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Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil - Kapitel 5
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authorJean-Jacque Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Erster Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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Drittes Buch.

1728 – 1731

Aus dem Hause der Frau von Bercellis ungefähr in derselben Lage geschieden, in der ich in dasselbe eingetreten war, kehrte ich zu meiner früheren Wirthin zurück und blieb bei ihr fünf oder sechs Wochen, während welcher sich meine Natur in Folge meiner Gesundheit, meiner Jugend und meiner Unthätigkeit oft recht lästig äußerte. Ich war unruhig, zerstreut, träumerisch; ich weinte, ich seufzte, ich sehnte mich nach einem Glücke, von dem ich keine Vorstellung hatte und dessen Entbehrung sich mir doch fühlbar machte. Dieser Zustand läßt sich nicht beschreiben, und sogar nur wenige Menschen können sich einen Begriff von ihm machen, weil die meisten dieser so quälenden und doch zugleich so köstlichen Lebensfülle, welche im Rausche des Verlangens einen Vorgeschmack des Genusses gewährt, schon zuvorgekommen sind. Mein erhitztes Blut erfüllte mir das Gehirn unaufhörlich mit Mädchen und Frauen, aber da ich keine Ahnung hatte, was ich in Wahrheit mit ihnen anfangen sollte, benutzte ich sie in der Einbildung seltsamerweise nach meinem alten Geschmacke, ohne zu wissen, was ich weiter mit ihnen anfangen sollte; und diese Ideen hielten meine Sinne in einer sehr lästigen Thätigkeit. Glücklicherweise unterrichteten sie mich nicht darin, wie ich mir vor ihr Ruhe verschaffen konnte. Ich würde mein Leben dafür hingegeben haben, auf eine Viertelstunde ein Fräulein Goton wiederzufinden. Allein es war nicht mehr die Zeit, wo die Spiele der Kindheit wie von selbst darauf hinausliefen. Die Scham, die Begleiterin des Bewußtseins vom Bösen, hatte sich mit den Jahren eingefunden; sie hatte meine Schüchternheit bis zur Unüberwindlichkeit gesteigert, und nie habe ich, weder damals noch später, in mir den Muth gefühlt, einen unzüchtigen Antrag zu machen, wenn die, welcher ich ihn anzusinnen wagte, mich nicht gewissermaßen durch ihr Entgegenkommen dazu gezwungen hätte, sogar wenn ich wußte, daß sie nicht bedenklich war, und ich fast sicher sein konnte, daß sie mich beim Worte nehmen würde.

Meine Aufregung wuchs bis zu dem Grade, daß ich, da ich mein Verlangen nicht befriedigen konnte, es durch die wunderlichsten Kunstgriffe noch immer mehr anreizte. Ich suchte dunkle Alleen, abgelegene Orte auf, wo ich mich von Weitem den Personen weiblichen Geschlechtes in dem Zustande zeigen könnte, in dem ich hätte bei ihnen sein mögen. Was sie zu sehen bekamen, war kein unzüchtiger Anblick – daran dachte ich nicht einmal – sondern ein lächerlicher. Das einfältige Vergnügen, das ich empfand, ihn ihren Augen darzubieten, läßt sich nicht beschreiben. Es bedurfte nur noch eines einzigen Schrittes darüber hinaus, um der ersehnten Behandlung theilhaftig zu werden, und ich zweifle nicht, daß mir irgend eine Entschlossene beim Vorübergehen dieses Vergnügen verschafft hätte, wenn ich die Kühnheit gehabt, es abzuwarten. Dieses alberne Benehmen hatte für mich einen fast eben so komischen, wenn auch weniger angenehmen Ausgang.

Eines Tages stellte ich mich in dem Hintergrunde eines Hofes auf, wo sich ein Brunnen befand, zu dem die Mädchen des Hauses oft kamen, um Wasser zu holen. Dort war auch ein Vorbau, von dem aus man durch verschiedene Eingänge zu Kellern gelangen konnte. Ich untersuchte im Dunkeln diese Kellerräume, und da sie, wie ich fand, lang und düster waren, glaubte ich, sie hätten kein Ende und würden mir im Falle einer Entdeckung einen sichern Zufluchtsort gewähren. In diesem Vertrauen bereitete ich den Mädchen, die zum Brunnen kamen, ein mehr lächerliches als verführerisches Schauspiel. Die klügsten thaten, als sähen sie nichts; andere fingen an zu lachen, noch andere hielten sich für verhöhnt und machten Lärm. Ich rettete mich in meinen Zufluchtsort und wurde verfolgt. Ich hörte die Stimme eines Mannes und wurde unruhig, da ich darauf nicht gerechnet hatte. Ich drang auf die Gefahr hin, mich zu verirren, immer tiefer in die Kellerräume ein: der Lärm, die Stimmen, die Männerstimme folgten mir beständig. Ich hatte mich auf die Dunkelheit verlassen, und es war hell. Ich zitterte, ich ging noch tiefer hinein. Eine Mauer hielt mich auf, und da ich nicht weiter gehen konnte, mußte ich mein Schicksal abwarten. In einem Augenblicke wurde ich von einem großen Manne mit einem langen Knebelbarte und gewaltigem Hute auf dem Kopfe erreicht und ergriffen. Er trug einen langen Säbel und wurde von vier oder fünf alten Frauen begleitet, von denen sich jede mit einem Besenstiel bewaffnet hatte. Unter ihnen bemerkte ich auch die kleine Dirne, die mich verrathen hatte und mir ohne Zweifel ins Gesicht sehen wollte.

Als mich der Mann mit dem Säbel am Arme ergriff, fragte er mich barsch, was ich da machte. Man begreift, daß ich mit der Antwort nicht schnell bei der Hand war. Ich faßte mich jedoch und ersann, indem ich alle meine Geisteskräfte zusammennahm, eine romantische Geschichte, mit der ich auch Erfolg hatte. Ich sagte zu ihm mit flehendem Tone, er möchte Mitleid mit meinem Alter und meinem Zustande haben, ich wäre ein junger Fremder von vornehmer Geburt, der im Kopfe nicht ganz richtig wäre; ich wäre dem väterlichen Hause entflohen, weil man mich einsperren wollte; ich wäre verloren, wenn er mich zwänge, mich ihm zu erkennen zu geben; ließe er mich jedoch in Frieden gehen, so würde ich vielleicht eines Tages im Stande sein, mich ihm für diese Gnade erkenntlich zu erzeigen. Gegen alle Erwartung machte meine Rede und mein Aeußeres Eindruck. Der schreckliche Mann wurde davon gerührt, und nach einem ziemlich kurzen Verweise ließ er mich ruhig gehen, ohne mich weiter auszufragen. Nach den Mienen, mit denen mich die Dirne und die alten Weiber davon gehen sahen, mußte ich annehmen, daß mir der Mann, den ich erst so sehr fürchtete, sehr nützlich war, und daß ich bei ihnen allein nicht so wohlfeil davon gekommen wäre. Ich hörte sie Allerlei murmeln, um das ich mich jedoch nicht viel kümmerte, denn wenn sich nur der Mann und sein Säbel nicht hineinmischten, war ich, jung und kräftig, wie ich war, dessen sicher, mich ihrer Knüttel und ihrer selbst zu erwehren.

Als ich eines Tages später mit einem jungen Abbé, meinem Nachbar, eine Straße entlang schritt, stand mir plötzlich der Mann mit dem Säbel gerade gegenüber. Er erkannte mich wieder, und indem er mir mit spöttischem Tone nachäffte, sagte er zu mir: »Ich bin ein Prinz, ich bin ein Prinz, aber auch ein Schuft. Möge seine Hoheit niemals wiederkommen!« Er fügte nichts weiter hinzu, und mit gesenktem Haupte ging ich ihm geschickt aus dem Wege, indem ich in meinem Herzen Gott für seine Verschwiegenheit dankte. Nach meiner Ansicht hatten ihn die verwünschten Weiber über seine Leichtgläubigkeit ausgelacht. Wie dem auch sein mag, obgleich ein echter Piemontese, war er doch ein guter Mann, und nie gedenke ich seiner ohne eine Regung der Dankbarkeit. Dieses Abenteuer machte mich auf lange Zeit klug, ohne Folgen mit sich zu führen, die ich hätte zu fürchten brauchen.

Mein Aufenthalt bei Frau von Bercellis hatte mir einige Bekanntschaften verschafft, die ich in der Hoffnung, daß sie mir nützlich sein könnten, fortsetzte. Unter Anderen besuchte ich hin und wieder einen savoyischen Abbé, Namens Gaime, den Hofmeister der Kinder des Grafen von Mellarède. Er war noch jung und hatte wenig Umgang, war aber voll gesunder Anschauungen, voll Redlichkeit und Einsicht und einer der züchtigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe. Für den Zweck, der mich an ihn fesselte, war er mir von keinem Nutzen, er besaß nicht Einfluß genug, um mir ein Unterkommen zu verschaffen; dafür fand ich jedoch bei ihm köstlichere Güter, die mir mein Lebenlang zum Vortheil gereicht haben, Unterweisungen in wahrer Sittenlehre und Grundsätze gesunder Vernunft. In dem Stufengange meiner Neigungen und Vorstellungen war ich stets zu hoch oder zu niedrig gewesen, Achilles oder Thersites, bald Held und bald Taugenichts. Herr Gaime unterzog sich der Mühe, mich auf den richtigen Platz zu stellen und mich mir selber zu zeigen, ohne meiner zu schonen und ohne mich zu entmuthigen. Er sprach von meinem Charakter und meinen Fähigkeiten in sehr anerkennender Weise, aber er fügte hinzu, daß er sähe, wie sich aus ihnen auch die Hindernisse erhöben, die mich davon abhalten würden, aus ihnen Nutzen zu ziehen, so daß er in ihnen viel weniger Stufen zu meinem Glücke als Hilfsmittel erblickte, es entbehren zu können. Er entwarf mir ein treues Bild von dem menschlichen Leben, von dem ich nur falsche Vorstellungen hatte; er zeigte mir, wie der Weise auch bei widrigem Geschick immer dem Glücke nachjagen und selbst bei ungünstigem Winde rastlos streben könne, es zu erreichen; wie es ohne Weisheit kein wahres Glück gebe, und wie die Weisheit sich in allen Ständen finde. Er schwächte bedeutend meine Bewunderung äußerer Größe ab, indem er mir nachwies, daß diejenigen, welche über Andere herrschten, nicht weiser und glücklicher wären als sie. Er sagte mir etwas, woran ich seitdem oft wieder gedacht habe; er stellte nämlich die Behauptung auf: könnte jeder Mensch in den Herzen aller übrigen lesen, so würde es weit mehr Leute geben, die herabzusteigen, als solche, die emporzusteigen wünschten. Diese Bemerkung, die eine treffende Wahrheit und durchaus nichts Übertriebenes enthält, ist mir im Laufe meines Lebens von großem Nutzen gewesen, um mir in meiner niedrigen Stellung meine Zufriedenheit zu bewahren. Er gab mir die ersten richtigen Anschauungen vom Rechtschaffenen, das mein aufgeblasener Sinn nur in seinen Maßlosigkeiten aufgefaßt hatte. Er machte mir klar, daß die Begeisterung erhabener Tugenden in der Gesellschaft wenig Nutzen stifte; daß, wer sich zu hoch emporschwänge, leicht fallen könnte; daß die beständige Beobachtung kleiner Pflichten, wenn man sie stets treu zu erfüllen strebte, nicht weniger Kraft verlangte als alle Heldenthaten; daß sie uns sogar für unsere Ehre und unser Glück ungleich heilsamer wäre, und daß es für uns einen unendlich höheren Werth hätte, beständig die Achtung der Menschen zu besitzen, als bisweilen ihre Bewunderung.

Um die Pflichten des Menschen festzustellen, war es nöthig, auf die Gründe für dieselben zurückzugehen. Außerdem brachte uns der Schritt, den ich gethan und der mich in meine gegenwärtige Lage versetzt hatte, ganz von selbst darauf, von Religion zu sprechen. Man ahnt schon, daß der redliche Gaime, wenigstens zum großen Theile, das Original des savoyischen Bicars ist. Lediglich aus Klugheit, die ihn mit größerer Zurückhaltung zu reden zwang, erklärte er sich über gewisse Punkte mit weniger Offenheit; aber im Uebrigen waren seine Grundsätze, seine Gesinnungen, seine Ansichten die nämlichen, und bis auf seinen Rath, in mein Vaterland zurückzukehren, war alles genau so, wie ich es späterhin veröffentlicht habe. Ohne auf Unterredungen, mit deren Inhalt sich jeder Leser bekannt machen kann, näher einzugehen, will ich deshalb nur sagen, daß seine weisen, wenn auch anfänglich wirkungslosen Lehren, in meinem Herzen zu einem Keime von Tugend und Religion wurden, der nie darin erstickte, und der, um Frucht zu bringen, nur auf die Pflege einer geliebteren Hand wartete.

Obgleich meine Bekehrung damals kaum eine wahre genannt werden kann, fühlte ich mich immerhin bewegt. Weit entfernt, mich bei seinen Gesprächen zu langweilen, fand ich vielmehr wegen ihrer Klarheit, ihrer Einfachheit und vor allem wegen einer gewissen Herzenswärme, welche, wie ich fühlte, durch sie hindurchwehte, Gefallen an ihnen. Ich habe eine liebevolle Seele und habe mich den Menschen stets weniger nach Maßgabe des mir erwiesenen Guten als des mir an den Tag gelegten Wohlwollens angeschlossen, und darüber hat sich mein Gefühl selten getäuscht. Auch gewann ich Herrn Gaime in Wahrheit lieb; ich war gleichsam sein zweiter Schüler, und für den Augenblick gewährte mir dies den unschätzbaren Vortheil, daß es den Hang zu jenem Laster, zu welchem mein Müßiggang mich zog, in mir unterdrückte.

Eines Tages, als ich an nichts weniger dachte, ließ mich der Graf de la Rocca zu sich rufen. Die vielen fruchtlosen Gänge zu ihm, bei denen es mir nie gelungen war, ihn zu sprechen, hatten mich verdrossen, und ich hatte sie eingestellt. Ich glaubte, er hätte mich vergessen, oder es wären ihm unangenehme Eindrücke von mir geblieben. Ich irrte mich. Mehr als einmal war er Zeuge der hingebenden Liebe gewesen, mit der ich meine Pflicht bei seiner Tante erfüllt hatte; er hatte sie sogar darauf aufmerksam gemacht und redete mit mir abermals davon, als ich selbst nicht mehr daran dachte. Er empfing mich freundlich, theilte mir mit, er hätte, ohne mich mit leeren Versprechungen hinzuhalten, ein Unterkommen für mich gesucht; es wäre ihm gelungen, er hätte mir nun den Weg gebahnt, etwas zu werden, das Uebrige wäre meine Sache; das Haus, in welches er mir Eintritt verschafft, wäre mächtig und angesehen, ich bedürfte keines anderen Beschützers, um meine Zukunft zu sichern; würde man mich auch anfänglich als einfachen Diener behandeln, wie ich gewesen wäre, so könnte ich doch versichert sein, daß man, falls man sich überzeugte, meine Gesinnungen wie meine Aufführung erhöben mich über diesen Stand, geneigt wäre, mich nicht in demselben zu lassen. Der Schluß dieser Rede stand mit den glänzenden Hoffnungen, welche der Anfang in mir erweckt hatte, in grausamem Widerspruche. Was! Immer Diener? sagte ich mit einem bittern Unwillen, den die Zuversicht jedoch bald wieder verwischte, zu mir selber. Ich fühlte mich zu wenig für eine solche Stellung geschaffen, um zu besorgen, daß man mich darin lassen würde. Er führte mich zu dem Grafen von Gouvon, Oberstallmeister der Königin und Haupt des erlauchten Hauses Solar. Das würdevolle Aeußere dieses ehrwürdigen Greises machte mir die Leutseligkeit seiner Aufnahme nur um so rührender. Er fragte mich mit Theilnahme nach meinen Verhältnissen, und ich antwortete ihm mit Aufrichtigkeit. Er sagte zu dem Grafen della Rocca, ich hätte ein freundliches Gesicht, welches zugleich auf Geist schließen ließe; es schiene mir in der That nicht daran zu fehlen, allein man müßte auch das Uebrige nicht außer Acht lassen. Darauf wandte er sich wieder zu mir und sagte: »Mein Kind, der Anfang ist fast in allen Dingen schwer; der Anfang deiner Stellung wird es jedoch nicht in sehr hohem Grade sein. Sei klug und strebe hier jedem zu gefallen, das ist für den Augenblick deine einzige Aufgabe. Sei übrigens guten Muthes; man wird für dich sorgen.« Unmittelbar darauf führte er mich zur Marquise von Breil, seiner Schwiegertochter, und stellte mich ihr vor, alsdann dem Abbé von Gouvon, seinem Sohne. Ich hatte bereits Erfahrung genug, um mir sagen zu können, daß man bei der Annahme eines Dieners nicht so viele Umstände mache. In Wirklichkeit behandelte man mich nicht als solchen. Ich aß mit der höheren Dienerschaft in der Anrichtestube, ich brauchte nicht Bedientenkleidung zu tragen und als mich der Graf von Favria, ein junger Leichtfuß, hinten auf seine Kutsche steigen lassen wollte, verbot sein Großvater, daß ich mich auf irgend einen Wagen hinten als Diener hinstellen oder jemandem außerhalb des Hauses in gleicher Eigenschaft folgen sollte. Allerdings wartete ich bei Tafel auf und leistete innerhalb des Hauses ungefähr den Dienst eines Lakaien, aber ich verrichtete ihn gewissermaßen aus freiem Antriebe, ohne daß mir die Bedienung einer bestimmten Person übertragen wäre. Mit Ausnahme einiger Briefe, die man mir dictirte, und weniger Bilder, die mir der Graf von Favria auszuschneiden befahl, gab man mir keine Arbeit auf, so daß ich fast den ganzen Tag über Herr meiner Zelt war. Diese Probe, auf die ich mich nicht gefaßt gemacht hatte, war sicherlich sehr gefährlich; sie war nicht einmal sehr gut gemeint, denn diese große Untätigkeit konnte mich dahin bringen, daß ich Laster annahm, die mir sonst fremd geblieben wären.

Aber zum größten Glücke war dies nicht der Fall. Herrn Gaime's Lehren hatten Eindruck auf mein Herz gemacht, und sie gefielen mir in so hohem Grade, daß ich mich bisweilen heimlich entfernte, um sie von neuem anzuhören. Ich glaube, daß die, welche mich so verstohlen ausgehen sahen, schwerlich ahnten, wohin ich ging. Es läßt sich unmöglich etwas Verständigeres denken als die Rathschläge, die er mir über meine Aufführung gab. Mein erstes Auftreten in meinem neuen Dienste war bewunderungswürdig gewesen; ich hatte eine Beflissenheit, eine Aufmerksamkeit, einen Diensteifer gezeigt, die alle Welt bezauberten. Der Abbé Gaime hatte mir klüglich den Wink gegeben, diesen ersten Feuereifer zu mäßigen, damit er nicht späterhin in auffallender Weise nachließe. »Ihr erstes Auftreten,« sagte er, »wird die Richtschnur für alle an Sie gestellte Anforderungen sein; richten Sie es so ein, daß Sie in der Folge noch mehr leisten können, aber hüten Sie sich, je weniger zu thun.«

Da man sich nur oberflächlich nach meinen kleinen Fähigkeiten erkundigt hatte und bei mir keine andern voraussetzte als die, welche mir die Natur verliehen hatte, so schien es trotz jener Versicherung des Grafen von Gouvon nicht, daß man daran dächte, meine Talente auszunutzen. Andere Angelegenheiten kamen dazwischen, und ich wurde fast vergessen. Der Marquis von Breil, Sohn des Grafen von Gouvon, war damals Gesandter in Wien. Bei Hofe waren plötzlich Veränderungen eingetreten, die sich in der Familie fühlbar machten, und man befand sich hier einige Wochen lang in einer Aufregung, die nicht Zeit übrig ließ, an mich zu denken. Bis dahin hatte ich jedoch in meinem Diensteifer wenig nachgelassen. Ein Umstand war mir angenehm und doch auch wieder schädlich, indem er jede äußere Zerstreuung fernhielt, aber mich hinsichtlich meiner Pflichten ein wenig zerstreuter machte,

Fräulein von Breil war eine junge Person, ungefähr in meinem eigenen Alter, gut gewachsen, leidlich hübsch, von sehr weißer Hautfarbe, mit ganz dunklem Haar und, obgleich Brünette, mit jener Sanftmuth in den Zügen, durch welche sich die Blondinen auszuzeichnen pflegen, und der mein Herz nie hat widerstehen können. Die jungen Personen so kleidsame Hoftracht ließ ihren niedlichen Wuchs hervortreten, zeigte ihren Busen und ihre Schultern unverhüllt und machte in Folge der Trauer, die man damals trug, ihren Teint noch blendender. Man wird sagen, daß es einem Diener nicht zustehe, solchen Dingen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hatte ohne Zweifel Unrecht, aber ich bemerkte es dennoch und ich war nicht einmal der Einzige. Der Haushofmeister und die Kammerdiener sprachen bei Tische bisweilen mit einer Gemeinheit davon, die mir grausame Qualen bereitete. Der Kopf schwindelte mir trotzdem nicht in dem Grade, daß ich mich Knall und Fall in sie verliebte. Ich vergaß mich nicht, ich hielt mich auf meinem Platze, und selbst meine Begierden nahmen sich keine Freiheiten heraus. Ich blickte Fräulein von Breil gern an, hörte sie gern einige Worte äußern, in denen sich Geist, Verstand und Sittsamkeit zu erkennen gab; mein Ehrgeiz, der sich auf das Vergnügen, sie zu bedienen, beschränkte, ging nicht über meine Rechte hinaus. Bei Tafel suchte ich aufmerksam nach der Gelegenheit, sie zur Geltung zu bringen. Verließ ihr Diener einen Augenblick ihren Stuhl, so sah man mich sofort hinter ihm stehen, sonst stellte ich mich ihr gegenüber auf; ich suchte ihr ihre Wünsche an den Augen abzulesen; ich paßte den Augenblick ab, ihren Teller zu wechseln. Was würde ich nicht gethan haben, damit sie mich eines Auftrages, eines Blickes, eines einzigen Wortes gewürdigt hätte. Aber nein, ich hatte die Kränkung, für sie gar nicht zu existiren, sie bemerkte nicht einmal, daß ich da war. Eines Tages hatte ihr Bruder, der bisweilen bei Tafel das Wort an mich richtete, eine nicht sehr verbindliche Aeußerung gegen mich fallen lassen, deren ich mich nicht mehr entsinne. Als ich ihm darauf eine feine und wohlgesetzte Antwort gab, wurde sie aufmerksam und warf die Augen auf mich. Dieser Blick reichte hin, so kurz er war, mich in Entzücken zu versetzen. Am folgenden Tage bot sich die Gelegenheit dar, einen zweiten zu erlangen, und ich ließ sie nicht unbenutzt vorübergehen. Man gab an diesem Tage ein großes Mahl, bei dem der Haushofmeister, wie ich zum ersten Male zu meiner großen Verwunderung gewahrte, seinen Dienst mit dem Degen an der Seite und dem Hut auf dem Kopfe versah. Zufälligerweise kam man auf den Wahlspruch des Hauses Solar zu sprechen, welcher nebst dem Wappen auf der Tapete angebracht war: » Tel fiert qui ne tue pas.« Da die Piemontesen in der französischen Sprache nicht sehr bewandert sind, entdeckte jemand in diesem Wahlspruche einen orthographischen Fehler und behauptete, daß in dem Worte fiert das t zu viel wäre.

Eben wollte der alte Graf von Gouvon antworten, als plötzlich seine Augen auf mich fielen, und er sah, daß ich lächelte, ohne eine Bemerkung zu wagen; er gebot mir deshalb zu reden. Ich sprach mich nun dahin aus, daß meines Erachtens das t nicht überflüssig wäre; fiert wäre ein altes französisches Wort, welches nicht von dem Eigenschaftsworte ferus, fier, stolz, drohend, sondern von dem Zeitworte ferit, er schlägt zu, er verwundet, herkäme: deshalb schiene mir der Wahlspruch nicht zu sagen: Mancher droht, sondern Mancher schlägt zu, ohne zu tödten.

Alle Tischgäste blickten mich und blickten sich unter einander an, ohne etwas zu sagen. Nie im Leben sah man ein gleiches Erstaunen; aber noch mehr schmeichelte mir die Wahrnehmung, daß sich auf dem Gesichte des Fräulein von Breil unverkennbar eine Miene der Befriedigung ausprägte. Diese so hochmüthige Person ließ sich herab, mir einen zweiten Blick zuzuwerfen, der dem ersten mindestens gleichkam; dann die Augen auf ihren Großvater richtend, schien sie mit einer Art Ungeduld das Lob zu erwarten, welches er mir schuldig war, und das er mir in der That in so reichem Maße und mit einer so zufriedenen Miene ertheilte, daß die ganze Tafel sich beeiferte, in dasselbe einzustimmen. Dieser Augenblick war kurz, aber in jeder Hinsicht köstlich. Es war einer jener nur allzu seltenen Augenblicke, welche die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zurückversetzen und das herabgewürdigte Verdienst für die Kränkungen des Schicksals rächen. Einige Minuten später bat mich Fräulein von Breil, die Augen abermals zu mir emporhebend, mit einer eben so schüchternen wie freundlichen Stimme, ihr zu trinken zu reichen. Man kann sich vorstellen, daß ich sie nicht warten ließ. Als ich mich ihr aber näherte, wurde ich von einem solchen Zittern ergriffen, daß ich, noch dazu da ich das Glas zu voll geschenkt hatte, einen Theil des Wassers auf ihren Teller und sogar auf sie selber goß. Ihr Bruder fragte mich unkluger Weise, weshalb ich so heftig zitterte. Diese Frage diente nicht dazu, mich wieder Fassung gewinnen zu lassen, und Fräulein von Breil erröthete bis aufs Weiße der Augen.

Hier endete der Roman; man wird bei diesem wie bei dem mit Frau Basile und im Verlaufe meines ganzen weiteren Lebens bemerken, daß ich im Abschlusse meiner Liebschaften nicht glücklich bin. Vergeblich wich ich nicht aus dem Vorzimmer der Frau von Breil; ich erhielt nicht ein einziges Zeichen von Beachtung von ihrer Tochter mehr. Sie ging aus und kehrte zurück, ohne mich anzublicken, und ich wagte kaum die Augen auf sie zu werfen. Ich war sogar so albern und ungeschickt, daß ich eines Tages, als sie beim Vorübergehen ihren Handschuh hatte fallen lassen, statt auf diesen Schatz, den ich hätte mit Küssen bedecken mögen, loszustürzen, nicht einmal den Muth besaß, mich vom Flecke zu rühren, und ihn von einem plumpen Tölpel von Diener aufheben ließ, den ich gern erdrosselt hätte. Um mich vollends einzuschüchtern, nahm ich wahr, daß ich nicht das Glück hatte, Frau von Breil zu gefallen. Nicht allein ertheilte sie mir nie einen Auftrag, sondern sie nahm auch keinen Dienst von mir an, und einmal fragte sie mich, als sie mich in ihrem Vorzimmer fand, in sehr trocknem Tone, ob ich nichts zu thun hätte. So mußte ich denn von diesem lieben Vorzimmer fern bleiben. Anfangs war ich darüber bekümmert, aber Zerstreuungen traten dazwischen, und bald dachte ich nicht mehr daran.

Zum Troste für die Geringschätzung der Frau von Breil gereichte mir die Güte ihres Schwiegervaters, der endlich inne wurde, daß ich da war. Am Abende nach dem erwähnten Mahle hatte er eine halbstündige Unterredung mit mir, von der er befriedigt schien und ich mich bezaubert fühlte. So viel Geist dieser gute Greis auch besaß, so hatte er doch weniger als Frau von Vercellis; dafür hatte er aber mehr Herz und nahm sich meiner mit größerem Edelmuthe an. Er forderte mich auf, mich an seinen Sohn, den Abbé von Gouvon anzuschließen, der mich liebgewonnen hätte; diese Zuneigung könnte mir, wenn ich sie benutzte, insofern vortheilhaft sein, daß er mir beistände, mir das zu erwerben, was mir für die Absichten, die man mit mir hätte, noch fehlte. Schon früh am nächsten Tage eilte ich zu dem Herrn Abbé hin. Er empfing mich nicht wie einen Diener, bot mir einen Platz vor seinem Kaminfeuer an und sah, indem er mich mit größter Milde prüfte, bald ein, daß mein in so vielen Wissenschaften begonnener Unterricht in keiner einzigen vollendet war. Da er sich namentlich überzeugte, daß ich wenig Latein wußte, übernahm er, mich darin weiter zu bringen. Wir kamen überein, daß ich ihn alle Morgen besuchen sollte, und ich begann gleich am andern Tage. Auf diese Weise war ich in Folge einer jener Seltsamkeiten, die man oft in meinem Lebenslaufe finden wird, in einer Stellung zugleich über und unter meinem Stande; ich war in dem nämlichen Hause Schüler und Diener, und in meinem Bedientenstande hatte ich gleichwohl einen Lehrer von so hoher Geburt, daß er diese Stellung nur bei Kindern von Königen hätte übernehmen können.

Der Abbé von Gouvon war ein jüngerer, von der Familie für einen Bischofssitz bestimmter Sohn, der aus diesem Grunde umfassendere Studien hatte treiben müssen, als bei Kindern vornehmer Familien der Fall zu sein pflegt. Man hatte ihn auf die Universität zu Siena gesandt, wo er mehrere Jahre verweilt und von wo er eine ziemlich starke Dosis Cruscantismus zurückgebracht hatte, so daß er in Turin ungefähr dasselbe war, was der Abbé Dangeau dereinst in Paris. Cruscantismus ist hier mit Purismus synonym. Die Italiener bezeichnen mit dem Worte cruscante jeden, der sich bestrebt, sich nur der von der Akademie della Crusca anerkannten Worte zu bedienen. Aus Abneigung gegen die Theologie hatte er sich der schönen Literatur zugewandt, was in Italien bei denen, welche die Laufbahn eines Prälaten einschlagen, sehr gewöhnlich ist. Er hatte die Dichter fleißig gelesen; er machte in lateinischer und italienischer Sprache leidliche Verse. Kurz er hatte so viel Geschmack, wie er brauchte, den meinigen zu bilden und in den Wust, mit dem ich mir den Kopf vollgepfropft hatte, einige Ordnung zu bringen. Sei es jedoch, daß mein Geschwätz in ihm eine falsche Vorstellung von meinem Wissen hervorgerufen hatte, sei es, daß ihm die Anfangsgründe der lateinischen Sprache unerträglich waren, er trieb sie von Anfang an zu schwer für mich. Kaum hatte er mich einige Fabeln des Phädrus übersetzen lassen, so stürzte er mich in den Virgil hinein, der mir fast völlig unverständlich blieb. Es war, wie man in der Folge sehen wird, meine Bestimmung, das Lateinische oft anzufangen und es nie zu lernen. Indessen arbeitete ich mit ziemlichem Eifer, und der Herr Abbé mühte sich mit einer Güte, an die ich noch immer mit Rührung zurückdenke, mit mir ab. Ich brachte sowohl zu meinem Unterrichte als auch in seinem Dienste einen guten Theil des Morgens bei ihm zu; nicht als hätte ich ihn persönlich zu bedienen gehabt – das duldete er nie von mir – aber ich mußte schreiben, was er dictirte, oder Abschriften anfertigen, und diese Thätigkeit als sein Schreibgehilfe war mir nützlicher als jene, die ich als Schüler entfaltete. Nicht allein lernte ich auf diese Weise das Italienische in seiner vollen Reinheit, sondern faßte auch Vorliebe für die Literatur und gewann ein ziemlich richtiges Urtheil über den Werth der Bücher, das ich mir bei der Tribu nicht aneignen konnte und das mir in der Folge, als ich für mich allein zu arbeiten begann, große Dienste leistete.

Diese Zeit war diejenige in meinem Leben, in der ich mich, frei von allen romanhaften Plänen, am vernünftigsten der Hoffnung, es zu etwas zu bringen, überlassen konnte. Der Abbé machte kein Hehl daraus, wie zufrieden er mit mir war, und sein Vater hatte mir sein Wohlwollen in so hohem Grade geschenkt, daß er, wie mir der Graf von Favria erzählte, mit dem Könige von mir gesprochen hatte. Sogar Frau von Breil hatte ihre verächtliche Miene gegen mich abgelegt. Kurz ich wurde eine Art Liebling im Hause, zu großer Eifersucht der übrigen Diener, die bei der Wahrnehmung, daß mir die Ehre zu Theil wurde, von dem Sohne ihres Herrn unterrichtet zu werden, sehr wohl einsahen, daß dies nicht geschah, um mich noch lange in einer der ihrigen gleichen Stellung zu erhalten.

So viel ich nach einigen flüchtig hingeworfenen Worten, über welche ich erst später nachgedacht, über die Absichten, die man mit mir hatte, zu urtheilen im Stande bin, will es mir scheinen, daß es der Familie Solar, die sich auf Gesandtschaftsposten und vielleicht sogar auch auf Ministerstellen Rechnung machte, sehr vorteilhaft vorgekommen war, sich im Voraus eine brauchbare und fähige Person heranzubilden, die bei ihrer völligen Abhängigkeit von ihr in der Folge ihr Vertrauen hätte erhalten und sich ihr nützlich erweisen können. Die Absicht des Grafen von Gouvon war edel, vernünftig, hochherzig und eines wohlthätigen Herrn, der die Zukunft im Auge hatte, wahrhaft würdig; aber abgesehen davon, daß ich damals nicht ihre ganze Tragweite überschaute, war sie für meinen Kopf auch viel zu vernünftig und verlangte eine zu lange Unterwürfigkeit. Mein toller Ehrgeiz suchte das Glück nur auf dem Wege der Abenteuer; und da ich keine Frau dabei im Spiele sah, so schien mir diese Art, zum Ziele zu gelangen, langsam, mühevoll und freudlos, obwohl ich sie gerade für um so ehrenvoller und sicherer hätte halten sollen, weil die Frauen mit ihr nichts zu thun hatten, indem die Art von Verdienst, welcher sie ihren Schutz angedeihen lassen, sicherlich sich nicht mit dem messen kann, das man bei mir voraussetzte.

Alles ging prächtig. Ich hatte mir jedermanns Achtung erworben, ja fast jedermann abgezwungen; die Prüfungszeit war zu Ende, und man betrachtete mich im Hause allgemein als einen jungen Mann von den größten Hoffnungen, der sich nicht auf dem rechten Platze befände und den man auf denselben gelangen zu sehen erwartete. Aber mein Platz war nicht der mir von Menschen angewiesene, und ich sollte ihn auf ganz anderen Wegen erreichen. Ich spiele auf einen jener charakteristischen Züge an, die mir eigen sind, und auf die es den Leser hinzuweisen genügt, ohne irgend eine Bemerkung hinzuzufügen.

Obgleich es in Turin viele Neubekehrte meiner Art gab, liebte ich sie nicht und hatte nie einen derselben sehen wollen. Dagegen hatte ich einige Genfer, die ihrem Glauben treu geblieben waren, kennen gelernt, unter anderm einen Herrn Mussard, mit dem Beinamen Schiefmaul, einen Miniaturmaler und weitläufigen Verwandten von mir. Dieser Mussard kundschaftete meinen Aufenthalt bei dem Grafen von Gouvon aus und besuchte mich daselbst mit einem andern Genfer, Namens Bâcle, dessen Kamerad ich während meiner Lehrzeit gewesen war. Dieser Bâcle war ein sehr unterhaltender, sehr heiterer Bursche voller spaßhafter Einfälle, die sein Alter angenehm machte. Und mit einem Male schwärmte ich für Herrn Bâcle, und schwärmte gleich dermaßen für ihn, daß ich nicht mehr von ihm lassen konnte. Er war Willens, binnen kurzem seine Rückreise nach Genf anzutreten. Was für ein Verlust mußte das für mich werden! Ich fühlte seine ganze Größe nur allzu sehr. Um wenigstens die mir noch übrig gelassene Zeit auszunutzen, trennte ich mich nicht mehr von ihm, oder er trennte sich vielmehr nicht von mir, denn zuerst schwindelte mir der Kopf noch nicht bis zu dem Grade, daß ich den Tag ohne Erlaubnis außerhalb des Palastes bei ihm zugebracht hätte. Als man sich jedoch bald überzeugte, daß er mich vollkommen umlagerte, verbot man ihm die Thür, und ich gerieth darüber dergestalt in Hitze, daß ich über meinen Freund Bâcle alles vergaß, weder dem Abbé noch dem Grafen meine Aufwartung machte, und man mich im Hause nie mehr sah. Man machte mir Vorwürfe, aber ich nahm sie nicht zu Herzen. Man drohte, mich zu verabschieden. Diese Drohung wurde mein Untergang. Sie zeigte mir die Möglichkeit, Bâcle's Reisegefährte werden zu können. Von jetzt an kannte ich kein anderes Vergnügen, kein anderes Lebensglück, keine andere Seligkeit mehr, als das, eine gleiche Reise zu machen, und ich sah dabei nur das Wonnige der Reise, an deren Ziele sich mir noch obendrein Frau von Warens, wenn auch in unermeßlicher Ferne zeigte; denn nach Genf zurückzukehren, hatte ich nie im Sinne. Berge, Wiesen, Haine, Bäche, Dörfer schwebten in endloser Reihe und mit immer neuen Reizen vor meinen Augen; diese so viele Genüsse versprechende Reise schien mein ganzes Leben in Anspruch nehmen zu sollen. Ich erinnerte mich mit Entzücken, wie reizend mir diese nämliche Reise bei meiner Herkunft erschienen war. Was mußte sie erst werden, wenn zu allem Reize der Unabhängigkeit noch der hinzutrat, den Weg mit einem Gefährten von meinem Alter, meinem Hange und meinem Temperamente zurückzulegen, ungenirt, ungezwungen und ungebunden, marschirend oder rastend, sobald es uns beliebte. Man hätte ein Thor sein müssen, um ein solches Glück den Plänen des Ehrgeizes zu opfern, die sich erst langsam und schwierig verwirklichen ließen und deren Erfolg sogar unsicher war, Plänen, die selbst bei einem dereinstigen Gelingen trotz all ihres Glanzes auch nicht eine Viertelstunde wahrer Freude und jugendlicher Freiheit aufwogen.

Von diesem klugen Gedanken erfüllt, betrug ich mich der Art, daß es mir wirklich gelang, weggejagt zu werden, und ich setzte es in Wahrheit nicht ohne Mühe durch. Eines Abends zeigte mir der Haushofmeister, als ich heimkehrte, meine Entlassung im Namen des Herrn Grafen an. Das war es gerade, was ich verlangte; denn da sich mir das Bewußtsein von der Thorheit meines Betragens recht wohl aufdrängte, fügte ich derselben zu meiner Selbstentschuldigung noch Ungerechtigkeit und Undankbarkeit hinzu, in dem Wahne, dadurch das Unrecht auf jene Leute zu wälzen und mich vor mir selbst zu rechtfertigen, als hätte ich mich nur aus Noth zu meinem Entschlüsse bestimmen lassen. Der Graf von Favria hatte mir sagen lassen, er wünschte mich morgen früh vor meinem Verlassen des Hauses noch einmal zu sprechen, und da man mir anmerkte, daß ich bei meiner Hirnzerrüttung fähig wäre, diese Aufforderung unbeachtet zu lassen, erklärte mir der Haushofmeister, er würde mir erst nach meiner Aufwartung bei demselben eine kleine mir bewilligte Geldsumme auszahlen, die ich sicherlich nicht verdient hätte, denn da man nicht beabsichtigte, mich in dem Dienerstande zu lassen, so hatte man mir auch keinen festen Lohn ausgesetzt.

So jung und leichtfertig der Graf von Favria auch war, so hielt er mir bei dieser Gelegenheit doch die verständigsten und ich möchte fast sagen, die zärtlichsten Reden, in so herzlicher und für mich schmeichelhafter und rührender Weise setzte er mir die freundlichen Gesinnungen seines Oheims und die Absichten seines Großvaters auseinander. Nachdem er mir endlich alles, was ich opferte, um mich ins Verderben zu stürzen, lebhaft vor Augen gestellt hatte, bot er sich mir zum Vermittler an, indem er mir nur die eine Bedingung stellte, daß ich den Verkehr mit dem kleinen Taugenichts, der mich verführt hatte, aufgeben sollte.

Es war so augenscheinlich, daß er das alles nicht aus sich selbst sprach, daß ich trotz meiner albernen Verblendung die ganze Güte meines greisen Herrn empfand und von ihr gerührt wurde; allein diese genußreiche Reise hatte sich meiner Phantasie bereits allzu tief eingeprägt, als daß irgend etwas ihren Reiz aufwiegen konnte. Ich war völlig wie von Sinnen, ich wurde verstockt und verhärtet, ich spielte den Stolzen und erwiderte hochmüthig, da man mir den Abschied einmal ertheilt, hätte ich ihn angenommen; jetzt wäre es zu spät, ihn zu widerrufen; was mir im Leben auch zustoßen könnte, so wäre ich doch entschlossen, mich nie zweimal aus einem Hause fortjagen zu lassen. Mit Recht aufgebracht, legte mir nun dieser junge Mann die Namen bei, die ich verdiente, stieß mich an den Schultern zu seinem Zimmer hinaus und schlug die Thüre hinter mir zu. Wie im Triumphe ging ich meiner Wege, als hätte ich den größten Sieg erfochten, und aus Furcht, noch einen zweiten Kampf durchzumachen, hatte ich die Niedrigkeit, mich zu entfernen, ohne mich bei dem Herrn Abbé für alle seine Güte zu bedanken.

Um die ganze Höhe meines Wahnsinns in diesem Augenblicke zu begreifen, müßte man wissen, wie sehr mein Herz geneigt ist, sich für die geringsten Dinge zu erwärmen, und wie gewaltig es sich in die Vorstellung des Gegenstandes, der es anlockt, vertieft, so nichtig dieser Gegenstand bisweilen auch sein mag. Die seltsamsten, kindischsten, albernsten Pläne nähren dann meinen Lieblingsgedanken und zeigen mir die Möglichkeit, ihn auszuführen. Sollte man glauben, daß man in einem Alter von beinahe neunzehn Jahren sein Auskommen für seine ganze übrige Lebenszeit auf ein leeres Fläschchen gründen könne? Man höre nur!

Der Abbé von Gouvon hatte mir einige Wochen vor meiner Entlassung einen kleinen, sehr niedlichen Heronsbrunnen, über den ich entzückt war, zum Geschenk gemacht. Während wir, der kluge Bâcle und ich, ihn springen ließen, und dabei von unserer Reise plauderten, kamen wir auf den Gedanken, ihn zur Verlängerung derselben zu benutzen. Was konnte es auch Merkwürdigeres in der Welt geben als einen Heronsbrunnen? Diese Ueberzeugung war das Fundament, auf dem wir das Gebäude unseres erträumten Glückes aufführten. Wir hatten nichts weiter nöthig, als die Bauern in jedem Dorfe um unsern Springbrunnen zu versammeln, und köstliche Mahlzeiten mußten uns dann in um so größerem Ueberfluß zufallen, als wir beide nicht anders glaubten, als daß die Lebensmittel denen, welche sie ernten, eigentlich nichts kosten, und daß es lediglich an ihrem bösen Willen läge, wenn sie die Vorüberreisenden nicht förmlich damit nudelten. Wir weilten mit unsern Gedanken nur bei Festlichkeiten und Hochzeitsfeiern, mit Sicherheit darauf rechnend, daß wir außer dem Athem unserer Lungen und dem Wasser unseres Springbrunnens nichts aufzuwenden brauchten, da letzterer uns die Reisekosten durch Piemont, Savoyen, Frankreich und die ganze Welt verdienen würde. Wir machten Reisepläne ohne Ende und wollten unsern Weg zunächst nach Norden nehmen, mehr aus Lust die Alpen zu übersteigen, als aus Besorgnis, doch noch irgendwo festgehalten zu werden.

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