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Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil - Kapitel 6
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authorJean-Jacque Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Erster Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1731 – 1732

Das war der Plan, mit welchem ich zu Felde zog, als ich meinen Beschützer und meinen Lehrer ohne Reue verließ und meine Studien, meine Hoffnungen und die Erwartung eines fast sicheren Glückes aufgab, um das Leben eines echten Vagabunden zu beginnen. Ich sagte der Hauptstadt Lebewohl, sagte dem Hofe, dem Ehrgeiz, der Liebe, den Schönen und all den großen Abenteuern Lebewohl, deren Aussicht mich im vorigen Jahre hierher getrieben hatte. Ich breche auf mit meinem Springbrunnen und meinem Freunde Bâcle, mit leichter Börse aber übervollem Herzen, nur an den Genuß dieses glücklichen Wanderlebens denkend, auf das ich mit einem Male meine glänzenden Pläne beschränkt hatte.

Diese wunderliche Reise brachte mir wirklich fast eben so viel Vergnügen, wie ich mir davon versprochen hatte, wenn sie auch nicht ganz auf dieselbe Weise verlief; denn obgleich unser Springbrunnen in den Schenken die Wirthinnen und ihre Mägde einige Augenblicke belustigte, mußten wir beim Weiterwandern deshalb doch nicht weniger bezahlen. Das machte uns jedoch nur wenig Kummer, und wir dachten erst bei eintretendem Geldmangel aus dieser Hilfsquelle vollen Nutzen zu ziehen. Ein Unfall überhob uns dieser Mühe; in der Nähe von Bramant zerbrach der Springbrunnen, und es war Zeit, denn wir fühlten, wenn wir es auch nicht auszusprechen wagten, daß er uns langweilig zu werden begann. Dieses Unglück machte uns fröhlicher als zuvor und wir lachten sehr, daß wir in unserm Leichtsinn vergessen hatten, wie sich unsere Kleider und Schuhe abnützen müßten, oder daß wir gewähnt, wir könnten uns durch das Vorzeigen unseres Heronsbrunnens neue anschaffen. Wir setzten unsere Reise eben so munter fort, wie wir sie begonnen hatten, aber in geraderer Richtung auf unser Ziel losgehend, das uns unsere immer leichter werdende Börse bald zu erreichen zwang.

Zu Chambéry wurde ich nachdenklich, nicht über die Thorheit, welche ich begangen hatte; nie brach ein Mensch so schnell und entschieden mit der Vergangenheit wie ich; aber über die Aufnahme, welche meiner bei Frau von Warens wartete, denn ihr Haus betrachtete ich völlig wie mein Vaterhaus. Ich hatte sie von meinem Eintritt beim Grafen von Gouvon in Kenntnis gesetzt; sie wußte, welche Stellung ich dort einnahm, und als sie mir Glück wünschte, hatte sie mir sehr verständige Lehren gegeben, wie ich die Güte, welche man mir erwiese, vergelten müßte. Sie betrachtete mein Glück als gesichert, wenn ich es nicht durch eigene Schuld zerstörte. Was würde sie sagen, wenn sie mich ganz unerwartet ankommen sähe? Es kam mir nicht einmal in den Sinn, daß sie mir ihre Thür verschließen könnte; aber ich fürchtete ihr Kummer zu machen, ich fürchtete ihre Vorwürfe, welche mir unerträglicher waren als das tiefste Elend. Ich war entschlossen, alles schweigend hinzunehmen und alles zu thun, um sie zu besänftigen. Ich sah im ganzen Weltall sie allein: in ihrer Ungnade leben, war eine Unmöglichkeit.

Was mich am meisten beunruhigte, war mein Reisegefährte, dessen Aufnahme ich ihr nicht auch noch zumuthen wollte, und von dem ich mich, wie ich besorgte, nicht so leicht frei machen konnte. Ich bereitete diese Trennung dadurch vor, daß ich am letzten Tage ziemlich kalt gegen ihn war. Der Schalk durchschaute mich; er war mehr närrisch als dumm. Ich glaubte, meine Unbeständigkeit würde ihm nahe gehen; ich hatte Unrecht, meinem lieben Bâcle ging nichts nahe. Kaum hatten wir bei unserer Ankunft in Annecy den Fuß in die Stadt gesetzt, als er zu mir sagte: »Da wärest du ja zu Hause,« mich umarmte, mir Lebewohl sagte, sich umdrehte und verschwand. Ich habe von ihm nie wieder etwas gehört. Unsere Bekanntschaft und Freundschaft währten im Ganzen ungefähr sechs Wochen, aber die Folgen derselben werden erst mit mir enden.

Wie mir das Herz schlug, als ich mich dem Hause der Frau von Warens näherte? Die Füße schwankten unter mir, die Augen waren mir wie verschleiert; ich sah nichts und hörte nichts; ich hätte niemanden wiedererkannt; ich mußte mehrere Male stehen bleiben, um aufzuathmen und mich erst zu fassen. War dies Furcht, nicht die Hilfe zu erlangen, deren ich bedurfte, was mich in so hohem Grade aufregte? Flößt in dem Alter, in welchem ich mich befand, die Furcht, Hungers zu sterben, solche Unruhe ein? Nein, nein, ich sage es mit eben so viel Wahrheit wie Stolz: in keinem Augenblicke meines Lebens ist je mein eigenes Wohl oder die Noth, die an mich herantrat, im Stande gewesen mein Herz freudiger zu stimmen oder zusammenzupressen. Im Laufe eines sich verschiedenartig gestaltenden und durch seine Wechselfälle merkwürdigen Lebens, häufig ohne Unterkommen und ohne Brot, habe ich Ueberfluß wie höchste Noth stets mit gleichem Auge betrachtet. Im Nothfalle wäre ich fähig gewesen, zu betteln oder zu stehlen wie jeder Andere, aber ohne es je zur Gewohnheit werden zu lassen. Wenige Menschen haben so viel geseufzt wie ich, wenige in ihrem Leben so viele Thränen vergossen; aber weder Armuth noch Furcht, in dieselbe zu gerathen, haben mir je einen Seufzer oder eine Thräne zu entlocken vermocht. Gegen Schicksalsschläge abgehärtet, hat meine Seele nur die Güter und die Leiden für wahr erkannt, die nicht vom äußeren Geschicke abhängen; und gerade wenn ich mit allem Unentbehrlichen reichlich versehen war, hatte ich das Gefühl, als wäre ich der Unglücklichste der Sterblichen.

Kaum zeigte ich mich den Augen der Frau von Warens, als ihre Miene mich sofort beruhigte. Ich erbebe beim ersten Tone ihrer Stimme, stürze mich ihr zu Füßen und drücke im Entzücken der lebhaftesten Freude meinen Mund auf ihre Hand. Ich weiß nicht, ob sie bereits über mich benachrichtigt war, doch drückte sich wenig Ueberraschung und noch weniger Verdruß in ihren Zügen aus. »Armer Kleiner,« sagte sie in liebkosendem Tone zu mir, »so bist du also wieder da. Ich wußte wohl, daß du für eine derartige Reise zu jung warst; ich bin recht zufrieden, daß sie nicht einen so üblen Ausgang genommen, wie ich befürchtet hatte.« Darauf mußte ich ihr meine Geschichte erzählen, die nicht lang, aber vollkommen wahrheitsgemäß war; überging ich auch einige Punkte, so schonte ich im Uebrigen weder meiner noch entschuldigte ich mich.

Nun wurde besprochen, wo ich schlafen sollte. Sie zog ihr Kammermädchen zu Rathe. Während dieser Berathung wagte ich nicht zu athmen; aber als ich vernahm, daß ich im Hause schlafen sollte, hatte ich Mühe mich zu beherrschen, und ich sah, wie man mein kleines Packet in das mir bestimmte Zimmer trug, ungefähr mit derselben Empfindung, mit welcher Saint-Preux bei Frau von Wolmar seinen Wagen in die Remise schieben sah. Und außerdem hatte ich noch die Freude zu hören, daß diese Gunst nicht vorübergehend sein sollte, und in einem Augenblick, wo man mich von etwas ganz Anderem völlig in Anspruch genommen wähnte, hörte ich sie sagen: »Man möge sagen, was man will, aber da ihn mir die Vorsehung zurückschickt, bin ich entschlossen, ihn nicht zu verlassen.«

So war ich bei ihr denn endlich für immer aufgenommen. Allerdings war diese Aufnahme noch nicht diejenige, von der an ich die glücklichen Tage meines Lebens zähle, aber sie diente doch zu ihrer Vorbereitung. Wenngleich die Empfindungsfähigkeit des Herzens, die uns erst in Wahrheit die rechte Freude an unserm eigenen Dasein gewährt, eine Mitgift der Natur und vielleicht ein Erzeugnis der Organisation ist, so bedarf sie doch Lebenslagen, welche sie entwickeln. Ohne solche sich gelegentlich darbietende Veranlassungen würde ein Mensch, der von Natur sehr empfindsam ist, nichts fühlen und dahin sterben, ohne sein Wesen erkannt zu haben. So war ich ungefähr bisher gewesen und wäre vielleicht beständig so geblieben, hätte ich Frau von Warens nicht kennen gelernt oder nach gemachter Bekanntschaft nicht lange genug bei ihr gelebt, um die süße Gewohnheit der zärtlichen Gefühle, die sie mir einflößte, anzunehmen. Ich wage zu behaupten: Wer nur Liebe fühlt, fühlt das nicht, was es noch Süßeres im Leben gibt. Ich kenne ein anderes Gefühl, weniger heftig vielleicht, aber tausendmal köstlicher, welches bisweilen mit der Liebe verbunden, allein auch oft von ihr getrennt ist. Dieses Gefühl ist auch nicht etwa blose Freundschaft, es ist wollüstiger, zärtlicher. Ich halte es nicht für möglich, daß man es für eine Person desselben Geschlechtes empfinden könne; wenigstens war ich Freund, wenn je ein Mann es war, und empfand es nie bei irgend einem meiner Freunde. Diese Behauptung ist jetzt nicht recht deutlich, wird es in der Folge jedoch werden; die Empfindungen lassen sich nur an ihren Wirkungen richtig schildern.

Sie bewohnte ein altes Haus, das jedoch groß genug war, um noch ein schönes Zimmer übrig zu haben, das sie als Putzzimmer benutzte, und in diesem brachte man mich unter. Es lag nach dem bereits erwähnten Durchgange hinaus, in dem unser erstes Zusammentreffen stattfand, und über den Bach und die Gärten hinweg hatte man einen Blick auf die ländlichen Fluren. Diese Aussicht war für den jungen Bewohner nichts Gleichgültiges. Seit meinem Aufenthalte in Vassey hatte ich zum ersten Male wieder etwas Grünes vor meinen Fenstern. Immer von neuem eingeschlossen, hatte ich nur Dächer oder das Grau der Straßen vor Augen gehabt. Eine wie angenehme und erquickende Wirkung übte doch dieser ungewohnte Anblick auf mich aus! Er steigerte in hohem Grade meine Neigung zur Rührung. Ich rechnete diese reizende Landschaft meiner theuren Beschützerin als eine neue Wohlthat an: es kam mir so vor, als hätte sie dieselbe ganz ausdrücklich für mich dorthin versetzt; ich stellte mich mit ruhigem Sinne und glücklichem Herzen neben sie hinein; ich erblickte sie überall zwischen den Blumen und dem Grün; ihre Reize und die des Frühlings gingen vor meinen Augen in einander über. Mein so lange gedrücktes Herz fühlte sich in diesem Raume erweitert, und unter diesen Gärten stiegen meine Seufzer freier aus meiner Brust empor.

Fand man bei Frau von Warens auch nicht die Pracht, die ich in Turin gesehen hatte, so fand man doch Sauberkeit, Anständigkeit und einen patriarchalischen Ueberfluß, mit welchem Prunk unvereinbar ist. Sie hatte wenig Silbergeschirr, kein Porcellan, kein Wildbret in ihrer Küche noch fremde Weine in ihrem Keller, aber Küche wie Keller waren für jedermann wohl versehen, und in ihren Tassen von Steingut gab sie ausgezeichneten Kaffee. Wer zu ihr kam, wurde zum Essen an ihrem oder ihrer Leute Tisch eingeladen, und nie schied ein Arbeiter, Bote oder armer Reisender von ihr, ohne Essen oder Trinken erhalten zu haben. Ihre Dienerschaft bestand aus einem ziemlich hübschen Kammermädchen aus Freiburg, das Merceret hieß, einem Knechte aus ihrer Heimat, Namens Claude Anet, von dem noch weiter die Rede sein wird, einer Köchin und zwei Sänftenträgern, die bei den seltenen Besuchen, welche sie abstattete, gemiethet wurden. Viel Leute, wenn man jährlich nur über zweitausend Livres zu gebieten hat! Allein bei sparsamer Einrichtung hätte ihr kleines Einkommen zu dem Allen in einem Lande hinreichen können, in dem der Boden gut und das Geld selten ist. Unglücklicherweise gehörte Sparsamkeit nicht zu ihren Lieblingstugenden; sie machte Schulden und zahlte fort und fort; das Geld verschwand unter ihren Händen und kein Heller blieb ihr übrig.

Die Art ihrer häuslichen Einrichtung war genau so, wie ich sie gewählt haben würde; man kann sich vorstellen, daß ich sie mir mit Freuden zu Nutze machte. Weniger gefiel mir jedoch das lange Sitzenbleiben bei Tafel. Sie konnte nur mit Mühe den ersten Geruch der Suppe und der Speisen ertragen; dieser Geruch machte sie fast ohnmächtig, und ihr Widerwille dagegen währte lange. Nach und nach erholte sie sich und plauderte, ohne zu essen. Erst nach Verlauf einer halben Stunde versuchte sie den ersten Bissen. Ich hätte während dieser Zeit dreimal gespeist; mein Mahl war lange beendet, ehe sie das ihrige begonnen hatte. Zur Gesellschaft fing ich noch einmal an; auf diese Weise aß ich für zwei und fand mich nicht übler dabei. Kurz ich überließ mich dem süßen Gefühle des Wohlseins, welches ich bei ihr empfand, um so mehr, als dieses Wohlsein, das ich genoß, mit keiner Unruhe hinsichtlich der Mittel, es zu erhalten, vermischt war. Da ich ihre Verhältnisse noch nicht genau kannte, nahm ich an, daß die Wirtschaft immer in gleicher Weise fortgehen müßte. Ich habe später in ihrem Hause dieselben Annehmlichkeiten wiedergefunden, aber über ihre wirkliche Lage besser unterrichtet und bemerkend, daß sie ihre Einnahmen im voraus verzehrte, habe ich sie nicht mehr mit der gleichen Ruhe genossen. Die Voraussicht hat mir stets den Genuß verdorben. Trotzdem habe ich das Kommende immer vergeblich vorausgesehen; es ist mir nie möglich gewesen, ihm vorzubeugen.

Vom ersten Tage an entwickelte sich zwischen uns die innigste Vertraulichkeit, welche während ihrer ganzen übrigen Lebenszeit in gleichem Grade fortgedauert hat. »Kleiner« wurde ich genannt, »Mama« redete ich sie an, und beständig blieben wir Kleiner und Mama, selbst dann noch, als die Zahl der Jahre den Unterschied zwischen uns beinahe völlig verwischt hatte. Ich finde, daß diese beiden Benennungen unsern Umgangston, die Harmlosigkeit unseres gegenseitigen Verhaltens und namentlich das Verhältnis unserer Herzen zu einander treffend bezeichnen. Sie war für mich die zärtlichste der Mütter, die nie ihr Vergnügen, sondern lediglich mein Wohl im Auge hatte, und wenn bei meiner Zuneigung zu ihr die Sinnlichkeit mit in das Spiel kam, so veränderte sie gleichwohl nicht den Charakter derselben, sondern verlieh ihr nur einen höheren Reiz und machte mich vor Entzücken trunken, eine junge und hübsche Mama zu haben, die zu liebkosen meine Lust war. Ich sage liebkosen buchstäblich genommen, denn nie kam es ihr in den Sinn, sich der Küsse und der zärtlichsten mütterlichen Liebkosungen gegen mich zu enthalten, und nie stieg der Gedanke in mir auf, davon Mißbrauch zu machen. Man wird behaupten, daß wir im Laufe der Zeit doch wohl ein Verhältnis anderer Art werden zu einander gehabt haben; ich gebe es zu, aber man muß es abwarten, ich kann nicht alles auf einmal sagen.

Die wenigen Minuten unseres ersten Zusammentreffens waren der einzige wirklich leidenschaftliche Augenblick, den sie mich je hat fühlen lassen, und noch dazu war dieser Augenblick ein Werk der Ueberraschung. Nie suchten meine Blicke unbescheiden unter ihr Halstuch zu dringen, obgleich eine darunter schlecht verhüllte Fülle sie recht wohl hätte dorthin ziehen können. Ich fühlte in ihrer Nähe weder Wonneschauer noch Verlangen; ich befand mich in einer entzückenden Ruhe und einem süßem Genusse, ohne zu wissen, was ich genoß. Ich hätte auf diese Weise mein ganzes Leben und selbst die Ewigkeit zubringen können, ohne mich einen Augenblick zu langweilen. Sie ist die einzige Person, bei der ich nie jene Trockenheit der Unterhaltung gefühlt habe, die mir die Pflicht, sie fortzuführen, zur Marter macht. Unsere Unterhaltung bei unseren Zusammenkünften bestand nicht sowohl in einem regelrechten Gespräche, als vielmehr in einem unerschöpflichen Geplauder, welches unterbrochen werden mußte, wenn es ein Ende haben sollte. Sie mußte mir eher Schweigen gebieten, als mich zum Reden auffordern. Da sie unaufhörlich über ihre Projecte grübelte, verfiel sie oft in Träumerei. Ruhig ließ ich sie dann träumen; ich schwieg, betrachtete sie und war der glücklichste der Menschen. Noch eine sonderbare Wunderlichkeit war mir eigen. Ohne die Gunst des Alleinseins mit ihr zu beanspruchen, suchte ich es unaufhörlich und hatte eine leidenschaftliche Freude daran, die in Wuth ausartete, wenn zudringliche Menschen es störten. Sobald jemand kam, mochte es nun Mann oder Frau sein, ging ich murrend fort, da ich es nicht zu Dritt bei ihr auszuhalten vermochte. Ich zählte in ihrem Vorzimmer die Minuten, während ich tausendmal diese ewigen Besucher verfluchte und nicht begreifen konnte, was sie so viel zu sagen hatten, weil ich noch mehr zu sagen hatte.

Ich empfand erst die ganze Stärke meiner Zuneigung zu ihr, wenn ich sie nicht sah. Wenn ich sie sah, erfüllte mich nur ein Gefühl der Befriedigung; aber in ihrer Abwesenheit steigerte sich meine Unruhe bis zur Pein. Das Bedürfnis des Zusammenseins mit ihr gab mir Aufwallungen von Rührung, die bis zu Thränen gingen. Ich werde nie vergessen, wie ich an einem hohen Feiertage, während sie in dem Nachmittagsgottesdienste war, vor der Stadt lustwandelte, das Herz voll von ihrem Bilde und dem glühenden Wunsche, meine Tage an ihrer Seite zu verleben. Ich hatte Verstand genug, um einzusehen, daß es gegenwärtig nicht möglich war, und daß ein Glück, wie es mir jetzt in so hohem Grade zu Theil wurde, nur kurz sein könnte. Dies verlieh meiner Träumerei eine Schwermuth, die gleichwohl nichts Düstres hatte und von einer schmeichelhaften Hoffnung gemildert wurde. Der Glockenklang, der mich stets eigenthümlich gerührt hat, der Gesang der Vögel, die Schönheit des Tages, die Anmuth der Gegend, die zerstreuten Landhäuser, die ich in meiner Phantasie zu unserm gemeinsamen Asyle ausersah, das alles brachte auf mich einen so lebhaften, zarten, schwermüthigen und rührenden Eindruck hervor, daß ich mich wie in schwärmerischer Verzückung schon in diese glückliche Zeit und in diese beglückende Heimstätte versetzt sah, wo mein Herz im Besitze jeder Seligkeit, die das Ziel seines Sehnens war, sie in unbeschreiblichen Entzückungen empfand, ohne dabei auch nur an die Sinneslust zu denken. Ich erinnere mich nicht, mich je mit größerer Kraft und Illusion in die Zukunft versenkt zu haben als damals, und was mich bei der Erinnerung an diese Träumerei nach ihrer endlichen Verwirklichung am meisten überrascht hat, ist das Auffallende, daß ich die Gegenstände genau so, wie ich sie mir vorgestellt, wiedergefunden habe. Wenn je die Träumerei eines Menschen im wachen Zustande an eine prophetische Vision streifte, so war es sicherlich die eben erzählte. Nur in ihrer eingebildeten Dauer unterlag ich einer Täuschung, denn die Tage und die Jahre und das ganze Leben verflossen darin in unveränderlicher friedlicher Ruhe, während in Wirklichkeit das alles nur einen Augenblick gedauert hat. Ach, mein dauerndstes Glück hat nur ein Traum mir vorgegaukelt; auf seine Erfüllung folgte fast unmittelbar das Erwachen.

Ich fände kein Ende, ließe ich mich auf eine ausführliche Aufzählung aller Thorheiten ein, welche mich der Gedanke an die liebe Mama, sobald ich nicht unter ihren Augen weilte, begehen ließ. Wie oft habe ich mein Bett geküßt, weil ich mir vorstellte, daß sie darin gelegen, wie oft meine Vorhänge, alle Möbel meines Zimmers, bei dem Gedanken, daß sie ihr gehörten, daß ihre schöne Hand sie berührt hatte, ja selbst den Fußboden, auf den ich mich in der Vorstellung, daß sie darüber hingeschritten, niederstürzte! Mitunter ließ ich mich sogar in ihrer Gegenwart zu Thorheiten hinreißen, zu welchen dem Anscheine nach nur die heftigste Liebe den Antrieb geben konnte. Eines Tages rufe ich bei Tische in dem Augenblicke, als sie eben einen Bissen in den Mund gesteckt, daß ich ein Haar an ihm gesehen hätte; kaum hat sie ihn auf ihren Teller zurückgeworfen, so erhasche ich ihn gierig und verschlinge ihn. Mit einem Worte, zwischen mir und dem leidenschaftlichsten Liebhaber gab es nur einen einzigen, aber höchst wesentlichen Unterschied, der meinen Zustand für die Vernunft beinahe unbegreiflich macht.

Ich war von Italien nicht völlig so, wie ich hingegangen, zurückgekehrt, wie man jedoch in meinem Alter vielleicht noch nie von dort zurückgekehrt ist. Ich hatte nicht meine Jungfräulichkeit zurückgebracht, mich aber doch körperlich unbefleckt erhalten. Die mit den Jahren fortschreitende Reife hatte sich mir fühlbar gemacht; meine Sinnlichkeit hatte sich endlich offenbart, und ihr erster, sehr unabsichtlicher Ausbruch hatte mich hinsichtlich meiner Gesundheit in eine Unruhe versetzt, die besser als alles andere die Unschuld zu erkennen giebt, in der ich bis dahin gelebt hatte. Bald wieder beruhigt, lernte ich jenen gefährlichen Ausweg kennen, welcher die Natur irreführt und junge Leute meiner Natur auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Kraft und zuweilen ihres Lebens vor vielen Ausschweifungen bewahrt. Dieses Laster, welches die Scham und die Schüchternheit so bequem finden, hat für lebhafte Phantasien noch einen großen Reiz mehr, den, gleichsam über das ganze Geschlecht nach eigenem Belieben zu verfügen und jede Schönheit, die sie mit Begierde erfüllt, ihrer Lust dienstbar zu machen, ohne erst ihre Einwilligung nöthig zu haben. Von diesem traurigen Vortheile verführt, war ich damit beschäftigt, den gesunden Körper zu zerrütten, den mir die Natur geschenkt und dem ich Zeit gegeben hatte, kräftig zu gedeihen. Denke man sich zu diesem bösen Hange noch den Schauplatz, auf dem ich mich bewegte, im Hause einer schönen Frau, während ich ihr Bild in der Tiefe meines Herzens trug, sie am Tage unaufhörlich sah, am Abende von Gegenständen, die mich an sie erinnerten, umgeben war, und in einem Bette schlief, in welchem, wie ich wußte, auch sie gelegen hatte. Welche Reizungen! Mancher Leser, der sie sich vergegenwärtigt, wird mich schon als halbtodt betrachten. Ganz im Gegentheile, was mich hätte ins Verderben stürzen sollen, rettete mich auf einige Zeit. Berauscht von der Wonne, an ihrer Seite leben zu können, von dem glühenden Verlangen, alle meine Tage bei ihr zuzubringen, erblickte ich, ob ich bei ihr weilte oder fern von ihr war, in ihr stets eine zärtliche Mutter, eine geliebte Schwester, eine liebenswürdige Freundin und nichts weiter. Ich sah sie stets so, stets die nämliche, und sah nichts als sie. Ihr Bild, das meinem Herzen immerdar gegenwärtig war, gönnte keinem anderen darin Platz. Sie war für mich die einzige Frau, die es auf Erden gab, und da die ungemeine Süßigkeit der Gefühle, die sie mir einflößte, meiner Sinnlichkeit nicht die Zeit ließ, sich für Andere zu erregen, schützte sie mich vor ihr selber und ihrem ganzen Geschlechte. Kurz, ich war keusch, weil ich sie liebte. Möge nach diesen Wirkungen, die ich nur flüchtig andeute, wer es im Stande ist, sagen, welcher Art mein Verhältnis zu ihr war. Alles, was ich für meine Person darüber sagen kann, ist, daß wenn es jetzt schon sehr außergewöhnlich zu sein scheint, es später diesen Anschein noch weit mehr erhalten wird.

Ich brachte meine Zeit auf die angenehmste Weise von der Welt zu, obgleich ich mit Dingen beschäftigt war, für die ich sonst am wenigsten Lust empfand. Mir lag es ob, ihre Pläne auszuarbeiten, Denkschriften ins Reine zu schreiben, Recepte abzuschreiben; ferner mußte ich Kräuter auslesen, Droguen stoßen, den Destillirkolben handhaben. Unter allen diesen Arbeiten erschienen eine Unmasse Reisender, Bettler und Besucher aller Art. Es galt zu gleicher Zeit einen Soldaten, einen Apotheker, einen Domherrn, eine schöne Dame, einen Laienbruder zu unterhalten. Ich fluchte, ich brummte, ich wünschte das ganze Gesindel zum Teufel. Sie dagegen, die alles von der heitern Seite auffaßte, wollte sich über meine Wuth halb todt lachen, und was ihr Gelächter immer mehr erregte, war, mitansehen zu müssen, wie ich immer wüthender wurde, je weniger ich mich selbst des Lachens enthalten konnte. Diese kleinen Unterbrechungen, in denen ich das Vergnügen hatte, mich auszubrummen, waren reizend, und wenn noch ein neuer Aufdringling während des Zankes dazu kam, so wußte sie diesen Umstand für unsere Erheiterung zu benutzen, indem sie den Besuch boshafter Weise zu verlängern suchte und mir dabei Blicke zuwarf, für die ich ihr hätte Schläge geben mögen. Sie hatte Mühe, sich eines Lachanfalles zu erwehren, wenn sie sah, wie ich, durch den Anstand zurückgehalten, sie wie ein Besessener anblickte, während ich im Grunde meines Herzens und zu meinem eigenen Aerger das alles sehr drollig fand.

Obwohl ich an diesem allen nicht an sich Gefallen fand, so machte es mir trotzdem Freude, weil es zu einem Wesen gehörte, das ich bezaubernd fand. Nichts von dem, was um mich her geschah, nichts von allem, was man mich thun ließ, entsprach meiner Neigung, aber alles that meinem Herzen wohl. Ich glaube, ich hätte es noch dahin gebracht, die Arzneikunst zu lieben, wenn mein Widerwille gegen dieselbe nicht tolle Auftritte hervorgerufen hätte, die uns unaufhörlich belustigten; vielleicht hat diese Kunst zum ersten Male eine solche Wirkung hervorgebracht. Ich behauptete, ein medicinisches Buch am Geruche zu erkennen, und das Spaßhafte dabei ist, daß ich mich selten irrte. Sie ließ mich die abscheulichsten Droguen kosten. Vergeblich ergriff ich die Flucht oder suchte mich zu wehren. Meinem Widerstande und meinen schrecklichen Grimassen zum Trotze, mir und meinen Zähnen zum Trotz, mußte ich, wenn ich ihre niedlichen, schmierigen Finger sich meinem Munde nähern sah, ihn doch endlich öffnen und sie ablecken. Wenn ihr ganzer kleiner Hausstand in demselben Zimmer versammelt war, hätte man, wenn man uns laufen und schreien und lachen gehört, glauben müssen, daß man dort irgend ein Possenspiel aufführte, und nicht, daß man dort Opiate und Elixire verfertigte.

Meine Zeit wurde jedoch nicht völlig von diesen Possen in Anspruch genommen. Ich hatte in dem mir angewiesenen Zimmer einige Bücher gefunden: den Spectator, Puffendorf, Saint-Evremond und die Henriade. Obgleich ich nicht mehr meine alte Lesewuth hatte, las ich, wenn ich unbeschäftigt war, doch in allen ein wenig. Namentlich der Spectator gefiel mir sehr und war für mich belehrend. Der Abbé von Gouvon hatte mich gelehrt, mit weniger Gier und mehr Ueberlegung zu lesen; in Folge dessen brachte mir jetzt das Lesen größeren Nutzen. Ich gewöhnte mich über den Stil, über den eleganten Satzbau nachzudenken; ich übte mich, das reine Französisch von der Volkssprache und den landschaftlichen Dialekten zu unterscheiden. Ueber einen orthographischen Fehler, den ich mit all unsern Genfern machte, wurde ich zum Beispiel durch folgende beide Verse der Henriade belehrt:

Soit qu'un ancien respect pour le sang de leurs maîtres Parlât encore pour lui dans le coeur de ces traîtres

Dieses Wort parlât, welches mir auffiel, machte mich darauf aufmerksam, daß die dritte Person des Subjonctif mit einem t geschrieben werden mußte, während ich es vorher parla wie das Parfait des Indicatif schrieb und aussprach.

Mitunter plauderte ich mit Mama über das Gelesene; hin und wieder las ich ihr vor, was mir große Freude machte; ich gab mir Mühe, gut zu lesen, und das war mir ebenfalls nützlich. Ich habe bereits gesagt, daß sie Kenntnisse besaß, hierbei zeigten sich dieselben im vollen Lichte. Einige Gelehrte hatten sie umschwärmt und ihr den Hof gemacht; diese hatten sie gelehrt, sich über Erzeugnisse des Geistes ein Urtheil zu bilden. Sie besaß, wenn ich mich so ausdrücken darf, einen etwas protestantisch gefärbten Geschmack. Sie sprach nur von Bayle und schätzte Saint-Evremond, der in Frankreich längst todt war, überaus. Aber trotzdem kannte sie die gute Literatur und sprach über sie sehr richtig. Sie war in gewählten Gesellschaften aufgewachsen und hatte, da sie schon in jungen Jahren nach Savoyen gekommen war, in dem anregenden Umgange mit dem dortigen Adel jenen gezielten Ton des Waadtlandes verloren, wo die Frauen das Geistreichthum für Weltton halten und nur in Epigrammen zu reden wissen.

Obgleich sie den Hof nur flüchtig gesehen, hatte sie doch einen raschen Blick auf ihn geworfen, der für sie ausreichend gewesen war, ihn kennen zu lernen. Sie erhielt sich an ihm immer Freunde, und trotz geheimer Eifersüchteleien, trotz der Unzufriedenheit, welche ihre Aufführung und ihre Schulden erregten, hat sie ihre Pension nie verloren. Sie hatte Welterfahrung und die Denkkraft, welche dazu gehört, um aus dieser Erfahrung Nutzen zu ziehen. Das Treiben in der Welt war der Lieblingsgegenstand ihrer Gespräche und bei den phantastischen Vorstellungen, die mich erfüllten, bedurfte ich gerade dieser Art des Unterrichtes am meisten. Wir lasen zusammen La Bruyère; er gefiel ihr besser als La Rochefoucauld, ein trauriges und trostloses Buch, besonders wenn man es in der Jugend liest, wo man es nicht liebt, den Menschen zu sehen, wie er ist. Wenn sie moralisierte, schweifte sie bisweilen ein wenig ab; indem ich ihr jedoch von Zeit zu Zeit den Mund oder die Hände küßte, gewann ich Geduld, und ihre Weitschweifigkeit langweilte mich nicht.

Dieses Leben war zu süß, um dauern zu können. Ich fühlte es, und die unruhige Besorgnis, es enden zu sehen, was das Einzige, was den Genuß desselben trübte. Trotz all ihrer mutwilligen Scherze studirte mich Mama, beobachtete mich, forschte mich aus, entwarf für meine Zukunft eine Menge Pläne, auf die ich gern verzichtet hätte. Glücklicherweise war noch nicht alles damit abgemacht, meine Neigungen, meinen Trieb, meine kleine Anlagen zu kennen; man mußte auch die Gelegenheiten zu ihrer Verwerthung finden oder herbeiführen, und das alles war nicht das Werk eines Tages. Sogar die günstigen Vorurtheile, welche die arme Frau von meiner Befähigung gefaßt hatte, verzögerten den Augenblick, sie zur Geltung zu bringen, weil sie sich mit Rücksicht auf dieselben um so weniger über die Wahl der dazu erforderlichen Mittel entschließen konnte. Kurz es ging alles nach meinen Wünschen, Dank der guten Meinung, die sie von mir hatte; aber sie sollte bald umschlagen, und von da an war es mit meiner Ruhe vorbei. Einer ihrer Verwandten, ein Herr von Aubonne, besuchte sie. Es war ein sehr geistreicher, ränkevoller Mann, der sich wie sie ewig mit Projekten trug, aber ohne sich dabei zu Grunde zu richten, eine Art Abenteurer. Er hatte dem Cardinal Fleury einen verwickelten Plan zu einer Lotterie eingereicht, der abgelehnt worden war. Er beabsichtigte ihn nun dem Turiner Hofe anzubieten, wo er auch angenommen und ausgeführt wurde. Er hielt sich einige Zeit zu Annecy auf und verliebte sich daselbst in die Frau Intendantin, eine sehr liebenswürdige Person, die mir sehr gefiel und die einzige war, die ich gern bei Mama sah. Herr von Aubonne lernte mich kennen; seine Verwandte sprach mit ihm von mir; er übernahm, mich zu prüfen, sich zu überzeugen, wozu ich geeignet wäre, und mir, wenn er sähe, daß ich etwas los hätte, eine Stelle zu verschaffen.

Frau von Warens schickte mich zwei oder drei Morgen hinter einander, unter einem beliebigen Vorwande und ohne ihre Absicht durchblicken zu lassen, zu ihm. Er fing es sehr geschickt an, mich zum Plaudern zu bringen, that sehr vertraulich mit mir, munterte mich, so viel als möglich auf, sprach mit mir von verschiedenen unbedeutenden Dingen und allerlei Gegenständen, und das alles ohne mich scheinbar zu beobachten, ohne etwas Gesuchtes, als ob er Gefallen an mir fände und sich mit mir zwanglos hätte unterhalten wollen. Ich war von ihm bezaubert. Das Ergebnis seiner Beobachtungen war, daß ich, so viel mein Aeußeres und meine lebhaften Züge auch versprächen, wenn nicht völlig unfähig, wenigstens ein Knabe von wenig Geist, ohne Begriffe, beinahe ohne Kenntnisse, mit einem Worte in jeder Beziehung höchst beschränkt wäre, und daß die Ehre, dereinst Landpfarrer zu werden, das höchste Glück wäre, nach dem ich streben dürfte. In dieser Weise sprach er sich gegen Frau von Warens über mich aus. Zum zweiten oder dritten Male wurde ich so beurtheilt; es war noch nicht das letzte Mal, und das Urtheil des Herrn Masseron ist oft bestätigt worden.

Die Ursache dieser Urtheile hängt zu nahe mit meinem Charakter zusammen, um hier nicht einer Erklärung zu bedürfen, denn offen gesagt merkt man wohl, daß ich sie nicht mit völliger Ueberzeugung unterschreibe, und daß ich, was auch immer die Herren Masseron, von Aubonne und viele Andere gesagt haben können, doch bei aller möglichen Unparteilichkeit nicht auf ihre Worte schwören möchte.

Zwei sonst fast unvereinbare Dinge verbinden sich in mir in einer mir unbegreiflichen Weise: ein sehr feuriges Temperament, lebhafte heftige Leidenschaften und eine langsame Entwickelung der Gedanken, die sich unklar und nie im richtigen Augenblicke einstellen. Man sollte meinen, daß mein Herz und mein Geist nicht einem und demselben Wesen angehörten. Schneller als der Blitz erfüllt das Gefühl meine Seele, aber anstatt mir Klarheit zu verschaffen, entflammt und blendet es mich. Ich fühle alles und begreife nichts. Ich bin leidenschaftlich erregt, aber albern; zum Denken habe ich kaltes Blut nöthig. Erstaunlich ist dabei, daß ich dennoch ziemlich sichern Tact, Scharfsinn, sogar Schlauheit habe, gönnt man mir nur Zeit; wenn ich mich vorbereiten darf, mache ich ganz treffliche Gedichte, aber auf der Stelle habe ich nie eines fertig gebracht oder etwas gesagt, was einigen Werth hätte. Brieflich würde ich eine ganz witzige Unterhaltung führen, wie ja auch die Spanier in gleicher Weise Schach spielen sollen. Als ich von einem Herzoge von Savoyen die Anekdote las, er hätte sich auf einer Reise umgewendet, um zu rufen: »Mögest du dir den Hals brechen, Pariser Krämer!« sagte ich zu mir: »Gerade so wie ich selbst!«

Diese Langsamkeit des Denkens im Verein mit dieser Lebhaftigkeit des Gefühls macht sich bei mir nicht nur in der Unterhaltung geltend, sondern auch wenn ich allein bin und bei der Arbeit. Mit der unglaublichsten Schwierigkeit ordnen sich meine Gedanken im Kopfe. Sie laufen in ihm planlos umher und fangen an zu gähnen, bis ich in Aufregung gerathe, mich erhitze und Herzklopfen bekomme, und inmitten dieser Erregung sehe ich nichts deutlich, wäre ich unfähig ein einziges Wort zu schreiben; ich muß warten. Allmählich läßt diese große Erregung nach, das Chaos entwirrt sich, jedes Ding beginnt seine richtige Stelle einzunehmen, aber langsam und nach einer langen und verlegenen Unruhe. Habt ihr nicht hin und wieder in Italien die Oper besucht? Bei dem Scenenwechsel herrscht auf diesen großen Bühnen eine unangenehme und ziemlich lange anhaltende Verwirrung; alle Decorationen liegen bunt durcheinander, man gewahrt auf allen Seiten ein peinlich berührendes Hin- und Herziehen; man glaubt, alles müßte zusammenstürzen; allein nach und nach ordnet sich alles, nichts fehlt, und man ist ganz erstaunt, wenn man auf diesen langen Wirrwar ein hinreißendes Schauspiel folgen sieht. Ungefähr ein ähnlicher Vorgang findet in meinem Kopfe statt, sobald ich schreiben will. Wäre ich im Stande gewesen, erst zu warten und die Dinge dann in der Schönheit wiederzugeben, in der sie sich mir dargestellt haben, dann würden mich wenige Schriftsteller übertroffen haben.

Daraus entspringt die ungemeine Schwierigkeit für mich zu schreiben. Meine durchstrichenen, hingesudelten, mit vielen Einschaltungen versehenen, kaum lesbaren Schreibereien bezeugen die Mühe, die sie mir gekostet haben. Es ist nicht eine einzige unter ihnen, die ich nicht hätte vier- oder fünfmal abschreiben müssen, ehe ich sie zum Druck befördern konnte. Ich habe mit der Feder in der Hand, mein Papier auf dem Tische vor mir, nie etwas aufzusetzen vermocht. Auf Spaziergängen, zwischen Felsen und in Wäldern, Nachts, wenn ich schlaflos im Bette liege, da schreibe ich im Kopfe, man kann sich vorstellen mit welcher Langsamkeit, zumal bei einem Menschen, dem es an allem Wortgedächtnisse gebricht und der in seinem ganzen Leben nicht sechs Verse hat auswendig behalten können. Es giebt Perioden in meinen Schriften, die ich fünf oder sechs Nächte lang in meinem Kopfe hin und her gewendet habe, ehe sie so gefeilt waren, daß sie zu Papier gebracht werden konnten. Daher kommt es auch, daß mir Werke, die Arbeit verlangen, besser gelingen, als solche, die mit einer gewissen Leichtigkeit, ähnlich wie Briefe, abgefaßt werden wollen, eine Gattung, deren Ton ich nie habe treffen können und die mir deshalb Qual bereitet, so oft ich mich mit ihr beschäftigen muß. Auch über die geringfügigsten Angelegenheiten schreibe ich keine Briefe, die mir nicht stundenlange Anstrengungen kosten, und wenn ich sofort niederschreiben will, was mir vorkommt, so weiß ich weder Anfang noch Ende; mein Brief wird dann ein langer und verworrener Wortschwall; man versteht mich kaum, wenn man ihn liest.

Es wird mir nicht allein sauer, die Gedanken wiederzugeben, es wird mir sogar sauer, sie zu fassen. Ich habe die Menschen studirt und halte mich für einen ziemlich guten Beobachter; allein ich bin unfähig, von dem, was ich sehe, etwas einzusehen; ich sehe nur das ein, dessen ich mich erinnere, und nur in meinen Erinnerungen bin ich klug. Von allem, was man in meiner Gegenwart sagt, in meiner Gegenwart thut, in meiner Gegenwart sich ereignet, merke ich nichts, durchschaue ich nichts. Nur das rein Aeußerliche tritt vor mein Auge. Aber später fällt mir alles wieder ein; ich entsinne mich des Ortes, der Zeit, des Tones, der Blicke, der Geberde, kurz jedes Umstandes; nichts entgeht mir. Und aus dem, was man gethan oder gesagt, finde ich dann heraus, was man dabei gedacht hat, und ich täusche mich darin selten.

Wenn ich nun allein mit mir selbst so wenig Herr meiner Geisteskräfte bin, so möge man sich vorstellen, was ich in der Unterhaltung sein muß, wo man, um schlagfertig zu reden, gleichzeitig und auf der Stelle an tausend Dinge denken muß. Der blose Gedanke an die vielen Rücksichten, die ich zu nehmen habe und von denen ich wenigstens eine außer Acht zu lassen sicher bin, genügt, um mich einzuschüchtern. Ich begreife nicht einmal, wie man den Muth haben kann, in einer Gesellschaft zu reden, denn bei jedem Worte müßte man alle Anwesende im Auge haben, müßte man den Charakter und die Lebensgeschichte jedes Einzelnen kennen, um sicher zu sein, daß man nichts sagt, wodurch man einen von ihnen verletzen könnte. Hierin haben die, welche in der Welt leben, einen großen Vortheil; da sie besser wissen, worüber man schweigen muß, sind sie dessen, was sie sagen, sicherer, und nichts desto weniger entschlüpfen auch ihnen nicht selten Dummheiten. Was wird nun der erst für Unheil stiften, der in einen solchen Kreis wie aus den Wolken hineinfällt! Es ist ihm fast unmöglich, auch nur eine Minute lang ungestraft zu reden. Ein Gespräch unter vier Augen ist mit einem andern Uebelstande verbunden, der mir noch schlimmer vorkommt, nämlich mit der Notwendigkeit, fortwährend zu reden. Wenn man mit euch spricht, müßt ihr antworten, und wenn man verstummt, müßt ihr die Unterhaltung wieder aufnehmen. Dieser unerträgliche Zwang wäre allein hinreichend gewesen, mir das Gesellschaftsleben völlig zu verleiden. Ich finde keinen Zwang schrecklicher als die Verpflichtung, augenblicklich und fortwährend zu reden. Ich weiß nicht, ob dies mit meinem tödtlichen Widerwillen gegen jede Abhängigkeit zusammenhängt, aber die Nothwendigkeit, unter allen Umständen zu reden, genügt vollkommen, um mir unfehlbar eine Dummheit zu entlocken.

Noch unseliger ist es, daß trotz des richtigen Gefühls, mich schweigend verhalten zu müssen, wenn ich nichts zu sagen habe, mich förmlich die Wuth zu sprechen überfällt, um meine Schuld dadurch gleichsam schneller abzutragen. Ich stottere in größter Hast einige gedankenlose Worte hervor, mit denen sich im glücklichsten Falle gar kein Sinn verbinden läßt. Durch mein Bestreben, meine Albernheit zu besiegen oder zu verdecken, bringe ich sie gewöhnlich erst recht zu Tage. Unter tausend Beispielen, die ich anführen könnte, will ich nur eines herauswählen, welches nicht aus meiner Jugend stammt, sondern aus einer Zeit, in der ich mir die Ungezwungenheit und den Ton der Welt, in welcher ich bereits einige Jahre gelebt hatte, angeeignet haben sollte, wenn es möglich gewesen wäre. Ich befand mich eines Abends in der Gesellschaft zweier vornehmer Damen und eines Herrn, dessen Name Klang hat, nämlich des Herzogs von Gontaut. Keine andere Person befand sich in dem Zimmer, und ich bemühte mich zu einer Unterhaltung zwischen vier Personen, von denen drei meiner Beihilfe sicherlich nicht bedurften, einige Worte, Gott weiß welche, beizutragen. Die Frau des Hauses ließ sich ein Opiat bringen, welches sie für ihren Magen täglich zweimal einnahm. Als die andere Dame sie das Gesicht verziehen sah, fragte sie lächelnd: »Rührt das Opiat von Herrn Tronchin her?« – »Ich meine nicht,« erwiderte erstere in dem nämlichen Tone. »Ich glaube, es ist auch nicht besser,« fügte der geistreiche Rousseau galant hinzu. Alle wurden bestürzt. Kein Wort wurde gesprochen, kein Lächeln zeigte sich, und einen Augenblick später nahm das Gespräch eine andere Wendung. Einer Andern gegenüber wäre diese Dummheit nur lächerlich gewesen; aber an eine Dame gerichtet, die zu liebenswürdig war, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben, und die ich sicherlich nicht beleidigen wollte, war sie geradezu schrecklich; und ich glaube, daß die beiden Zeugen, der Mann sowohl wie die Frau, große Mühe hatten, ihren Unwillen gegen mich nicht sichtbar werden zu lassen. Solche geistreiche Dinge bringe ich zu Wege, wenn ich reden will, ohne daß ich etwas zu sagen habe. Ich werde die erzählte Anekdote nicht leicht vergessen, denn sie ist nicht allein an sich sehr merkwürdig, sondern ich bilde mir auch ein, daß sie Folgen nach sich gezogen hat, die mich nur zu oft an sie erinnern.

Das wird, denke ich, genügen, um verständlich zu machen, wie ich, ohne ein Dummkopf zu sein, doch oft für einen solchen gehalten worden bin, selbst von Leuten, die fähig waren, ein richtiges Urtheil zu fällen. Ihre Ansicht über mich ist um so ungünstiger, als meine Züge und meine Augen mehr versprechen, und deshalb die getäuschte Erwartung meine Dummheit nur in einem noch grelleren Lichte sieht. Diese ausführliche Charakteristik, zu der mich eine besondere Veranlassung gezwungen hat, ist zum Verständnisse des Folgenden nicht unnütz. Sie enthält den Schlüssel zu vielen Seltsamkeiten, die man mich hat thun sehen, und die man einer menschenscheuen Gemüthsstimmung zuschreibt, die mir nicht eigen ist. Ich würde den geselligen Verkehr wie jeder Andere lieben, wenn ich nicht überzeugt wäre, mich darin nicht allein zu meinem Nachtheile, sondern auch ganz anders zu zeigen, als ich bin. Mein Entschluß zu schreiben und mich zurückzuziehen ist gerade der für mich passendste. Durch mein Hervortreten in die Öffentlichkeit hätte man nie meinen Werth erkannt, ja nicht einmal geahnt. So ist es der Frau Dupin ergangen, obgleich sie eine Frau von Geist ist und ich mehrere Jahre in ihrem Hause gelebt habe; sie hat es mir nachher oft genug selbst gesagt. Uebrigens erleidet dies alles gewisse Ausnahmen, auf welche ich in der Folge zurückkommen werde. Eine dieser Ausnahmen werden wir bald in dem nächsten Buche kennen lernen, wo er berichtet, wie er in einer Audienz, die er mit dem Archimandriten, welchem er sich als Dolmetscher angeschlossen, bei dem Berner Senate hatte, sich gezwungen sah, auf der Stelle und ohne sich darauf vorbereitet zu haben, den Zweck und die Beweggründe seiner Sendung auseinander zu setzen. Man weiß außerdem, daß er in Gesellschaften, sobald ihn der Gegenstand des Gespräches lebhaft interessirte, und namentlich wenn er der freundlichen Gesinnungen seiner Zuhörer sicher sein konnte, mit eben so großer Leichtigkeit wie Anmuth oder Kraft, je nach der Natur des Gegenstandes, redete. Niemand aber hat ihm in dieser Hinsicht ein glänzenderes Zeugnis ausgestellt als Dusaulx in einem Berichte über ein Gastmahl, welches im Jahre 1771 bei ihm stattfand und an dem Rousseau mit anderen ihm bis dahin unbekannten Personen Theil nahm. »Wie liebenswürdig war er doch an diesem Tage, wenn man von einigen unklaren Gedanken absieht! Bald fröhlich, bald erhaben. Vor dem Mahle erzählte er uns einige der unschuldigsten Anekdoten, die er in seine Bekenntnisse aufgenommen hat. Mehrere unter uns kannten sie bereits; aber er verstand sie neu einzukleiden und ihnen eine noch größere Lebendigkeit zu verleihen als in seinem Werke. Ich spreche es dreist aus, daß er sich selbst nicht kannte, als er behauptete, daß ihm die Natur die Redegabe versagt hätte. Unzweifelhaft hatte das einsame Leben dieses Talent in ihn zurückgedrängt. Aber in Augenblicken, wo er sich offen hingab und sein Mißtrauen nicht erweckt wurde, sprudelte seine Rede in einem reißenden unwiderstehlichen Strome hervor.«

Nachdem in solcher Weise über das Maß meiner Fähigkeiten und den für mich geeignetsten Stand entschieden war, handelte es sich jetzt nun schon zum zweiten Male nur darum, daß ich dieser meiner Bestimmung auch folgte. Die Schwierigkeit war, daß ich nicht Theologie studirt und es nicht einmal im Lateinischen weit genug gebracht hatte, um Priester zu werden. Frau von Warens dachte daran, mich einige Zeit im Seminar unterrichten zu lassen. Sie nahm mit dem Herrn Superior, einem Herrn Gros, Rücksprache. Derselbe, der dem Orden der Lazaristen angehörte, war ein gutes, halbblindes Männchen, mager und bereits ergraut und der geistreichste und am wenigsten pedantische Lazarist, den ich je gekannt, was allerdings nicht viel sagen will.

Er besuchte bisweilen Mama, die ihn freundlich aufnahm, mit ihm schön that, ihn sogar neckte und sich mitunter von ihm schnüren ließ, eine Dienstleistung, die er nicht ungern übernahm. Während er damit beschäftigt war, lief sie unaufhörlich von einer Seite des Zimmers zur andern, indem sie bald dies, bald jenes that. Von dem Schnürbande mitgezogen, mußte der alte Herr ihr folgen, wobei er ihr scheltend zurief: »Aber, gnädige Frau, verhalten Sie sich doch ruhig!« Es war ein ungemein reizendes Bild.

Herr Gros ging auf Mamas Plan bereitwillig ein. Er verlangte ein sehr geringes Kostgeld und übernahm den Unterricht. Jetzt kam es nur noch auf die Einwilligung des Bischofs an, der sie nicht allein ertheilte, sondern sich auch zur Zahlung des Kostgeldes bereit erklärte. Er gestattete auch, daß ich, bis man aus einem Versuche auf einen günstigen Erfolg schließen könnte, den man ja hoffen dürfte, in Laientracht bleiben könnte.

Welch ein Wechsel! Ich mußte mich darein schicken. Ich ging nach dem Seminar, wie ich nach dem Richtplatze gegangen wäre. Ein Seminar ist ein trauriger Aufenthalt, namentlich für den, welcher aus dem Hause einer liebenswürdigen Frau kommt. Ich nahm ein einziges Buch mit, das ich Mama mir zu leihen gebeten hatte, und das mir viel Zerstreuung gewährte. Man wird nicht ahnen, welcherlei Art es war: ein Notenbuch. Unter den Talenten, welche sie ausgebildet hatte, war die Musik nicht vergessen worden. Sie hatte Stimme, sang leidlich und spielte ein wenig Klavier. Sie war so gütig gewesen, mir einige Gesangstunden zu geben, und sie mußte dabei ziemlich von den ersten Elementen beginnen, denn ich kannte kaum die Musik unserer Choräle. Acht oder zehn von einer Frau in langen Unterbrechungen ertheilte Stunden hatten mich nicht allein nicht in den Stand gesetzt, die Scala zu singen, sondern mich nicht einmal auch nur mit dem vierten Theile der musikalischen Zeichen bekannt gemacht. Allein ich hatte eine solche Leidenschaft für diese Kunst, daß ich den Versuch machen wollte, mich allein in ihr zu üben. Das Buch, welches ich mitnahm, war nicht einmal eines der leichtesten; es enthielt die Cantaten von Clerambault. Man kann sich denken, wie groß mein Fleiß und meine Ausdauer waren, wenn ich versichere, daß ich ohne Kenntnis des Transponirens und des Tonmaßes es doch dahin brachte, die erste Arie der Cantate Alpheus und Arethusa fehlerfrei vom Blatte zu lesen und zu singen; allerdings hat diese Arie einen so genauen Takt, daß man die Verse nur nach ihrem Silbenmaß vorzutragen braucht, um in den Ton der Melodie zu fallen.

Im Seminar war ein erbärmlicher Kerl von Lazarist, der sich an mich heranmachte und mich mit Abscheu gegen das Latein, worin er mich unterrichten wollte, erfüllte. Er hatte glattes, fettiges und schwarzes Haar, ein Pfefferkuchengesicht, die Stimme eines Büffels, den Blick einer Nachteule und einen Bart wie aus Schweineborsten. Sein Lächeln war hämisch, und seine Glieder zappelten wie bei einer Gliederpuppe. Seinen mir verhaßten Namen habe ich vergessen; aber sein fürchterliches, süßliches Gesicht ist mir noch vollkommen in der Erinnerung geblieben und ich kann nicht ohne Schauder an dasselbe zurückdenken. Ich glaube ihn noch immer in den Gängen auftauchen zu sehen, wie er mich mit seinem schmierigen Barett in sein Zimmer hineinwinkte, das mir entsetzlicher als ein Gefängnis war. Man stelle sich vor, was ich, der ich der Schüler eines hoffähigen Abbés gewesen war, ihm gegenüber empfinden mußte!

Wäre ich zwei Monate diesem Ungeheuer überliefert gewesen, so bin ich überzeugt, daß mein Verstand es nicht ausgehalten hätte. Aber der gute Herr Gros, dem es auffiel, daß ich traurig wurde, nicht aß und abmagerte, ahnte den Grund meiner Niedergeschlagenheit; das war nicht schwer. Er entriß mich den Klauen meines Pavians und vertraute mich in noch merkwürdigerem Gegensatze dem sanftesten aller Menschen an, einem jungen Abbé aus Faucigny, Eine kleine Provinz des Herzogtums Savoyen. Namens Gâtier, der das Seminar durchmachte und aus Gefälligkeit für Herrn Gros und, wie ich glaube, auch aus Menschenfreundlichkeit bereit war, seinen Studien die Zeit zu entziehen, welche die Leitung der meinigen in Anspruch nahm. Nie habe ich rührendere Gesichtszüge als die des Herrn Gâtier gesehen. Er war blond und sein Bart ging in das Röthliche über. Seine Haltung entsprach der in seiner Provinz üblichen, wo die Leute unter einem plumpen Aeußeren sämmtlich viel Geist verbergen; was ihn indessen wahrhaft auszeichnete, war eine gefühlvolle, empfängliche, liebevolle Seele. In seinen großen blauen Augen lag ein Gemisch von Sanftmuth, Zärtlichkeit und Trauer, welches bewirkte, daß man ihn nicht ansehen konnte, ohne Theilnahme für ihn zu empfinden. Nach den Blicken, nach der Stimme dieses armen jungen Mannes hätte man annehmen müssen, daß er sein Schicksal voraussähe, und daß ihm sein Gefühl sagte, er wäre zum Leiden geboren.

Mit diesem Aeußern stand sein Charakter nicht in Widerspruch. Voller Geduld und Gefälligkeit schien er eher mit mir zu studiren als mich zu unterrichten. Mehr bedurfte es nicht, um mir Liebe zu ihm einzuflößen; sein Vorgänger hatte mir das sehr leicht gemacht. Allein trotz aller Zeit, die er mir widmete, trotz des guten Willens, den wir uns gegenseitig bezeigten, und trotz der Richtigkeit seiner Methode, machte ich bei der größten Anstrengung nur geringe Fortschritte. Eigentümlich ist, daß ich bei aller Fassungskraft von Lehrern, mit Ausnahme meines Vaters und des Herrn Lambercier, nie habe etwas lernen können. Das Wenige, was ich sonst noch weiß, habe ich, wie man später sehen wird, allein gelernt. Mein Geist, der sich gegen jederlei Joch auflehnt, kann sich dem Gesetze des Augenblicks nicht unterwerfen. Sogar die Furcht, nicht zu lernen, stört meine Aufmerksamkeit; besorgt, den, welcher mit mir redet, ungeduldig zu machen, thue ich, als verstände ich ihn; er geht weiter und ich verstehe nichts. Mein Geist verlangt seine besondere Zeit; er ist nicht im Stande, sich in eine ihm von Andern gesetzte zu finden.

Nach erhaltener Weihe kehrte Herr Gâtier in seine Heimat zurück. Mein Bedauern, meine Liebe, meine Dankbarkeit begleiteten ihn. Die Wünsche, welche ich für ihn hegte, sind nicht besser erhört worden, als die, welche ich für mich selber hatte. Einige Jahre später erfuhr ich, daß er als Pfarrvikar ein Mädchen geschwängert, das einzige, in das er sich trotz seines ungemein zärtlichen Herzens verliebt hatte. Dies war in einer sehr streng verwalteten Diöcese ein entsetzliches Aergernis. Nach guter Regel dürfen Priester nur verheirathete Frauen schwängern. Weil er sich gegen dieses Gesetz der Schicklichkeit versündigt hatte, wurde er ins Gefängnis geworfen, beschimpft, weggejagt. Ich weiß nicht, ob es ihm späterhin gelungen ist, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden, aber der Gedanke an sein trauriges Schicksal, das mir tief in das Herz geprägt ist, erwachte bei Abfassung des Emil wieder in mir, und im gemeinschaftlichen Hinblick auf Gâtier und Gaime machte ich aus diesen beiden würdigen Priestern das Original des Savoyischen Vikars. Ich schmeichle mir, daß die Nachahmung ihren Urbildern nicht zur Unehre gereicht hat.

Während ich im Seminar war, wurde Herr von Aubonne gezwungen, Annecy zu verlassen. Der Herr Intendant unterstand sich es übel zu nehmen, daß sich derselbe um die Gunst seiner Frau bewarb. Das hieß es machen wie der Hund des Gärtners, denn obgleich Frau Correzi liebenswürdig war, lebte er doch sehr schlecht mit ihr; ultramontane Anwandlungen machten sie ihm unnütz, und er behandelte sie so roh, daß bereits von Scheidung die Rede war. Herr Correzi war ein tief gesunkener Mensch, schwarz wie ein Maulwurf, diebisch wie ein Rabe, und mußte schließlich wegen vielfacher Überschreitungen seines Amtes weggejagt werden. Die Provencalen sollen sich durch Lieder an ihren Feinden rächen; Herr von Aubonne rächte sich an dem seinigen durch ein Lustspiel; er schickte dieses Stück der Frau von Warens, welche es mir zeigte. Es gefiel mir und rief in mir den Wunsch hervor, ebenfalls eins zu verfassen, um mich zu überzeugen, ob ich wirklich so dumm wäre, wie mich der Dichter desselben ausgeschrien hatte; aber erst in Chambéry führte ich dieses Vorhaben aus, indem ich den Liebhaber seiner selbst schrieb. Wenn ich mich in der Vorrede zu diesem Stücke für achtzehnjährig ausgegeben, so habe ich also um einige Jahre gelogen.

Ungefähr in diese Zeit fällt ein an sich zwar nicht sehr bedeutendes Ereignis, welches jedoch für mich Folgen gehabt und, als ich es bereits vergessen, in der Welt Aufsehen gemacht hat. Jede Woche hatte ich einmal die Erlaubnis auszugehen; ich habe nicht erst nöthig zu sagen, welchen Gebrauch ich davon machte. An einem Sonntage, als ich gerade bei Mama war, brach in einem Gebäude der Franziskaner, welches an ihr Haus stieß, Feuer aus. Dieses Gebäude, in welchem der Backofen stand, war bis oben an mit trocknem Reisig angefüllt. In wenigen Augenblicken brannte alles lichterloh; Mama's Haus schwebte in großer Gefahr und die Flammen, die der Wind darauf zutrieb, schlugen schon an ihm empor. Man begann es in aller Eile auszuräumen und die Möbel in den Garten hinabzutragen, der, wie bereits erwähnt, meinem früheren Fenster gegenüber jenseits des Baches lag. Ich war so bestürzt, daß ich alles, was mir in die Hände fiel, ohne Unterschied zum Fenster hinauswarf, sogar einen großen steinernen Mörser, den ich zu jeder andern Zeit Mühe gehabt hätte aufzuheben. Ich stand im Begriff, in gleicher Weise einen großen Spiegel hinauszuwerfen, wenn mich nicht jemand zurückgehalten hätte. Der gute Bischof, der an diesem Tage der Mama einen Besuch abstattete, blieb ebenfalls nicht unthätig. Er führte sie in den Garten, wo er mit ihr und allen, die zugegen waren, zu beten begann, so daß ich, als ich etwas später dorthin kam, alle auf den Knien sah und deshalb neben den andern niederkniete. Während des Gebetes des heiligen Mannes schlug der Wind um, aber so plötzlich und so rechtzeitig, daß die Flammen, welche an dem Hause emporzüngelten und schon zu den Fenstern hineinschlugen, nach der andern Seite des Hofes getrieben wurden und das Haus unbeschädigt blieb. Zwei Jahre darauf fingen nach dem Tode des Herrn von Bernex seine früheren Ordensbrüder, die Antoriner an, Urkunden zu sammeln, welche zu seiner Seligsprechung dienen konnten. Auf die Bitte des Pater Boudet fügte ich diesen Urkunden eine Bescheinigung des eben mitgetheilten Vorfalls bei, woran ich ganz gut that; woran ich aber Unrecht that, das war, daß ich diese Thatsache für ein Wunder ausgab. Ich hatte den Bischof im Gebete gesehen und wahrgenommen, daß der Wind während seines Gebetes eine andere Richtung annahm, und zwar sehr zur rechten Zeit; das konnte ich sagen und bezeugen; daß jedoch eines von beiden die Ursache des andern war, das durfte ich nicht bescheinigen, weil ich es nicht wissen konnte. So weit ich mich indessen meiner Gedanken dabei entsinnen kann, war ich damals ein aufrichtiger Katholik und handelte in gutem Glauben. Die Liebe zu dem Wunderbaren, dem menschlichen Herzen so natürlich, meine Ehrfurcht vor dem tugendhaften Prälaten, der geheime Stolz, vielleicht selbst zu diesem Wunder beigetragen zu haben, wirkten zusammen, mich zu meiner Bescheinigung zu verleiten, und so viel ist gewiß, daß ich mir, wenn dieses Wunder die Folge glühender Gebete gewesen wäre, sehr wohl einen Theil daran hätte zuschreiben können.

Mehr als dreißig Jahre später, als ich die »Briefe vom Berge« herausgegeben hatte, entdeckte Fréron auf eine mir unbekannte Weise dieses Zeugnis und machte in den ihm zur Verfügung stehenden Blättern davon Gebrauch. Man muß gestehen, daß es eine glückliche Entdeckung war, und daß sie zu so gelegener Zeit eintrat, erschien mir selbst sehr drollig.

Es war meine Bestimmung, von allen Ständen zurückgewiesen zu werden. Obgleich Herr Gâtier den am wenigsten ungünstigen Bericht, wie er nur irgend möglich war, über meine Fortschritte gemacht hatte, so sah man doch ein, daß sie mit meinen Anstrengungen nicht im Einklange standen, und das war nicht ermuthigend, mich meine Studien weiter treiben zu lassen. Auch verloren der Bischof und der Superior den Muth und gaben mich der Frau von Warens als einen Menschen zurück, der es nicht einmal zum Priester bringen könnte; im Uebrigen erklärte man mich für einen gutmüthigen und gutgearteten Burschen, und um deswillen verließ sie mich nicht trotz so vieler ungünstiger Urtheile über mich.

Im Triumph brachte ich das Notenbuch zurück, welches mir so großen Nutzen gebracht hatte. Meine Arie aus Alpheus und Arethusa war so ziemlich das Einzige, was ich im Seminar gelernt hatte. Mein sichtlicher Trieb zu dieser Kunst rief den Gedanken in ihr wach, einen Musiker aus mir zu machen. Die Gelegenheit war günstig; es wurde wenigstens einmal in der Woche bei ihr musicirt, und der Kapellmeister des Domes, der diese kleinen Concerte leitete, besuchte sie häufig. Es war ein Pariser, Namens Le Maître, ein guter Componist, sehr lebhaft, sehr fröhlich, noch jung, von leidlichem Aeußern und geringer Begabung, aber sonst ein ganz guter Mensch. Mama machte mich mit ihm bekannt; ich gewann ihn lieb und mißfiel ihm meinerseits nicht; man besprach sich über das Kostgeld und einigte sich darüber. Kurz, ich trat bei ihm ein und brachte den Winter um so angenehmer zu, als seine Amtswohnung nur zwanzig Schritt von Mama's Hause entfernt war; wir konnten in einem Augenblicke zu ihr herüber und aßen des Abends sehr häufig mit ihr zusammen.

Man kann sich vorstellen, daß mir das stets unter Gesang zugebrachte und lustige Leben im Hause meines Lehrers im Verkehre mit den Musikern und Chorknaben mehr zusagte, als das im Seminar bei den Vätern des heiligen Lazarus. Allein trotz der größeren Freiheit war dieses Leben gleichwohl nicht weniger regelmäßig und geordnet. Ich war geschaffen, die Unabhängigkeit zu lieben und nie zu mißbrauchen. Während voller sechs Monate ging ich nur aus, um Mama oder die Kirche zu besuchen, und fühlte mich zu anderen Gängen auch gar nicht versucht. Diese Zeit ist die, wo ich am ruhigsten gelebt habe und deren ich mich mit der größten Freude erinnere. Von den verschiedenen Lebenslagen, in denen ich mich befunden, haben sich einige durch ein solches Gefühl von Wohlsein ausgezeichnet, daß mich in der Erinnerung an sie das gleiche Behagen beschleicht, von dem ich damals ergriffen war. Nicht allein erinnere ich mich der Augenblicke, der Orte, der Personen, sondern auch aller damit in Verbindung stehender Umstände, der Temperatur der Luft, des Duftes, der Farbe, eines gewissen Lokaleindruckes, der sich nur dort wahrnehmbar machte und bei dessen Erinnerung ich mich wieder in die gleiche Lage zurückversetzt fühle. Alles zum Beispiel, was man in der Kapellmeisterei einübte, alles, was man im Chor sang, alles, was man darin vornahm, die schöne würdevolle Tracht der Domherren, die Meßgewänder der Priester, die Kopfbinden der Sänger, das Aeußere der Musiker, ein alter hinkender Zimmermann, der den Contrebaß, und ein kleiner blonder Abbé, der die Geige spielte, die zerfetzte Soutane, welche Le Maître, sobald er seinen Degen abgelegt hatte, über seine Laientracht zog, und das schöne feine Chorhemd, mit dem er die Löcher derselben bedeckte; der Stolz, mit dem ich, meine kleine Flöte in der Hand, auf die Empore ging und meinen Platz unter dem Orchester einnahm, um eines kleinen Solos willen, welches Herr Le Maître besonders für mich gesetzt hatte, das gute Essen, welches unser darauf wartete, und der gute Appetit, den wir dazu mitbrachten: das alles hat, wenn es wieder lebhaft vor meine Seele tritt, mich in der Erinnerung hundertmal in gleiches, wenn nicht noch größeres Entzücken als in der Wirklichkeit versetzt. Ich habe immer eine zärtliche Vorliebe für eine gewisse Melodie aus conditor alme siderum, die sich in Jamben bewegt, behalten, weil ich an einem Sonntage von meinem Bett aus diese Hymne hörte, welche nach einem Ritus des Domes von Annecy während des Advents vor Tagesanbruch auf der Treppe dieser Kirche gesungen wird. Jungfer Merceret, Mama's Kammermädchen, verstand etwas Musik. Nie werde ich eine kleine Motette »Afferte« vergessen, welche mich Herr Le Maître mit ihr singen ließ, und die ihre Herrin mit so großer Freude anhörte. Kurz alles bis auf die gute Magd Perrine, die ein so braves Mädchen war und von den Chorknaben so sehr gehänselt ward, alles taucht in der Erinnerung aus dieser Zeit des Glückes und der Unschuld oft wieder in mir auf, um mich zu entzücken und traurig zu stimmen.

Ohne den geringsten Vorwurf lebte ich seit beinahe einem Jahre in Annecy; alle Welt war mit mir zufrieden. Seit meiner Abreise von Turin hatte ich keine Dummheit begangen und ich beging auch keine, so lange ich mich unter Mama's Augen befand. Sie leitete mich und leitete mich stets gut; meine Liebe zu ihr war meine einzige Leidenschaft geworden, und als Beweis dafür, daß es keine thörichte Leidenschaft war, muß ich darauf hinweisen, daß mein Herz meine Vernunft bildete. Allerdings setzte mich mein einziges, alle meine Fähigkeiten gleichsam verzehrendes Gefühl außer Stand, etwas zu lernen, nicht einmal die Musik, obgleich ich mir alle mögliche Mühe gab. Allein ich trug die Schuld nicht. Der gute Wille war durchaus vorhanden und ebenso der Fleiß. Ich war zerstreut, träumerisch und seufzte oft; was konnte ich dagegen thun? Zu meinen Fortschritten fehlte nichts, was auf mir persönlich beruhte; aber um neue Thorheiten zu begehen, bedurfte es nur einer Persönlichkeit, die mich dazu antrieb. Diese Persönlichkeit erschien auf dem Schauplatze; der Zufall übernahm das Weitere, und wie man in der Folge sehen wird, ließ sich mein anschlägiger Kopf die schöne Gelegenheit nicht entgehen.

An einem sehr kalten Februarabende, als wir sämmtlich um das Feuer saßen, hörten wir an die Hausthüre klopfen. Perrine nimmt ihre Laterne, geht hinab und öffnet; ein junger Herr tritt ein, kommt mit ihr herauf, stellt sich in ungezwungener Weise vor und sagt Herrn Le Maître eine kurze und gut gesetzte Artigkeit, wobei er sich für einen französischen Musiker ausgiebt, den der schlechte Zustand seiner Geldverhältnisse zwinge, sich um eine Stelle bei der Kirchenmusik zu bewerben, um sich redlich durchzuschlagen. Bei dem Worte »französischer Musiker« hüpfte dem guten Le Maître das Herz vor Freuden. Er liebte sein Vaterland und seine Kunst leidenschaftlich. Er versprach dem jungen Reisenden ein Unterkommen bei sich und bot ihm Obdach an, das er sehr nöthig zu haben schien und deshalb ohne viele Umstände annahm. Ich betrachtete ihn mir, während er sich wärmte und, bis das Abendessen aufgetragen wurde, unaufhörlich schwatzte. Er war von gedrungenem Wuchse und eigenthümlicher Mißgestalt, ohne jedoch in erkennbarer Weise verunstaltet zu sein; er war so zu sagen ein Buckliger mit geraden Schultern, allein ich glaube, daß er ein wenig hinkte. Er trug ein schwarzes, mehr abgenutztes als altes Gewand, das vielfach zerrissen war; ein sehr feines und äußerst schmutziges Hemde mit schönen Manschetten von Fransen; ferner Gamaschen, deren jede seine beiden Füße hätte aufnehmen können, und zum Schutze gegen den Schnee einen kleinen, unter dem Arm zu tragenden Hut. In dieser drolligen Ausstattung lag trotzdem etwas Vornehmes, mit dem seine Haltung nicht in Widerspruch stand; seine Gesichtszüge hatten etwas Feines und Angenehmes; er sprach leicht und gut, aber ohne sich viel um die Regeln des Anstandes zu kümmern. Alles an ihm verrieth einen jungen Wüstling, der Erziehung gehabt hatte und sich nicht als Bettler, sondern als Narr auf den Bettel legte. Er erzählte, er hieße Venture von Villeneuve, käme von Paris, hätte sich auf dem Wege verirrt, und als er einen Augenblick seine Rolle als Musiker vergaß, fügte er hinzu, er wäre auf dem Wege nach Grenoble, um einen Verwandten, der dem dortigen Parlamente angehörte, zu besuchen.

Während des Abendessens drehte sich das Gespräch um Musik, und er sprach gut darüber. Er kannte alle großen Virtuosen, alle berühmte Werke, alle Schauspieler, alle Schauspielerinnen, alle hübsche Frauen, alle große Herren. Mit allem, worauf im Laufe des Gesprächs die Rede kam, schien er genau bekannt zu sein; aber kaum war ein Gegenstand berührt, als er die weitere Besprechung desselben durch eine spaßhafte Bemerkung störte, die Lachen erregte und das Gesagte in Vergessenheit brachte. Es war Sonnabend, am folgenden Tage war Musikaufführung im Dome. Herr Le Maître schlägt ihm vor, dabei zu singen. »Sehr gern.« Auf die Frage, was für eine Stimme er singe, antwortet er »den Alt«, und redet von andern Dingen. Ehe wir uns in die Kirche begaben, bot man ihm seine Stimme zur Durchsicht an; er sah sie mit keinem Auge an. Dieses prahlerische Auftreten überraschte Le Maître. »Du sollst sehen,« flüsterte er mir ins Ohr, »daß er nicht eine einzige Note kennt.« »Ich fürchte sehr,« erwiderte ich ihm und folgte ihnen in großer Unruhe. Als man begann, schlug mir das Herz mit furchtbarer Gewalt, denn ich hatte großes Interesse für ihn gewonnen.

Bald überzeugte ich mich, daß ich ruhig sein könnte. Er sang seine beiden Solo vollkommen richtig und mit allem nur denkbaren Kunstsinn, und was noch mehr sagen will, mit einer sehr hübschen Stimme. Mir ist selten eine angenehmere Ueberraschung zu Theil geworden. Nach der Messe erntete Herr Venture von den Domherren wie von den Musikern Glückwünsche und Schmeicheleien ohne Ende, auf die er in seiner scherzhaften Weise, aber stets mit vielem Anstande antwortete. Herr Le Maître umarmte ihn sehr herzlich; ich machte es eben so. Er sah, daß ich sehr froh war, und darüber schien er sich zu freuen.

Man wird mir zugeben müssen, daß ich, nachdem ich für Bâcle, der im Grunde genommen doch immer nur ein Bauer war, geschwärmt hatte, jetzt auch fähig sein konnte, Venture, der Erziehung, Talente, Geist und Welterfahrung besaß und für einen liebenswürdigen Wüstling gelten mußte, mein ganzes Herz zu schenken. Und das widerfuhr mir auch und wäre, glaube ich, auch jedem andern jungen Manne an meiner Stelle um so leichter widerfahren, je mehr er im Stande gewesen wäre, Vorzüge zu erkennen, und je mehr er sich von denselben angezogen gefühlt hätte, denn Venture hatte unstreitig Vorzüge und namentlich den in seinem Alter sehr seltenen, daß er nicht beeifert war, sein Wissen leuchten zu lassen. Allerdings rühmte er sich vieler Dinge, die er nicht verstand, aber über die, welche er verstand, und deren gab es eine ziemlich große Zahl, redete er nicht; er wartete die Gelegenheit, sie zu zeigen, ab; dann benutzte er sie ohne sichtlichen Eifer, und gerade das that die größte Wirkung. Da er jedesmal, ohne zu Ende zu reden, aufhörte, so ließ sich auch nicht erkennen, wann sein Wissen erschöpft war. Scherzhaft, muthwillig, unerschöpflich, verführerisch in der Unterhaltung, beständig lächelnd und nie lachend, sagte er im einfachsten Tone die haarsträubendsten Dinge und bewirkte dadurch, daß man sie ihm hingehen ließ. Selbst die sittsamsten Damen staunten über das, was sie von ihm hinnahmen. Vergeblich sagte ihnen ihr Gefühl, daß sie ungehalten würden müßten; es fehlte ihnen an Kraft dazu. Er hatte nur liederliche Dirnen nöthig, und ich glaube nicht, daß er dazu geeignet war, Glück bei den Frauen zu machen, dagegen war er sehr geeignet, die Gesellschaft von Leuten, die es hatten, unendlich zu würzen. Bei so vielen angenehmen Talenten konnte er in einem Lande, wo man sich auf dieselben versteht und sie liebt, nicht lange auf den Kreis der Musikanten beschränkt bleiben.

Wie meine Zuneigung zu Herrn Venture aus besseren Gründen hervorgegangen war, so hatte sie auch weniger üble Folgen als die zu Herrn Bâcle gefaßte, obgleich sie leidenschaftlicher und dauernder als jene war. Ich sah und hörte ihn gern; alles, was er that, schien mir reizend; alles, was er sagte, galt mir für Orakel; allein meine Liebe ging nicht so weit, daß ich außer Stande gewesen wäre, mich von ihm zu trennen. Gegen dergleichen Uebertreibung hatte ich einen guten Schutz in meiner Nachbarschaft. Ueberdies fühlte ich, daß seine Grundsätze, so gut sie auch für ihn sein mochten, mir nicht frommten; ich hatte eine andere Art Wollust nöthig, von der er keine Vorstellung hatte, und von der ich nicht einmal mit ihm zu reden wagte, völlig überzeugt, daß er sich über mich lustig gemacht hätte. Indessen hätte ich gewünscht, meine Freundschaft für ihn mit der, welche mich beherrschte, zu verbinden. Ich redete mit Entzücken von ihm zu Mama; Le Maître erging sich gegen sie in Lobeserhebungen über ihn. Sie gestattete ihn zu ihr zu bringen. Aber ihre Begegnung lief keineswegs glücklich ab: er fand sie geziert, sie fand ihn liederlich, und da eine so schlechte Bekanntschaft sie mit Besorgnis um mich erfüllte, verbot sie mir nicht allein, ihn wieder zu ihr zu führen, sondern malte mir auch die Gefahren, die ich mit diesem jungen Manne lief, mit so starken Zügen aus, daß ich im Umgange mit ihm ein wenig mehr auf meiner Hut war. Zum großen Glücke für meine Sittlichkeit und für meinen Verstand wurden wir bald getrennt.

Herr Le Maître theilte den Geschmack aller seiner Kunstgenossen; er liebte den Wein. Bei Tische war er zwar mäßig, aber bei der Arbeit in seinem Studirzimmer mußte er fleißig der Flasche zusprechen. Seine Magd wußte das so wohl, daß, sobald er sein Papier zum Componiren zurecht legte und nach seinem Violoncell griff, sein Weinkrug und sein Glas im nächsten Augenblicke ankamen und von Zeit zu Zeit ein neuer Krug erschien. Ohne sich je vollständig zu betrinken, war er fast immer angeheitert, und das war in der That Schade, denn er war sonst ein durchaus guter Mensch und so fröhlich, daß ihn Mama nur die »kleine Katze« nannte. Leider liebte er sein Talent, arbeitete viel und trank in gleicher Weise. Darunter litt seine Gesundheit und endlich seine Laune; er war bisweilen argwöhnisch und leicht zu beleidigen. Unfähig zur Unhöflichkeit, unfähig, irgend jemandem zu nahe zu treten, hat er nie, selbst seinen Chorknaben nicht, ein böses Wort gesagt; aber man durfte sich auch gegen ihn nichts zu Schulden kommen lassen, und das war recht. Das Böse dabei war, daß er aus Mangel an Geist den Ton und die Charaktere nicht zu unterscheiden wußte und oft über die geringste Kleinigkeit in Harnisch gerieth.

Das alte Domkapitel von Genf, in das eintreten zu dürfen sich ehemals so viele Fürsten und Bischöfe zur Ehre rechneten, hat in seinem Exile seinen alten Glanz verloren, aber seinen Stolz bewahrt. Als Aufnahmebedingung gilt noch immer, daß man Edelmann oder Doctor der Sorbonne sein muß, und giebt es einen verzeihlichen Stolz, so ist es nach dem, welcher sich auf persönliches Verdienst gründet, der, welcher aus der Geburt gewonnen wird. Ueberdies pflegen Geistliche, welche Laien in ihren Diensten haben, sie gewöhnlich mit ziemlichem Hochmuthe zu behandeln. So benahmen sich auch die Domherren häufig dem armen Le Maître gegenüber. Vor allem nahm der Vorsteher der Kantorei, der Abbé von Vidonne, der sonst ein sehr höflicher Mann war, aber einen zu großen Adelsstolz besaß, nicht immer die Rücksichten, welche Le Maîtres Talente verdienten, und dieser wieder ertrug solche verächtliche Behandlung nur unwillig. In diesem Jahre geriethen sie in der Charwoche bei einem herkömmlichen Gastmahle, welches der Bischof den Domherren gab und zu dem Le Maître regelmäßig eine Einladung erhielt, einen lebhafteren Wortwechsel als gewöhnlich. Der Domkantor verletzte den Anstand gegen ihn und sagte ihm irgend ein hartes Wort, welches er nicht verschmerzen konnte. Er faßte augenblicklich den Entschluß, in der folgenden Nacht zu entfliehen, und nichts konnte ihn davon abbringen, obgleich Frau von Warens, zu der er kam, um Abschied zu nehmen, nichts unversucht ließ, um ihn zu beruhigen. Er konnte nicht auf das Vergnügen verzichten, sich dadurch an seinen Tyrannen zu rächen, daß er sie mitten in der Osterzeit, in der sie ihn gerade am meisten brauchten, in der Verlegenheit ließ. Was ihn jedoch selbst in Verlegenheit setzte, war seine Notensammlung, die er mitnehmen wollte, was nicht leicht zu bewerkstelligen war. Der Kasten, in den er sie gepackt hatte, war so groß und schwer, daß man ihn nicht unter den Arm nehmen konnte.

Mama that, was ich an ihrer Stelle ebenfalls gethan hätte und noch immer thun würde. Als sie nach vielen vergeblichen Bemühungen, ihn zurückzuhalten, ihn doch zur Flucht entschlossen sah, wie es auch immer kommen möchte, erklärte sie sich bereit, ihm nach bestem Vermögen beizustehen. Ich behaupte dreist, daß sie es ihm schuldig war. Le Maître hatte sich so zu sagen ihrem Dienste geweiht. Nicht nur in Angelegenheiten seiner Kunst, sondern auch in jeder andern Beziehung kam er ritterlich allen ihren Wünschen nach, und die Freundlichkeit, mit der er ihre Befehle vollzog, gab seiner Gefälligkeit noch einen höheren Werth. Also vergalt sie einem Freunde bei einer wichtigen Gelegenheit nur das, was er seit drei oder vier Jahren im Einzelnen für sie gethan hatte; aber sie hatte eine Seele, die, um sich zur Erfüllung solcher Pflichten angetrieben zu fühlen, nicht erst dessen eingedenk zu sein brauchte, daß es Pflichten für sie wären. Sie ließ mich holen und befahl mir, Herrn Le Maître wenigstens bis Lyon zu begleiten und, so lange er meiner bedürfen würde, bei ihm zu bleiben. Später hat sie mir gestanden, daß ihr Wunsch, mich von Venture zu trennen, viel dazu beigetragen hätte, mir diesen Auftrag zu ertheilen. Wegen der Fortschaffung des Kastens fragte sie ihren treuen Diener Claude Anet um Rath. Nach seiner Ansicht mußten wir unausbleiblich entdeckt werden, wenn wir in Annecy ein Saumthier nähmen; er schlug deshalb vor, bei Anbruch der Nacht den Kasten eine Strecke weit fortzutragen und daraus in einem Dorfe einen Esel zu miethen, um ihn weiter bis nach Seyssel zu schaffen, wo wir auf französischem Boden nichts mehr zu fürchten hätten. Dieser Rath wurde befolgt; wir reisten noch denselben Abend um sieben Uhr ab, und Mama verstärkte unter dem Vorwande, für meinen Unterhalt zu zahlen, die leichte Börse der armen »kleinen Katze« mit einem Zuschusse, den sie wohl gebrauchen konnte. Claude Anet, der Gärtner und ich trugen, so gut wir konnten, den Kasten bis zum ersten Dorfe, wo uns ein Esel ablöste, und noch in der nämlichen Nacht gelangten wir nach Seyssel.

Ich glaube bereits bemerkt zu haben, daß es Zeiten giebt, in denen ich mir selbst so unähnlich bin, daß man mich für einen Menschen von ganz entgegengesetztem Charakter halten könnte. Man wird sogleich ein Beispiel davon sehen. Herr Reydelet, Pfarrer von Seyssel, war Domherr von Sanct-Peter, folglich mit Herrn Le Maître bekannt und einer von den Leuten, vor denen er sich am meisten verbergen mußte. Mein Rath ging nun im Gegentheile gerade dahin, wir sollten ihm unsere Aufwartung machen und ihn unter irgend einem Vorwande, als befänden wir uns mit Wissen des Domkapitels daselbst, um Obdach bitten. Le Maître behagte dieser Einfall, der seiner Rache einen spöttischen und scherzhaften Charakter verlieh. Wir gingen also mit größter Unverschämtheit zu Herrn Reydelet, der uns sehr gut aufnahm. Le Maître sagte ihm, er ginge auf Verlangen des Bischofs nach Bellay, um daselbst am Osterfeste die Musikaufführung zu leiten, von wo er in wenigen Tagen hier wieder durchzureisen gedächte; und ich band ihm zur Bekräftigung dieser Lüge hundert andere auf, die so natürlich klangen, daß Herr Reydelet sich über den hübschen Jungen freute, mir seine ganze Freundlichkeit zuwandte und tausenderlei Aufmerksamkeiten bewies. Wir wurden gut bewirthet und gut beherbergt. Herr Reydelet wußte gar nicht, was er uns Liebes anthun sollte, und wir schieden als die besten Freunde von der Welt mit dem Versprechen, uns auf dem Rückwege länger aufzuhalten. Kaum konnten wir erwarten, bis wir allein waren, um in lautes Gelächter auszubrechen, und ich gestehe, daß ich noch immer darein verfalle, so oft ich daran denke: denn man kann sich keinen besser und glücklicher durchgeführten Streich vorstellen. Er würde uns während der ganzen Reise belustigt haben, wenn nicht Le Maître, der nicht aufhörte zu trinken und seiner Neigung nachzuleben, zwei- oder dreimal Anfälle gehabt hätte, die den epileptischen sehr ähnelten und an denen er häufig litt. Das erschreckte mich, und ich begann bald daran zu denken, wie ich mich von ihm frei machen könnte.

Wir gingen nach Bellay, um dort, wie wir es Herrn Reydelet gesagt hatten, das Osterfest zuzubringen, und obgleich wir nicht erwartet wurden, bereitete uns doch der Kapellmeister und alle Welt einen sehr freundlichen Empfang. Herr Le Maître besaß unter seinen Kunstgenossen großes Ansehen und verdiente es. Der Kapellmeister von Bellay machte sich eine Ehre daraus, seine besten Werke vorzutragen, und suchte sich die Anerkennung eines so tüchtigen Meisters zu gewinnen; denn Le Maître war nicht allein Kenner, sondern auch billig denkend, war frei von Eifersucht und ging nie auf jemandes Schaden aus. Er war all diesen Musikmeistern in der Provinz so überlegen, und sie fühlten es selbst so wohl, daß sie ihn weniger als ihren Genossen, denn als ihr Oberhaupt betrachteten.

Nachdem wir in Bellay vier oder fünf Tage sehr angenehm verlebt hatten, brachen wir wieder auf und setzten ohne irgend ein anderes Abenteuer als die bereits gemeldeten unsern Weg fort. In Lyon angekommen, nahmen wir in Notre Dame de Pitié Quartier, und bis zum Eintreffen der Notenkiste, die wir durch eine andere Lüge unter der Obhut unseres Gönners Reydelet hatten auf der Rhone einschiffen lassen, suchte Le Maître seine Bekannten auf, unter andern den Pater Caton, einen Franziskaner, von dem noch in der Folge die Rede sein wird, und den Abbé Dortan, Grafen von Lyon. Beide nahmen ihn zwar gut auf, verriethen ihn aber, wie man sogleich sehen wird; sein Glück war bei Herrn Reydelet erschöpft.

Zwei Tage nach unserer Ankunft in Lyon wurde Le Maître, als wir eben durch eine kleine Straße unweit unserer Herberge schritten, von einem seiner Anfälle überrascht, und dieser war so heftig, daß ich darüber von Schrecken ergriffen wurde. Ich stieß einen Schrei aus, rief nach Hilfe, nannte seine Herberge und bat, ihn dorthin zu schaffen. Während sich nun um den mitten auf der Straße besinnungslos und schäumend umgesunkenen Mann viele Leute hilfsbereit sammelten, wurde er von dem einzigen Freunde, auf den er hätte zählen müssen, erbarmungslos verlassen. Ich benutzte den Augenblick, wo niemand auf mich achtete, lief um die Straßenecke und verschwand. Dem Himmel sei Dank, habe ich auch dieses dritte saure Geständnis abgelegt, hätte ich noch viel ähnliches zu gestehen übrig, würde ich die begonnene Arbeit nicht fortsetzen.

Von allem, was ich bisher bekannt habe, sind an allen Orten, wo ich gelebt, einige Spuren zurückgeblieben; was ich jedoch in dem folgenden Buche mitzutheilen habe, ist fast völlig unbekannt. Es sind die größten Thorheiten in meinem Leben, und es ist ein Glück, daß sie nicht einen schlimmeren Ausgang genommen haben. Aber mein nach dem Tone eines fremden Instruments gestimmter Kopf hatte seine eigene Stimmung und Denkweise verloren; er kam jedoch wieder von selbst zu ihr, und dann hörte ich mit meinen Thorheiten auf oder beging nur noch solche, die mit meinem Wesen mehr in Einklang standen. Dieser Abschnitt meiner Jugend ist der, von welchem ich die unklarsten Vorstellungen habe. Es ist darin fast nichts vorgefallen, was meinem Herzen interessant genug gewesen wäre, um es mir in der Erinnerung immer wieder zu vergegenwärtigen, und es ist schwer, daß ich bei dem unaufhörlichen Gehen und Kommen, bei den vielfachen, sich schnell folgenden Lebenswechseln nicht einige Verrückungen von Zeit oder Ort machen sollte. Ich schreibe lediglich nach dem Gedächtnisse, ohne schriftliche Aufzeichnungen, ohne Anhaltspunkte für die Erinnerung. In meinem Leben giebt es Ereignisse, die mir so gegenwärtig sind, als hätten sie sich eben erst begeben; allein es kommen auch Lücken und leere Stellen vor, die ich nur mit Erzählungen auszufüllen vermag, welche eben so verworren sind wie die nur davon gebliebene Erinnerung. Ich habe also hier und da Irrthümer begehen können und kann sie über Kleinigkeiten noch jetzt begehen, bis zu der Zeit, wo ich zuverlässigere Aufschlüsse über mich habe; in allem jedoch, was für den Gegenstand wirklich von Wichtigkeit ist, bin ich gewiß, genau und treu zu sein, wie ich es in allem zu sein mich stets bestreben werde, darauf kann man sich verlassen.

Sobald ich Herrn Le Maître verlassen hatte, faßte ich den Entschluß, nach Annecy zurück zu kehren. Der Grund und das Geheimnisvolle unserer Abreise hatten mich nur an die Sicherheit unserer Flucht denken lassen, und dieser Gedanke, der mich gänzlich beschäftigte, hatte mich einige Tage lang, von dem, der mich zurückzog, abgelenkt; sobald indessen die erlangte Sicherheit mir größere Ruhe einflößte, machte das mich beherrschende Gefühl sich wieder in seiner alten Stärke geltend. Nichts ergötzte mich, nichts brachte mich in Versuchung, ich hatte keinen anderen Wunsch, als zu Mama zurückzukehren. Die Zärtlichkeit und Aufrichtigkeit meiner Zuneigung zu ihr hatten in meinem Herzen alle Pläne der Einbildungskraft, alle Thorheiten des Ehrgeizes ertödtet. Ich sah kein anderes Glück mehr als das, an ihrer Seite zu leben, und ich that keinen Schritt ohne zu fühlen, daß ich mich von diesem Glück entfernte. Deshalb kehrte ich, sobald es mir möglich war, zu ihr zurück. Meine Heimreise war so schnell, und mein Geist so zerstreut, daß, obgleich ich mich aller meiner übrigen Reisen mit so vieler Freude erinnere, von dieser nicht das Geringste in mir haften geblieben ist; ich entsinne mich nur meiner Abreise von Lyon und meiner Ankunft in Annecy. Man stelle sich selber vor, ob letztere hat je meinem Gedächtnisse entfallen können! Bei meiner Heimkunft traf ich Frau von Warens nicht mehr an; sie war nach Paris abgereist.

Ich habe das Geheimnis dieser Reise nie vollständig erfahren. Sie würde es mir, dessen bin ich sicher, gesagt haben, wenn ich darauf bestanden hätte; aber nie war ein Mensch auf die Geheimnisse seiner Freunde weniger neugierig als ich. Mein Herz ist ausschließlich von der Gegenwart in Anspruch genommen und vollkommen von ihr erfüllt, und von den vergangenen Freuden, welche nun meine einzigen Genüsse sind, abgesehen, bleibt nicht ein Winkel desselben für das leer, was nicht mehr ist. Alles, was ich geglaubt habe nach ihren spärlichen Mittheilungen darüber annehmen zu dürfen, ist, daß sie besorgt war, bei der durch die Thronentsagung des Königs von Sardinien in Turin hervorgerufenen Revolution vergessen zu werden, und die Absicht hatte vermittelst der Intriguen des Herrn von Aubonne denselben Vortheil an dem französischen Hofe zu suchen, an welchem er ihr nach ihren wiederholentlichen Versicherungen am liebsten gewesen wäre, weil die dortige Menge großer Geschäfte eine lästige Ueberwachung nicht zuließe. Ist es so, dann ist es sehr wunderbar, daß man sie bei ihrer Rückkehr nicht scheeler angesehen und sie ihre Pension stets ohne Unterbrechung bezogen hat. Viele Leute standen in dem Wahne, sie hätte irgend einen geheimen Auftrag gehabt, sei es vom Bischofe, der damals Geschäfte am französischen Hofe hatte und selbst dahin zu reisen gezwungen war, sei es von einem noch mächtigeren Manne, der ihr eine vorteilhafte Rückkehr zu verschaffen wußte. So viel ist gewiß, daß dann die Gesandtin nicht übel gewählt gewesen wäre, und daß sie, jung und noch schön, alle Talente besaß, die nöthig sind, um eine Unterhandlung glücklich zu Ende zu führen.

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