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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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43. Kapitel

Am nächsten Tage überraschte Julian den Grafen Norbert und seine Schwester abermals, wie sie gerade von ihm sprachen. Bei seinem Erscheinen trat das nämliche Todesschweigen ein wie am Abend zuvor. Nunmehr war er grenzenlos mißtrauisch. »Sollten sich die sonst so liebenswürdigen jungen Menschen vorgenommen haben, mich lächerlich zu machen?« fragte sich Julian. »Ich muß gestehen, daß dies viel wahrscheinlicher und viel natürlicher wäre als die vermeintliche Leidenschaft des Fräuleins von La Mole für einen armen Schelm von Sekretär. Gibt es in diesen Leuten überhaupt Leidenschaften? Ist ihr Hauptvergnügen nicht vielmehr Spiel und Spott? Sie gönnen mir meine armselige theoretische Überlegenheit nicht. Eifersucht ist eine ihrer Schwächen. So erklärt sich alles. Fräulein von La Mole will mir einreden, daß sie mich gern habe, ganz einfach, um ihren Zukünftigen durch eine kleine Komödie zu belustigen ...«

Dieser qualvolle Verdacht änderte Julians inneren Zustand bis in den Grund und zerstörte mit Leichtigkeit die in seinem Herzen keimende Liebe. Sie verdankte ihre Lebenskraft lediglich Mathildens seltener Schönheit oder, genauer gesagt, ihrem hoheitsvollen Wesen und der erlesenen Art, sich zu kleiden. Insofern war Julian Emporkömmling. Eine hübsche Dame der großen Welt macht auf einen geistvollen Mann aus dem Volke, dem sich die ersten Gesellschaftskreise erschließen, immer den größten Eindruck. Es war durchaus nicht Mathildens Charakter, der Julian bis dahin bezaubert hatte. Er war vernünftig genug, einzusehen, daß er ihren Charakter überhaupt noch nicht kannte. Alles, was er davon zu sehen bekam, konnte immerhin nur Schein sein.

Beispielsweise hätte Mathilde um nichts in der Welt die Sonntagsmesse versäumt. Sie begleitete ihre Mutter fast alle Tage in die Kirche. Wenn im Hause La Mole irgendein Unvorsichtiger vergaß, wo er sich befand, und sich den geringsten Scherz über die wahren oder angeblichen Interessen von Thron und Altar erlaubte, so legte Mathilde sofort ein eisiges Wesen an den Tag. Ihr sonst so prickelnder Blick nahm plötzlich ganz und gar den gefühllosen Hochmut eines alten Ahnenbildes an.

Hinwiederum hatte sich Julian vergewissert, daß sie in ihrem Zimmer stets zwei oder drei philosophische Werke von Voltaire hatte. Er selbst holte sich nämlich oft heimlich ein paar der prachtvoll gebundenen Bände der in der Bibliothek vorhandenen Luxusausgabe, wobei er die übrigen Bände etwas auseinanderrückte, so daß die Lücken nicht auffielen. Dabei merkte er, daß noch jemand anders den Voltaire las. Oft waren Bände wochenlang verschwunden.

Herr von La Mole ärgerte sich über seinen Buchhändler, der ihm alle möglichen unechten Denkwürdigkeiten schickte, und beauftragte Julian mit der Anschaffung aller einigermaßen pikanten Neuerscheinungen. Damit sich solches Gift aber nicht im Hause verbreitete, hatte der Sekretär Befehl, diese Bücher in einen besondern Bücherschrank zu stellen, der im Arbeitszimmer des Marquis stand. Julian hatte auch hier sehr bald die Gewißheit, daß solche Neuigkeiten, sofern sie sich gegen die Interessen von Thron und Altar richteten, unverzüglich verschwanden. Norbert las sie gewiß nicht.

Julian überschätzte die Bedeutung dieser Tatsache und bildete sich ein, Fräulein von La Mole habe die Zweizüngigkeit eines Machiavell. Gleichwohl sah er in dieser vermeintlichen Verdorbenheit einen Reiz mehr, ja fast den einzigen nicht körperlichen Reiz, den Mathilde in seinen Augen hatte. Sein Ekel vor Scheinheiligkeit und Tugendgeschwätz verführte ihn zu dieser Übertreibung. Er erhitzte seine Einbildungskraft, ohne daß ihn wirkliche Liebe ergriff. Erst nachdem er sich so in eine gewisse Vergötterung von Mathildens eleganter Figur, ihres ausgezeichneten Geschmacks in Dingen der Mode, ihrer weißen Hände, ihrer schönen Arme und der Disinvoltura aller ihrer Bewegungen hineingeträumt hatte, fühlte er sich verliebt. Um ihren Reizen die Krone aufzusetzen, hielt er sie nun für eine Katharina von Medici. Für den Charakter, den er ihr so verliehen, war nichts geheimnisvoll oder ruchlos genug. Sie war ihm die Inkarnation des Ideals seiner Jugend, mit einem Worte: die ideale Pariserin. Er ahnte nicht, daß es nichts Lächerlicheres gibt, als dem Pariser Charakter eine Tiefe zuzutrauen, die jenseits von Gut und Böse liegt.

»Es ist sehr wohl möglich, daß sich dieses Trio über mich lustig macht«, dachte Julian. Fortan begegnete er Mathildens Blicken mit finstern kalten Augen. Voll bittrer Ironie stieß er die Freundschaftsbezeigungen zurück, die sie ihm, darob verwundert, zwei- oder dreimal gönnte.

Diese plötzliche Wunderlichkeit reizte die Sinne der von Natur kalten, gelangweilten und mehr für intellektuelle Reize empfänglichen jungen Dame so stark, als es bei ihr überhaupt möglich war. Immerhin herrschte noch viel von ihrem alten Stolze in Mathildens Seele, und die in ihr glühende Verliebtheit, die ihr Glück von einem andern abhängig machte, war von dumpfem Leid durchdrungen.

Julian hatte schon genug Erfahrung, seit er in Paris weilte, um zu unterscheiden, daß diese Schwermut nicht der öde Trübsinn der Langenweile war. Statt wie sonst auf Gesellschaften, Theater und Zerstreuungen aller Art begierig zu sein, mied Mathilde alles das sichtlich.

Von französischen Sängern gesungene Musik langweilte sie in den Tod. Gleichwohl bemerkte Julian, der es sich immer noch zur Pflicht machte, dem Herauskommen der vornehmen Welt aus der Oper beizuwohnen, daß sie sich so oft wie möglich dahin führen ließ. Er glaubte wahrzunehmen, daß sie ihr ehedem in jeder Beziehung vollkommenes seelisches Gleichgewicht teilweise verloren hatte, öfters gab sie ihren Freunden Antworten, deren scharfe Ironie verletzen mußte. Insbesondere schien es Julian, als wenn sie den Marquis von Croisenois zur Zielscheibe nähme. »Der junge Offizier muß das Geld wahnsinnig hochschätzen, wenn er von Mathilde mitsamt ihrem Reichtum immer noch nicht abläßt!« dachte Julian. Eine solche Verhöhnung der Manneswürde empörte ihn, und so war er gegen sie von verdoppelter Kälte. Bisweilen ließ er es in seinen Antworten sogar an der nötigen Höflichkeit fehlen.

So entschlossen Julian war, sich nicht in die vermutete Falle locken zu lassen, Mathildens Gunstbeweise waren an manchen Tagen so auffällig, daß ihm allmählich die Augen aufgingen. Jetzt fand er Mathilde so verführerisch, daß er zuweilen vor ihr in Verwirrung geriet.

»Die Gewandtheit und die Ausdauer dieser weltmännischen jungen Leute wird schließlich doch über meine geringe Erfahrung triumphieren!« warnte er sich. »Ich muß verreisen und all dem ein Ende machen!«

Der Marquis hatte ihm gerade die Verwaltung einer Anzahl von kleinen Gütern und Häusern in Nieder-Languedoc überlassen. Eine Reise dahin war nötig. Ungern gab ihm der Marquis Urlaub. Abgesehen von seinen hohen politischen Plänen war ihm sein Sekretär zum andern Ich geworden.

»Schließlich haben sie mich doch nicht gefangen!« frohlockte Julian, als er sich zur Abreise rüstete. »Mag die Harlekinade, die Fräulein von La Mole ihren Kurmachern vorgeführt hat, ernst gemeint oder nur dazu bestimmt gewesen sein, mich vertrauensselig zu machen: ich habe meinen Spaß daran gehabt.

Wenn keine Verschwörung gegen den Müllerssohn dahintersteckt, dann ist Fräulein von La Mole eine Sphinx, und zwar für den Marquis von Croisenois nicht minder wie für mich. Gestern zum Beispiel war ihre schlechte Laune durch und durch echt, und ich habe den Genuß gehabt, als Favorit einen jungen Herrn aus dem Felde zu schlagen, der ebenso vornehm und reich ist, wie ich plebejisch und arm bin. Das ist mein herrlichster Sieg! Er wird mich im Postwagen aufheitern, wenn ich durch die Einöde des Languedoc fahre.«

Er hatte seine Abreise geheimgehalten, doch Mathilde wußte so gut wie er, daß er am nächsten Morgen Paris für lange Zeit verlassen sollte. Ein heftiges Kopfweh, das in der trocknen Hitze des Salons noch schlimmer geworden wäre, kam ihr zu Hilfe. Sie wandelte fast den ganzen Tag im Garten auf und ab. Ihrem Bruder samt seinen Freunden Croisenois, Caylus, Luz und etlichen andern Mittagsgästen im Hause La Mole setzte sie so lange mit ihren bösen Scherzen zu, bis sie gingen. In diesem Moment ward Julian ein seltsamer Blick zuteil.

»Dieser Blick ist vielleicht Komödie«, dachte Julian. »Aber ihr wogender Busen und ihre sichtliche Verwirrung? Unsinn! Bin ich denn der Mann, der dies alles beurteilen kann? Hier stehe ich dem Erzraffinement der wunderbarsten aller Pariserinnen gegenüber! Die Atemnot, die mich um ein Haar gerührt hätte, hat sie gewiß der Leontine Fay abgeguckt, für die sie so schwärmt!«

Sie waren allein. Die Unterhaltung stockte. »Nein, Julian fühlt nichts für mich!« sagte sich Mathilde, wahrhaft unglücklich.

Als er Abschied von ihr nahm, drückte sie seine Hand heftig.

»Sie werden heute abend einen Brief von mir bekommen ...«, sagte sie in so verändertem Tone, daß Julian den Eindruck wie von einer ganz fremden Stimme hatte.

Dieser Umstand stimmte Julian urplötzlich um.

»Mein Vater«, fuhr sie fort, »ist mit Ihnen dermaßen zufrieden, daß er Ihnen nicht gleich etwas übelnimmt. Sie dürfen morgen nicht abreisen! Finden Sie einen Vor wand!«

Damit lief sie weg.

Julian schaute ihr nach. Sie sah reizend aus. Unmöglich konnte es niedlichere Füße geben. Sie eilte so graziös dahin, daß Julian entzückt war. Und doch war sein erster Gedanke, als sie verschwunden war, eine Bizarrerie. Er war gekränkt über den gebieterischen Ton, mit dem sie ihm gesagt hatte: Sie dürfen nicht! War nicht selbst König Ludwig XV. tief verletzt, als er im Sterben lag und sein Leibarzt ungeschickterweise das Wort müssen gebrauchte! Und Ludwig XV. war alles andre denn ein Emporkömmling!

Eine Stunde darauf brachte ihm ein Lakai einen Brief, eine regelrechte Liebeserklärung.

»Stilistisch nicht allzu geziert!« sagte Julian sich, um mit dieser literarischen Kritik die Freude zu dämpfen, die ihm die Backen kitzelte und ihn wider Willen zum Lachen zwang.

»Na also!« rief er plötzlich aus. Seine Aufregung war zu groß, als daß er sich noch länger bezwingen konnte. »Da habe ich armer Plebejer die Liebeserklärung einer großen Dame!«

»Kein übler Erfolg!« fuhr er fort, indem er sich weitere Mühe gab, seine Freude einzudämmen. »Ich habe die Würde meiner Individualität zu wahren gewußt.«

Er begann die Schriftzüge zu studieren. Fräulein von La Mole hatte eine nette niedliche englische Handschrift. Julian hatte eine Beschäftigung mit Äußerlichkeiten nötig, um vor Freude nicht toll zu werden.

»Ihre Abreise zwingt mich zu sprechen... Es geht über meine Kraft, Sie nicht mehr zu sehen ...«

Ein Gedanke kam ihm plötzlich wie eine Offenbarung. Er ließ ab, Mathildens Brief zu studieren. Seine Freude verdoppelte sich.

»Ich siege über den Marquis von Croisenois!« rief er aus. »Ich mit meinen immer ernsten Gesprächen! Und Croisenois ist so hübsch; er trägt einen Schnurrbart und eine prächtige Uniform; er weiß immer im rechten Augenblick ein geistreiches feines Wort zu sagen ...«

Julian hatte einen köstlichen Augenblick. Toll vor Glück irrte er planlos durch den Garten.

Später ging er in sein Arbeitszimmer und ließ sich beim Marquis anmelden. Glücklicherweise war Herr von La Mole nicht ausgegangen. An der Hand einiger aus der Normandie eingegangenen Schriftstücke, die ein paar dort geführte Prozesse betrafen, legte er ihm ohne Mühe dar, daß er seine Reise nach dem Languedoc aufschieben müsse.

»Es freut mich, daß Sie nicht abreisen«, sagte der Marquis, als die geschäftliche Besprechung zu Ende war. »Ich habe Sie gern um mich.«

Julian ging. Die letzten Worte des Marquis bedrückten ihn. »Und ich Schelm will seine Tochter verführen! Vielleicht ihre Heirat mit Croisenois vereiteln, die dem Marquis das Glück der Zukunft ist! Denn wenn er selber nicht Herzog wird, so will er wenigstens seine Tochter im Besitze der Herzogskrone sehen.«

Einen Augenblick dachte Julian daran, nach dem Languedoc abzureisen, trotz Mathildens Brief, trotz der dem Marquis gegebenen Erklärung. Aber bald verflackerte dieser letzte Funke von Pflichtgefühl.

»Eigentlich bin ich doch ein guter Kerl«, sagte er sich. »Ich, der Plebejer, habe Mitleid mit einer hocharistokratischen Familie! Ich, der ich in den Augen des Herzogs von Chaulnes ein Domestik bin! Der Marquis ist ein Krösus. Und wie vermehrt er sein Riesenvermögen? Wenn er im Schloß munkeln hört, daß anderntags ein Staatsstreich stattfindet, verkauft er seine Staatspapiere. Und ich, den eine stiefmütterliche Vorsehung in die niedrigste Klasse der Gesellschaft gestellt hat, ich habe ein edles Herz, aber keine tausend Franken Zinsen im Jahre. Das heißt, ich bin bettelarm, jawohl, buchstäblich bettelarm! Und da sollte ich mir ein Vergnügen versagen, das sich mir bietet? Soll vorbeigehen an einem klaren Quell, der meinen Durst stillen kann in der Glut der Wüste der Mittelmäßigkeit, durch die ich mich mühselig schleppe! Hol mich der Teufel! So dumm bin ich nicht. Jeder für sich in dieser Wüste des Egoismus, die man das Leben nennt!«

Er erinnerte sich gewisser verächtlicher Blicke der Marquise von La Mole und besonders ihrer Freundinnen. Und die Freude, über den Marquis von Croisenois zu triumphieren, tat das übrige, um seiner Moralanwandlung den Todesstoß zu geben. »Es wäre mir ein Genuß, ihn gereizt zu sehen!« dachte Julian. »Mit welcher Sicherheit würde ich ihm jetzt einen Degenstich beibringen!« Dabei machte er die Bewegung eines Sekundenstoßes. »Bisher war ich ein armseliges Schreiberlein, das sein bißchen Mut ruhmlos vergeudete! Nach diesem Briefe bin ich seinesgleichen.*

»Ja«, sagte er sich in unendlicher Wonne, wobei er jedes einzelne Wort Silbe für Silbe betonte, »meine und des Marquis Verdienste lagen auf einer Waage, und der arme Müllerssohn aus dem Jura hat den Sieg davongetragen.«

»Famos!« rief er aus. »Das ist ein Gedanke! In diesem Sinne werde ich die Antwort abfassen! Bilden Sie sich nicht ein, Fräulein von La. Mole, daß ich mein Plebejertum je vergesse! Ich werde es Ihnen immer wieder vorhalten und fühlbar machen, daß Sie einen Nachkommen des berühmten Veit von Croisenois, der mit Ludwig dem Heiligen in den Kreuzzug ging, an den Sohn eines Sägemüllers verraten!«

Julian konnte sich in seiner Freude nicht mehr halten. Er mußte in den Garten hinuntergehen. Sein Zimmer, in das er sich eingeschlossen hatte, kam ihm zu eng vor.

»Ich, der arme Bauernjunge aus dem Jura«, wiederholte er sich unaufhörlich, »ich, der ich dazu verurteilt bin, ewig diesen traurigen schwarzen Kittel zu tragen! Ach, zwanzig Jahre früher hätte ich einen Feldrock getragen wie Croisenois und seine Kameraden. Ein Mann meines Schlages wäre vor dem Feind gefallen oder mit sechsunddreißig Jahren General geworden!«

Der Brief, den er krampfhaft in der Hand hielt, gab ihm die Miene und die Haltung eines Helden. »Heutzutage freilich«, sagte er sich, »hat man im besten Falle mit vierzig Jahren ein Einkommen von hunderttausend Franken – in diesem schwarzen Rocke ...«

»Tritt gefaßt!« setzte er mit mephistophelischem Auflachen hinzu. »Ich habe mehr Geist als diese Landsknechte! Ich erkenne die Uniform meines Jahrhunderts!«

Und er fühlte fast körperlich, wie sein Ehrgeiz und seine Liebe zum geistlichen Stand schwollen. »Wie viele Kardinäle, noch niedriger geboren als ich, haben doch regiert, mein Landsmann Granvella zum Beispiel!«

Nach und nach legte sich seine Aufregung. Die Vorsicht gewann wieder die Oberhand. Mit seinem Meister Tartüff, dessen Rolle er auswendig konnte, rief er laut aus:

»Ich darf in ihren Worten List nur sehn,
Und traue eher nicht dem süßen Klange,
Als bis von all der Gunst, die ich begehre,
Ein wenig mir das ganze Glück verheißt.

Auch Tartüff ist durch eine Frau zugrunde gegangen, obgleich er seine Sache besser verstand als mancher andre... Meine Antwort könnte herumgezeigt werden ...«, fuhr er fort, wobei er Wort für Wort ruckweise ausstieß, mit verhaltener Wut. »Dagegen werden wir uns schützen, indem wir zu Anfang unsrer Antwort die lebhaftesten Wendungen aus dem Briefe der erhabenen Mathilde einfach wiederholen. Ja, aber vier Lakaien des Marquis von Croisenois werden sich auf mich stürzen und mir das Original entreißen. Erfolglos ... Ich bin wohlbewaffnet und im Schießen auf Domestiken bekanntlich kein Anfänger. Gewiß! Aber schließlich kriegt mich einer doch unter. Man hat ihm eine hohe Belohnung versprochen ... Ich verwunde oder töte ihn ... Das will man ja gerade! Dann komme ich mit Fug und Recht in Untersuchungshaft, vor den Richter und ins Zuchthaus ... Dort liege ich dann unter vierhundert Lumpen aller Art... Und ich wollte Mitleid mit diesen Leuten haben!«

Er sprang empört auf. »Mitleid! Haben sie vielleicht Mitleid mit unsereinem, wenn man in ihrer Gewalt ist?«

Mit diesem Aufschrei erstarb der Rest von Dankbarkeit gegen Herrn von La Mole, die ihn gegen seinen Willen gequält hatte.

»Nicht so eilig, Ihr Herren Edelleute! Ich begreife diese kleine Betätigung des Machiavellismus. Der Abbé Maslon oder Herr Castanède vom Seminar hätten es nicht besser gemacht. Man wird mir den provozierenden Brief nicht lassen. Einen Augenblick! Zunächst will ich den fatalen Brief in Sicherheit bringen. Ich werde ihn wohlversiegelt an Pirard, nein lieber an Fouqué schicken.«

Julians Blick war unheimlich; sein Ausdruck abscheulich. Er war in Verbrecherstimmung. Ein unglücklicher Mensch allein im Kampfe mit der ganzen Gesellschaft!

»Zur Attacke!« rief Julian.

Mit einem Satz sprang er die Freitreppe hinunter, eilte zu einem protestantischen Buchhändler, kaufte eine dicke Bibel, in deren Einband er Mathildens Brief sehr geschickt verbarg. Dann ließ er sie verpacken und schickte das Paket mit der Eilpost an Fouqué.

Frohgemut schlenderte er in das Palais zurück.

»Jetzt kommen wir daran!« rief er aus, indem er sich in sein Zimmer einschloß und seinen Rock abwarf.

»Gnädiges Fräulein«, schrieb er an Mathilde. »Was soll das? Fräulein von La Mole schickt durch Arsen, ihres Vaters Lakaien, einen allzu verführerischen Brief an einen armen Müllerssohn aus den Bergen, ohne Zweifel, um mit seiner Einfalt zu spielen ...«

Im weiteren wiederholte er die verfänglichsten Sätze aus ihrem Briefe.

Julians Antwort hätte selbst der diplomatischen Vorsicht eines Chevaliers von Beauvaisis Ehre gemacht.

Es war erst zehn Uhr. In seinem Glückstaumel und seinem, für einen armen Teufel so ungewohnten Machtgefühl ging Julian in die Oper. Freund Geronimo sang. Noch nie hatte ihn Musik so berauscht. Er fühlte sieh wie ein Gott.

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