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Rosenresli

Johanna Spyri: Rosenresli - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRosenresli und neun weitere Erzählungen
authorJohanna Spyri
year1999
publisherVerlagsunion Pabel-Moewig
addressRastatt
isbn3-8118-1555-5
titleRosenresli
pages53-76
created20010404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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Johanna Spyri

Rosenresli

Erzählung


1. Kapitel

Zur Zeit der Rosen

Der Dorfbote Dietrich aus Wildbach, der früher ein ordentliches Heim besessen, war seit einigen Jahren sehr heruntergekommen und hatte dadurch auch Amt und Verdienst verloren. Seine einzige Beschäftigung bestand darin, hier und da aus seinem unbebauten Acker einige Büschel Gras auszureißen, die er der mageren Geiß als Mittagsmahl heimbrachte. Für ihn und sein Pflegekind gab's dann nur einige Kartoffeln und ein wenig Milch. Nach dem Essen verschwand Dietrich und erschien erst Gegend Abend wieder, um die Geiß zu melken.

Dann sah man ihn daheim nicht mehr. Jedermann wußte aber, daß er bis spät in die Nacht hinein im Wirtshaus saß, und ihm bald Haus und Acker und Geiß genommen wurde, um seine Schulden damit zu bezahlen. So lange seine Frau gelebt hatte, war alles noch besser gegangen. Sie hatten mehr Feld und eine Kuh gehabt, und früh und spät hatte die Frau fleißig gearbeitet. Eigene Kinder hatten sie nie gehabt, aber eine verwaiste Nichte von Dietrich lebte seit drei Jahren bei ihnen.

Vor einem Jahr hatte er seine Frau verloren, und seither war es so rasch abwärts mit ihm gegangen, daß sich nur jeder über das frische, blühende Aussehen des Kindes wundern mußte. Es war jetzt acht Jahre alt und hieß überall nur das Rosenresli, denn es wurde niemals gesehen, ohne daß es ein Röslein in der Hand oder im Mund hatte. Das Resli, das ursprünglich Therese hieß, hatte ein solches Wohlgefallen an den Rosen, daß es mit seinen fröhlichen blauen Augen so lange in jeden Rosengarten hineinguckte; bis die Leute darin freundlich riefen: »Willst du eine?« Und freudestrahlend steckte Rosenresli die kleine Hand durch das Gitter und nahm dankbar seinen Schatz in Empfang. So sah man das Kind immer von Rosen umgeben, wenn sie blühten, und jedermann kannte das liebe Rosenresli und hatte es gern.

Den Onkel sah es nicht oft. Am Morgen ging es zur Schule, mittags sagte er gewöhnlich: »Ich komme nicht heim am Abend, du findest noch etwas zu essen.« Aber der Schrank war immer leer, und es war gut, daß hier und da ein Kind in der Schule dem Rosenresli Äpfel oder Birnen oder ein Stück Brot geschenkt hatte. Und selbst wenn es oft hungern mußte, so lief es trotzdem zu den Gärten, wo die Rosen standen, durfte sich einige pflücken und über dieser Freude vergaß es alles andere.

Auch heute hatte das Kind kein Abendessen gehabt, dennoch sprang es glücklich über die Wiesen. Es war ein warmer Sommerabend. Die Schmetterlinge flatterten auf und nieder in der blauen Luft, und hoch oben flogen die Schwalben im Kreis herum. Sie zwitscherten so sommerlich, und ringsum in den Wiesen zirpten so fröhlich die Grillen, daß dem Rosenresli auch immer froher zumute wurde. Und es sprang immer höher, so als wollte es mit den Schmetterlingen in der Luft fliegen. So kam es in kurzer Zeit bei dem Garten an, der draußen am Waldhügel lag und immer die schönsten Rosen hatte. Der Garten war von einem hölzernen Zaun umgeben, und Rosenresli kletterte schnell auf die unteren Holzbalken und schaute sehnsüchtig in den Garten hinein.

»Komm nur herein«, rief eine Stimme hinter den Bäumen. »Ich weiß schon, wonach du suchst. Heute sollst du auch Rosen haben.«

Rosenresli ließ sich das nicht zweimal sagen. Schnell trat es ein, ging auf das duftende Rosenbeet zu und schaute bewundernd auf die Menge der roten und weißen, hellen und dunkeln Blumen, die leuchteten und dufteten. Jetzt trat die Frau Präsidentin, die Besitzerin des Gartens zu dem Kind. Sie war es, die dem Resli schon manche Rose gegeben und es eben jetzt hereingerufen hatte.

»Du kommst gerade recht heute, Resli«, sagte sie. »Du sollst einen ganzen Strauß haben. Aber manche Rose will schon abfallen, siehst du. Du mußt dann ein wenig vorsichtig sein und nicht so hoch springen. Sonst fallen den Rosen alle Blätter ab, bevor du daheim bist.«

Nun schnitt die Frau Präsidentin behutsam hier eine Rose ab und dort eine, helle und dunkle, rote und weiße, bis ein dicker, großer, prachtvoller Strauß daraus wurde. Rosenresli machte seine Augen immer weiter auf, so was Wunderschönes hatte es noch nie in der Hand gehalten. Aber hier und da fielen schon die duftigen Blätter zu Boden, und die kahlen Stiele standen zwischen den anderen Blumen so traurig da, daß Rosenresli ganz erschrocken schaute.

»Siehst du, siehst du«, sagte die Frau mahnend. »Ganz langsam mußt du nach Hause gehn, sonst bringst du nicht drei davon mit den Blättern heim.« Rosenresli bedankte sich schön und machte sich auf den Rückweg. Dieser führte sie an einem armseligen Häuschen vorüber. Dort wohnte die »Sorgenmutter«, die stille Frau mit dem abgehärmten Gesicht. Rosenresli hatte sie stets nur so nennen gehört und ahnte nicht, daß sie noch einen anderen Namen hatte.

»Sorgenmutter!« rief Resli, als sie die Alte am Fenster erblickte. »Seht! Seht! Haben Sie schon einmal solche Rosen gesehen?«

»Nein, Resli, schon lange nicht mehr«, erwiderte die Frau, und das Kind zog weiter, ganz versunken in dem Anblick der duftenden und glänzenden Blumen. Beim letzten Haus am Weg wollte Resli gerade vorübergehen, als die Frau des Hauses, die Kreuzwegbäuerin genannt wurde, weil sie am Kreuzweg wohnte, heraustrat. Sie hatte ihre beiden festen Arme in die Seiten gestemmt und betrachtete das Kind.

»So, so, das ist ein rechtes Rosenresli heute«, rief sie ihm nach. »Komm, zeig mir deine Schätze aus der Nähe.«

Rosenresli kehrte rasch um und hielt voller Freude der Frau den Strauß hin. Aber bei der schnellen Bewegung fielen die Blätter von drei, vier Rosen ab und flatterten auf den Boden. Resli schaute ihnen traurig nach. »Schade«, sagte die Frau, »die werden mir gefallen. Kind, gib mir deine Rosen, und du sollst ein gutes Stück Brot dafür haben. Du bringst sie doch nicht mehr weit. Bis du heimkommst hast du nur Stiele in der Hand. Komm, gib sie mir.«

»Alle meine Rosen willst du, und keine soll ich behalten?« fragte Resli ganz betroffen.

»Eine kannst du behalten. Sieh diese, die anderen fallen gleich ab. Komm, leg sie da hinein, die müssen nicht verlorengehen«, und die Bäuerin hielt ihre Schürze hin. Resli legte seine Rosen hinein, bis auf die eine, die steckte es vorn in sein Röckchen, wo es fast immer ein Röslein hatte. Nun ging die Bäuerin ins Haus und kam bald wieder zurück mit einem großen Stück Brot in der Hand. Bei dessen Anblick spürte das Kind auf einmal, daß es tüchtigen Hunger hatte.

»Hör, Resli, ich will dir einen guten Rat geben«, sagte die Bäuerin, indem sie dem Kind das Brot gab. »Nimm ein Körbchen, geh jeden Abend dahin, wo es Rosen gibt, und bitte um die, die abfallen wollen. Dann leg sie gleich ins Körbchen, daß du die Blätter nicht verlierst. Denn gerade diese brauche ich, und jeden Abend, wenn du mir ein schönes Häufchen Blätter bringst, bekommst du ein gutes Stück Brot. Willst du?«

»Ja, gern«, sagte Rosenresli, machte sich auf den Heimweg und verzehrte dabei mit Wohlbehagen sein Brot. Als das Kind wieder am Häuschen der Sorgenmutter vorbeiging, kam diese mit einem Bündelchen zusammengelesenem Holz auf dem Rücken heim.

»Wo hast du deine schönen Rosen?« fragte sie, als das Kind vor ihr stand. Resli erzählte ihr den ganzen Hergang der Sache und sagte, daß es nun jeden Tag der Kreuzwegbäuerin Rosenblätter bringen wolle.

Die Frau hatte nachdenklich zugehört. Jetzt sagte sie schüchtern: »Resli, komm doch morgen zu mir, bevor du der Bäuerin die Rosen bringst? Ich möchte dich dann gern etwas fragen.«

»Ja, das will ich tun, und schlaft gut, Sorgenmutter!« Dann zog Resli seines Weges. Bei dem abgelegenen Häuschen des Onkels angelangt, trat es in die stille, einsame Stube. Es verschloß keine Tür, zündete kein Licht an. Wie ein Vöglein suchte es in der Dämmerung sein Nest und schlief bald friedlich ein. Dann träumte es von seinen Rosen, bis die helle Sonne es wieder aufweckte.

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