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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 7
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1750 – 1752

Im nächsten Jahre, 1750, als ich schon nicht mehr an meine Abhandlung dachte, erfuhr ich, daß sie in Dijon den Preis erhalten hätte. Diese Nachricht rief alle Gedanken, welche sie mir eingegeben hatten, wieder in mir wach, belebte sie mit neuer Kraft und ließ die ersten Keime von Heldenmuth und Tugend, welche mein Vater und mein Vaterland und Plutarch schon in meiner Kindheit in mein Herz gelegt hatten, üppig emporschießen. Ich fand nichts groß und schön als, über Schicksal und Menschenmeinung erhaben, frei und tugendhaft zu sein und sich selbst zu genügen. Obgleich mich falsche Scham und Furcht vor dem Gerede der Leute abhielten, sofort diesen Grundsätzen gemäß zu leben und offen mit den Sitten und Gewohnheiten meines Jahrhunderts zu brechen, hatte ich doch von jetzt an den entschiedenen Willen dazu und ich zögerte mit der Ausführung nur so lange Zeit, wie die Widersprüche gebrauchten, ihn anzutreiben und ihm zum Siege zu verhelfen.

Während ich über die Pflichten des Menschen philosophirte, brachte mich ein Ereignis zum bessern Nachdenken über meine eigenen. Therese wurde zum dritten Male schwanger. Zu aufrichtig gegen mich selbst, zu stolzen Herzens, um meine Grundsätze durch meine Handlungen verläugnen zu wollen, begann ich das Loos meiner Kinder und mein Verhältnis mit ihrer Mutter nach den Gesetzen der Natur, der Gerechtigkeit, der Vernunft und jener reinen heiligen Religion zu untersuchen, die, trotzdem sie ewig wie ihr Stifter ist, die Menschen befleckt haben, während sie sich stellten, als ob sie sie reinigen wollten, und aus der sie durch ihre Glaubensformeln nur eine Wortreligion gemacht haben, da es ja wenig kostet, das Unmögliche zu befehlen, wenn man sich selbst von der Ausführung desselben entbindet.

Täuschte ich mich in meinen Ergebnissen, so ist dabei nichts erstaunlicher als die Seelenruhe, mit der ich mich ihnen überließ. Wäre ich einer jener schlecht gesinnten Menschen, die taub gegen die süße Stimme der Natur sind, in deren Herzen nie ein wahres Gefühl für Gerechtigkeit und Menschlichkeit erwachte, so würde eine solche Verhärtung ganz einfach sein; aber diese Herzenswärme, diese so lebhafte Menschenfreundlichkeit, diese Leichtigkeit, freundliche Verhältnisse anzuknüpfen, diese Gewalt, mit der sie mich beherrschen, diese bittre Herzenstrauer, wenn ich sie lösen muß, dieses angeborene Wohlwollen für meine Mitmenschen, diese glühende Liebe für das Große, das Wahre, das Schöne, das Rechte; dieser Abscheu vor jeglichem Schlechten, diese Unmöglichkeit zu hassen und zu schaden, ja es auch nur zu wünschen; diese gerührte Stimmung, diese lebhafte und süße Erregung, die ich beim Anblicke von allem, was tugendhaft, edelmüthig und liebenswürdig ist, empfinde: kann sich wohl dies alles in derselben Seele mit der sittlichen Verdorbenheit vertragen, welche die süßeste der Pflichten rücksichtslos mit Füßen tritt? Nein, ich bin davon überzeugt und behaupte es laut: es ist nicht möglich. Nicht einen einzigen Augenblick in seinem Leben hat Jean Jacques ein Mensch ohne Gefühl, ohne Herz, hat er ein unnatürlicher Vater sein können. Ich bin im Stande gewesen, mich zu irren, aber nicht, mich zu verhärten. Wenn ich meine Gründe sagte, würde ich damit zu viel sagen. Da sie mich zu verführen vermochten, würden sie auch viele andere verführen. Ich will junge Leute, die mich lesen könnten, nicht der Gefahr aussetzen, sich von demselben Irrthume täuschen zu lassen. Ich werde mich begnügen zu sagen, er bestand darin, daß ich, als ich meine Kinder Var. ... er bestand darin, daß ich damals mein Verhältnis mit Therese nur noch als ein anständiges und geheiligtes, wenn auch als ein freies und ungezwungenes, und meine Treue gegen sie, so lange dasselbe währte, als eine unerläßliche Pflicht betrachtete, während mir ihre Verletzung, die ich mir ein einziges Mal hatte zu Schulden kommen lassen, wie ein wirklicher Ehebruch erschien. Und was meine Kinder betrifft, so glaubte ich, als ich sie etc.

(Bei der Abschrift des ursprünglichen Manuscriptes wird Rousseau eingesehen haben, daß, wenn er diese Stelle stehen ließe, seine später zu Frau von Houdetot gefaßte Liebe in den Augen der Leser doppelt strafbar erscheinen müßte. Welche Gedanken lassen sich nicht daran knüpfen?)
der öffentlichen Erziehung überließ, weil ich sie nicht selbst zu erziehen vermochte, und sie lieber dazu bestimmte, Handwerker und Landleute als Abenteurer und Glücksjäger zu werden, als Bürger und Vater zu handeln glaubte und mich als ein Mitglied der Republik Platos betrachtete. Seitdem hat mir die Reue meines Herzens mehr als einmal gesagt, daß ich mich geirrt hatte, aber weit davon entfernt, daß meine Vernunft die gleiche Sprache gegen mich geführt hätte, habe ich oft den Himmel gesegnet, sie dadurch vor dem Loose ihres Vaters und vor dem bewahrt zu haben, das ihnen drohte, wenn ich später gezwungen gewesen wäre, meine Hand von ihnen abzuziehen. Hätte ich sie der Frau von Epinay oder der Frau von Luxembourg überlassen, die sich sei es aus Freundschaft, sei es aus Edelmuth oder aus irgend einem andern Grunde später ihrer haben annehmen wollen, wären sie wohl zu gesitteten und gebildeten Leuten erzogen worden? Ich weiß es nicht; aber davon bin ich überzeugt, daß man sie zum Hasse, vielleicht zum Verrathe ihrer Eltern getrieben hätte; es ist hundertmal besser, daß sie sie gar nicht gekannt haben.

Mein drittes Kind wurde also eben so wie die beiden ersten dem Findelhause übergeben, und auch die beiden folgenden traf dasselbe Loos, denn ich hatte in allem fünf Kinder. Diese Maßregel kam mir so gut, so verständig, so gesetzmäßig vor, daß ich mich ihrer nur aus Rücksicht auf die Mutter nicht offen rühmte; aber ich erzählte sie allen, die um unser Verhältnis wußten; ich erzählte sie Diderot und Grimm, ich setzte später Frau von Epinay und noch später Frau von Luxembourg davon in Kenntnis, und zwar offen, frei, ganz ungezwungen, und während ich sie leicht aller Welt hätte verhehlen können, denn die Gouin war eine ehrliche und sehr verschwiegene Frau, auf die ich mich vollkommen verlassen durfte. Der einzige unter meinen Freunden, dem ich mich zu eröffnen ein gewisses Interesse hatte, war der Arzt Thierry, der meine arme Tante bei einer ihrer Entbindungen, bei der sie sehr leidend war, behandelte. Mit einem Worte, ich machte aus meiner Handlungsweise kein Hehl, nicht allein, weil ich nie verstanden habe, meinen Freunden etwas zu verbergen, sondern auch weil ich wirklich nichts Arges darin erblickte. Alles erwogen wählte ich für meine Kinder das Beste, oder doch das, was ich dafür hielt. Ich hätte gewünscht und wünschte noch, ich wäre wie sie aufgezogen und unterhalten.

Während ich mich so gegen meine Freunde vertraulich aussprach, that es Frau Le Vasseur ihrerseits gleichfalls, aber in weniger uneigennütziger Absicht. Ich hatte sie und ihre Tochter bei Frau Dupin eingeführt, die ihnen aus Freundschaft für mich tausenderlei Freundlichkeiten erwies. Die Mutter theilte ihr mein geheimes Verhältnis zu ihrer Tochter mit. Frau Dupin, die gut und edelmüthig ist, und der sie nicht sagte, wie angelegen ich es mir trotz der Beschränktheit meiner Mittel sein ließ, für alle ihre Bedürfnisse zu sorgen, versorgte sie ihrerseits mit größter Freigebigkeit, was mir auf Befehl der Mutter ihre Tochter während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Paris stets verschwiegen hat. Erst in der Eremitage legte sie mir in Folge mehrerer anderer Herzensergießungen das Geständnis ab. Ich wußte nicht, daß Frau Dupin, die sich mir gegenüber nie hat etwas merken lassen, so gut unterrichtet war, und weiß noch jetzt nicht, ob Frau von Chenonceaux, ihre Schwiegertochter, es auch war; aber Frau von Francueil, ihre Stieftochter, war es und konnte nicht darüber schweigen. Im folgenden Jahre, als ich ihr Haus bereits verlassen hatte, sprach sie davon mit mir. Dies bewog mich, über diesen Gegenstand einen Brief an sie zu schreiben, den man in meinen Sammlungen finden wird, und in dem ich diejenigen meiner Gründe auseinandersetze, die ich, ohne Frau Le Vasseur und ihre Familie bloßzustellen, anführen konnte, denn die entscheidendsten rührten von dort her, und sie verschwieg ich.

Auf die Verschwiegenheit der Frau Dupin und auf die Freundschaft der Frau von Chenonceaux kann ich mich verlassen; ich konnte auch auf die der Frau von Francueil rechnen, die übrigens lange vor dem Bekanntwerden meines Geheimnisses starb. Die Verbreitung desselben konnte nur von den nämlichen Leuten ausgehen, denen ich es anvertraut hatte, und sie geschah auch wirklich erst nach meinem Bruche mit ihnen. Durch diese Thatsache allein sind sie gerichtet; ohne den verdienten Tadel zurückweisen zu wollen, will ich doch lieber die Schwere desselben tragen, als unter der Last des Vorwurfes zusammensinken, den ihre Bosheit verdient. Mein Fehler ist groß, aber er ist die Folge eines Irrthums; meine Pflichten habe ich vernachlässigt, aber von dem Wunsche zu schaden ist meine Seele frei geblieben und das Vaterherz kann für Kinder, die man nie gesehen hat, nicht sehr laut sprechen; aber das Vertrauen der Freundschaft verrathen, den heiligsten aller Verträge verletzen, die uns anvertrauten Geheimnisse veröffentlichen, den Freund, den man getäuscht hat, und der uns noch achtet, wenn er sich auch von uns trennt, entehren, das sind nicht Fehler, das sind Niederträchtigkeiten und Bosheiten.

Ich habe meine Bekenntnisse und nicht meine Rechtfertigung versprochen; deshalb breche ich hier über diesen Punkt ab. Meine Pflicht ist, wahr, die des Lesers, gerecht zu sein. Mehr werde ich nie von ihm verlangen.

Die Vermählung des Herrn von Chenonceaux machte mir wegen des Talentes und Geistes seiner Gemahlin, einer sehr liebenswürdigen jungen Frau, die mich unter den Schreibern des Herrn Dupin auszuzeichnen schien, das Haus seiner Mutter noch angenehmer. Die junge Dame war die einzige Tochter der Frau Vicomtesse De la Rochechouart, einer großen Freundin des Grafen von Friesen und folglich auch Grimms, der eine hervorragende Stellung in seinem Hause einnahm. Gleichwohl war ich es, der ihn bei ihrer Tochter einführte; aber da ihre Charaktere nicht übereinstimmten, wurde diese Bekanntschaft nicht weiter fortgeführt, und Grimm, der es schon damals auf das Reelle abgesehen hatte, zog die Mutter, eine Frau der großen Welt, der Tochter vor, die zuverlässige Freunde verlangte, welche ihr gefielen, nicht ränkesüchtig waren und nicht um die Gunst der Großen buhlten. Da Frau Dupin in Frau von Chenonceaux nicht alle die Nachgiebigkeit fand, die sie von ihr erwartete, so machte sie derselben ihr Haus sehr freudlos und unfreundlich, und Frau von Chenonceaux, stolz auf ihre Talente und vielleicht auch auf ihre Geburt, verzichtete lieber auf die Annehmlichkeiten des geselligen Verkehrs und blieb auf ihrem Zimmer fast allein, als daß sie ein Joch trug, für das sie sich nicht geschaffen fühlte. Diese Art von Verbannung erhöhte noch meine Anhänglichkeit an sie vermöge jener natürlichen Neigung, die mich zu den Unglücklichen hinzieht. Ich fand einen metaphysischen und nachdenklichen, wenn auch mitunter ein wenig sophistischen Geist bei ihr. Ihre Unterhaltung, die keineswegs einer jungen, erst vor kurzem aus dem Kloster entlassenen Frau glich, war für mich sehr anziehend und fesselnd. Dabei zählte sie noch nicht zwanzig Jahre; ihre Haut war von einer blendenden Weiße; ihr Wuchs wäre bei besserer Haltung stattlich und schön gewesen; ihr aschfarbiges Haar von ungewöhnlicher Schönheit erinnerte mich an das meiner armen Mama in ihren guten Jahren und erregte mein Herz leidenschaftlich. Allein die strengen Grundsätze, die ich in der letzten Zeit gefaßt und um jeden Preis zu beobachten entschlossen war, schützten mich vor ihr und ihren Reizen. Ich bin einen ganzen Sommer hindurch täglich drei bis vier Stunden mit ihr allein gewesen, um sie mit großem Ernste in der Arithmetik zu unterrichten und mit meinen ewigen Zahlen zu langweilen, ohne ihr ein einziges galantes Wort zu sagen oder einen Blick zuzuwerfen. Fünf oder sechs Jahre später würde ich nicht so sittsam oder so närrisch gewesen sein; aber es war über mich verhängt, daß ich nur einmal in meinem Leben wahre Liebe fühlen und eine andere als sie die ersten und letzten Seufzer meines Herzens empfangen sollte.

Seit ich bei Frau Dupin lebte, war ich mit meinem Loose beständig zufrieden gewesen, ohne einen Wunsch zu verrathen, es verbessert zu sehen. Die Zulage, die sie mir im Verein mit Herrn von Francueil gab, hatten mir beide lediglich aus eigenem Antriebe ausgesetzt. In diesem Jahre beabsichtigte Herr von Francueil, der mich täglich lieber gewann, mich in bessere und weniger unsichere Umstände zu setzen. Er war Receveur général des Finances. Herr Dudoyer, sein Kassirer, war alt, reich und wünschte sich zurückzuziehen. Herr von Francueil bot mir diese Stelle an, und um mich in den Stand zu setzen, sie auszufüllen, ging ich einige Wochen lang zu Herrn Dudoyer, die nöthigen Unterweisungen zu erhalten. Aber sei es, daß ich für diesen Beruf wenig Anlage hatte, oder daß mich Dudoyer, der sich einen andern Nachfolger zu wünschen schien, nicht ehrlich unterwies, ich erwarb mir die dazu nöthigen Kenntnisse nur langsam und unvollständig, und diese ganze absichtlich verwirrte Rechnungslegung konnte ich nie recht fassen. Allein wenn ich mit dem Rechnungswesen auch nicht vollkommen vertraut war, verstand ich doch den gewöhnlichen Geschäftsgang hinreichend, um ihn leidlich leiten zu können. Ich begann sogar die Geschäfte zu übernehmen. Ich führte die Bücher und die Kasse; ich machte und empfing Zahlungen, stellte Empfangsbescheinigungen aus und nahm sie an, und obgleich ich zu diesem Beruf eben so wenig Lust wie Talent hatte, so war ich doch entschlossen, da mich das reifere Alter klug zu machen begann, meine Abneigung zu bezwingen, um mich meinem Amte ganz hinzugeben. Als ich schon leidlich im Zuge war, machte Herr von Francueil leider eine kleine Reise, während welcher ich mit der Verwaltung seiner Kasse, in der sich jedoch damals nur fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Franken befanden, betraut blieb. Die Sorgen und die Unruhe, die mir dieses Geld bereitete, machten es mir fühlbar, daß ich zum Kassirer nicht geschaffen wäre, und ich zweifle nicht, daß das schlechte Blut, welches ich während seiner Abwesenheit bekam, namentlich zu der Krankheit beigetragen hat, in die ich nach seiner Rückkunft verfiel.

In dem ersten Theile dieses Werkes habe ich erwähnt, daß ich halbtodt geboren wurde. Ein organischer Fehler der Harnblase hatte in meinen ersten Jahren eine fast beständige Harnverhaltung zur Folge, und meine Tante Suzon, die meine Pflege übernahm, hatte unglaubliche Mühe, mich am Leben zu erhalten. Gleichwohl gelang es ihr; meine kräftige Natur gewann endlich die Oberhand, und meine Gesundheit erstarkte während meiner Jugend derart, daß ich, von der abzehrungsähnlichen Krankheit, deren Verlauf ich berichtet, und von dem häufigen Drange zum Uriniren abgesehen, der mich bei der geringsten Erhitzung quälte, das Alter von dreißig Jahren erreichte, fast ohne etwas von den Nachwehen meines anfänglich schwächlichen Zustandes zu empfinden. Erst bei meiner Ankunft in Venedig fühlte ich sie wieder. Die Ermüdung von der Reise und die furchtbare Hitze, die ich ausgestanden hatte, zogen mir Harnstrenge und ein Nierenleiden zu, die ich bis Eintritt des Winters behielt. Nach meinem Besuche bei der Paduana glaubte ich, ich müßte sterben, und hatte trotzdem nicht die geringsten Beschwerden; ja, nachdem ich mehr meine Einbildung als meinen Körper für meine Zulietta erschöpft hatte, fühlte ich mich wohler als je. Erst nach Diderots Verhaftung befiel mich in Folge der Erhitzung, die ich mir auf den in der damals entsetzlichen Sonnenglut nach Vincennes unternommenen Wanderungen zugezogen hatte, ein heftiges Nierenleiden, und nie habe ich seitdem meine frühere Gesundheit wiedererlangt.

In dem Zeitpunkte, von dem ich rede, wurde ich, da ich mich vielleicht bei der widerwärtigen Arbeit an dieser verwünschten Kasse ein wenig ermüdet hatte, leidender als zuvor und hütete in dem kläglichsten Zustande, den man sich vorstellen kann, fünf oder sechs Wochen das Bett. Frau Dupin schickte mir den berühmten Morand, der mir trotz seiner Geschicklichkeit und leichten Hand unglaubliche Schmerzen bereitete und es nie zu Stande brachte, mich zu sondiren. Er gab mir den Rath, mich an Daran zu wenden, dessen biegsamere Harnröhrchen sich wirklich zweckentsprechend zeigten. Als Morand indessen der Frau Dupin über meinen Zustand Bericht abstattete, erklärte er ihr, daß ich in einem halben Jahre nicht mehr am Leben sein würde. Diese Versicherung, die ich erfuhr, veranlaßte mich zu ernsten Betrachtungen über meinen Zustand wie über die Thorheit, die Ruhe und die Annehmlichkeit der wenigen Lebenstage, die mir noch vergönnt waren, dem Zwange eines Amtes zu opfern, gegen welches ich nur Widerwillen empfand. Wie reimten sich übrigens die strengen Grundsätze, die ich angenommen hatte, mit einer Stellung, die ihnen so wenig entsprach? Würde es sich wohl für mich gut ausgenommen haben, als Kassirer eines Receveur général des Finances Uneigennützigkeit und Armuth zu predigen? Diese Gedanken geriethen bei meinem fieberhaften Zustande in meinem Kopfe in eine solche Gährung, sie setzten sich darin mit solcher Gewalt fest, daß ich mich ihrer seitdem nie wieder entschlagen konnte, und während meiner Genesung bestärkte ich mich bei kaltem Blute in den Entschlüssen, die ich in meiner Fieberhitze gefaßt hatte. Ich entsagte für immer jedem Plane, mein Glück zu machen und emporzukommen. Entschlossen, die kurze Lebenszeit, die mir noch blieb, in Unabhängigkeit und Armuth zuzubringen, wandte ich alle meine Seelenkräfte darauf an, die Fesseln der öffentlichen Meinung zu brechen und das, was mir gut schien, muthig auszuführen, ohne mich irgend wie um das Urtheil der Menschen zu kümmern. Die Hindernisse, die ich zu bekämpfen hatte, und die Anstrengungen, die ich machte, sie zu überwinden, sind unglaublich. Es gelang mir, so weit es möglich war, und besser als ich selbst gehofft hatte. Hätte ich das Joch der Freundschaft eben so gut wie das der öffentlichen Meinung abgeschüttelt, so würde ich mein Vorhaben durchgesetzt haben, das größte vielleicht oder der Tugend wenigstens heilsamste, das je ein Sterblicher gefaßt hat; aber während ich die unverständigen Urtheile des großen Haufens der sogenannten Großen und der sogenannten Gelehrten mit Füßen trat, ließ ich mich wie ein Kind von sogenannten Freunden unterjochen und führen, die eifersüchtig darauf, mich stolz und allein eine neue Bahn wandeln zu sehen, sich scheinbar angelegen sein ließen, mich glücklich zu machen, während sie doch in Wahrheit nur darauf ausgingen, mich lächerlich zu machen und an meiner Demüthigung zu arbeiten begannen, um es später dahin zu bringen, mir meinen guten Namen zu rauben. Ihre Eifersucht zog mir weniger meine literarische Berühmtheit als meine persönliche Umwandlung zu, die sich in dieser Zeit, wie ich es angegeben habe, in mir vollzog. Sie würden mir vielleicht verziehen haben, in der Kunst der Schriftstellerei zu glänzen, konnten mir aber nicht verzeihen, durch mein Leben ein Beispiel zu geben, das ihnen lästig zu fallen schien. Ich war für die Freundschaft geboren; mein nachgiebiges und sanftes Gemüth unterhielt sie ohne Mühe. So lange ich der Lesewelt unbekannt lebte, wurde ich von allen, die mich kannten, geliebt und hatte nicht einen einzigen Feind; aber sobald ich mir einen Namen errang, hatte ich keine Freunde mehr. Es war ein sehr großes Unglück, ein noch größeres, von Leuten umringt zu sein, die diesen Namen annahmen und die Rechte, die er ihnen gab, nur dazu benutzten, mich ins Verderben zu stürzen. Die Fortsetzung dieser Denkwürdigkeiten wird diesen schändlichen Anschlag enthüllen; ich weise hier nur den Ursprung nach; man wird bald den ersten Knoten schürzen sehen.

In der Unabhängigkeit, in der ich leben wollte, mußte ich jedoch zu leben haben. Ich verfiel auf ein sehr einfaches Mittel; dies bestand darin, Noten zu einem bestimmten Preise für die Seite abzuschreiben. Hätte irgend eine bessere Beschäftigung denselben Zweck erfüllt, würde ich sie ergriffen haben; aber da ich zu jener Lust hatte, und sie die einzige war, die mir ohne persönliche Unterordnung das Brot von einem Tage zum andern gewähren konnte, so hielt ich mich an sie. Da ich für die Zukunft nicht mehr sorgen zu brauchen glaubte und die Eitelkeit zum Schweigen brachte, verwandelte ich mich aus dem Kassirer eines Finanzmannes in einen Notenabschreiber. Ich glaubte bei dieser Wahl viel gewonnen zu haben und habe sie so wenig bereut, daß ich dieses Geschäft nur gezwungenerweise aufgegeben habe, um es, sobald ich es vermag, wieder aufzunehmen.

Der Erfolg meiner ersten Abhandlung erleichterte mir die Ausführung dieses Entschlusses. Als ihr der Preis zuerkannt war, übernahm es Diderot, sie durch die Presse zu veröffentlichen. Während ich noch das Bett hüten mußte, zeigte er mir in einem Billet ihr Erscheinen und ihre Wirkung an. »Sie schwingt sich,« versicherte er mir, »über die Wolken empor; sie hat einen beispiellosen Erfolg.« Diese durch niemanden künstlich hervorgerufene Gunst des Publikums für einen noch unbekannten Schriftsteller gab mir das erste wahre Vertrauen zu meinem Talente, an dem ich trotz der innern Ueberzeugung bis dahin noch immer gezweifelt hatte. Ich begriff den ganzen Vortheil, den ich für den Entschluß, zu dessen Ausführung ich bereit war, daraus ziehen könnte, und war der Ansicht, daß es einem Copisten von einiger Berühmtheit in der literarischen Welt wahrscheinlich nicht an Arbeit fehlen würde.

Sobald mein Entschluß vollkommen gefaßt und unerschütterlich war, schrieb ich ein Billet an Herrn von Francueil, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, ihm wie der Frau Dupin für alle ihre Güte zu danken und sie um ihre Kundschaft zu bitten. Da sich Francueil dieses Billet nicht zu erklären vermochte und wähnte, ich läge noch immer in Fieberhitze, kam er zu mir geeilt; aber er fand meinen Entschluß so unerschütterlich, daß es ihm nicht gelang, mich schwankend zu machen. Er machte sich auf, der Frau Dupin und aller Welt zu sagen, ich wäre verrückt geworden. Ich ließ ihn reden und verfolgte meinen Weg. Ich begann die Aenderung meiner Lebensweise mit meinem Aeußern; ich legte alle goldenen Stoffe, weiße Strümpfe und den Degen ab, trug fortan eine runde Perrücke und verkaufte meine Uhr, indem ich mir mit unglaublicher Freude sagte: »Dem Himmel sei Dank, ich brauche nicht mehr zu wissen, welche Stunde es ist!« Herr von Francueil war so artig, noch lange zu warten, ehe er über seine Kasse anderweitig verfügte. Als er sich endlich von der Festigkeit meines Entschlusses überzeugte, übergab er sie Herrn von Alibard, dem früheren Erzieher des jungen Chenonceaux. Er hat sich auf dem Gebiete der Botanik durch seine flora parisiensis bekannt gemacht. Ich zweifle nicht daran, daß dies alles von Francueil und seinen Genossen jetzt ganz anders erzählt wird; aber ich beziehe mich auf das, was er damals und noch lange nachher aller Welt bis zu dem Augenblicke gesagt hat, wo jene Verschwörung geschlossen wurde, deren sich alle vernünftige und aufrichtige Leute noch immer erinnern müssen.

So streng ich auch bei der Beschränkung von jeglichem Luxus zu Werke ging, so dehnte ich sie doch anfangs nicht auf meine Wäsche aus, die schön und reichlich vorhanden war, ein Rest meiner venetianischen Ausstattung, die mir ganz besonders lieb war. Aus einem Gegenstande der Reinlichkeit hatte ich sie zu einem Gegenstande des Luxus gemacht, der für mich allerdings mit Kosten verbunden war. Aber schon hatte es jemand übernommen, mich auch von diesem Zwange zu befreien. Während sich den Abend vor Weihnachten meine gebietende Frauenwelt in der Vesper befand und ich im Oratorium war, erbrach man die Thüre eines Bodenraumes, in dem nach eben erst beendeter Wäsche unser sämmtliches Leinenzeug aufgehängt war. Man stahl alles und unter andern zweiundvierzig mir gehörende Hemden von sehr schöner Leinewand, die den besten Theil meiner Wäsche bildeten. Nach den Schilderungen der Nachbarn, die gesehen hatten, wie ein Mann mit Packeten um dieselbe Stunde das Hôtel verlassen, hatten Therese und ich ihren Bruder, der in üblem Rufe stand, in Verdacht. Die Mutter wies einen solchen Argwohn lebhaft zurück, allein so viele Anzeichen bestätigten ihn, daß wir ihn trotz ihrer Einwendungen nicht los wurden. Ich wagte nicht, genau Nachforschungen anzustellen, um nicht mehr zu entdecken, als ich gewollt hatte. Dieser Bruder ließ sich bei uns nicht wieder sehen und verschwand endlich ganz. Ich beklagte Theresens und mein eigenes Loos, einer so gemischten Familie anzugehören und ermahnte sie dringender als je, ein so gefährliches Joch abzuschütteln. Dieser Vorfall heilte mich von der Leidenschaft für schöne Wäsche, und ich habe von da an nur sehr gewöhnliche besessen, die mit meiner sonstigen Ausstattung besser übereinstimmte.

Nachdem meine Umwandlung auf diese Weise vervollständigt war, sann ich nur noch darauf, sie durchgreifend und dauerhaft zu machen, indem ich mich bemühte, alles aus meinem Herzen zu reißen, was noch von dem Urtheil der Menschen abhing, alles, was mich aus Furcht vor dem Tadel von dem abwendig machen konnte, was an sich gut und vernünftig war. Bei dem Aufsehen, das mein Werk erregte, blieb auch mein Entschluß nicht ohne Aufsehen und lockte Kunden herbei, so daß ich mein Geschäft mit ziemlichem Erfolge begann. Mehrere Ursachen verhinderten mich indeß, solchen Gewinn zu erzielen, wie ich unter andern Umständen hätte erlangen können. Zunächst mein schlimmer Gesundheitszustand. Der Anfall, den ich durchgemacht, hatte Folgen, die mich nie wieder so wohl werden ließen, als ich früher gewesen, und ich glaube, daß die Aerzte, in deren Hände ich mich gab, mir eben so vielen Schaden zufügten wie meine Krankheit. Ich hatte mich hinter einander an Morand, Daran, Helvetius, Malouin und Thierry gewandt, die, alle sehr gelehrt, alle meine Freunde, mich jeder nach seiner Methode behandelten, mir keine Erleichterung verschafften und mich außerordentlich schwächten. Je mehr ich mich ihren Anordnungen überließ, desto gelber, magerer und schwächer wurde ich. Da meine Einbildungskraft, die sie erregten, meinen Zustand nach der Wirkung ihrer Mittel beurtheilte, zeigte sie mir nur eine Reihe von Leiden, ehe der Tod mich erlöste, Harnbeschwerden, Gries und Stein. Alles, was anderen Linderung gewährt, Tisanen, Bäder, Aderlaß, verschlimmerte meine Leiden. Da ich gemerkt hatte, daß mir Darans Sonden, welche allein einige Wirkung auf mich ausübten und ohne die ich nicht mehr glaubte leben zu können, doch nur eine augenblickliche Erleichterung verschafften, so begann ich mir mit großen Kosten ungeheure Vorräthe von Sonden anzufertigen, um mich ihrer, selbst wenn Daran nicht mehr da sein sollte, mein ganzes Leben lang bedienen zu können. In den acht oder zehn Jahren, in denen ich sie oft anwandte, muß ich, wenn ich den noch vorhandenen Vorrath hinzurechne, fünfzig Louisd'or für sie verausgabt haben. Man sieht ein, daß mich eine so kostbare, so schmerzliche, so beschwerliche Behandlung nicht ohne Zerstreutheit arbeiten ließ, und daß der Eifer eines Sterbenden, sich sein tägliches Brot zu verdienen, nicht überaus groß ist.

Zu nicht geringerem Nachtheile gereichte es mir, daß ich durch literarische Beschäftigungen von meiner täglichen Arbeit abgelenkt wurde. Kaum war meine Abhandlung erschienen, als sich die Vertheidiger der Wissenschaften wie verabredet über mich herstürzten. Unwillig zu sehen, daß so viele kleine Herren Josse, die nicht einmal begriffen, um was es sich handelte, als Meister darüber entscheiden wollten, griff ich zu der Feder und behandelte einige derselben auf eine Weise, daß sie die Lacher nicht länger auf ihrer Seite hatten. Ein gewisser Herr Gautier aus Nancy, der erste, den ich unter das Messer nahm, wurde in einem Briefe an Grimm arg zugerichtet. Der zweite war der König Stanislaus selbst, der es nicht verschmähte, gegen mich in die Schranken zu treten. Die Ehre, die er mir anthat, zwang mich, in meiner Antwort einen andern Ton anzuschlagen. Ich nahm einen ernsteren, aber nicht weniger entschiedenen an, und ohne es an Ehrfurcht gegen den Verfasser fehlen zu lassen, widerlegte ich sein Werk in jeder Beziehung. Ich wußte, daß ein Jesuit, ein gewisser Pater Menou, dabei mitgewirkt hatte; ich verließ mich auf meinen Tact, um den Antheil des Fürsten von dem des Mönches zu unterscheiden, und während ich über alle jesuitische Redensarten schonungslos herfiel, hob ich bei dieser Gelegenheit einen Anachronismus hervor, welcher nach meiner Ansicht nur von Seiner Hochwürden herrühren konnte. Diese Schrift, welche, ich weiß nicht weshalb, weniger Aufsehen als meine übrigen erregt hat, ist noch bis jetzt in ihrer Art ein einzig dastehendes Werk. Ich ergriff darin die Gelegenheit, die sich mir darbot, öffentlich den Beweis zu liefern, wie ein einfacher Mann die Sache der Wahrheit selbst gegen einen Herrscher vertheidigen könnte. Es ist schwer, einen stolzeren und zugleich ehrfurchtsvolleren Ton anzunehmen, als den, der aus meiner ganzen Antwort herausklingt. Ich hatte es glücklicherweise mit einem Gegner zu thun, gegen den mein Herz die tiefste Achtung empfand, die ich ihm ohne Lobhudelei bezeigen konnte; dies that ich mit ziemlichem Glück, aber stets mit Würde. Meine Freunde, die meinetwegen besorgt waren, glaubten mich schon in der Bastille zu sehen. Ich theilte diese Angst keinen Augenblick und hatte Recht. Nachdem dieser gutmüthige Fürst meine Erwiderung gelesen hatte, sagte er: »Ich habe, was mir gebührt; ich werde mich nicht mehr an ihm reiben.« Seitdem empfing ich von ihm verschiedene Beweise von Achtung und Wohlwollen, von denen ich einige werde berichten müssen, und meine Schrift verbreitete sich ungestört durch Frankreich und Europa, ohne daß irgend jemand etwas Tadelnswerthes in ihr fand.

Kurze Zeit nachher bekam ich einen andern Gegner, auf den ich mich nicht gefaßt gemacht hatte, den nämlichen Herrn Bordes aus Lyon, der mir zehn Jahre vorher viele Freundlichkeiten und mehrere Dienste erwiesen hatte. Ich hatte ihn nicht vergessen, aber aus Trägheit vernachlässigt, und hatte ihm meine Schriften nicht übersandt, da es mir an einer günstigen Gelegenheit fehlte, sie ihm rechtzeitig zugehen zu lassen. Ich hatte also Unrecht, und er griff mich, allerdings auf anständige Weise, an, und ich antwortete eben so. Er entgegnete in entschiedenerem Tone. Dies zwang mich zu einer neuen Erwiderung, die er unbeantwortet ließ. Aber er wurde mein glühendster Feind, wandte die Zeit meiner Unglücksfälle an, um schändliche Schmähschriften gegen mich zu verfassen, und reiste nur in der Absicht, mir dort zu schaden, nach London.

Alle diese Polemik nahm mich sehr in Anspruch, so daß mir viel Zeit für meine Notenabschriften verloren ging, während die Wahrheit doch wenig gefördert wurde und meine Börse nur geringen Vortheil davon hatte. Pissot, der mein damaliger Verleger war, gab mir für meine Broschüren stets sehr wenig, oft gar nichts. Für meine erste Abhandlung bekam ich zum Beispiel nicht einen Heller; Diderot hatte sie ihm umsonst gegeben. Ich mußte immer lange warten und das Wenige, was er mir gab, groschenweise aus ihm herauspressen. Mittlerweile blieb das Abschreiben großentheils liegen. Ich hatte mich auf zwei Geschäfte gelegt, das war das richtige Mittel, sie beide schlecht zu betreiben.

Auch noch in anderer Weise, durch die verschiedene Lebensart, zu der sie mich nöthigten, standen sie sich gegenseitig im Wege. Der Erfolg meiner ersten Schriften hatte mich in Mode gebracht. Der Stand, welchen ich ergriffen, reizte die Neugier; man wollte den sonderbaren Menschen kennen lernen, der niemanden aufsuchte und sein Augenmerk nur darauf gerichtet hatte, nach seiner Weise frei und glücklich zu leben; das war genügend, um es ihm unmöglich zu machen. Mein Zimmer wurde von Leuten nicht leer, die unter verschiedenen Vorwänden erschienen, um meine Zeit für sich in Anspruch zu nehmen. Die Frauen wandten tausend Kunstgriffe an, um mich als Gast bei sich zu sehen. Je beleidigender ich gegen die Leute auftrat, desto hartnäckiger wurden sie. Ich konnte mich nicht aller Welt entziehen. Während ich mir durch meine Weigerungen tausend Feinde zuzog, legte mir doch mein freundliches Entgegenkommen unaufhörlich Fesseln an, und wie ich es auch immer anstellte, hatte ich doch Tag für Tag keine freie Stunde für mich.

Ich erkannte damals, daß es nicht immer so leicht ist, wie man wähnt, arm und unabhängig zu sein. Ich wollte von meinem Geschäfte leben; das Publikum gab es nicht zu. Man verfiel auf tausend kleine Mittel, mich für die Zeit, um die man mich brachte, Var. ... um die man mich brachte, zu entschädigen. Es regnete Geschenke jeglicher Art. Bald etc. etc. zu entschädigen. Bald hätte ich mich wie Polichinel öffentlich für Geld ausstellen lassen müssen. Ich kenne keine erniedrigendere und schmerzlichere Sklaverei als eine derartige. Das einzige Mittel dagegen schien mir, große wie kleine Geschenke abzulehnen und niemandem gegenüber, es mochte sein, wer es wollte, eine Ausnahme zu machen. Dies alles zog nur noch mehr Geschenkgeber herbei, die nach dem Ruhme geizten, meinen Widerstand zu überwinden und mich zu zwingen, ihnen wider meinen Willen verpflichtet zu sein. Leute, die mir, wenn ich sie darum gebeten, nicht einen Thaler gegeben hätten, hörten nicht auf, mich mit ihren Anerbietungen zu belästigen und, um sich dafür, daß sie sich abgewiesen sahen, zu rächen, nannten sie meine Ablehnung Anmaßung und Prahlerei.

Man wird sich wohl denken, daß der von mir gefaßte Entschluß und der Plan, den ich befolgen wollte, nicht nach Frau Le Vasseurs Geschmack war. So uneigennützig die Tochter auch war, hielt sie das doch nicht ab, sich von ihrer Mutter leiten zu lassen; und die gebietenden Hausfrauen ( les gouverneuses), wie Gauffecourt sie nannte, waren in der Ablehnung von Geschenken nicht immer eben so fest wie ich. Obgleich man mir vieles verhehlte, sah ich genug, um mir sagen zu können, daß ich nicht alles sah, und dies peinigte mich, weniger um deswillen, weil man mich, wie ich leicht voraussah, des Einverständnisses mit ihnen bezichtigen würde, als um der schmerzlichen Vorstellung willen, daß ich nie Herr in meinem Hause noch über mich selbst sein könnte. Ich bat, beschwor sie, wurde ärgerlich, alles umsonst; die Mama erklärte mich für einen ewigen Brummbär und Griesgram, mit meinen Freunden gab es ein beständiges Flüstern; alles in meiner Wirthschaft war für mich Dunkel und Geheimnis, und um mich nicht unaufhörlich Stürmen auszusetzen, wagte ich gar nicht mehr nach dem, was in ihr vorging, zu fragen. Um mich aus aller dieser Unruhe zu reißen, hätte ich eine Festigkeit nöthig gehabt, die mir leider abging. Ich verstand mich zu ereifern, aber nicht zu handeln; man ließ mich reden und verfolgte seinen eigenen Weg.

Diese fortwährenden Beunruhigungen und täglichen Belästigungen, denen ich ausgesetzt war, machten mir endlich meine Wohnung und den Aufenthalt in Paris unerträglich. Wenn mir meine Unpäßlichkeit gestattete auszugehen, und ich mich nicht von meinen Bekannten hierhin oder dorthin mitschleppen ließ, ging ich allein spazieren; ich sann über meinen großen Plan nach und warf mit Hilfe einiger reiner Blätter Papier und eines Bleistifts, die ich stets bei mir hatte, Betrachtungen darüber auf das Papier. Daraus läßt sich erkennen, wie gerade die unvorhergesehenen Unannehmlichkeiten eines Berufes meiner eigenen Wahl mich, um ihrer überhoben zu werden, völlig zur Literatur trieben, und weshalb sich in meinen ersten Werken das Gift und die Galle zu erkennen geben, die mich zu dieser Beschäftigung drängten.

Noch ein anderer Umstand trug dazu bei. Wider meinen Willen in die große Welt versetzt, ohne mit ihrem Tone vertraut zu sein, unfähig, ihn anzunehmen und mich ihm unterwerfen zu können, kam ich auf den Einfall, einen eigenen anzunehmen, der mich dessen überhob. Da meine alberne und widerwärtige Blödigkeit, die ich nicht zu überwinden vermochte, aus der Besorgnis herfloß, den Anstand zu verletzen, beschloß ich mir dadurch Muth einzuflößen, daß ich alle Schicklichkeit mit Füßen trat. Ich spielte aus Verlegenheit den Cyniker und Spötter, ich stellte mich, als ob ich die Höflichkeit, die ich nicht zu bezeigen verstand, verachtete. Dieses rauhe Wesen, welches mit meinen neuen Grundsätzen übereinstimmte, wurde allerdings in meiner Seele geadelt und nahm in ihr die Unerschrockenheit der Tugend an; und auf dieser erhabenen Grundlage hat es sich, wie ich zu behaupten wage, besser und länger erhalten, als man nach einer meiner Natur so widerstrebenden Anstrengung hätte erwarten sollen. Allein trotz des Rufes meines Menschenhasses, den mir mein Aeußeres und einige glückliche Einfälle in der großen Welt zuzogen, spielte ich doch, wie ich versichern kann, meine Rolle in Privatkreisen stets schlecht. Meine Freunde und Bekannte leiteten diesen scheuen Bären wie ein Lamm, und indem ich meine beißenden Spöttereien auf unangenehme, aber allgemeine Wahrheiten beschränkte, habe ich mich nie unterfangen, irgend jemandem auch nur ein einziges kränkendes Wort zu sagen.

»Der Dorfwahrsager« brachte mich vollends in die Höhe, und bald gab es keinen gesuchteren Menschen in Paris als mich. Die Geschichte dieses Stückes, welches Epoche machte, hängt mit meinen damaligen Umgangskreisen zusammen. Zum Verständnisse des sich daran Knüpfenden muß ich auf dieses sonst unbedeutende Stück näher eingehen.

Ich hatte eine ziemlich große Anzahl von Bekannten, aber nur zwei Freunde eigener Wahl, Diderot und Grimm. Ich war allzu sehr beider Freund, um nicht bei dem lebhaften Wunsche, den ich stets hege, alles, was mir theuer ist, zusammen zu führen, dahin zu trachten, daß sie es auch bald unter einander würden. Ich sorgte für ihre gegenseitige Bekanntschaft; sie gefielen sich und schlossen einen noch engeren Freundschaftsbund unter einander, als sie mit mir unterhielten. Diderot hatte zahllose Bekannte, aber Grimm, der ein Fremdling und erst vor kurzem angekommen war, hatte das Bedürfnis, Bekanntschaften zu machen. Ich verlangte nichts Besseres, als ihm solche zu verschaffen. Hatte ich ihn mit Diderot befreundet, so gewann ich ihm nun auch die Freundschaft Gauffecourts. Ich führte ihn zu Frau von Chenonceaux, zu Frau von Epinay und zu dem Baron von Holbach, mit dem ich fast wider Willen in freundschaftlichem Verkehre stand. Alle meine Freunde wurden die seinigen; das war ja ganz einfach. Aber keiner der seinigen wurde je der meinige, und das war befremdender. Während er bei dem Grafen von Friesen wohnte, lud er uns ziemlich häufig zum Mittagsessen ein, aber nie habe ich irgend ein Zeichen von Freundschaft oder Wohlwollen vom Grafen von Friesen oder vom Grafen von Schomberg, seinem Verwandten und einem sehr vertrauten Freunde Grimms, oder von irgend einer Person, sei es von Männern oder Frauen, mit denen Grimm durch jener Vermittelung verkehrte, erhalten. Ich nehme allein den Abbé Raynal aus, der, obgleich sein Freund, sich auch als einen der meinigen bewies und mir mit ungewöhnlicher Großmuth gelegentlich seine Börse anbot. Aber ich kannte den Abbé Raynal lange, ehe Grimm selbst ihn kannte, und ich war ihm, seitdem er sich mir gegenüber in einer sehr unbedeutenden Angelegenheit, die ich aber nie vergaß, auf das zarteste und ehrenwertheste benommen hatte, stets sehr zugethan gewesen.

Dieser Abbé Raynal ist sicherlich ein warmer Freund. Er gab dem nämlichen Grimm, mit dem er einen sehr vertrauten Umgang unterhielt, ungefähr in derselben Zeit, von der ich rede, einen Beweis davon. Nachdem Grimm einige Zeit mit Fräulein Fel freundschaftlich verkehrt hatte, kam es ihm plötzlich in den Sinn, sich sterblich in sie zu verlieben und Cahusac ausstechen zu wollen. Da sich die Schöne auf ihre Beständigkeit etwas einbildete, wies sie den neuen Bewerber entschieden zurück. Dieser nahm es sich sehr zu Herzen und that, als ob er daran sterben müßte. Er fiel ganz plötzlich in die sonderbarste Krankheit, von der man vielleicht je hat reden hören. Er brachte die Tage und Nächte in beständiger Lethargie, mit völlig offenen Augen und regelmäßigem Pulsschlage zu, aber ohne zu sprechen, ohne zu essen, ohne sich zu rühren, scheinbar bisweilen hörend, aber niemals antwortend, nicht einmal durch Zeichen, und im Uebrigen ohne Unruhe, ohne Schmerz, ohne Fieber und daliegend, als wäre er bereits gestorben. Der Abbé Raynal und ich wachten abwechselnd bei ihm. Da der Abbé kräftiger und gesunder als ich war, brachte er bei ihm die Nächte, ich die Tage zu, so daß er nie allein war; keiner von uns ging vor Ankunft des andern. Sehr erschreckt brachte der Graf von Friesen Senac zu ihm, der nach sorgfältiger Untersuchung versicherte, es hätte nichts zu bedeuten, und nichts verordnete. In der Sorge um meinen Freund beobachtete ich die Miene des Arztes genau und bemerkte, wie er beim Herausgehen lächelte. Der Kranke blieb jedoch mehrere Tage unbeweglich, ohne Bouillon oder irgend etwas Anderes als eingemachte Kirschen zu sich zu nehmen, die ich ihm von Zeit zu Zeit auf die Zunge legte, und die er sehr gut verschluckte. Eines schönen Morgens erhob er sich, zog sich an und nahm seine gewöhnliche Lebensweise wieder auf, ohne daß er über diese eigentümliche Lethargie oder unsere Pflege während ihrer ganzen Dauer mit mir, noch auch, so viel ich weiß, mit dem Abbé Raynal oder irgend einem anderen geredet hätte.

Dieser Vorfall unterließ nicht Aufsehen zu erregen, und in der That wäre es ein wunderbares Ereignis gewesen, wenn die Grausamkeit einer Opernsängerin einen Mann hätte aus Verzweiflung sterben lassen. Diese schöne Leidenschaft brachte Grimm in die Mode; bald galt er als ein Wunder von Liebe, Freundschaft und Anhänglichkeit jeglicher Art. In dieser Meinung suchte und feierte man ihn in der großen Welt und entfernte ihn dadurch von mir, der ich ihm doch nur ein Nothbehelf gewesen war. Ich sah ihn im Begriffe, mir gänzlich verloren zu gehen. Ich war darüber tief betrübt, denn alle die lebhaften Empfindungen, mit denen er sich brüstete, hegte ich für ihn, wenn ich auch weniger Aufhebens davon machte. Sein Emporkommen in der Welt machte mir Freude; aber ich hätte gewünscht, daß er seinen Freund darüber nicht vergäße. Eines Tages sagte ich zu ihm: »Grimm, Sie vernachlässigen mich; ich verzeihe es Ihnen. Wenn die erste Begeisterung der rauschenden Erfolge ihre Wirkung gehabt haben wird und Sie erst zur Einsicht kommen, wie schal sie sind, werden Sie, das hoffe ich bestimmt, zu mir zurückkehren und in mir stets den alten Freund wiederfinden. Legen Sie sich jetzt keinen Zwang auf; ich lasse Sie frei und warte auf Sie.« Er sagte zu mir, ich hätte Recht, handelte demgemäß und kümmerte sich so wenig um mich, daß ich ihn nur noch bei unsren gemeinschaftlichen Freunden sah.

Ehe er mit Frau von Epinay ein so vertrautes Verhältnis angeknüpft hatte, wie es später geschah, war das Haus des Baron von Holbach unser Hauptvereinigungspunkt. Genannter Baron war der Sohn eines Emporkömmlings und im Genusse eines ziemlich großen Vermögens, das er in edler Weise verwandte, indem er Gelehrte und verdienstvolle Leute bei sich empfing, unter denen er durch sein Wissen und seine Kenntnisse eine ebenbürtige Stelle einnahm. Seit langer Zeit mit Diderot verkehrend, hatte er mich, noch ehe mein Name bekannt geworden war, durch dessen Vermittlung aufgesucht. Ein inneres Widerstreben hielt mich lange zurück, von seinem freundlichen Entgegenkommen Gebrauch zu machen. Als er mich eines Tages nach dem Grunde fragte, sagte ich zu ihm: »Sie sind zu reich.« Er blieb beharrlich und trug endlich den Sieg davon. Mein größtes Unglück bestand stets darin, Freundlichkeiten nicht widerstehen zu können; ihnen nachgegeben zu haben, hat für mich immer einen üblen Ausgang genommen.

Eine andre Bekanntschaft, die in Freundschaft überging, sobald ich das Recht hatte, sie zu beanspruchen, war die mit Herrn Duclos. Ich hatte ihn auf der Chevrette bei Frau von Epinay, mit der er auf sehr gutem Fuße stand, vor mehreren Jahren zum ersten Male gesehen. Freilich speisten wir nur zusammen, denn er reiste schon an dem nämlichen Tage wieder ab; aber wir plauderten damals nach dem Mittagsessen einige Augenblicke mit einander. Frau von Epinay hatte mit ihm von mir und meiner Oper »Die galanten Musen« gesprochen. Duclos, mit zu großen Talenten begabt, um nicht auch andere talentvolle Männer zu lieben, war von mir eingenommen und hatte mich zum Besuche eingeladen. Trotz meiner alten, durch unsere Bekanntschaft noch verstärkten Zuneigung zu ihm hielten mich meine Blödigkeit und meine Trägheit so lange von ihm fern, als mich nichts Anderes als seine Freundlichkeit zum Verkehre mit ihm berechtigte. Aber von meinem ersten Erfolge und von seinen Lobsprüchen, die ich wieder erfuhr, ermuthigt, stattete ich ihm einen Besuch ab, den er erwiderte; und so begann unter uns ein freundschaftlicher Verkehr, der ihn mir stets theuer machen wird, und dem ich nächst dem Zeugnisse meines Herzens die Erfahrung verdanke, daß sich mit der Pflege der Literatur bisweilen auch Geradheit und Redlichkeit vereinigen können.

Viele andere weniger feste Verbindungen, die ich hier nicht erwähnen will, waren die Folgen der ersten mir zu Theil gewordenen Anerkennung und dauerten, bis die Neugier befriedigt war. Ich war ein so schnell durchschauter Mann, daß es schon am nächsten Tage nichts Neues an mir zu entdecken gab. Eine Frau jedoch, welche mich in jener Zeit aufsuchte, trat in ein festeres Verhältnis zu mir als alle andern; es war die Frau Marquise von Créqui, Nichte des Herrn Bailli von Froulay, des Gesandten von Malta, deren Bruder der Vorgänger des Herrn von Montaigu in der Gesandtschaft zu Venedig gewesen war, und den ich bei meiner Heimkehr aus jenem Lande besucht hatte. Frau von Créqui schrieb an mich; ich ging zu ihr, und sie faßte Freundschaft für mich. Ich aß bisweilen bei ihr zu Mittag und lernte bei ihr mehrere Schriftsteller, unter andern Herrn Saurin kennen, den Verfasser des Spartacus, des Barneveldt und anderer Stücke, der seitdem mein heftigster Gegner geworden ist, ohne daß ich mir eine andere Ursache vorstellen kann, als daß ich den Namen eines Mannes führe, den sein Vater auf das abscheulichste verfolgt hat.

Man ersieht daraus, daß ich für einen Abschreiber, der sich seiner Beschäftigung von früh bis spät hingeben sollte, viele Zerstreuungen hatte, die mir meine Tagearbeit nicht einträglicher machten, und mich verhinderten, darauf Acht zu geben, daß ich, was ich machte, auch gut machte. Außerdem verlor ich mit dem Ausradiren meiner Fehler oder mit einer ganz neuen Abschrift mehr als die Hälfte der Zeit, die man mir ließ. Diese Unannehmlichkeit machte mir Paris von Tage zu Tage unerträglicher und erfüllte mich mit Sehnsucht nach dem Landleben. Ich verlebte mehrmals mit den Meinigen einige Tage in Marcoussis, mit dessen Vikar Frau Le Vasseur bekannt war, und bei dem wir uns alle der Art einrichteten, daß er dabei nicht zu kurz kam. Einmal begleitete uns Grimm dorthin. Da ich verabsäumt habe, hier ein kleines aber merkwürdiges Ereignis zu erzählen, das ich eines Morgens, als wir uns auf dem Wege nach der Quelle von Saint-Vandrille befanden, wo wir gemeinschaftlich das Mittagsmahl einnehmen wollten, mit dem erwähnten Grimm erlebte, so will ich nicht darauf zurückkommen; aber ich habe daraus später, so oft ich daran zurückdachte, geschlossen, daß er schon damals im Grunde seines Herzens über der Verschwörung brütete, die er darauf mit so wunderbarem Erfolge zur Ausführung brachte.

Der Vikar hatte Stimme, sang gut und lernte, obgleich er sich nicht auf Musik verstand, seine Partie doch mit großer Leichtigkeit und Genauigkeit. Wir brachten die Zeit mit dem Gesange meiner Terzette von Chenonceaux hin. Ich componirte noch zwei oder drei neue zu Versen, die Grimm und der Vikar wohl oder übel zusammen geschmiedet hatten. Ich kann mich nicht enthalten, mir diese in Augenblicken reiner Freude gesetzten und gesungenen Terzette, die ich mit allen meinen Musikalien in Vootton ließ, zurückzuwünschen. Fräulein Davenport hat vielleicht schon Haarwickel daraus gemacht; aber sie verdienten aufbewahrt zu werden, denn sie sind größtenteils von einem sehr gutem Contrapunkte. Nach einer dieser kleinen Reisen, auf der ich das Vergnügen gehabt, Tantchen in äußerstem Wohlsein und größter Heiterkeit zu sehen, und auf der ich mich ebenfalls sehr ergötzt hatte, schrieb ich an den Vikar eine sehr schnell hingeworfene und dafür auch gar schlecht ausgefallene Epistel in Versen, welche man unter meinen Papieren finden wird.

In noch größerer Nähe bei Paris hatte ich einen andern, mir sehr angenehmen Verkehrsort bei meinem Landsmanne, Verwandten und Freunde Mussard, der sich in Passy ein reizendes Landhaus erbaut, in dem ich recht friedvolle Augenblicke verlebt habe. Mussard, ein Juwelier, war ein Mann von klarem Verstande, der, nachdem er in seinem Geschäfte ein anständiges Vermögen erworben und seine einzige Tochter mit Herrn von Valmalette, dem Haushofmeister des Königs und Sohne eines Wechselsensals, vermählt hatte, den klugen Entschluß faßte, auf seine alten Tage Handel und Geschäfte aufzugeben und zwischen dem unruhigen Treiben des Lebens und dem Tode noch eine Zeit der Ruhe und des Genusses zuzubringen. Der wackere Mussard, ein wahrer praktischer Philosoph, lebte frei von Sorgen in einem sehr geschmackvollen Hause, das er sich selbst erbaut, und in einem allerliebsten Garten, den er mit eigenen Händen angelegt hatte. Beim gründlichen Umgraben der Terrassen dieses Gartens fand er fossiles Muschelwerk, und zwar in so bedeutender Menge, daß seine erregte Einbildungskraft in der Natur nur noch Muscheln sah und er endlich im Ernste überzeugt war, das Weltall wäre nur Muschelwerk, zerbröckelte Muscheln, und die ganze Erde nichts als Muschelsand. Beständig von diesem Gegenstande und seinen seltsamen Entdeckungen erfüllt, erhitzte er sich an diesen Vorstellungen in so hohem Grade, daß sie endlich in seinem Kopfe zu einem festen System, das heißt zur Tollheit übergegangen wären, wenn nicht zum großen Glücke für seine Vernunft, aber zum großen Unglücke für seine Freunde, die ihn lieb hatten und bei ihm den angenehmsten Verkehrsort fanden, der Tod gekommen wäre, um ihn ihnen durch die sonderbarste und schmerzlichste Krankheit zu rauben. Es entwickelte sich bei ihm eine Geschwulst im Magen, die ihn bei ihrer steten Zunahme am Essen hinderte, ohne daß man längere Zeit hindurch die Ursache entdeckte, und ihn endlich nach mehrjährigen Leiden den Hungertod sterben ließ. Ich kann nicht ohne bitteren Kummer an die letzten Lebensstunden dieses armen und würdigen Mannes zurückdenken, der, wenn er uns, Lenieps und mich, die einzigen Freunde, welche der Anblick seiner Leiden bis zu seiner letzten Stunde nicht von ihm fern zu halten vermochte, mit immer gleicher Freude empfing, an dem Mahle, das er uns vorsetzen ließ, nur noch mit den Augen theilnehmen und höchstens einige Tropfen eines sehr leichten Thees herunterbringen konnte, die er einen Augenblick später wieder von sich geben mußte. Allein wie viel angenehme Stunden habe ich vor dieser Schmerzenszeit mit den ausgewählten Freunden, die er sich erworben, bei ihm zugebracht! Der vorzüglichste war in meinen Augen der Abbé Prevost, ein sehr liebenswürdiger und einfacher Mann, dessen Herz seinen der Unsterblichkeit würdigen Schriften Leben verlieh, während er doch in seinem Wesen und im Umgange nichts von dem düsteren Colorit zeigte, das er seinen Werken aufprägte; dann der Arzt Procope, ein kleiner Aesop, der bei den Frauen viel Glück hatte; ferner Boulanger, der berühmte Verfasser des hinterlassenen Werkes »Der orientalische Despotismus«, der sich, wie ich glaube, gleichzeitig die Verbreitung des Mussardschen Systems über die Dauer der Welt angelegen sein ließ. Von Frauen seien erwähnt die Frau Denis, Voltaire's Nichte, welche wegen ihrer damals hervortretenden Herzensgüte noch nicht den Schöngeist spielte; Frau Banloo, wahrlich nicht schön, aber reizend und von einer wahren Engelsstimme; Frau von Valmalette selber, die ebenfalls sang und trotz ihrer Magerkeit sehr liebenswürdig gewesen wäre, hätte sie weniger Anspruch darauf gemacht. So war ungefähr Herrn Mussards Gesellschaftskreis, der mir ziemlich zugesagt haben würde, wenn mir nicht das Alleinbleiben mit ihm trotz seiner Muschelwuth noch lieber gewesen wäre, und ich kann wohl sagen, daß ich in seinem Studirzimmer länger als sechs Monate mit eben so großem Vergnügen wie er selbst gearbeitet habe.

Schon lange vorher hatte er behauptet, das Wasser von Passy würde mir für meinen Zustand heilsam sein, und mich aufgefordert, es bei ihm zu trinken. Um mich auf einige Zeit dem Gewühl der Großstadt zu entreißen, gab ich endlich nach und verweilte acht oder zehn Tage zu Passy, die mir mehr um des ländlichen Aufenthalts willen wohl thaten, als um des Wassers willen, das ich trank. Mussard spielte Violoncell und liebte italienische Musik leidenschaftlich. Eines Abends sprachen wir, ehe wir schlafen gingen, viel von ihr und namentlich von der komischen Oper, die wir beide in Italien gesehen hatten und für die wir beide schwärmten. Da ich die Nacht nicht schlafen konnte, dachte ich darüber nach, wie man es anfangen müßte, um in Frankreich die Vorstellung eines Dramas dieser Art zu erwecken, denn »Ragondens Liebschaften« hatten damit keine Aehnlichkeit. Als ich am Morgen spazieren ging und Brunnen trank, warf ich in aller Eile einige Arten von Versen hin und paßte sie den Melodien an, die mir beim Niederschreiben einfielen. Ich schmierte das alles in einer Art gewölbten Salons nieder, der oben im Garten gelegen war, und beim Thee konnte ich nicht umhin, diese musikalischen Partien Mussard und Fräulein Duvernois, seiner Haushälterin, die in Wahrheit ein sehr gutes und liebenswürdiges Mädchen war, zu zeigen. Die drei Stücke, die ich flüchtig ausgeführt hatte, waren der erste Monolog: »Meinen Diener find ich nirgends«; die Arie des Wahrsagers: »Liebe wächst, befällt sie Furcht«, und das letzte Duett: »Ach, auf ewig heiß' ich mein dich«. Ich bildete mir so wenig ein, daß es sich der Mühe lohnen würde, die Skizze zu vollenden, daß ich ohne Beider Beifall und Ermuthigung meine paar Stückchen Papier ins Feuer geworfen und nicht mehr an sie gedacht hätte, wie ich es schon so oft mit wenigstens eben so guten Sachen gemacht; allein sie wirkten so ermunternd auf mich ein, daß bis auf wenige Verse in sechs Tagen mein Drama geschrieben und die ganze Musik dazu skizzirt war, so daß mir in Paris nur noch einige Recitative und die Nebenrollen übrig blieben. Ich vollendete das Ganze in solcher Geschwindigkeit, daß in drei Wochen meine sämmtlichen Auftritte ins Reine geschrieben und zur Darstellung bereit waren. Es fehlte nur die Balleteinlage, die erst lange nachher gemacht wurde.

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