Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/rousseau/bekennt2/bekennt2.xml
typeautobiography
authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081207
projectid1546f1eb
Schließen

Navigation:

1757

Als ich wegen der schlechten Jahreszeit zu Hause zu bleiben begann, wollte ich meine gewöhnlichen Beschäftigungen am Schreibtische wieder aufnehmen; es war mir nicht möglich. Ich erblickte überall nur die beiden reizenden Freundinnen, nur ihren Freund, ihre Umgebung, das Land, welches sie bewohnten, kurz nur Gegenstände, welche ich in meiner Phantasie für sie geschaffen oder verschönert hatte. Ich war nicht einen Augenblick mehr bei mir selbst, die Begeisterung verließ mich nicht mehr. Nach vielen vergeblichen Bemühungen alle diese Traumgebilde von mir fern zu halten, wurde ich schließlich ganz ihre Beute und ich bestrebte mich nur noch einige Ordnung und einigen Zusammenhang hineinzubringen, um daraus eine Art Roman zu machen.

Zu einer großen Verlegenheit gereichte mir das Schamgefühl, mich auf diese Weise selbst so unverholen und so laut Lügen zu strafen. Konnte man sich nach den strengen Grundsätzen, die ich so entschieden ausgesprochen, nach den ernsten Principien, die ich so eifrig gepredigt, nach meinen vielen beißenden Angriffen gegen die weibischen Bücher, die Liebe und Weichlichkeit athmeten, konnte man sich, frage ich, wohl etwas Unerwarteteres, etwas Aergerlicheres denken, als zu sehen, wie ich mich plötzlich mit eigener Hand unter die Schriftsteller solcher Bücher schrieb, die ich so scharf getadelt hatte? Ich fühlte diese Inconsequenz in ihrer vollen Stärke, ich warf sie mir vor, erröthete und ärgerte mich über sie; aber alles dies war nicht im Stande mich wieder zur Vernunft zu bringen. Völlig unterjocht, mußte ich es mir gefallen lassen, wie es immer kam, und mich entschließen, jedem Gerede zu trotzen, wobei es mir ja unbenommen blieb, später zu überlegen, ob ich mein Werk zeigen wollte oder nicht; denn damals vermuthete ich noch nicht, daß ich mich zur Veröffentlichung entschließen würde.

Zu diesem Entschlusse gelangt, überlasse ich mich ganz und gar meinen Träumereien, und indem ich sie mir wieder und wieder zurechtlege, entwerfe ich endlich die Art von Plan, dessen Ausführung dem Leser vorgelegen hat. Es war sicherlich das Beste, wozu sich meine Narrheiten verwenden ließen: die Liebe zum Guten, die nie aus meinem Herzen gewichen ist, richtete sie auf nützliche Gegenstände, die der Moral hätten zum Vortheil gereichen können. Meine wollüstigen Bilder hätten alle ihre Anmuth verloren, wenn ihnen der liebliche Hauch der Unschuld gefehlt hätte. Ein schwaches Mädchen ist ein Gegenstand des Mitleids, den die Liebe interessant machen kann und der oft nicht weniger liebenswürdig ist; allein wer kann ohne Entrüstung die Darstellung der Modesitten ertragen? und was giebt es Empörenderes als den Dünkel einer treulosen Frau, die, obgleich sie alle ihre Pflichten mit Füßen tritt, trotzdem beansprucht, daß ihr Mann von Dankbarkeit für die Gnade durchdrungen sei, die sie ihm durch ihr Bestreben erweist, sich nicht auf der That ertappen zu lassen? Vollkommene Wesen giebt es in der Natur nicht, und für die aus ihnen zu entnehmenden Lehren sind wir wenig empfänglich. Aber wenn sich eine junge Person, der die Natur ein eben so zärtliches wie keusches Herz verliehen hat, im Mädchenstande von der Liebe besiegen läßt und als Frau wieder Kraft gewinnt, um sie nun ihrerseits zu besiegen und wieder tugendhaft zu werden; dann verschließet dem das Ohr, der euch versichern will, daß dieses Gemälde in seinem ganzen Umfange ärgerlich und nutzlos sei.

Außer diesem Thema von der ehelichen Keuschheit und Treue, die durchaus zu jeder socialen Ordnung gehört, behandelte ich noch ein weniger leicht erkennbares, die Nothwendigkeit der Eintracht und des allgemeinen Friedens, einen vielleicht schon an sich und wenigstens damals größeren und wichtigeren Stoff. Der durch die Enzyklopädie erregte Sturm hatte sich nicht nur nicht gelegt, sondern sich damals in noch größerer Stärke erhoben. Die beiden mit äußerster Wuth wider einander entfesselten Parteien glichen eher wüthenden Wölfen, die sich blutgierig zu zerfleischen drohten, als Christen und Philosophen, die darauf ausgehen, sich gegenseitig aufzuklären, zu überzeugen und auf den Weg der Wahrheit zurückzuführen. Vielleicht gebrach es beiden nur an rührigen und einflußreichen Anführern, um den Streit in einen Bürgerkrieg ausarten zu lassen, und Gott weiß, wohin ein Bürgerkrieg um die Religion, zumal die leidenschaftlichste Unduldsamkeit auf beiden Seiten gleich groß war, geführt haben würde. Voll angeborener Abneigung gegen jeden Parteigeist hatte ich beiden Parteien mit allem Freimuthe harte Wahrheiten gesagt, die sie unbeachtet ließen. Ich griff zu einem andern Mittel, welches mir in meiner Einfalt bewunderungswürdig erschien; es bestand darin, durch Vernichtung ihrer Vorurtheile ihren gegenseitigen Haß zu besänftigen und jeder Partei das Verdienst und die Tugend der andern als der öffentlichen Achtung und der Ehrfurcht aller Sterblichen werth hinzustellen. Dieses ziemlich unvernünftige Vorhaben, das den Menschen Aufrichtigkeit zutraute und mich in den nämlichen Fehler stürzte, welchen ich dem Abbé von Saint-Pierre vorwarf, hatte den Erfolg, der sich voraussehen ließ: er näherte nicht die Parteien, sondern vereinigte sie nur zu meiner gemeinsamen Bekämpfung. Bis mich die Erfahrung zur Erkenntnis meiner Thorheit brachte, überließ ich mich ihr mit einer dem mich antreibenden Beweggrunde, wie ich wohl sagen darf, würdigen Begeisterung und schilderte Volmars und Juliens Charaktere mit einem Entzücken, das mich mit der Hoffnung erfüllte, sie beide liebenswürdig zu machen und zwar, was noch mehr ist, einen durch den andern.

Zufrieden, meinen Plan mit kräftigen Umrissen skizzirt zu haben, beschäftigte ich mich von neuem mit den einzelnen Situationen, die ich bereits aufgezeichnet hatte, und aus der Zusammenstellung, die ich ihnen gab, entstanden die beiden ersten Abtheilungen der »Julie«, die ich während dieses Winters mit unaussprechlichem Vergnügen ausarbeitete und ins Reine schrieb, wobei ich das schönste Papier mit Goldschnitt, blauen und silberfarbigen Streusand und himmelblaue Bänder zum Heften benutzte, da ich, kurz gesagt, für die reizenden Mädchen, für die ich wie ein zweiter Pygmalion schwärmte, Var.: für die ich trotz meines schon ergrauenden Haares schwärmte. nichts fein, nichts zierlich genug fand. Alle Abende las ich Theresen und ihrer Mutter diese beiden Abtheilungen am Kaminfeuer wieder und wiederum vor. Die Tochter schluchzte, ohne etwas zu sagen, vor lauter Rührung mit mir; die Mutter blieb, da sie nichts Unterhaltendes darin fand und überhaupt nichts begriff, ruhig und begnügte sich damit, mir in den Ruhepausen unaufhörlich zu wiederholen: »Mein Herr, das ist sehr schön.«

Beunruhigt, mich im Winter in einem einsam gelegenen Hause mitten im Walde allein zu wissen, ließ Frau von Epinay sehr häufig Nachricht von mir einholen. Nie bekam ich so aufrichtige Beweise ihrer Freundschaft für mich, und nie erwiderte die meinige sie mit größerer Innigkeit. Es wäre Unrecht von mir, unter diesen Freundschaftserweisungen nicht besonders hervorzuheben, daß sie mir ihr Bildnis übersandte und mich um Auskunft ersuchte, wie sie das meinige, welches Latour gemalt und das einen Platz in der Kunstausstellung gefunden hatte, erlangen könnte. Auch eine andere ihrer Aufmerksamkeiten darf ich nicht übergehen. So lächerlich sie auch erscheinen mag, wirft sie doch durch den Eindruck, den sie auf mich machte, ein helles Licht auf die Geschichte meiner Charakterentwickelung. Als ich an einem sehr kalten Tage ein Packet mit mehreren Gegenständen, die sie mir zu besorgen übernommen hatte, öffnete, fand ich darin einen kleinen Unterrock von englischem Flanell, den sie nach ihrer Mittheilung selbst getragen hatte und aus dem ich mir ein Unterjäckchen sollte machen lassen. Die Einkleidung ihres Billets war reizend, voller Zärtlichkeit und Naivetät. Diese mehr als freundschaftliche Fürsorge kam mir so zärtlich vor, als ob sie sich zu meiner Bekleidung selbst entblößt hätte, und in meiner Aufregung küßte ich deshalb Billet und Unterrock, Thränen vergießend, wohl zwanzigmal. Therese dachte, ich wäre närrisch geworden. Eigenthümlich ist es, daß mich von allen Freundschaftsbeweisen, mit denen mich Frau von Epinay überschüttete, keiner je in demselben Maße wie dieser gerührt hat, und daß ich selbst nach unserm Bruche seiner nie ohne Rührung gedacht habe. Lange habe ich ihr kleines Billet aufbewahrt und ich würde es noch haben, wenn es nicht das Schicksal meiner übrigen Briefe aus derselben Zeit gehabt hätte.

Nach den Aufzeichnungen in den Memoiren der Frau von Epinay lautet dieses Billet folgendermaßen ( tom. II, p. 347):

»Ich sende, lieber Einsiedler, den Damen Le Vasseur einige Vorräthe, und da ich mich eines neuen Boten bediene, will ich Ihnen die Gegenstände einzeln aufführen. Ich sende ein kleines Fäßchen Salz, einen Vorhang für Frau Le Vasseurs Zimmer und einen meiner ganz neuen Unterröcke von feinem Flanell, den ich wenigstens noch nicht getragen habe und der ganz geeignet ist, daraus entweder einen für Theresens Mutter oder eine gute Unterjacke für Sie selbst zu machen. Leben Sie wohl, König der Bären, lassen Sie etwas von sich hören.«

Dieses Billet verdient unstreitig nicht das ganze ihm von Rousseau gespendete Lob; aber abgesehen davon, daß er hier nur aus dem Gedächtnisse redet, so beweist schon dieses Lob selbst, daß, sobald er bei seinen Freunden wahrhaft liebenswürdige Absichten voraussetzen konnte, ihre Wohlthaten wie ihre Briefe in seinen Augen, die dieser glücklichen Stimmung entsprechenden Farben annahmen.

Obgleich mir meine Harnverhaltung in dem damaligen Winter wenig Ruhe ließ, und ich während eines Theiles desselben zur Anlegung von Sonden gezwungen wurde, so war es doch alles in allem genommen die Zeit, die ich seit meinem Aufenthalte in Frankreich am angenehmsten und ruhigsten zugebracht habe. Während der vier oder fünf Monate, in denen mich die schlechte Witterung so ziemlich gegen Besucher schützte, genoß ich in höherem Grade als je vorher oder nachher dieses unabhängige, gleichmäßige und einfache Leben, dessen Behaglichkeit es mir stets lieber machte, ohne andere Gesellschaft als den wirklichen Verkehr mit Theresen und ihrer Mutter und den eingebildeten mit den beiden Cousinen. Damals vor allem beglückwünschte ich mich täglich mehr über den Entschluß, den ich so klug gewesen war ohne Rücksicht auf das Geschrei meiner Freunde zu fassen, die Aergernis daran nahmen, mich von ihrer Tyrannei befreit zu sehen; und als ich jenes Attentat eines Wahnsinnigen Var.: das fluchwürdige Attentat eines Wahnsinnigen. (Damiens Mordversuch gegen Ludwig XV. am 4. Januar 1757.) erfuhr, als Deleyre und Frau von Epinay in ihren Briefen von der in Paris herrschenden Verwirrung und Aufregung redeten, wie dankte ich da dem Himmel, mich von diesen Schauspielen des Gräuels und der Verbrechen fern gehalten zu haben, die der verbissenen Stimmung, in welche mich der Anblick der öffentlichen Unordnung versetzt, nur neue Nahrung gegeben hätten, während mein Herz sich hier, wo ich um mein einsam liegendes Daheim nur freundliche und gefällige Gegenstände sah, sich keinen andern als lieblichen Gefühlen überließ. Mit wahrem Wohlbehagen zeichne ich hier den Verlauf der letzten friedlichen Augenblicke auf, die mir zu Theil geworden sind. Der auf diesen so ruhigen Frühling folgende Winter sah den Keim der Leiden aufgehen, deren Schilderung mir jetzt noch übrig bleibt und in deren dicht zusammenhängender Kette man keinen ähnlichen Zwischenraum, der mir Muße zum Aufathmen gelassen hätte, wahrnehmen wird.

Dennoch glaube ich mich zu entsinnen, daß mich während dieses Zwischenraums die Holbacher selbst in meiner größten Einsamkeit nicht völlig in Ruhe ließen. Diderot zog mir einige Verdrießlichkeiten zu, und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht in diesem Winter der »Natürliche Sohn« erschien, von dem ich bald werde zu reden haben. Abgesehen davon, daß mir aus Gründen, die man später hören wird, wenig sichere Anhaltspunkte aus diesem Zeitraume geblieben sind, so haben auch die, welche man mir gelassen hat, hinsichtlich der Daten sehr geringen Anspruch auf Zuverlässigkeit. Diderot schrieb seine Briefe stets ohne Datumangabe. Frau von Epinay, Frau von Hondetot bemerkten auf den ihrigen gewöhnlich nur den Wochentag, und Deleyre machte es in der Regel wie sie. Bei dem Bemühen, diese Briefe zu ordnen, mußte ich nach blosen Muthmaßungen, auf die ich mich nicht verlassen kann, die Daten ergänzen. Da ich demnach den Anfang dieser Zwistigkeiten nicht mit Sicherheit anzugeben vermag, so will ich lieber alles, dessen ich mich noch entsinnen kann, später in einem besondern Abschnitte berichten.

Die Wiederkehr des Lenzes hatte meine zärtliche Schwärmerei verdoppelt, und in meiner erotischen Leidenschaftlichkeit hatte ich für die letzten Abtheilungen der »Julie« mehrere Briefe verfaßt, welche die Begeisterung, in der ich sie schrieb, verrathen. Unter andern kann ich die über das Elysium und die Gondelfahrt auf dem See anführen, die, wenn ich mich recht erinnere, ihre Stelle am Ende der vierten Abtheilung gefunden haben. Wer sein Herz beim Lesen dieser beiden Briefe nicht von derselben Rührung, die sie mir eingab, ergriffen fühlt, möge getrost das Buch zumachen; er ist zur Beurtheilung von Gefühlssachen nicht geschaffen.

Gerade in dieser Zeit erhielt ich von Frau von Houdetot einen zweiten unvorhergesehenen Besuch. In der Abwesenheit ihres Mannes, der Kapitän in der Gensdarmerie war, und ihres Geliebten, der ebenfalls diente, war sie nach Eaubonne, mitten im Thale von Montmorency, gekommen, woselbst sie sich ein ziemlich hübsches Haus gemiethet hatte. Von dort aus machte sie einen neuen Ausflug nach der Eremitage. Auf dieser kleinen Reise ritt sie und zwar in Männertracht. Obgleich ich kein Freund derartiger Maskeraden bin, begeisterte mich doch der romantische Anstrich der ihrigen, und diesmal erglühte ich in Liebe. Da es die erste und einzige in meinem ganzen Leben war, Eine so bestimmte Versicherung, welche auch die von ihm ausgesprochenen Klagen bestätigen, auch nicht ein einziges Mal für einen bestimmten Gegenstand in Liebe erglüht zu sein, vereinigt sich nicht mit dem, was er uns im 7. Buche von der Liebe erzählt, in der er in Lyon für Fräulein Serre entbrannt war und die ihm jenen leidenschaftlichen Brief eingab, den man in seinem Briefwechsel aus dem Jahre 1741 finden wird. Es ergiebt sich daraus, daß in der Zeit, in der Rousseau dies schrieb, diese bald überwundene Liebe in seinem Herzen wie in seiner Erinnerung keine Spur zurückgelassen hatte. und mir wegen der sich daran knüpfenden Folgen ihre Erinnerung ewig unauslöschlich und schrecklich geworden ist, so möge es mir gestattet sein, dieses Verhältnis ausführlich zu besprechen.

Die Frau Gräfin von Houdetot näherte sich den Dreißigen und war keineswegs schön; ihr Gesicht zeigte Blatternarben; ihrem Teint gebrach es an Reinheit; sie war kurzsichtig und ihre Augen traten etwas zu sehr hervor, aber bei dem allen hatte sie ein jugendliches Aussehen, und ihr zugleich lebhaftes und freundliches Gesichtchen etwas ungemein Anziehendes. »Sie war nicht nur kurzsichtig und hatte etwas hervortretende Augen,« wie Rousseau sagt, »sondern sie schielte im höchsten Grade. Sie hatte eine sehr niedrige Stirn und dicke Nase. In Folge der Blattern waren ihre Grübchen gelblich geworden, während ihre Poren bräunlich gezeichnet waren. Dies ließ ihren Teint unrein erscheinen. Wie Rousseau gesagt hat, gab sich in allen ihren Bewegungen eine gewisse Unbeholfenheit und auch Anmuth zu erkennen. Ihr Busen war schön, ihre Hände und Arme hübsch, ihre Füßchen niedlich.« So lautet das Zeugnis einer Person, die mit Frau von Houdetot in inniger Freundschaft gelebt hat. Daraus erhellt, daß Rousseau auch ihr Aeußeres unter dem Eindrucke seiner Einbildungskraft betrachtet hatte. Diese Person ist die Vicomtesse von Alard. Man vergleiche les Anecdotes pour servir de suite aux Mémoires de madame d'Epinay, Paris 1818, 8°, Sie hatte einen wahren Wald von starkem, schwarzem, natürlich gekräuseltem Haar, welches bis zu den Kniekehlen hinabreichte; ihr Wuchs war zierlich, und in allen ihren Bewegungen gab sich eine gewisse Unbeholfenheit und doch auch wieder Anmuth zu erkennen. Sie war äußerst natürlich und hatte einen recht anregenden Geist; Frohsinn, Schelmerei und Naivetät vermählten sich darin auf das glücklichste. Sie sprudelte von reizenden Einfällen, die sie nicht suchte und die ihr bisweilen unwillkürlich entschlüpften. Sie besaß mehrere angenehme Talente, spielte Klavier, tanzte gut und machte leidliche Verse. Ihr Charakter war wahrhaft engelgleich; aus allen ihren Eigenschaften leuchtete die Sanftmuth ihrer Seele hervor; mit Ausnahme der Klugheit und der Kraft zierten sie alle Tugenden. Namentlich war sie von einer solchen Zuverlässigkeit im Umgange und von einer solchen Treue gegen ihren Bekanntenkreis, daß sich selbst ihre Feinde nicht vor ihr zu verbergen brauchten. Unter ihren Feinden verstehe ich die Männer oder vielmehr die Frauen, welche sie haßten, denn sie für ihre Person war unfähig zu hassen, und ich glaube, daß diese Charakterübereinstimmung viel dazu beitrug, mir Liebe zu ihr einzustoßen. Auch in ihren vertraulichsten Herzensergießungen habe ich sie nie von Abwesenden Böses reden hören, nicht einmal von ihrer Schwägerin. Wie sie außer Stande war jemandem ihre Gedanken zu verhehlen, so vermochte sie auch nicht einmal ihre Gefühle zu bezwingen, und ich bin überzeugt, daß sie über ihren Geliebten eben so gut mit ihrem Manne sprach, wie sie über ihn mit ihren Freunden, ihren Bekannten und mit aller Welt ohne Unterschied zu reden pflegte. Kurz, was die Reinheit und Aufrichtigkeit ihres vortrefflichen Charakters beweist, ist der Umstand, daß sie in ihrer außerordentlichen Zerstreutheit und bei ihren vielen lächerlichen Unbesonnenheiten sich wohl oft zu etwas hinreißen ließ, was ihr selbst höchst nachtheilig war, aber nie zu Dingen, die irgend jemand hätten kränken können.

Man hatte sie sehr jung und trotz ihres Widerspruches an den Grafen von Houdetot, einen Mann von hohem Range und militärischem Geiste, aber einen Spieler und Raufbold vermählt, der sehr wenig liebenswürdig war und den sie auch nie geliebt hat. Sie fand in Herrn von Saint-Lambert alle glänzende Seiten ihres Mannes im Vereine mit bestechenderen Eigenschaften, mit Geist, Tugenden und Talenten. Wenn an den Sitten des Jahrhunderts etwas verzeihlich erscheint, so ist es unzweifelhaft eine solche, durch ihre Dauer geläuterte und durch ihre guten Einflüsse heilsam wirkende Verbindung, die nur durch eine gegenseitige Achtung Festigkeit erhielt.

Sie kam, wie ich glaube, ein wenig aus eigenem Antriebe, hauptsächlich aber wohl Saint-Lambert zu Liebe. Er hatte sie darum ersucht und konnte mit Recht annehmen, daß die Freundschaft, die sich zwischen uns zu bilden begann, uns allen dreien diesen Umgang angenehm machen würde. Sie wußte, daß ich von ihrem Verhältnisse unterrichtet war, und da sie von ihm ohne Verlegenheit mit mir sprechen konnte, so war es natürlich, daß sie sich bei mir gefiel. Sie kam, ich sah sie; ich war liebestrunken ohne Gegenstand; diese Trunkenheit bezauberte meine Blicke, sie erkannten diesen Gegenstand in ihr. In Frau von Houdetot erblickte ich meine Julie und sah in ihr bald nichts mehr als Frau von Houdetot, aber mit allen Vollkommenheiten bekleidet, mit denen ich den Abgott meines Herzens geschmückt hatte. Um das Werk zu krönen, erzählte sie mir von Saint-Lambert mit der Glut einer zärtlich Liebenden. Ansteckende Macht der Liebe! Als ich sie anhörte, als ich mich an ihrer Seite gewahrte, überschlich mich ein eigenthümlich lieblicher Schauer, wie ich ihn noch nie an der Seite einer Frau empfunden hatte. Sie sprach und ich fühlte mich bewegt; ich glaubte nur von Theilnahme für ihre Gefühle ergriffen zu sein, als sich meiner ähnliche Gefühle bemächtigten; in langen Zügen trank ich die vergiftete Schale aus, von der ich bis jetzt nur die Süßigkeit empfand. Kurz, ohne daß ich und ohne daß sie es merkte, flößte sie mir dieselben Gefühle gegen sich ein, die sie für ihren Geliebten hegte. Ach, es war sehr spät, es war sehr grausam, für eine Frau, deren Herz einen andern liebte, in einer eben so heftigen wie unglücklichen Leidenschaft zu entbrennen!

Trotz der starken Gemüthsbewegungen, die ich an ihrer Seite empfunden, wurde ich mir anfangs nicht darüber klar, was mit mir vorgegangen war; erst als ich nach ihrer Entfernung an Julie denken wollte, fiel es mir auf, daß ich nur noch an Frau von Houdetot denken konnte. Nun gingen mir die Augen auf; ich fühlte mein Unglück, ich beseufzte es, sah aber die Folgen nicht voraus.

Lange war ich über die Art meines künftigen Benehmens ihr gegenüber unschlüssig, als ob die wahrhafte Liebe dem Menschen Vernunft genug ließe, um solchen Vorsätzen nachleben zu können. Ich war noch zu keinem Entschlusse gekommen, als sie abermals erschien und mich unversehens überraschte. Diesmal war ich vorbereitet. Die Scham, die Gefährtin des Uebels, machte mich ihr gegenüber stumm und verlegen; ich wagte weder den Mund zu öffnen noch die Augen aufzuschlagen; ich befand mich in einer unbeschreiblichen Verwirrung, welche ihr auffallen mußte. Ich entschloß mich, sie ihr einzugestehen und sie die Ursache ahnen zu lassen: das hieß, sie ihr deutlich genug angeben.

Wäre ich jung und liebenswürdig gewesen, und hätte sich Frau von Houdetot in der Folge schwach gezeigt, so würde ich hier ihre Aufführung tadeln; allein dies war nicht der Fall, ich kann dieselbe nur anerkennen und bewundern. Der Entschluß, den sie faßte, verrieth sowohl Edelmuth wie Klugheit. Sie konnte sich nicht plötzlich von mir zurückziehen, ohne Saint-Lambert, der sie selbst zu Besuchen bei mir aufgefordert hatte, den Grund mitzutheilen; das hätte geheißen zwei Freunde einem Bruche und vielleicht einem Aufsehen erregenden Streite aussetzen, was sie vermeiden wollte. Sie achtete mich und wollte mir wohl. Sie hatte Mitleid mit meiner Thorheit; ohne ihr zu schmeicheln, bedauerte sie sie und suchte mich davon zu heilen. Es freute sie, ihrem Geliebten und sich selbst einen Freund zu erhalten, den sie schätzte; von nichts redete sie zu mir mit größerem Vergnügen als von dem innigen und freundschaftlichen Umgange, den wir unter uns dreien pflegen könnten, wenn ich vernünftig geworden wäre. Sie beschränkte sich nicht immer auf diese freundschaftlichen Ermahnungen, sondern ersparte mir, wenn es Noth that, auch nicht härtere Vorwürfe, die ich gar wohl verdient hatte.

Ich selbst schenkte sie mir noch weniger; sobald ich allein war, kam ich wieder zu mir; nachdem ich geredet hatte, war ich ruhiger. Hat man der, welche uns die Liebe einflößt, sie bekannt, so läßt sie sich leichter ertragen. Der Nachdruck, mit dem ich mir die meinige vorwarf, hätte mich, wäre es überhaupt möglich gewesen, davon heilen müssen. Welche mächtige Beweggründe rief ich nicht zu Hilfe, um sie zu ersticken: meine sittlichen Grundsätze, meine Gefühle, die Scham, die Untreue, das Verbrechen, den Mißbrauch eines von der Freundschaft anvertrauten Schatzes, die Lächerlichkeit endlich, noch in meinem Alter in der heftigsten Leidenschaft für einen Gegenstand zu glühen, dessen bereits verschenktes Herz mir keine Gegenliebe verheißen noch Hoffnung lassen konnte; eine Leidenschaft noch dazu, die durch treue Ausdauer nichts gewann, sondern von Tage zu Tage weniger entschuldbar wurde.

Wer sollte meinen, daß gerade diese letzte Betrachtung, die allen übrigen noch größeres Gewicht verleihen mußte, diejenige war, die sie werthlos machte? Weshalb, dachte ich, soll ich mir aus einer Thorheit, die mir allein nachtheilig ist, ein Gewissen machen? Bin ich denn ein junger Cavalier, den Frau von Houdetot sehr zu fürchten brauchte? Würden mich meine dünkelhaften Gewissensbisse nicht der Einbildung verdächtigen, meine Galanterie, mein Aeußeres, mein zierliches Auftreten wären im Stande, sie zu verführen? Ach, armer Jean-Jacques, liebe getrost in aller Gewissensruhe und besorge nicht, daß deine Seufzer Saint-Lambert Nachtheil bereiten.

Man hat gesehen, daß ich nie, nicht einmal in meiner Jugend, unternehmend war. Diese Denkweise war die Folge meiner Geistesrichtung und war meiner Leidenschaft günstig; es war genug, mich ihr rückhaltlos zu überlassen und sogar über die alberne Bedenklichkeit zu lachen, die ich mir mehr aus Eitelkeit als aus vernünftigen Gründen gemacht zu haben glaubte. Welche gewaltige Lehre für die ehrlichen Seelen, die das Laster nie mit offenem Gesichte angreift, aber die es zu überrumpeln Mittel findet, indem es sich hinter irgend einem Sophisma und häufig auch unter irgend einer Tugend verbirgt!

Strafbar ohne Gewissensbisse, war ich es bald ohne Maß, und man wolle freundlichst bemerken, wie meine Leidenschaft dem Zuge meiner Natur folgte, um mich schließlich in den Abgrund hinabzuziehen. Anfangs nahm sie, um mir den Muth einzuflößen, eine demüthige Miene an, und trieb dann, um mich dreist zu machen, diese Demuth bis zum Mißtrauen. Ohne aufzuhören, mich an meine Pflicht zu erinnern und zur Vernunft zu mahnen, ohne je auch nur einen Augenblick meiner Thorheit zu schmeicheln, behandelte mich Frau von Houdetot im Uebrigen mit der größten Milde und nahm mir gegenüber den Ton der zärtlichsten Freundschaft an. Diese Freundschaft hätte mich, ich betheure es, befriedigt, wenn ich sie für aufrichtig gehalten hätte; allein da ich sie zu lebhaft fand, um wahr zu sein, so stieg der Wahn in mir auf, daß mich die Liebe, die sich für mein Alter und Aeußeres so wenig schickte, in Frau von Houdetots Augen erniedrigt hätte, daß sich die ausgelassene junge Frau nur über mich und meine greisenhaften Zärtlichkeiten lustig machen wollte, daß sie Saint-Lambert alles mitgetheilt und ihr Geliebter, über meine Treulosigkeit empört, auf ihre Pläne eingegangen wäre, so daß sie nun im gegenseitigen Einverständnisse mir den Kopf vollends zu verdrehen und mich zu verspotten suchten. Diese Dummheit, die mich im Alter von sechsundzwanzig Jahren bei Frau von Larnage, die ich nicht kannte, Albernheiten begehen ließ, würde mir mit fünfundvierzig Jahren bei Frau von Houdetot haben verziehen werden können, wenn ich nicht gewußt hätte, daß sie und ihr Geliebter beide zu ehrliche Leute waren, um sich ein so rohes Vergnügen zu machen.

Frau von Houdetot fuhr fort, mir Besuche abzustatten, die ich nicht zu erwidern zögerte. Sie ging eben so gern wie ich; wir machten in einer bezaubernden Gegend lange Spaziergänge. Zufrieden, zu lieben und es bekennen zu dürfen, hätte ich glücklich sein können, wenn meine Albernheit diesem angenehmen Verhältnisse nicht selbst allen Reiz genommen hätte. Anfangs begriff sie nichts von der thörichten Verstimmung, mit der ich ihre Aufmerksamkeiten aufnahm; aber mein Herz, unfähig, je eine der Empfindungen, die es bewegten, zu verhehlen, ließ sie nicht lange über meinen Argwohn in Unkenntnis. Sie wollte darüber lachen; dieses Mittel hatte keinen Erfolg, Wuthausbrüche wären die Folge gewesen. Sie änderte deshalb den Ton. Ihre mitleidige Sanftmuth war unüberwindlich; sie machte mir Vorwürfe, die mir zu Herzen gingen; sie zeigte mir über meine ungerechten Befürchtungen eine Unruhe, die ich mißbrauchte. Ich verlangte Beweise, daß sie sich nicht über mich lustig machte. Sie sah, daß es zu meiner Beruhigung kein anderes Mittel gab. Ich wurde dringend; der geforderte Beweis war zarter Natur. Es ist wunderbar, es ist vielleicht einzig dastehend, daß sich eine Frau, die schon bis zum Feilschen hat kommen können, so leichten Kaufs aus der Sache gezogen hat. Sie verweigerte mir nichts, was die zärtlichste Freundschaft gewähren konnte; sie gewährte mir nichts, was sie hätte untreu machen können, und ich hatte die Demüthigung zu sehen, daß der Brand, zu dem ihre leichten Gunstbezeigungen meine Sinnlichkeit entzündeten, nicht den geringsten Funken in der ihrigen anfachte.

Ich habe irgendwo Neue Heloise, dritte Abtheilung, Brief XVIII. gesagt, daß man der Sinnlichkeit nichts einräumen dürfe, wenn man ihr etwas zu verweigern beabsichtigt. Um zu zeigen, wie falsch dieser Grundsatz bei Frau von Houdetot war, und wie recht sie hatte, sich auf sich selbst zu verlassen, müßte ich in die Einzelheiten unsrer langen und häufigen Zusammenkünfte unter vier Augen eingehen und sie während der vier Monate, die wir zusammen zubrachten, in ihrer ganzen Lebhaftigkeit, in einer bei Freunden verschiedenen Geschlechtes, die die selbstgezogenen Grenzen wie wir nie überschritten, fast beispiellosen Innigkeit schildern. Ach, wenn ich so lange gesäumt hatte, die wahre Liebe zu fühlen, wie viel mußte dann mein Herz und meine Sinnlichkeit entbehrt haben! Und welche Wonne muß man dann bei einem geliebten Gegenstande, der uns wieder liebt, empfinden, wenn schon eine ungetheilte Liebe, so große zu bereiten vermag!

Aber ich habe Unrecht, von einer ungeteilten Liebe zu reden; die meinige wurde in gewisser Weise getheilt; sie war auf beiden Seiten gleich, wenn sie auch nicht gegenseitig war. Wir waren beide von Liebe trunken, sie für ihren Geliebten, ich für sie; unsere Seufzer, unsere Wonnethränen vermischten sich. Gegenseitig zärtliche Vertraute harmonirten unsere Gefühle so vielfach mit einander, daß sie sich nothwendig in etwas vermischen mußten, und mitten in dieser gefahrvollen Trunkenheit hat sie sich gleichwohl nie einen Augenblick vergessen; und ich betheure, ich beschwöre, daß ich sie in Wahrheit nie begehrt habe, wenn ich auch zuweilen, von meiner Sinnlichkeit verleitet, sie untreu zu machen versucht habe. Die Heftigkeit meiner Leidenschaft war sie selbst im Stande in Schranken zu halten. Die Pflicht der Enthaltsamkeit hatte meine Seele erhitzt. Der Glanz aller Tugenden zierte in meinen Augen den Abgott meines Herzens; die Beschmutzung des göttlichen Bildes wäre seine Vernichtung gewesen. Ich würde das Verbrechen haben begehen können, es ist in meinem Herzen hundertmal begangen worden; aber meine Sophie herabwürdigen! O, wäre das je möglich gewesen? Nein, nein, ich habe es ihr selbst hundertmal gesagt: wäre mir Gelegenheit zu meiner Befriedigung gegeben worden, hätte sie sich mir aus eigenem Willen ergeben, so würde ich mich, einige kurze Augenblicke des Wahnsinns abgerechnet, geweigert haben, um diesen Preis glücklich zu sein. Ich liebte sie zu sehr, um sie besitzen zu wollen.

Die Eremitage ist von Eaubonne fast eine Meile entfernt; auf meinen vielen Besuchsreisen trug es sich bisweilen zu, daß ich dort übernachten mußte. Als wir eines Abends allein mit einander zu Nacht gespeist hatten, gingen wir bei sehr schönem Mondscheine im Garten spazieren. Hinten im Garten war ein ziemlich großes Gehölz, welches wir durchschritten, um einen reizenden mit einer Cascade geschmückten Hain aufzusuchen. Zu letzterer hatte ich die Idee angegeben und auch den Bau geleitet. Ewige Erinnerung an Unschuld und Seligkeit! In diesem Hain war es, wo ich unter einer mit Blüten bedeckten Akazie neben ihr auf einer Rasenbank sitzend eine der Gefühle meines Herzens, die ich aussprechen wollte, wahrhaft würdige Sprache fand. Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben; aber ich war erhaben, wenn man das, was die zärtlichste und inbrünstigste Liebe Liebenswürdiges und Verführerisches in ein Männerherz legen kann, so nennen darf. Was für berauschende Thränen vergoß ich auf ihre Kniee! Wie viele entlockte ich ihr wider Willen! Endlich rief sie in einem unwillkürlichen Ausbruche von Seligkeit aus: »Nein, nie war ein Mann so liebenswürdig, und nie liebte ein Liebhaber wie Sie! Aber Ihr Freund Saint-Lambert hört uns, und mein Herz vermag nicht zweimal zu lieben!« Ich schwieg seufzend: ich umarmte sie ... welch eine Umarmung! Aber das war alles. Seit sechs Monaten lebte sie bereits allein, das heißt fern von ihrem Geliebten und Gatten, seit drei Monaten sah ich sie fast täglich, und stets bildete die Liebe die dritte in unserem Bunde. Wir hatten allein zusammen zu Nacht gespeist, wir hatten allein in einem Haine im Mondenscheine bei einander geweilt, und nach zwei Stunden der lebhaftesten und zärtlichsten Unterhaltung ging sie mitten in der Nacht aus diesem Haine und aus den Armen ihres Freundes eben so unberührt, eben so rein an Leib und an Seele hervor, als sie hineingetreten war. Leser, erwäge alle die Umstände, ich will nichts weiter hinzufügen.

Und wähne man nur nicht, daß mich hier meine Sinne ruhig ließen wie bei Therese und Mama. Diesmal war es, wie ich schon gesagt habe, Liebe und zwar Liebe mit, ihrer ganzen Gewalt und in ihrer ganzen Wuth. Ich will weder die Aufregungen, noch die Schauder, noch das Herzklopfen, noch die krampfhaften Bewegungen, noch die Ohnmacht des Herzens schildern, die ich beständig empfand; nach der Wirkung, die ihr bloses Bild auf mich ausübte, kann man sich ein Urtheil darüber bilden. Wie gesagt, war der Weg von der Eremitage nach Eaubonne weit; er führte durch die mit Wein bebauten Hügel von Andilly, die reizend sind. Im Wandern träumte ich von der, welcher mein Besuch galt, von der liebevollen Aufnahme, die sie mir bereiten würde, von dem Kusse, der meiner bei der Ankunft wartete. Dieser Kuß allein, dieser verhängnisvolle Kuß entflammte mein Blut bis zu dem Grade, daß mir der Kopf schwindelte, es mir vor den Augen schwarz wurde und meine zitternden Kniee mir fast den Dienst versagten. Ich war gezwungen Halt zu machen und mich zu setzen. Mein ganzer Körper war in einem unbegreiflichen Aufruhr; es fehlte nicht viel, so wäre ich ohnmächtig geworden. Von der Gefahr, die ich dadurch lief, unterrichtet, suchte ich mich beim Weiterschreiten zu zerstreuen und an anderes zu denken. Doch schon nach zwanzig Schritten bestürmten mich von neuem die nämlichen Gedanken und alle aus ihnen hervorgehenden Zustände, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, mich von ihnen zu befreien, und wie ich es auch immer anstellen mochte, ich glaube nicht, daß ich, wenn ich allein war, je diesen Weg ungestraft habe machen können. Ich kam in Eaubonne an, schwach, erschöpft, abgemattet, mich kaum aufrecht erhaltend. Bei ihrem ersten Anblicke war alles wieder gut; an ihrer Seite fühlte ich nur die Belästigung einer unerschöpflichen und doch immer nutzlosen männlichen Kraft. Auf meinem Wege lag an einer Stelle, von der aus man Eaubonne schon erblickte, eine freundliche Terrasse der Berg Olymp genannt, an der wir bisweilen zusammentrafen. Ich langte zuerst an; ich war zum Warten wie geschaffen, und doch, wie schwer fiel mir dieses Warten! Um mich zu zerstreuen, versuchte ich mit Bleistift Billete zu schreiben, die ich am liebsten mit meinem Herzblute niedergeschrieben hätte. Ich habe nie ein lesbares zu Stande bringen können. Wenn sie eines derselben in dem dazu verabredeten Verstecke fand, konnte sie daraus nichts anderes als den wahrhaft beklagenswerthen Zustand ersehen, in dem ich mich beim Schreiben befand. Dieser Zustand und namentlich seine Dauer, da ich während dreier Monate in unausgesetzter Aufregung und Enthaltung lebte, versetzte mich in eine Erschöpfung, von der ich mich Jahre lang nicht erholen konnte, und die endlich eine Abnahme der Kräfte herbeiführte, die ich ins Grab oder die vielmehr mich ins Grab mitnehmen wird. Dieses ist der einzige Liebesgenuß des Mannes gewesen, der zwar das leicht entzündlichste aber zugleich auch das schüchternste Temperament hatte, das die Natur vielleicht je hervorgebracht hat. Das sind die letzten schönen Tage gewesen, die mir hienieden beschieden waren. Hier beginnt das lange Gewebe der Leiden meines Lebens, in dem man wenige Unterbrechungen wahrnehmen wird.

In dem ganzen Verlaufe meines Lebens hat man gesehen, daß mein Herz, durchsichtig wie Krystall, nie, auch nicht eine einzige Minute lang, ein etwas lebhafteres Gefühl, das sich in ihm regte, zu verhehlen verstanden hat. Sage man sich selbst, ob es mir möglich war, meine Liebe zu Frau von Houdetot lange zu verbergen. Unsere Vertraulichkeit fiel auf, wir suchten sie nicht zu verheimlichen. Bei ihrem Charakter hatte sie ein Geheimnis nicht nöthig, und da Frau von Houdetot die zärtlichste Freundschaft für mich hatte, die sie sich nicht zum Vorwurfe anrechnete, und da ich vor ihr eine wahre Hochachtung besaß, deren gerechten Grund niemand so gut als ich kannte, so gaben wir, sie offen, zerstreut, unbesonnen, ich aufrichtig, tölpelhaft, hochmüthig, ungeduldig, leidenschaftlich, uns in unserer trügerischen Sicherheit noch weit mehr Blößen, als wir, hätten wir uns schuldig gefühlt, gethan hätten. Wir gingen mit einander nach der Chevrette; wir trafen uns dort häufig und hatten daselbst mitunter sogar verabredete Zusammenkünfte. Wir führten dort unser gewohntes Leben, indem wir täglich allein mit einander spazieren gingen und dabei von der Liebe eines jeden von uns, von unseren Pflichten, von unserem Freunde und von unsern unschuldigen Plänen sprachen, und das thaten wir ganz offen im Park, nach dem die Fenster des Zimmers der Frau von Epinay hinausführten, aus denen sie nicht unterließ uns unaufhörlich zu beobachten; und in dem Wahne, daß wir es ihr nur zum Trotze thaten, erfüllte das, was ihre Augen erblickten, ihr Herz nur mit immer größerer Wuth und Entrüstung.

Die Frauen verstehen sämmtlich die Kunst, ihre Wuth zu verbergen, zumal wenn sie heftig ist; Frau von Epinay, die bei allem Ungestüm doch überlegend ist, besitzt diese Kunst namentlich in hervorragender Weise. Sie that, als sähe sie nichts und ahnte sie nichts, und während sie mir gegenüber ihre Aufmerksamkeiten und Höflichkeiten verdoppelte und mich scheinbar zu fesseln suchte, zeigte sie gegen ihre Schwägerin geflissentlich ein unhöfliches Benehmen und behandelte sie mit einer Verachtung, die sie auch mir schien einimpfen zu wollen. Es gelang ihr, wie man sich wohl denken kann, zwar nicht, aber ich lag wie auf der Folter. Von sich widerstreitenden Gefühlen zerrissen, während ich doch zugleich von ihren Zärtlichkeiten gerührt war, hatte ich Mühe meinen Zorn zurückzuhalten, wenn ich sah, wie verletzend sie gegen Frau von Houdetot war. Die engelgleiche Sanftmuth derselben ließ sie alles ohne Klage erdulden und sogar ohne sich empfindlich zu zeigen. Überdies war sie oft so zerstreut und für dergleichen so wenig empfänglich, daß sie es meistentheils gar nicht merkte.

Ich war von meiner Leidenschaft so in Anspruch genommen, daß ich nur Sophie sah, (dies war einer der Namen der Frau von Houdetot) und deshalb nicht einmal merkte, daß ich das Gespött des ganzen Hauses und seiner Besucher geworden war. Zur Zahl der letzteren gehörte der Baron von Holbach, der, so viel ich weiß, vorher nie nach der Chevrette gekommen war. Wäre ich damals so mißtrauisch gewesen, wie ich es später geworden bin, so würde der Verdacht in mir aufgestiegen sein, daß Frau von Epinay diese Reise veranstaltet hätte, um ihm das ergötzliche Schauspiel des verliebten Bürgers vorzuführen. Allein ich war damals so dumm, daß ich nicht einmal sah, was aller Welt offen vor Augen lag. Gleichwohl hielt mich alle meine Dummheit nicht von der Wahrnehmung zurück, daß des Barons Miene zufriedener und heiterer war als sonst. Statt mich nach seiner Gewohnheit düster anzublicken, überflutete er mich mit mir völlig unverständlichen spöttischen Redensarten. Ich riß die Augen weit auf, ohne etwas zu erwidern; Frau von Epinay hielt sich die Seiten vor Lachen; ich begriff nicht, was mit ihnen vorgegangen war. Da noch nichts die Grenzen des Scherzes überschritt, so hätte ich mich ruhig zur Zielscheibe hergeben sollen. Aber allerdings sah man durch die spöttische Heiterkeit des Barons eine boshafte Freude hindurchleuchten, die mich vielleicht beunruhigt haben würde, hätte ich sie schon damals eben so gut bemerkt, wie ich mich ihrer in der Folge erinnerte.

Als ich eines Tages Frau von Houdetot, die wieder einmal von Paris zurückgekehrt war, in Eaubonne besuchte, fand ich sie traurig und bemerkte, daß sie geweint hatte. Ich mußte mich beherrschen, weil Frau von Blainville, die Schwester ihres Gatten, zugegen war, sobald sich jedoch ein günstiger Augenblick darbot, sprach ich ihr meine Unruhe aus. »Ach,« sagte sie seufzend zu mir, »ich befürchte sehr, daß mich Ihre Thorheiten die Ruhe meines Lebens kosten. Saint-Lambert ist unterrichtet und übel berichtet. Er läßt mir Gerechtigkeit widerfahren, ist aber in höchst verdrießlicher Stimmung und sagt mir, was noch schlimmer ist, nicht alles was sie hervorgerufen hat. Zum Glück habe ich ihm von unserm Verhältnisse, das auf seinen eigenen Antrieb angeknüpft ist, nichts verschwiegen. Meine Briefe waren eben so voll von Ihnen wie mein Herz: nur Ihre unsinnige Liebe, von der ich Sie zu heilen hoffte und die er mir, ohne mit mir davon zu reden, dennoch, wie ich recht gut merke, als Verbrechen anrechnet, habe ich ihm verheimlicht. Man hat ihn gegen uns aufgehetzt, man hat mir Unrecht gethan, aber es hat nichts zu sagen. Lassen Sie uns entweder völlig mit einander brechen, oder benehmen Sie sich, wie man von Ihnen verlangen kann. Ich will meinem Geliebten nichts mehr zu verbergen haben.«

Dies war der erste Augenblick, wo mich die Scham überkam, mich durch das Bewußtsein meines Vergehens vor einer jungen Frau, deren Vorwürfe ich mit Recht verdiente und deren Mentor ich hätte sein sollen, gedemüthigt zu sehen. Der Unwille, den ich gegen mich selbst empfand, hätte vielleicht zur Ueberwindung meiner Schwäche genügt, wenn nicht wieder das zärtliche Mitleid, welches mir das Opfer derselben einflößte, mein Herz erweicht hätte. Ach, war das der Augenblick, es verhärten zu können, während es die Thränen von allen Seiten bis in seine Tiefe durchdrangen? Diese Rührung verwandelte sich bald in Zorn wider die feilen Angeber, die nur das Böse eines verbrecherischen, wenn auch unwillkürlichen, Gefühls bemerkt hatten, ohne sich auch nur die aufrichtige Ehrlichkeit des Herzens, die das Böse vernichtete, denken und vorstellen zu können. Wir blieben über die Hand, von welcher der Schlag ausging, nicht lange in Zweifel.

Wir wußten beide, daß Frau von Epinay mit Saint-Lambert in brieflichem Verkehre stand. Es war nicht der erste Sturm, den sie gegen Frau von Houdetot erregt hatte. Tausendmal hatte sie sich schon bemüht, ihn von ihr loszureißen, und die Erfolge einiger dieser Anstrengungen erfüllten Frau von Houdetot mit Furcht vor den weiteren. Außerdem befand sich Grimm, der, wie ich glaube, Herrn von Castries zur Armee begleitet hatte, eben so wie Saint-Lambert in Westphalen; sie sahen sich mitunter. Grimm hatte bei Frau von Houdetot einige erfolglose Versuche gemacht. Sehr beleidigt hörte er deshalb ganz auf, sie zu besuchen. Man denke sich die Kaltblütigkeit, mit der er sich bei seiner bekannten Bescheidenheit zur Annahme berechtigt glaubte, daß sie einen älteren Mann vor ihm auszeichne, einen Mann, von dem er, Grimm, seit seinem Verkehre mit den Großen nur wie von seinem Schützlinge sprach!

Mein Verdacht gegen Frau von Epinay ging in Gewißheit über, als ich erfuhr, was bei mir zu Hause vorgefallen war. Wenn ich auf der Chevrette war, kam Therese häufig dahin, sei es um mir meine Briefe zu bringen oder mir bei meiner schlechten Gesundheit die nöthige Pflege angedeihen zu lassen. Frau von Epinay hatte sie gefragt, ob wir uns nicht schrieben, Frau von Houdetot und ich. Auf ihr Eingeständnis drang Frau von Epinay in sie, ihr Frau von Houdetots Briefe zu übergeben, indem sie sie so gut wieder zu versiegeln versprach, daß es niemand gewahren könnte. Ohne zu zeigen, wie sehr dieses Ansinnen sie verletzte, und sogar ohne mir davon Mittheilung zu machen, begnügte sich Therese damit, die Briefe, welche sie mir brachte, noch sorgfältiger zu verbergen, eine sehr glückliche Vorsicht, denn Frau von Epinay ließ sie bei ihrer Ankunft überwachen, erwartete sie sogar persönlich einige Male am Wege und trieb die Kühnheit so weit, ihr Busentuch zu durchsuchen. Sie that noch mehr; als sie sich eines Tages mit Herrn von Margency zum Mittagessen auf die Eremitage eingeladen hatte, zum ersten Male, seitdem ich daselbst wohnte, benutzte sie die Zeit, in der ich mit Margency spazieren ging, um mit Mutter und Tochter in mein Arbeitszimmer zu gehen und sie zu bestürmen, ihr die Briefe der Frau von Houdetot zu zeigen. Hätte die Mutter gewußt, wo sie sich befanden, so wären die Briefe übergeben worden; aber zum Glück wußte es die Tochter allein und leugnete, daß ich einen derselben aufbewahrt hätte. Obgleich dies eine Lüge war, so war es doch fürwahr eine Lüge voller Ehrlichkeit, Treue und Edelmuth, während die Wahrheit nur Treulosigkeit gewesen wäre. Als Frau von Epinay einsah, daß sie sie nicht verführen konnte, suchte sie sie durch Eifersucht aufzureizen, indem sie ihr ihre Schwäche und Blindheit vorwarf. »Wie können Sie,« sagte sie zu ihr, »nicht sehen, daß sie ein verbrecherisches Verhältnis unter einander haben? Wenn Sie trotz allem, was Sie vor Augen haben, noch anderer Beweise bedürfen, so helfen Sie doch zu ihrer Erlangung mit. Sie sagen, er zerreiße die Briefe der Frau von Houdetot, sobald er sie gelesen habe. Nun wohl, sammeln Sie sorgfältig die Stücke und geben Sie sie mir; ich übernehme es, sie zusammenzusetzen.« Das waren die Rathschläge, die meine Freundin meiner Lebensgefährtin ertheilte.

Therese hatte die Rücksicht, mir alle diese Versuche lange zu verschweigen; als sie jedoch meine Rathlosigkeit gewahrte, hielt sie sich für verbunden, mir alles zu sagen, damit ich nach Erkennung der Sachlage meine Maßregeln ergreifen könnte, um mich vor den gegen mich geplanten Verräthereien zu schützen. Meine Entrüstung, meine Wuth läßt sich nicht beschreiben. Statt mich gegen Frau von Epinay nach ihrem eigenen Beispiele zu verstellen und List mit List zu bekämpfen, überließ ich mich ohne Maßen der Heftigkeit meiner Natur und rief mit meiner gewöhnlichen Unbesonnenheit einen offenen Ausbruch hervor. Man kann über meine Unklugheit nach den folgenden Briefen urtheilen, die unser beiderseitiges Vorgehen bei dieser Gelegenheit zur Genüge kennzeichnen.

Billet der Frau von Epinay. (Heft A, Nr. 44.)

»Weshalb sehe ich Sie denn nicht, mein werther Freund? Ich bin Ihretwegen unruhig. Sie hatten mir so fest versprochen, von der Eremitage sofort wieder hierher zurückzukehren. Nur darauf hin habe ich Sie frei gelassen. Und trotzdem lassen Sie acht Tage darüber hingehen. Wenn man mir nicht gesagt hätte, daß Sie sich wohl befänden, würde ich Sie für krank halten. Ich erwartete Sie vorgestern oder gestern, und ich sehe Sie nicht ankommen. Mein Gott, was ist Ihnen denn? Sie haben keine Geschäfte und haben eben so wenig Kummer, denn ich schmeichle mir, daß Sie sonst augenblicklich gekommen wären, ihn mir anzuvertrauen. Sie sind also krank! Reißen Sie mich, ich bitte Sie, recht bald aus meiner Unruhe. Leben Sie wohl, mein theurer Freund. Möge dieses Lebewohl bewirken, daß Sie mir selbst einen guten Tag wünschen.«

Antwort.

Mittwoch Morgen.

»Ich kann Ihnen noch nichts sagen. Ich hoffe, noch genauer unterrichtet zu werden und ich werde es über kurz oder lang sein. Inzwischen seien Sie gewiß, daß die angeklagte Unschuld einen Vertheidiger finden wird, der vor Begierde brennt, die Verleumder, wer sie auch immer sein mögen, ihr Vorhaben bereuen zu lassen.«

Zweites Billet derselben. (Heft A, Nr. 45.)

»Wissen Sie, daß mich Ihr Brief erschreckt? Was will er denn eigentlich sagen? Ich habe ihn mehr als fünfundzwanzigmal gelesen. Ich verstehe ihn wirklich nicht. Ich ersehe aus ihm nur, daß Sie unruhig und gequält sind und erst das Ende Ihres Leidens abwarten wollen, um mit mir davon zu reden. Mein theurer Freund, lautet etwa so unsere Verabredung? Was ist denn aus jener Freundschaft, aus jenem Vertrauen geworden, und wie habe ich es verloren? Sind Sie auf mich oder um meinetwillen böse? Wie dem auch sein mag, kommen Sie, ich beschwöre Sie, noch diesen Abend. Erinnern Sie sich, daß Sie mir vor noch nicht acht Tagen versprochen haben, nichts auf dem Herzen zu behalten, sondern auf der Stelle mit mir zu besprechen. Mein theurer Freund, ich lebe in dem Vertrauen... Halt, eben habe ich Ihren Brief noch einmal gelesen; ich verstehe ihn nicht besser, aber er macht mich beben. Sie scheinen mir heftig erregt zu sein. Ich wünschte Sie zu beschwichtigen, da ich aber den Grund Ihrer Beunruhigung nicht kenne, kann ich Ihnen nur die Versicherung geben, daß ich, bis ich Sie gesehen habe, eben so unglücklich bin wie Sie. Wenn Sie heute Abend um sechs Uhr nicht hier sind, mache ich mich morgen nach der Eremitage auf den Weg, was für Wetter es auch ist, und in welchem Zustande ich mich auch befinden möge, denn ich wäre nicht im Stande, diese Unruhe zu ertragen. Guten Tag, mein theurer, guter Freund. Ohne zu wissen, ob Sie es nöthig haben oder nicht, wage ich Ihnen auf jeden Fall zu sagen: suchen Sie sich in Acht zu nehmen und die Fortschritte, welche die Unruhe in der Einsamkeit macht, aufzuhalten. Aus einer Mücke wird da ein Elephant; ich habe es oft erfahren.«

Antwort.

Mittwoch Abend.

»Ich kann Sie weder besuchen noch Ihren Besuch annehmen, so lange die Unruhe, in der ich mich befinde, anhält. Das Vertrauen, von dem Sie reden, besteht nicht mehr, und es wird nicht leicht sein, es wieder zu erlangen. Ich erblicke in Ihrem Eifer jetzt nur das Verlangen, aus den Geständnissen eines andern Vortheil zu ziehen, der für Ihre Pläne paßt. Mein Herz, das sich so gern einem Herzen, welches sich ihm öffnet, anvertraut, schließt sich vor List und Schlauheit. In der Schwierigkeit, die Ihnen das Verständnis meines Billets bereitete, erkannte ich Ihre gewöhnliche Gewandtheit. Halten Sie mich für einen so großen Gimpel zu glauben, daß Sie es nicht verstanden hätten? Nein; aber ich werde Ihre Ränke durch meinen Freimuth zu besiegen wissen. Ich werde mich noch deutlicher aussprechen, damit Sie mich noch weniger begreifen.

»Zwei fest vereinte und einander würdige Liebende sind mir theuer; ich bin selbstverständlich überzeugt, daß Sie nicht wissen werden, von welchen Personen ich rede, wenn ich sie Ihnen nicht nenne. Ich setze voraus, daß man sie zu veruneinigen versucht und sich meiner bedient hat, um einen von ihnen mit Eifersucht zu erfüllen. Die Wahl ist nicht sehr geschickt, wenn sie auch der Bosheit geeignet schien, und wegen dieser Bosheit habe ich Sie in Verdacht. Ich hoffe, daß Ihnen dies deutlicher ist. »So würde also die Frau, die ich meines Wissens am höchsten schätze, die Schändlichkeit besitzen, ihr Herz und ihre Person zwischen zwei Liebhabern zu theilen, und ich die, einer dieser beiden Elenden zu sein? Wüßte ich, daß Sie auch nur einen einzigen Augenblick im Leben so hätten von ihr und mir denken können, so würde ich Sie bis zum Tode hassen. Allein ich traue Ihnen nur zu, daß Sie es gesagt, und nicht, daß Sie es auch geglaubt haben. In diesem Falle begreife ich nicht, wem von den Dreien Sie haben schaden wollen; aber wenn Sie die Ruhe lieben, so fürchten Sie sich vor dem Unglücke, ihr Ziel zu erreichen. Weder Ihnen noch ihr habe ich verhehlt, wie schlecht ich über gewisse Verbindungen denke; aber ich will, daß ihr Ende eben so achtungswerth sei wie ihre Entstehung, und daß sich eine unrechtmäßige Liebe in eine ewige Freundschaft auflöse. Sollte ich, der ich nie jemandem wehe that, dazu benutzt werden, meinen Freunden Wehe zu thun? Nein, ich würde es Ihnen nie verzeihen, ich würde Ihr unversöhnlicher Feind werden. Nur Ihre Geheimnisse würden unangetastet bleiben, denn ich werde nie ein Mann ohne Treu und Glauben sein.

»Die Verlegenheit, in der ich mich befinde, kann, wie ich glaube, nicht lange währen. Ich muß bald erfahren, ob ich mich getäuscht habe. Dann werde ich vielleicht großes Unrecht wieder gut machen müssen, und ich werde nie in meinem Leben etwas freudiger gethan haben. Aber wissen Sie, wie ich während der kurzen Zeit, die mir bei Ihnen noch zuzubringen übrig bleibt, meine Fehler sühnen werde? Indem ich das thue, was kein andrer thun wird als ich, indem ich Ihnen freimüthig sage, was man in der Welt über Sie denkt und wie Sie Ihren geschädigten Ruf wieder herstellen können. Trotz aller vermeintlichen Freunde, die Sie umgeben, werden Sie, sobald Sie mich haben scheiden sehen, der Wahrheit Lebewohl sagen können, Sie werden niemanden finden, der sie Ihnen sagt.«

Drittes Billet derselben. (Heft A, Nr. 46.)

»Ich verstand Ihren Brief von heute Morgen nicht; ich sagte Ihnen die reine Wahrheit. Den von heute Abend verstehe ich; haben Sie keine Furcht, daß ich je darauf antworten werde; es liegt mir viel zu sehr am Herzen, ihn zu vergessen, und obgleich Sie mich dauern, habe ich mich doch nicht der Bitterkeit erwehren können, mit der er meine Seele erfüllt hat. Ich, Ränke schmieden! Gegen Sie List anwenden! Leben Sie wohl! Ich beklage, daß Sie sie... Leben Sie wohl; ich weiß nicht, was ich sage ... Leben Sie wohl! Ich werde mir Mühe geben, Ihnen zu verzeihen. Kommen Sie, wann Sie wollen, Sie werden besser aufgenommen werden, als Ihr Verdacht eigentlich verdiente. Nur Ihrer Bemühung um meinen Ruf können Sie sich überheben. Mich läßt der, welchen man mir nachsagt, kalt. Meine Aufführung ist gut, und das genügt mir. Ueberdies wußte ich nicht das Geringste von allem, was jenen beiden Personen, die mir eben so theuer sind wie Ihnen, widerfahren ist.«

Dieser letzte Brief entriß mich einer furchtbaren Verlegenheit, versetzte mich jedoch in eine andere nicht viel geringere. Obgleich alle diese Briefe und Antworten im Zeitraum eines Tages mit außerordentlicher Schnelligkeit hin und hergegangen waren, so hatte die Zwischenzeit doch genügt, meine Wuthausbrüche mehrmals zu unterbrechen und mich zum Nachdenken über meine ungeheure Unklugheit zu bringen. Frau von Houdetot hatte mir nichts so sehr ans Herz gelegt als ruhig zu bleiben, ihr die Sorge zu überlassen, sich allein aus der Sache herauszuziehen und besonders für den Augenblick jeden Bruch und jedes Aufsehen zu vermeiden, und ich war auf dem besten Wege, das Herz einer Frau, die schon zum Jähzorn neigte, vollends mit Wuth zu erfüllen. Von ihrer Seite durfte ich natürlich nur eine so hochmüthige, höhnische und verächtliche Antwort erwarten, daß es die erbärmlichste Feigheit gewesen wäre, nicht sofort ihr Haus zu verlassen. Zum Glück war ihre Klugheit noch größer als meine leidenschaftliche Hitze und durch die Wendung ihrer Antwort vermied sie, mich zu diesem äußersten Entschluß zu treiben. Aber ich mußte entweder ausziehen oder sie auf der Stelle besuchen; eine andere Wahl gab es nicht. Ich entschied mich für das Letztere, äußerst verlegen über die Haltung, die ich bei der voraussichtlichen Besprechung annehmen sollte. Denn wie mich herausziehen, ohne weder Frau von Houdetot noch Therese bloßzustellen? Und wehe der, welche ich genannt haben würde! Ich mußte von der Rache einer unversöhnlichen und ränkevollen Frau alles für die befürchten, welche das Ziel derselben werden würde. Um diesem Unglücke vorzubeugen, hatte ich in meinen Briefen nur von einem Verdachte geredet, um der Angabe meiner Beweise überhoben zu sein. Allerdings machte dies meine Heftigkeit noch unverzeihlicher, da einfache Verdachtsgründe mir nicht das Recht verliehen, eine Frau und noch dazu eine Freundin so zu behandeln, wie ich Frau von Epinay behandelt hatte. Aber hier beginnt die große und edle Aufgabe, die ich würdig erfüllt habe, meine heimlichen Fehler und Schwachheiten zu sühnen, indem ich für schwerere Fehler, zu denen ich unfähig war und die ich nie beging, eintrat.

Der gefürchtete Meinungsaustausch wurde mir erspart, und ich kam mit der blosen Angst davon. Im Augenblicke meiner Ankunft warf sich mir Frau von Epinay, Thränen vergießend, um den Hals. Dieser unerwartete Empfang und noch dazu von einer alten Freundin ergriff mich tief; ich weinte ebenfalls heftig. Ich sagte einige Worte zu ihr, die nicht viel Sinn hatten; sie erwiderte darauf einige, die noch weniger sinnreich waren, und alles war damit zu Ende. Das Essen war aufgetragen, und wir setzten uns zu Tische. In der Erwartung der Auseinandersetzung, die ich bis nach dem Abendessen aufgeschoben wähnte, spielte ich dabei eine traurige Rolle; denn der geringsten Unruhe, die sich meiner bemächtigt, unterliege ich dermaßen, daß ich sie auch den Kurzsichtigsten nicht zu verbergen vermöchte. Meine verlegene Miene mußte sie ermuthigen, allein trotzdem wagte sie den Kampf nicht aufzunehmen; nach dem Abendessen kam es eben so wenig zur Erklärung wie vorher. Am folgenden Tage fand gleichfalls keine statt. Unsere schweigsamen Zusammenkünfte wurden nur mit gleichgiltigen Dingen oder von meiner Seite mit einigen schicklichen Worten ausgefüllt, in denen ich ihr erklärte, daß ich mich über den Grund meines Verdachtes noch nicht aussprechen könnte, und ihr mit vollkommener Wahrheit betheuerte, mein ganzes Leben sollte, wenn er sich als haltlos herausstellte, darauf verwandt werden, die Ungerechtigkeit desselben wieder gut zu machen. Sie gab nicht die geringste Neugier zu erkennen, genau zu erfahren, was für einen Verdacht ich eigentlich hegte und wie er in mir entstanden wäre, und sowohl von ihrer wie von meiner Seite bestand unsere ganze Versöhnung in der Umarmung bei unserer ersten Begegnung. Da sie, wenigstens der Form nach, die allein Beleidigte war, so schien es mir, daß es nicht mir zukäme, eine Aufklärung herbeizuführen, nach der sie selber nicht trachtete, und ich ging von dannen, wie ich gekommen war. Da ich übrigens fortfuhr, mit ihr wie vorher zu leben, vergaß ich diesen Streit bald völlig und bildete mir thörichterweise ein, auch sie hätte ihn vergessen, weil sie sich seiner nicht mehr zu erinnern schien.

Wie man bald sehen wird, war dies nicht die einzige Verdrießlichkeit, die mir meine Schwäche zuzog; aber ich hatte noch andere, nicht weniger empfindliche, die ich mir nicht selbst zugezogen hatte, sondern deren Grund nur in dem Bestreben lag, mich durch unausgesetzte Quälereien aus meiner Einsamkeit Das heißt die Alte hervorzulocken, die man zur Ausführung der Verschwörung nöthig hatte. Es ist zu verwundern, daß mich mein dummes Vertrauen während dieses ganzen langen Sturmes zu begreifen abgehalten hat, daß nicht ich, sondern sie es war, die man nach Paris zurück haben wollte. hervorzulocken. Diese Unannehmlichkeiten kamen mir von Seiten Diderots und der Holbachianer. Seit meiner Beziehung der Eremitage hatte Diderot nicht aufgehört mich zu quälen, sei es persönlich oder durch Deleyre, und aus des letzteren Witzeleien über meine Waldausflüge entnahm ich bald, mit welcher Lust sie den Einsiedler in einen galanten Schäfer verkleidet hatten. Aber nicht darum handelte es sich bei meinen Reibereien mit Diderot; diese hatten ernstere Ursachen. Nach der Veröffentlichung des »Natürlichen Sohnes« hatte er mir ein Exemplar desselben übersandt, das ich mit dem Interesse und der Aufmerksamkeit, die man den Werken eines Freundes zollt, gelesen hatte. Als ich die Art dialogisirter Poetik las, die er als Anhang hinzugefügt hat, wurde ich überrascht und sogar ein wenig unangenehm überrascht, darin unter mehreren nicht sehr höflichen, aber doch erträglichen Stellen gegen die Freunde der Einsamkeit auf jene bittre und harte, in schroffster Form aufgestellte Sentenz zu stoßen: »Nur der Böse ist gern allein.« Diese Sentenz ist meines Erachtens doppelsinnig und läßt eine mehrfache Deutung zu, eine sehr wahre und eine sehr falsche, da es völlig unmöglich ist, daß ein Mensch, der allein ist und sein will, jemandem schaden kann und will, und folglich auch unmöglich schlecht sein kann. Der Spruch an sich erheischte also eine Erklärung; noch mehr erheischte er sie von Seiten eines Schriftstellers, der, als er diesen Spruch niederschrieb, einen in die Einsamkeit zurückgezogenen Freund hatte. Es schien mir beleidigend und unredlich, daß er bei der Veröffentlichung an diesen einsamen Freund nicht gedacht hatte, oder daß er, wenn er seiner nicht vergessen, nicht wenigstens im Allgemeinen die ehrenwerthe und gerechte Ausnahme gemacht hatte, die er nicht allein diesem Freunde, sondern so vielen geachteten Weisen schuldig war, die zu allen Zeiten in der Zurückgezogenheit Ruhe und Frieden gesucht haben und die zum ersten Mal seit Erschaffung der Welt sich ein Schriftsteller herausnimmt, mit einem einzigen Federstriche unterschiedslos in eben so viele Verbrecher zu verwandeln.

Ich liebte Diderot zärtlich, ich achtete ihn aufrichtig und verließ mich mit vollem Vertrauen auf die nämlichen Gefühle seinerseits. Aber gelangweilt von seiner unermüdlichen Hartnäckigkeit, meinem Geschmack, meinen Neigungen, meiner Lebensweise, kurz allem, was mich allein anging, ewig entgegenzutreten; empört zu sehen, wie ein Mann, der jünger war als ich, mich mit aller Gewalt wie ein Kind leiten wollte; angewidert von seiner steten Bereitwilligkeit, Versprechungen zu machen, und von seiner Saumseligkeit, sie zu halten; überdrüssig der vielen zwischen uns verabredeten und von ihm stets versäumten Zusammenkünfte und seiner Geneigtheit, immer neue zuzusagen, um abermals auszubleiben; peinlich davon berührt, ihn drei oder vier Mal im Monat an den von ihm selbst bestimmten Tagen vergeblich zu erwarten und dann am Abende allein zu speisen, nachdem ich ihm bis Saint-Denis entgegen gegangen war und den ganzen Tag auf ihn gewartet hatte: war mir das Herz von seinen sich stets mehrenden Kränkungen schon voll genug. Die letzte schien mir ernster und betrübte mich mehr. Ich schrieb an ihn, um mich darüber zu beklagen, aber mit einer Sanftmuth und Rührung, die mich das Papier mit meinen Thränen netzen ließ; und mein Brief war rührend genug, um ihm selbst Thränen zu entlocken. Man wird nie errathen, wie seine Antwort auf diese Klage lautete. Ich gebe sie hier wörtlich wieder (Heft A, Nr. 33): »Ich freue mich, daß mein Werk Ihnen gefallen, daß es Sie gerührt hat. Sie theilen meine Ansicht über die Einsiedler nicht. Sagen Sie ihnen soviel Gutes nach, wie Sie wollen; Sie werden der Einzige in der Welt sein, von dem ich es ebenfalls denken werde. Es ließe sich noch viel darüber sagen, wenn man mit Ihnen reden könnte, ohne Sie zu erzürnen. Eine Frau von achtzig Jahren! u. s. w. Man hat mir eine Stelle aus einem Briefe des Sohnes der Frau von Epinay mitgetheilt, die Ihnen großen Verdruß hat erregen müssen, oder ich kenne die Tiefe Ihrer Seele schlecht.«

Die beiden letzten Sätze dieses Briefes verlangen eine Erklärung.

Am Anfange meines Aufenthaltes auf der Eremitage schien sich Frau Le Vasseur dort zu mißfallen und die Wohnung zu einsam zu finden. Ihre Aeußerungen darüber waren mir zu Ohren gekommen. Ich erklärte mich bereit, sie, wenn es ihr in Paris besser gefiele, dorthin zurückzusenden, für sie dort die Miethe zu bezahlen und eben so zu sorgen, als ob sie noch bei mir wäre. Sie wies mein Anerbieten zurück, betheuerte mir, sie gefiele sich auf der Eremitage sehr gut, die Landluft thäte ihr wohl, und man sah, daß sie die Wahrheit sagte, denn sie verjüngte sich dort gleichsam und fühlte sich weit wohler als in Paris. Ihre Tochter gab mir sogar die Versicherung, sie würde sich im Grunde sehr geärgert haben, wenn wir die Eremitage, die wirklich ein reizender Aufenthalt wäre, verließen, da sie die kleinen unerlaubten Vortheile aus Garten und Obst, die ihrer Leitung unterstellt waren, sehr liebte. Jene Aeußerungen, die sie gethan, wären ihr nur in der Absicht eingeflüstert worden, mich zur Rückkehr nach Paris zu bewegen.

Nach Scheiterung dieses Planes suchten sie das, was ihnen mein nachgiebiges Entgegenkommen nicht gewährt hatte, durch meine ängstliche Gewissenhaftigkeit zu erreichen und legten es mir als Verbrechen aus, diese alte Frau fern von der Hilfe, die sie in ihrem Alter nöthig haben konnte, da zu behalten, ohne daran zu denken, daß sie und viele alte Leute, denen die kräftige Landluft das Leben verlängert, diese Hilfe aus Montmorency, das ich vor meiner Thüre hatte, herbeiholen konnten, und als ob es nur in Paris Greise gäbe, während sie überall anders unfähig wären, am Leben zu bleiben. Frau Le Vasseur, die viel und mit großer Gier aß, litt oft an Ergießungen der Galle und heftigen Durchfällen, die bei ihr einige Tage dauerten und sie vor anderen Krankheiten schützten. In Paris that sie nie etwas dagegen und ließ der Natur ihren Lauf. Auf der Eremitage machte sie es genau eben so, da sie wohl wußte, daß sie nichts besseres thun könnte. Das hatte nichts zu bedeuten: weil es auf dem Lande keine Aerzte und Apotheker gab, hieß sie dort lassen ihren Tod wollen, obgleich sie sich dort außerordentlich wohl befand. Diderot hätte bestimmen müssen, in welchem Alter man bei Todesstrafe alte Leute nicht mehr außerhalb Paris dürfte leben lassen.

Dies war eine der beiden abscheulichen Beschuldigungen, um deren willen er mich nicht von seiner Behauptung ausnahm, daß nur der Böse allein wäre; und darauf deutete sein pathetischer Ausruf: »Eine Frau von achtzig Jahren«, und das so mildreich hinzugefügte »u. s. w.« hin.

Ich glaubte auf diesen Vorwurf nicht besser erwidern zu können als durch Berufung auf Frau Le Vasseur selbst. Ich ersuchte sie, der Frau von Epinay ihre Meinung darüber ganz einfach zu schreiben. Damit sie dabei ganz unbefangen wäre, wollte ich ihren Brief nicht sehen, und zeigte ihr den, welchen ich hier mittheilen will und den ich an Frau von Epinay in Bezug auf eine Antwort schrieb, die ich auf einen andern, noch groberen Brief Diderots hatte ertheilen wollen, von deren Absendung sie mich jedoch abgehalten hatte.

Donnerstag.

»Frau Le Vasseur wird an Sie schreiben, liebe Freundin; ich habe sie gebeten, Ihnen aufrichtig zu sagen, was sie denkt. Um ihr ihre Unbefangenheit nicht zu rauben, habe ich ihr erklärt, daß ich ihren Brief nicht sehen wollte, und ich bitte Sie, mir von seinem Inhalte nichts mitzutheilen.«

»Ich werde meinen Brief nicht absenden, weil Sie dagegen sind; da ich mich aber schwer gekränkt fühle, so würde das Eingeständnis, daß ich Unrecht habe, eine Niedrigkeit und Falschheit sein, zu der ich mich nicht hergeben kann. Das Evangelium befiehlt wohl dem, der eine Ohrfeige erhält, auch die andere Wange hinzuhalten, aber nicht um Verzeihung zu bitten. Erinnern Sie sich jenes Mannes im Lustspiele, der unter Austheilung von Stockschlägen ruft: das ist die Rolle des Philosophen?

»Wähnen Sie nicht, daß ihn das schlechte Wetter, welches herrscht, vom Kommen abhalten wird. Die Zeit und die Kräfte, welche ihm die Freundschaft versagt, wird ihm der Zorn geben, und zum ersten Male in seinem Leben wird er an dem versprochenen Tage erscheinen. Er wird sich alle Mühe geben, hierher zu kommen, um mir die Beleidigungen, die er mir in seinen Briefen sagt, mündlich zu wiederholen; ich werde sie nichts weniger als geduldig ertragen. Nach seiner Rückkehr nach Paris wird er krank sein, und ich werde nach alter Weise ein sehr widerwärtiger Mensch bleiben. Was läßt sich da thun? Ich muß es dulden.

»Aber bewundern Sie nicht die Klugheit dieses Menschen, der mich im Fiaker zum Mittagbrote nach Saint-Denis abholen, im Fiaker zurückbringen wollte, und dem acht Tage später (Heft A, Nr. 34) sein Vermögen nicht mehr gestattet anders als zu Fuß nach der Eremitage zu kommen? Es ist, um mich seiner Ausdrucksweise zu bedienen, nicht völlig unmöglich, daß dieses der Ton der Aufrichtigkeit ist; aber in diesem Falle müssen seltsame Veränderungen in seinen Vermögensverhältnissen eingetreten sein.

»Ich nehme Antheil an dem Kummer, mit dem die Krankheit Ihrer Frau Mutter Sie erfüllt; aber Sie sehen, daß Ihr Schmerz dem meinigen nicht nahe kommt. Man leidet weniger darunter, die Personen, die man liebt, krank zu sehen, als ungerecht und grausam.

»Leben Sie wohl, meine gute Freundin; dies ist das letzte Mal, daß ich Ihnen von dieser leidigen Geschichte reden werde. Sie erzählen mir von Ihrer Absicht, nach Paris zu gehen, mit einer Kaltblütigkeit, die mich zu anderer Zeit sehr erfreuen würde.«

Ich schrieb Diderot, was ich auf Vorschlag der Frau von Epinay selber hinsichtlich der Frau Le Vasseur gethan hatte, und da letztere, wie man sich recht gut denken kann, vorgezogen hatte, auf der Eremitage zu bleiben, wo sie sich sehr wohl befand, stets Gesellschaft hatte und sehr angenehm lebte, so wußte Diderot nicht mehr, woraus er mir ein Verbrechen machen sollte. Er legte mir schließlich als solches diese Vorsicht meinerseits aus und unterließ auch nicht, mir ein anderes aus der Fortdauer des Aufenthaltes der Frau Le Vasseur auf der Eremitage zu machen, obgleich diese Fortdauer auf ihrer eigenen Wahl beruhte und es nur von ihr abgehangen hätte und noch immer nur von ihr abhing, nach Paris zurückzukehren, um dort mit der nämlichen Unterstützung von meiner Seite zu leben, die ihr in meinem Hause zu Theil ward.

Dies ist die Erklärung des ersten Vorwurfs in Diderots Briefe Nr. 33. Die des zweiten befindet sich in seinem Briefe Nr. 34. »Der Gelehrte (so pflegte Grimm den Sohn der Frau von Epinay scherzhafterweise zu nennen), der Gelehrte muß Ihnen geschrieben haben, daß es auf dem Walle zwanzig Arme gäbe, die vor Hunger und Frost stürben und auf das Scherflein warteten, das Sie ihnen gaben. Das ist eine Probe unseres leichten Geplauders ... und wenn Sie das Uebrige vernähmen, würden Sie sich eben so ergötzt fühlen, wie über diesen Scherz.«

Meine Antwort auf dieses vernichtende Geschreibsel, auf welches Diderot so stolz schien, lautete folgendermaßen:

»Ich glaube dem Gelehrten, das heißt dem Sohne eines Generalpächters, geantwortet zu haben, daß ich die Armen, welche er auf dem Walle in Erwartung eines Scherfleins gesehen, nicht bedauerte, daß er sie offenbar reichlich entschädigt hätte; daß ich ihn als meinen Stellvertreter einsetzte; daß sich die Pariser Armen bei diesem Tausche nicht würden zu beklagen haben; daß ich nicht leicht einen eben so guten Stellvertreter für die Armen zu Montmorency finden würde, die ihn weit nöthiger hätten. Es giebt hier einen braven ehrenwerthen Greis, der nach einem langen arbeitsvollen Leben jetzt nicht mehr zu arbeiten vermag und in seinen alten Tagen Hungers stirbt. Mein Gewissen ist über die zwei Kreuzer, die ich ihm alle Montage gebe, zufriedener als über die hundert Heller, welche ich an alle Bettler auf dem Walle vertheilt haben würde. Ihr seid wunderlich, ihr Herren Philosophen, wenn ihr die Stadtbewohner als die einzigen Menschen betrachtet, gegen welche ihr Pflichten zu erfüllen habt. Auf dem Land lernt man gerade die Menschheit lieben und ihr dienen; in den Städten lernt man sie nur verachten.«

Dies waren die eigentümlichen Bedenken, um deren willen ein Mann von Geist die Thorheit hatte, mir aus meiner Entfernung von Paris im Ernste ein Verbrechen zu machen, und sich bestrebte, mir an meinem eigenen Beispiele den Nachweis zu führen, daß man nicht außerhalb der Hauptstadt leben könnte, ohne ein schlechter Mensch zu sein. Heute begreife ich nicht, weshalb ich so dumm war, ihm zu antworten und mich zu ärgern, anstatt ihm als ganze Antwort ins Gesicht zu lachen. Aber die Aussprüche der Frau von Epinay und das Geschrei der Holbachschen Sippschaft hatten die Geister so sehr zu seinen Gunsten verblendet, daß ich in dieser Angelegenheit nach allgemeiner Annahme Unrecht hatte, und selbst Frau von Houdetot, Diderots begeisterte Anhängerin, verlangte, daß ich ihn in Paris besuchen und alle entgegenkommenden Schritte zu einer Versöhnung thun sollte, die, so aufrichtig und vollkommen sie von meiner Seite auch war, sich dennoch als wenig dauerhaft erwies. Das von ihr angewendete Mittel, durch welches sie den Sieg über mein Herz gewann, war, daß Diderot in diesem Augenblick unglücklich wäre. Außer dem gegen die Enzyklopädie erregten Sturm hatte sich damals noch ein sehr heftiger gegen sein Stück erhoben, welches man ihn trotz der voraufgeschickten kleinen Geschichte von Anfang bis zu Ende aus Goldoni entlehnt zu haben beschuldigte. Diderot, der noch empfindlicher gegen Kritiken war als Voltaire, war zu jener Zeit davon ganz niedergeschmettert. Frau von Graffigny hatte sogar die Bosheit gehabt, das Gerücht zu verbreiten, daß ich bei dieser Gelegenheit mit ihm gebrochen hätte. Ich hielt es für gerecht und edelmüthig, öffentlich das Gegentheil nachzuweisen, und ich brachte zwei Tage nicht allein mit ihm, sondern auch bei ihm, in seinem eigenen Hause zu. Dies war seit meiner Uebersiedlung nach der Eremitage meine zweite Reise nach Paris. Die erste hatte ich unternommen, um zu dem armen Gauffecourt zu eilen, der einen Schlaganfall, von dem er sich nie wieder völlig erholte, gehabt hatte, und von dessen Bette ich erst nach Beseitigung jeglicher Gefahr wich.

Diderot nahm mich gut auf. Viel, viel Kränkungen kann die Umarmung eines Freundes vergessen machen! Welcher Groll kann da noch in einem Herzen haften! Wir gaben uns nur kurze Erklärungen. Bei gegenseitigen Verletzungen sind sie unnöthig. Es handelt sich dabei nur um eins, nämlich sie zu vergessen. Es waren, wenigstens meines Wissens, keine heimlichen Ränke vorgekommen; es verhielt sich nicht wie mit Frau von Epinay. Er zeigte mir den Entwurf des Familienvaters. »Das ist,« sagte ich zu ihm, »die beste Verteidigung des ›Natürlichen Sohnes‹. Beobachten Sie darüber Stillschweigen, arbeiten Sie dieses Stück sorgfältig aus und schleudern Sie es dann Ihren Feinden statt jeglicher Antwort plötzlich ins Gesicht.« Er that es und es war ihm nicht leid. Vor fast sechs Monaten hatte ich ihm die beiden ersten Abtheilungen der »Julie« zugesandt, um mir sein Urtheil darüber mitzutheilen. Er hatte sie noch nicht gelesen. Wir lasen ein Heft derselben zusammen. Er fand alles feuillet, dies war seine Bezeichnung, nämlich mit Worten überladen und phrasenreich. Ich hatte es schon selbst sehr wohl gefühlt; aber es war das Geplauder des Fiebers; ich habe es nie verbessern können. Die letzten Abtheilungen sind nicht so. Namentlich die vierte und sechste sind stilistische Meisterwerke.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft wollte er mich durchaus zu Herrn von Holbach zum Abendessen führen. Wir waren hierüber sehr verschiedener Ansicht, denn ich wollte sogar das Uebereinkommen wegen des Manuscripts über Chemie brechen. Der blose Gedanke, diesem Manne dafür Dank schuldig zu sein, empörte mich auf das tiefste. Diderot drang in allen Stücken durch. Er schwor mir, daß mich Herr von Holbach von ganzem Herzen liebte; ich müßte ihm einen Ton, den er gegen jedermann annähme und unter dem seine Freunde mehr als jeder andere zu leiden hätten, verzeihen. Er stellte mir vor, daß die Ablehnung dieses Manuscripts, nachdem ich es zwei Jahre vorher angenommen, eine Beleidigung des Gebers wäre und mir sogar als ein geheimer Vorwurf, mit der Abschließung des Kaufes so lange gesäumt zu haben, ausgelegt werden könnte. »Ich sehe,« fügte er hinzu, »Holbach alle Tage; ich kenne seinen Seelenzustand besser als Sie. Halten Sie, wenn Sie gegründete Ursache hätten, mit ihm unzufrieden zu sein, Ihren Freund für fähig, Ihnen eine Erniedrigung anzurathen?« Kurz, mit meiner gewöhnlichen Schwäche ließ ich mich knechten, und wir gingen zu dem Baron, der mich nach alter Weise aufnahm, zum Abendessen. Dagegen empfing mich seine Frau kalt und fast unhöflich. Ich erkannte die liebenswürdige Caroline, die mir als Mädchen so viel Wohlwollen erwies, nicht wieder. Schon lange vorher hatte ich die Wahrnehmung zu machen geglaubt, daß man mich, seit Grimm das Haus in Aine besuchte, daselbst nicht mehr mit gleich freundlichen Augen ansah.

Während ich in Paris war, langte Saint-Lambert, der Urlaub genommen hatte, daselbst an. Da ich nichts davon erfuhr, sah ich ihn erst nach meiner Rückkehr auf das Land, zuerst auf der Chevrette und dann auf der Eremitage, wohin er mit Frau von Houdetot kam, um mich zum Mittagsessen einzuladen. Man kann sich denken, mit wie großer Freude ich sie empfing; aber noch größere empfand ich darüber, ihr gutes Einverständnis zu sehen. Zufrieden, ihr Glück nicht gestört zu haben, war ich selbst glücklich darüber, und ich kann schwören, daß ich ihm Frau von Houdetot während meiner ganzen thörichten Leidenschaft und namentlich in diesem Augenblicke, selbst wenn es in meiner Macht gestanden, nicht hätte nehmen mögen, ja nicht einmal die Versuchung dazu gefühlt hätte. Ich fand sie in ihrer Liebe zu Saint-Lambert so liebenswürdig, wie ich sie mir in ihrer Liebe zu mir selbst kaum hätte vorstellen können, und ohne ihre Verbindung stören zu wollen, war alles, was ich in meiner Schwärmerei in Wahrheit von ihr begehrt habe, daß sie sich lieben ließe. Kurz, von einer wie heftigen Leidenschaft ich auch für sie entbrannt gewesen, war es mir doch ein eben so großer Genuß, der Vertraute ihrer Liebe wie der Gegenstand derselben zu sein, und ich habe nie einen Augenblick ihren Geliebten als meinen Nebenbuhler, sondern stets als meinen Freund betrachtet. Man wird sagen, dies wäre noch nicht Liebe gewesen; mag es sein, aber dann war es noch mehr.

Saint-Lambert selbst betrug sich wie ein ehrlicher und verständiger Mann; da ich der einzige Strafbare war, wurde ich auch allein bestraft und noch dazu mit Milde. Er behandelte mich nicht sehr rücksichtsvoll, aber doch freundschaftlich; ich merkte, daß ich bei ihm etwas an Achtung, aber nichts an Freundschaft verloren hatte. Ich tröstete mich darüber, da ich wußte, daß es mir weit leichter sein würde, die erstere wiederzugewinnen als die letztere, und daß er zu verständig wäre, um eine unwillkürliche und flüchtige Schwäche mit einem Charakterfehler zu verwechseln. Lag in dem Vorgefallenen ein Fehler meinerseits, so war er doch sehr gering. Hatte ich etwa seine Geliebte aufgesucht? Hatte er sie mir nicht selbst zugesandt? Hatte sie mich nicht aufgesucht? War ich im Stande, ihren Besuch abzulehnen? Was konnte ich thun? Sie allein hatten das Unheil angerichtet, und ich hatte darunter gelitten. An meiner Stelle würde er wie ich, und vielleicht noch schlimmer gehandelt haben, denn wie treu, wie achtungswerth Frau von Houdetot auch war, so war sie doch schließlich immer ein Weib. Er war abwesend, an Gelegenheit fehlte es nicht, die Versuchung war stark, und es würde ihr sehr schwer gewesen sein, sich gegen einen unternehmenderen Mann stets mit demselben Erfolge zu vertheidigen. Es war sicherlich für sie wie für mich viel, daß wir uns in einer solchen Lage Schranken zu setzen vermochten, die wir uns nie zu überschreiten gestatteten.

Obgleich ich mir in der Tiefe meines Herzens ein ziemlich ehrenvolles Zeugnis ausstellte, so war doch der Schein so sehr wider mich, daß mir die unüberwindliche Scham, die mich stets beherrschte, in seiner Gegenwart vollkommen die Miene eines Schuldigen gab, was er häufig mißbrauchte, um mich zu demüthigen. Ein einziger Zug wird auf unsere gegenseitige Stellung hinreichendes Licht werfen. Nach der Mahlzeit las ich ihm den Brief vor, den ich im vergangenen Jahre an Voltaire geschrieben und von dem er, Saint-Lambert, gehört hatte. Während des Vorlesens schlief er ein, und ich, einst so hochmüthig, jetzt so eingeschüchtert, wagte nicht einmal, die Lectüre zu unterbrechen und las immer weiter, während er immer weiter schnarchte. So begegnete er mir, so rächte er sich an mir, aber in seinem Edelmuthe übte er seine Rache nur, wenn wir drei allein waren, an mir aus.

Nach seiner Abreise fand ich Frau von Houdetot sehr verändert gegen mich. Ich war darüber erstaunt, als ob ich es nicht hätte erwarten müssen. Ich war davon mehr ergriffen, als ich hätte sein sollen, und dies bereitete mir großes Leid. Mir schien alles, wovon ich Heilung erwartete, den Pfeil nur noch tiefer in mein Herz zu drücken. Ich habe ihn endlich mehr zerbrochen als herausgerissen.

Ich war entschlossen, mich vollkommen zu beherrschen und nichts zu unterlassen, um meine thörichte Leidenschaft in eine reine und dauernde Freundschaft zu verwandeln. Ich hatte zu dem Zwecke die schönsten Vorsätze von der Welt gefaßt, zu deren Verwirklichung ich der Beihilfe der Frau von Houdetot bedurfte. Als ich mit ihr darüber reden wollte, fand ich sie zerstreut, verlegen; ich merkte, daß sie an meinem Umgange nicht mehr Gefallen fand, und erkannte deutlich, daß etwas vorgefallen war, was sie mir nicht sagen wollte und was ich nie erfahren habe. Es ist ein anonymer Brief an Saint-Lambert, dessen Eifersucht man gegen Frau von Houdetot erregte, die man ihm als geneigt darstellte, Jean-Jacques ihre Gunst zu schenken. Diesen Brief hatte Grimm geschrieben und in ihm alle Gefälligkeiten angeführt, die sie Rousseau ohne zu große Unwahrscheinlichkeit erwiesen haben konnte. Diese Aenderung, über die es mir unmöglich war Aufklärung zu erhalten, kränkte mich. Sie verlangte ihre Briefe von mir zurück; ich gab sie ihr alle mit einer Treue, die sie beleidigenderweise einen Augenblick in Zweifel zog. Dieser unerwartete Zweifel war mir ein neuer Stich in das Herz, das sie so gut kennen mußte. Sie ließ mir Gerechtigkeit widerfahren, aber nicht auf der Stelle; ich begriff, daß ihr die Durchsicht des Packetes, welches ich ihr zurückgegeben, ihr Unrecht fühlbar gemacht hatte; ich sah sogar, daß sie es sich vorwarf, was mir wieder zum Vortheil gereichte. Sie konnte ihre Briefe nicht zurücknehmen, ohne mir die meinigen zurückzugeben. Sie behauptete gegen mich, daß sie sie verbrannt hätte; ich wagte es meinerseits zu bezweifeln und gestehe, daß ich es auch jetzt noch bezweifle. Nein, man wirft solche Briefe nicht ins Feuer. Man hat denen in der »Julie« nachgesagt, daß sie glühend wären; beim Himmel, wie würde man dann diese erst genannt haben! Nein, nein, nie wird die, welche eine solche Leidenschaft einzuflößen vermag, den Muth haben, die Beweise derselben zu verbrennen. Allein ich befürchte auch nicht, daß sie Mißbrauch mit ihnen getrieben hat; dessen halte ich sie für unfähig, und zum Ueberfluß hatte ich dagegen Vorkehrungen getroffen. Die dumme, aber lebhafte Besorgnis mich dem Spotte ausgesetzt zu sehen, hatte mich diesen Briefwechsel in einem Tone beginnen lassen, der meine Briefe dagegen schützte, anderen mitgetheilt zu werden. Ich trieb die Vertraulichkeit, in die ich in meinem Liebesrausche verfiel, bis zum Dutzen; aber welch ein Dutzen! Sie konnte sich dadurch gewiß nicht gekränkt fühlen. Sie beklagte sich allerdings wiederholentlich darüber, aber ohne Erfolg: ihre Klagen fachten meine Besorgnis nur von neuem an, und ich konnte mich überdies nicht zum Zurückweichen entschließen. Sind diese Briefe noch vorhanden und kommen sie eines Tages zum Vorschein, so wird man erkennen, wie ich geliebt habe. »Da Frau Broutain, die in der Nachbarschaft von Gaubonne wohnte, sich Gewißheit über das Schicksal dieser Briefe verschaffen wollte, erkundigte sie sich darüber eines Tages bei Frau von Houdetot selbst, welche ihr antwortete, daß sie dieselben wirklich verbrannt hätte, mit Ausnahme eines einzigen, den sie nicht den Muth gehabt, zu vernichten, weil er ein Meisterwerk der Beredsamkeit und Leidenschaft gewesen wäre, und den sie Saint-Lambert zugesandt hätte. Frau Broutain ergriff die erste Gelegenheit, um den Dichter nach dem Schicksale dieses Briefes zu befragen. Seine Antwort lautete, er wäre bei einem Umzuge verloren gegangen; er wüßte nicht, was aus ihm geworden wäre.« Das ist alles, was uns nach dem Zeugnisse der Frau Vicomtesse von Allard, die mit Frau von Houdetot dreizehn Jahre lang in vertrauter Freundschaft gelebt hat, Herr von Musset darüber in seiner Broschüre mittheilt, die unter dem Titel Anecdotes pour faire suite aux Mémoires de madame d'Épinay 1818 in Paris in Octav erschien.

Der Schmerz, den mir die Erkaltung der Frau von Houdetot und das Bewußtsein, sie nicht verdient zu haben, bereitete, gab mir den sonderbaren Entschluß ein, mich bei Saint-Lambert selbst zu beklagen. Während ich den Erfolg des Briefes, den ich ihm darüber schrieb, abwartete, stürzte ich mich in Zerstreuungen aller Art, die ich eher hätte aufsuchen sollen. Festlichkeiten, für welche ich die Musik componirte, fanden auf der Chevrette statt. Die Freude, bei Frau von Houdetot mit einem Talente, welches sie liebte, Ehre einzulegen, erhöhte meinen Eifer, und noch etwas gab ihm neuen Anreiz, nämlich das Verlangen, den Beweis zu liefern, daß der Dichter und Componist des Dorfwahrsagers Musik verstände, denn schon seit langer Zeit bemerkte ich, daß sich jemand im Geheimen Mühe gab, dies, wenigstens hinsichtlich der Composition, zweifelhaft zu machen. Mein erstes Auftreten in Paris; die Probe, auf die ich sowohl bei Herrn von Dupin wie bei Herrn von Poplinière wiederholentlich gestellt war; die Menge meiner Composttionen, die ich während vierzehn Jahre inmitten der berühmtesten Künstler und unter ihren Augen angefertigt hatte; endlich die Opern, »Die galanten Musen« und »Der Dorfwahrsager«; eine Motette, die ich für Fräulein Fel gearbeitet und die sie im geistlichen Concerte gesungen hatte; so viele Besprechungen, die ich über diese schöne Kunst mit den größten Meistern gehabt hatte: kurz alles schien einen solchen Zweifel verhüten oder zerstreuen zu müssen. Er bestand indessen, sogar auf der Chevrette, und ich bemerkte, daß Herr von Epinay nicht frei davon war. Ohne zu thun, als ob ich es wahrnähme, übernahm ich es, ihm für die Einweihung seiner Schloßkapelle eine Motette zu componiren und bat ihn, mir den Text dazu nach seiner eigenen Auswahl zu besorgen. Er beauftragte Herrn von Linant, den Lehrer seines Sohnes, sie zu dichten. Dieser schrieb einen für den Zweck passenden Text, und acht Tage, nachdem er mir übergeben worden war, war die Motette vollendet. Diesmal war der Aerger mein Apollo, und nie ist gediegenere Musik aus meinen Händen hervorgegangen. Der Text beginnt mit den Worten: Ecce sedes hic Tonantis. Später habe ich erfahren, daß diese Worte von Santeul herrühren, und sie sich Herr von Linant ganz ruhig angeeignet hat. Der großartige Anfang entsprach diesen Worten, und die ganze Durchführung der Motette ist von einer Schönheit der Gesangspartien, die alle ergriff. Meine Arbeit verlangte ein großes Orchester; Herr von Epinay versammelte die mit Symphoniemusik vertrautesten Künstler. Frau Bruna, eine italienische Sängerin, sang die Motette und wurde gut begleitet. Die Motette hatte einen so großen Erfolg, daß man sie später im geistlichen Concert gegeben hat, wo sie ungeachtet der heimlichen Cabalen und der unwürdigen Aufführung zweimal den gleichen Beifall fand. Für den Namenstag des Herrn von Epinay gab ich die Idee zu einer Art von Stück an, das, halb Drama, halb Pantomime, Frau von Epinay verfaßte und zu dem ich gleichfalls die Musik lieferte. Bei seiner Ankunft vernahm Grimm von meinen musikalischen Erfolgen. Eine Stunde später sprach man nicht mehr von ihnen, aber wenigstens zog man meines Wissens meine Kenntnis der Compositionslehre nicht mehr in Zweifel.

Kaum war Grimm auf der Chevrette, wo es mir schon nicht allzu sehr behagte, als er mir durch ein Benehmen, wie ich es sonst nie bei jemandem sah und von dem ich nicht einmal eine Vorstellung hatte, den dortigen Aufenthalt vollends unerträglich machte. Am Abend vorher mußte ich das schöne Zimmer, das ich bis dahin einnahm und welches an das der Frau von Epinay stieß, räumen; man richtete es für Grimm ein und wies mir ein entlegeneres an. »So verdrängt,« sagte ich lachend zu Frau von Epinay, »das Neue stets das Alte.« Sie schien verlegen. Den Grund dazu verstand ich noch an demselben Abend besser, indem ich erfuhr, daß zwischen ihrem Zimmer und dem, welches ich verlassen, eine geheime Verbindungsthür wäre, die sie mir zu zeigen für unnütz gehalten hatte. Ihr Verhältnis zu Grimm war niemandem, weder in ihrem Hause, noch im Publikum, ja nicht einmal ihrem Manne unbekannt; statt es mir jedoch, dem in Geheimnisse Eingeweihten, die ihr weit wichtiger sein mußten und deren Verschweigung sie bei mir sicher war, einzugestehen, verwahrte sie sich dagegen stets sehr heftig. Ich begriff, daß an dieser Zurückhaltung Grimm Schuld hatte, der zwar alle meine Geheimnisse wußte, aber nicht wünschte, daß mir auch nur eines der seinigen bekannt würde. Welch eine große Voreingenommenheit mir auch meine alten Gefühle, die noch nicht erloschen waren, und die wirklich hohe Begabung dieses Mannes für ihn einflößten, so konnte sie doch bei der Mühe, die er sich fort und fort gab, sie zu vernichten, nicht bestehen bleiben. Sein erstes Auftreten glich dem des Grafen von Tussiére; er würdigte mich kaum eines Grußes; er richtete nicht ein einziges Mal das Wort an mich und gewöhnte es mir bald ab, es an ihn zu richten, indem er nie eine Silbe erwiderte. Ueberall beanspruchte er den Vortritt, überall nahm er den ersten Platz ein, ohne mir je eine Beachtung zu schenken. Das hätte ich ihm verziehen, wenn er nicht eine beleidigende Absichtlichkeit hätte hervorblicken lassen. Aus einem einzigen Zuge unter tausenden kann man sich eine Vorstellung davon machen. Als sich Frau von Epinay eines Abends etwas unwohl befand, befahl sie ihr das Essen auf ihr Zimmer zu bringen und begab sich in dasselbe hinauf, um in einer Ecke ihres Kamins zu speisen. Sie forderte mich auf, sie zu begleiten; ich that es. Grimm kam nach. Der kleine Tisch war bereits gedeckt; es waren nur zwei Couverts aufgestellt. Man trägt auf: Frau von Epinay setzt sich in die eine Ecke des Kamins an das Feuer. Herr Grimm nimmt einen Stuhl, läßt sich in der andern Ecke nieder, zieht das Tischchen zwischen sie beide, breitet seine Serviette auseinander und schickt sich zu essen an, ohne ein einziges Wort zu sagen. Frau von Epinay erröthet und bietet mir, um ihn zu zwingen, seine Grobheit wieder gut zu machen, ihren eigenen Platz an. Er sagte nichts, blickte mich nicht einmal an. Da ich nicht bis zum Feuer gelangen konnte, blieb mir nichts anderes übrig als im Zimmer auf und nieder zu gehen, bis man mir ein Couvert brachte. Er gestattete mir jedoch gnädigst am Ende des Tisches, fern vom Feuer, mein Abendbrot einnehmen zu dürfen, ohne gegen mich den geringsten Anstand zu zeigen, gegen mich, Kränklichen, den Aelteren, der nicht allein ein älterer Freund des Hauses war, sondern ihn auch erst in dasselbe eingeführt hatte, gegen den er überdies als der Geliebte der Hausfrau den freundlichen Wirth hätte spielen müssen. Diesem Pröbchen entsprach sein Betragen gegen mich fortwährend. Er behandelte mich nicht etwa wie seinen Untergebenen, nein, er betrachtete mich als reine Null. Ich hatte Mühe, in ihm den früheren steifen Pedanten wieder zu erkennen, der sich bei dem Prinzen von Sachsen-Gotha durch meine Blicke geehrt fühlte. Noch mehr Mühe machte es mir, dieses tiefe Schweigen und diesen beleidigenden Hochmuth mit der zärtlichen Freundschaft für mich zu vereinigen, deren er sich denen gegenüber rühmte, von denen er wußte, daß sie mir freundschaftlich ergeben waren. Allerdings bezeugte er sie nur, um meine Bedrängnis zu beklagen, über die ich selbst nie klagte, um sein Mitleid über mein trauriges Loos auszusprechen, mit dem ich völlig zufrieden war, und sich bitter darüber zu beschweren, daß ich barsch alle seine wohlthätige Fürsorge zurückwiese, die er mir nach seiner Behauptung erweisen wollte. Durch diesen Kunstgriff brachte er es dahin, daß seine zärtliche Großmuth bewundert und meine undankbare Menschenfeindlichkeit getadelt wurde, und er nach und nach alle Welt daran gewöhnte, zwischen einem Beschützer wie er und einem Unglücklichen wie ich nur ein Verhältnis von Wohlthaten auf der einen Seite und von Verpflichtungen auf der andern anzunehmen, ohne auch nur die Möglichkeit zuzulassen, daß eine Freundschaft zwischen Gleich und Gleich stattfinden könnte. Ich für meine Person habe vergeblich herauszubekommen gesucht, in welcher Beziehung ich diesem jungen Streber verpflichtet sein könnte. Ich hatte ihm Geld geliehen; er lieh mir nie; ich hatte ihn in seiner Krankheit gepflegt, während der meinigen ließ er sich kaum bei mir sehen; alle meine Freunde waren durch mich die seinigen geworden, keiner der seinigen durch ihn der meinige; ich hatte aus allen Kräften sein Lob verbreitet, er dagegen, wenn er mich überhaupt gelobt hat, so that er es weniger öffentlich und in einer andren Weise. Nie hat er mir irgend einen Dienst erwiesen oder auch nur angeboten. Inwiefern war er also mein Mäcenas? Inwiefern war ich sein Schützling? Das ging über meinen Verstand und geht noch heute darüber.

Allerdings war er gegen alle Welt mehr oder weniger anmaßend, aber gegen niemand betrug er sich so ungeschliffen wie gegen mich. Ich entsinne mich, daß ihm Saint-Lambert einmal fast seinen Teller an den Kopf geworfen hätte, weil ihn derselbe an offener Tafel förmlich Lügen strafte und ganz grob sagte: »Das ist nicht wahr.« Zu seinem schon von Natur scharfen Tone fügte er noch die Ueberhebung des Emporkömmlings und durch seine ewige Unverschämtheit wurde er sogar lächerlich. Der Umgang mit den Großen hatte ihn so weit verleitet, daß er selbst die Manieren annahm, die man nur an den weniger Vernünftigen unter ihnen wahrnimmt. Er rief seinen Diener nur mit der Partikel »Eh«, als ob der erlauchte Herr bei der großen Zahl seiner Leute nicht gewußt, wer gerade den Dienst hätte. Wenn er ihm Aufträge gab, warf er das Geld auf die Erde, statt es ihm in die Hand zu geben. Kurz er behandelte ihn, als ob derselbe gar kein Mensch wäre, mit einer so beleidigenden Verachtung, mit einem in jeder Hinsicht so widerwärtigen Hochmuthe, daß dieser arme Junge, ein sehr gutmüthiges Subject, welches ihm Frau von Epinay gegeben hatte, seinen Dienst verließ ohne andern Klagegrund als die Unmöglichkeit, eine solche Behandlung auszuhalten; er war der La Fleur dieses neuen » Glorieux«.

Eben so geckenhaft wie eitel machte er mit seinen dicken trüben Augen und seiner schlotterigen Gestalt Ansprüche auf Glück bei den Frauen und seit seiner Posse mit Fräulein Fel galt er bei einigen unter ihnen als ein Mann von großer Empfindung. Dies hatte ihn in Mode gebracht und ihm Gefallen an weiblicher Zierlichkeit eingeflößt; er begann den Stutzer zu spielen; seine Toilette wurde eine wichtige Angelegenheit; alle Welt wußte, daß er weiße Schminke auflegte, und ich, der ich anfangs nichts von dem allen glaubte, fing es zu glauben an, nicht allein wegen der Verschönerung seines Teints und weil ich Näpfchen mit weißer Schminke auf seinem Toilettentische gefunden hatte, sondern auch weil ich ihn, als ich eines Morgens in sein Zimmer trat, dabei antraf, wie er seine Nägel mit einer besonders dazu gefertigten Bürste putzte, eine Arbeit, die er ganz stolz in meiner Gegenwart fortsetzte. Ich schloß, daß ein Mann, der jeden Morgen zwei Stunden mit Bürsten seiner Nägel zubringt, auch recht gut einige Augenblicke damit zubringen kann, die Falten seiner Haut mit weißer Schminke auszufüllen. Der biedere Gauffecourt, der wegen seiner witzigen Einfälle berüchtigt war, hatte ihm den Spottnamen »Tyrann der Weiße« beigelegt.

Dies alles waren freilich nur Lächerlichkeiten, aber meinem Charakter waren sie völlig zuwider. Sie machten mir den seinigen vollends verdächtig. Ich hatte Mühe zu glauben, daß ein Mann, dem es im Kopfe so schwindelte, das Herz auf der rechten Stelle behalten könnte. Er bildete sich auf nichts so viel ein als auf seine Seelenkraft und Gefühlsstärke. Wie vereinigte sich dies mit Fehlern, die nur schwachen Seelen eigen sind? Wie können ihn die lebhaften und fortwährenden Regungen, von denen ein fühlendes Herz nach Dingen außer ihm erfüllt ist, sich unaufhörlich mit so vielen kleinen Sorgen für seine unbedeutende Person beschäftigen lassen? Ach, mein Gott, wer sein Herz von diesem himmlischen Feuer erglühen fühlt, sucht es mitzutheilen und wünscht sein Inneres zu zeigen. Er möchte sein Herz auf dem Gesichte tragen; er wird nie an andere Schminke denken.

Ich erinnerte mich des Grundgedankens seiner Moral, den mir Frau von Epinay gesagt und den sie sich zu eigen gemacht hatte. Dieser Grundgedanke bestand in einem einzigen Artikel, nämlich darin, daß es des Menschen einzige Pflicht ist, in allen Stücken den Neigungen seines Herzens zu folgen. Diese Moral gab mir, als ich sie vernahm, furchtbar viel zu denken, obgleich ich sie damals nur für ein Spiel des Witzes hielt. Allein ich überzeugte mich bald, daß dieses Princip wirklich die Regel seines Verhaltens war, und ich erhielt später nur zu sehr den Beweis davon auf meine eigenen Kosten. Es ist die innere Doctrin, von der mir Diderot so viel erzählt, aber die er mir nie deutlich gemacht hat.

Ich gedachte der häufigen Andeutungen, die man mir schon vor mehreren Jahren gemacht hatte, daß dieser Mensch falsch wäre, das Gefühl nur erheuchelte und vor allem mich nicht lieb hätte. Ich erinnerte mich mehrerer kleinen Anekdoten, die mir Herr von Francueil und Frau von Chenonceaux darüber erzählt hatten. Beide achteten ihn nicht und mußten ihn kennen, weil Frau von Chenonceaux die Tochter der Frau von Rochechouart, einer innigen Freundin des verstorbenen Grafen von Friese war und Herr von Francueil, damals der unzertrennliche Gefährte des Vicomte von Polignac, viel im Palais Royal verkehrt hatte, gerade als sich Grimm dort Zutritt zu verschaffen begann. Ganz Paris war von seiner Verzweiflung nach dem Tode des Grafen von Friese unterrichtet. Es kam darauf an, den Ruf aufrecht zu erhalten, den er sich nach der zurückweisenden Strenge des Fräulein Fel erworben hatte, und wobei ich, wäre ich weniger blind gewesen, besser als irgend jemand die Unwahrheit seines Benehmens hätte erkennen müssen. Man mußte ihn nach dem Hotel Castries bringen, wo er sich der maßlosesten Trauer überlassend, würdig seine Rolle spielte. Jeden Morgen ging er in den Garten, um sich nach Herzenslust auszuweinen, sein thränenfeuchtes Taschentuch, so weit man ihn vom Hotel sehen konnte, auf die Augen drückend; aber bei der Biegung einer gewissen Allee sahen ihn Leute, deren er nicht gewärtig war, sein Tuch sofort in die Tasche stecken und ein Buch herausziehen. Diese wiederholentlich gemachte Beobachtung wurde bald in ganz Paris bekannt und fast eben so schnell vergessen. Ich hatte sie selbst vergessen: eine mich persönlich betreffende Thatsache rief sie m meiner Erinnerung wieder wach. Ich lag sterbenskrank in meinem Bette in der Straße Grenelle. Er war auf dem Lande. Eines Morgens kam er ganz athemlos, mich zu besuchen, wobei er betheuerte, daß er so eben angekommen wäre. Einen Augenblick später erfuhr ich, daß er schon den Tag vorher angekommen war und man ihn noch an demselben Tage im Theater gesehen hatte.

Tausend ähnliche Vorfälle fielen mir wieder ein; aber eine Beobachtung, welche ich erstaunt war, so spät zu machen, berührte mich schmerzlicher als dies alles. Ich hatte alle meine Freunde ohne Ausnahme mit Grimm bekannt gemacht; sie waren alle die seinigen geworden. Ich vermochte mich so wenig von ihm zu trennen, daß ich mir kaum den Zutritt zu einem Hause hätte erhalten mögen, in dem er keinen gehabt hätte. Nur Frau von Créqui weigerte sich ihn zuzulassen, und auch ich hörte seit dieser Zeit fast auf, sie zu besuchen. Grimm erwarb sich seinerseits sowohl durch eigenes Entgegenkommen wie durch den Grafen von Friese andere Freunde. Von allen diesen Freunden ist nie ein einziger der meinige geworden; nie hat er mir ein Wort gesagt, um mich aufzufordern, wenigstens ihre Bekanntschaft zu machen; und von allen denen, mit denen ich mitunter bei ihm zusammengetroffen bin, hat mir nie ein einziger das geringste Wohlwollen erwiesen, nicht einmal der Graf von Friese, bei dem er wohnte und mit dem es mir folglich sehr angenehm gewesen wäre, in ein leidliches Verhältnis zu treten, und eben so wenig der Graf von Schomberg, sein Verwandter, mit dem Grimm eine noch innigere Freundschaft unterhielt.

Noch mehr: meine eigenen Freunde, die ich auch zu den seinigen machte und die mir alle vor dieser Bekanntschaft zärtlich zugethan waren, machten nach derselben eine wahrnehmbare Schwenkung gegen mich. Er hat mir nie einen der seinigen zugeführt; ich habe ihn mit all den meinigen befreundet, und er hat sie mir schließlich alle geraubt. Wenn das die Wirkungen der Freundschaft sind, was werden dann erst die des Hasses sein?

Selbst Diderot machte mich im Anfange mehrmals darauf aufmerksam, daß Grimm, dem ich so großes Vertrauen schenkte, nicht mein Freund wäre. Späterhin, als er selbst aufgehört hatte, der meinige zu sein, führte er eine andere Sprache.

Bei der Art der Verfügung über meine Kinder bedurfte ich niemandes Beihilfe. Ich machte indessen meine Freunde damit bekannt, lediglich um sie damit bekannt zu machen, damit ich in ihren Augen nicht besser erschien als ich war. Diese Freunde waren ihrer drei: Diderot, Grimm, Frau von Epinay; Duclos, meines Vertrauens am würdigsten, war der einzige, dem ich es nicht schenkte. Er erfuhr trotzdem meine Handlungsweise. Durch wen? Ich weiß es nicht. Es läßt sich nicht gut annehmen, daß diese Treulosigkeit von Frau von Epinay ausgegangen sein sollte, die wußte, daß, wenn ich Gleiches mit Gleichem vergelten wollte, (wenn ich dessen überhaupt fähig gewesen wäre), ich mich grausam hätte rächen können. Es bleibt demnach nur Grimm und Diderot übrig, die damals in so vielen Dingen, namentlich wenn es wider mich ging, eng verbündet waren, daß sie, wie es mehr als wahrscheinlich ist, dieses Verbrechen gemeinschaftlich begangen haben. Ich möchte darauf wetten, daß Duclos, dem ich mein Geheimnis nicht anvertraut habe und der folglich nicht gebunden war, der einzige ist, der es mir bewahrt hat.

Bei ihrem Vorhaben, mir Therese und ihre Mutter zu nehmen, hatten sich Grimm und Diderot Mühe gegeben, ihn zum Eingehen auf ihren Plan zu bewegen; er weigerte sich beständig mit Verachtung. Erst später erfuhr ich von ihm alles, was in dieser Hinsicht zwischen ihnen vorgefallen war; aber schon damals erfuhr ich von Therese genug, um daraus zu ersehen, daß es sich bei dem allen um einen geheimen Plan handelte, und daß man, wenn auch nicht gegen meinen Willen, so doch ohne mein Wissen über mich verfügen wollte, oder daß man sich dieser beiden Personen als Werkzeuge zu einer geheimen Absicht bedienen wollte. Dies alles war sicherlich kein Zeichen von Redlichkeit. Duclos' Widerstand beweist es unwiderleglich. Möge es glauben, wer da wolle, daß es Freundschaft gewesen sei.

Diese vorgebliche Freundschaft war mir innerhalb des Hauses eben so verderblich wie außerhalb desselben. Die langen und zahlreichen Unterredungen mit Frau Le Vasseur hatten diese Frau seit mehreren Jahren merklich gegen mich verändert, und diese Veränderung war mir sicherlich nicht günstig. Was besprachen sie denn bei diesen sonderbaren Zusammenkünften? Weshalb dieses tiefe Geheimnis? War denn die Unterhaltung mit dieser alten Frau so angenehm, um jede Gelegenheit dazu wahrzunehmen, und so wichtig, um sie in ein so tiefes Geheimnis zu hüllen? Während der drei oder vier Jahre, daß diese Zwiegespräche dauerten, waren sie mir lächerlich vorgekommen; als ich jetzt wieder ihrer gedachte, fing ich mich darüber zu wundern an. Dieses Wundern wäre bis zur Unruhe gestiegen, hätte ich schon damals gewußt, welche Veranstaltungen diese Frau gegen mich traf.

Trotz des vergeblichen Eifers für mich, mit dem sich Grimm nach außen hin brüstete, und der sich mit dem Tone, den er mir gegenüber annahm, schwer vereinigen ließ, kam mir von keiner Seite etwas von ihm zu, das mir zum Vortheil gereicht hätte, und seine heuchlerische Theilnahme für mich hatte weit weniger den Zweck, mir zu dienen, als mich zu erniedrigen. So weit es in seiner Macht lag, nahm er mir sogar die Einnahmen aus dem Geschäfte, das ich mir gewählt hatte, indem er mich als schlechten Abschreiber ausschrie; allerdings sagte er darin die Wahrheit, aber es war nicht seine Sache, sie zu sagen. Dadurch daß er sich eines andern Abschreibers bediente und mir keinen Kunden ließ, den er mir abspenstig machen konnte, bewies er, daß es ihm nicht Scherz war. Man hätte meinen sollen, sein Plan wäre gewesen, mich von ihm und seinem Credit zu meinem Unterhalte abhängig zu machen und mir, bis ich so weit herabgekommen wäre, die Quellen desselben abzuschneiden.

Alles dies zusammengenommen brachte endlich meine Vernunft dahin, meiner alten Voreingenommenheit, die noch immer sprach, Schweigen zu gebieten. Ich hielt seinen Charakter wenigstens für sehr verdächtig und was seine Freundschaft anlangte, so war sie meines Erachtens falsch. In Folge dessen entschlossen, ihn nicht mehr zu sehen, setzte ich Frau von Epinay von dieser Absicht in Kenntnis, indem ich meinen Entschluß auf mehrere unwiderlegliche Thatsachen gründete, die ich jetzt jedoch vergessen habe.

Sie bekämpfte diesen Entschluß heftig, ohne gegen die Gründe, auf welche er sich stützte, etwas Bestimmtes anführen zu können. Sie hatte sich mit ihm noch nicht besprochen; am nächsten Tage überreichte sie mir aber, anstatt sich mündlich mir gegenüber zu erklären, einen sehr geschickt abgefaßten und von ihnen gemeinschaftlich entworfenen Brief, in welchem sie ihn, ohne auf die einzelnen Thatsachen einzugehen, durch seinen verschlossenen Charakter rechtfertigte und indem sie meinen Verdacht seiner Treulosigkeit gegen einen Freund mir als ein Verbrechen auslegte, mich zur Versöhnung mit ihm aufforderte. Dieser Brief machte mich schwankend. In einer Unterredung, die wir darauf hatten und in der ich sie besser als das erste Mal vorbereitet fand, ließ ich mich vollends besiegen. Ich kam dahin zu glauben, daß ich falsch geurtheilt haben könnte und daß ich in diesem Falle einem Freunde wirklich schweres Unrecht zugefügt hätte, das ich wieder gut machen müßte. Kurz, wie ich schon Diderot und dem Baron Holbach gegenüber halb aus gutem Willen, halb aus Schwäche gethan hatte, so ließ ich mich auch diesmal wieder zu einem freundlichen Entgegenkommen verleiten, welches ich mit Recht hätte verlangen können. Ich ging wie ein zweiter George Dandin, um mich bei ihm wegen der Beleidigungen, die er mir zugefügt hatte, zu entschuldigen, immer in der falschen Ueberzeugung, die mich mein Lebenlang zu tausend Demüthigungen vor meinen falschen Freunden getrieben hat, daß es keinen Haß gebe, den man nicht durch Sanftmuth und freundliches Benehmen entwaffnen könne; während im Gegentheile der Haß der Bösen durch die Unmöglichkeit, einen Grund zu ihm zu finden, nur noch mehr zunimmt, und das Gefühl ihrer eigenen Ungerechtigkeit nur eine neue Quelle ihres Hasses wird. Meine eigene Geschichte giebt mir einen sehr starken Beweis für die Richtigkeit dieses Axioms an Grimm und Tronchin, die beide aus reiner Lust, Laune und Vergnügen meine unversöhnlichsten Feinde geworden sind, ohne auch nur das geringste Unrecht irgend einer Art, das ich je einem von ihnen Ich habe letzterem später den Beinamen »Gaukler« erst lange nach seiner erklärten Feindschaft und den blutigen Verfolgungen, die er in Genf und anderswo gegen mich erregt hatte, beigelegt. Ich habe diesen Namen sogar bald wieder zurückgenommen, als ich mich völlig als sein Opfer erblickte. Niedrige Rache ist meines Herzens unwürdig, und der Haß faßt in ihm nie festen Fuß. zugefügt hätte, angeben zu können, und deren Wuth wie die der Tiger durch die Leichtigkeit ihrer Befriedigung von Tage zu Tage wächst.

Ich erwartete, daß mich Grimm, von meiner Nachgiebigkeit und meinem Entgegenkommen beschämt, mit offenen Armen, mit zärtlichster Freundschaft empfangen würde. Er empfing mich wie ein römischer Kaiser mit einem Dünkel, wie ich ihn nie bei jemandem gesehen hatte. Auf eine solche Aufnahme war ich keineswegs vorbereitet. Als ich in der Verlegenheit über eine für mich so wenig geschaffene Rolle auf den Gegenstand, der mich zu ihm führte, mit wenigen Worten und schüchterner Miene gekommen war, hielt er mir, bevor er mich wieder in Gnaden aufnahm, mit vieler Majestät eine lange Rede, auf die er sich vorbereitet hatte und in der er sich in ausführlicher Aufzählung über seine seltenen Tugenden und vor allem in der Freundschaft verbreitete. Er hob dabei lange einen Umstand hervor, der mir anfangs sehr auffiel, nämlich daß man stets sehen würde, wie er sich dieselben Freunde bewahre. Während er sprach, sagte ich mir ganz leise, daß es für mich sehr schmerzlich sein müßte, von dieser Regel die einzige Ausnahme zu bilden. Er kam so oft und mit so großer Absichtlichkeit darauf zurück, daß der Gedanke in mir aufstieg, er würde, wenn er hierin nur dem Gefühle seines Herzens folgte, auf diesen Grundsatz weniger Gewicht legen, und schiene es als einen Kunstgriff anzuwenden, um sie als Mittel zu seinem Zwecke, sich emporzuschwingen, zu benutzen. Bisher war ich im gleichen Falle gewesen, ich hatte mir stets meine sämmtlichen Freunde bewahrt; seit meiner zartesten Kindheit hatte ich, wenn nicht etwa durch den Tod, keinen einzigen verloren, und gleichwohl hatte ich nie Betrachtungen darüber angestellt; ich hatte mir eben keinen Grundsatz daraus gemacht. Da es ein uns beiden gemeinsamer Ruhm war, weshalb bildete er sich ganz besonders etwas darauf ein, wenn nicht, weil er schon im voraus daran dachte, ihn mir zu rauben? Hierauf ließ er es sich angelegen sein, mich durch die Beweise der Bevorzugung zu demüthigen, die ihm unsere gemeinsamen Freunde vor mir an den Tag legten. Diese Bevorzugung kannte ich eben so wohl wie er; es fragte sich nur, mit welchem Rechte er sie erlangt hatte, ob wegen seines Verdienstes oder wegen seiner Geschicklichkeit in seiner Selbstverherrlichung und in seinem Trachten nach meiner Erniedrigung. Als er nun in so huldvoller Weise die ganze Kluft zwischen ihm und mir ausgemalt hatte, die der Gnade, die er mir zu erweisen geruhen wollte, erst den vollen Werth verleihen konnte, bewilligte er mir endlich den Friedenskuß in einer leichten Umarmung, die dem Ritterschlage glich, welchen der König den neuen Rittern ertheilt. Ich fiel aus den Wolken, ich war vor Erstaunen ganz fort, ich wußte nicht, was ich sagen sollte, ich fand nicht ein Wort. Der ganze Auftritt hatte das Aussehen eines Verweises, welchen ein Lehrer seinem Schüler ertheilt, wenn er ihm die Ruthe schenken will. Ich denke nie daran, ohne mir dessen bewußt zu sein, wie trügerisch doch die sich auf den äußern Schein gründenden Urtheile sind, auf die der gemeine Mann so großen Werth legt, und wie oft sich Dreistigkeit und Stolz auf Seiten des Schuldigen, Scham und Verlegenheit aber auf Seiten des Unschuldigen findet.

Wir waren wieder versöhnt; dies war immer ein Trost für mein Herz, das jeder Streit in tödtliche Angst versetzt. Man sagt sich wohl selbst, daß eine solche Versöhnung sein Betragen nicht veränderte; er nahm mir lediglich das Recht, mich zu beklagen. Auch entschloß ich mich, alles zu erdulden und nichts mehr zu sagen.

So viel Verdrießlichkeiten Schlag auf Schlag versenkten mich in eine Erschlaffung, die mir nicht die Kraft ließ, die Herrschaft über mich selbst wieder zu gewinnen. Ohne Antwort von Saint-Lambert, vernachlässigt von Frau von Houdetot, begann ich, da ich mich niemandem anzuvertrauen wagte, zu fürchten, daß ich durch Erhebung der Freundschaft zu dem Abgotte meines Herzens mein Leben damit vergeudet hätte, einem Trugbilde nachzujagen. Wenn ich die Probe machte, blieben mir von all meinen Freundschaftsverhältnissen nur zwei Männer, die sich meine ganze Achtung bewahrt hatten, und denen mein Herz sein Vertrauen schenken konnte: Duclos, den ich seit meinem einsamen Leben auf der Eremitage aus dem Gesicht verloren hatte, und Saint-Lambert. Mein Unrecht gegen letzteren glaubte ich nur dadurch vollkommen wieder gut machen zu können, daß ich ihm mein Herz rückhaltlos ausschüttete, und ich beschloß ihm ein offenes Bekenntnis abzulegen, so weit es seine Geliebte nicht bloßstellte. Ich zweifle nicht, daß dieser Schritt noch immer ein Fallstrick meiner Leidenschaft war, um wieder eine Annäherung an sie herbeizuführen; aber so viel ist gewiß, daß ich mich rückhaltlos in die Arme ihres Geliebten geworfen, daß ich mich völlig unter seine Leitung gestellt und die Offenheit so weit getrieben haben würde, wie sie nur gehen konnte. Ich war bereit, einen zweiten Brief an ihn zu schreiben, auf welchen ich, wie ich überzeugt war, Antwort erhalten hätte, als ich den traurigen Grund seines Schweigens auf den ersten vernahm. Er hatte die Anstrengungen dieses Feldzuges nicht bis zu Ende aushalten können. Frau von Epinay benachrichtigte mich, daß er einen Anfall von Lähmung gehabt hätte, und Frau von Houdetot, die in ihrem Kummer endlich selbst krank wurde und außer Stande war, augenblicklich an mich zu schreiben, theilte mir zwei oder drei Tage später von Paris aus, wo sie sich damals aufhielt, mit, daß er sich nach Aachen bringen ließe, um dort Bäder zu nehmen. Ich will nicht behaupten, daß mich diese traurige Nachricht eben so wie sie betrübte, allein ich zweifle, ob das Herzeleid, mit dem sie mich erfüllte, weniger schmerzlich war als ihre Trauer und ihre Thränen. Der Kummer, ihn in diesem Zustande zu wissen, noch durch die Furcht erhöht, daß die Unruhe dazu beigetragen haben könnte, ihn in denselben zu versetzen, rührte mich mehr als alles, was mir bisher widerfahren war, und ich fühlte schmerzlich, daß es mir in meiner Selbstachtung an der Kraft gebrach, die ich nöthig hatte, um so viel Herzeleid zu ertragen. Zum Glück ließ mich dieser edelmüthige Freund nicht lange in dieser Niedergeschlagenheit; trotz seines Anfalls vergaß er mein nicht und säumte nicht, mich persönlich davon zu benachrichtigen, daß ich mich hinsichtlich seiner Gesinnung wie seines Zustandes zu ängstlichen Befürchtungen hingegeben hätte. Aber es ist Zeit, zu dem großen Umschwunge meines Schicksals zu kommen, zu der Katastrophe, die mein Leben in zwei so verschiedene Theile getheilt und aus einer so unbedeutenden Ursache so furchtbare Wirkungen hervorgerufen hat.

Eines Tages, als ich an nichts weniger dachte, ließ mich Frau von Epinay durch einen Boten holen. Beim Eintreten gewahrte ich an ihren Augen und an ihrer ganzen Haltung etwas Verlegenes, was mir um so auffallender erschien, als ein derartiges Benehmen bei ihr höchst ungewöhnlich war, da niemand in der Welt sein Gesicht und seine Bewegungen besser zu beherrschen verstand als gerade sie. »Mein Freund,« sagte sie, »ich reise nach Genf; ich leide sehr an der Brust; meine Gesundheit ist bis zu dem Grade angegriffen, daß ich mich durch nichts andres darf abhalten lassen und Tronchin aufsuchen und um Rath fragen muß.« Dieser so plötzlich und noch dazu beim Eintritt der schlechten Jahreszeit gefaßte Entschluß überraschte mich um so mehr, als ich sie erst vor sechsunddreißig Stunden verlassen hatte, ohne daß davon die Rede gewesen wäre. Ich fragte sie nach ihrer Begleitung. Sie erwiderte, sie würde ihren Sohn nebst Herrn von Linant mitnehmen, und dann bemerkte sie nachlässig: »Und Sie, mein Bär, werden Sie nicht auch mitkommen?« Da ich nicht glaubte, daß sie im Ernste spräche, weil sie wußte, daß ich in der beginnenden Jahreszeit kaum fähig war, mein Zimmer zu verlassen, so scherzte ich darüber, wie ersprießlich es wäre, wenn ein Kranker den andern begleitete; sie schien auch selbst den Vorschlag nicht ernstlich gemeint zu haben, und es war nicht weiter die Rede davon. Wir sprachen nur noch von ihren Reisevorbereitungen, mit denen sie sich mit großer Lebhaftigkeit beschäftigte, da sie schon in vierzehn Tagen abzureisen gedachte.

Ich bedurfte nicht großen Scharfsinnes, um zu begreifen, daß diese Reise durch einen geheimen Beweggrund, den man mir verschwieg, veranlaßt wurde. Dieses Geheimnis, welches im ganzen Hause nur für mich vorhanden war, wurde schon am folgenden Tage von Therese entdeckt, der es Teissier, der Haushofmeister, der es durch die Kammerfrau erfuhr, offenbarte. Obgleich ich dieses Geheimnis nicht zu verschweigen verpflichtet bin, da es mir nicht von Frau von Epinay anvertraut wurde, so steht es doch mit andern, die ich von ihr selbst erfuhr, in zu engem Zusammenhange, als daß ich es von ihnen trennen könnte, ich werde deshalb über diesen Punkt schweigen. Aber diese Geheimnisse, die weder meinem Mund noch meiner Feder je entschlüpft sind noch je entschlüpfen werden, sind zu vielen Leuten bekannt gewesen, um nicht die ganze Umgebung der Frau von Epinay zu Mitwissern zu haben.

Ueber den wahren Beweggrund dieser Reise unterrichtet, würde ich in dem Versuche, mich zum Ehrenhüter der Frau von Epinay zu machen, den geheimen Antrieb einer feindlichen Hand erkannt haben; aber sie hatte so wenig Gewicht darauf gelegt, daß ich dabei blieb, diesen Versuch nicht als Ernst zu betrachten, und ich lachte nur über die schöne Figur, die ich dabei gespielt hätte, wäre ich so thöricht gewesen, diese Rolle zu übernehmen. Uebrigens brachte ihr meine Weigerung großen Vortheil, denn es gelang ihr, ihren Mann zu bewegen, ihr Reisebegleiter zu werden.

Einige Tage darauf erhielt ich von Diderot das Billet, welches ich hier mittheilen will. Dieses nur einmal und noch dazu in der Weise zusammengelegte Billet, daß der ganze Inhalt ohne Mühe gelesen werden konnte, wurde an mich unter der Adresse der Frau von Epinay gesandt und Herrn von Linant, dem Erzieher des Sohnes und dem Vertrauten der Mutter zur Einhändigung an mich übergeben.

Billet Diderots. (Heft A, Nr. 52.)

»Ich bin geschaffen, um Sie zu lieben und Ihnen Kummer zu bereiten. Ich vernehme, daß Frau von Epinay nach Genf reist, und höre nicht sagen, daß Sie sie begleiten. Mein Freund, im Frieden mit Frau von Epinay müssen Sie mit ihr reisen, im Unfrieden müssen Sie noch viel eher reisen. Fühlen Sie sich von der Last der Verpflichtungen, die Sie ihr gegenüber haben, zu Boden gedrückt, so haben Sie hier eine Gelegenheit, einen Theil derselben abzutragen und sich zu erleichtern. Werden Sie in Ihrem Leben eine andere Gelegenheit finden, ihr Ihre Dankbarkeit zu bezeugen? Sie begiebt sich in ein Land, wo sie wie aus den Wolken gefallen sein wird. Sie ist krank: sie wird Vergnügen und Zerstreuung bedürfen. Der Winter! Ei ja, mein Freund. Der Einwand Ihrer Gesundheit kann in der That weit gewichtiger sein, als er mir vorkommt. Aber sind Sie heute leidender, als Sie vor einem Monate waren und beim Beginn des Frühlings sein werden? Werden Sie die Reise nach drei Monaten unter günstigeren Umständen machen als jetzt? Ich für meine Person gestehe Ihnen, könnte ich es im Wagen nicht ertragen, würde ich einen Stock nehmen und ihr zu Fuß folgen. Und befürchten Sie nicht ferner, daß man Ihr Verhalten falsch auslege? Man wird Sie entweder der Undankbarkeit oder eines andren geheimen Beweggrundes verdächtigen. Ich weiß wohl, daß Sie, was Sie auch thun mögen, immer das Zeugnis Ihres guten Gewissens für sich haben werden. Allein reicht ein solches Zeugnis allein aus, und ist es gestattet, das der übrigen Menschen bis zu einem gewissen Grade zu vernachlässigen? Uebrigens, mein Freund, habe ich es für meine Pflicht gegen Sie wie gegen mich gehalten, Ihnen dieses Billet zu schreiben. Mißfällt es Ihnen, so werfen Sie es ins Feuer, und möge dann nicht mehr die Rede davon sein, als wäre es nie geschrieben. Ich grüße Sie, liebe Sie und umarme Sie.«

Das zornige Erbeben, die ohnmächtige Wuth, die sich meiner bei der Lectüre dieses Billets bemächtigten und sie mir kaum zu vollenden erlaubten, hinderten mich nicht, die Geschicklichkeit wahrzunehmen, mit der Diderot einen sanfteren, einschmeichelnderen, freundlicheren Ton anschlug, als in allen seinen Briefen, in denen er mich höchstens »mein Lieber« titulirte, ohne sich je herabzulassen, mir den Freundesnamen zu geben. Ich erkannte leicht die unreine Quelle dieses Billets, dessen Aufschrift, Form und Bestellung den Umweg sogar ziemlich ungeschickt verdeckten; denn wir schrieben uns gewöhnlich durch die Post oder durch den regelmäßigen Boten von Montmorency, und dies war das erste und einzige Mal, daß er sich dieses Weges bediente.

Als das erste Aufbrausen meiner Entrüstung mir zu schreiben erlaubte, entwarf ich schnell folgende Antwort an ihn, die ich augenblicklich von der Eremitage, wo ich damals war, nach der Chevrette hintrug, um sie Frau von Epinay zu zeigen, der ich sie in meinem blinden Zorn eben so wie Diderots Billet selbst vorlesen wollte.

»Mein werther Freund, Sie können weder wissen, wie groß die Verpflichtungen sind, die ich gegen Frau von Epinay habe, noch bis zu welchem Punkte sie mich binden, können nicht wissen, ob sie meiner wirklich auf ihrer Reise bedarf, ob sie meine Begleitung wünscht, ob es mir möglich ist, die Reise zu unternehmen, und welche Gründe ich habe, von ihr abzustehen. Ich lehne eine Besprechung über alle diese Punkte mit Ihnen nicht ab; bis dahin müssen Sie mir aber eingestehen, daß Ihre mir so bestimmt ertheilten Vorschriften über mein Verhalten, noch ehe Sie sich in den Stand gesetzt haben, sich darüber ein Urtheil zu bilden, nach einer starken Dosis Leichtsinn schmecken, mein werther Philosoph. Noch schlimmer ist dabei meine Wahrnehmung, daß Ihr Rath gar nicht von Ihnen kommt. Abgesehen davon, daß ich wenig Lust empfinde, mich unter Ihrem Namen von dem Dritten und Vierten leiten zu lassen, finde ich bei all diesen Angriffen gewisse Winkelzüge, die mit Ihrem Freimuth nichts gemein haben und deren Sie in Zukunft wohl thun werden, sich um Ihretwillen wie um meinetwillen zu enthalten.

»Sie befürchten, daß man mein Betragen falsch auffassen könne; aber ich traue es einem Herzen wie dem Ihrigen nicht zu, daß es die Dreistigkeit besitzt, von dem meinigen schlecht zu denken. Andere würden vielleicht besser von mir reden, wenn ich ihnen mehr gliche. Gott möge mich vor ihrem Beifalle bewahren! Mögen mich die Bösen belauschen und bekritteln: Rousseau ist nicht der Mann, sie zu fürchten, und Diderot nicht der, auf sie zu hören.

»Wenn mir Ihr Billet mißfallen hat, soll ich es nach Ihrem Verlangen in das Feuer werfen, und es soll nicht mehr die Rede davon sein. Denken Sie, daß man das, was von Ihnen kommt, so vergißt? Mein Lieber, Sie schlagen bei dem Leid, das Sie mir bereiten, meine Thränen eben so gering an, wie mein Leben und meine Gesundheit bei Ihrem Rathe dafür zu sorgen. Wenn Sie sich hierin bessern könnten, würde mir Ihre Freundschaft noch angenehmer sein, und ich wäre weniger zu beklagen.«

Als ich in Frau von Epinay's Zimmer trat, fand ich Grimm bei ihr und war darüber entzückt. Ich las ihnen meine beiden Briefe mit lauter und klarer Stimme und mit einer Unerschrockenheit vor, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte, und fügte am Schlusse noch einige Reden hinzu, die mit ihr völlig im Einklange standen. Bei dieser unerwarteten Kühnheit eines für gewöhnlich so blöden Menschen sah ich sie beide entsetzt, bestürzt, sprachlos; ich sah namentlich jenen anmaßenden Menschen die Augen zu Boden schlagen und nicht wagen, meine funkelnden Blicke auszuhalten. Aber in demselben Augenblicke schwur er in der Tiefe seines Herzens meinen Untergang, und ich bin überzeugt, daß sie ihn verabredeten, ehe sie sich trennten.

Ungefähr um diese Zeit erhielt ich durch Frau von Houdetot endlich Lamberts Antwort (Heft A, Nr. 57), noch aus Wolfenbüttel wenige Tage nach seinem Anfalle datirt, auf meinen Brief, der sich unterwegs lange aufgehalten hatte. Diese Antwort brachte mir einen Trost, den ich in jenem Augenblicke sehr nöthig hatte, durch die Erweisungen von Achtung und Freundschaft, von denen sie voll war, und die mir den Muth und die Kraft einflößten, sie zu verdienen. Von diesem Augenblicke an that ich meine Pflicht; aber es steht fest, daß ich, wenn sich Saint-Lambert als einen weniger verständigen, weniger edelmüthigen, weniger ehrenwerthen Mann gezeigt hätte, rettungslos verloren gewesen wäre.

Die Jahreszeit wurde schlecht, und man fing an das Land zu verlassen. Frau von Houdetot gab mir den Tag an, an dem sie von dem Thale Abschied zu nehmen gedachte, und setzte mir eine Zusammenkunft unter vier Augen in Eaubonne fest. Zufälligerweise war dieser Tag der nämliche, an welchem Frau von Epinay die Chevrette verließ, um in Paris die Vorbereitungen zu ihrer Reise zu beenden. Zum Glück reiste sie am Morgen ab, und ich hatte, als ich von ihr geschieden, noch Zeit, bei ihrer Schwägerin rechtzeitig zum Mittagbrot zu erscheinen. Ich hatte Saint-Lamberts Brief in meiner Tasche; ich las ihn während der Wanderung mehrere Male. Dieser Brief diente mir als Aegide gegen meine Schwäche. Ich faßte den Entschluß und blieb ihm treu, in Frau von Houdetot nur meine Freundin und die Geliebte meines Freundes zu erblicken, und ich verlebte die vier oder fünf Stunden des Zusammenseins mit ihr in einer seligen Ruhe, die selbst hinsichtlich des Genusses unendlich schöner war, als jene glühenden Fieberschauer, die ich bis dahin an ihrer Seite empfunden hatte. Da sie allzu wohl wußte, daß sich mein Herz nicht geändert hatte, war sie für die Mühe dankbar, die ich mir zu meiner Selbstüberwindung gegeben hatte; sie schätzte mich desto höher, und ich bemerkte mit Freuden, daß ihre Freundschaft für mich nicht erloschen war. Sie theilte mir Saint-Lamberts nahe bevorstehende Rückkehr mit, der, wenn auch von seinem Anfalle ziemlich wieder hergestellt, doch nicht mehr im Stande war, die Beschwerden des Krieges auszuhalten und den Abschied nahm, um fortan ruhig in ihrer Nähe zu leben. Wir entwarfen den bezaubernden Plan eines innigen freundschaftlichen Umgangs unter uns dreien, und wir konnten der Ausführung dieses Vorhabens Dauer versprechen, da alle Gesinnungen, welche fühlende und ehrliche Herzen verbinden können, die Grundlage dazu bildeten, und wir in uns dreien hinreichende Talente und Kenntnisse vereinigten, um uns selbst zu genügen und keiner fremden Beihilfe zu bedürfen. Ach, als ich mich der Hoffnung auf ein so süßes Leben überließ, dachte ich nicht an das, welches meiner schon wartete.

Wir sprachen darauf von meiner gegenwärtigen Stellung Frau von Epinay gegenüber. Ich zeigte ihr Diderots Brief nebst meiner Erwiderung. Ich setzte ihr alles, was in Beziehung hierauf vorgefallen war, ausführlich auseinander und sagte ihr, daß ich entschlossen wäre, die Eremitage zu verlassen. Sie widersetzte sich dem lebhaft und noch dazu mit Gründen, gegen die mein Herz widerstandslos war. Sie bezeugte mir, wie sehr sie gewünscht hätte, daß ich die Genfer Reise mitgemacht, daß sie voraussähe, daß man nicht ermangeln würde, ihr meine Weigerung zur Last zu legen, was Diderots Brief wirklich anzudeuten schien. Da sie indessen meine Gründe eben so gut wie ich selbst kannte, suchte sie nicht bestimmend auf mich einzuwirken, beschwor mich aber um jeden Preis alles Aufsehen zu vermeiden und meine Weigerung auf leidlich scheinbare Gründe zurückzuführen, um jeden ungerechten Verdacht, der sie treffen könnte, fern zu halten. Ich sagte ihr, daß sie keine leichte Aufgabe von mir verlangte, daß ich aber, entschlossen, mein Unrecht selbst auf Kosten meines Rufes zu sühnen, soweit es meine Ehre irgend zuließe, für die Fleckenlosigkeit des ihrigen stets zuerst eintreten würde. Man wird bald erkennen, ob ich dieses Versprechen zu erfüllen gewußt habe. Statt daß meine unglückselige Leidenschaft etwas von ihrer Stärke verloren gehabt hätte, liebte ich, ich kann es beschwören, meine Sophie nie so lebhaft, nie so zärtlich wie an jenem Tage. So groß war aber der Eindruck, den Saint-Lamberts Brief, das Gefühl der Pflicht und der Abscheu vor der Treulosigkeit auf mich ausübten, daß mich während dieses ganzen Zusammenseins meine Sinne an ihrer Seite vollkommen in Ruhe ließen und ich mich nicht einmal versucht fühlte, ihr die Hand zu küssen. Bei meinem Aufbruche küßte sie mich in Gegenwart ihrer Leute. Dieser Kuß, so verschieden von denen, die ich ihr mitunter im Walde geraubt hatte, war mir Bürge dafür, daß ich die Herrschaft über mich selbst wiedergewonnen hatte. Wäre meinem Herzen Zeit gegönnt gewesen, sich im Stillen zu sammeln, so bin ich fast sicher, daß ich nicht drei Monate zu meiner völligen Genesung bedurft hätte.

Hier endet mein persönliches Verhältnis zu Frau von Houdetot, ein Verhältnis, über dessen Charakter sich ein jeder je nach der Natur seines eigenen Herzens hat ein Urtheil bilden können, bei dem aber die Leidenschaft, die mir diese liebenswürdige Frau einflößte, vielleicht die heftigste Leidenschaft, die je ein Mann empfunden hat, der Tugend und uns um der seltenen und schmerzlichen Opfer willen, die wir beide der Pflicht, der Ehre, der Liebe und der Freundschaft brachten, zur Ehre gereichen wird. Wir hatten uns gegenseitig in unsern Augen zu sehr erhoben, um uns leicht erniedrigen zu können. Man müßte jeglicher Achtung unwerth sein, um sich entschließen zu können, eine so werthvolle zu verlieren, und selbst die Stärke der Gefühle, die uns hätte strafbar machen können, verhinderte uns gerade, es zu werden.

Auf diese Weise nahm ich nach einer so langen Freundschaft für die eine dieser beiden Frauen und nach einer so leidenschaftlichen Liebe für die andere von ihnen an einem und demselben Tage getrennt Abschied, von der einen, um sie im Leben nie wiederzusehen, von der andern, um sie nur noch zweimal bei Gelegenheiten wiederzusehen, deren ich später erwähnen werde.

Nach ihrer Abreise fand ich mich in einer großen Verlegenheit, um so viele dringende und sich widersprechende Pflichten, die Folgen meiner Unklugheit, zu erfüllen. Wäre ich nach dem Vorschlage und der Ablehnung dieser Genfer Reise in meinem natürlichen Zustande gewesen, so brauchte ich nur ruhig zu bleiben, und alles war damit gesagt. Thörichterweise hatte ich die Sache an die große Glocke gehängt, so daß sie auf der Stufe, auf der sie sich befand, nicht bleiben durfte, und ich konnte mich jeder weitern Erklärung nur dadurch entziehen, daß ich die Eremitage verließ. Nun hatte ich aber der Frau von Houdetot versprochen, es nicht zu thun, wenigstens nicht augenblicklich. Noch mehr: sie hatte verlangt, daß ich meine Weigerung mitzureisen bei meinen vorgeblichen Freunden entschuldigen sollte, damit man ihr nicht die Schuld zur Last legte. Gleichwohl konnte ich den wahren Grund nicht geltend machen, ohne Frau von Epinay, der ich doch nach allem, was sie für mich gethan hatte, sicherlich Dankbarkeit schuldig war, zu kränken. Alles wohl erwogen, blieb mir nur die schmerzliche, aber unvermeidliche Wahl, entweder Frau von Epinay oder Frau von Houdetot oder mir selbst wehe zu thun, und ich entschloß mich zu dem Letztern. Ich ging dabei offen, rückhaltslos, ohne Winkelzüge und mit einem Edelmuthe zu Werke, der mich fürwahr von den Fehlern zu reinigen verdiente, die mich zu diesem Aeußersten gezwungen hatten. Dieses Opfer, das meine Feinde zu benutzen verstanden und vielleicht erwartet hatten, hat meinen Ruf zu Grunde gerichtet und mir auf ihr Anstiften die öffentliche Achtung geraubt, mir aber dafür meine eigene zurückgegeben und mich in meinem Unglück getröstet. Und wie man sehen wird, habe ich solche Opfer weder zum letzten Male gebracht, noch hat man sich ihrer zum letzten Male bedient, um mich zu Boden zu drücken.

Grimm war der Einzige, der an dieser Angelegenheit keinen Antheil genommen zu haben schien, und deshalb beschloß ich, mich an ihn zu wenden. Ich schrieb einen langen Brief an ihn, in welchem ich ihm die Lächerlichkeit, mir diese Genfer Reise zur Pflicht machen zu wollen, sowie die Nutzlosigkeit und sogar Verlegenheit auseinandersetzte, die ich auf ihr für Frau von Epinay gewesen sein würde; zugleich beschrieb ich die Unannehmlichkeiten, die mir selbst daraus erwachsen wären. In diesem Briefe widerstand ich nicht der Versuchung, durchblicken zu lassen, daß ich vollkommen unterrichtet war, und daß es mir sonderbar erschiene, wenn man behauptete, ich wäre zu dieser Reise verpflichtet, während er selbst sich von ihr frei machte und man seiner gar nicht Erwähnung thäte. Da ich in diesem Briefe meine Gründe nicht frei heraussagen konnte und mich deshalb zu allerlei Ausflüchten gezwungen sah, würde er mir in der öffentlichen Meinung den Schein großen Unrechts gegeben haben, aber er war für Leute, welche wie Grimm mit den Dingen, die ich in ihm verschwieg und die meine Handlungsweise vollständig rechtfertigten, vertraut waren, ein Muster von Zurückhaltung und Klugheit. Ich scheute mich nicht einmal, ein Vorurtheil mehr gegen mich zu erwecken, indem ich Diderots Rath meinen anderen Freunden zuschrieb, um zu verstehen zu geben, daß Frau von Houdetot eben so gedacht hatte, wie es auch der Fall war, und verschwieg, daß sie auf meine Gründe hin ihre Ansicht geändert hatte. Ich konnte sie nicht besser von dem Verdachte reinigen, mit mir einverstanden gewesen zu sein, als wenn es den Anschein hatte, daß ich mit ihr in diesem Punkte unzufrieden war.

Dieser Brief schloß mit einem Acte des Vertrauens, von dem jeder andere Mensch gerührt worden wäre, denn indem ich Grimm aufforderte, meine Gründe zu erwägen und mir darauf seine Ansicht mitzutheilen, erklärte ich mich bereit, diesem Rathe zu folgen, wie er auch ausfallen möchte, und dies war wirklich meine Absicht, auch wenn er für meine Mitreise gestimmt hätte; denn da sich Herr von Epinay zum Begleiter seiner Frau auf dieser Reise aufgeworfen hatte, so erschien meine Begleitung dann in einem ganz andern Lichte, während man mir anfangs die Hauptaufgabe zugedacht hatte, und Herr von Epinay erst nach meiner Ablehnung in Frage kam.

Grimms Antwort ließ auf sich warten; sie war merkwürdig. Ich will sie hier wiedergeben (siehe Heft A, Nr. 59).

»Frau von Epinays Abreise ist aufgeschoben; ihr Sohn ist krank, und muß erst seine Genesung abgewartet werden. Ich werde über Ihren Brief nachdenken. Bleiben Sie ruhig auf Ihrer Eremitage. Ich werde Ihnen seiner Zeit meine Ansicht zugehen lassen. Da sie in den nächsten Tagen sicherlich noch nicht abreist, so hat es keine Eile. Inzwischen können Sie, wenn Sie es für zweckmäßig halten, Ihre Anerbieten an sie richten, obgleich mir dies noch immer ziemlich einerlei vorkommt. Denn da sie Ihre Lage eben so gut kennt wie Sie selbst, so zweifle ich nicht, daß sie auf Ihre Anerbietungen antwortet, wie sie muß, und meines Erachtens ist dabei nichts zu gewinnen, als daß Sie denen, die Sie drängen, sagen können: wenn Sie nicht gewählt seien, so liege die Schuld nicht daran, daß Sie sich nicht angeboten hätten. Uebrigens begreife ich nicht, weshalb Sie durchaus verlangen, daß der Philosoph das Sprachrohr für alle Welt sein soll, und weshalb Sie sich einbilden, daß, weil Sie nach seiner Ansicht mitreisen müssen, auch alle Ihre Freunde dasselbe Ansinnen an Sie stellen. Wenn Sie an Frau von Epinay schreiben, kann Ihnen ihre Antwort als Erwiderung für alle jene Freunde dienen, da es Ihnen so sehr am Herzen liegt, eine Entgegnung an dieselben zu richten. Leben Sie wohl; ich grüße Frau Le Vasseur und den Criminal.« Vater Le Vasseur, den seine Frau ein wenig straff hielt, nannte sie den Criminallieutenant. Grimm nannte die Tochter aus Scherz eben so und ließ später zur Abkürzung das zweite Wort fort.

Bei der Lectüre dieses Briefes von Erstaunen ergriffen, forschte ich unruhig, was er eigentlich besagen konnte, und fand nichts. Wie? Statt mir einfach auf mein Schreiben zu antworten, nimmt er sich Zeit darüber nachzudenken, als ob die, welche er sich bereits genommen, noch nicht dazu genügt hätte. Er weist mich sogar auf die Spannung hin, in der er mich erhalten will, als ob es sich um die Lösung eines tiefen Problems handelte, oder als ob es in seiner Absicht läge, mir jedes Mittel zu rauben, seine wirkliche Ansicht zu erkennen bis zu dem Augenblick, wo er sie mir erklären wollte. Was bedeuten denn diese Vorsichtsmaßregeln, diese Zögerungen, diese Heimlichkeiten. Erwidert man so das geschenkte Vertrauen? Zeigt sich in einem solchen Benehmen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit? Vergebens suchte ich nach einer günstigen Auslegung eines solchen Betragens; ich fand keine. Was auch immer seine Absicht sein mochte, seine Stellung erleichterte ihm, wenn er mir feindlich war, ihre Ausführung, ohne daß es mir in der meinigen möglich war, ihn daran zu hindern. Als Günstling in dem Hause eines großen Fürsten mit aller Welt bekannt und in unserm gemeinschaftlichen Gesellschaftskreise, dessen Orakel er war, den Ton angebend, konnte er mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit in aller Gemächlichkeit seine Maßregeln treffen, während mir, in meiner Eremitage einsam und allein, fern von allen, ohne jemandes Rath, ohne irgend eine Verbindung, nichts andres übrig blieb, als abzuwarten und mich ruhig zu verhalten. Ich schrieb deshalb lediglich an Frau von Epinay wegen der Krankheit ihres Sohnes einen so freundlichen Brief, wie er nur irgend sein konnte, in welchem ich jedoch nicht in die mir gelegte Schlinge ging, ihr meine Reisebegleitung anzubieten.

Nach Jahrhunderten des Wartens erfuhr ich in der schmerzlichen Ungewißheit, in welche mich dieser grausame Mensch versetzt hatte, ungefähr nach Verlauf von acht oder zehn Tagen, daß Frau von Epinay abgereist wäre, und ich erhielt von ihm einen zweiten Brief. Er enthielt nur sieben oder acht Zeilen, die ich nicht bis zu Ende las ... es war ein Bruch, aber in Worten, wie sie nur der teuflischste Haß einzugeben vermag, und die sogar über das Bestreben zu beleidigen einfältig wurden. Er verbot mir, ihn zu besuchen, wie ein Monarch den Besuch seiner Staaten verbieten würde. Man hätte seinen Brief, um über ihn lachen zu müssen, nur mit größerer Kaltblütigkeit zu lesen brauchen. Ohne ihn abzuschreiben, ohne ihn auch nur zu Ende zu lesen, sandte ich ihm denselben auf der Stelle mit folgendem Begleitschreiben zurück:

»Ich entschlug mich meines gerechten Mißtrauens; zu spät habe ich Sie völlig kennen gelernt.

»Sie erhalten anbei den Brief, den Sie sich die Muße genommen haben, nach gründlicher Ueberlegung abzufassen; ich sende ihn Ihnen zurück, für mich ist er nicht. Sie können den meinigen der ganzen Erde zeigen und mich offen hassen; dies wird von Ihrer Seite eine Falschheit weniger sein.«

Meine Erlaubnis, meinen vorhergehenden Brief zu zeigen, bezog sich auf eine Stelle in dem seinigen, aus der man über die unendliche Schlauheit, mit der er diese ganze Angelegenheit behandelte, urtheilen kann.

Wie bereits gesagt, konnte mir mein Brief in den Augen nicht eingeweihter Leute Blößen geben. Er begrüßte es mit Freuden; aber wie nun diesen Vortheil ausnutzen, ohne sich bloszustellen? Zeigte er diesen Brief, so setzte er sich dem Vorwurfe aus, mit dem Vertrauen seines Freundes Mißbrauch zu treiben.

Um aus dieser Verlegenheit zu kommen, nahm er sich vor, in möglichst herausfordernder Weise mit mir zu brechen und mir in seinem Briefe die Gnade zum Bewußtsein zu bringen, welche er mir damit erwies, den meinigen nicht zu zeigen. Er war vollkommen überzeugt, daß ich in der Entrüstung meines Zornes seine erheuchelte Verschwiegenheit zurückweisen und ihm gestatten würde, meinen Brief der ganzen Welt zu zeigen. Das war es gerade, was er wollte, und alles geschah, wie er geplant hatte. Er wies meinen Brief in Paris überall auf mit Erklärungen seiner eigenen Rache, die gleichwohl nicht all den Erfolg hatten, den er sich davon versprochen. Man fand nicht, daß ihn die mir entpreßte Erlaubnis, meinen Brief zu zeigen, von dem Tadel losspräche, mich so rücksichtslos beim Worte genommen zu haben, um mir zu schaden. Man fragte immer, welches persönliche Unrecht ich ihm zugefügt hätte, um zu einem so leidenschaftlichen Hasse zu berechtigen. Man fand endlich: selbst wenn ich ihn so gekränkt hätte, daß er sich zum Bruche genöthigt gesehen, so verliehe die Freundschaft doch auch nach ihrem Erlöschen noch immer Rechte, welche er hätte achten müssen. Aber leider ist Paris leichtfertig; dergleichen flüchtige Eindrücke gerathen in Vergessenheit; wer so unglücklich ist, abwesend zu sein, verliert sein Recht; das Spiel der Intrigue und der Bosheit geht ununterbrochen weiter und erneuert sich, und bald verwischt seine sich unaufhörlich wiederholende Wirkung alles, was vorangegangen ist.

So ließ denn dieser Mann, nachdem er mich so lange getäuscht hatte, endlich die Maske vor mir fallen, überzeugt, daß er sie bei der Lage, in die er die Dinge gebracht, nicht länger nöthig hatte. Befreit von der Besorgnis, gegen diesen Elenden ungerecht zu sein, überließ ich ihn seinem eigenen Herzen und hörte auf, an ihn zu denken. Acht Tage nach Empfang dieses Briefes erhielt ich von Frau von Epinay die aus Genf datirte Antwort auf meinen früheren (Heft B, Nr. 10). Aus dem Ton, den sie darin zum ersten Male in ihrem Leben gegen mich anschlug, erkannte ich, daß beide im Vertrauen auf den Erfolg ihrer Maßregeln in Übereinstimmung handelten, und daß sie sich, indem sie mich als einen rettungslos verlorenen Menschen betrachteten, von nun an ohne Gefahr dem Vergnügen überließen, mich vollends zu vernichten.

Meine Lage war wirklich sehr beklagenswerth. Ich sah, wie sich alle meine Freunde von mir entfernten, ohne daß es mir möglich war, das Wie oder das Warum zu erfahren. Diderot, der sich rühmte, mir allein treu zu bleiben, und mir seit drei Monaten einen Besuch versprach, erschien nicht. Der Winter begann sich fühlbar zu machen, und mit ihm stellten sich die Anfälle meiner gewöhnlichen Leiden ein. So kräftig meine Natur auch war, so hatte sie doch die Kämpfe so vieler einander widerstreitender Leidenschaften nicht aushalten können. Ich befand mich in einer Erschöpfung, die mir weder Kraft noch Muth zum Widerstand ließ. Wenn mein gegebenes Versprechen, wenn Diderots und der Frau von Houdetot fortwährende Vorstellungen mir gestattet hätten, in diesem Augenblicke die Eremitage zu verlassen, so würde ich weder gewußt haben wohin gehen noch wie mich fortschleppen. Ich blieb regungslos und fühllos, ohne handeln oder denken zu können. Der blose Gedanke daran einen Schritt zu thun, einen Brief zu schreiben, ein Wort zu sagen, ließ mich schaudern. Gleichwohl konnte ich den Brief der Frau von Epinay nicht unbeantwortet lassen, wollte ich mich nicht der Behandlung, die mir von ihr und ihrem Freunde zu Theil wurde, für würdig bekennen. Ich entschloß mich, sie von meinen Empfindungen und Entschlüssen in Kenntnis zu setzen, da ich keinen Augenblick zweifelte, daß sie sich aus Menschlichkeit, aus Edelmuth, aus Anstand und von den guten Gefühlen angetrieben, die ich trotz mancher bösen in ihr wahrzunehmen geglaubt hatte, beeifern würde, sie zu billigen. Mein Brief lautete:

Auf der Eremitage, den 23. Nov. 1757.

»Könnte man vor Kummer sterben, so würde ich nicht mehr leben. Aber endlich habe ich einen Entschluß gefaßt. Die Freundschaft zwischen uns ist erloschen, gnädige Frau; aber auch die, welche aufgehört hat, bewahrt noch Rechte, die ich zu achten weiß. Ich habe Ihre Güte gegen mich nicht vergessen, und Sie können von meiner Seite auf die ganze Erkenntlichkeit zählen, die man für den, welchen man nicht mehr lieben darf, haben kann. Jede anderweitige Auseinandersetzung würde unnöthig sein; ich habe mein Gewissen für mich und überlasse Sie dem Ihrigen.

»Ich habe die Eremitage verlassen wollen, und ich sollte es. Aber man behauptet, ich müßte noch bis zum Frühling hier bleiben, und da meine Freunde es wollen, werde ich noch bis zum Frühling hier bleiben, wenn Sie darauf eingehen.«

Nachdem dieser Brief geschrieben und abgesandt war, dachte ich nur daran, mich auf der Eremitage zu beruhigen, indem ich für meine Gesundheit sorgte und wieder zu Kräften zu kommen und Vorbereitungen zu treffen suchte, sie im Frühjahr still, ohne Aufsehen und ohne einen Bruch anzudeuten, zu verlassen. Dies stimmte aber, wie man alsbald sehen wird, nicht zu Grimms und Frau von Epinays Rechnung.

Einige Tage später hatte ich endlich die Freude, Diderots so oft versprochenen und bis jetzt unterlassenen Besuch zu erhalten. Er konnte nicht rechtzeitiger kommen; er war mein ältester Freund und fast der Einzige, der mir blieb. Man kann sich die Freude vorstellen, die ich unter solchen Umständen bei seinem Anblicke empfand. Mein Herz war übervoll, ich vertraute ihm alles an, was ich auf demselben hatte. Ich klärte ihn über viele Thatsachen auf, die man ihm verschwiegen, entstellt oder geradezu vorgeredet hatte. Ich unterrichtete ihn von allem Vorgefallenen, so weit mir die Mittheilung erlaubt war. Ich gab mir keine Mühe, ihm zu verschweigen, was er nur allzu gut wußte, daß nämlich eine eben so unglückliche wie unvernünftige Liebe das Werkzeug zu meinem Untergange gewesen wäre, aber ich gestand nie ein, daß Frau von Houdetot davon Kenntnis gehabt, oder wenigstens, daß ich sie ihr erklärt hätte. Ich erzählte ihm von den unwürdigen Kunstgriffen, die Frau von Epinay angewandt hatte, die sehr unschuldigen Briefe ihrer Schwägerin an mich aufzufangen. Ich wünschte, daß er die Einzelheiten aus dem Munde der Personen, welche sie zu verleiten gesucht hatte, selbst erführe. Therese gab ihm darüber genauen Aufschluß. Aber wie wurde mir, als an die Mutter die Reihe kam und ich sie erklären und betheuern hörte, daß sie nichts davon wüßte! Dies waren ihre eigenen Worte, und davon ist sie nie abgegangen. Es waren noch nicht vier Tage her, daß sie es mir selbst wiederholentlich erzählt hatte, und jetzt strafte sie mich in Gegenwart meines Freundes Lügen. Dieser Zug schien mir entscheidend, und ich empfand damals lebhaft meine Unklugheit, eine solche Frau so lange bei mir geduldet zu haben. Ich konnte mich nicht dazu verstehen, ihr Beleidigungen zu sagen; ich ließ mich kaum herab, einige Worte der Verachtung an sie zu richten. Ich war mir bewußt, was ich ihrer Tochter schuldig war, deren unerschütterliche Redlichkeit der Nichtswürdigkeit und Gemeinheit der Mutter gegenüber desto heller hervortrat. Aber seitdem war mein Entschluß hinsichtlich der Alten gefaßt, und ich wartete nur auf den Augenblick, ihn ausführen zu können.

Dieser Augenblick kam schneller, als ich gehofft hatte. Am zehnten December erhielt ich von Frau von Epinay die Antwort auf meinen letzten Brief. Sie lautete (Heft B, Nr. 11):

Genf, den 1. December 1757.

»Nachdem ich Ihnen mehrere Jahre lang alle möglichen Zeichen der Freundschaft und der Theilnahme gegeben habe, bleibt mir nur übrig, Sie zu beklagen. Sie sind sehr unglücklich. Ich wünsche, daß Ihr Gewissen eben so ruhig sein möge wie das meinige. Das dürfte zur Ruhe Ihres Lebens nöthig sein.

»Da Sie die Eremitage verlassen wollen und es für nöthig halten, so nimmt es mich Wunder, daß Ihre Freunde Sie zurückgehalten haben. Ich für meine Person befrage die meinigen nicht über meine Pflichten und habe Ihnen über die Ihrigen nichts mehr zu sagen.«

Eine so unvorhergesehene, aber so deutlich ausgesprochene Verabschiedung ließ mich nicht einen Augenblick schwanken. Ich mußte die Eremitage auf der Stelle verlassen, welche Witterung auch sein mochte, in welchem Zustande ich mich auch befand, sollte ich auch im Walde und auf dem Schnee, mit dem der Boden damals bedeckt war, schlafen müssen, und was auch immer Frau von Houdetot dagegen sagen und thun konnte; denn ich wollte ihr zwar in allem willfährig sein, aber nicht so weit, daß es mir zur Schande gereichte.

Ich befand mich in der furchtbarsten Verlegenheit, in der ich je gewesen bin, aber mein Entschluß war gefaßt; ich schwor, was sich auch immer ereignen möchte, in acht Tagen nicht mehr auf der Eremitage zu schlafen. Ich fing an, mein Hab und Gut fortzuschaffen, entschlossen, es lieber auf freiem Felde zu lassen, als die Schlüssel nicht bis zum achten Tage zurückzugeben, denn ich wünschte namentlich, daß alles abgemacht wäre, ehe man nach Genf schreiben und Antwort erhalten könnte. Mich beseelte ein Muth, wie ich ihn noch nie in mir gefühlt hatte; alle meine Kräfte waren zurückgekehrt. Ehre und Empörung erfüllten mich mit einer Stärke, auf welche Frau von Epinay nicht gerechnet hatte. Das Glück unterstützte meine Kühnheit. Herr Mathas, Fiscal des Prinzen von Condé, hörte von meiner Verlegenheit. Er ließ mir ein kleines Haus anbieten, welches er in seinem Garten zu Mont-Louis in Montmorency besaß. Ich ging eifrig und dankbar auf sein Anerbieten ein. Wir wurden über die Miethe bald einig; ich ließ zu den Möbeln, die ich schon hatte, schnell noch einige andere kaufen, um Therese und mich mit dem Nöthigsten zu versehen. Ich ließ meine Habseligkeiten mit großer Mühe und großen Kosten wegschaffen. Trotz Eis und Schnee wurde mein Umzug in zwei Tagen vollendet, und den 15. December gab ich die Schlüssel zur Eremitage zurück, nachdem ich dem Gärtner seinen Lohn ausgezahlt hatte, da ich meine Miethe nicht bezahlen konnte.

Der Frau Le Vasseur erklärte ich die Notwendigkeit unserer Trennung. Ihre Tochter wollte mich davon zurückbringen; ich war unbeugsam. Ich ließ sie in der Landkutsche nach Paris fahren und alle Sachen und Möbel mitnehmen, die sie mit ihrer Tochter gemeinschaftlich besaß. Ich gab ihr etwas Geld und verpflichtete mich, ihr bei ihren Kindern oder anderswo die Miethe zu bezahlen, nach besten Kräften für ihren Unterhalt zu sorgen und es ihr nie an Brot fehlen zu lassen, so lange ich selbst etwas haben würde.

Zuletzt schrieb ich am zweiten Tage nach meiner Ankunft zu Mont-Louis an Frau von Epinay folgenden Brief:

Montmorency, den 17. December 1757.

»Nichts ist so einfach und so nothwendig, gnädige Frau, als mich aus Ihrem Hause zu entfernen, wenn Sie mein längeres Dableiben nicht genehmigen. In Folge Ihrer Weigerung, mir zu gestatten, daß ich noch den Rest des Winters auf der Eremitage zubrächte, habe ich sie am 15. December verlassen. Mein Verhängnis wollte, daß ich sie wider meinen Willen bezog und in gleicher Weise von ihr schied. Ich danke Ihnen für den Aufenthalt daselbst, den Sie mir aufgedrungen haben, und ich würde Ihnen noch erkenntlicher dafür sein, wenn ich ihn weniger theuer bezahlt hätte. Uebrigens haben Sie Recht, mich für unglücklich zu halten. Niemand in der Welt weiß besser als Sie, wie sehr ich es sein muß. Wenn es ein Unglück ist, sich in der Wahl seiner Freunde zu täuschen, so ist es ein anderes, nicht weniger schmerzliches, von einem so süßen Irrthume zurückzukommen.«

Das ist die treue Berichterstattung über meinen Aufenthalt in der Eremitage und die Gründe, die mein Scheiden von dort veranlaßt haben. Es war mir unmöglich, aus dieser Erzählung etwas fortzulassen, und es war mir von Wichtigkeit, sie mit größter Genauigkeit bis zu Ende zu führen, da dieser Abschnitt meines Lebens auf die folgenden einen Einfluß gehabt hat, der sich bis zu meinem letzten Tage erstrecken wird.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.