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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Rosazimmer - Kapitel 8
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typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleRosazimmer
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correctorreuters@abc.de
senderchristinecr@web.de
created20120404
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Fiore Meldeck hatte eine angenehme Fahrt in Gesellschaft von Donna Loredana gemacht, die die beiden jungen Damen einander in herzlichster Weise nahe brachte, und hatte darauf im Kreise der Familie Terraferma und Doktor Windmüllers an dem ›Lunch‹ teilgenommen.

Nach beendigter Mahlzeit eilte sie dann in ihre Wohnung hinab, leichten und frohen Herzens, glücklich und zufrieden mit dieser schönen Welt im allgemeinen und dem Hause Terraferma im besonderen, denn die liebe, alte Marchesa war so gütig, so mütterlich-liebevoll zu ihr gewesen, daß es ihr ganz warm dabei geworden, Donna Loredana verhieß ihr eine so vielversprechende, innige Mädchenfreundschaft, und Don Gian – oh, Don Gian nahm einen ganz besonderen Platz für sich ein, einen Platz, den Fiore noch nicht ganz zu bestimmen wußte und wagte, aber es war doch ein sehr, sehr hervorragender Platz in ihrem jungen Dasein, um den sich ›hangende, bangende‹ und doch merkwürdig sonnige und selige Zukunftsträume spinnen ließen.

Das leichte, frohe, halb unbewußte Glücksgefühl wich aber, kaum daß sie das Rosazimmer durch die Garderobe betreten hatte, einer gewissen Gedrücktheit, die sich in diesem rosigen, wundervollen Raum immer auf ihr Gemüt legte.

»Es ist der Gardenienduft, der in den schweren Stoffen hängen geblieben ist, und den die frische Luft von draußen immer noch nicht vertreiben kann«, dachte sie mit einem leisen Schauer des Widerwillens. »So lange das Wetter schön ist und man die Fenster offen halten kann, geht's ja noch an – wie aber, wenn es kühl und trübe ist und man alles schließen muß? Dann ist's nicht mehr zum Aushalten, und dann kommt auch wahrscheinlich wieder der andere, unnennbare Geruch zur Oberherrschaft! Ich begreife wirklich nicht, wie man sich dermaßen parfümieren kann!«

Sie holte sich ihre Schreibmappe und setzte sich damit in die Stanza del' Brustoloni an den Tisch, um einen Brief zu schreiben. Aber nachdem das Datum in die rechte, obere Ecke des Briefbogens ordnungsmäßig eingetragen worden war, verfiel sie, die Feder in der Hand, in eine Träumerei, die mit dem beabsichtigten Text des Briefes nichts zu tun hatte, und als die Tinte in der Feder trocken war, tauchte sie diese wieder in das elegante kleine Reisetintenfaß ein und zeichnete damit auf dem Löschpapier allerlei Schnörkel und Arabesken und dann das charakteristische Profil eines Männerkopfes, das eine sprechende Ähnlichkeit mit dem glücklichen Besitzer der Ebenholzmöbel von der Meisterhand des Brustoloni trug. Denn Fiore Meldeck war eine mit ganz entschiedenem und zweifellosem Talent für das Porträt begabte junge Dame, und nach der Probe zu urteilen, hatte dieses Talent auch eine ganz beträchtliche Ausbildung erhalten.

Wenn nun jemand einen Blick für die charakteristischen Eigenschaften der menschlichen Züge hat, so ist es auch ganz natürlich, daß er sie zeichnerisch festzuhalten versucht, und das Profil Don Gians mit der typischen Nase der venezianischen Patrizier, das sogenannte Adlerauge, das auch im Profil so viel von der Iris und dem bläulichen Weiß darum sehen läßt, forderten ja geradezu einen Versuch der Wiedergabe nach dem Gedächtnis heraus. Auch das energische, viereckige Kinn mit dem tiefen Spalt darin gelang ihr überraschend, und nur der Mund wollte sie nicht recht befriedigen, denn sie hatte ihn mit dem festgeschlossenen Ausdruck des Ernstes wiedergegeben, während er – namentlich, wenn er zu ihr, Fiore, redete – einen ungemein gewinnenden Ausdruck hatte.

»Wie hübsch, daß Don Gian der englischen Mode der Bartlosigkeit huldigt«, dachte sie, die Zeichnung mit schiefem Kopf betrachtend. »Diese Tracht des Glattrasierten bringt doch die Züge des Gesichtes zu viel besserer Geltung, man sieht den Mund des Mannes und – «

Ein Klopfen an der Tür zu dem Saale ließ sie aus ihrer Betrachtung auffahren. Sie schob hastig den Briefbogen über die Zeichnung auf dem Löschblatt, und auf ihre Aufforderung betrat Frau von Krähenhausen das Zimmer.

»Ich wollte einmal nachsehen, ob Sie schon von droben herabgekommen sind, liebes Kind«, sagte sie mit sauer-süßer Freundlichkeit. »Wenn die Herrschaften Sie nicht von uns ausgesondert, sondern uns alle eingeladen hätten, so wäre dies höflicher gewesen, das muß ich schon sagen, aber vielleicht ist es hier so Sitte, und man muß Konzessionen machen – in Rom wie die Römer leben, wie das Sprichwort sagt. Doch dies auszusprechen, war nicht der Zweck meines Kommens.«

»Nicht?« fragte Fiore gefaßt. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Gern«, erwiderte Frau von Krähenhausen, und da sie sich beim Niedersetzen zurücklehnte, erlitt sie von der monumentalen Schnitzerei, die die Rücklehne des Sessels krönte, einen recht unsanften Stoß. »Wenn man diese Möbel mehr auf die Bequemlichkeit als auf die Zierde berechnet hätte, so wäre das praktischer gewesen«, bemerkte sie, ihren Hinterkopf befühlend, indem sie Fiore dabei anklagend ansah. »Der Hausrat in diesem Palaste verdirbt einem die ganze Freude daran, die im übrigen eine recht mäßige, wenigstens für meinen Geschmack, ist.«

Fiore kannte diesen grundsätzlichen Protest gegen alles, ›was so ganz anders ist wie bei uns‹, und hatte gelernt, ihn mit Schweigen zu beantworten

»Aber natürlich kommt es ja darauf ganz und gar nicht an«, erklärte Frau von Krähenhausen und kam auf den eigentlichen Zweck ihres Kommens.

Man wollte eine Gondelfahrt unternehmen, um dem ›Außerordentlichen‹ den Canale Grande gebührend vorzustellen, und setzte voraus, daß Fiore mit von der Partie sein würde.

Aber Fiore lehnte mit einer Lebhaftigkeit ab, die mehr deutlich als weise war. Sie sei müde – sie wolle das erste Beisammensein von Eltern und Sohn nicht stören – sie habe ein paar dringende Briefe zu schreiben, die noch mit der Abendpost fort müßten.

Frau von Krähenhausen lehnte den ersteren Grund als ›unnatürlich für die Jugend‹ schlankweg ab und protestierte warm gegen den zweiten; schließlich aber mußte sie sich mit dem dritten zufrieden geben, schluckte sichtlich nur mühsam eine Bemerkung darüber hinab, was Fiore eigentlich hätte stutzig machen müssen, und stand dann auf, um einen würdevollen Rückzug anzutreten.

Schon an der Tür angelangt, drehte sie noch einmal um, lächelte ihr sauersüßestes Lächeln, das Fiore höchst respektlos immer an eine Essigzwetschge erinnerte, und sagte mit schelmisch erhobenem Zeigefinger: »Ich möchte wirklich wissen, liebes Kind, ob Ihnen vorhin nicht die Ohren geklungen haben!«

Fiore, die sich dieses Vorganges durchaus unbewußt war, gestand dies mit dem unbedachten Leichtsinn der Jugend offen ein.

»Aber«, sagte sie verwundert, »warum sollten sie mir denn geklungen haben?«

»Sie haben eine Eroberung gemacht!« erwiderte Frau von Krähenhausen vertraulich. »Mein Wiwigenz hat die ganze Zeit über dermaßen von Ihnen geschwärmt, daß es mich ganz eifersüchtig gemacht hat. Eifersüchtig natürlich nur im besten und edelsten Sinne, denn eine Mutter muß ja immer darauf vorbereitet sein, das Herz ihres Sohnes einmal mit einer Fremden teilen zu müssen, und ich bin ja so dankbar, daß es in diesem Falle keine Fremde ist – « Sie hielt ein, um ihre Worte besser einwirken zu lassen, fiel dann der auf die Attacke völlig Unvorbereiteten um den Hals und flötete in den süßesten Tönen: »Ach, mein liebes, liebes Kind, es ist der so seltene Fall der Liebe auf den ersten Blick! Solche Gefühle sind ja immer gegenseitige – nicht wahr?«

Fiore machte sich sanft, aber mit Entschiedenheit aus der unerwarteten Umarmung los und trat einen Schritt zurück. Frau von Krähenhausen bitter, giftig und sauer war keine Wonne, süß aber schien sie ihr geradezu ungenießbar.

»Pardon, wenn ich widersprechen muß«, sagte sie. »Ich habe Ihren Herrn Sohn bisher nur wenige Minuten gesehen und kann nicht behaupten, daß diese entscheidend auf mich gewirkt hätten – «

»Ah, mein Kind – ich verstehe das. Diese Gefühle schlummern noch unbewußt in Ihrer Seele«, behauptete Frau von Krähenhausen noch süßer als zuvor. »Ich will ja auch nicht darauf dringen, sie eingestanden zu hören. Lassen wir die Zeit ihr Werk vollenden. Wenn ein Mann von den hohen und hervorragenden Eigenschaften des Herzens, des Charakters und des Geistes wie mein Sohn wählt, dann ist er ja so sicher, so unfehlbar sicher, die gleichen Gefühle zu erwecken! Welch glückliches Wesen sind Sie! Ich bin überwältigt von den Gefühlen, die Sie einem Manne, wie mein Wiwigenz einer ist, einflößen konnten! Denken Sie an die strahlende Zukunft, der Sie an der Seite dieses Auserwählten entgegengehen, und lassen Sie sich den Blick nicht trüben durch den Gedanken an andere, wie zum Beispiel Ihr Vetter einer ist, von dem mein Sohn uns erzählte, daß er nur auf Geld und Gut sieht und bekannt dafür ist, daß er jedem Mädchen nachstellt, von dem er vermutet, daß es vermögend sein könnte. Er weiß ja natürlich, daß Ihre Pate Sie zur Erbin eingesetzt hat – «

»Ich denke, gnädige Frau, wir brechen das Thema ab«, fiel Fiore ruhig, aber mit Entschiedenheit ein. »Ich will Sie von Ihrer Gondelfahrt nicht länger abhalten und wünsche Ihnen viel Vergnügen dazu!«

Frau von Krähenhausen hatte gesagt, was sie sagen wollte, und machte gute Miene zum bösen Spiel. »Oh, ich begreife Ihre mädchenhafte Zurückhaltung, mit der Sie Ihre Herzensangelegenheiten selbst mir verschweigen möchten«, sagte sie mit bewundernswerter Selbstüberwindung. »Ich lasse Sie darum allein mit Ihren Mädchenträumen Auf Wiedersehen!«

Und Fiore eine Kußhand zuwerfend, entfernte sie sich.

Fiores Gefühle machten sich, als sie allein war, zunächst in dem klassischen Ausspruche Luft: »Na, da schlägt's dreizehn!« und dann sank sie auf ihren Stuhl zurück und lachte, lachte, daß ihr die hellen Tränen über das zarte Gesicht herabliefen, was nun zwar ihre ›Mädchenträume‹ in bezug auf den außerordentlichen Wiwigenz in ein eigentümliches und nicht gerade sehr verheißungsvolles Licht setzte, dafür aber sehr für ihren Sinn für Humor sprach. Sie wollte sich dann eigentlich über diese Überrumpelung zu ärgern anfangen, weil sie sich sehr mit Recht sagte, daß Frau von Krähenhausen sie doch eigentlich für wesentlich törichter halten mußte, als sie tatsächlich war, aber dazu kam sie nicht recht, weil die Komik der Sache die Oberhand behielt – was wiederum sehr für ihre geistigen Fähigkeiten sprach, besonders, da sie ohne weiteres ihren Vormund wie seinen Sohn von der Mitwisserschaft an dieser Attacke freisprach.

»Es fällt ihnen ja gar nicht ein, dazu geraten zu haben«, dachte sie, sich die Augen trocknend. »Das war ein Staatsstreich, den Mutter ›Wenn‹ ganz allein ausgeheckt hat. Der außerordentliche Wiwi hat mir einen ganz anständigen und vernünftigen Eindruck gemacht – was aber doch noch lange nicht hinreicht, um ihn zu heiraten. Mutter ›Wenn‹ als Schwiegermutter – das müßte kein übles Vergnügen sein. Ich danke bestens!«

Durch dieses Erlebnis war ihr aber alle Lust zum Briefschreiben vergangen. Es ist wahr, sie hätte den Brief eigentlich schreiben müssen, aber sie konnte ihre Gedanken auf den trockenen, geschäftlichen Inhalt nicht lenken und sah sich nach einer anderen Beschäftigung um.

Ein vorgenommenes Buch verfehlte gleichfalls sie zu fesseln, und sich ihres Versprechens an Doktor Windmüller erinnernd, trat sie an das Paneel der Türfüllung zwischen der Stanza del' Brustoloni und dem Rosazimmer, dem der Genannte heute früh seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und ahnungslos, daß er bereits den Weg durch diesen Zugang gefunden, begann sie ihrerseits das schon so oft versuchte, fruchtlose Geschäft des Anklopfens. Sie tat das sehr vorsichtig, um sowohl die reizende Malerei der Füllung als auch die geschnitzten und vergoldeten Ornamente nicht zu beschädigen.

Die Füllung war hier in zwei oblonge Felder eingeteilt, deren Rahmen schlanke Stäbe bildeten, die in den entsprechenden vier Ecken in graziösem Muschel- und Gitterwerk ausliefen, an den Längsseiten aber durch zierliche, an Schleifen hängende Fruchtkörbe unterbrochen wurden, deren leichte, kunstvolle Ausführung schon oft ihre Bewunderung erregt hatte. Sie legte auf das rechts von ihr befindliche Körbchen die schlanken Finger – die Schnitzerei war so plastisch, daß man meinen konnte, das niedliche Ding hinge wirklich angeknüpft an der Leiste und man brauchte es nur abzuheben, um es in den Händen halten zu können.

Aber was war das? Mit einer unwillkürlichen Bewegung hatte Fiore das Ornament nach links geschoben, tatsächlich geschoben, und dabei löste sich das Paneel an dem vorstehenden Türrahmen los und öffnete sich lautlos ein wenig wie eine aufgegangene Tür in der halben Höhe des Rahmens, in der die teilende Leiste den oberen Rand maskiert hatte!

Mit einem leisen Ausruf der Überraschung machte Fiore die so zufällig entdeckte, innen gepolsterte Tür ein wenig weiter auf und erblickte die Wendeltreppe, die Windmüller heute früh schon hinabgestiegen war.

»So hat die Maus dem Löwen doch geholfen«, flüsterte sie vor sich hin, ahnungslos, daß die Entdeckung schon gemacht war. Und nun kam die Neugierde über sie, wohin diese Treppe wohl führen mochte, und die unwiderstehliche Lust, die Entdeckungsreise darauf anzutreten. Ob die Stufen wohl sicher waren? Doch – sie sahen ganz solid aus, wennschon sehr schmal und recht staubig. Finster war's auch in dem engen Raum, aber dagegen gab's ja ein Mittel.

Ohne weiter zu zögern und zu überlegen, zündete Fiore die Kerze auf ihrem Nachttisch an, und mit der begeisterten Versicherung, daß ›solch ein alter, geheimnisvoller Palast doch geradezu wonnig romantisch‹ sei, fing sie an, die Wendeltreppe emporzusteigen. Sie kam ihr endlos vor, und ihrer Berechnung nach mußte sie mindestens in dem Speicher des Hauses, wenn nicht gar auf dem Dache münden, und dann stand sie nach der letzten Windung plötzlich vor einer gleichfalls gepolsterten Tür, deren hier ganz offenkundiger Riegel sich federleicht öffnen ließ. Sie schob den Riegel im Feuer ihres Entdeckungseifers unbedenklich zurück und – stand Auge in Auge vor Don Gian, der gerade aus einem seiner Zimmer ins andere gehen wollte.

»Fiore!« rief er in der ersten Überraschung höchst inkorrekt, aber – wovon das Herz voll ist, davon strömt der Mund über.

Fiore selbst aber war so überrascht, daß sie das gar nicht beachtete. »Himmlischer Vater – wo bin ich denn da hingeraten?« fragte sie halb lachend, halb entsetzt über diese plötzliche Begegnung.

»Oh – das ist – gewissermaßen meine Wohnung«, belehrte er sie.

»Ihre Wohnung!« wiederholte sie erschreckt. »Ja, ums Himmels willen, was müssen Sie von mir denken! Ich fand nämlich zufällig in der dicken Wand unten bei mir eine Tür in der Füllung zum Rosazimmer und diese Treppe da – und da faßte mich die Neugier, zu sehen, wohin sie führt. Aber Sie müssen nicht denken, daß ich – daß ich hier herumspionieren wollte – o Gott, mir ist es ja so schrecklich, hier bei Ihnen eingedrungen zu sein! Verzeihen Sie mir, bitte – ich trete natürlich sofort meinen Rückzug an. – Das ist ja eine ganz gräßliche Sache, die ich da zuwege gebracht habe!«

Es ist nicht zu verwundern, daß Fiore in ihrer sehr natürlichen Verwirrung und wirklichen Bestürzung über ihr unbeabsichtigtes Erscheinen in diesen Räumen in ihrer Hast die erste Stufe der ohnehin schmalen Wendeltreppe verfehlte und fast gestürzt wäre. Es ist noch weniger verwunderlich, daß Don Gian, die Gefahr sehend, Fiore auffing und sie damit vor einem schmerzlichen Unglücksfall bewahrte. Das hätte an seiner Stelle natürlich ein jeder getan, der auch nur einen Funken von Geistesgegenwart und Menschlichkeit besaß; nach seiner Unterhaltung aber, die er am Morgen dieses Tages mit seiner Großmutter hatte, kann es jedoch auch keinem Menschen von Einsicht wundern, daß er Fiore nicht gleich wieder losließ, nachdem er den drohenden Sturz aufgehalten. Der Raum war eng, sehr eng sogar, die Lage eine entschieden unbequeme auf der leiterartigen Wendeltreppe, aber die Gelegenheit war äußerst günstig, und wer sie unbenützt vorübergehen ließe, wäre ein Tor, der das Salz auf seinem Brot nicht verdient.

Man konnte nun von Don Gian nicht eben behaupten, daß er ein Genie war – ein Tor aber war er sicher nicht, das hätte sein bitterster Feind ihm nicht vorwerfen können. Und er bewies es in dieser Stunde zwischen der bewußten dicken Mauer der Ca' Terraferma. Nicht, daß er bei dieser Gelegenheit gerade originell gewesen wäre; er sagte eigentlich nichts weiter als nur immer und immer wieder: »Fiore! Oh, Fiore – liebe, süße, süße Fiore!«

Fiore schien diesen Mangel an Ausdrucksfähigkeit ansprechender zu finden, als wenn Don Gian ihr ein wohlgesetztes Sprüchlein aufgesagt hätte; um korrekt zu sein, muß gesagt werden, daß er sich solch ein Sprüchlein schon ausgedacht und gründlich überlegt hatte. Aber angesichts des Unerwarteten vergaß er ebenso gründlich, was er hatte sagen wollen, und das sprach wieder Bände für ihn und die Echtheit seiner Gefühle. Fiore empfand das auch mit dem feinen Instinkt des Herzens, der in solchen Fällen nicht irrt, sie empfand auch, daß er sie in den Armen hielt wie ein Heiligtum, und machte keinen Versuch, sich zu befreien, was ja auch räumlich schwer zu machen gewesen wäre.

»Ja, Gian«, sagte sie nur leise. »Es hat wohl alles so kommen müssen, wie's gekommen ist – nicht wahr?«

»Ach, Fiore – und du weißt nicht einmal, wie's gekommen ist«, meinte er ausatmend. »Es ist ja ein reines Wunder, daß und wie ich dich finden mußte. Und nun gar noch in diesem Loch! – Gesegnet sei es, dieses Loch, denn es ist doch wenigstens neutraler Boden – zwischen den Etagen!«

Die hellen Tränen des Glücks und der Rührung noch in den Augen, mußte Fiore jetzt aber doch lachen. »Und was für ein Boden!« sagte sie. »Ein Fuß oben, der andere unten – nie im Leben hätte ich vermutet, daß ich mich in solch einem Loche verloben würde. – Gian, nicht wahr, du versprichst mir heilig, und nicht nur der Lächerlichkeit wegen, daß du nie, niemals und keiner einzigen Seele jemals verrätst, wann, wo und wie wir uns gefunden?«

Don Gian hätte in dieser seligen Stunde noch ganz andere Dinge heilig versprochen. Er kannte außerdem die Welt im allgemeinen und seine engere Welt im besonderen und wußte, daß sie nicht leicht an ›Zufälligkeiten‹ glaubt.

Auch er selbst glaubte ja nicht an den Zufall, sondern war fest davon überzeugt, daß eine sehr, sehr gütige Vorsehung das Glück seines Lebens auf demselben Weg zu ihm geleitet, auf dem vor wenigen Tagen erst das Verhängnis zu ihm emporgestiegen war, das ihm sein bürgerliches Leben vernichten wollte.

»Ich werde diese Treppe vergolden lassen«, gelobte er sich mit einem heißen Dankgefühl im Herzen, und doch schien sie ihm, so wie sie eben war, schon von purem Golde zu sein.

Irgendein Geräusch – ob von oben, ob von unten, blieb unentschieden – schreckte das selige Paar in seine korrekten Räume zurück, die ihr Geheimnis so trefflich wahrenden Paneele schlossen sich unten wie oben, und die Angehörigen Don Gians konnten sich in der Folge ruhig, aber erfolglos die Köpfe zerbrechen, wo in aller Welt ihr Enkel beziehungsweise Bruder es möglich gemacht hatte, sich mit Fiore Meldeck zu verloben.

Infolge dieses Ereignisses erfuhr auch Doktor Windmüller nichts von dem Geheimnis des Paneels zwischen dem Rosazimmer und der Stanza del' Brustoloni, als er kurz darauf bei Fiore vorsprach, um sie in sein Vorhaben einzuweihen.

Sie kam sich ein klein wenig ›schändlich‹ vor, wie sie so ruhig und ohne auch nur den kleinsten Wink zu erteilen, daneben stand und zusah, wie Windmüller die Stelle suchte, an der das Paneel sich öffnen ließ. Allerdings hielt er sich nicht lange damit auf, da es darauf nun nicht mehr ankam, sondern er nur der Wissenschaft wegen noch einen Versuch machte.

»Wir werden schon noch dahinterkommen – wenn nicht von dieser, so doch von der anderen Seite«, sagte er nach kurzer Prüfung. »Warum ich eigentlich kam, ist die Bitte, heute Nacht hier Wache halten zu dürfen. Es wäre nämlich nicht unmöglich, daß Ihre ungebetene Besucherin der vergangenen Nacht noch einmal den uns unbekannten Weg in das Rosazimmer betritt, und ich möchte sie gern dabei abfassen. Ich stehe unter dem Siegel des Dienstgeheimnisses und darf Ihnen eine nähere Aufklärung über diese ganze Angelegenheit nicht geben, Komteßchen, bin mir also bewußt, daß ich mit meiner sonderbar scheinenden Zumutung ganz von Ihrem guten Willen abhänge.«

»Ganz und gar nicht – verfügen Sie vollständig über mich, denn ich möchte die Angelegenheiten des Hauses Terraferma ganz zu den meinen machen«, versicherte Fiore mit glühenden Wangen.

Windmüller horchte auf, sah sie prüfend an und schmunzelte. »Um so besser«, sagte er mit einer Befriedigung, die weit über sein Berufsinteresse hinausging. »Wir wollen aber nicht weiter darüber reden, Komteßchen, damit das Haus Terraferma mein nächtliches Eindringen bei Ihnen nicht als Übergriff betrachtet und meinen Plan zu vereiteln sucht. Wenn alles zur Ruhe gegangen ist, haben Sie dann vielleicht die Güte, mich in den Saal neben dem Rosazimmer einzulassen – ich kann von dort durch die herabgelassene Portiere die Tür gegenüber beobachten und schlage vor, daß Sie sich scheinbar, wie gewöhnlich, zur Ruhe begeben. Ist es so recht?«

»Vollständig«, stimmte Fiore zu. »Weiß Gi- weiß der Marchese von Ihrem Vorhaben?«

»Hm«, machte Windmüller nachdenklich. »Er weiß es noch nicht, aber ich halte dafür, daß er eingeweiht werden muß. Unter dem ›Haus‹ verstand ich eigentlich nur die Damen desselben, die ich nicht beunruhigen möchte. Ich habe auch noch andere Gründe, sie außerhalb der Sache zu lassen. Wäre es Ihnen sehr peinlich oder unangenehm, wenn ich Don Gian als mögliche Hilfskraft im Hintergrund hielte?«

»Gar nicht unangenehm wäre es mir. Meine Frage zielte sogar darauf hin«, erwiderte Fiore einfach und ernst.

»Sie sind das vernünftigste ›weibliche Frauenzimmer‹, das mir seit langem begegnet ist«, rief Windmüller lachend. »Gestatten Sie mir, zur Abwechslung auch einmal den Propheten spielen zu dürfen, indem ich Ihnen weissage, daß Sie einmal – hoffentlich in nicht zu ferner Zeit – eine ideale Diplomatenfrau sein werden.«

»Das ist eine billige Prophezeiung«, rief Fiore im gleichen Tone. »Nachdem ich mich eben mit ›Gian‹ gründlich verschnappt, ist die ganze Wahrsagerei überhaupt nichts wert.«

Windmüller reichte ihr beide Hände. »Bin ich der erste, der Ihnen Glück wünschen darf?« fragte er herzlich.

»Ich freue mich, daß Sie's sind. Aber es ist sonst ein großes Geheimnis, das noch keine Stunde alt ist«, entgegnete sie mit strahlendem Gesicht.

»Geheimnisse sind meine Spezialität«, meinte er, »nur ist's mein Beruf, sie zu enthüllen. In diesem Falle aber werde ich geduldig warten, bis ich mich ungehindert freuen darf, und heute nacht mit doppelter Wichtigkeit die Ehrendame beziehungsweise den Ehrenonkel spielen. Sie können dabei ganz ruhig sein, denn ich habe Übung in dieser Rolle.«

Im Grunde war's Windmüller aber viel weniger scherzhaft zumute, als er es ausdrückte, denn er war gar nicht so sicher, daß sein Plan zu irgendeinem Erfolg führen würde; es war sogar zehn gegen eins zu wetten, daß Donna Xenia das Rosazimmer vermeiden würde, nun sie wußte, daß es bewohnt war; aber Windmüller war entschlossen, diesen Versuch zu wagen, den er darauf begründete, daß die Principessa offenbar in ihrem Logis etwas suchen wollte, zum mindesten doch aber einen Zweck mit ihren wiederholten Besuchen verbinden mußte. Was für ein Zweck dies auch war: die Hauptsache blieb, ihrer habhaft zu werden, und zwar aus dem einzigen, rein menschlichen Grunde, sie ihrer Selbstgefangenschaft zu entreißen, in der sie sich ja nur unter dem Zwange einer unerhörten Furcht vor – ja, vor was und vor wem? – befinden konnte.

*

Auf Fiore legte sich, als Windmüller sie verlassen hatte, um Don Gian aufzusuchen, plötzlich wie ein Alp das Bewußtsein, daß sie den Abend in Gesellschaft der Krähenhausens zuzubringen hatte, und sie zerbrach sich den Kopf nach einer Entschuldigung, um diesem Genuß zu entgehen. Kopfschmerzen vorschützen? Sie sah in den Spiegel und mußte lachen, als ihr daraus ihr blühendes, strahlendes Gesicht, ihre hellen Augen entgegenblickten. Frau von Krähenhausen würde sicher kommen, sich von der Wahrheit der Entschuldigung zu überzeugen, sie würde natürlich nicht ein Wort davon glauben und wieder von ihrem Wiwigenz zu reden anfangen.

»Es ist gräßlich, aber ich werde mich einfach ins Bett legen müssen«, dachte sie betrübt. »Was will ich denn sonst machen? Ich kann und darf es doch nicht riskieren, daß der außerordentliche Wiwigenz auf allerhöchsten Befehl seiner Frau Mutter erst anfängt, mir die Cour zu schneiden! Er mag sein, wie er will – aber das darf ich ihm wirklich nicht antun. – Wie spät ist es jetzt? Erst fünf Uhr? Oh, dann habe ich ja noch eine Gnadenfrist, denn so bald wird ja wohl das Trio Kumm, Wenn und Kich noch nicht heimkehren.« –

Fiore Meldeck war ein Sonntagskind und hatte in ihren härtesten Bedrängnissen immer Glück gehabt. Sie war sich kaum der ihr geschenkten Gnadenfrist bewußt geworden, als ein Diener erschien und ihr den Besuch der Marchesa meldete. Überrascht über diese Auszeichnung von seiten der alten Dame ging sie ihr durch den Saal entgegen und führte sie in die Stanza del' Brustoloni. Kaum hatte der feierlich folgende Diener die Tür hinter ihnen geschlossen, als die Marchesa sie zärtlich und bewegt in die Arme schloß.

»Welch frohe Botschaft hat Gian mir eben gebracht! Weißt du, daß deine Mutter meine Tochter hätte werden sollen? Ich habe sie geliebt wie mein eigenes Kind und habe sie so ungern hergegeben – und nun bist du, cara mia, meines Enkels Braut geworden! Ich hab's droben nicht ausgehalten und mußte kommen, dich an mein Herz zu schließen!«

Fiore schlang wortlos ihre Arme um den Hals der alten Dame. »Jetzt habe ich wieder eine Heimat!« flüsterte sie selig.

Und dann saßen die beiden, die Alte und die Junge, zusammen und plauderten, bis dann Loredana, gefolgt von Don Gian, hereingestürmt kam, voll von der großen Neuigkeit, um die neue Schwägerin zu umarmen.

Dem glücklichen Quartett in der Stanza del' Brustoloni verflog die Zeit wie auf Flügeln, bis mit einem Male die scharfe, weittragende Stimme von Frau von Krähenhausen, die mit ihren Herren zurückgekehrt war, sozusagen die Stunde schlug.

»Die hatte ich ja ganz vergessen!« rief Fiore mit komischem Schrecken.

»Ich auch!« gestand Don Gian lachend. »Besonders aber hatte ich vergessen, daß ich ja bei Herrn von Krähenhausen feierlich um deine Hand anhalten muß. Soll ich's gleich tun?«

»Ich weiß nicht«, meinte Fiore zweifelnd. »Mein Vormund lebt in Krähwinkel und erwartet einen solchen feierlichen Akt sicher mittags um Zwölf in Frack, weißer Binde, weißen Handschuhen und Zylinder, ein Tellerbukett in der Hand. So hab' ich's wenigstens in Krähwinkel gesehen und bin sehr scharf darüber belehrt worden, daß es sich so für einen Heiratskandidaten schickt.«

»Da wir aber nicht in Krähwinkel, sondern in Venedig sind – «

»Kinder, die Leute sind lächerlich kleinstädtisch – es ist wahr«, fiel die Marchesa ein, »aber wir verdanken ihnen unsere Fiore. Hätten sie bei uns nicht gemietet, so hätten wir dich, mein liebes Töchterchen, nicht kennengelernt.«

Fiore stutzte, öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, besann sich aber eines anderen und meinte statt dessen: »Sie – wir werden aber die ersten und letzten Mieter sein, die im Palazzo Terraferma eingezogen sind – nicht wahr, Gian?«

Der Marchese seufzte ein wenig und antwortete nicht gleich. »Wenn's nach mir, nach uns allen ginge – gewiß«, sagte er dann zögernd. »Aber es geht leider nicht nach uns, sondern nach dem Zwang der Umstände. Ich bin durch – durch Abtragung von Schulden meines Bruders und seiner Frau gezwungen, zu dieser Maßregel der Vermietung zu greifen, wenn ich meine Laufbahn nicht aufgeben will. Es wird mir schwer, darüber zu sprechen, aber schließlich bin ich es dir doch schuldig, reinen Wein über meine Verhältnisse einzuschenken, liebste Fiore. Ich kann dir einen alten, in Venedigs Geschichte berühmten Namen bieten, aber an irdischen Gütern eben nur gerade, was knapp zum standesgemäßen Leben reicht – «

»Als ob ich danach früge!« fiel Fiore lebhaft ein. »Nein – nein! Der Palazzo Terraferma soll und darf keine Mieter mehr sehen, denn – denn ich komme ja nicht mit leeren Händen, und ich hoffe, du wirst nicht zu stolz sein, um anzunehmen, was ich mitbringe, sondern es als das Deine betrachten. Was sollte ich allein wohl auch mit dem vielen Gelde anfangen?« schloß sie lachend.

»Fiore – was redest du da?« rief die Marchesa erstaunt. »Ich meine doch gehört zu haben, daß du, wie die gute Candiani sich ausdrückte, ›nichts hast‹.«

»Habt ihr das gehört?« fragte Fiore mit einem glücklichen Lächeln. »Wie schön! Ich meine, wie schön, wie herrlich für mich, daß ihr alle mich trotzdem aufgenommen und als die Eure begrüßt habt, als wäre ich des seligen Krösus einzige Erbin. Oh, ihr wißt nicht, was ihr mir damit schenkt: das Bewußtsein, daß ihr mich um meiner selbst willen liebt, mich liebt, nur weil Gian mich gewählt! Nun, des seligen Krösus Erbin bin ich zwar nicht, aber die meiner Patin, die mich bei sich aufnahm, als Papa starb, und weil er ihre Jugendliebe war, so hat sie mir alles hinterlassen, was sie besessen hat. Ich dachte selbst niemals, daß es viel sein könnte, denn sie lebte so einfach und sah, wie's mein Vetter Fritz Meldeck sehr geschmackvoll ausdrückte, wirklich wie eine ›alte Vogelscheuche‹ aus. Aber originell wie sie war – sie hatte ein goldenes Herz und hat mir mehr als ihre paar Millionen hinterlassen: das Andenken an ihre große, große Liebe. Und was nun die Krähenhausens betrifft – sie hatten ›keinen Platz‹ für mich, als Papa starb und Vater Kumm mir zum Vormund bestimmte; nachdem aber auch meine Patin heimgegangen und es etwas zu verwalten gab, da hatten sie Platz und schlugen mich breit, zu ihnen zu ziehen, und mithin – «

»Mithin bist du unsere Mieterin!« fiel Donna Loredana ein.

»Eigentlich ja, aber uneigentlich habe ich's für höflicher gefunden, den Krähenhausens damit den Vortritt einzuräumen.«

»Darum also!« rief die Marchesa und fügte lächelnd hinzu: »Es wird ein schwerer Schlag für Gina Candiani sein, wenn sie erfährt, daß sie einmal in ihrem Leben etwas nicht gewußt hat, was ihren lieben Nächsten angeht!«

»Ich bin auch sehr froh, daß ich's nicht gewußt habe«, erklärte Don Gian, »trotzdem ich mir schon Vorwürfe gemacht habe, dich in meine Sorgen hereingezogen zu haben, Fiore.«

»Tugend wird belohnt«, rief Donna Loredana. »Es hätte uns eigentlich stutzig machen können, daß Fiore ›mit nichts‹ Toiletten von Paquin trägt, und wir dachten in unserer Blindheit, daß Frau von Krähenhausen solch eine offene Hand und solch vorzüglichen Geschmack hat – «

Ein Klopfen an der Tür unterbrach dieses Geständnis, das Fiore köstlich amüsierte, und auf ihr ›Herein‹ erschien Herr von Krähenhausen in dem Zimmer.

»Kumm!« machte er einleitend. »Pardon, ich dachte, meine Mündel wäre allein. Ich küsse Eurer Exzellenz die Hand – Ihr Diener, Donna Loredana. Herr Marchese – ich grüße Sie! – Kumm! Bin sehr erfreut, die Herrschaften hier vorzufinden – die reine Familienpartie sozusagen!«

»In der Tat!« nahm die Marchesa das Wort. »Es ist eine Familienpartie im wahren Sinne des Wortes, denn mein Enkelsohn hat sich eben mit Komtesse Meldeck verlobt und hatte es vor, sobald als möglich bei Ihnen offiziell um ihre Hand anzuhalten.«

»Verlobt?« rief der alte Herr. »Gratuliere – gratuliere herzlichst!« setzte er strahlend hinzu, besann sich dann aber und kriegte einen sichtlichen Schreck. »Ich freue mich natürlich«, stotterte er, »außerordentlich sozusagen, aber ich weiß doch nicht, ob meine Frau – ich werde gleich gehen, es ihr zu sagen. – Oder wollen Sie lieber selbst, Herr Marchese – – es wäre in der Tat besser, wenn Sie selbst – «

»Natürlich werden wir es Frau von Krähenhausen anzeigen und uns vorstellen«, fiel Fiore ein. »Die Hauptsache ist aber, daß Sie sich freuen und zustimmen, da Sie ja doch der Vormund sind.«

»Kumm!« machte Herr von Krähenhausen betreten. »Ich hätte es wohl nicht gleich sagen sollen – meine liebe Frau und ich pflegen alle Angelegenheiten immer gemeinsam zu beraten – – wir wollen es überlegen. Jawohl, wir wollen es überlegen!«

»Gewiß – überlegen Sie nur! Aber an der Tatsache kann es ja nichts mehr ändern, daß Sie Ihre herzlichste Zustimmung gegeben haben«, sagte die Marchesa, der der arme Pantoffelheld leid tat. »Ich danke Ihnen in unser aller Namen dafür aufs wärmste und bin glücklich, daß Sie so freundlich teilnehmen an unserer Freude. Sie verlieren dadurch freilich die strahlende Jugend als Hausgenossin, aber wenn man ein so liebes, reizendes Mündel hat, muß man eben darauf vorbereitet sein, sie über kurz oder lang einem anderen abtreten zu müssen.«

»Kumm – kumm!« machte Herr von Krähenhausen mit einem Blick auf die Tür. »Ich freue mich wirklich, freue mich von Herzen«, setzte er dann energisch hinzu. »Fiore ist ein so liebes Mädchen – ja, ja, Fiore, das sind Sie! Und daß Sie gut gewählt haben, dafür bürgt mir Ihr ganzer solider, höchst solider Charakter. Das sage ich unabhängig von den Ansichten meiner lieben Frau – wohlverstanden. – Ich wollte, sie wüßte es erst«, schloß er mit einem tiefen Seufzer. –

Fiore ist heute noch eine junge, schöne Frau und hat nach menschlichem Ermessen noch ein langes Leben vor sich; sollte sie aber hundert Jahre alt werden, so wird sie sich selbst dann nicht erinnern können, jemals einen ungemütlicheren Abend verlebt zu haben als den ihres Verlobungstages im Kreise der Familie von Krähenhausen. Vater ›Kumm‹ wollte ja gern gemütlich sein, wagte es aber nicht; Mutter ›Wenn‹ war ausfallend, spitz und bitter, und nur der ›Außerordentliche‹ vermochte es, eine gewisse Harmlosigkeit in den kleinen Kreis zu bringen, wofür Fiore ihm dankbar war und ihm die Krone seiner Sippe, bildlich geredet, zugestand, während sie die nicht beneidete, der er dereinst diese Schwiegermutter zumuten würde. Ohne dieses notwendige Übel wäre er wirklich gar nicht so übel gewesen, dieser Wiwigenz.

Fiore war jedenfalls seelenfroh, als sie sich endlich in ihre Zimmer zurückziehen konnte, und doch hatte sie dort noch lange zu warten, ehe sie annehmen konnte, daß im Hause alles zur Ruhe gegangen war. Sie hatte sich mit Hilfe der Kammerjungfer zum Schlafen vorbereitet und sie dann entlassen und empfand es heute als günstig, daß dieser dienende Geist sein Zimmer in dem von den Krähenhausens bewohnten Flügel jenseits des Saales hatte. Als sie dann allein war, zog sie sich wieder an, verschloß alle Türen und wartete nun in Gesellschaft ihrer jungen Glücksträume, wodurch die Zeit rascher verging, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, der Dinge, die da kommen sollten.

Es war nach elf Uhr, als es endlich leise an die Tür des nördlich an das Rosazimmer stoßenden Salons klopfte. Sie öffnete ebenso leise und ließ Windmüller, gefolgt von Don Gian, ein, wonach ersterer die Tür wieder verriegelte und sofort das elektrische Licht abdrehte, das Fiore während der Zeit des Wartens in diesem Raume brennen ließ, während er gleichzeitig durch eine Bewegung Schweigen empfahl. Fiore schlüpfte demgemäß auch durch die herabgelassene Portiere in das Rosazimmer, legte sich dort, wie sie war, auf das Bett und wartete ruhig, aber wachsam, indem sie dem Mondlicht zusah, das durch das offene Fenster schräg ins Zimmer fiel und dem rosa Silberbrokat der Möbel, Tapeten und Vorhänge einen goldenen Lüster gab. –

Windmüller hatte Don Gian im Nebenzimmer seinen Platz angewiesen und selbst so vor der Tür Posten gefaßt, daß er das Rosazimmer und durch dessen offenstehende Tür die Stanza del' Brustoloni in gerader Linie übersehen konnte. Ihm verschlug das bewegungslose Ausharren auf einer Stelle nichts, er hatte es in wesentlich unbequemeren Lagen in seinem Berufe oft üben müssen, während Don Gian, als die Zeit vorschritt, manchmal die Stellung zu ändern sich veranlaßt fühlte.

Es schlug Mitternacht von den nahen Türmen von San Polo und den Frari, andere, fernere Glocken stimmten ein, und wieder wurde es totenstill – kaum daß noch eine verspätete Barke mit leisem Ruderschlag an der Mündung des Sackkanals vorüberglitt, oder man von ferne Schritte über die Eisenbrücke an der Westseite des Palastes klappern hörte.

Und wieder schlugen die Glocken und kündeten die erste Morgenstunde; der Mond war hinter dem Palaste verschwunden, aber die Nacht so hell, daß man die Gegenstände in den Zimmern deutlich erkennen konnte, denn die Fensterläden waren auch in der Stanza del' Brustoloni nicht geschlossen worden, nur die in dem Salon, in dem die Herren saßen, waren zu, so daß dort deren Anwesenheit nicht zu erkennen gewesen wäre.

»Vergebliches Warten!« dachte Don Gian, sich wieder einmal streckend, indem er sich wunderte, wie Windmüller es fertig bringen konnte, so unbeweglich zu sitzen.

Dieser aber gab die Sache noch nicht auf; zwar hatte auch er keine große Hoffnung, Donna Xenia erscheinen zu sehen, aber die Möglichkeit war darum doch noch nicht ausgeschlossen. Drinnen im Rosazimmer rührte sich nichts; es war so still, daß Windmüller dachte, Fiore müsse wohl eingeschlafen sein. Etwas um die Ecke der Türöffnung lugend, sah er sie auf der rechten Seite, den Arm unter dem Kopfe, auf dem Bett liegen, aber er konnte nicht erkennen, ob sie die Augen geschlossen hatte.

Doch nein – sie schlief nicht: er sah, wie sie sich leise aufrichtete und nach der offenen Tür hinsah. Hatte sie etwas gehört, das ihm entgangen war? Gespannt beobachtete er Fiore, ohne darum die Tür aus den Augen zu verlieren, denn es war offenbar, daß das junge Mädchen etwas hörte, es schien fast, als ob sie auch etwas sah. Und doch – es war nichts zu sehen, nichts zu hören!

Windmüllers Gehör und Gesicht war oft mit dem eines Luchses verglichen worden, er konnte sich jedenfalls darauf verlassen. Zwar war es jetzt wesentlich dunkler geworden, nun der Mond nicht mehr in die Fenster hereinschien, aber er stand doch noch hoch genug am Himmel, daß man eine Person, die sich in Tür und Zimmer bewegte, zweifellos zu sehen vermocht hätte, wie er es auch sehen konnte, daß Fiore, das Profil nach der Tür gerichtet, jetzt lautlos von dem Bett herabglitt, daneben stehenblieb und dann mit ein paar raschen Schritten, die der weiche Teppich völlig dämpfte, vor den Türrahmen trat.

»Was wollen Sie hier, Madame?« hörte er sie laut und klar fragen. »Wie kommen Sie hier herein? Das Zimmer ist, wie Sie sehen, bewohnt.«

Mit ein paar Schritten stand Windmüller nun neben Fiore. »Mit wem reden Sie, Komtesse? Wo ist – «

Fiore legte ihre eiskalte Hand auf die seine und sah ihn mit großen, weitgeöffneten Augen an, in denen er selbst in dem herrschenden unsicheren Licht einen niegesehenen Glanz leuchten sah.

»Sie ist wieder fort«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. »Sie stand hier, genau vor mir – es war wie ein Licht, wie ein leuchtender, grünlicher Nebel um sie. – Sie müssen sie doch auch gesehen haben!«

Windmüller schüttelte den Kopf, aber er widersprach nicht. »Wo ist sie hingegangen?« fragte er nur.

»Ja, sahen Sie es denn nicht?« erwiderte Fiore erstaunt. »Durch die Türfüllung hier rechts. Sie ging genau auf wie jene andere links – auf und zu, während ich sie anredete. Machen Sie Licht, und ich werde es Ihnen zeigen! Ich dachte, Sie wären hinter dem Türrahmen und paßten auf.«

Windmüller drehte sich um und machte Don Gian ein Zeichen, die schweren Vorhänge an den Fenstern des Rosazimmers zuzuziehen, während er selbst in der Stanza del' Brustoloni dieses Geschäft besorgte. Dann erst drehte er das elektrische Licht auf.

»Nun zeigen Sie uns, wo Donna Xenia das Zimmer verlassen hat, Komteßchen«, sagte er zu Fiore, die unbeweglich auf derselben Stelle geblieben war. Gleichzeitig machte er eine Bewegung gegen Don Gian, der hinter seine Braut getreten war, um ihn daran zu verhindern, auszusprechen, was ihm auf den Lippen lag.

»Hier«, erwiderte Fiore mit derselben selbstverständlichen Sicherheit, mit der sie bisher gesprochen, indem sie auf das mit der entgegengesetzten Seite korrespondierende Ornament des Blumenkörbchens auf dem Paneel zeigte. »Hier«, wiederholte sie, das zierliche, vergoldete Schnitzwerk zurückschiebend, und wie links, so öffnete sich auch rechts nun das Paneel, lautlos und ohne jede Schwierigkeit, nur daß es nicht wie dort eine Wendeltreppe enthüllte, sondern einen schmalen Gang.

»Da ist sie hineingegangen«, wiederholte Fiore. »Riechen Sie nicht den Gardenienduft? Und das – das andere? Oh, diese Gardenien – sie machen mir Schwindel – «

Und in der Tat griff Fiore um sich, als ob sie eine Stütze suchte, die sie in Don Gian auch fand.

Windmüller nahm sie ihm aber aus den Armen und trug sie mehr, als er sie führte, zu dem Bett. »Legen Sie sich hin, Komteßchen, und sehen Sie zu, daß Sie schlafen können«, sagte er, ihr wie einem Kinde zuredend. »Sie sind übermüdet, überwacht. Wir zwei, Don Gian und ich, werden schon allein das – das andere besorgen.«

Fiore streckte sich ohne Widerstreben auf dem Bett aus, schloß die Augen, und ehe Windmüller noch die Decke über sie ausgebreitet, bewiesen ihre ruhigen, tiefen Atemzüge, daß sie sofort wie ein müdes Kind eingeschlafen war.

»Ist sie krank?« flüsterte Don Gian besorgt.

»Nein, nur geistig erschöpft«, entgegnete Windmüller ebenso. »Und, um es gleich zu sagen: ich habe nicht gesehen, was Komtesse Meldeck sah – Donna Xenia! Ich habe jede Bewegung Ihrer Braut verfolgt und hätte sehen müssen, was sie zu sehen vermeint, oder wirklich gesehen hat. Haben Sie die Gardenien gerochen? Nein. Ich auch nicht. Trotzdem aber – Doch davon später. Lassen Sie uns nun auf die Entdeckungsreise zwischen diesen Mauern gehen.«

»Aber ich verstehe nicht – «

»Nein, natürlich nicht. Und doch gibt es tatsächlich mehr Dinge zwischen Himmel und Erde – Sie kennen ja den abgedroschenen Spruch«, erwiderte Windmüller, indem er eine kleine Azetylenlampe aus der Tasche zog, sie entzündete und damit in den Gang hineinleuchtete.

Er war nicht lang, dieser Gang, nur wenige Schritte, und führte zu einer kurzen Treppe von vier gemauerten Stufen, die wiederum auf einer Art von hölzerner Plattform endeten, von der abermals eine Flucht von Stufen sich im Dunkel verlor.

»Dort funkelt etwas«, flüsterte Don Gian, auf einen Gegenstand deutend, der auf diesen Stufen lag. »Es sieht aus wie der goldbronzene Bügel einer Handtasche – einer modernen, neuen Handtasche – «

Damit bückte er sich unter dem die Laterne haltenden Arm Windmüllers hindurch und wollte auf den an diesem verborgenen Orte so fremdartig anmutenden Gegenstand zueilen, als ihn – noch ehe er die erste der vier Stufen, die zu der Plattform führten, betreten hatte – Windmüllers Arm packte und mit eiserner Kraft zurückhielt.

»Zurück, Mann! Sie rennen ja in den sicheren Tod!« keuchte er in höchster Erregung. »Sehen Sie – hier!« fuhr er fort, ohne Don Gian loszulassen, indem er zu seinen Füßen, dicht am Eingang, auf einen eisernen Ring zeigte, der an einer dünnen Kette befestigt war, die an der Wand entlang neben den vier Stufen bis zu der Plattform lief. »Gottlob, daß ich den Mechanismus gleich suchte und fand, als der Ritz in der Mitte der Plattform dort mir in die Augen sprang – «

»Was ist's damit? Es sind zwei aneinandergefügte Dielen, wie ich sehe«, sagte Don Gian verwundert.

»Es ist eine Trappola – eine Falltür«, erwiderte Windmüller grimmig, indem er sich mit der Hand, die die Laterne hielt, über die Stirn fuhr, auf der dicke Schweißperlen standen. »Mit einem Worte: die Oubliette, von der im Palazzo Terraferma die Sage ging. Die Sage ist eine grausige Wirklichkeit, und der erste Schritt auf die Plattform hätte Sie in den sicheren Tod, in die Ewigkeit befördert. Hinter dem letzten – oder vielmehr dem Vorletzten, der diesen Schritt tat, ist vergessen worden, die Trappola zu schließen. Sehen Sie – so!« Und, sich bückend, zog er an dem Ring die Kette zurück und streifte ihn über einen Haken, der sich dicht neben dem Eingang unten an der Wand befand. »So«, sagte er, sich aufrichtend, »nun ist unterhalb der Plattform der Riegel vorgeschoben, nun dürfen wir beide mit Sicherheit darauf treten. Ich kenne diesen Mechanismus, habe ihn in einem Kastell in den Sabinerbergen bei Rom gesehen – zu Ihrem Glücke gesehen.«

Nun war es Don Gian, der sich den hellen Schweiß von der Stirn wischte. »Wer hätte das hier in diesem Hause vermutet, für möglich gehalten!« murmelte er mit einem Blick des Abscheus auf die trügerische Plattform.

»Hm – es wird wohl nicht die einzige Trappola in dieser Stadt sein, wo man unbequeme Mitbürger der Vergessenheit übergab – daher der Name Oubliette, von oublier, vergessen«, entgegnete Windmüller, indem er einen Schritt vorwärts machte.

»Was sagten Sie eben? Daß man vergessen hätte, die Trappola hinter dem – vorletzten zu schließen? Warum hinter dem vorletzten?« fragte Don Gian stockend, indem er Windmüller zurückhielt.

Dieser wendete sich um und sah den Marchese ernst an. »Weil die letzte, die ahnungslos diesen Weg nahm, keine andere gewesen sein dürfte als – Donna Xenia.«

»Herr des Himmels!« schrie Don Gian auf – so laut, daß Windmüller ihm die Hand auf den Mund legte und durch den Eingang zurücklauschte, ob Fiore von dem Ausrufe nicht erwacht war.

»Es ist ja ganz klar«, sagte er dann, als drinnen im Rosazimmer sich nichts rührte. »Sie kannte den Weg und wollte ihn als Ausgang benützen, um den Palast darauf zu verlassen. Wir werden diesen Ausgang jetzt finden. Sie kannte den Weg, aber nicht die Oubliette. Als sie darauf trat, hat die Falltür sich geöffnet und sich dann für immer über ihr wieder geschlossen. In dem Augenblick des Sturzes aber ist ihr durch das plötzliche Weichen des Bodens unter ihr die Tasche dort aus der Hand geschleudert worden, um als stummer Zeuge für den grausigen Vorgang der Stunde der Entdeckung zu warten. Und das Instrument dazu war – Ihre Braut, Herr Marchese, mit ihrer Gabe, mehr zu sehen als andere Sterbliche. Sie werden danach wohl auch verlernen, von einem ›Zufall‹ zu reden – dem Zufall, der dieses Mädchen in Ihr Haus geführt hat, um nicht nur das Glück Ihres Lebens zu werden, sondern auch den letzten und besten Beweis für Ihre Schuldlosigkeit bei dem Verluste des bewußten Dokumentes zu führen, das, wenn ich mich nicht sehr täusche, in jener Handtasche dort enthalten ist.«

In tiefster Seele erschüttert folgte Don Gian dem Doktor, der mit erhobener Lampe nun auf die Plattform und von dieser auf die sich im Dunkel verlierende Treppe trat und die längliche, elegante Tasche von Juchtenleder aufhob. Ein paar Stufen herabtretend, stellte er die Lampe auf die Falltür, die unter den Schritten der Darauftretenden leise bebte und damit ihre düstere Bestimmung dem Wissenden verriet. Don Gian zum Vorbeigehen Platz machend, öffnete er den nur durch eine Schiebevorrichtung verschlossenen Bügel und nahm einen länglichen, versiegelten Umschlag heraus, den der Marchese auf den ersten Blick erkannte.

»Die Siegel sind unverletzt«, bemerkte Windmüller, indem er Don Gian den Umschlag übergab. »Wir nehmen die Tasche natürlich mit uns hinauf. Sie enthält, soviel ich sehe, nur noch ein Taschentuch, ein Portemonnaie – hier die Rückfahrkarte für Rom und – ja, was ist denn das? Ein vergilbtes, gerolltes Pergament? Wahrhaftig, da haben Sie's: es ist der Plan für das Geheimnis dieser dicken Mauer, die mir so viel Kopfzerbrechen gemacht, ihr Durchschnitt – und hier am Fußende eine Tür, die auf den Kanal hinausführt. – Donna Loredana wird ihn vergeblich suchen, diesen Plan. Sehen Sie, die Falltür und die Kette sind darin säuberlich eingezeichnet und mit Schattenstrichen der tiefe, durch den Rost, auf dem der Palast ruht, hinabgehende Schacht! Sie muß ihn übersehen oder nicht gewußt haben, was er bedeutet – nun, eine Antwort auf dieses Entweder – Oder werden wir nicht mehr erlangen. – Lassen Sie uns nun sehen, wo diese Treppe mündet, wo diese Tür nach dem Kanal sich befindet, die doch von außen nicht zu sehen ist.«

Die Treppe machte kurz hinter der Falltür eine Biegung und mündete unten in einen ziemlich breiten Gang, der vor einer mit Holz verkleideten, mannshohen Tür endete. Sie war mit zwei eisernen, schweren Riegeln verschlossen. Windmüller schob die Riegel mit einiger Schwierigkeit zurück und konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken, denn es war die innen mit Holz verschalte Lastra, an der der Gondoliere hatte warten sollen und auch gewartet hatte, die sich langsam und schwer nach innen bewegte.

»Man soll nicht sagen, daß die Architekten von ehedem nicht erfinderisch waren«, sagte er mit unverhohlener Bewunderung. »Die Herrschaften jener sogenannten ›guten alten Zeit‹ hatten es ja nötig, über Mittel und Wege zu verfügen, um dem sehr langen Arm des Rates der Drei zu entweichen, wenn er sich einmal nach ihnen ausstreckte. Ich kenne viele dieser sonderbaren Wege, aber dieser verdient entschieden den Preis. Die Lastra – die von außen so unschuldige Lastra! Wenn der brave Gondoliere sie sich öffnen gesehen hätte, wäre sie ja freilich kein Geheimnis mehr gewesen, aber der Mohr, der seine Arbeit getan, war ja auch dann ein unnützes und gleichgültiges Möbel geworden. Ganz abgesehen davon, daß dem Gondoliere kein Mensch seine Geschichte geglaubt hätte. Die Lastra war von innen gut verwahrt, das Paneel droben hütete sein Geheimnis so gut, daß selbst ich es nicht ergründet habe – nun, und durch eine Marmortafel kann kein Mensch aus einem Hause gehen. Insoweit war alles bewunderungswert ausgedacht, vorbereitet und überlegt – nur den Schatten der alles ausgleichenden Gerechtigkeit sah Donna Xenia bei ihrer verräterischen Tat nicht hinter sich herschreiten, weil sie nicht an die Wahrheit des Spruches dachte oder glaubte: ›Jede Schuld rächt sich auf Erden!‹« –

Wenige Minuten später standen Don Gian und Windmüller wieder jenseits der sorgfältig geschlossenen Paneeltür, und letzterer deutete mit einem freundlichen Lächeln auf die trotz des noch brennenden Lichtes friedlich schlafende Fiore.

»Gehen wir leise, stören wir sie nicht – sie braucht den Schlaf!« flüsterte er, das Licht abdrehend und an seiner Handlampe die Schutzblende schließend. »Vermutlich wird sie morgen nichts von den Ereignissen dieser Nacht wissen; ich schließe darauf durch den plötzlich bei ihr eingetretenen Schlaf, der dem visionären Zustand unmittelbar folgte. – Kommen Sie!«

Don Gian folgte dem Rufe, wenn auch mit einem kleinen Umwege. Er trat leise, leise neben das Bett und küßte die reine Stirn der Schläferin, um deren Mund ein glückliches Lächeln spielte wie der Widerschein eines seligen Traumes. –

Im oberen Stock wollte Don Gian sich von seinem Gast verabschieden, doch dieser bat ihn, in sein Zimmer einzutreten.

»Schlafen werden wir ja doch alle beide nicht können«, sagte er, »und es bleibt uns noch einiges zu besprechen. Meine Mission hier ist beendet, und ich werde mit dem Schnellzug am Vormittag nach Rom zurückkehren. Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, so ist es der: Kommen Sie mit und unterstützen Sie meinen Bericht bei Ihrem Chef!«

»Ich habe auch schon daran gedacht«, erwiderte Don Gian bereitwilligst. »Es ist in der Tat das Richtige und dürfte auch von mir erwartet werden. Dann aber werde ich zurückkehren müssen, um – «

Er brach ab, und ein schmerzlicher Zug flog über sein Gesicht.

»Ich habe das erwartet und wollte mir darum noch ein Wort gestatten«, fiel Windmüller ein. »Vor allem: es wird notwendig sein, Ihre Damen über die gemachte Entdeckung nicht aufzuklären. Wie ich die Sache kenne, kann ich nur sagen, daß ich es für geboten halte, Ihren Chef zwar einzuweihen, Donna Xenia aber vor den Ihrigen und der ganzen Welt der leider nur zu großen Gemeinde der Verschollenen beizuzählen – «

»Ich kann aber doch, was übrig ist von ihren sterblichen Resten, nicht in diesem – Loche liegen lassen!« brach Don Gian los. »Denken Sie daran, wie furchtbar sie gesühnt hat! Der Gedanke allein muß ja in jedem fühlenden Menschen volle Vergebung auslösen – wie könnte ich ihr, der Witwe meines Bruders, ein christliches Begräbnis vorenthalten?«

»Ich wäre der letzte, dazu zu raten, wenn ich nicht die beinahe völlige Unmöglichkeit beurteilen könnte, die Unglückliche aus der Oubliette herauszuholen«, entgegnete Windmüller ernst. »Sehen Sie auf dem Plan den mit Schattenstrichen angedeuteten Schacht, berechnen Sie seine Tiefe, seine Lage und sagen Sie mir: wie wollen Sie auf den Grund gelangen, ohne den ganzen Teil des Palastes abtragen zu lassen? Bedenken Sie, wie viele Tage die Verunglückte schon in der Tiefe liegt – mehr brauche ich nicht anzudeuten. Sie ist da unten unauffindbar, selbst wenn jemand sie mit einem Taucherhelm suchen wollte. Ich bin überzeugt, daß Ihr Chef meine Ansicht teilt. Kennen Sie einen Geistlichen, von dem Sie sicher sind, daß er verschwiegen ist, so lassen Sie ihn über dem Schacht den Segen für die Heimgegangene sprechen, schließen Sie dann das Paneel in der Türfüllung des Rosazimmers so, daß kein ›Zufall‹ es mehr öffnen kann, und lassen Sie Gras über das rätselhafte Verschwinden der Donna Xenia wachsen. Die Welt, die so leicht vergißt, wird in Jahresfrist höchstens noch hin und wieder von ihr als von einer Verschollenen reden, wenn die Zungen müde geworden sind, sich in Vermutungen zu erschöpfen und anderen Stoff zum Klatsch gefunden haben. Ich weiß und kann wohl verstehen, daß die Kenntnis dieses Geheimnisses Ihnen das Haus Ihrer Vorfahren verleiden kann, Sie haben aber auch an die Ihrigen, besonders an Ihre würdige Großmutter, zu denken. Und dann Ihre Braut! Es wäre schrecklich, wenn dieser Schatten ihr junges Glück trübte! Sie wird morgen von den Ereignissen dieser Nacht kaum mehr viel wissen, denn ich habe es in ihren Augen gesehen, daß sie sich's unbewußt war, als sie vom Bett aufsprang und vor die Tür trat – das sind seelische Zustände, psychische Rätsel, die noch unergründet sind, es vielleicht immer bleiben werden.«

*

»Ja«, sagte Frau von Krähenhausen bissig und mit nur schlechtverhehlter Schadenfreude, als sie am folgenden Tage den Besuch des Grafen Meldeck empfing. »Ja, Ihre Base ist mit den Damen Terraferma ausgefahren, und der Marchese ist heute früh mit dem Doktor Windfang, oder wie er heißt, nach Rom abgereist, nachdem er sich gestern mit Komtesse Fiore verlobt hat!«

»Waaas?« machte Graf Meldeck. »Verlobt? Fiore hat sich mit dem Marchese verlobt?«

»Jawohl!« bestätigte Frau von Krähenhausen energisch. »Sie sich mit ihm und seinem großmächtigen Titel von Habenichts, und er sich mit ihren Millionen.«

»Kumm!« fiel Herr von Krähenhausen ein. »Das ist denn doch wohl etwas – sagen wir, etwas zu scharf ausgedrückt, liebe Frau! Der Marchese, um ihm die Ehre zu geben, hat nicht gewußt, daß Komtesse Fiore eine reiche Erbin ist, sondern uns – hahaha! – uns tatsächlich für die gehalten, die ihm den Phantasiepreis für diese Wohnung bezahlen!«

»Dummes Gerede!« rief Frau von Krähenhausen bissig, es dem Scharfsinn ihres Gatten überlassend, ob sie das auf ihn oder den Marchese bezog. »Ein Mädel, das nichts hat, zieht sich doch nicht an wie Fiore! Es sollte mir einer so etwas weismachen!«

»Nun, ich hab' auch nicht gewußt, daß Fiore so reich ist«, bemerkte Graf Meldeck zur eigenen Verteidigung. »Gehört hatte ich wohl, daß sie von ihrer Patin geerbt, aber Millionen – ! Ist wohl ein bißchen hochgegriffen, gnädige Frau, denn diese Patin sah, gelinde ausgedrückt, eigentlich mordsschäbig aus.«

»So hörte ich auch«, stimmte sie zu. »Der Schein hat aber wieder einmal getrogen, denn sie hat – neben anderen Vermächtnissen – Fiore runde zwei Millionen vermacht. Nun, der Marchese wird sich ins Fäustchen lachen und die Braut dazu eben mit in den Kauf nehmen.«

»Es werden ihn viele um diesen ›Kauf‹ beneiden«, nahm sich der Außerordentliche nun der Abwesenden an. »Komtesse Meldeck ist eine sehr schöne, sehr begabte und sehr liebenswürdige junge Dame, die – «

»Geschmacksache!« rief Frau von Krähenhausen abfällig. »Mich würde sie nicht begeistern.«

»Kumm!« machte ihr Gatte mit einem warnenden Blick auf den Besuch.

»Ist über die Hochzeit schon etwas bestimmt?« fragte Meldeck.

»Was weiß ich!« erwiderte Frau von Krähenhausen wegwerfend. »Die alte Marchesa hat etwas vom Oktober geredet und mir vorgeflunkert, daß sie natürlich in ihrem Alter die weite Reise bis zu uns nicht machen könne und Fiore darum bei ihr bleiben und hier verheiratet werden solle. Hat man so etwas schon erlebt, daß die Braut im Hause des Bräutigams Hochzeit macht? Ich finde es geradezu skandalös!«

»Unter den obwaltenden Umständen, liebe Mama, und weil man es der Marchesa doch nicht verdenken kann, wenn sie der Hochzeit ihres Enkels beiwohnen will, finde ich es wirklich nicht so unpassend«, bemerkte der Professor.

»Aber ich finde es so«, erklärte Frau von Krähenhausen scharf. »Ich hätte sonst nicht zugestimmt, so lange hierzubleiben. Aber man ist doch der guten Sitte ein Opfer schuldig. Ich habe es auch nur getan unter der Bedingung, daß ich die Wartezeit bis zur Hochzeit nicht in diesem ungemütlichen alten Kasten absitzen muß, und siedle heute noch ins Grand Hotel über.«

»Wo Fiore uns eine bequeme und geräumige Wohnung sofort zur Verfügung gestellt hat«, plauderte Herr von Krähenhausen in der harmlosen Unschuld seiner Seele strahlend aus, was ihm einen fürchterlichen Blick von seiner Gattin eintrug. Er verhieß eine Gardinenpredigt, die sich gewaschen haben dürfte.

»Es ist das Mindeste – das Mindeste, was sie für uns tun konnte, nachdem sie gesehen, wie unglücklich ich mich in diesem sogenannten Palaste fühle«, erklärte sie.

»Ich wollte, ich hätte solch einen Palast«, meinte Graf Meldeck lachend. »Was ist das übrigens für eine Marchesa Terraferma, von deren rätselhaftem Verschwinden heute alle Zeitungen voll sind? Wohl eine Verwandte?«

»Ja, und wie es den Anschein hat, eine höchst zweifelhafte Person«, fauchte Frau von Krähenhausen. »Hoffentlich taucht sie bis zur Hochzeit nicht wieder auf. Man muß ja eine solche Person einfach schneiden, die sich derart aufführt und rätselhaft verschwindet. Man weiß schon, was das sagen will!«

»Nun, nun, Mama – « begann der Professor begütigend.

Aber seine Mutter fuhr ihm sofort in die Parade und fragte ihn: »Willst du ein solches Betragen auch noch etwa gar entschuldigen?«

»Auf alle Fälle ist die Sache sehr peinlich und schmerzlich für die Familie«, behauptete er seinen menschenfreundlicheren Standpunkt.

Graf Meldeck aber beeilte sich, durch eine möglichst beschleunigte Abkürzung seines Besuches der entschieden aggressiven Atmosphäre des Krähenhausenschen Familienkreises zu entrinnen. –

»Wenn Wiwigenz mit seinem Urlaub nicht so unverantwortlich gezögert hätte, so wäre Fiore nicht in die Netze dieser italienischen Spitzbuben geraten, sondern er hätte die Braut heimgeführt. Es lag einzig und allein daran, daß er zu spät kam«, schloß Frau von Krähenhausen ihre Predigt, als sie mit den Ihrigen wieder allein war.

»Kumm!« machte Herr von Krähenhausen, ob zustimmend, ob zweifelnd, blieb unentschieden.

»Kich!« war auch das einzige, was der Außerordentliche zu seiner Entschuldigung anzuführen wagte. Was er sich sonst noch dachte, war seine Sache, aber es darf schon verraten werden, daß er dem Marchese von Terraferma dalla Luna trotz allem und allem von Herzen sein großes, in jeder Hinsicht großes Glück gönnte und sich darin einig mit seinem Vater wußte.

*

Das Rosazimmer gehört heute wieder zu den unbewohnten Räumen des schönen alten Palastes im Herzen Venedigs, und außer einigen wenigen Personen ahnt niemand, selbst seine schöne, neue junge Herrin nicht, daß es der Ausgangspunkt zu einer infamen Tat war und zu der Sühne, die ihr auf dem Fuße folgte.

Es ist vermutlich nicht das einzige Geheimnis, das es zu hüten hat, und wie jene, welche die Zeit längst zur Sage werden ließ, so wird auch das der Donna Xenia verklingen und vergehen unter dem Flügelschlage der kommenden Jahrhunderte.

 

Ende

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