich dazu; ich machte also ein Packet, schrieb seine Adresse darauf, und da es damals noch keine Stadtpost in Paris gab, steckte ich es in die Tasche und sandte es ihm von Auxerre aus, welches ich auf meiner Rückreise berührte. Noch jetzt lache ich bisweilen, wenn ich an die Gesichter denke, welche er bei der Durchlesung dieses Lobgesanges, in dem er bis auf den kleinsten Zug getreulich geschildert war, sicherlich geschnitten haben wird. Er begann mit den Worten:

Du glaubtest, greiser Tropf, daß eine tolle Lust,
Den Schwächling zu erzieh'n, erfüllte meine Brust.

Dieses kleine und, aufrichtig gesagt, schlechte Gedicht, dem es aber nicht an attischem Salze fehlte und das Talent zur Satire verrieth, ist demungeachtet die einzige satirische Schrift, welche aus meiner Feder hervorgegangen ist. Ich bin viel zu frei von aller Gehässigkeit, um ein solches Talent auszunutzen, allein man kann, wie ich glaube, aus einigen polemischen Schriften, die ich hin und wieder zu meiner Vertheidigung verfaßt habe, schließen, daß meine Angreifer, wäre ich streitsüchtigen Charakters gewesen, die Lacher selten auf ihrer Seite gehabt haben würden.

Was ich im Hinblick auf die Einzelnheiten meines Lebens, deren ich mich nicht mehr zu erinnern vermag, am meisten bedauere, ist, daß ich keine Tagebücher über meine Reisen geführt habe. Nie habe ich so viel gedacht, nie bin ich mir meines Daseins, meines Lebens so bewußt, nie, wenn ich so sagen darf, so ganz Ich gewesen, wie auf denen, die ich allein und zu Fuß gemacht habe. In dem Wandern liegt etwas, das meine Gedanken weckt und belebt; verharre ich auf der Stelle, so bin ich fast nicht im Stande zu denken; mein Körper muß in Bewegung sein, damit mein Geist in ihn hineintritt. Der Blick über die Gegend, die Reihe freundlicher Aussichten, die frische Luft, der große Appetit, das Wohlbefinden, das ich beim Gehen bekomme, die Zwanglosigkeit im Wirthshause, die Abwesenheit von allem, was mir meine Abhängigkeit fühlbar macht, von allem, was mich an meine Lage erinnert, dies alles macht meine Seele frei, verleiht mir eine größere Gedankenkühnheit, schleudert mich gewissermaßen in die Unermeßlichkeit der Dinge, um sie zu ordnen, auszuwählen und mir nach meinem Sinne, ohne Zwang und Furcht, anzueignen. Ich verfüge als Herr über die ganze Natur; von Gegenstand zu Gegenstand schweifend, vereinigt und identificirt sich mein Herz mit denen, die es angenehm berühren, umgiebt sich mit reizenden Bildern, berauscht sich an lieblichen Empfindungen. Wenn ich, um sie festzuhalten, mich damit ergötze, innerlich eine Schilderung von ihnen zu entwerfen, welche Lebensfrische der Formen, welchen Glanz der Farben, welche Kraft des Ausdrucks gebe ich ihnen dann! Man will etwas von dem allen in meinen Werken gefunden haben, obgleich ich sie erst in höheren Lebensjahren geschrieben habe. Ach, hätte man die meiner frühsten Jugend gesehen, die, welche ich auf meinen Reisen verfaßt, die, welche ich entworfen und nie niedergeschrieben habe! ... Weshalb, wird man einwenden, sie nicht schreiben? Aber weshalb sie schreiben? werde ich antworten. Weshalb mich um den wirklichen Zauber des Genusses bringen, um anderen zu sagen, daß ich Genuß gehabt? Was kümmerten mich Leser, Publikum, ja die ganze Welt, so lange ich im Himmel schwebte. Führte ich denn übrigens Papier und Federn bei mir? Hätte ich an alles das gedacht, dann würde keine Gedankenwelt in mir aufgestiegen sein. Ich sah nicht voraus, daß ich Gedanken haben würde; sie kommen nach ihrem, nicht nach meinem Gefallen; sie überwältigen mich durch ihre Zahl und Stärke. In zehn Bänden täglich hätte ich sie nicht unterbringen können. Woher Zeit nehmen, um sie zu schreiben? Sobald ich ankam, dachte ich an ein gutes Essen, wenn ich wieder aufbrach, dachte ich nur an eine angenehme Wanderung. Ich fühlte, daß ein neues Paradies meiner am Thore wartete; ich dachte nur daran, so schnell als möglich hinein zu gehen.

Nie habe ich alles dies so deutlich empfunden wie auf der Rückreise, von der ich spreche. Als ich nach Paris ging, erfüllten mich nur Gedanken an das, was ich dort anfangen sollte. Ich hatte mich in die Laufbahn gestürzt, in die ich einzutreten gedachte, und sie glorreich bis ans Ziel verfolgt; allein diese Laufbahn war nicht die, zu der mein Herz mich hinzog, und die Bilder der Wirklichkeit thaten den Bildern der Einbildungskraft Abbruch. Der Oberst Godard und sein Neffe spielten neben einem Helden gleich mir eine traurige Rolle. Dank dem Himmel war ich jetzt von all diesen Hemmnissen befreit. Nach eigenem Belieben konnte ich mich in die Traumwelt vertiefen, denn sie allein lag noch vor meinen Blicken da; auch verlor ich mich so tief in sie hinein, daß ich in der That mehrmals den Weg unter mir verlor, und es würde mich sehr verdrossen haben, wäre ich immer auf dem geraden Wege geblieben, denn in dem dunklen Gefühle, daß ich mich in Lyon wieder auf die Erde, zurückfinden würde, hätte ich es nie erreichen mögen.

Als ich unter andrem eines Tages absichtlich die Landstraße verlassen hatte, um mir eine Stätte, deren herrliche Lage mich angezogen, aus der Nähe zu betrachten, gefiel es mir dort so gut und machte ich so viele Gänge durch dieselbe, daß ich mich endlich völlig verirrte. Nach mehrstündigem vergeblichem Umherwandern trat ich müde und sterbend vor Hunger und Durst bei einem Bauern ein, dessen Haus kein schönes Aeußere hatte; es war jedoch das einzige, das ich in der Nähe gewahrte. Ich wähnte, es müßte hier wie in Genf oder in der Schweiz sein, wo alle wohlhabende Bewohner im Stande sind, Gastlichkeit zu üben. Ich bat den Besitzer des Hauses, mir für Geld zu essen zu geben. Er setzte mir abgerahmte Milch und grobes Gerstenbrot vor, wobei er versicherte, das wäre alles, was er hätte. Ich trank diese Milch mit Gier und aß dieses Brot nebst der Kleie und was sonst noch darin war; aber für einen von Müdigkeit erschöpften Menschen war dies nicht allzu stärkend. Der Bauer, welcher mich prüfend ansah, schloß aus meinem Appetit auf die Wahrheit meiner Angaben. Mit der Bemerkung, er sähe wohl, Augenscheinlich hatte ich damals jene Physiognomie noch nicht, welche man mir später auf meinen Porträts gegeben hat. daß ich ein guter, ehrlicher junger Mann wäre, der nicht die Absicht hätte, ihn zu verkaufen, öffnete er mit einem Male eine Fallthür neben der Küche, stieg hinab und kam einen Augenblick später mit einem guten Schwarzbrote von reinem Roggen, einem sehr appetitlichen, wenn auch schon angeschnittenen Schinken und einer Flasche Wein zurück, deren Anblick mein Herz mehr erfreute, als alles übrige; dazu fügte er einen ziemlich dicken Eierkuchen, und ich speiste zu Mittag, wie kein anderer als ein Fußgänger speisen kann. Als es ans Bezahlen ging, kam seine Unruhe und Angst wieder zum Vorschein; er wollte mein Geld nicht, er wies es mit eigenthümlicher Verlegenheit zurück, und das Drolligste dabei war, daß ich mir nicht vorstellen konnte, weswegen er sich fürchtete. Endlich sprach er schaudernd die schrecklichen Worte Schreiber und Kellerratten aus. Er ließ durchblicken, daß er seinen Wein wegen der Beamten, sein Brot wegen der Besteuerung versteckte und ein verlorener Mann wäre, wenn man Verdacht hegte, daß er dem Hungertode noch nicht nahe wäre. Alles, was er mir hierüber sagte, und wovon ich nicht die leiseste Ahnung hatte, machte einen unauslöschlichen Eindruck auf mich. Dies war der Keim jenes unausrottbaren Hasses, der sich in meinem Herzen seitdem gegen die Plagen, welche das unglückliche Volk erleidet, und gegen seine Unterdrücker entwickelte. Trotz seiner Wohlhabenheit wagte dieser Mann nicht das Brot zu essen, welches er sich im Schweiße seines Angesichts sauer verdient, und konnte das Verderben nicht anders von sich abwenden, als daß er dasselbe Elend zur Schau trug, das rings um ihn herrschte. Ich schied aus seinem Hause eben so entrüstet wie gerührt, und das Loos dieser schönen Gegenden beklagend, an welche die Natur nur ihre Gaben verschwendet hat, um sie eine Beute der barbarischen Zollpächter werden zu lassen.

Das ist die einzige ganz deutliche Erinnerung, die mir von dem, was ich auf dieser Reise erlebt habe, geblieben ist. Ich entsinne mich nur noch, daß ich mich, als ich Lyon näher kam, versucht fühlte, meinen Weg zu verlängern, um die Ufer des Lignon zu sehen; denn unter den Romanen, welche ich mit meinem Vater gelesen hatte, war Asträa nicht vergessen worden, und war derjenige, der in meiner Erinnerung am häufigsten wieder aufstieg. Ich erkundigte mich, welchen Weg ich nach Forez einschlagen müßte, und in einem Zwiegespräche mit einer Wirthin belehrte mich dieselbe, daß die dortige Gegend den Arbeitern reiche Hilfsquellen eröffnete, daß sich dort viele Schmieden fänden und man daselbst ausgezeichnete Eisenarbeiten machte. Dieses Lob beschwichtigte augenblicklich meine romantische Neugier, und ich glaubte mich der Mühe überheben zu können, unter einem Volke von Schmieden Dianen und Sylvander zu suchen. Die ehrliche Frau, die mich auf diese Weise ermuthigte, hatte mich gewiß für einen Schlossergesellen gehalten.

Ich ging nicht ganz zwecklos nach Lyon. Bei meiner Ankunft besuchte ich in Chasottes Fräulein de Chatelet, eine Freundin der Frau von Warens, an welche sie mir, als ich Le Maître begleitete, einen Brief mitgegeben hatte; es war also eine alte Bekanntschaft. Fräulein du Chatelet theilte mir mit, ihre Freundin wäre wirklich durch Lyon gekommen, sie wüßte jedoch nicht, ob sie ihren Weg bis Piemont fortgesetzt hätte, da sie bei ihrer Abreise selbst unschlüssig gewesen wäre, ob sie nicht in Savoyen bleiben sollte; sie würde, wenn ich es wünschte, schreiben, um sich danach zu erkundigen, und es würde für mich am besten sein, diese Nachrichten in Lyon abzuwarten. Ich nahm das Anerbieten an, hatte indessen nicht das Herz, Fräulein du Chatelet anzudeuten, daß ich einer schnellen Antwort benöthigt wäre und mir die Erschöpfung meiner kleinen Börse kein langes Warten gestattete. Was mir diese Zurückhaltung auferlegte, war nicht etwa, daß sie mich unfreundlich empfangen hätte; im Gegentheil, sie war sehr artig gegen mich gewesen und behandelte mich auf einem Fuße der Gleichheit, der mir den Muth raubte, ihr einen Einblick in meine Lage zu gewähren und von der Rolle eines Mitgliedes der guten Gesellschaft zu der eines unglücklichen Bettlers herabzusteigen.

Ich bin überzeugt, die Reihenfolge aller in diesem Buche aufgezeichneten Erlebnisse ziemlich klar zu überblicken. Indessen glaube ich mich aus der nämlichen Zeit noch einer anderen Lyoner Reise zu erinnern, die ich nicht unterzubringen weiß und auf der ich mich schon in großer Noth befand. Ein kleiner Vorfall, der sich nicht gut in Worten wiedergeben läßt, wird sie in meiner Erinnerung stets wach erhalten. Eines Abends saß ich in Bellecour nach einem sehr kärglichen Mahle in Träumereien versenkt da, wie ich mich aus meiner Bedrängnis retten könnte, als sich ein Mann in einer Mütze an meine Seite setzte. Dieser Mann hatte das Aeußere eines jener Seidenarbeiter, die man in Lyon Tafftmacher nennt. Er redet mich an, ich antworte ihm. Kaum hatten wir eine Viertelstunde geplaudert, als er mir, stets mit der nämlichen Kaltblütigkeit und ohne den Ton zu ändern, den Vorschlag macht, uns gemeinschaftlich zu belustigen. Ich rechnete darauf, daß er mir die Art dieser Belustigung erklären sollte; aber ohne etwas hinzuzufügen, schickte er sich an, es mir durch sein Beispiel zu zeigen. Wir berührten uns fast, und die Nacht war nicht dunkel genug, um mir zu verhüllen, was für einem Zeitvertreibe er sich hinzugeben gedachte. An meiner Person wollte er sich nicht vergreifen, wenigstens verrieth mir nichts diese Absicht, und der Ort wäre dazu nicht günstig gewesen; er wollte nur, genau wie er mir gesagt hatte, sich belustigen und daß ich mich belustigte, jeder für sich selbst, und das schien ihm so natürlich, daß er nicht im Geringsten ahnte, ich könnte weniger Gefallen daran finden als er. Ich war über diese Unverschämtheit so erschreckt, daß ich mich, ohne ihm zu antworten, schnell erhob und aus Leibeskräften davon lief, da ich befürchtete, dieser Elende würde mir nachsetzen. Ich war so verwirrt, daß ich, anstatt den Weg nach meiner Wohnung durch die Straße Saint-Dominique zu nehmen, den Quai entlang lief und erst hinter der hölzernen Brücke Halt machte, am ganzen Leibe zitternd, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Ich huldigte demselben Laster; die Erinnerung an jene Frechheit heilte mich auf lange davon.

Auf dieser Reise hatte ich ein Abenteuer fast des nämlichen Charakters, das mich jedoch in größere Gefahr stürzte. Sehend, daß mein baares Geld auf die Neige ging, war ich mit dem geringen Reste äußerst sparsam. Ich aß in meinem Gasthause weniger oft und bald gar nicht mehr, da ich mich im Speisehause für fünf oder sechs Sous eben so gut sättigen konnte, wie dort für fünfundzwanzig. Da ich dort nicht mehr aß, glaubte ich auch nicht länger daselbst schlafen zu können, nicht, weil es mir große Kosten verursachte, sondern weil ich mich schämte, ein Zimmer einzunehmen, ohne meiner Wirthin etwas zu verdienen zu geben. Die Jahreszeit war schön. Eines Abends, als es sehr warm war, beschloß ich, die Nacht auf dem Markte zuzubringen, und schon hatte ich auf einer Bank mein Lager aufgeschlagen, als ein Abbé, der mich beim Vorübergehen in Schlaf versunken sah, an mich herantrat und mich fragte, ob ich kein Obdach hätte. Ich entdeckte ihm meine Lage, und er schien von ihr gerührt. Er setzte sich an meine Seite, und wir plauderten. Er sprach angenehm; alles, was er zu mir sagte, gab mir von ihm die beste Meinung von der Welt. Als er erkannte, daß ich ihn günstig beurtheilte, sagte er zu mir, er hätte zwar keine geräumige Wohnung, sie bestände nur aus einem einzigen Zimmer, aber er würde mich unter keinen Umständen auf dem Markte schlafen lassen; es wäre schon zu spät, um noch ein Nachtlager zu suchen, und er böte mir deshalb für diese Nacht die Hälfte seines Bettes an. Ich nehme das Anerbieten an, da ich bereits voller Hoffnung bin, mir einen Freund zu erwerben, der mir nützlich werden könnte. Wir gehen. Er schlägt Feuer. Sein Zimmer erscheint mir bei seiner Kleinheit sauber; er spielt in sehr freundlicher Weise den Wirth. Aus einem Glase nahm er eingemachte Kirschen, von denen wir einige aßen und uns dann zu Bett begaben.

Dieser Mensch hatte die nämlichen Neigungen wie mein Jude im Hospiz, aber er gab sie nicht in so roher Weise zu erkennen. Sei es nun, daß er in der Besorgnis, ich könnte ein Verständnis von seiner Absicht haben, Bedenken trug, mich zur Vertheidigung zu zwingen, oder sei es, daß ihm wirklich nicht sehr viel an der Ausführung seines Vorhabens lag: er wagte nicht, es mir offen anzumuthen, und suchte mich dazu anzureizen, ohne mich zu beunruhigen. Besser unterrichtet als das erste Mal, begriff ich bald seine Absicht und schauderte. Da ich weder wußte, in welchem Hause noch unter wessen Händen ich mich befand, befürchtete ich, daß ich, sobald ich Lärm machte, dafür mit meinem Leben büßen müßte. Ich stellte mich, als verstände ich sein Verlangen nicht; als ich aber die Miene annahm, als ob mir seine Liebkosungen sehr lästig wären und mir alle weiteren auf das entschiedenste verbat, hatte es den Erfolg, daß er mich nicht mehr zu belästigen wagte. Darauf redete ich zu ihm mit aller Sanftmuth und Entschiedenheit, deren ich fähig war, und ohne zu thun, als hegte ich Argwohn gegen ihn, entschuldigte ich mich wegen der an den Tag gelegten Unruhe unter Hinweis auf mein früheres Abenteuer, welches ich ihm mit Ausdrücken voll so ungekünstelten Widerwillens und Abscheus erzählte, daß ich, wie ich glaube, sein eigenes Herz bewegte, und er völlig auf sein schmutziges Vorhaben verzichtete. Wir verbrachten ruhig den Rest der Nacht. Er sagte mir selbst viel Schönes und Verständiges, und er war gewiß nicht unbegabt, wenn er auch ein nichtswürdiger Mensch war.

Am Morgen redete der Herr Abbé, der mir keine mißvergnügte Miene zeigen wollte, vom Frühstücken, und bat eine der Töchter seiner Wirthin, ein hübsches Mädchen, ein Frühstück zu holen. Sie erklärte, keine Zeit zu haben. Er wendete sich an ihre Schwester, die ihn gar keiner Antwort würdigte. Wir warteten und warteten; kein Frühstück. Endlich gingen wir nach dem Zimmer dieser Fräulein. Sie empfingen den Herrn Abbé mit keiner sehr liebenswürdigen Miene; ich konnte mich noch weniger einer freundlichen Aufnahme rühmen. Die Aeltere drehte mir den Rücken zu und trat mir dabei mit ihrem spitzen Absatze auf die Zehen, wo mich ein sehr schmerzhaftes Hühnerauge gezwungen hatte, ein Stück vom Schuhe abzuschneiden; die andere riß schnell einen Stuhl hinter mir fort, auf den ich mich eben setzen wollte; ihre Mutter bespritzte mir, als sie Wasser zum Fenster hinausgoß, das Gesicht; jedes Plätzchen, worauf ich mich niederlassen wollte, wurde fortgenommen, indem man that, als ob man dort etwas suchte; noch nie in meinem Leben war ich Zeuge eines solchen Auftritts gewesen. Ich sah aus ihren beleidigenden und spöttischen Blicken eine verborgene Wuth hervorleuchten, die ich dummer Weise nicht begriff. Erstaunt, verblüfft, geneigt, sie alle für besessen zu halten, begann ich ernstlich in Schrecken zu gerathen, als sich der Abbé, der weder zu sehen noch zu hören schien, aber recht wohl einsah, daß auf ein Frühstück nicht zu rechnen war, entschloß, das Zimmer zu verlassen, und ich beeilte mich, ihm zu folgen, sehr zufrieden, diesen drei Furien zu entkommen. Beim Fortgehen schlug er mir vor, in einem Café zu frühstücken. Obgleich ich großen Hunger hatte, nahm ich dieses Anerbieten, das er auch nicht öfter wiederholte, nicht an, und wir trennten uns an der dritten oder vierten Straßenecke, ich, entzückt, alles, was zu diesem verfluchten Hause gehörte, aus dem Auge zu verlieren, und er, wie ich glaube, höchst zufrieden darüber, daß er mich weit genug fortgebracht hatte, um es nicht so leicht wieder erkennen zu können. Da mir weder in Paris noch in irgend einer andern Stadt je etwas Aehnliches, wie in den beiden erwähnten Fällen zugestoßen ist, so habe ich von Lyons Bevölkerung einen wenig vorteilhaften Eindruck behalten, und ich habe diese Stadt stets als diejenige in Europa betrachtet, in welcher die abscheulichste Sittenverderbnis herrscht.

Die Erinnerung an die Drangsale, in welche ich dort gerieth, trägt ebenfalls nicht dazu bei, mir ein angenehmes Andenken an diese Stadt zu bewahren. Wäre ich wie ein Anderer gewesen, hätte ich das Talent besessen, zu borgen und in meinem Wirthshause Schulden zu machen, so würde ich mich leicht aus meiner Lage gezogen haben; aber hierin war meine Ungeschicklichkeit eben so groß wie meine Ungeneigtheit. Um sich einen Begriff davon zu machen, wie groß beide waren, genügt es zu wissen, daß es, nachdem ich fast mein ganzes Leben in Noth zugebracht und oft kaum das tägliche Brot hatte, auch nicht einmal vorgekommen ist, daß ein Gläubiger von mir sein Geld verlangt hätte, ohne sofortige Zahlung zu erhalten. Ich habe mich nie darauf verstanden, Läpperschulden zu machen, und stets lieber Noth gelitten als geborgt.

Das heißt doch sicherlich Noth leiden, wenn man gezwungen ist, die Nacht auf der Straße zuzubringen, wozu ich mich in Lyon mehrmals entschließen mußte. Ich wollte die wenigen Sous, die mir noch blieben, lieber für das nöthige Brot als für mein Nachtlager ausgeben, weil doch die Gefahr, vor Schläfrigkeit zu sterben, jedenfalls geringer war, als die zu verhungern. In dieser traurigen Lage war ich merkwürdiger Weise weder unruhig noch sorgenvoll. Um die Zukunft hatte ich nicht die geringste Sorge und erwartete die Nachrichten, welche Fräulein du Chatelet empfangen mußte, unter freiem Himmel, auf der Erde oder auf einer Bank ausgestreckt, so ruhig schlafend, als läge ich auf einem Bett von Rosen. Ich entsinne mich sogar, draußen vor der Stadt auf einem Wege, der sich längs der Rhone oder der Saone, ich weiß nicht mehr an welcher von beiden, hinzog, eine köstliche Nacht zugebracht zu haben. Auf der andern Seite faßten den Weg terrassenförmige Gärten ein. Es war an jenem Tage sehr heiß gewesen; der Thau erfrischte die welken Gräser; kein Windhauch, eine stille Nacht; die Luft war frisch ohne kalt zu sein; die Sonne hatte nach ihrem Untergange rothe Dunstwolken am Himmel zurückgelassen, in deren Wiederschein das Wasser rosig erglühte; zahlreiche Nachtigallen saßen in den Bäumen auf den Terrassen und antworteten einander. Ich wandelte in einer Art von Verzückung umher, mich mit Herz und Sinnen dem Genusse alles dessen überlassend und nur ein wenig seufzend, daß ich es allein genießen mußte. In meine süße Träumerei versunken, ging ich bis spät in der Nacht spazieren, ohne Ermüdung zu fühlen. Endlich übermannte sie mich doch. Mit wahrer Wollust legte ich mich auf die Steinplatte einer Art Nische oder blinden Thüre nieder; Baumgipfel bildeten meinen Betthimmel; gerade über mir saß eine Nachtigall; bei ihrem Gesange schlief ich ein; mein Schlummer war süß, mein Erwachen noch süßer. Es war heller lichter Tag; als sich meine Augen öffneten, erblickten sie den Fluß, grünen Rasen, eine liebliche Landschaft. Ich erhob und schüttelte mich; ich verspürte Hunger, und heiteren Sinnes machte ich mich auf den Weg nach der Stadt, entschlossen, zwei Weißpfennigstücke, die ich nur noch besaß, für ein gutes Frühstück auszugeben. Ich war so fröhlicher Laune, daß ich auf dem ganzen Wege sang, und ich erinnere mich sogar, daß ich eine Cantate von Batistin, »die Bäder von Thomery«, die ich auswendig wußte, sang. Gesegnet sei der gute Batistin und seine schöne Cantate, die mir ein besseres Frühstück, als worauf ich mir Rechnung gemacht hatte, verschaffte, und ein noch weit besseres Mittagsessen, auf das ich gar nicht gerechnet hatte. Während ich im besten Marschiren und Singen begriffen bin, höre ich jemanden hinter mir; als ich mich umdrehe, gewahre ich einen Antoniter, Die Antoniter bildeten einen säcularisirten Mönchsorden. der hinter mir hergeht und mir mit Vergnügen zuzuhören scheint. Er tritt an mich heran, grüßt mich und fragt, ob ich musikalisch sei? Ich antworte »ein wenig«, um anzudeuten »in hohem Grade.« Er fährt fort, mich auszufragen; ich erzähle ihm einen Theil meiner Geschichte. Er fragt mich, ob ich mich nie mit Noten abschreiben beschäftigt habe? »Oft,« erwidere ich. Und das beruhte auf Wahrheit; durch Abschreiben lernte ich die Musikstücke nämlich am besten. »Nun,« sagte er zu mir, »dann kommen Sie mit mir. Ich werde Sie einige Tage beschäftigen können, in denen es Ihnen an nichts fehlen soll, falls Sie darauf eingehen, das Zimmer nicht zu verlassen.« Ich ging sehr gern darauf ein und folgte ihm.

Dieser Antoniter hieß Rolichon; er liebte die Musik, verstand sie und sang in kleinen Concerten, die er mit seinen Freunden veranstaltete. Es kam dabei nur Unschuldiges und Ehrbares vor, aber diese Neigung artete wahrscheinlich in Leidenschaft aus, welche er theilweise zu verbergen gezwungen war. Er geleitete mich in eine kleine Kammer, die ich bewohnen sollte, und in der ich eine Menge Musikalien, Abschriften von seiner eigenen Hand, vorfand. Er gab mir andere zum Abschreiben, namentlich die Cantate, welche ich gesungen hatte, und die er selbst in einigen Tagen vortragen sollte. Ich brachte dort drei oder vier Tage zu, die ganze Zeit, in der ich nicht aß, abschreibend; aber mein Essen nahm freilich viele Zeit in Anspruch, denn nie in meinem Leben war ich so ausgehungert und besser verpflegt. Er brachte mir meine Mahlzeiten selbst aus ihrer Küche, und sie mußte gut sein, wenn ihr gewöhnlicher Tisch wie der meinige besetzt war. In allen meinen Tagen hatte ich nicht so große Lust am Essen, und man muß auch zugeben, daß mir diese gute Kost sehr zu gelegener Zeit kam, denn ich war bereits dürr wie Holz. Ich arbeitete fast eben so gern wie ich aß, und das will nicht wenig sagen. Allerdings war ich nicht eben so sorgfältig wie fleißig. Als ich Herrn Rolichon einige Tage später auf der Straße traf, sagte er mir, daß die von mir ausgeschriebenen Stimmen die Musik unausführbar gemacht hätten, so zahlreiche Auslassungen, Verdoppelungen und Versetzungen wären in ihnen vorgekommen. Es läßt sich nicht bestreiten, daß ich mich in der Folge gerade dem Geschäfte zugewandt habe, zu dem ich am allerwenigsten geeignet war; nicht, daß meine Noten nicht schön gewesen und ich nicht sehr sauber abgeschrieben hätte, aber die Langeweile einer großen Arbeit zerstreut mich dermaßen, daß ich mehr Zeit gebrauche zu radiren als Noten zu schreiben, und daß, wenn ich nicht bei der Vergleichung der Stimmen mit der größten Aufmerksamkeit zu Werke gehe, sich die von mir abgeschriebenen Musikstücke nicht vortragen lassen. So machte ich also meine Sache sehr schlecht, während ich sie gut machen wollte, und ging, um schnell zu gehen, in die Quere. Dies hielt Herrn Rolichon nicht ab, mich bis zum Ende mit gleicher Güte zu behandeln und mir beim Scheiden noch einen Thaler zu geben, den ich keineswegs verdient hatte und der mich wieder auf die Beine brachte, denn wenige Tage später erhielt ich von Mama, die sich in Chambery aufhielt, Nachrichten und Geld zu meiner Rückreise zu ihr, die ich mit Entzücken antrat. Seitdem habe ich mich oft in sehr dürftigen Geldverhältnissen befunden, aber nie in so schlimmen, daß ich hätte darben müssen. Ich zeichne diesen Zeitpunkt mit einem Herzen voll Dank gegen die Fürsorge der Vorsehung auf. Es ist das letzte Mal in meinem Leben, daß ich Noth und Hunger ausgestanden habe.

Noch sieben oder acht Tage blieb ich in Lyon, um die Ausführung der Aufträge abzuwarten, die Mama dem Fräulein du Chatelet übertragen hatte, welche ich inzwischen fleißiger als vorher besuchte, da ich jetzt das Vergnügen hatte, mit ihr von ihrer Freundin sprechen zu können, und nicht mehr durch den qualvollen Hinblick auf meine Lage abgelenkt wurde, die ich zu verbergen gezwungen war. Fräulein du Chatelet war weder jung noch hübsch, aber gleichwohl fehlte es ihr nicht an Anmuth; sie war umgänglich und vertraulich, und ihr Geist verlieh dieser Vertraulichkeit Werth. Sie besaß jene Vorliebe für Beobachtungen, welche zum Studium der Menschen führt, und auf sie muß ich die gleiche Vorliebe bei mir zurückführen. Sie liebte die Romane von Le Sage und besonders Gil Blas; sie erzählte mir von demselben und lieh ihn mir; ich las ihn zwar mit Vergnügen, war aber für diese Art von Lectüre doch noch nicht reif; ich hatte Romane mit großen Gefühlen nöthig. So brachte ich denn meine Zeit in dem Empfangzimmer des Fräuleins du Chatelet mit eben so vielem Vergnügen wie Nutzen zu, und sicherlich sind die fesselnden und verständigen Unterhaltungen mit einer begabten Frau zur Bildung eines jungen Mannes geeigneter als alle pedantische Bücherphilosophie. In Chasottes machte ich mit andern Kostschülern und ihren Freundinnen Bekanntschaft, unter andern mit einer jungen Person von vierzehn Jahren, Namens Fräulein Serre, der ich damals keine große Aufmerksamkeit zollte, in die ich mich aber acht oder neun Jahr später leidenschaftlich verliebte, und mit Recht, denn sie war ein reizendes Mädchen.

Ganz von der Hoffnung erfüllt, meine gute Mama binnen Kurzem wieder zu sehen, that ich meinen Lieblingsgedanken einstweilen Einhalt, denn das wirkliche Glück, das meiner harrte, überhob mich der Mühe, es in meinen Träumen zu suchen. Ich sollte nicht allein sie wieder finden, sondern bei ihr und durch sie auch in eine angenehme Lage versetzt werden, denn sie hatte, wie sie mittheilte, eine Beschäftigung für mich gefunden, die mir hoffentlich zusagen und mich auch nicht von ihr entfernen würde. Ich erschöpfte mich in Vermuthungen, um zu errathen, worin diese Beschäftigung bestehen könnte, und man hätte wirklich lange rathen können, ehe man das Richtige getroffen hätte. Ich hatte ausreichend Geld, um den Weg bequem zurückzulegen. Fräulein du Chatelet verlangte, ich sollte ein Pferd nehmen; ich vermochte nicht auf diesen Vorschlag einzugehen, und ich hatte Recht. Ich würde sonst das Vergnügen der letzten Fußreise verloren haben, die ich in meinem Leben gemacht habe; denn ich kann den Ausflügen, die ich, so lange ich in Motiers wohnte, oft in die nächste Umgebung unternahm, diesen Namen nicht beilegen.

Es ist etwas Eigentümliches, daß sich meine Einbildungskraft nie in angenehmeren Bildern ergeht, als wenn meine Lage am wenigsten angenehm ist, und daß sie mir im Gegentheile weniger reizende Bilder vorgaukelt, sobald sich alles um mich her freundlich gestaltet. Meine aufgeregte Natur vermag sich nicht den Thatsachen zu unterwerfen. Sie wäre unfähig, zu verschönern, sie will schaffen. Die wirklichen Gegenstände stellen sich ihr höchstens so dar, wie sie sind; nur die Gebilde der Phantasie versteht sie zu schmücken. Will ich den Frühling schildern, muß es Winter sein; will ich eine schöne Landschaft beschreiben, müssen mich Mauern umfangen, und ich habe oft versichert, ich würde, sollte je die Bastille mich umschließen, dort das Gemälde der Freiheit entwerfen. Ich erblickte, als ich von Lyon abreiste, nur eine angenehme Zukunft vor mir; ich war auch zufrieden, und hatte eben so viel Grund es zu sein, wie ich bei meinem Scheiden von Paris zur Unzufriedenheit hatte. Trotzdem versank ich während dieser Reise nicht in jenes köstliche Träumen, in welchem ich auf jener einherwandelte. Ich war heiteren Herzens, aber das war alles. Mit Rührung näherte ich mich der vortrefflichen Freundin, die ich wiedersehen sollte. Ich genoß im voraus, aber ohne schwärmerische Begeisterung, die Freude, an ihrer Seite zu leben. Darauf hatte ich stets gerechnet; es war, als ob dies keinen Reiz der Neuheit für mich hätte. Ich war über die mir angedeutete Beschäftigung unruhig, als ob sie sehr beunruhigend gewesen wäre. Meine Gedanken waren ruhig und angenehm, nicht himmlisch und hinreißend. Die Gegenstände zogen meine Blicke auf sich; ich schenkte der Gegend meine Aufmerksamkeit, betrachtete die Bäume, die Häuser, die Bäche; ich überlegte an den Kreuzwegen, welches der richtige Weg wäre; ich hatte Furcht, mich zu verirren, und verirrte mich nicht. Mit einem Worte, ich schwebte nicht mehr im Himmel, sondern ich war bald da, wo ich war, bald da, wohin ich ging, und nie schweiften meine Gedanken weiter hinaus.

Beim Berichte über meine Reisen geht es mir wie beim Reisen selbst; ich weiß nicht anzukommen. Das Herz schlug mir vor Freude, als ich meiner lieben Mama näher kam, und ich ging doch nicht schneller. Ich wandere gern mit aller Gemächlichkeit und mache Halt, wenn es mir gefällt. Ein umherwanderndes Leben ist für mich Bedürfnis. Eine Fußreise bei schönem Wetter, und in einer schönen Gegend zu machen, ohne Eile zu haben und an deren Ziele meiner etwas Angenehmes wartet, ist von allen Arten zu leben am meisten nach meinem Geschmack. Uebrigens weiß man schon, was ich unter einer schönen Gegend verstehe. Nie erschien mir ein flaches Land, bei aller sonstigen Schönheit, als ein solches. Ich bedarf Gießbäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, schroffe Pfade, die eben so schwer zu erklettern wie hinabzusteigen sind, Abgründe auf beiden Seiten, die mir Angst einjagen. Diese Wonne hatte ich und empfand sie in ihrem ganzen Zauber, als ich mich Chambery näherte. Unweit einer Felsenwand, die den Namen Pas de l'Echelle führt, tief unter der in den Felsen gehauenen Landstraße, bei dem Flecken Chailles, strömt und schäumt in schrecklichen Strudeln ein kleiner Fluß, der Tausende von Jahrhunderten gebraucht zu haben scheint, um sich Bahn zu brechen. Man hat den Weg, um Unglücksfälle zu verhüten, mit einem Geländer eingefaßt; deshalb konnte ich in die Tiefe hinabblicken und mich nach Herzenslust schwindelig machen lassen; denn trotz meiner Vorliebe für schroffe Felsen werde ich wunderlicher Weise auf ihnen schwindelig, und gerade an diesem Gefühle des Schwindels habe ich große Freude, sobald ich mich dabei in Sicherheit befinde. Weit über das Geländer gelehnt, schaute ich in die Tiefe und blieb da ganze Stunden lang, indem ich von Zeit zu Zeit bald auf diesen Schaum, bald auf das blaue Wasser blickte, dessen Brausen ich durch das Geschrei der Raben und der Raubvögel vernahm, welche hundert Klafter unter mir von Fels zu Fels und von Gesträuch zu Gesträuch flogen. An den Stellen, wo der Abhang ziemlich gerade hinunter ging und das Strauchwerk weit genug auseinander stand, um Steine durchzulassen, trug ich deren so groß und schwer, wie ich sie nur haben konnte, von allen Seiten zusammen und häufte sie auf dem Geländer auf. Darauf warf ich sie einen nach dem andern hinab und ergötzte mich daran, sie rollen, aufspringen und in tausend Stücke zerschellen zu sehen, ehe sie noch den Boden des Abgrundes erreichten.

Noch näher bei Chambery hatte ich ein ähnliches Schauspiel, wenn auch in umgekehrtem Sinne. Der Weg führt am Fuße des schönsten Wasserfalles vorüber, den meine Augen je gesehen. Der Berg hängt so weit herüber, daß das Wasser plötzlich in einem Bogen herabfällt, der weit genug von der Felsenwand entfernt ist, um zwischen dieser und dem Wasserfall hindurchschreiten zu können, oft sogar ohne daß man dabei naß wird; sieht man sich jedoch dabei nicht vor, so wird man leicht angeführt, wie es bei mir der Fall war; denn wegen der außerordentlichen Höhe löst sich das Wasser in eine Art Staubregen auf, und tritt man zu nahe an diese Wolke heran, ist man mit einem Male, ohne anfangs zu merken, daß man naß wird, vollkommen wie aus dem Wasser gezogen.

Endlich komme ich an, sehe ich sie wieder! Sie war nicht allein. Der Herr General-Intendant war in dem Augenblicke, wo ich eintrat, bei ihr. Ohne mich anzureden, ergreift sie mich bei der Hand und stellt mich ihm mit jener Anmuth vor, welche ihr Zugang zu allen Herzen verschaffte. »Das ist er, mein Herr, dieser arme junge Mann; nehmen Sie ihn freundlichst so lange in Ihren Schutz, wie er ihn verdienen wird; ich bin dann für sein künftiges Wohlergehen nicht mehr in Sorgen.« Darauf sich an mich wendend, sagte sie: »Mein Kind, du gehörst jetzt dem Könige; dank dem Herrn Intendanten, der dir Brot gibt.« Ich riß die Augen weit auf, ohne ein Wort zu sagen oder zu wissen, was ich denken sollte; fast hätte der wieder erwachende Ehrgeiz mir von neuem den Kopf verdreht und den Muth eingeflößt, bereits den kleinen Intendanten zu spielen. Wie es sich zeigte, war die mir zugedachte Stelle keineswegs so glänzend, wie ich sie mir nach dieser ersten Mittheilung eingebildet hatte, gewährte mir indessen für den Augenblick den hinreichenden Lebensunterhalt, und für mich war dies viel. Es handelte sich nämlich um folgendes.

Da der König Victor Amadeus aus dem Ausgange früherer Kriege und der Lage des Erblandes seiner Väter schloß, daß es ihm eines Tages geraubt werden könnte, ging er nur darauf aus, möglichst viel aus ihm herauszupressen. Entschlossen, den Adel zur Besteuerung heranzuziehen, hatte er vor wenigen Jahren eine allgemeine Katastrirung des ganzen Landes angeordnet, damit man bei einer Verwandlung des Zehnten in eine Abgabe in baarem Gelde letzteren mit größerer Billigkeit vertheilen könnte. Diese unter dem Vater begonnene Arbeit wurde unter dem Sohne vollendet. Zwei oder dreihundert Menschen, sowohl Feldmesser, die man Geometer, als auch Schreiber, die man Secretäre nannte, wurden bei dieser Arbeit verwandt, und unter letzteren hatte mir Mama eine Stelle verschafft. Ohne sehr einträglich zu sein, sicherte sie mir doch ein in diesem Lande reichliches Auskommen. Das Ueble war, daß dieses Amt nur auf eine bestimmte Zeit verliehen wurde; allein es setzte doch in den Stand zu suchen und abzuwarten, und Mama bemühte sich deshalb aus Vorsicht, mir die besondere Gunst des Intendanten zu gewinnen, um nach Ablauf meiner gegenwärtigen Stellung in eine geeignetere übertreten zu können.

Wenige Tage nach meiner Ankunft trat ich mein Amt an. Schwierig war die Arbeit nicht und ich war mit ihr bald völlig vertraut. So begann ich denn nach vier oder fünf Jahren eines unsteten Wanderlebens seit meinem Scheiden von Genf, reich an Thorheit und Leiden, mir zum ersten Male mein Brot auf ehrenhafte Weise zu verdienen.

Diese langen Einzelheiten aus meiner frühsten Jugend werden sehr kindisch erschienen sein, und das thut mir leid; obgleich in gewisser Hinsicht als Mann geboren, bin ich doch lange Kind geblieben und bin es in vielen anderen Stücken noch. Ich habe nicht versprochen, den Lesern einen großen Charakter zu zeichnen; ich habe versprochen, mich so zu schildern, wie ich bin, und um mich in meinem vorgerückteren Alter zu kennen, muß man mich in meiner Jugend gekannt haben. Da die Gegenstände im Allgemeinen auf mich weniger Eindruck machen, als die Rückerinnerung an sie, und alle meine Vorstellungen die Form von Bildern annehmen, so sind die ersten Züge, welche sich meinem Geiste eingeprägt haben, in demselben haften geblieben, und die, welche später hinzugetreten sind, haben sie nicht etwa verwischt, sondern sich eher mit ihnen vereinigt. Es giebt eine gewisse Reihe von Stimmungen und Vorstellungen, welche die folgenden abschwächen, und die man kennen muß, um sich über letztere ein richtiges Urtheil zu bilden. Ich gebe mir Mühe, überall die ersten Ursachen klar zu entwickeln, um die Verkettung der Wirkungen zur Anschauung zu bringen. Ich wünschte meine Seele den Augen des Lesers gleichsam nackt und unverhüllt zu zeigen, und deshalb bestrebe ich mich, sie ihm unter allen Gesichtspunkten vorzuführen, ihm über sie Tag für Tag Klarheit zu verschaffen und ihm jede ihrer Regungen wahrnehmbar zu machen, damit er selbst über den ersten Grund, der sie hervorrief, zu urtheilen vermag.

Wenn ich mich mit dem bloßen Ergebnis zufrieden gäbe und zu ihm sagte: »so ist mein Charakter,« so würde er wähnen können, wenn auch nicht gerade, daß ich ihn täusche, so doch wenigstens, daß ich mich täusche. Aber indem ich ihm in einfachster Weise alles, was mir begegnet ist, alles, was ich gethan, alles, was ich gedacht, alles, was ich empfunden habe, eingehend zergliedere, kann ich ihn nicht zum Irrthum verleiten, es wäre denn, daß ich absichtlich darauf ausginge, und selbst wenn ich das thäte, würde es mir auf diese Weise nicht leicht gelingen. Es bleibt ihm überlassen, diese Einzelheiten zusammenzustellen, und das Wesen, welches aus ihrer Zusammenfügung hervorgeht, zu bestimmen; das Resultat muß sein Werk sein, und täuscht er sich dann, so fällt aller Irrthum ihm zur Last. Zu diesem Zwecke genügt es indessen nicht, daß meine Mittheilungen treu sind, sie müssen auch eben so genau sein. Nicht mir liegt es ob, über die Wichtigkeit der Thatsachen zu urtheilen; ich muß sie alle aufführen und ihm die Sorge der Auswahl überlassen. Darauf habe ich bisher unerschrocken allen Fleiß verwandt und werde auch in der Folge darin nicht nachlassen. Aber die Erinnerungen des mittleren Lebensalters sind stets weniger lebhaft, als die der frühsten Jugend. Ich habe mir Mühe gegeben, aus letzteren den möglichst großen Nutzen zu ziehen. Wenn die andern wieder in gleicher Frische in mir erwachen, so werden ungeduldige Leser vielleicht Langeweile dabei empfinden, aber ich für meine Person werde um deswillen mit meiner Arbeit nicht unzufrieden sein. Ich habe bei diesem Unternehmen nur eins zu fürchten, nicht etwa zu viel oder die Unwahrheit zu sagen, sondern nicht alles zu sagen und wahre Dinge zu verschweigen.

x
 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.