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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Rosazimmer - Kapitel 6
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typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleRosazimmer
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created20120404
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Kurz darauf verließ Windmüller den Palast auf der Landseite durch die eine für den Verkehr benützte Tür, die in die Calle Terraferma hinausführte. Daß die Fenster des Piano nobile auf dieser Seite mit kunstvoll gearbeiteten, zum Teil vergoldeten schmiedeeisernen Gittern versehen waren, mochte sich in der besseren Angreifbarkeit der Landfront begründet haben, doch da diese Sicherheitsmaßregel im allgemeinen nicht gebräuchlich war, so hatten vielleicht auch andere Bedenken Veranlassung dazu gegeben.

Windmüller ging die Calle nach Norden zu hinauf, bog um die Ecke und erreichte den großen, palastumsäumten Platz, auf dem der Landeingang zu dem Palazzo Asolo liegt, denn der Winkel, den dieses Gebäude am Ende des Sackkanals macht, bildete den Teil, der als Magazin vermietet worden war.

Er kannte genügend die Geschichte des venezianischen Patriziats, um sich zu erinnern, daß die Familie Asolo nicht zu den ›Tribunen‹ der Republik gehört, sondern erst im siebzehnten Jahrhundert eingewandert war und sich – wie viele andere – durch reiche Geschenke die Eintragung in das ›Goldene Buch‹ erkauft hatte. Windmüller wußte das wohl, konnte sich hingegen nicht erinnern, den Palazzo Asolo jemals als reich an Kunstwerken rühmen gehört zu haben, trotzdem läutete er an der verschlossenen Tür und fragte die behäbige Frau, die zu öffnen kam – es war dieselbe, die vorhin die Wäsche aufgehangen – mit der ganzen Harmlosigkeit des Touristen, ob es erlaubt sei, den Palazzo zu besichtigen.

Die Frau, der diese Frage wahrscheinlich zum ersten Male im Leben gestellt wurde, machte schon den Mund zu einer ablehnenden Bemerkung auf, Windmülles Erscheinung war aber eine so entschieden ›herrschaftliche‹ und der Gedanke an ein gutes Trinkgeld daher so naheliegend, daß die Frau die verneinende Antwort wieder hinabschluckte und dafür etwas zögernd zugab, daß der Signor Conte zwar nie ein Verbot gegen die Besichtigung des Palazzo durch Fremde erlassen habe, daß aber auch dafür nicht viel zu sehen sei, worauf Windmüller meinte, sie sei da offenbar viel zu bescheiden, denn ein venezianischer Palast, selbst wenn er leer sei, sei immer noch sehenswerter als irgendeiner anderswo, und wenn es nicht zu viel Mühe mache – er würde sich gern erkenntlich zeigen –

Und so folgte er denn alsbald seiner Führerin die Hintertreppe hinauf ins Piano nobile und durchwanderte mit ihr, die die Fensterläden zu öffnen vorausging, eine Reihe recht hübscher Räume, die hauptsächlich mit Familienbildern geschmückt waren, namentlich aber wertvolle, eingelegte Möbel enthielten und sicherlich einen durchaus vornehmen Eindruck machten. Windmüller nahm indes davon nur sehr flüchtig Notiz, während er sich von der Frau des Portiers, als welche er sie sehr richtig vermutet hatte, die Familiengeschichte der Asolo erzählen ließ. Das war eine seiner ›Spezialitäten‹, daß er die Leute durch geschickt gestellte Fragen und Bemerkungen zum Plaudern brachte, und es gab nur wenige, bei denen diese Kunst versagte.

Nachdem der große Salon, der die Front des Hauses einnahm, gebührend bewundert worden war, gelangten sie dahin, wohin Windmüller von vornherein gestrebt, in eine lange, schmale Galerie der Westseite, die mit alten, wertvollen Gobelins behangen, mit Waffen und Büsten auf Marmorkonsolen geschmückt war. Diese scheinbar mit besonderem Interesse betrachtend, trat Windmüller wie von ungefähr an eines der geöffneten Fenster nach dem Sackkanal.

»Ah, der Palazzo Terraferma – nicht?« fragte er hinüberdeutend. »Ich kenne nämlich den Marchese – von Rom her. Schade, daß er sein schönes Haus hier nicht bewohnt. Ein liebenswürdiger Herr – und seine Schwägerin, die Principessa, eine so schöne Dame!«

»Sicher – sicher!« gab die Frau eifrig zu. »Und so jung schon Witwe! Nun, man sagt, sie tröstet sich ganz gut in Rom. Sie ist jetzt zum Besuch der alten Marchesa hier – oder war da, was weiß ich. Es ist ihr wohl zu still in dem einsamen Haus. Nun, schließlich will die Jugend auch ihr Recht haben.«

»Das will sie – das will sie!« bestätigte Windmüller. »So, so! Also die Frau Principessa war hier! Wohl erst unlängst? Ich sah sie doch erst vorige Woche in Rom!«

»Eh – wie lange ist's her? Zwei – drei Tage erst, da sah ich sie dort an jenem Fenster im Piano nobile«, plauderte die Frau, indem sie auf eines der offenen Fenster des Rosazimmers deutete. »Es war am frühen Nachmittag, und sie hatte den Hut auf, einen schönen, schillernden, grauseidenen Reisemantel an und zog sich gerade die Handschuhe aus. Wahrscheinlich war sie eben angekommen, und ich wunderte mich, warum sie gleich in die unbewohnten Zimmer gegangen ist.«

»Nun, sie wird wohl dort immer wohnen, wenn sie nach Venedig kommt«, meinte Windmüller unschuldig.

»Wer wird denn in den Prunkzimmern wohnen!« wehrte die Frau diese unerhörte Zumutung ab. »Die Frau Principessa hat ihre Wohnung drüben auf der anderen Seite, im dritten Stock, gerade über den Zimmern der alten Marchesa! Sie hatte aber doch wohl gewechselt, denn ich sah sie am Abend, gerade als ich schlafen ging und das Fenster schloß, im zweiten Stock am Fenster. Sie hatte ein schwarzes Kleid an, ganz mit Flittern bestickt, die im Mondschein nur so funkelten. Ich hatte das Licht schon ausgelöscht und stellte mich hinter den Vorhang, um sie anzusehen. Madonna mia! Was sah sie prächtig aus! Ich konnte sie gut sehen, denn sie bog sich zum Fenster heraus und goß dann eine Wasserflasche in den Kanal, und ich sah dabei die Ringe an ihrer weißen Hand funkeln – «

»Dio mio!« machte Windmüller. »Eine so große Dame und gießt selbst ihre Wasserflasche aus!«

»Ja, ich meine, sie muß eine Vorliebe dafür haben, denn ich sah sie's noch zweimal in derselben Nacht und an demselben Fenster tun«, rief die Frau mit gutmütigem Lachen.

»Nein, so etwas!« rief Windmüller mit gutgespieltem Staunen. »Zweimal noch?«

»So ist's, Signor! Es war eine heiße Nacht, und ich konnte nicht schlafen und dachte mir, wenn das Fenster offen wäre, könnte es auch meinem Mann nicht schaden, der zwar fest, aber unruhig schlief. Es war der Schirokko, Signor, der Schirokko! – Also, ich stand leise auf, und wie ich ans Fenster trete, sehe ich drüben, oben in der zweiten Etage, Licht und das Fenster offen stehen. Und wer steht darin? Die Frau Principessa wieder mit der Wasserflasche in der Hand und gießt sie aus! Dann trat sie ins Zimmer zurück, und nach einer kleinen Weile kommt sie wieder und schüttet dieselbe Flasche nochmals aus, indem sie sie schwenkte, wie um sie auszuspülen. Dann machte sie den Fensterladen wieder zu.«

»Ah – sie hat vielleicht auch nicht schlafen können – «

»Sie war ja noch angezogen, Signor, nicht mehr in dem funkelnden schwarzen Kleide, sondern in einem anderen Straßenkleide – mich dünkt, es war grau. Und es muß doch Mitternacht vorbei gewesen sein. Nun, es geht mich ja nichts an. Mein Mann pflegt immer zu sagen: Filomena, sagt er immer, laß die Leute tun, was sie wollen, und halte den Mund dazu.«

»Ein sehr weiser Mann, Ihr Gatte, Signora!« lobte Windmüller mit einem leisen Lächeln über den Erfolg dieser Lehre.

»Er ist ein Mann, der die Welt gesehen hat, denn er war schon einmal in Mailand«, verkündete Filomena mit berechtigtem Stolze. Ebbene, er war der Ansicht, daß ich entweder geträumt oder mich geirrt haben müßte, und wir haben uns fast darüber gestritten. Nicht darüber, daß ich die Frau Principessa die Flasche ausgießen sah, sondern wo! Als ob ich nicht wüßte, was der zweite Stock und was der Piano nobile ist! Das merkwürdigste dabei ist bloß, daß ich selbst ganz irre geworden bin. Ich lag nämlich, nachdem ich die Frau Principessa eine Weile den Laden schließen gesehen hatte, immer noch auf den Schlaf wartend, in meinem Bette – bei offenem Fenster, Signor – , da höre ich wieder über den Kanal herüber einen Laden aufmachen. Madonna mia, denke ich mir, will sie schon wieder die Flasche ausgießen? Ich mußte über den Gedanken lachen, und weil ich doch gern wissen wollte, ob das wirklich eine Liebhaberei von ihr ist, stehe ich also leise auf und schaue hinüber, so, daß man mich nicht sehen konnte; denn man will doch nicht, daß jemand von einem glaubt, daß man spioniert! Nun, ich denke wirklich, ich sehe nicht recht, denn der Laden droben ist fest zu und der darunter im Piano nobile halb offen, und die Signora Principessa lehnt sich zum Fenster heraus, den Hut auf dem Kopfe und den Mantel an, gerade wie ich sie am Nachmittag zuvor gesehen habe. Es war eine so helle Nacht, Signor, der Mond am Himmel, wennschon er jetzt hinterm Hause war, daß ich ihr weißes Gesicht unter dem großen schwarzen Hute ganz deutlich sehen konnte, und es war auch Licht im Zimmer hinter ihr. Sie schaute um den halboffenen Fensterladen herum nach dem Kanal, machte dann schnell den Laden wieder zu und das Licht, das durch die Ritzen schimmerte, erlosch gleich darauf. Ich trat nun bis an mein Fenster heran, denn ich war nun doch neugierig geworden, was mir keiner verdenken kann, Signor – Sie hätten es auch nicht anders gemacht – «

»Sicher nicht«, flocht Windmüller ermunternd ein.

»Nun ja, wenn eine so große Dame in der Nacht – es muß schon fast zwei Uhr gewesen sein – im Hut und Mantel zum Fenster herausschaut! Va bene, wie ich also am Fenster stehe – am halbgeschlossenen hinter dem Vorhang, denn man will doch nicht zeigen, daß man ein bißchen neugierig ist – da sehe ich eine geschlossene Gondel am Palazzo entlang kommen! Aha, denke ich mir, jetzt wissen wir ja, warum sie den Hut aufhat – sie will abreisen. Nun, hatte ich so viel gesehen, wollte ich auch noch zuschauen, wie sie in die Gondel drüben am Portal steigt – eine Principessa steht man nicht alle Tage abreisen, das ist für unsereins gerade so, als ob man im Theater wäre. – Nun, Signor, mögen Sie mir's glauben oder nicht – die Gondel fuhr nicht zum Portal, sondern legte zwischen den beiden Fenstern dort, gerade wo die Lastra ist, an! Und dort blieb sie wie festgenagelt liegen – ein, zwei Stunden, was weiß ich! Nun, ich warf einen Rock über, denn mich fing an zu frieren trotz der warmen Nacht, und blieb am Fenster und wartete, denn wer kann denn einsteigen, wenn keine Tür da ist, um herauszukommen, und wer durch eine Mauer kann, dem muß der Leibhaftige schon helfen! Es war mir ganz unheimlich dabei, Signor! Und was hatte die Gondel hier in der Nacht sonst zu tun, wenn sie nicht auf jemand wartete, so frage ich! Aber niemand kam, der Gondoliere saß auf seiner Poppa und gähnte zum Erbarmen – ich dachte mir aber, du bleibst auf deinem Posten und wartest, und wenn die Sonne drüber aufgehen sollte, denn wer hatte je schon so etwas gesehen? Wie ein Steinbild stand ich hinter dem Fenster und wartete, hörte, wie der Gondoliere leise vor sich hinfluchte, und endlich fuhr er wieder davon! Nun, mein Mann hat den Kopf geschüttelt, wie ich's ihm erzählte, und wir stritten uns fast darum, und dann sagte er: Filomena, sagte er, lasse die Leute tun, was sie wollen, und halte den Mund dazu! Das habe ich dann auch getan, Signor, das habe ich redlich«, schloß sie mit einem Seufzer der Erleichterung.

Windmüller lobte die bewiesene Enthaltsamkeit, indem er sich fragte, ob die ganze oder nur die halbe Nachbarschaft eine Stunde später die Geschichte schon gewußt – die halbe sicherlich, falls der brave und weise Mann nicht dem Grundsatz huldigte, daß man sich nach seinen Worten und nicht nach seinen Taten zu richten habe. Er, Windmüller nämlich, besah dann den Rest der Ca' Asolo mit scheinbar ungemindertem Interesse und verabschiedete sich von Frau Filomena mit vielem Dank und einem warmen Händedruck, dessen Betrag einen sehr tiefen Knicks von seiten der würdigen Dame und ein halbes Dutzend »Mille grazie, Senor Eccellenza« auslöste.

Windmüllers erwiderndes Lächeln aber verschwand sofort von seinem Gesicht, nachdem die Hintertür des Palazzo Asolo hinter ihm zugefallen war. Er ging, ohne sich weiter aufzuhalten, zurück in den Palazzo Terraferma, erreichte in diesem sein Zimmer, ohne jemand zu begegnen, und versank dort in tiefes Nachdenken.

*

Ein halbe Stunde vor Beginn der Tafel klopfte der Marchese an Windmüllers Tür und fand seinen Gast in Hemdärmeln am Schreibtische sitzend, sonst aber auch schon für die feierliche Stunde gerüstet.

»Ah!« sagte er aufsehend und seinen Wirt mit Wohlgefallen betrachtend, »schon im Kriegsschmuck? Mein Grundsatz, nie ohne das grausige Kleidungsstück, Frack genannt, zu reisen, hat sich, wie ich sehe, wiederum bewährt. Es steht Ihnen aber gut, sehr gut sogar – was entschieden von der Figur abhängt, die einem der Himmel auf diese irdische Pilgerfahrt mitgegeben hat, und – vom Schneider. Nur die Gardenie in Ihrem Knopfloch – – hm! Sehen Sie, eine gütige Fee, wie ich sie in Ihrer Frau Großmutter vermute – sie hat entschieden etwas von solch einem Wesen – , hat einen Nelkenstrauß in mein Zimmer stellen lassen. Suchen Sie sich eine davon aus, und lassen Sie die Gardenie dafür zurück.«

»Ja warum denn in aller Welt?« fragte Don Gian erstaunt, von seinem Gast auf die wachsweiße, exotische Blume herabsehend, die seinem tadellosen Frack eine besondere Distinktion verlieh.

»Ich kenne jemand in unserem heutigen Kreise, dem der Gardenienduft zu schwül ist und Unbehagen macht«, erwiderte Windmüller mit leisem Lächeln. »Idiosynkrasie, wenn Sie wollen, aber solche Abneigungen kommen vor und sind schwer zu bekämpfen. Das kann Ihnen freilich ganz gleichgültig sein und ist ja auch nur ein Vorschlag von mir, weil ich diese kleine Eigentümlichkeit meiner jungen Freundin zufällig kenne.«

Don Gian zog ohne ein Wort zu sagen die Gardenie aus seinem Knopfloch und steckte eine gelbe Nelke aus dem Blumenstrauß, der auf dem Tische in einem schlanken venezianischen Glase stand, an. »Ecco« sagte er, »und besten Dank. Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich Sie störe, aber ich habe Sie den ganzen Nachmittag nicht mehr gesehen und möchte doch nun gern wissen, ob Sie in unserer Angelegenheit weiter gekommen sind.«

»Das ist mit Ja oder Nein nicht ohne weiteres zu beantworten«, erwiderte Windmüller nach einer Pause, während welcher er seine Papiere wegschloß. »Ich wollte noch ein paar Nachrichten abwarten, ehe ich Sie aufsuchte. Diese Nachrichten habe ich erhalten. Sie sind, um es kurz zu sagen, alle auf demselben Punkt wie die früheren: Ihre Frau Schwägerin ist nirgends aufgetaucht und gesehen worden, das Dokument scheint mit ihr verschwunden zu sein, denn nicht das geringste Zeichen, daß es in die – unrechten Hände geraten sei, hat sich in dem diplomatischen Verkehr zwischen Ihrem Vaterland und der Pforte bemerkbar gemacht – «

»Gott sei Dank!« fiel Don Gian inbrünstig ein.

»Die Gefahr, die damit verbunden war, darf also als vorübergegangen betrachtet werden«, fuhr Windmüller fort. »Die drei Tage, die seit dem Verschwinden des Vertrages vergangen sind, haben mehr als genügt, um die Sache auszugleichen, und sollte das Dokument jetzt noch irgendwo auftauchen, so kann es einen Schaden nicht mehr verursachen. Die Gefahr lag ja nur in der unmittelbaren Ablieferung in die Hände derer, die ein Interesse daran hatten, dem Abschluß des Vertrages entgegenzuarbeiten, der inzwischen – dank Ihrem sofortigen Bericht – erfolgt ist. Diese Tatsache liegt vor und schließt jede Gefahr aus – nur ihre Verhinderung konnte eine werden. Doch das wissen Sie so gut wie ich. Es sollte nur erwähnt werden, um Sie durch die Kenntnis von dem Fehlschlagen des Anschlags zu beruhigen, das im übrigen nicht die Schuld des Gegners war.«

»Gott sei Dank!« sagte Don Gian noch einmal und dann fuhr er mit unwillkürlich gedämpfter Stimme fort: »Aber was ist dann aus meiner Schwägerin geworden? Glauben Sie, daß sie einer Gegenintrige zum Opfer gefallen, vielleicht gar – «

Er hielt mit einem Schauder ein, denn so wenig er seines Bruders Witwe liebte, so war das Unausgesprochene doch zu furchtbar, um ihm Worte zu geben.

»Sie meinen, ob sie entweder entführt oder gar ermordet worden ist?« vollendete Windmüller ernst. »Nein. Ich bin von diesen beiden Möglichkeiten deshalb stark zurückgekommen, weil in jedem der beiden Fälle das Dokument längst zum Kauf denen angeboten worden wäre, für die es entwendet worden ist. Wer seinen Wert so kannte, daß er es durch das Äußerste zu erlangen suchte, würde nicht bis heute gewartet haben, es um hohen Preis zu verkaufen. Ich glaube auch nicht, daß Ihre Schwägerin damit das Weite gesucht hat, denn es wäre ja einfach Wahnsinn, sich mit ihren – Brotgebern zu entzweien. Man könnte zwar noch den Fall setzen, daß ihr plötzlich das Gewissen geschlagen hat – unterwegs, auf der Fahrt zum Verrat, und daß sie, diese unterbrechend, sich verborgen hält, bis etwas Gras über die Sache gewachsen ist. Jedoch halte ich dafür, daß erstens Ihre Frau Schwägerin, nachdem sie schon soweit gegangen war, ihr Gewissen längst über Bord geworfen, und dann müßte sie auf dem Wege von hier nach Rom irgendwo gesehen worden sein. Das ist aber nicht der Fall. Was ich zu glauben anfange, ist, daß Donna Xenia auf einem noch unaufgeklärten Wege die Nachricht von einer ihr drohenden Gefahr erhalten hat – nach der Tat, wohlverstanden – und daß sie, da sie nicht wagen darf, das Haus zu verlassen, und doch den Boden darin zu heiß für sich verspürt, einen Schlupfwinkel darin gefunden hat – mit anderen Worten, daß sie noch unter diesem Dache weilt und zu bleiben gezwungen ist, bis sie glaubt oder weiß, sich mit Sicherheit entfernen zu können.«

Don Gian war so starr vor Überraschung über diese mögliche Lösung, daß er Windmüller wie geistesabwesend ansah, und das war viel für eine so intelligente Physiognomie wie die seine. Dann aber machte er eine abwehrende Handbewegung. »Herr Doktor«, begann er und fand damit seine Haltung wieder, »nehmen wir an, dieses Haus hat solche Schlupfwinkel – wahrscheinlich sogar hat es welche. Wenn meine Schwägerin einen mir unbekannten Weg kennt, um in mein Zimmer bei verschlossenen Türen und Fenstern zu gelangen, so wird sie schon noch mehr von den Geheimnissen dieses Hauses wissen, aber – ein Mensch kann doch nicht tagelang ohne jede Nahrung leben!«

»Sicher nicht«, gab Windmüller sofort zu. »Es ist aber möglich, sich nachts, wenn alles schläft, heimlich zu verproviantieren, oder jemand hier im Hause besorgt dieses Geschäft. Ich neige der letzteren Ansicht zu.«

»Per bacco!« machte Don Gian verblüfft »Aber wer? Tatsache ist, Herr Doktor, daß meine Schwägerin bei den Dienstboten im Hause nicht beliebt ist. Sie hat eine von der unseren stark abweichende Art, mit ihnen umzugehen und – «

»Lieber Herr Marchese, Ihre Schwägerin ist, soviel ich weiß, nicht knauserig, und Geld hat die unleugbare Eigenschaft, selbst Unbeliebtheit erträglich zu machen – in den Sphären wenigstens, in denen wir zu suchen haben, falls – falls der jugendliche Enthusiasmus von Donna Loredana für die Rechte eines jeden, seine eigenen Wege gehen zu dürfen, sie nicht zur Verbündeten ihrer schönen und, wie es scheint, sehr bewunderten Schwägerin gemacht hat«, schloß Windmüller liebenswürdig.

Don Gian war von dem Sessel, auf dem er Platz genommen, aufgesprungen, als ob er von einer Natter gestochen sei. »Das ist – das ist zu weit gegangen! Meine Schwester, meine eigene Schwester, die weiß, was für mich auf dem Spiele steht – «

»Verzeihung, Herr Marchese, ich hatte den Eindruck, daß sie das, bis heute mittag wenigstens, nicht wußte! Donna Loredana ist noch sehr jung und sehr enthusiastisch – sie ist wie weiches Wachs in den Händen einer so gewandten Dame wie Ihre Schwägerin, der sicher alle Töne zur Verfügung stehen, sie zu einer – natürlich anscheinend ganz unschuldigen kleinen Intrige zu begeistern. Herr Marchese, glauben Sie mir, es ist für jemand wie Ihre Frau Schwägerin nicht schwer, den Eingang in solch jugendliches Gemüt zu finden.«

Don Gian hatte sich, während Windmüller sprach, wieder gesetzt. »Nein«, sagte er finster, »da haben Sie recht. Wenn ihr die Brücke nicht zu unsicher war, so ist sie gewiß mit ihren infamen Absichten darauf getreten. Soll ich meine Schwester fragen?«

»Überlassen Sie das mir«, erwiderte Windmüller. »Ich kann das mit ein paar geschickten Wendungen unauffällig, ohne Schwierigkeiten und ohne die junge Seele aufzuregen oder zu verletzen, besorgen und vertraue meiner Übung in solchen Dingen, sehr bald zu wissen, wie die Dinge liegen. Denn sehen Sie: ist Ihre Schwester ahnungslos, dann würde der bloße Verdacht einen Sturm in ihrem Gemüt erregen, dessen Nachwehen wir ihr ersparen müssen. Die Jugend will mit sehr schonenden Händen angefaßt werden.«

Don Gian reichte seinem Gast die Hand. »Sie sind ein sehr guter, sehr zartfühlender Mann, Herr Doktor!«

»Nun, man hat sich nur das Verständnis für die Regungen der Seele zu bewahren gewußt«, entgegnete Windmüller freundlich. »Der Gedanke an diese Möglichkeit ist mir übrigens erst in letzter Stunde gekommen, und wenn ich Ihnen überhaupt Mitteilung davon machte, so geschah es nur, um Sie vorzubereiten. Ich halte übrigens für mein Teil die Beihilfe von jemand aus Ihrer Dienerschaft für wahrscheinlicher. Wurde aber Ihre Schwester in ihrer Unschuld benützt und zum Hehler gemacht, dann ist sie heute mittag sehr kräftig alarmiert worden, und dann werden wir gut tun, heute nacht dem entfliehenden Vogel den Weg zur Freiheit zu vertreten. – Ah – das Tamtam ruft uns – nicht? – Oh, es ist nur das erste Signal! – Nun, so bleibt noch Zeit, um Ihnen mitzuteilen, daß Donna Xenia die kleine Stahlflitter in Ihrem Zimmer verloren hat, als Sie Ihnen den Schlaftrunk zurechtmachte.«

»Wie in aller Welt wollen Sie das wissen?« fragte Don Gian erstaunt, als Windmüller eine Pause eintreten ließ und dann kurz erzählte, was er im Palazzo Asolo erfahren.

»Es ist möglich – wahrscheinlich sogar, daß Donna Xenia in der Zeit zwischen ihrem zweiten Besuche bei Ihnen und ihrer beabsichtigten Abreise eine Warnung erhalten hat«, fuhr er fort. »Sie war dann gezwungen, die Gondel im Stich zu lassen, die gerade in den Sackkanal einbog, als sie unten im Rosazimmer am Fenster gesehen wurde. Daß sie dabei den Hut aufhatte, ist kein Beweis, daß sie trotzdem beabsichtigte, abzureisen; sie mußte aber ihre Abreise markieren und durfte den Hut nicht zurücklassen. Warum sie ihren Koffer jedoch nicht mitnahm oder daraus wenigstens die notwendigsten Dinge, die der Kulturmensch nun einmal nicht entbehren kann, ist schon schwerer verständlich. Sie hat vielleicht nicht gedacht, daß ihr Versteck von Dauer sein würde, und als sie sich dann notgedrungen jemand im Hause hier offenbaren mußte, war der Koffer diesem Jemand nicht mehr zugänglich. – Das sind natürlich alles nur Vermutungen, die jedoch zur Konstruktion des Bildes gehören – und auch alle unrichtig sein können. Es bleibt aber freilich noch eine zweite Möglichkeit für Donna Xenias Verschwinden, die jedoch mit der vergeblich auf sie wartenden Gondel nicht übereinstimmt: daß sie das Dokument vor der drohenden Gefahr entweder verborgen und vernichtet hat, und daß der Anschlag auf ihre Person fruchtlos war. – Wie gesagt – das stimmt nicht mit der unbenützten Gondel überein und ist nur deshalb erwähnt, um keine Möglichkeit aus den Augen zu lassen. – Nun aber dürfen wir nicht länger zögern und Ihre Exzellenz die Frau Marchesa warten lassen!«

*

Die beiden Herren fanden die alte Dame und ihre Enkelin noch allein, als sie eintraten, bevor das Tamtam zum zweiten Male ertönte. Aber auf dem Fuße folgte ihnen, feierlich von Sebastiano angemeldet, der Freiherr von Krähenhausen mit seiner Frau und seiner Mündel, deren Erscheinung den Vergleich mit einer weißen Taube zwischen zwei Krähen förmlich herausforderte. Ihnen folgte fast gleichzeitig die Contessa Candiani, die die Fremden im Palazzo Terraferma eingeführt hatte, eine ältere, lebhafte, elegante Dame, und damit war der Kreis geschlossen.

Herr von Krähenhausen war ein älterer, überschlanker Mann mit schneeweißem Vollbart, der ihm im Verein mit seinen wallenden, weißen Locken das Aussehen eines altbiblischen Patriarchen in sehr schlechtsitzendem Frack gab. Die Augen zu beiden Seiten der enormen Adlernase, beschattet von buschigen Brauen, hatten indes einen gutmütigen, fast kindlichen Ausdruck, der von Geduld und Nachgiebigkeit zeugte.

In einem violettseidenen Kleide, das die unverkennbare Etikette ›gefärbt‹ trug und, mit billigen weißen Spitzen besetzt, entschieden ›aufgedonnert‹ aussah, machte seine kleine, dürre Frau mit dem scharfen Wieselgesichte und den schwarzen, stechenden Augen den weniger sympathischen Eindruck. Der Menschenkenner hätte freilich in ihren zugespitzten Zügen den Kampf eines Lebens mit den Sorgen des Daseins lesen können, die ihre Runen der Physiognomie ja sehr verschieden aufprägen. Auch ihr sichtliches Bestreben, um jeden Preis die Merkzeichen ihrer aristokratischen Geburt und Stellung aufrechtzuerhalten, hätte etwas Pathetisches gehabt, wenn sie es nicht in Äußerlichkeiten gesucht hätte: in einer gezierten Überlegenheit, einer hohen, flötenden Stimme und in so langen Fingernägeln wie ein chinesischer Mandarin. Und je natürlicher die anderen sich gaben, um so gezierter wurde sie in der Meinung, daß es so der Freifrau von Krähenhausen geborenen Freiin von Ebingen zukam.

Die Unterhaltung wurde, da das Paar des Italienischen nicht mächtig war, französisch geführt, aus welcher Sprache Herr von Krähenhausen ein Kauderwelsch machte, das zwar der Klarheit entbehrte, dafür aber recht erheiternd wirkte, woran er gutmütig und ohne falsche Scham am herzlichsten teilnahm. Seine Frau sprach Französisch korrekt, aber wie auf den Stelzen des höheren Töchterschulenunterrichts einherschreitend, und man merkte ihr an, daß sie wie ein Schießhund aufpassen mußte, um der rasch fließenden Unterhaltung folgen zu können.

»Diese Deutschen sind doch eine komische Rasse«, raunte Contessa Candiani der Marchesa zu. »Solch reiche Leute, die euch den Piano nobile abmieten und dabei aussehen, als ob sie nichts zu beißen und zu brechen hätten!«

»Nun, vielleicht sind sie erst unlängst in den Besitz gelangt und wissen ihn noch nicht anzuwenden.«

»Hm – ja, wahrscheinlich ist es so«, gab die Contessa zu. »Oder es ist ihnen ganz egal, wie sie aussehen. Geiz ist es nicht, denn der Mietpreis hat ihnen kein Zucken mit den Wimpern abgelockt. – Die kleine Meldeck ist süß – nicht wahr? Dies einfache weiße Kleid so schick, als ob Paquin in Paris es gemacht hätte. Und diese blauen Augen – hoffentlich verliebt Gian sich nicht in sie, denn sie hat nichts – absolut nichts, sage ich dir! Die Meldecks sind arm wie die Kirchenmäuse! Ich habe den Vater ja so gut gekannt, als mein guter seliger Mann Gesandter in – oh, carissima mia«, fuhr sie liebenswürdig nach der anderen Seite herum, als sich das Objekt dieser Mitteilungen eben nahte. »Ich erzählte meiner Tante eben von deinem lieben Vater! Du hast ganz seine Augen und – was für eine köstliche Toilette du hast!«

Komtesse Meldeck lachte und strich mit ihrer schmalen Hand im weißen, gutsitzenden Handschuh an ihrem schlichten Empirekleid entlang, das ihren schlanken Körper wie eine Schlangenhaut umschloß.

»Was du für einen Blick hast, zia mia! Paquin in Paris hat nämlich das Kleid gemacht!« sagte sie vergnügt.

Contessa Candiani stieß einen leisen Schrei aus. »Du kleine Verschwenderin!« rief sie gutmütig scheltend. »Wart, ich werde dir den Kopf waschen! Trägt das Mädchen Kleider von Paquin, dem größten, aber natürlich auch dem teuersten Schneider! Wohl ein Geschenk von deinem Vormund, liebste Fiore?«

»Wie heißen Sie, Contessina?« fragte die Marchesa, die lächelnd zugehört, mit einem Interesse, das ihren großen dunklen Augen einen ganz eigenen Ausdruck gab und Don Gian, der eben zu der kleinen Gruppe getreten war, seine Großmutter erstaunt ansehen ließ.

»Ich heiße Fiore, Eccellenza«, erwiderte Komtesse Meldeck harmlos. »Eigentlich Fiorenzia, aber der Name ist zu lang zum Aussprechen und wurde immer in Fiore abgekürzt!«

»Das ist ein italienischer Name!« sagte die Marchesa zögernd, erwartungsvoll.

»Gewiß. Meine Mutter war eine Italienerin, und ich bin nach ihr benannt worden. »

»Also darum sprechen Sie so gut Italienisch, Contessina!« fiel Don Gian mit einer Begeisterung ein, die entschieden darauf schließen ließ, daß er auf dem besten Wege war, das zu tun, was die Gräfin Candiani vor ein paar Minuten für nicht wünschenswert gehalten hatte. »Dann sind wir ja halbe Landsleute!«

Weder die Gräfin noch die Marchesa achteten auf die an ihrem Verwandten sonst ungewohnte Lebhaftigkeit. Die erstere machte ein merkwürdig verlegenes Gesicht, und die letztere schien ihre Augen von dem jungen Mädchen nicht losreißen zu können.

»Eine Italienerin!« wiederholte sie. »Es ist eigen – Sie erinnern mich besonders jetzt, ohne den Hut, an eine junge Dame, die – die ich vor Jahren kannte. Sie hieß seltsamerweise auch Fiorenzia und war eine Florentinerin.«

»Meine Mutter war auch eine Florentinerin!« rief Fiore überrascht. »Wer weiß, vielleicht war sie es, Eccellenza, die Sie kannten. Sie hieß mit ihrem Mädchennamen Fiorenzia Crespolo und war die Tochter des Herzogs von Rifreddi – «

Sie hielt ein, denn die Marchesa hielt ihr beide Hände entgegen und zog sie bewegt an sich. »O cara mia!« murmelte sie mit feuchten Augen. »Ja, ja – sie war's, die ich kannte und sehr, sehr liebhatte! Darum also! Sie haben ihre Haare, Fiore – nur sind die Ihren noch ein wenig heller! Und ganz die Züge der armen Fiorenzia haben Sie. – Doch hatte sie dunkle, sehr dunkle Augen. Dio mio! Dio mio – nach so viel Jahren! Ist sie – ist sie schon lange von Ihnen gegangen?«

»Sie starb, als ich noch kaum laufen konnte« sagte Fiore leise.

Dann folgte sie, begleitet von Don Gian, eigentlich nur ungern einem Rufe von Donna Loredana, denn sie hätte die alte Dame gern über die Mutter befragt, von der sie so wenig wußte. »Hast du das – das gewußt?« fragte die Marchesa, während auch sie sich erhob, denn Sebastiano war eben eingetreten, um zu Tisch zu bitten.

Gräfin Candiani hustete. »Natürlich habe ich es gewußt«, tuschelte sie zurück. »Wozu hätte ich es dir aber sagen sollen? Du hattest Fiorenzias Frauennamen längst vergessen. Warum an alten Wunden rühren? Ich dachte auch kaum, daß du mit deinen Mietern Verkehr pflegen würdest. Es ist das eigentlich nicht gebräuchlich.«

»Nein, es ist sonst wohl nicht gebräuchlich«, erwiderte die Marchesa mit einem Blick auf ihre Gäste. »Es war das Mädchen, das mich dazu bewog. Ich dachte mir, vielleicht wäre es ein Verkehr für Loredana.«

»Ah ja!« machte die Contessa verständnisvoll. »Sie ist in der Tat ein passender Verkehr für Loredana, darüber ist kein Zweifel. Und sie ist so frisch und natürlich, Loredana aber solch ein Bücherwurm, dem es ganz gut täte, wenn jemand ihn aus seinen dummen Gedanken, die er sich in den Kopf pfropft, herausrisse, und – «

Das Herantreten des Freiherrn von Krähenhausen machte der sich überstürzenden Mitteilung ein Ende. Er verbeugte sich altmodisch, aber würdevoll vor der Marchesa und reichte ihr den Arm, wobei sein Frack eine Wasserfalte auf dem Rücken schlug. »Kumm!« machte er, und nachdem er durch diesen Laut seiner Nase Luft verschafft, fuhr er galant fort: »J'ai l'honneur de – de – de tirer Votre Excellence sur la table.«

»Um Gottes willen!« murmelte die Contessa, über diese fürchterliche Ankündigung, auf die Tafel gezogen zu werden, fast ihr Gleichgewicht verlierend.

Die Marchesa unterdrückte aber heroisch ein verdächtiges Zucken ihres Mundes, und als sie neben ihrem Gast bei Tische saß, äußerte sie ihm in liebenswürdigen Worten ihre Freude, daß er ein so junges, frisches Wesen wie Fiore Meldeck bei sich haben dürfe, und fragte ihn, ob er selbst Familie habe.

Von der ganzen Rede verstand Herr von Krähenhausen indes nur den freundlichen Ton, und seine guten Augen strahlten die Freude darüber zurück, während er sich darauf beschränkte, ein paarmal mit besonderer Energie ›Kumm!‹ zu machen.

Die Marchesa, die nicht wußte, daß es ein chronischer Stockschnupfen war, der ihn zu diesem eigentümlichen Laute zwang, beschloß sich zu erkundigen, was die Silbe ›Kumm!‹ in einer ihr sonst doch bekannten Sprache bedeutete. Frau von Krähenhausen aber, die nahe genug an der Seite des Marchese saß, um hören zu können, was des letzteren Großmutter redete, kam ihrem Gatten zu Hilfe und erzählte in gewählten Worten, daß sie einen Sohn hätten, der Professor der Geschichte an der Universität ihrer Heimatprovinz sei und eine glänzende Laufbahn vermöge seiner noch um vieles glänzenderen Geistesgaben vor sich habe. Er sei ja so schnell vom Privatdozenten zum außerordentlichen Professor befördert worden. »Wir erwarten unseren Wiwigenz in den nächsten Tagen hier in Venedig. Er hat einen außergewöhnlichen Urlaub zum Studium im Staatsarchiv erhalten«, schloß sie mit einem Rundblick des Triumphes.

»Wie sagten Sie, daß Ihr Herr Sohn heißt?« fragte die Marchesa.

»Wi– wi– genz!« skandierte die stolze Mutter. »Es ist ein alter, uralter Familienname.«

»Oui, oui – un nom tres vieux – kumm!« fiel Herr von Krähenhausen ein. »Tout mes anes s' appellent Wiwigenz.«

Die arme Marchesa wußte wirklich nicht, ob sie sich mehr darüber wundern sollte, daß ihr Gast so viele Esel besaß, oder warum sie alle Wiwigenz hießen. Zum Glück klärte seine Frau sie darüber auf, indem sie mit einem vernichtenden Blick auf die arbeitenden Gesichtsmuskeln der anderen scharf und ohne Lächeln verkündigte, ihr Mann habe natürlich arcetres sagen wollen, was auf deutsch ›Ahnen‹ hieße – eine Erklärung, die nun auch die Marchesa hart an den Rand einer unauslöschlichen Heiterkeit brachte.

Dank solchen wiederholten Zwischenfällen, der Unterhaltungsgabe der überwiegenden Mehrzahl des kleinen Kreises und dem echt germanischen Bedürfnisse Herrn von Krähenhausens, eine Rede halten zu müssen, in der er seine Gastgeber leben ließ, verlief das Mahl recht angeregt und heiter, besonders da der besagte Toast grammatikalisch und wörtlich fehlerlos zum Ausbruch kam, was jedem ohne weiteres die Vermutung aufdrängte, daß er von der besseren Hälfte des Paares redigiert und von der stärkeren vorher auswendig gelernt und von der Gattin gründlich überhört worden war.

Im Hause Terraferma war die englische Sitte eingeführt worden, nach der die Damen die Tafel auf ein Zeichen der Wirtin verlassen, während die Herren bei einem Glase Wein zu einer Zigarette zurückbleiben, was den Vorteil hat, daß die Gesellschaft in absehbarer Zeit wieder vereint ist und das stärkere Geschlecht für den Rest des Abends nicht durch seine Abwesenheit im Rauchzimmer glänzt, wodurch der Zweck eines gemeinsamen Beisammenseins bei uns in Deutschland meist hinfällig gemacht wird.

Die Marchesa erhob sich also mit einem einladenden Rundblick auf ihre weiblichen Gäste, indem sie zu ihrem Tischherrn: »Vous fumez certainement, Monsieur?« sagte.

»Oui, Madame«, erwiderte Herr von Krähenhausen mit dröhnender Stimme, »je suis un grand fumier.« furmier Misthaufen, fumeur Raucher

Die Marchesa mußte sich im ersten Schrecken über dieses Geständnis noch einmal niedersetzen, erhob sich aber schnell wieder und verließ, das Taschentuch vor dem Munde und mit zuckenden Schultern, den Tisch mit einer Eile, die auf ihre schwindende Selbstbeherrschung einen traurigen Schluß zuließ. In derselben Verfassung folgten ihr die anderen Damen, deren jüngerer Teil mit schlecht unterdrückten Lachkrämpfen rang – ja selbst Frau von Krähenhausen machte ein ganz merkwürdiges Gesicht, als ob sie niesen wollte, und ehe die Damen den Vorsaal gekreuzt und wieder im Salon der Marchesa angelangt waren, hörten sie im Speisesaal ein herzhaftes männliches Lachterzett ertönen, was darauf schließen ließ, daß Doktor Windmüller wahrscheinlich übernommen hatte, Herrn von Krähenhausen darüber aufzuklären, was er eigentlich gesagt hatte.

»Wenn mein Mann mehr Gelegenheit gehabt hätte, die französische Sprache zu üben, so würden ihm solche – hm – Verwechslungen nicht passieren«, erklärte Frau von Krähenhausen scharf, als sie kaum auf dem Sofa neben der Marchesa saß. »Wir leben – der ungestörten Studien meines Mannes wegen – in einer kleinen Stadt, in der das Interesse selbst der höheren Kreise, in denen wir natürlich ausschließlich verkehren, für fremde Sprachen ein sehr geringes ist. Ich muß das mit größtem Bedauern eingestehen, um so mehr, als sich in den Kreisen der Bourgeoisie ein ganz unpassender Geist eingeschlichen hat und sogar ein Lesekränzchen existiert, in dem diese Leute klassische Dramen mit verteilten Rollen lesen!«

Sie schloß diese etwas unklare Rede, die mit den französischen Entgleisungen ihres Gatten eigentlich nichts zu tun hatten, mit einem aristokratisch sein sollenden Zurücklehnen, indem sie ihre Hände so auf ihren Schoß legte, daß man die Mandarinennägel daran in ihrer vollen Glorie bewundern konnte.

Die Marchesa, die sich auf eine Unterhaltung über die Übergriffe der Bourgeoisie nicht weiter einlassen wollte, machte nur ein verbindliches: »Oh, wirklich?« womit man ja so gut zur Tagesordnung übergehen kann, und fragte dann, wie sich Frau von Krähenhausen in ihrer Wohnung eingerichtet habe.

»Oh, ich danke«, war die gedehnte Antwort. »Wenn die Zimmer nicht so groß und hoch wären, würden sie gemütlicher sein. Man muß sich erst an die Marmorplatten der Tische gewöhnen. Für Nacht- und Waschtische ist Marmor ja ganz praktisch, für den täglichen Gebrauch ist man ihn bei uns nicht gewöhnt. Auch nimmt man bei uns weißen und grauen Marmor. Dieser gelbe, schwarze und rötliche ist so – so ungewohnt.«

»Diese Sorten galten als sehr kostbar«, flocht die Contessa beiläufig ein.

»So sagte Fiore«, erwiderte Frau von Krähenhausen von oben herab. »Aber was kann solch junges Mädchen wissen? Die Steinfußböden sind schrecklich, für unseren Geschmack wenigstens. Ich war, offen gesagt, ganz zufrieden mit meinem Zimmer im Hotel, aber Fiore redete von nichts anderem als von einem ›alten Palaste‹. Es war bequemer im Hotel, das muß ich schon sagen. Man hatte auch mehr Aussicht. Wenn die Straßen hier wenigstens nicht mit Wasser gefüllt wären, so wäre es für meinen Geschmack hübscher und weniger melancholisch.«

»Ja – diese mit Wasser gefüllten Straßen sind doch aber eigentlich charakteristisch für Venedig«, murmelte die Marchesa entschuldigend.

»Das erinnert mich an die nette Geschichte von einem fremden Paar, das heimkommend gefragt wurde, wie ihm Venedig gefallen habe. Die guten Leutchen erwiderten, daß sie darüber eigentlich nichts sagen könnten, denn sie hätten leider gerade eine große Überschwemmung angetroffen und seien genötigt gewesen, in einem Kahn ins Hotel zu fahren. Natürlich wären sie dann gleich wieder abgereist, denn was hätte man davon, und es sei auch ungesund«, erzählte die Contessa.

Frau von Krähenhausen zuckte zu dieser lustigen Geschichte nur vornehm mit den Achseln und meinte, so ganz unrecht hätten diese Leute nicht, sie selbst hätte sich Venedig mit weniger Wasser vorgestellt und müsse schon gestehen, daß sie etwas enttäuscht sei.

»Ja, warum sind Sie dann überhaupt hergekommen und haben zum mindesten nicht darauf bestanden, im Hotel zu bleiben?« erkundigte sich die Contessa lachend. »Da Ihr Wunsch doch der ausschlaggebende ist, so wäre es leicht gewesen, Fiore zu überstimmen!«

Frau von Krähenhausen bekam einen kleinen Hustenanfall. »Was will man denn machen, wenn man doch einem Gast gefällig sein möchte«, meinte sie. »Sie glauben nicht, was für eine Phantasie dieses Mädchen hat und wie sie betteln kann, wenn sie etwas haben will! Kaum, daß wir sie bei uns aufgenommen hatten, das arme Ding, heimatlos, wie sie war, da sprach sie von nichts als von einer Reise nach Venedig. ›Gut – machen wir ihr die Freude‹, sagte mein Mann. Schon unterwegs fing sie an, von einem Palaste zu schwärmen, und wieder gab mein Mann nach, als wir durch Sie wußten, daß man einen solchen Palast mieten kann. Und wenn mein Sohn kommt und sie setzt sich in den Kopf, ihn zu heiraten, so würde mein Mann wahrscheinlich auch Ja und Amen dazu sagen«, schloß sie mit einem stechenden Blick auf ihre beiden Zuhörerinnen und auf das Objekt ihrer Klagen, das mit Donna Loredana zusammen in einer fernen Ecke des Salons eine sehr reizende Gruppe bildete.

Die Marchesa folgte diesem Blick und lächelte. »Nun«, meinte sie, »vielleicht setzt Ihr Herr Sohn selbst sich einen solchen Wunsch in den Kopf.«

»Mein Sohn ist vermöge seiner überlegenen und außergewöhnlich entwickelten Geistesgaben erhaben über die Eindrücke eines hübschen Lärvchens. Er sieht nur auf den Geist und auf den inneren Wert«, verkündigte die stolze Mutter eines solchen Sohnes mit Nachdruck.

»Fiore hat mir immer den Eindruck gemacht, als ob sie diesen Forderungen entspräche«, bemerkte die Contessa anerkennend, aber nicht ohne eine kleine Schärfe, denn sie fing an, sich über diese Frau zu ärgern, die sie bisher nur amüsiert hatte, und in Gedanken setzte sie hinzu: ›Bewahre der Himmel das arme Mädchen vor solch einer Schwiegermutter!‹ –

Der Eintritt der drei Herren machte diesen Gedanken ein glückliches Ende, und während die Diener den Teetisch hereinbrachten, suchte und fand Windmüller Gelegenheit, mit Donna Loredana abseits von den anderen Gruppen ein kleines Gespräch zu führen.

»Ich bin so neugierig, zu erfahren, ob Sie schon etwas in der heute mittag von Ihnen übernommenen Aufgabe getan haben«, begann er mit eifriger Harmlosigkeit.

»Ich habe den ganzen Nachmittag die handschriftliche Chronik, die mein Urgroßvater über unser Haus und unsere Familie hinterlassen hat, durchgesehen«, erwiderte Donna Loredana bereitwilligst. »Sie enthält eine ausführliche Schilderung des Palastes, von dem er unter anderem schrieb: Man sagt, daß das Haus geheime Gänge, Treppen und Gemächer besitzt, und daß ein geheimer Plan davon aufgezeichnet ist, der wohl im Laufe der Zeit verlorenging, denn ich habe ihn nicht finden können. – Das ist alles, Herr Doktor. Aber ich werde weiter suchen, und es wäre wundervoll, wenn ich diesen Plan entdeckte.«

»Sie würden sich damit den Dank Ihrer ganzen Familie verdienen«, sagte Windmüller ernsthaft und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu, indem er Donna Loredana fest ansah: »Wir müssen Ihre Frau Schwägerin finden – es ist von größtem Interesse für Ihren Herrn Bruder. – Glauben Sie, daß es zum Beispiel möglich wäre, daß Donna Xenia sich hier im Hause verborgen hält?«

Sie sah ihn groß und erstaunt an und erwiderte ihm dann fast mit den gleichen Worten wie ihr Bruder: »Welche Idee! Ein Mensch kann doch nicht so lange ohne Nahrung bleiben!«

»Das geht freilich nicht«, entgegnete Windmüller mit einer Miene, als hätte er daran gerade nicht gedacht, und setzte, wie einem plötzlichen Gedanken folgend, hinzu: »Natürlich setzte diese Möglichkeit voraus, daß jemand hier im Hause eingeweiht sein müßte, der bei der freiwillig Gefangenen die Rolle des speisenden Raben spielt.«

»Ja, so wäre es freilich möglich«, gab Donna Loredana ohne weiteres zu. »Das könnte nur einer von den Dienstboten tun. Aber wenn das herauskommt, dann möchte ich nicht in seiner Haut stecken, denn Großmama würde sehr kurzen Prozeß mit ihm machen.«

»Ah ja – es wäre in der Tat ein zu großes Risiko«, stimmte Windmüller bei, ohne die Frage einer in solchem Falle garantierten Entschädigung zu berühren. »Nun, es war nur eine Idee von mir, denn natürlich hätte sich die Frau Principessa in diesem Falle nicht an einen der Dienstboten, sondern an einen ihr Nahestehenden, zum Beispiel an Sie, gewendet.«

»Gott bewahre!« rief Donna Loredana erschrocken. »Aber ich hätte ihr wahrscheinlich geholfen, denn sie würde mir die Wahrheit doch nicht gesagt haben – in diesem Falle meine ich nur«, fügte sie hinzu.

Windmüller war ganz zufrieden mit dem Ergebnis dieser kurzen Unterhaltung, die damit schloß, denn Donna Loredana eilte davon, um den Tee zu bereiten. Er sah ihr befriedigt nach, denn es hätte ihn geschmerzt, das junge Mädchen in diese Sache verwickelt zu sehen.

Er warf einen Blick durch die Tür in das Boudoir und lächelte ein wenig, denn dort standen vor dem unschuldigen Bilde, das in diesem Falle den Elefanten abgeben mußte, Fiore Meldeck und Don Gian, und des letzteren intelligentes Gesicht mit der kühnen, typischen Nase der venezianischen Patrizier hatte einen ganz verklärten Ausdruck.

»Nun«, dachte Windmüller, »da haben wir wieder einen, dessen Ansichten durch die Umstände geändert werden, oder ich müßte mich sehr täuschen, wenn dieses Mannes leider nur zu verständliche Ideen über ›ausländische Ehen‹ nicht seit diesem Abend wenigstens eine wesentliche Einschränkung in bezug auf die Nationalität erfahren haben sollten.« –

Der Tee war eingenommen, die Contessa hatte erklärt, heim zu müssen, da ihre Gondel jedenfalls schon lange warte; sie hatten bereits lebhaften Abschied genommen, aber Frau von Krähenhausen blieb auf ihrem Sofaplatz sitzen, was Don Gian jedenfalls ganz angenehm fand, denn er bot ihr fortwährend Kuchen an. Und da sie jedesmal eines der Stückchen annahm, so konnte das Verfahren sich in Anbetracht dessen, daß der Korb noch ziemlich voll war, ganz hübsch in die Länge ziehen, während ihr Gatte durch seine Mißhandlung der französischen Sprache die Marchesa amüsierte.

Als Frau von Krähenhausen aber wieder einmal zugriff, stand Fiore auf, trat an sie heran und flüsterte ihr zu, daß es hier Sitte sei, nach dem Tee aufzubrechen.

Frau von Krähenhausen machte das Beste aus diesem Wink. »Müde sind Sie, liebes Kind?« fragte sie laut. »Nein, diese Jugend von heut! Nun, wenn Sie schlafen gehen müssen, so wird die Frau Marchesa uns gewiß entschuldigen – «

Die Frau Marchesa entschuldigte sehr gern, und so zogen sich Krähenhausens endlich zurück, bis zur Treppe von dem Marchese geleitet.

Als er bei seiner Großmutter wieder eintrat, rief er: »Nonna – was hättest du getan, wenn deine Kuchenstücke sämtlich aufgegessen waren? Neue backen lassen? Wetten wir, daß diese alte Vogelscheuche darauf gewartet hätte? – Arme Nonna – ich sah doch, wie müde du warst! Uff – diese Leute sind sehr anstrengend! Und zu denken, daß die Contessina mit ihnen leben muß, ein Phönix unter – Krähen!«

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