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Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil - Kapitel 3
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authorJean-Jacque Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Erster Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1723 – 1728

So verlor sich, bevor über meinen Beruf entschieden war, die kostbarste Zeit meiner Jugend in Kindereien. Nach langen Ueberlegungen, wozu mich meine natürlichen Anlagen besonders befähigten, entschloß man sich endlich für das, wozu ich die geringsten besaß, und brachte mich bei einem Herrn Masseron, dem Stadtschreiber unter, damit ich unter ihm, wie Herr Bernard äußerte, das edele Geschäft eines Procurators erlernte. Diese Bezeichnung mißfiel mir im höchsten Grade. Die Aussicht, auf unedle Weise dereinst Thaler aufzuhäufen, verletzte meinen Stolz nicht wenig; die Beschäftigung kam mir langweilig, unerträglich vor; die nöthige Pünktlichkeit, der damit verbundene Zwang verleideten sie mir vollends, und nur mit Abscheu, der von Tage zu Tage wuchs, betrat ich die Kanzlei. Herr Masseron, der mit mir wenig zufrieden war, behandelte mich seinerseits mit Verachtung, indem er mir unaufhörlich meine Trägheit, meine Dummheit vorwarf und mir alle Tage wiederholte, mein Oheim hätte ihm versichert, daß ich tüchtige Kenntnisse besäße, während ich in Wahrheit nichts wüßte: er hätte ihm einen brauchbaren Jungen versprochen und ihm nur einen Esel übergeben. Endlich wurde ich wegen meiner Dummheit schimpflich aus der Kanzlei entlassen und die Schreiber des Herrn Masseron sprachen es laut aus, ich wäre zu nichts gut, als die Feile zu handhaben.

Da in solcher Weise über meinen Beruf bestimmt war, wurde ich in die Lehre gegeben, allein nicht bei einem Uhrmacher, sondern bei einem Graveur. Die Verachtung des Stadtschreibers hatte mir eine sehr geringe Meinung von mir beigebracht, und ich gehorchte ohne Murren. Mein Meister, Herr Ducommun, war ein junger roher und heftiger Mensch, der es in sehr kurzer Zeit erreichte, mich um alle Jugendfreude zu bringen, mein sich nach Liebe sehnendes und lebhaftes Naturell zu ertödten und mich auch geistig auf den Standpunkt herabzudrücken, auf den mich meine Vermögensverhältnisse verwiesen, auf den eines Lehrjungen. Mein Latein, meine Kenntnisse des Alterthums, meine Geschichte, alles war auf lange Zeit vergessen; sogar die Erinnerung war mir daran geschwunden, daß es Römer in der Welt gegeben hatte. Besuchte ich meinen Vater, so fand er nicht mehr seinen Abgott in mir; für die Damen war ich nicht mehr der galante Jean-Jacques, und ich fühlte selbst so wohl, daß Herr und Fräulein Lambercier in mir ihren früheren Schüler nicht wieder erkannt haben würden, daß ich mich schämte, mich ihnen zu zeigen, und sie seitdem nicht wieder gesehen habe. Die gemeinsten Neigungen, die schändlichsten Ungezogenheiten traten an die Stelle meiner liebenswürdigen Zeitvertreibe und verwischten sogar die Erinnerung an dieselben. Trotz der rechtschaffensten Erziehung muß ich doch eine große Neigung zur Entartung gehabt haben; denn das alles trat reißend schnell ohne alle Anstrengung ein, und nie wurde ein so frühreifer Cäsar so schnell zum Laridon.

Das Handwerk an sich mißfiel mir nicht; am Zeichnen hatte ich großes Gefallen; die Arbeit mit dem Grabstichel war mir eine angenehme Beschäftigung, und da der Uhrmacher von dem Graveur nicht allzu hohe Leistungen verlangt, so hatte ich Hoffnung, es zur Meisterschaft zu bringen. Ich würde vielleicht dazu gelangt sein, wenn mich nicht die Rohheit meines Meisters und der übertriebene Zwang mit Widerwillen gegen die Arbeit erfüllt hätten. Ich stahl ihr Zeit ab, um während derselben Beschäftigungen gleicher Art zu treiben, die aber für mich den Reiz der Freiheit hatten. Ich schnitt Medaillen, die wir, ich und meine Kameraden, als Ritterorden tragen wollten. Mein Meister ertappte mich bei dieser unerlaubten Arbeit und prügelte mich derb durch, da er vorgab, ich übte mich in der Falschmünzerei, weil unsere Medaillen das Wappen der Republik zeigten. Ich kann es beschwören, daß ich keine Vorstellung von falschem Gelde hatte und eine sehr unklare von echtem. Ich wußte besser, wie römische As verfertigt wurden als unsere Drei-Sous-Stücke.

Die Tyrannei meines Meisters machte mir die Arbeit, die ich sonst geliebt haben würde, endlich unerträglich, und impfte mir Laster ein, die ich sonst gehaßt hätte, wie das Lügen, das Faulenzen, das Stehlen. Nichts hat mich den Unterschied zwischen kindlicher Abhängigkeit und sklavischer Knechtschaft besser gelehrt als die Erinnerung an die Veränderungen, welche diese Zeit in mir hervorbrachte. Von Natur schüchtern und blöde, lag mir kein Fehler je ferner als die Frechheit. Allein ich hatte mich einer anständigen Freiheit zu erfreuen gehabt, die bis jetzt nur stufenweise eingeschränkt war und endlich ganz aufhörte. Bei meinem Vater war ich dreist, bei Herrn Lambercier zwanglos, bei meinem Oheim bescheiden; bei meinem Meister wurde ich furchtsam, und von dem Augenblick an war ich ein verlorenes Kind. An eine vollständige Gleichheit in der Lebensweise mit meinen Vorgesetzten gewöhnt, kein Vergnügen kennend, zu dem ich nicht zugelassen wäre, kein Gericht sehend, von dem ich nicht meinen Antheil erhalten hätte, keinen Wunsch fühlend, dem ich nicht Worte verleihen durfte, kurz, alle Regungen meines Herzens offen bekennend: man urtheile selbst, was aus mir in einem Hause werden mußte, wo ich nicht den Mund zu öffnen wagte, wo ich den Tisch verlassen mußte, nachdem erst ein Drittel der Gerichte aufgetragen war, und das Zimmer, sobald ich nichts darin zu thun hatte; wo ich, unaufhörlich an meine Arbeit gefesselt, Gegenstände des Genusses nur für Andere und der Entbehrung für mich allein sah; wo der Anblick der Freiheit des Meisters und der Gehilfen die Schwere meiner Knechtschaft noch erhöhte; wo ich bei Streitigkeiten über Dinge, die ich am besten wußte, den Mund nicht zu öffnen wagte, kurz, wo alles, was ich erblickte, für mein Herz ein Gegenstand der Begehrlichkeit wurde, lediglich weil ich an nichts Antheil hatte. Verschwunden war die Ungezwungenheit, der Frohsinn, die glücklichen Einfälle, die mich ehedem so oft bei meinen Versehen der Strafe hatten entgehen lassen. Ich kann nicht ohne zu lachen daran zurückdenken, wie ich eines Abends bei meinem Vater, als er mich zur Strafe für einen Schelmenstreich ohne Nachtessen zu Bette schickte, mit meinem armseligen Stückchen Brot durch die Küche ging und den sich am Spieße drehenden Braten sah und roch. Alle waren um den Herd versammelt; jedem mußte ich beim Vorbeigehen gute Nacht wünschen. Als ich die Runde vollendet hatte und dem Braten, der so prächtig aussah und so köstlich roch, einen verstohlenen Blick zuwarf, konnte ich mich nicht erwehren, mich vor ihm ebenfalls ehrfurchtsvoll zu verbeugen und mit kläglichem Tone zu ihm zu sagen: »Gute Nacht, Braten!« Dieser naive Einfall machte einen so komischen Eindruck, daß man mich zum Abendessen dableiben ließ. Vielleicht hätte er bei meinem Meister eben so viel Glück gehabt, aber sicherlich wäre er mir bei ihm nicht gekommen oder ich hätte ihn nicht auszusprechen gewagt.

So lernte ich im Geheimen Gelüste haben, meine wahre Gesinnung verhehlen, mich verstellen, lügen und endlich stehlen; ein Gelüst, von dem ich bis dahin nie eine Anwandelung gehabt hatte und von dem ich mich seitdem nicht wieder habe ganz frei machen können. Das Begehren und die Ohnmacht führen stets dazu. Deshalb sind alle Diener Diebe und müssen alle Lehrburschen es sein. Sobald sie aber heranwachsen und in die nämliche und gleiche Lage kommen, in der ihnen alles, was sie sehen, erreichbar ist, verlieren letztere diesen schändlichen Hang. Da ich nicht dasselbe Glück gehabt, habe ich auch nicht denselben Vortheil daraus ziehen können.

Fast immer sind es gute, aber übel geleitete Gesinnungen, welche die Kinder den ersten Schritt zum Bösen thun lassen. Trotz unaufhörlicher Entbehrungen und Versuchungen hatte ich bei meinem Meister schon länger als ein Jahr verweilt, ohne mich entschließen zu können, etwas zu nehmen, nicht einmal Eßwaaren. Der Antrieb zu meinem ersten Diebstahle war Gefälligkeit, aber eröffnete anderen das Thor, die keinen so lobenswerthen Zweck hatten.

Mein Meister hatte einen Gehilfen, Namens Verrat, zu dessen in der Nachbarschaft liegendem Hause ein ziemlich entlegener Garten gehörte, der sehr schönen Spargel lieferte. Dieser Umstand rief bei Verrat, dem es ewig an Geld fehlte, Lust hervor, seiner Mutter gleich beim ersten Stechen Spargel zu stehlen und zu verkaufen, um für das Geld einige gute Frühstücke herzurichten. Da er sich nicht selbst der Gefahr aussetzen wollte und auch nicht die nöthige Gewandtheit besaß, fiel seine Wahl zur Ausführung seines Planes auf mich. Nach einigen vorhergehenden Schmeicheleien, die mich um so mehr gewannen, da ich ihren Zweck nicht erkannte, schlug er es mir vor, als ob es ihm eben erst eingefallen wäre. Ich erhob lebhaften Widerspruch; er hörte nicht auf, in mich zu dringen. Ich habe Liebkosungen nie widerstehen können; ich ergab mich. Alle Morgen stach ich den schönsten Spargel und brachte ihn auf den Molard, wo irgend eine brave Frau, die es mir ansah, daß ich ihn gestohlen hatte, mir es auf den Kopf zusagte, um ihn billiger zu bekommen. In meiner Angst nahm ich jeden Preis, den sie mir bot, an und brachte Verrat das Geld. Alsbald verwandelte es sich in ein Frühstück, das ich herbeischaffen mußte und das er mit einem andern Gehilfen theilte, denn ich für meine Person hatte an einigen Resten völlig genug und rührte ihren Wein nicht einmal an.

So ging es einige Tage fort, ohne daß ich nur auf den Einfall kam, den Dieb zu bestehlen, und von Verrat den Zehnten von dem Ertrage seines Spargels einzuziehen. Ich führte meine Spitzbüberei mit der größten Redlichkeit aus; mein einziger Beweggrund war, dem Anleiter zu meinem Vergehen eine Gefälligkeit zu erweisen. Wäre ich jedoch ertappt worden, welche Schläge, welche Schmähungen, welche grausame Behandlung hätte ich zu erdulden gehabt, während der Elende mich Lügen gestraft und Glauben gefunden hätte, ich aber für die Dreistigkeit, ihn zu beschuldigen, doppelt so hart gezüchtigt worden wäre, da er Gehilfe und ich nur Lehrbursche war! Auf diese Weise rettet sich in jedem Stande der schuldige Starke auf Kosten des unschuldigen Schwachen.

So lernte ich, daß Stehlen nicht so entsetzlich wäre, wie ich geglaubt hatte, und bald verwerthete ich meine Erfahrung so gut, daß nichts von allem, wonach mir gelüstete, vor mir sicher war, sobald ich es erreichen konnte. Ich erhielt bei meinem Herrn keineswegs schlechte Kost, und die Enthaltsamkeit wurde mir nur dann schwer, wenn ich sah, wie schlecht er sie beobachtete. Die Sitte, die jungen Leute vom Tische fortzuschicken, wenn das aufgetragen wird, was sie am meisten reizt, scheint mir ganz darauf angelegt, sie eben so leckerhaft wie diebisch zu machen. Ich wurde in kurzer Zeit beides, und für gewöhnlich befand ich mich dabei sehr wohl, zuweilen jedoch, wenn ich ertappt wurde, auch sehr übel.

Noch immer muß ich mit innerm Schauder und doch auch wieder mit Lachen an eine Apfeljagd denken, die mir theuer zu stehen kam. Die Aepfel lagen auf dem Boden einer Speisekammer, welche durch ein hoch angebrachtes Gitterfenster von der Küche aus Licht erhielt. Als ich mich eines Tages allein im Hause befand, stieg ich auf den Backtrog, um in dem Garten der Hesperiden diese köstliche Frucht zu betrachten, die mir unerreichbar war. Ich holte den Bratspieß, um zu sehen, ob er bis zu ihnen langte: er war zu kurz. Ich verlängerte ihn durch Anbinden eines andern, für kleines Wild bestimmten Spießes, denn mein Meister war ein Jagdliebhaber. Mehrere Male stach ich ohne Erfolg; endlich merkte ich mit Entzücken, daß ich einen Apfel aufgespießt hatte. Ich zog sehr bedächtig; schon berührte der Apfel das Fenster; ich stand auf dem Sprunge, ihn zu ergreifen. Wer aber vermag meinen Kummer zu schildern! Der Apfel war zu groß, er ging nicht durch das Gitter. Was erfand ich nicht alles, um ihn hindurchzuziehen! Ich mußte mir Stützen verschaffen, um den Bratspieß in seiner Lage zu erhalten, ein Messer, lang genug, um den Apfel zu zerschneiden, eine Latte, um ihn zu halten. Mit Geschicklichkeit und Zeit gelang es mir wirklich, ihn zu theilen, so daß ich hoffen konnte, die Stücke nun eines nach dem andern hindurchzuziehen; aber kaum waren sie getrennt, als sie auch schon beide in die Speisekammer hinabfielen. Mitleidiger Leser, theile meinen Kummer!

Ich verlor nicht den Muth; aber ich hatte viel Zeit verloren. In der Besorgnis überrascht zu werden, schiebe ich einen hoffentlich glücklicheren Versuch auf den folgenden Tag auf und setze mich wieder eben so ruhig an die Arbeit, als hätte ich nichts begangen, ohne an die beiden verrätherischen Zeugen zu denken, die in der Speisekammer gegen mich sprachen.

Da sich mir am nächsten Tage wieder eine günstige Gelegenheit darbot, mache ich einen neuen Versuch. Ich steige auf meine Bank, ich verlängere den Bratspieß, ich ziele; schon bin ich im Begriff hinunterzustechen ... Unglücklicherweise schlief der Drache nicht; plötzlich öffnet sich die Thür zur Speisekammer; mein Meister tritt heraus, kreuzt die Arme, blickt mich an und sagt: »Nur tapfer darauf los!« ... Die Feder entsinkt meinen Händen.

Da ich unaufhörlich Mißhandlungen zu erdulden hatte, wurde ich dafür bald weniger empfindlich; sie kamen mir zuletzt wie eine Art Ausgleichung für das Stehlen vor, die mir das Recht verlieh, es fortzusetzen. Anstatt rückwärts zu schauen und die Strafe ins Auge zu fassen, blickte ich voraus und dachte nur an Rache. Ich wähnte, die Schläge, die ich als Dieb erhielt, berechtigten mich, es zu sein. Ich hielt Stehlen und Gezüchtigtwerden für etwas zu einander Gehörendes und gewissermaßen ein Ganzes Bildendes, und meinte, erfüllte ich das dabei, was von mir abhing, so könnte ich die Sorge für das Uebrige meinem Meister überlassen. In dieser Anschauung verlegte ich mich ruhiger als zuvor auf das Stehlen. Ich sagte mir: Was kann schließlich davon die Folge sein? Ich werde geprügelt werden. Sei es! Das ist mir beschieden!

Ohne gierig zu sein, esse ich gern; ich bin lüstern, aber kein Leckermaul. Zu viel andere Neigungen ziehen mich von dieser ab. An meinen Gaumen habe ich immer nur gedacht, wenn mein Herz müßig war, und das ist mir in meinem Leben so selten begegnet, daß ich nicht viel Zeit gehabt habe, an gute Bissen zu denken. Deshalb beschränkte ich meine Diebstähle nicht lange auf Eßwaaren, sondern dehnte sie bald auf alles aus, was mich reizte; und wenn ich kein förmlicher Spitzbube wurde, so liegt der Grund darin, daß mich das Geld nie in große Versuchung geführt hat. In der gemeinsamen Werkstätte hatte mein Meister einen besonderen verschließbaren Raum für sich; ich fand das Mittel, die Thüre desselben unmerkbar zu öffnen und wieder zu verschließen. Dort brandschatzte ich seine guten Werkzeuge, seine besten Zeichnungen, seine Stempel, kurz alles, woran ich Gefallen fand und was er stets bestrebt war, mir nicht zugänglich zu machen. Im Grunde waren diese Diebstähle sehr unschuldig, da sie ja nur gemacht wurden, um ihm in seinem eigenen Dienste wieder zu Gute zu kommen; aber ich schwelgte in Wonne, diese Kleinigkeiten in meiner Gewalt zu haben; ich glaubte ihm mit seinen Werken auch sein Talent zu stehlen. Uebrigens fanden sich daselbst in Kästchen Stückchen Gold und Silber vor, kleine Schmucksachen, Werthstücke, Münzen. Hatte ich vier oder fünf Sous in der Tasche, so war es viel: und trotzdem habe ich nie etwas davon berührt, ja ich erinnere mich nicht einmal, je in meinem Leben einen begehrlichen Blick darauf geworfen zu haben; ich sah es eher mit Bangen als mit Lust. Ich bin überzeugt, daß ich diesen Abscheu vor einem Diebstahl an Geld und Geldeswerth großenteils meiner Erziehung verdankte. Es verknüpften sich damit geheime Vorstellungen von Schande, Gefängnis, Züchtigung und Galgen, die mich mit Schauder erfüllt hätten, wäre die Versuchung an mich herangetreten; während ich in meinen Streichen nur Schelmenstücke erblickte, was sie in der That auch nur waren. Dies alles konnte mir höchstens eine tüchtige Tracht Prügel von Seiten meines Meisters eintragen, und darauf war ich im voraus vorbereitet.

Aber noch einmal, ich hatte gar kein so großes Gelüst, um mich erst überwinden zu müssen; es gab in mir nichts zu bekämpfen. Ein einziges Blatt schönes Zeichenpapier war für mich verlockender als das Geld, um ein Ries davon zu laufen. Diese Wunderlichkeit beruht auf einer der Eigentümlichkeiten meines Charakters; sie hat so großen Einfluß auf meine Lebensweise gehabt, daß sie einer Erklärung bedarf.

Ich habe sehr heftige Leidenschaften, und während sie mich bewegen, kommt nichts meinem Ungestüm gleich: ich kenne keine Schonung, keine Rücksicht, keine Furcht, keinen Anstand mehr; ich bin schamlos, frech, gewaltthätig, unzähmbar; keine Scham hält mich auf, keine Gefahr schreckt mich zurück; außer dem Gegenstande, der mich allein beschäftigt, ist das Weltall nicht mehr für mich da. Aber das alles währt nur einen Augenblick, und schon der nächste schleudert mich in die Vernichtung. Betrachtet mich in der Ruhe, da bin ich die Gleichgiltigkeit und Schüchternheit selbst; alles macht mich kopfscheu, alles muthlos; eine Fliege, die vorübersummt, erfüllt mich mit Angst; ein Wort, das ich sprechen, eine Bewegung, die ich machen soll, erregt meiner Trägheit Schauder; Furcht und Verschämtheit knechten mich dermaßen, daß ich mich den Augen aller Sterblichen entziehen möchte. Wenn es handeln gilt, weiß ich nicht, was thun; wenn es reden gilt, weiß ich nicht, was sagen; wenn man mich anblickt, verliere ich die Fassung. Wenn ich in Leidenschaft gerathe, stehen mir die Worte bisweilen zu Gebote; aber in gewöhnlichen Unterhaltungen finde ich keine, auch gar keine Ausdrücke; schon allein um deswillen, weil ich zu reden genöthigt bin, sind sie mir unerträglich.

Dazu kommt, daß keine meiner herrschenden Neigungen auf käufliche Dinge gerichtet ist. Es ist mir nur um reine Freuden zu thun, und das Geld vergiftet sie alle. Ich liebe zum Beispiel die der Tafel; da ich aber weder den Zwang der guten Gesellschaft noch die Schmausbrüder der Wirthshäuser auszustehen vermag, so kann ich sie nur mit einem Freunde genießen; denn allein, das ist mir nicht möglich; dann beschäftigt sich meine Einbildungskraft mit anderen Dingen, und das Essen gewährt mir keinen Genuß. Wenn mein erhitztes Blut nach Frauen Verlangen trägt, hat mein erregtes Herz noch größeres Verlangen nach Liebe. Käufliche Weiber würden für mich allen Reiz verlieren; ich zweifle sogar, ob ich es über mich gewinnen könnte, sie zu gebrauchen. So ist es mit allen Genüssen, die mir erreichbar sind; bieten sie sich mir nicht umsonst dar, finde ich sie fade. Ich liebe die Güter allein, die nur dem Ersten, der sie zu genießen versteht, zu Theil werden.

Das Geld hielt ich nie für so werthvoll, wie man es ausgiebt. Noch mehr, ich habe es sogar nie für zweckmäßig gehalten: an sich selbst ist es zu nichts gut; um Genuß davon zu haben, muß man es verwandeln; man muß kaufen, handeln, oftmals sich betrügen lassen, tüchtig zahlen, um schlecht bedient zu werden. Ich wünsche eine in jeder Beziehung gute Waare; für mein Geld bin ich sicher eine schlechte zu erhalten. Ich kaufe theuer ein frisches Ei, es ist alt; eine schöne Frucht, sie ist unreif; ein Mädchen, es ist verdorben. Ich liebe guten Wein; aber woher ihn beziehen? Von einem Weinhändler? Wie ich es auch anfangen mag, er wird mich vergiften. Verlange ich durchaus gut bedient zu werden, welche Mühe, welche Verlegenheiten habe ich dann! Ich muß Freunde, auch Geschäftsfreunde haben, Aufträge ertheilen, umherlaufen, warten, und bin am Ende oft doch noch betrogen. Welche Mühe mit meinem Gelde! Meine Furcht vor derselben ist größer als meine Liebe zu gutem Weine.

Während meiner Lehrzeit wie später bin ich tausendmal in der Absicht ausgegangen, irgend eine Leckerei zu kaufen. Ich gehe auf den Laden eines Weißbäckers zu, am Zahltische bemerke ich Frauen; ich glaube schon zu sehen, wie sie lachen und sich unter einander über das kleine Leckermaul lustig machen. Ich gehe an einer Obsthändlerin vorüber, ein verstohlener Blick fällt auf schöne Birnen, ihr Duft ist verlockend; zwei oder drei junge Leute in der Nähe sehen mich an; ein Mann, der mich kennt, steht vor seinem Laden; ich sehe aus der Ferne ein Mädchen kommen: ist es nicht die Hausmagd? Meine Kurzsichtigkeit täuscht mich tausendmal, alle Vorübergehende halte ich für Bekannte; überall lasse ich mich einschüchtern, durch irgend ein Hindernis zurückhalten; mit meinem Schamgefühle wächst meine Lüsternheit, und schließlich gehe ich wie ein Narr wieder nach Hause, von Begierde verzehrt und mit den Mitteln, sie zu befriedigen, in meiner Tasche, aber ohne den Muth, etwas zu kaufen.

Ich würde mich in die abgeschmacktesten Einzelheiten verlieren, wollte ich die Verlegenheit, die Scham, den Widerwillen, die Unannehmlichkeiten, den Verdruß aller Art schildern, die mir stets die Verwendung meines Geldes brachte, ob sie nun durch mich oder durch andere geschah. In dem Maße, wie sich der Leser in meine Lebensbeschreibung hineinliest und meinen Charakter erkennt, wird er dies alles herausfühlen, ohne daß ich mir die Mühe zu machen brauche, es ihm erst zu sagen.

Hat man diese Kenntnis erlangt, so wird man ohne Mühe einen meiner scheinbaren Widersprüche begreifen, daß sich nämlich in mir ein fast schmutziger Geiz mit der größten Verachtung des Geldes vereinigt. Es ist für mich ein so wenig bequemes Gut, daß es mir nicht einmal in den Sinn kommt, es mir, wenn ich es nicht habe, zu wünschen, und daß, sobald ich es habe, ich es lange aufhebe, ohne es auszugeben, weil ich es nicht nach meinem Gefallen zu verwenden verstehe; bietet sich indessen eine bequeme und angenehme Gelegenheit dar, so benutze ich sie so wohl, daß sich meine Börse leert, ehe ich es gewahre. Suchet übrigens bei mir nicht die Eigenthümlichkeit der Geizhälse, aus Prahlerei zu verschwenden; ganz im Gegentheil, ich verschwende im Geheimen und zum Vergnügen; weit davon entfernt, mir die Verschwendung zum Ruhme anzurechnen, verberge ich sie. Ich fühle so vollkommen, daß mir das Geld unnütz ist, daß ich mich seines Besitzes fast schäme und noch mehr seiner Verwendung. Hätte ich je hinreichendes Einkommen zu einem bequemen Leben gehabt, so würde ich mich nie versucht gefühlt haben, geizig zu sein, davon bin ich völlig überzeugt. Ich würde mein ganzes Einkommen verbrauchen, ohne nach seiner Vermehrung zu streben; allein meine unsichere Lage setzt mich in Besorgnis. Ich bete die Freiheit an; ich empfinde vor Geldverlegenheit, vor Sorge, vor Abhängigkeit Abscheu. So lange ich noch Geld in meiner Börse habe, ist meine Unabhängigkeit gesichert; es überhebt mich der Sorge, mir über die Aufbringung, neuer Mittel den Kopf zu zerbrechen, eine Notwendigkeit, die mir stets schrecklich war; aus Furcht, ich könnte es zu Ende gehen sehen, halte ich es zusammen. Das Geld, welches man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit dasjenige, welchem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft. Deshalb bin ich sehr genau und begehre nichts.

Meine Uneigennützigkeit ist also nichts als Trägheit; die Freude am Besitze ist geringer als die Mühe des Erwerbs; und meine Verschwendung ist wieder nur Trägheit; bietet sich die Gelegenheit dar, in angenehmer Weise zu verschwenden, kann man sie nicht allzusehr ausnutzen. Ich werde weniger von Geld als von Sachen in Versuchung geführt, weil zwischen dem Gelde und dem Besitz des Gewünschten stets ein Verbindungsglied vorhanden ist, während sich zwischen der Sache und ihrem Genusse ein solches nicht vorfindet. Ich sehe die Sache, sie reizt mich; wenn ich nur das Mittel sehe, sie in meinen Besitz zu bringen, so reizt es mich nicht. Ich habe deshalb gestohlen, und stehle bisweilen noch Kleinigkeiten, die mich reizen, und die ich lieber nehme als erbitte. Aber ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben, weder in der Jugend noch in dem Mannesalter, jemandem einen Heller genommen zu haben, einen einzigen Fall vor noch nicht fünfzehn Jahren ausgenommen, wo ich sieben Livres und zehn Sous stahl. Dieser Vorfall verdient erzählt zu werden, denn es zeigt sich in ihm eine prächtige Mischung von Unverschämtheit und Dummheit, an welche ich selber kaum zu glauben vermöchte, handelte es sich um jemand anderes als um mich.

Es war in Paris. Ich ging gegen fünf Uhr mit Herrn von Francueil im Palais-Royal spazieren. Er zieht seine Uhr heraus, wirft einen Blick darauf und sagt zu mir: lassen Sie uns in die Oper gehen. Ich bin bereit: wir gehen. Er nimmt zwei Billete zum Amphitheater, giebt mir eines davon und geht mit dem andern vor mir her. Als ich nach ihm eintrete, finde ich die Thüre versperrt. Ich schaue hinein, ich sehe alle stehen; ich denke, ich würde mich in dieser Menge recht wohl verlieren oder wenigstens Herrn von Francueil auf den Wahn bringen können, daß ich mich darin verloren habe. Ich gehe hinaus, nehme meine Contremarke, dann das Geld zurück und mache mich aus dem Staube, ohne daran zu denken, daß sich, noch ehe ich die Thür erreicht, schon alle Welt gesetzt hatte, und Herr von Francueil nun augenscheinlich bemerkte, daß ich nicht mehr da war.

Da meiner Natur nie etwas ferner lag, als ein solcher Zug, so zeichne ich ihn auf, um den Beweis zu liefern, daß es Augenblicke von einer Art Wahnsinn giebt, in denen man über die Menschen nicht nach ihren Handlungen urteilen muß. Nicht gerade das Geld an sich, sondern die Benutzung desselben hatte ich stehlen wollen; je weniger es ein Diebstahl war, desto mehr war es eine Schändlichkeit.

Ich würde mit solchen Einzelheiten kein Ende finden, wollte ich all den Wegen nachgehen, auf denen ich während meiner Lehrlingszeit von der Erhabenheit des Heroismus bis zu der Gemeinheit eines Taugenichtses abwärts ging. Nahm ich indessen auch die Laster meines Standes an, so war es mir doch unmöglich, die Neigungen desselben völlig anzunehmen. Ich fühlte bei den Vergnügungen meiner Kameraden Langeweile, und als mir der allzu große Zwang auch noch Widerwillen gegen die Arbeit einflößte, langweilte mich alles. Das erweckte in mir wieder Lust zum Lesen, die ich seit langer Zeit verloren hatte. Dieses Lesen, auf das ich einen Theil meiner Arbeitszeit verwandte, wurde ein neues Verbrechen, das mir neue Züchtigungen zuzog. Dieser Hang, der sich durch den Reiz des Verbotes nur noch steigerte, wurde zur Leidenschaft, ja bald zur Wuth. Die Tribu, eine berühmte Verleiherin von Büchern, versorgte mich mit Werken von allerlei Art. Gute wie schlechte, alles kam an die Reihe; auf eine Auswahl ließ ich mich nicht erst ein, ich las alles mit gleicher Gier. Ich las am Werktische, ich las, wenn ich ging, meine Aufträge auszurichten, ich las auf dem Abtritte und vergaß mich ganze Stunden darin, der Kopf schwindelte mir vom Lesen, ich that nichts mehr als lesen. Mein Meister lauerte mir auf, ertappte mich, schlug mich, nahm mir meine Bücher. Wie viele Bände wurden zerrissen, verbrannt, zum Fenster hinausgeworfen! Wie viele Werke blieben bei der Tribu unvollständig! Als ich nichts mehr hatte, sie zu befriedigen, gab ich ihr meine Hemden, meine Halstücher, meine Kleidungsstücke; meine drei Sous wöchentliches Taschengeld erhielt sie regelmäßig.

So ist denn doch, wird man sagen, das Geld nöthig geworden. Allerdings, aber erst, als mir das Lesen alle Thätigkeit geraubt hatte. Mich meiner neuen Neigung völlig überlassend, that ich nichts weiter und wollte nichts weiter als lesen. Dies ist hier wieder eine meiner charakteristischen Eigenthümlichkeiten. Mitten aus einer gewohnten Lebensweise reißt mich ein Nichts heraus, verwandelt mich, fesselt mich, kurz versetzt mich in Leidenschaft; und dann ist alles vergessen; ich denke nur an den neuen Gegenstand, der mich beschäftigt. Das Herz klopfte mir vor Ungeduld, das Buch, das ich in der Tasche hatte, zu durchblättern; ich zog es heraus, sobald ich allein war, und dachte nicht mehr daran, das Arbeitszimmer meines Meisters zu durchsuchen. Ich kann mir sogar kaum denken, daß ich noch gestohlen, selbst wenn ich kostbarere Leidenschaften gehabt hätte. Auf den gegenwärtigen Augenblick beschränkt, lag es nicht in meinem Charakter, derartig für die Zukunft zu sorgen. Die Tribu gab mir Credit; die Abzahlungen waren klein; und wenn ich mein Buch eingesteckt hatte, dachte ich an nichts mehr Das Geld, über das ich ehrlicher Weise verfügen konnte, zahlte ich dieser Frau eben so ehrlich aus, und wenn sie dringend wurde, so nahm ich nur zu meinen eigenen Sachen meine Zuflucht. Stehlen im voraus war eine zu große Vorsorge, und stehlen, um zu bezahlen, war nicht einmal eine Versuchung.

Die ewigen Scheltworte, die Schläge, die heimliche und schlecht gewählte Lektüre machten mich schweigsam und menschenscheu; meine Willenskraft begann darunter zu leiden, und ich wurde gar griesgrämisch. Bewahrte mich jedoch mein Geschmack nicht vor dummen und faden Büchern, so bewahrte mich mein Glück vor schmutzigen und unzüchtigen. Nicht, daß die Tribu, eine in jeder Hinsicht sehr gefällige Frau, sich ein Gewissen daraus gemacht hätte, mir dergleichen zu leihen; aber um mir ihren Werth fühlbar zu machen, nannte sie sie mir mit einer geheimnisvollen Miene, die mich gerade nöthigte, sie sowohl aus Widerwillen als aus Scham zurückzuweisen; und der Zufall war meiner keuschen Schamhaftigkeit so günstig, daß ich schon über dreißig Jahre zählte, ehe ich die Augen auf eines jener gefährlichen Bücher geworfen hatte, welche eine schöne Weltdame um deswillen für unbequem erklärt, weil man sie nur mit einer Hand lesen kann.

In weniger als einem Jahre erschöpfte ich den kleinen Laden der Tribu, und nun wurde mir die Muße in meinen Freistunden zu einer wahren Pein. Von meinen Kinder- und Gassenjungenneigungen durch den Hang zur Lektüre und durch die Bücher selbst geheilt, die, obwohl ohne Auswahl und oft schlecht, doch in meinem Herzen wieder edlere Gefühle erweckten, als meine gegenwärtige Lage in mir hervorgerufen hatte; von allem angewidert, was mir zugänglich war, und alles, was mich hätte reizen können, mir zu fern fühlend, sah ich nichts Mögliches vor mir, das mein Herz hätte angenehm berühren können. Meine seit lange erregte Sinnlichkeit verlangte einen Genuß, dessen Gegenstand ich mir nicht einmal zu denken vermochte. Von dem wirklichen Genusse war ich so weit entfernt, als hätte ich gar kein Geschlecht gehabt; und schon in mannbarem Alter und mich nach Liebe sehnend, dachte ich noch bisweilen an meine Liebeleien, aber darüber hinaus sah ich nichts. In dieser seltsamen Lage nahm meine unruhige Einbildungskraft eine Richtung, die mich vor mir selber rettete und meine erwachende Sinnlichkeit beruhigte. Sie gefiel sich nämlich darin, sich mit den Situationen zu nähren, die mich bei meiner Lektüre gefesselt hatten, sie vor meine Seele zurückzurufen, sie zu ändern, sie zusammenzustellen, sie mir so zurecht zu machen, daß ich eine der handelnden Personen wurde, die ich mir dachte, daß ich mich stets in solchen Verhältnissen erblickte, die mir nach meinem Geschmacke am angenehmsten waren; kurz, daß die eingebildete Lage, in die ich mich vollkommen versetzt hatte, mich meine wirkliche Lage vergessen ließ, mit der ich so unzufrieden war. Diese Liebe zu Gebilden der Phantasie und diese Leichtigkeit, unaufhörlich mit ihnen zu verkehren, verleideten mir völlig meine ganze Umgebung und ließen diesen Hang zur Einsamkeit in mir aufkeimen, der mir seit jener Zeit für immer geblieben ist. Man wird in der Folge mehr als einmal die eigenthümlichen Wirkungen dieser so menschenfeindlichen und scheinbar so unheimlichen Neigung sehen, die aber in Wahrheit einem zu liebreichen, zu liebevollen, zu zärtlichen Herzen entspringt, welches gezwungen ist, sich mit Phantasiegebilden zu nähren, weil ihm Wesen fehlen, die ihm verwandt sind. Augenblicklich halte ich es genügend, den Ursprung und die erste Ursache einer Neigung angegeben zu haben, die auf alle meine Leidenschaften mildernd eingewirkt und indem sie dieselben durch sich selbst niederhielt, mich immer träge gemacht hat, meiner Begierde nachzugeben, eben in Folge der Heftigkeit meines Verlangens.

In solcher Weise erreichte ich mein sechszehntes Jahr, unruhig, unzufrieden mit allem und mit mir selbst, ohne Lust zu meinem Berufe, ohne Vergnügungen meines Alters, verzehrt von Begierden, deren Endzweck ich nicht kannte; weinend, ohne Grund zu Thränen; seufzend, ohne zu wissen, weshalb; kurz mit Zärtlichkeit an meinen Luftgebilden hängend, da ich rings um mich her nichts sah, das für mich gleichen Werth gehabt hätte. Des Sonntags holten mich meine Kameraden nach der Predigt zum Spielen ab. Ich wäre ihnen gern entschlüpft, wäre ich es im Stande gewesen; waren ihre Spiele jedoch einmal im Zuge, so war ich aufgelegter und ging weiter als irgend ein anderer; eben so schwer in Bewegung zu bringen als zurückzuhalten. Das war immerdar meine Natur. Bei unseren Spaziergängen außerhalb der Stadt ging ich immer vorwärts, ohne an die Umkehr zu denken, falls nicht Andere anstatt meiner daran dachten. Zweimal wurde ich dabei betreten. Die Thore waren bei meiner Heimkunft geschlossen. Man kann sich denken, wie ich am folgenden Tage behandelt wurde; und beim zweiten Male wurde mir für das dritte Mal ein solcher Empfang in Aussicht gestellt, daß ich entschlossen war, mich ihm nicht auszusetzen. Dieses so gefürchtete dritte Mal fand dennoch statt. Durch einen verwünschten Capitain, Namens Minutoli, der das Thor, an welchem er die Wache hatte, regelmäßig eine halbe Stunde vor den andern schloß, wurde meine Vorsicht vereitelt. Ich war mit zwei Kameraden auf dem Heimwege. Eine halbe Stunde von der Stadt höre ich Retraite blasen, ich verdopple den Schritt; ich höre trommeln, ich laufe aus Leibeskräften; athemlos und in Schweiß gebadet lange ich an, das Herz klopft mir, schon aus der Ferne sehe ich die Soldaten auf ihren Posten; ich eile herbei, ich schreie mit erstickter Stimme. Es war zu spät. Zwanzig Schritt von der Außenwache entfernt, sehe ich die erste Zugbrücke sich heben. Zittern ergreift mich, als ich sehe, wie sich diese schrecklichen Hörner, das Unheil verkündende und verhängnisvolle Anzeichen des meiner wartenden unvermeidlichen Schicksales, in die Luft erheben.

In dem ersten Schmerzensausbruche warf ich mich auf das Glacis und biß in die Erde. Meine Kameraden, die über ihr Unglück nur lachten, faßten augenblicklich ihren Entschluß. Ich faßte auch den meinigen; aber dieser fiel anders aus. An Ort und Stelle schwur ich, nie zu meinem Meister zurückzukehren; und als sie am folgenden Morgen nach Oeffnung des Thores in die Stadt zurückgingen, sagte ich ihnen auf immer Lebewohl und bat sie nur, meinen Vetter Bernard im Geheimen meinen gefaßten Entschluß, so wie den Ort, wo er mich noch einmal sehen könnte, mitzutheilen.

Seit meinem Eintritt in die Lehre, durch welchen ich von ihm mehr getrennt wurde, hatte ich ihn seltener gesehen; trotzdem hatten wir uns einige Zeit lang des Sonntags getroffen; aber nach und nach hatte jeder andere Gewohnheiten angenommen, und wir sahen uns seltener. Ich bin überzeugt, daß seine Mutter viel zu dieser Veränderung beitrug. Er seinerseits war ein Kind der Hochstadt, des vornehmen Stadtviertels; ich dagegen, ein unbedeutender Lehrbursche, war nichts weiter als ein Kind des Armenviertels St. Gervais. Wir standen trotz unserer Abstammung nicht mehr auf gleicher Stufe; mit mir verkehren hieß sich verunehren. Dennoch hörte das freundschaftliche Verhältnis zwischen uns nicht völlig auf, und da er ein gutmüthiger Knabe war, so folgte er trotz der Warnungen seiner Mutter bisweilen seinem Herzen. Von meinem Entschluß in Kenntnis gesetzt, eilte er herbei, nicht um mir davon abzurathen oder ihn zu billigen, sondern um mir meine Flucht durch kleine Geschenke weniger beschwerlich zu machen, denn mit meinen eigenen Mitteln konnte ich nicht weit gelangen. Unter anderem schenkte er mir einen kleinen Degen, über den ich sehr entzückt gewesen war, und den ich bis Turin getragen habe, wo ich ihn aus Noth verkaufte, und wo er mir, wie man zu sagen pflegt, den Leib durchbohrte. Je mehr ich später über die Weise, wie er sich in diesem entscheidenden Augenblicke mir gegenüber betrug, nachgedacht habe, desto mehr bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß er dabei den Anweisungen seiner Mutter, vielleicht auch seines Vaters, folgte; denn sicherlich hätte er, handelte er nach seinem eigenen Herzen, sich bemüht, mich zurückzuhalten, oder wäre versucht gewesen, mir zu folgen. Aber nichts dergleichen geschah. Er ermuthigte mich eher zu meinem Vorhaben, als daß er es mir auszureden suchte; als er mich dann ganz fest entschlossen sah, schied er ohne viel Thränen von mir. Wir haben uns nie geschrieben und uns nie wieder gesehen. Es ist schade: er hatte in der That einen guten Charakter; wir waren geschaffen, uns zu lieben.

Ehe ich auf das Verhängnis meines Schicksals eingehe, möge man mir gestatten, die Augen einen Augenblick auf das zu richten, welches mich auf dem von der Natur vorgezeichneten Wege erwartet hätte, wenn ich in die Hände eines besseren Meisters gefallen wäre. Nichts stand mit meiner Gemüthsart mehr im Einklange und war geeigneter, mich glücklich zu machen, als der ruhige und niedrige Stand eines guten Handwerkers, besonders in gewissen Klassen, wie die eines Graveurs in Genf. Einträglich genug zur Führung eines sorgenfreien Lebens und doch nicht einträglich genug zur Ansammlung eines Vermögens, hätte dieser Stand meinem Ehrgeize einen hinreichenden Spielraum für den Rest meines Lebens gewährt und mich dadurch, daß er mir vollauf Zeit ließ, mich bescheidenen Neigungen hinzugeben, in meinem Kreise zurückgehalten, ohne nur ein Mittel darzubieten, aus ihm herauszutreten. Da meine Einbildungskraft reich genug war, um jedem Stande mit ihren Gebilden Reiz zu verleihen, und stark genug, um mich gleichsam nach Belieben von einem in den andern zu versetzen, so hätte mir wenig daran gelegen, in welchem ich mich in Wirklichkeit befand. Er hätte dem Orte, wo ich mir mein erstes Luftschloß erbaut hatte, nicht so fern sein können, daß es mir nicht leicht gewesen wäre, in ihm festen Fuß zu fassen. Daraus allein folgte, daß der einfachste Stand, der, welcher mit den wenigsten Plackereien und Sorgen verbunden war, welcher die meiste geistige Freiheit ließ, derjenige war, der sich für mich am besten eignete, und das war eben der meinige. Im Schooße meiner Religion, meines Vaterlandes, meiner Familie und meiner Freunde hätte ich ein friedliches und angenehmes Leben, wie es meinem Charakter ein Bedürfnis war, in der Einförmigkeit einer mir zusagenden Arbeit und einer meinem Herzen lieben Gesellschaft verbrachte. Ich wäre ein guter Christ, ein guter Bürger, ein guter Familienvater, ein guter Freund, ein guter Arbeiter, ein Mann in jeder Beziehung gewesen. Ich würde meinen Stand geliebt, ihm vielleicht Ehre gemacht haben, und nach einem geringen und einfachen, aber gleichmäßigen und angenehmen Leben friedlich im Schooße der Meinigen gestorben sein. Unzweifelhaft bald vergessen, würde ich doch wenigstens so lange, wie man sich meiner erinnert hätte, betrauert worden sein.

Statt dessen ... Welches Bild muß ich entwerfen! Ach, wir wollen das Elend meines Lebens nicht im Voraus berühren; ich werde meine Leser mit diesem traurigen Stoffe nur allzu viel beschäftigen.

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