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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: Rosazimmer - Kapitel 3
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typefiction
authorEufemia von Adlersfeld-Ballestrem
titleRosazimmer
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Am frühen Morgen des folgenden Tages, dem frühen Morgen der Milchwagen, der Bäckerjungen und der Straßenkehrer, langte Don Gian in Rom an. Er fand den Minister seiner wartend, denn er wurde sofort und ohne Meldung in dessen Privatkabinett geführt.

Seine Exzellenz, der Conte San Maurizio, war trotz der frühen Stunde nicht allein. In einem der tiefen Ledersessel, die um den großen Mitteltisch standen, saß ein älterer Herr mit glattrasiertem Gesicht und scharfen Zügen, der Don Gian bekannt vorkam, ohne daß er ihn im Augenblick hätte nennen können. Er erhob sich zwar zu einer leichten Verbeugung beim Eintritt des jungen Diplomaten, aber da der Minister es anscheinend vergaß, die Vorstellung zu übernehmen, so blieb Don Gian auch vorläufig im Dunkeln über die Persönlichkeit dieses Besuches zu einer Stunde, die die meisten Leute noch zur Nacht zu rechnen pflegen.

»Ah – da ist er ja!« rief Exzellenz aus, als Gian eingetreten war. Er erhob sich nicht und streckte dem jungen Mann auch nicht die Hand entgegen, was dieser mit Recht als ein ernstes Zeichen seiner Ungnade ansah – das erste wahrscheinlich von vielen folgenden. Aber er war ja darauf vorbereitet, daß er sich zu rechtfertigen hatte, sich rechtfertigen mußte, ehe er den Kopf wieder erheben durfte.

»Ich habe Ihre höchst erstaunliche und peinliche Mitteilung erhalten, Marchese Terraferma«, fuhr der Minister fort, und Don Gian zuckte wieder zusammen, denn bisher hatte sein Chef ihm seinen Titel niemals gegeben. »Sind Sie sich der Tragweite derselben bewußt?«

»Voll bewußt, Exzellenz«, erwiderte Don Gian heiser vor innerer Erregung. »Durch Ihre eigene Instruktion, sowie durch meine persönliche Auffassung. Vermöge dieser Erkenntnis war ich gezwungen, dem Verdacht Worte zu geben, den ich sonst kaum ausgesprochen haben würde.«

»Wir werden darauf zurückkommen«, fiel der Minister ein. »Wiederholen Sie jetzt Ihren telegraphischen Bericht mündlich.«

Don Gian schöpfte Atem und trat einen Schritt näher, indem er den Fremden ansah, der kaltblütig ein Notizbuch hervorzog und offen vor sich hinlegte.

»Der Herr Doktor ist eingeweiht«, sagte der Minister, den Blick auffangend. »Wenn einer dies Mysterium, wie Sie es etwas konfus schildern, lösen, das verlorene Dokument zurückbringen kann, so ist er es. Er hat die Güte gehabt, diesen Fall zu übernehmen, Sie möglicherweise von einer schweren Anklage zu reinigen, Terraferma. Sie werden daher gut tun, etwaige Fragen des Herrn rückhaltlos zu beantworten!«

Jetzt begriff Don Gian: es hatte ihm jemand einmal diesen Mann genannt und gezeigt als einen in Rom wohnenden deutschen Gentleman-Detektiv, der schon viele scheinbar hoffnungslose Fälle gelöst, manchem Verzweifelten die Hoffnung und das Leben wiedergegeben hatte. Und gleichzeitig hörte Don Gian in dem diesmal fortgelassenen Titel vor seinem Namen und in einem vielleicht nur seinem empfindlichen Ohr bemerkbaren Unterton in der Anrede seines Chefs etwas heraus, das seine Lebensgeister wieder erfrischte: er hielt ihn nicht für einen Landesverräter, nicht für einen lässigen Beamten, sondern er glaubte an ihn. Eine leichte Röte stieg bei diesem Gedanken in sein blasses, übernächtigtes Gesicht, und ein dankbarer Blitz leuchtete aus seinen Augen.

»Windmüller », murmelte der Fremde, sich selbst vorstellend, und dann plötzlich scharf aufblickend fuhr er mit dem leisen, klaren Tonfall des Gebildeten fort: »Herr Marchese, es sind vierundzwanzig Stunden, vielleicht dreißig schon über dem Verschwinden des Dokuments vergangen – Zeit genug, um seine Wiedererlangung unmöglich zu machen. Sie dürfen von mir keine Zauberkünste erwarten, sondern nur die Möglichkeiten eines für solche Dinge geschulten Kopfes. Wollen Sie, bitte, Ihre Erfahrungen von Anfang an erzählen, auch nicht übergehen, was Ihnen vor Ihrer Ankunft in Venedig aufgefallen oder nachträglich eingefallen ist. Sind Sie sicher, daß das Dokument noch in Ihrem Besitze war, als Sie in Venedig eintrafen?«

»Ganz sicher«, erwiderte Don Gian ohne Zögern. »Ich habe mich davon noch überzeugt, als ich in der Gondel nach meinem Hause fuhr. Ich hatte das Abteil ganz allein für mich, habe mir das Essen aus dem Speisewagen bringen lassen und keinen Augenblick geschlafen. Ich habe auch keinen Wein getrunken, sondern nur Mineralwasser, dessen Flasche der Kellner vor meinen Augen geöffnet hat. Ich habe mich von dem Vorhandensein des Dokuments in seinem versiegelten Umschlage in der inneren, zugeknöpften Tasche meiner Weste überzeugt, als ich mein Zimmer für die Nacht betrat, und war entschlossen, diese wachend zuzubringen – «

»Gut. Fangen Sie jetzt mit Ihrer Ankunft in Venedig an«, unterbrach ihn Doktor Windmüller mit dem kurzen Ton eines Menschen, der es gewohnt ist, zu befehlen und seine Wünsche geltend zu machen. Don Gian hatte etwas bei diesem Ton hinunterzuschlucken; denn dieser Mann war doch schließlich nicht sein Vorgesetzter; aber Don Gian war ein Mensch, der Selbstbeherrschung gelernt hatte, und überdies vernünftig genug, um sofort zu begreifen, daß der Mann dort genau so einschneidend seine Interessen vertreten wollte und konnte wie die des Staates, der der erste Leidtragende in dieser furchtbaren Sache war. Er überwand daher, so schnell wie sie gekommen, die Auflehnung gegen den Kommandoton des fremden Nothelfers und begann seine Erzählung, die nur ein paarmal durch dazwischengeworfene Fragen Doktor Windmüllers unterbrochen wurde.

»Und wie kommen Sie darauf, Ihre Schwägerin mit dem Verschwinden des Dokuments in Verbindung zu bringen?« fragte der Minister.

»Ich weiß in der Tat nicht, was ich darauf antworten soll, Exzellenz«, erwiderte Terraferma offen. »Es ist ein Verdacht, nichts weiter.«

»Aber man muß doch für einen Verdacht mindestens einen Grund haben! Wer A sagt, muß auch B sagen – heraus mit der Sprache! Es hängt zu viel davon ab, als daß Sie etwas zurückhalten dürften!«

Don Gian holte tief Atem. »Ich weiß das alles, und doch – ich habe so wenig dazu zu sagen. Meine Schwägerin hat von Hause aus nichts – sie ist ohne jede Mitgift in unsere Familie getreten, hat viel verbraucht, und mein Bruder hat auch noch Schulden ihres Vaters bezahlt. Ihr Wittum ist kein sehr glänzendes – es würde für bescheidene Ansprüche und mit der Wohnung in Venedig standesgemäß gewesen sein, aber meine Schwägerin erklärte, in dem düsteren Palaste umkommen zu müssen, und zog nach Rom zurück, wo sie ja auch mit ihrem Gatten, meinem Bruder, gelebt – über ihre Verhältnisse, wie sich's nach seinem Tode herausstellte. Und in Rom trat sie nach kurzer Zeit mit dem Luxus einer Frau mit unbeschränkten Mitteln auf; sie zeigte Juwelen, die ich nie an ihr zuvor gesehen; sie führte einen Haushalt, der Riesensummen kosten mußte – kurz, ich, der ich doch nur zu genau weiß, was sie hat, ich mußte mich fragen: Woher auf einmal das viele Geld?«

»Hm«, machte Doktor Windmüller trocken.

»Es ist mir aber nie ein Skandal über meine Schwägerin zu Ohren gekommen«, beantwortete Don Gian prompt den Laut ohne Worte.

»Mir auch nicht«, fiel der Minister ein. »Und ich habe genug Klatschbasen, männliche wie weibliche, in meiner Verwandtschaft, die sicher gewußt hätten, wenn es etwas zu klatschen gegeben hätte. Und die Principessa hat Ihnen nie eine Erklärung ihrer glänzenden Lage gegeben?«

»Nie. Ich habe mich auch, als ich mir darüber klar war, sehr von ihr zurückgezogen«, erklärte Don Gian. »Aber man macht sich doch seine Gedanken, und dann – dann habe ich einmal bei einem Diner, bei dem ich unerwartet mit meiner Schwägerin zusammentraf, einen Blick aufgefangen, den sie mit dem gleichfalls anwesenden türkischen Gesandten wechselte – einen Blick, der mich auf eine Spur zu leiten schien und mich veranlaßte, mich noch mehr, in fast unhöflicher Weise von ihr fernzuhalten.«

»Hm«, machte Doktor Windmüller wieder und setzte dann hinzu: »Es wäre vielleicht im Gegenteil weiser gewesen – «

»Es widerstrebte mir, bei meines Bruders Witwe den Spion zu spielen«, erwiderte Don Gian ruhig und mit Anstand.

»Das ist begreiflich. – Nun noch eine Frage: Ihre Frau Schwägerin hat in Ihrem venezianischen Palaste jedenfalls ein Absteigequartier. Liegt dieses weit von dem Ihrigen ab?«

»Ja. Es liegt im dritten Stock über den Wohnräumen meiner Großmutter, wo es ihr auf eigenen Wunsch nach dem Tode meines Bruders eingeräumt wurde. Letzterer hatte früher die östliche Zimmerseite bewohnt, von der ich mir dann zwei Räume zum eigenen Gebrauch nahm. Aber meine Schwägerin hat, als sie vorgestern so unerwartet in Venedig eintraf, ihre Zimmer nicht bezogen, sondern in ihrer Launenhaftigkeit im ersten Stock, dem Piano nobile, zu wohnen verlangt.«

»Ah!« machte Doktor Windmüller sehr interessiert. »Warum erwähnten Sie diesen Umstand nicht vorher?«

»Ist er von Wichtigkeit?«

»Es ist alles von Wichtigkeit in solchen Fällen, Herr Marchese. – Darf ich weiter fragen: Wo liegen diese Zimmer, die die Principessa während der verhängnisvollen Nacht bewohnte?«

»Genau unter den meinen.«

»Ich nehme an, daß das Piano nobile bei Ihnen, wie in den meisten Palästen Italiens der Repräsentation dient. Es mußte wohl demnach erst ein Bett für die Principessa dort aufgestellt werden?«

»Nein«, entgegnete Don Gian, »das Piano nobile enthält ein sogenanntes Staatsschlafzimmer, das seinerzeit für den Besuch der Königin von Polen und Kurfürstin von Sachsen, Maria Josepha von Österreich, eigens eingerichtet wurde und mit seinem thronartigen Bett und seinem Silbergeschirr auf der Toilette so blieb. Mein Bruder wollte nach seiner Verheiratung die Zimmerreihe, in der sich dieses Schlafgemach befindet, mit seiner jungen Gemahlin beziehen, aber meine Schwägerin behauptete damals, die Farbe der Tapeten und Vorhänge in diesem Zimmer kleide ihr nicht, und so wurde der östliche Teil des darüberliegenden Stockwerks eingerichtet. Offen gesagt, die Laune meiner Schwägerin, auf einmal das Rosazimmer zu bevorzugen, hat mich vorgestern geärgert – «

»Ah!« machte Doktor Windmüller wieder. »Demnach also liegt dieses Staatsschlafgemach, das Ihre Frau Schwägerin plötzlich haben wollte, so ziemlich unter Ihren Zimmern, Herr Marchese?«

»Es liegt genau unter meinem eigenen Schlafzimmer.«

»Aha! Ist Ihnen dieser Umstand nicht aufgefallen?«

Don Gian sah den Detektiv erstaunt an. »Ehrlich gestanden – nein«, erklärte er kopfschüttelnd. »Und warum hätte er mir auffallen sollen? Es besteht doch keine Verbindung der beiden Zimmer miteinander.«

»Wissen Sie das genau?«

Jetzt ging Don Gian ein Licht auf, worauf Doktor Windmüller hinzielte. »Das wäre in der Tat eine Möglichkeit zur Lösung des Rätsels«, rief er lebhaft. »Aber«, setzte er gleich hinzu, »dann hätte ich diese Verbindung doch finden müssen! Ich sagte schon, daß ich keinen Fleck nach einem geheimen Eingang in meine Zimmer ununtersucht gelassen habe.«

»Das will noch nichts sagen«, entgegnete Windmüller trocken. »Gesetzt den Fall, Sie haben recht mit Ihrem Verdachte, daß Ihre Frau Schwägerin Ihnen das Dokument geraubt, so muß sie auf einem ihr bekannten Wege in Ihre Zimmer gelangt sein und außerdem noch auf einem ebensolchen geheimen Wege das Haus verlassen haben, falls Ihr Vertrauen, das Sie in Ihre Dienerschaft setzen, Sie nicht getäuscht hat.«

»Das denke ich nicht«, entgegnete Don Gian. »Bei näherer Überlegung habe ich gefunden, daß eine solche Täuschung eine ganz überflüssige Sache gewesen wäre. Donna Xenia hat ja einen Brief hinterlassen, daß sie fort müsse – sie hatte es also gar nicht nötig, meinen Portier, der die Schlüssel verwahrt, zu bestechen. Sie brauchte ihn nur zu wecken und ihm zu befehlen, das Tor zu öffnen. Aber sie hat das nicht getan. Wie also ist sie aus dem Hause gekommen? Die Idee, daß sie die Zeit verschlafen hat und sich dann verbarg, um Fragen zu entgehen, ist mir ja auch gekommen, aber der Portier hatte Befehl, die Ausgänge und Wasserpforten verschlossen zu halten. Tatsache ist, daß bis zur Stunde meiner Abreise gestern, also bis mittags, Donna Xenia keinen Versuch gemacht hat, das Haus zu verlassen. Daß sie mit dem von ihr bezeichneten Zug nicht abgereist ist, steht ebenso fest – «

»Wie die Tatsache, daß sie gestern abend in Rom nicht eingetroffen ist und auch nicht das Schiff benützt hat, mit dem Sie nach Triest abreisen sollten«, fiel der Minister ein.

»An das Schiff habe ich gar nicht gedacht«, rief Don Gian.

»Aber ich«, sagte der Minister trocken. »Ich habe das gleich nach Eingang Ihrer Depesche festgestellt – durch unsere Triester Agenten. Donna Xenia hat zweifellos Kenntnis von einem verborgenen Ausgang aus Ihrem Hause und diesen benützt. Unser kostbares Dokument ist wahrscheinlich schon im Besitze unserer Gegner. – Nun«, setzte er hinzu, als Don Gian, unfähig, sich länger zu halten, auf den nächsten Stuhl sank und stöhnend das Gesicht mit den Händen bedeckte, »nun, Terraferma, nehmen Sie sich zusammen. Ich glaube nämlich an Ihre Schuldlosigkeit – bis man mir das Gegenteil beweist. Ich kann es Ihnen nicht einmal zur Last legen, daß Sie mit Ihrem Verdacht gegen Ihre Schwägerin nicht früher herausrückten, denn Sie haben nach Ihrer Aussage alles getan, sich gegen einen nächtlichen Überfall zu schützen, und wer wird an solche Teufeleien denken, wenn er in seinem eigenen Hause Fruchtsaft mit Sodawasser trinkt? Wir haben eben den Fehler begangen, den Feind auf einer anderen Stelle zu vermuten, und sind auf die sehr geschickt gelegte Falle, die Tatarennachricht, daß auf der Strecke zwischen Pontebba und Wien eine Attacke gegen das Dokument beziehungsweise seinen Überbringer geplant war, glatt hereingefallen. Wo wir den Feind im eigenen Hause zu suchen haben, der es – früher wie Sie, Terraferma – erfahren hat, wann und durch wen der Vertrag nach Wien befördert werden soll, diese Aufgabe zu lösen, hat Doktor Windmüller übernommen, denn das Objekt selbst, das durch solch raffinierte Gegenmine uns entrissen wurde, wiederzuerlangen, scheint mir eine Unmöglichkeit, wennschon wir wissen, daß Sie, Herr Doktor, der Mann der unbegrenzten Möglichkeiten sind.«

Windmüller lächelte fein. »Exzellenz, ein jeder Mensch hat seine Grenzen – er muß nur wissen, wo sie ihm gezogen sind. Es ist wahr – ich habe schon mehrere solche diplomatischen Dokumente wiedererlangen können, aber ich kann natürlich nicht dafür bürgen, daß es mir auch mit diesem gelingt, denn es ist schon zu viel kostbare Zeit darüber verloren worden. Aber meine Fühler sind trotzdem so ausgestreckt, daß eine direkte Unmöglichkeit noch nicht behauptet werden kann. Wenn es nicht verlorene Zeit wäre, forschte ich am liebsten nach, wie das Mysterium im Palazzo Terraferma sich vollzogen – «

»Ich werde ihn niederreißen lassen, um es zu ergründen!« rief Don Gian, bei dem die Überreizung der Nerven anfing, sich merkbar zu machen.

»Sie werden das hübsch bleiben lassen, denn man kann solche Dinge schon noch etwas weniger drastisch ergründen«, entgegnete Windmüller, indem er sich erhob. »Einstweilen aber, bis ich einige telegraphische Nachrichten erhalten kann, auf die ich warten muß, möchte ich Sie, Herr Marchese, bitten, mit mir der Wohnung Ihrer Frau Schwägerin einen Besuch abzustatten. Sie wohnt im Palazzo Barberini – nicht wahr?«

»Gewiß. Aber ich kann doch in ihrer Abwesenheit nicht – «

»Doch, Sie können«, fiel Windmüller seelenruhig ein. »Mehr noch – Sie müssen. Ich glaube freilich nicht, daß wir in der Wohnung einer Dame von ihrer Qualität, ihrer Umsicht und ihren Instinkten große Schätze heben werden, aber meiner langjährigen Erfahrung nach sind es gerade solche Leute, die im Vertrauen auf ihre Umsicht und Gerissenheit Spuren übersehen und für unwichtig halten, die für Leute meiner Qualität geradezu als Wegweiser wirken. Wer weiß – also gehen wir. Und um es vorweg zu sagen: erschweren oder vereiteln Sie mir meine Arbeit, die ja auch in Ihrem Interesse geschieht, nicht durch Einwände und Zweifel, sondern lassen Sie mich ruhig tun, was ich für gut halte, selbst wenn es Ihnen unbegreiflich oder – nicht schick erscheinen sollte.«

Don Gian begriff und nachdem er die ihm jetzt gereichte Hand seines Chefs vor innerer Erregung fast zerdrückt, folgte er dem Detektiv, von dessen Fähigkeiten und Erfolgen er schon Wunderdinge gehört hatte.

Sie stiegen, auf der Straße angelangt, in den nächsten freien Taxameter ein, der sie bald vor den Palazzo Barberini in der Via Quattro Fontane brachte.

Kein Mensch, der es nicht gesehen, kann eine Ahnung von der geradezu fabelhaften Größe dieses Gebäudes haben, das zwar seine berühmte Bildergalerie behalten hat, von den Erben des ausgestorbenen Geschlechtes der Barberini nun aber zur Vermietung gestellt ist. Von Carlo Maderna um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts durch Papst Urban VIII. Barberini errichtet, ist der Palast eines der Wahrzeichen der vergangenen Größe Roms; er hat nicht nur Raum für die Repräsentations- und Wohnräume einer Gesandtschaft, die kleinste der zahlreichen anderen Mietwohnungen darin enthält mindestens zwanzig Zimmer, und wenn auch die stattliche Bibliothek durch Kauf der vatikanischen Bibliothek einverleibt wurde, so bleiben darin immer noch die Gemäldesammlung, die Fresken Cortonas in der riesenhaften Halle, die Statuen, Büsten und andere Antiken.

In diesem Palast stiegen Don Gian Terraferma und Doktor Windmüller die lange Flucht der weißen, bequemen Marmortreppen zu der Wohnung der Principessa hinauf – ersterer mit dem natürlichen Widerwillen des Gentlemans, in Räume einzudringen, in denen er kein Recht hat.

»Ihr Einkommen würde vielleicht gerade dazu reichen, diese Wohnung zu bezahlen – woher also kommt das übrige?« fragte er sich zum hundertsten Male. »Gott weiß, daß ich ihr kein Unrecht tun möchte, aber was bleibt mir zu denken und zu glauben übrig?«

»Vielleicht hat sie eine Erbschaft gemacht«, beantwortete Windmüller laut diese Gedanken, so daß Don Gian zusammenfuhr und seinen Begleiter fast entsetzt ansah. »Man muß allen Möglichkeiten Raum lassen. Indessen – ah, da sind wir ja!« Eine junge, zierliche Kammerzofe war es, die endlich nach wiederholtem Läuten die Tür öffnete.

»Ist meine Schwägerin, die Frau Prinzessin, zu Haus?« fragte Don Gian die sichtlich ob des frühen Besuches Überraschte kurz.

»Aber nein, Herr Marchese«, war die in entschieden anklagendem Ton gegebene Antwort. »Altezza sind vorgestern abend verreist und wollten gestern abend zum Basar bei der Signora Contessa zurück sein, sind aber nicht angekommen, haben keine Nachricht gegeben, und Herr Marchese sehen mich in größter Bestürzung – ich weiß nicht, was ich denken soll.«

Durch Windmüller vorher instruiert, trat Don Gian, von seinem Begleiter gefolgt, ohne weiteres in den mit orientalischen Teppichen und Waffen geschmückten großen Vorraum ein.

«Nun, ich denke, die Frau Prinzessin wird wohl in diesem Falle aufgehalten worden sein«, murmelte er unbehaglich.

»Aber Durchlaucht haben nur einen ganz, ganz kleinen Koffer mit dem Nötigsten für eine Nacht mitgenommen«, erwiderte die Zofe ratlos.

»So?« fragte Don Gian. »Wie kommt es aber, daß Sie öffnen, Cesarina? Wo ist denn der Diener?«

»Er ist schon ganz früh fort, um auf den Bahnhof zu gehen, für den Fall, daß Durchlaucht die Nacht gereist sein sollten«, erklärte Cesarina gekränkt. »Er ist noch nicht zurück, der hohe Herr Iwan! Natürlich hat er den zweiten Diener mit einer Menge Aufträge fortgeschickt, und ich muß nun jedesmal laufen, wenn es läutet!«

»Der erste Diener ist ein Russe?« warf Windmüller zu Don Gian gewendet ein, und als dieser nickte, trat er in Aktion. »Hören Sie mich an, Mademoiselle Cesarina«, wendete er sich in ihrer Landessprache an die Französin, die er vorher scharf beobachtet. »Wir – der Herr Marchese und ich – haben natürlich gehofft, die Frau Prinzessin anzutreffen, da sie aber verreist ist und Sie ohne Nachricht über ihren Verbleib sind, so beunruhigt uns das einigermaßen. Sie müssen uns daher genau und wahrheitsgetreu sagen, was Sie über diese plötzliche Abreise Ihrer Herrin wissen, und je aufrichtiger Sie das tun, um so weniger soll dies Ihr Schade sein.«

Das Aufleuchten in den schwarzen Augen der Französin belehrte Windmüller, daß sein Scharfblick ihn nicht getäuscht, als er das Mädchen auf den ersten Blick als habgierig taxierte.

»Aber ich weiß ja nichts, gar nichts!« jammerte Cesarina. »Durchlaucht sagten plötzlich: ›Ich verreise in einer Stunde, packe mir Nachtzeug und eine einfache Abendtoilette ein‹ – das war alles! Nicht eine Silbe, wohin Madame reisen will – nur den Befehl: ›Lege mir das Zigeunerinnenkostüm für den Basar zurecht, ich werde zur rechten Zeit morgen abend zurück sein‹ – nichts, nichts weiter! Aber unter uns, Monsieur – Iwan, der Kammerdiener, der verstockte Mensch, weiß sicher mehr – sicher! Er hat Madame auf den Bahnhof begleitet, er muß wissen, wohin sie gereist ist, er hat Madames Vertrauen. Einmal wird es ihm ja belieben, zurückzukommen, und wenn Monsieur warten können – «

Monsieur wollte nicht warten – im Gegenteil, er pries seinen guten Stern, der ihm den Kammerdiener aus dem Wege geräumt, und hoffte inbrünstig von eben diesem guten Stern, daß seine ›Geschäfte‹ den Würdigen noch eine Weile fernhalten würden

»Was Sie mir sagen können, würde Iwan wahrscheinlich nicht wissen«, erwiderte er in dem überzeugend zuredenden Ton, der ihm schon so oft gute Dienste geleistet hatte »Der Herr Marchese ist, wie er mir sagte, der Frau Prinzessin am Nachmittag vor ihrer Abreise in der Villa Borghese begegnet, und sie schien damals noch nichts von dieser plötzlichen Reise zu wissen. Sie scheinen mir aber eine kluge Person zu sein, die ein Paar scharfe Augen im Kopf hat. Aber sicher – ich schmeichle Ihnen nicht, Mademoiselle – ich sehe, was ich sehe. Nun wohl – Sie müssen doch etwas gemerkt haben, was Ihnen diesen plötzlichen Entschluß Ihrer Herrin begreiflich gemacht hat – nicht?«

»Oh – wenn es das ist, was Monsieur wissen will – voila!« machte Cesarina mit raschem Verständnis. Dann schloß sie die noch offene Tür des Vorraums, nicht ohne vorher nach der Treppe gehorcht zu haben, und schob einen Riegel vor – eine scheinbar überflüssige Handlung, die sich der alles sehende Detektiv sehr richtig dahin deutete, daß Mademoiselle Cesarina sich bei dem, was sie auszuplaudern entschlossen schien, nicht von dem gefürchteten Kammerdiener überraschen lassen wollte.

»Hören Sie also, Monsieur! Madame kamen vorgestern – nein, vorvorgestern von ihrer Ausfahrt zurück, und ich öffnete ihr die Tür, weil der Herr Iwan wieder einmal nicht da war und Beppino, der zweite Diener, gerade den Tisch deckte. Madame waren kaum über der Schwelle, als ein Herr schnell die Treppe heraufkam, Madame ein paar Worte in der barbarischen Sprache zurief, in der Madame immer mit dem Iwan spricht, und ihr einen Brief überreichte, worauf er wieder die Treppe hinablief – «

»Wer war der Herr?« warf Windmüller ein.

»Weiß ich nicht«, entgegnete Cesarina achselzuckend. »Ich habe ihn nie vorher gesehen, und Madame empfängt oft Besuche, die ihren Namen nicht sagen, die gehen, ohne wiederzukommen, mit denen sie Russisch redet, so daß man nicht wissen kann, warum sie kamen und was sie wollen, kurz – «

»Rücksichtslos gegen Sie, Mademoiselle«, sagte Windmüller teilnahmvoll. »Nun, und die Frau Prinzessin las den Brief natürlich und – «

»Gewiß«, fiel Cesarina bereitwilligst ein. »Madame öffnete den Brief gleich hier, überflog ihn, und ohne sich Zeit zu nehmen, Hut und Mantel abzulegen, setzte sie sich damit vor das Tischchen dort am Kamin, zog die Handschuhe aus und las den Brief mindestens zehnmal durch, Monsieur, denn ich schielte natürlich hin, während ich die Handschuhe aufnahm, und sah ganz genau, daß er nur wenige Zeilen enthielt. Eh bien, Madame achtete nicht auf mich, schien mich evidemment ganz vergessen zu haben, und natürlich blieb ich, wo ich war, denn ich mußte doch meine Befehle abwarten – nicht?«

»Sehr korrekt, sehr!« lobte Windmüller mit Enthusiasmus.

»Ich sehe, Monsieur haben den richtigen Sinn für meine Pflicht«, fuhr Cesarina mit einem nur einer Französin möglichen Augenaufschlag fort. »Eh bien, Madame nahmen, was mich natürlich sehr wunderte, nachdem sie über dem Brief eine Weile gegrübelt, einen der Papierbogen, die immer hier bereit liegen, für den Fall, daß ein Besuch, der Madame nicht antrifft, eine Botschaft hinterlassen will, den daneben liegenden Bleistift, zog damit über das Blatt lauter Quadrate und schrieb Nummern hinein, und dann, den Brief in der Hand, schien sie ihn abzuschreiben, aber nicht etwa in einer Linie, sondern einmal ein Wort hier, ein Wort da, ganz durcheinander – «

»Ganz merkwürdig!« meinte Windmüller. »Und dann – ?«

»Dann tippte sie mit dem Stift auf die Quadrate, in die sie geschrieben – in das eine zwei, drei Worte, in das andere wieder nichts, sah plötzlich auf und fuhr mich an, was ich hier mache, lachte dann kurz auf, tippte noch einmal das sonderbare Geschreibsel mit dem Bleistift ab, ballte den Bogen zusammen und warf ihn ins Feuer, denn es ist schon kühl am Abend, und wir müssen immer den Kamin hier heizen – «

»Natürlich!« fiel Windmüller ein. »Und nachdem der Bogen verbrannt war – «

»Gab Madame den Befehl, zu packen. Voila tout!«

Windmüller zog ein Goldstück aus der Westentasche und drückte es in Cesarinas rasch hingehaltene Hand. »Und was machte Madame mit dem Briefe, den sie erhalten?« fragte er in gewinnendem Ton.

»Das weiß ich nicht. Ich habe darauf nicht geachtet«, war die sicherlich ehrliche Antwort. »Sie wird ihn wohl mit dem Bogen verbrannt haben.«

»Jedenfalls – jedenfalls«, stimmte Windmüller zu, indem er in seiner Westentasche herumfingerte und den gierigen Blick auffing, mit dem Cesarina das verfolgte. »Nun, das wäre wohl alles. Hm. Ja, was ich noch sagen wollte – die Signora Principessa ist dann wohl in dem Anzuge abgereist, den sie am Nachmittag trug?«

»Aber Monsieur!« machte die Zofe mit Entsetzen. »Madame hatte ein weißes Tuchkleid an, eine Robe, die erst tags zuvor aus Paris gekommen war, ein Traum von einer Robe – Rock, Paletot und Weste mit Seidengalonen besetzt. Das hätte gut ausgesehen nach einer Fahrt in der Eisenbahn! Und von dem weißen Hute gar nicht zu reden, Fasson Marquis, mit einer köstlichen weißen Pleureuse darauf. Nein, nein, Monsieur, sie hat gewechselt und ein graues Reisekleid mit grauem Staubmantel angezogen, während ich den kleinen Koffer packte.«

Windmüller lächelte gewinnend. »Ja, wenn ich gewußt hätte, daß Madame ein weißes Kleid anhatte, ehe sie abreiste, dann hätte ich die dumme Frage nicht getan«, sagte er mit rührender Einfachheit. »Also ein ›Traum‹ war dieses Kleid! Ich schwärme für solche Träume, Mademoiselle – «, wieder fingerte er in seiner Westentasche und zog noch ein Zwanziglirestück hervor. »Sehen Sie«, machte er naiv, »da habe ich ja noch solch ein Ding hier – hübsche Münzen, Mademoiselle – nicht wahr? Ich gäbe dieses Stück darum, wenn ich das neue weiße Kostüm der Frau Prinzessin aus Paris einmal sehen könnte.«

»Wenn es weiter nichts ist, Monsieur – ich hole das Kostüm sofort«, rief Cesarina mit funkelnden Augen. »Madame hat es selbst in der Garderobe aufgehängt, während ich den Koffer packte, denn sie ist sehr eigen mit ihren Sachen.«

Windmüller hob beide Hände beschwörend auf. »Wie würde ich Sie selbst bemühen wollen, Mademoiselle!« rief er in dem Tone eines Menschen, dem man eine Unwürdigkeit zumuten will. »Das sei fern von mir! Zudem müssen Sie doch hier an der Tür sein, für den Fall der Herr Kammerdiener zurückkehrt, der sicher die Hintertreppe verschmähen dürfte – wenigstens solange Ihre Herrin nicht da ist! Nein, nein, nein! Ich gehe selbst, diesen Traum von einer Pariser Robe zu bewundern – natürlich in Gesellschaft des Herrn Marchese – – Oh, haben Sie sich erkältet?« unterbrach er sich teilnahmvoll, durch einen Hustenanfall Don Gians veranlaßt, dessen blasses Gesicht plötzlich purpurrot geworden war. »Nicht erkältet, sondern nur die Luft verfangen?« erläuterte er ein undeutliches Murmeln des sichtlich wortlosen Diplomaten. »Hm – desto besser. Also haben Sie die Güte, Herr Marchese, mir den Weg zu zeigen. – Und Sie, Mademoiselle, würden mich unendlich verbinden, für den Fall, daß der Herr Kammerdiener zurückkehrt, ehe wir den ›Traum‹ gesehen haben, wenn Sie diesen Würdigen mit Ihrer Konversationsgabe aufhalten wollten, bis ich fertig bin. Sie verstehen mich – nicht wahr?«

Cesarina nickte mit blitzenden Augen – sie verstand.

Mit sehr widerstreitenden Gefühlen folgte Don Gian einer einladenden Handbewegung des mild lächelnden Detektivs und ging ihm voraus. Durch eine Reihe eleganter Salone, alle mit ausgesuchtem Geschmack eingerichtet, führte er ihn unter einem Schweigen, das eine Explosion verhindern sollte.

In der offenen Tür des raffiniert luxuriösen Schlafgemachs aber stand er still. »Herr Doktor, wollen Sie mir jetzt erklären – «, begann er.

Aber Windmüller schob ihn einfach zur Seite. »Später, lieber Marchese, später. Es ist jetzt keine Zeit dazu, Ihnen meine Methode auseinanderzusetzen Wir müssen fertig sein, ehe der Spion kommt. – Jawohl, Iwan, der Kammerdiener! Ich kenne ihn und er mich, was wesentlich dazu beiträgt, daß ich vor ihm zum Tempel wieder hinaus sein möchte. Nicht, daß ich ihn fürchte, aber warum einen Zusammenstoß heraufbeschwören, wenn er zu vermeiden ist! – Hm – dieses Schlafzimmer ist sehr gut aufgeräumt – wir können darüber zur Tagesordnung übergehen, denn hier dürfte Cesarina, diese Perle, schon Musterung gehalten haben. Welches ist die Tür zur Garderobe? Ah, das können Sie natürlich nicht wissen, also öffnen wir die erste – mir scheint, wir haben die richtige gefunden. Mein altes Glück, Herr Marchese! Hoffen wir, daß es mir auch mit dem ›Traum aus Paris‹ zur Seite bleibt.«

Es war ein hübsch proportioniertes Zimmer, das in langer Reihe die Garderobenschränke, einen drehbaren, dreiteiligen großen Spiegel mit Teppich davor und ein niedriges Sofa enthielt. Windmüller machte ohne Federlesens den ersten dieser Schränke auf, in dem auf breiten hölzernen Bügeln an messingener Stange eine Reihe von Kleidern hing und darunter ein weißes von feinem Tuch mit seidenen Galonen besetzt.

»Mir scheint, das war's, das meine Schwägerin am Vorabend ihrer Abreise trug«, sagte Don Gian darauf deutend.

»Ah – ein perfektes Schneiderkleid!« machte Windmüller bewundernd, indem er mit geübten und geschickten Fingern an den Säumen des fußfreien, engen Rockes entlang fuhr. »Natürlich hat es keine Tasche – in einer solchen Schlangenhaut würde ja ein Bogen Papier schon die Fasson verderben. Auch im Paletot nichts von solch einem nützlichen Behältnis. Diese Taschenklappen an den Vorderteilen sind Blendwerk der Hölle, nichts weiter. Wird dasselbe mit dieser ärmellosen, eleganten Weste sein, die gleichfalls durch schneidige Klappen Taschen heuchelt – also eine vergebliche Hoffnung – die mit zwanzig Lire in Gold zwar etwas teuer bezahlt ist doch das muß man eben riskieren. – Halt! Was bedeutet dieser durch Druckknopf geschlossene Schlitz? Eine sehr geschickt und raffiniert angebrachte Brusttasche! Und in dieser Brusttasche ein etwas lässig gefaltetes Papier – Herr Marchese«, schloß Windmüller fast andächtig seinen Monolog, »hier haben Sie wieder einmal den Beweis, wie unvorsichtig vorsichtige Leute sein können! Wenn wir uns den Vorgang rekonstruieren, so können wir sehen, wie Ihre Frau Schwägerin, in Gedanken versunken, auf dem langen Wege bis zu ihrem Schlafzimmer das dünne Blatt überseeischen Papiers, das ihr der Unbekannte im Augenblick ihrer Heimkehr überreicht, dieser Tasche anvertraut, von deren Existenz Cesarina wahrscheinlich keine Notiz genommen hat. Während die Perle einpackt, entledigt sich die Herrin selbst des Pariser ›Traumes‹, hängt das Kleid selbst, da sie sehr ordentlich ist, in dem Schranke auf, des Papiers darin vergessend, das ihr eine Aufgabe stellt, die ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr ganzes, fieberhaft arbeitendes Gehirn in Anspruch nimmt – es fällt ihr wahrscheinlich erst auf der Reise ein, daß sie dieses wichtige Papier vergessen hat, und sie tröstet sich damit, daß Cesarina kaum das Kleid berühren wird, und selbst wenn sie es tut, würde ihr dieses Blatt nichts sagen, sie um nichts klüger machen, denn wie käme sie auf den Gedanken, daß ein gewisser Franz Xaver Windmüller so verrückt sein könnte, die neueste Schöpfung ihres Schneiders bewundern zu wollen?«

Don Gian trat hastig einen Schritt näher. »Herr Doktor – glauben Sie, daß es in der Tat dieser Brief ist?« fragte er mit erwachtem Interesse, das seinen stummen Protest gegen die ›Methoden‹ des Detektivs völlig überragte.

»Irren ist menschlich, Herr Marchese. Unter dieser Reserve glaube ich Ihre Frage bejahen zu können«, erwiderte Windmüller, das Blatt sorgfältig in seiner Brusttasche verwahrend. »Es ist hier nicht der Ort, die Probe aufs Exempel zu machen. Lassen Sie uns daher dies leere Nest verlassen und zu mir fahren, wo Sie außer der Lösung des Rätsels auch ein Frühstück erhalten sollen, das Ihren Lebensgeistern, wie ich sehe, sehr vonnöten ist. Wie lange haben Sie denn nichts mehr an leiblicher Nahrung zu sich genommen?«

»Seit gestern mittag nichts mehr – aber das ist Nebensache und – «

»Pardon, wenn ich widerspreche: es ist von wesentlicher Bedeutung, wenn Sie Ihre Nerven in diesem Falle nicht verlieren, Herr Marchese. Sie würden bald abgewirtschaftet haben, wenn Sie unterlassen, Ihrem Körper und Ihrem Gehirn die notwendige Nahrung zuzuführen. Sie müssen mir schon verzeihen, wenn ich mich auch darum kümmere. Ich betrachte Sie eben als meinen Klienten, weil die Sache Sie doch verteufelt nahe angeht, und es ist Gewohnheit bei mir geworden, auch ein wenig über das leibliche Wohl derer zu wachen, deren moralischen Zustand ins Gleichgewicht zu bringen die ideale Seite meines Berufes ist.«

Don Gian sah den Detektiv erstaunt an. »Ihr Klient?« wiederholte er. »Sie sind doch beauftragt worden, herauszubekommen, ob nicht vielleicht ich selbst das Dokument veruntreut und – und verkauft habe?«

Windmüller machte eine Bewegung. »Das war nur eine Möglichkeit, mit der gerechnet werden mußte, weil die menschliche Seele Tiefen verbergen kann, die man in ihr nicht vermutet«, sagte er ernst. »Ihr Chef hat diese Möglichkeit nicht zugeben wollen und ist von vornherein mit großer Loyalität für Sie eingetreten. Ich indes, der mit der dunklen Seite der menschlichen Seele zu tun hat, mußte mich erst überzeugen, und ich freue mich, sagen zu können, daß ich jetzt ganz auf Ihrer Seite stehe. Ob es möglich sein wird, das verlorene Dokument wieder zu erhalten, kann ich jetzt noch nicht sagen, aber ich denke, daß Ihre Unschuld zu beweisen nur noch eine Frage von kürzester Zeitdauer ist. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich diesen Beweis hier in meiner Brusttasche. – Also eilen wir, ihn der Prüfung zu unterwerfen!«

Don Gian verlor keine Worte. Stumm reichte er dem Detektiv zu kräftigem Drucke die Hand und folgte ihm mit einem Gefühl der Erleichterung, als ob jemand ihm eine unerträglich werdende Last von den Schultern genommen hätte. Weil er aber ein guter Mensch mit tiefem Gemüt war, so mischte sich in die persönliche Erleichterung die Trauer darüber, daß seine eigene Rehabilitierung auf Kosten der Witwe seines Bruders zu geschehen hatte.

Im Vorzimmer fanden sie Cesarina auf ihrem Posten vor. Der Kammerdiener war noch nicht zurückgekehrt, und mit wiederholten Knicksen nahm sie ihr zweites Goldstück von Windmüller entgegen.

»Die Robe von Madame ist in der Tat ein Traum«, sagte letzterer. »Aber sie hat doch einen Fehler – sie besitzt keine Taschen!«

»Aber Monsieur!« rief Cesarina, den Himmel für solch eine Barbarei anrufend. »Madame ist doch keine Bäckersfrau, die sich ihre Taschen mit allem möglichen vollstopft! Madame steckt ihr Taschentuch in den Ärmel und trägt die Börse in ihrem Ledertäschchen. Und wo wollen Monsieur, daß man Taschen in einem modernen Kleide anbringen soll, das wie ein Handschuh sitzen muß?«

»Ah ja, natürlich! Daran denkt man als Mann nicht, wenn man nicht zufällig ein Schneider ist«, erwiderte Windmüller.

»So ist's!« bestätigte Cesarina, indem sie mit einem Knicks die Tür hinter den beiden Herren zuschloß, von denen sie den älteren entschieden bevorzugte. Liebevoll klimperte sie mit ihren beiden Goldstücken in dem Täschchen ihrer koketten Schürze und pries ihr Glück, das den Kammerdiener weggeführt hatte. »Also Taschen hat er in dem Kleide gesucht!« dachte sie achselzuckend. »Ich hätte ihm die Mühe sparen können, wenn es das war, was, er wollte. – Taschen! Wenn das Kleid Taschen hätte, wären sie von mir längst nachgesehen worden!« – »Woraus erhellt«, murmelte Windmüller noch auf der Treppe, »daß auch einem Schneider Ideen kommen können, die ihm selbst eine Kammerfrau nicht zutraut!«

*

Auf der Straße vor dem Palaste angelangt, hielt Windmüller ein vorüberfahrendes leeres Auto an und gab dem Chauffeur die Adresse seiner Villa am Janiculus mit der Weisung, daß er dort wahrscheinlich würde zu warten haben.

»Ich vermute nämlich, daß wir Ihrem Chef etwas mitzuteilen haben werden«, sagte er, als sich das Auto in Bewegung gesetzt hatte, indem er seine Brieftasche hervorzog und das Blatt daraus entnahm, das er in der Garderobe der Marchesa von Terraferma entdeckt. Er sah es eine Weile an und reichte es dann Don Gian. »Was machen Sie daraus?« fragte er.

»Das ist in deutscher Sprache geschrieben!« rief der junge Diplomat überrascht. »Ich wußte nicht, daß meine Schwägerin Deutsch versteht.«

»Die meisten gebildeten Russen sprechen Deutsch«, erwiderte Windmüller. »Donna Xenia hatte in Ihrer Familie vielleicht nur keine Gelegenheit, diese Kenntnis anzuwenden.«

»Doch, sie wußte, daß ich sehr eifrig deutsche Sprachstudien treibe, die mir für meinen Beruf neben dem Französischen und Englischen sehr von Wert sind.«

»Natürlich – ein Diplomat muß alle Sprachen kennen. – Bitte, lesen Sie das Blatt durch und sagen Sie mir, was Sie daraus machen.«

Don Gian tat, wie ihm geheißen, und las folgendes:

Braunschweig, 27. Februar 1912.

Morgen (erlangt) Zug sofort Festland (sie) Venedig

Meldung eintreffen Frühschiff (Nachtzug) mit Reisen

(heut) Weiterreise wahrscheinlich (Rom) voraussichtlich wird (Wenn) nächsten Venedig Abend (Objekt) Triest. –

Don Gian gab das Blatt, nachdem er es gelesen, mit einem Achselzucken der Enttäuschung zurück. »Geheimschrift natürlich, für die sich vielleicht der Schlüssel finden ließe. Aber wozu? Das Billett ist über ein halbes Jahr alt, kann also das nicht sein, welches meine Schwägerin zu ihrer plötzlichen Abreise veranlaßt hat, wennschon das Wort ›Venedig‹ zweimal darin vorkommt. Eine alte Mitteilung, vom 27. Februar datiert, die Donna Xenia in ihrem Kleide vergessen hat.«

»Das war auch mein erster Gedanke, als ich das Blatt überflog«, gab Windmüller zu. »Indes, mein Beruf weist darauf hin, nichts zu überhören und nichts zu vergessen, und darum fiel mir auch gleich wieder ein, daß Cesarina gesagt, ihre Herrin habe das Kleid, dies weiße Kleid mit Paletot und Weste, erst vor ein paar Tagen aus Paris erhalten. Wäre es anzunehmen, daß Donna Xenia Zeit gehabt hätte, ein altes Schreiben in diese verborgen angebrachte Tasche zu stecken, selbst den Fall gesetzt, daß es ihr ›zufällig‹ beim Auskleiden in den Weg gekommen ist? – Kaum! Ferner ist das Papier hier nicht verlegen, nicht monatelang irgendwo aufbewahrt worden – es ist ganz frisch; nicht weich geworden wie altes Papier, sondern glatt und tadellos weiß. Die Tinte« – damit zog er ein Vergrößerungsglas hervor und betrachtete damit genau die Schrift – »die Tinte ist frisch, wenige Tage nur auf dem Blatt – oh, ich kann das genau bestimmen. Dies Spezialstudium gehört zu meinem Beruf. Folglich ist das Datum nur ein Blender, bestimmt, irrezuführen für den Fall, daß die Mitteilung in unrechte Hände geraten wäre, oder – beim Zeus, ich hab's! – es enthält den Schlüssel für die chiffrierte Mitteilung selbst!«

»Den Schlüssel?« wiederholte Don Gian elektrisiert.

»Es kann das nur sein«, entgegnete Windmüller mit einer bei ihm ungewöhnlichen Erregung. »Der Umstand, die Mitteilung, die durch persönlichen Boten in Rom am 6. September überbracht wurde, von Braunschweig mit einem über ein halbes Jahr alten Datum zu versehen, kann nur einen ganz bestimmten Zweck verfolgen, und daß dieses Blatt wirklich nicht vor sechs Monaten geschrieben worden ist, dafür stehe ich mit Hilfe dieser allerschärfsten Vergrößerungslinse ein! – Erinnern Sie sich, daß Cesarina beobachtet hat und uns genau beschrieb, wie Donna Xenia nach Empfang des Billetts sich in der Vorhalle hinsetzte, einen Bogen Papier mit Quadraten einteilte, diese numerierte und dann, das Billett in der Hand, in diese Quadrate schrieb? Wohl, es war nicht schwer zu erraten, daß sie die erhaltene Mitteilung dechiffrierte. Das bedarf kaum der Erwähnung, aber daß es dieses Blatt war, das sie entzifferte, daß sie es auf dem Weg in ihr Schlafzimmer ›einstweilen‹ in die Brusttasche ihrer Weste steckte, endlich, daß gerade dieses irreführende Datum den Schlüssel der Chiffre enthält – dafür möchte ich das schönste Stück meiner Sammlung verwetten! – Wo sind wir eben? Oh, erst auf der Piazza Cairoli! Also lassen Sie uns keine Zeit verlieren und den Rest des Wegs dazu benützen, dem Rätsel nachzusinnen!«

Und das Billett in der Hand, den Blick fest darauf richtend, versank der berühmte Gentlemandetektiv in ein tiefes Kombinationsstudium, aus dem er erst aufsah, als das Automobil vor der kleinen, hübschen Villa auf der halben Höhe des Janiculus jenseits des Tibers vorfuhr.

Windmüller befahl dem Chauffeur, zu warten, öffnete die verschlossene Pforte zu dem zierlich bepflanzten Gärtchen, das die Villa umschloß, mit einem Patentschlüssel, während er gleichzeitig die elektrische Glocke drückte, und bat Don Gian, einzutreten.

Ehe die Herren den kurzen, mit Blumenrabatten eingefaßten Gang bis zu dem Hause zurückgelegt, wurde dessen Tür von einem kleinen, drollig aussehenden Menschen mit beweglicher Spitzmausphysiognomie und kleinen, funkelnden Schweinsaugen geöffnet, den die ruhige, dunkle Livree, die er trug, wie etwas Ungehöriges kleidete, besonders da er die Ankommenden mit militärischem Gruß empfing.

»Der Kerl kann sich die Faxen nicht abgewöhnen«, murmelte Windmüller ärgerlich. – »Schnell ein Frühstück in mein Arbeitszimmer, Pfifferling!« befahl er, noch auf der Türschwelle. »Tee, Gebäck, Schinken, Eier – aber rasch! Jemand hier gewesen? Briefe gekommen?«

»Versteht sich, Herr Doktor«, versicherte Pfifferling höchst inkorrekt – für seine Livree. »Briefe, mehrere Telegramme und ein zierliches Schreiben, für das ich dem Überbringer, einem schäbigen Individuum, eine Quittung schreiben mußte. Es liegt noch keine zehn Minuten oben.«

»Gut. Nehmen Sie dem Herrn hier Paletot und Hut ab und trollen Sie sich. Verstanden?«

»Vollkommnement, Herr Doktor!« erwiderte Pfifferling mit einem Kratzfuß, der in einer Posse auf einer Volksbühne Effekt gemacht hätte. »Ich verdufte!«

»Wenn Sie mal einen korrekten Diener brauchen sollten, Herr Marchese, dann holen Sie sich den Menschen«, sagte Windmüller lachend, als er seinen Gast die Treppe hinaufgeleitete, die wie die kleine Vorhalle mit seltenen alten Waffen aller Länder dekoriert war. »Die Livree ist aber nur Blendwerk – Pfifferling ist nämlich mein Faktotum, zu dem er sich aus eigener Machtvollkommenheit gemacht hat. Er führt mit mir das alte Märchen von Sintbad, dem Meerfahrer, auf, indem er den Meergreis mimt, den ich nicht mehr loswerden kann. Aber er fängt an, sich zu machen, was seine bescheidene Mitwirkung an meiner Arbeit betrifft – zum Diener hat unser Herrgott ihn in seinem Zorne werden lassen.«

Don Gian folgte seinem Wirte mit unwillkürlich erwachter Aufmerksamkeit in das Gemach, das er als sein Arbeitszimmer bezeichnet hatte. Es war mehr eine Bibliothek, denn die Wände waren mit Bücherregalen bis auf Manneshöhe bedeckt und zuoberst mit allen nur möglichen Gegenständen bestellt: Büsten, Vasen, antiken Fragmenten; Gemälde wechselten in zwangloser Reihe miteinander ab, aber in dem ganzen Arrangement verriet sich der wohlgeschulte Liebhaber, der seine Schätze nicht wahllos hier aufgestapelt. In der Mitte des schönen, großen Raumes stand ein großer, kostbarer Schreibtisch von Boule, bedeckt mit Papieren, Aktenfaszikeln, Büchern, und auf der ledernen Mappe mit dem davorgeschobenen Lehnsessel, einem Prachtstück des Cinquecento, lagen wohlgeordnet die eingelaufenen Briefe und Telegramme.

Windmüller bat seinen Gast, vor einem leeren eingelegten Tisch in der einen Fensternische Platz zu nehmen, und setzte sich dann selbst vor seinen Schreibtisch, um die Depeschen zu durchfliegen, die er nebst dem einen markenlosen Briefe mit einem Stück orientalischen Jaspis beschwert neben sich hinlegte, und Don Gian, der ihm mit unverhohlen brennendem Interesse zusah, machte die Beobachtung, daß sein Wirt während dieser mit Methode betriebenen Beschäftigung sehr nachdenklich aussah, als ob ihm ein neues Rätsel in den Weg getreten wäre.

»Alles zu seiner Zeit, Herr Marchese«, sagte Windmüller, das Gesicht seinem Gast zuwendend, der erstaunt zurückfuhr und sich fragte, ob er seine Beobachtung unbewußt in Worte gekleidet. »Es scheint in der Tat, als ob wir in eine neue Phase der Angelegenheit getreten wären. Ehe wir jedoch auf diese eingehen, müssen wir suchen, das chiffrierte Billett zu enträtseln. Wenn der Schlüssel paßt, auf den ich unterwegs geraten bin, dann werden wir bald klüger sein. Ich habe so viel mit Geheimschriften zu tun, die ein ganzes Studium für mich gebildet haben und immer noch bilden, daß mir so leicht keine unzugänglich ist. Also, ans Werk!«

Don Gian sah mit fieberhafter Spannung zu, wie Windmüller einen leeren Papierbogen in Quadrate mit dem Bleistift einteilte, diese Quadrate von 1 bis 25 numerierte und dann, den linken Zeigefinger gewissermaßen als Weiser auf dem chiffrierten Blatte führend, in die Quadrate zu schreiben begann.

Er war damit noch eifrig beschäftigt, als Pfifferling mit dem Frühstück erschien, das Brett auf einen Wink seines Brotherrn auf den Tisch vor den Gast stellte und dann schleunigst wieder verschwand.

Mechanisch goß Don Gian sich eine Tasse Tee ein und trank sie rasch aus, aber seine Nerven waren in einem Zustande der Erwartung, daß er vorläufig noch keinen Bissen hinuntergebracht hätte.

Da sah Windmüller auf. »Die Sache war einfacher, als ich gedacht«, sagte er. »Das Datum ist's, das den Schlüssel enthält, wie ich es angenommen; es war der ›Vogel‹ der die Geschichte verraten hat. Einen Augenblick wollten mich die eingeklammerten, einfach und doppelt unterstrichenen Worte aus dem Sattel heben, aber auch sie fügten sich dann wie von selbst dem Ganzen ein. Doch ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Der dechiffrierte Inhalt des Billetts lautet: ›Festland‹ – das ist die deutsche Übersetzung Ihres Namens Terraferma – Festland wird morgen abend voraussichtlich Venedig eintreffen. Weiterreise Triest Frühschiff wahrscheinlich. Reisen Sie heut mit Nachtzug Venedig. Wenn Objekt erlangt, nächsten Zug Rom. Sofort Meldung. – Nun, Herr Marchese, dieses kostbare Blättchen bestätigt zwar Ihren Verdacht über die Beschäftigung und Einnahmequellen Ihrer Frau Schwägerin, aber es ist auch Ihre eigene, vollständige Rechtfertigung, zu der ich Sie von Herzen beglückwünsche – «

»Und die Bestätigung, daß dieses inhaltschwere Dokument in den Händen derer ist, die es gegen mein Vaterland bis zum äußersten ausnützen werden!« rief Don Gian aufspringend.

»In dieser Beziehung ist das letzte Wort noch nicht gesprochen«, erwiderte Windmüller mit Nachdruck. »Auf alle Fälle stehen Sie rein da, Sie sind das Opfer eines Verrates und einer Intrigantin geworden, die ihre Netze mit einer Berechnung gelegt hat, die fast alles Dagewesene übersteigt. Doch davon später. Hier diese Depeschen meiner Agenten melden mir, daß Donna Xenia auf keiner der Etappen, die sie auf ihrer vermutlichen Weiterreise berühren mußte, eingetroffen ist. Eine Verkleidung, die ja eigentlich anzunehmen war, scheint nach den Berichten zwar ausgeschlossen, aber es ist immerhin möglich, daß sie unter einer solchen doch noch durchgeschlüpft ist. Nun aber sehen wir aus diesem chiffrierten Billett, daß Donna Xenia den Befehl hatte, mit dem erlangten Objekt nach Rom zurückzukehren und sich damit sofort bei ihren Auftraggebern zu melden. Daß sie in ihrer Wohnung jedoch nicht eingetroffen ist, davon haben wir uns vorhin überzeugt, und dieser Zettel, den mein Agent vor unserer Ankunft in meinem Hause hier abgegeben hat, meldet mir, ›daß das Ausbleiben der Marchesa Terraferma an zuständiger Stelle‹ – um keine Namen zu nennen – ›Unruhe und Bestürzung verursacht hat‹. Mithin ist ›man‹ auch dort ohne Nachricht über sie, hat – was für Ihre Regierung das Wesentliche ist – das bewußte Dokument nicht oder wenigstens noch nicht in Händen.«

Windmüller hielt ein und sah seinen Gast an, der näher getreten war und sich über den Schreibtisch herüberlehnte.

»Sie hatte Befehl, nach Rom mit dem Dokument zurückzukehren, und hat es nicht getan!« rief Gian aus. »Ja, um alles in der Welt – wo ist sie dann hingekommen?«

»Das zu ergründen, wird meine Arbeit sein«, erwiderte Windmüller sinnend. »Es gibt – soweit ich es im Augenblick übersehen kann – drei Möglichkeiten: sie ist beseitigt worden von Leuten, die auch ein Interesse an dem Dokument haben, oder sie hat dieser anderen Seite das Dokument freiwillig ausgeliefert und findet nun für gut, sich ihren Auftraggebern zu entziehen, bis es wieder sicher ist – «

»Meine Schwägerin hat ihren kleinen Koffer, der nur das Nötigste für die Nacht und eine einzige Abendtoilette enthält, in Venedig zurückgelassen«, unterbrach ihn Don Gian kopfschüttelnd. »Eine Person von ihren Ansprüchen geht nicht mit sozusagen nichts auf eine Reise von unbestimmter Dauer.«

»Mit Geld in der Hand kann man alles kaufen, was man braucht oder zu brauchen glaubt«, entgegnete Windmüller ruhig. »Es war sehr geschickt, den Trick, wenn sie einen beabsichtigt hat, ohne Reisegepäck auszuführen. Das macht den Verdacht einer Beseitigung wahrscheinlicher, und der Befehl für Cesarina, das Maskenkostüm für den Basar zu gestern abend bereitzulegen, unterstützt ihn, unterstreicht ihn gewissermaßen. Anderseits blieb ihr nichts anderes übrig, als Ihr Haus in Venedig unbeschwert von jedem Reisegepäck zu verlassen, wenn sie es unbeobachtet tun wollte, tun mußte, um heil und ungefragt herauszukommen. – Und dann ist noch die dritte, aber unwahrscheinlichste Möglichkeit, daß Donna Xenia sich dadurch, daß sie alle Ausgänge des Hauses verschlossen fand, genötigt sah, sich in demselben zu verbergen, bis die Gelegenheit sich bot, unbemerkt hinauszuschlüpfen.«

»Das ist so ungefähr, was mein Portier behauptete«, sagte Don Gian kopfschüttelnd. »Ich glaube zwar nicht daran, habe aber für alle Fälle einen Geheimpolizisten in mein Haus genommen, der die Ausgänge nicht nur zu bewachen, sondern auch zu verhindern hat, daß Donna Xenia den Palast verläßt. Ob das erlaubt ist oder nicht, darum konnte ich mich nicht kümmern. Meine Großmutter versprach mir, auf alle Fälle Nachricht zu geben, und diese liegt wohl jetzt schon in meiner Wohnung. Ich zweifle nicht, daß sie eine negative ist, denn meine Schwägerin dürfte sich vorher versichert haben, wie und auf welchem Wege sie das Haus verlassen konnte. Sie hat es sicher nicht darauf ankommen lassen, ob sie die Schlüssel in den Schlössern der Ausgänge finden würde oder nicht, sondern sich vorgesehen. Das Sonderbare dabei ist – und es gibt Ihrer dritten Möglichkeit das meiste Recht – daß mein Portier darauf schwört, alle Ausgänge seien früh innen verriegelt gewesen.«

»Was für einen Ihnen unbekannten geheimen Ausgang spräche«, schloß Windmüller aufstehend. »Und nun, Herr Marchese, essen Sie schnell etwas – einen Bissen Schinken, ein paar Eier. Ich helfe Ihnen dabei, und dann wollen wir über Ihre Wohnung, um dort nachzusehen, ob und welche Botschaft Sie von daheim erwartet, zu Ihrem Chef zurückkehren und ihm Bericht erstatten. Und da es ihn freuen wird, Sie frei von jedem Verdachte zu wissen, so wollen wir uns beeilen – abgesehen davon, daß auch ich so rasch wie möglich in Aktion treten muß, um zu versuchen, das geraubte Dokument wiederzuerlangen.«

Don Gian sah ein, daß gegen Windmüllers menschenfreundliche Anordnung nichts zu wollen war, und zwang sich, das vorgesetzte Frühstück zu sich zu nehmen.

In der Tat fühlte er sich danach und nicht zum mindesten im Verein mit dem in Windmüllers Brusttasche ruhenden Beweis seiner Schuldlosigkeit wesentlich gekräftigt, als er nach wenigen Minuten wieder neben dem Detektiv im Automobil saß und zunächst seiner Wohnung an der Piazza Colonna auf dem kürzesten Wege entgegenfuhr. Windmüller sprach unterwegs keine zehn Worte; er war in tiefes Schweigen versunken, und Don Gian hatte auch genug zu denken, um ein Gespräch zu vermissen. Als das Auto vor dem alten Palast, in dem er seine Mietwohnung hatte, hielt, eilte er allein hinauf, um nach einer etwa eingetroffenen Nachricht zu sehen.

Er fand ein Telegramm einer Großmutter, in früher Morgenstunde aufgegeben, vor, das, wie er es eigentlich ja auch erwartet hatte, nur die Worte enthielt: »Von Xenia nichts gehört und gesehen. Grüße. Nonna.« Er eilte damit wieder zu dem Wartenden zurück und fuhr mit ihm zu seinem Chef, der die Gemeldeten sofort vorließ und ihnen mit einem, seine Ungeduld verratenden »Nun – was gibt's Neues?« entgegentrat.

»Viel und – nichts«, erwiderte Windmüller und erstattete ohne Verweilen seinen Bericht, indem er das gefundene Billett und dessen Dechiffrierung vorlegte. »Exzellenz haben damit auch die nicht ganz wertlose Kenntnis der angewendeten Geheimschrift erlangt«, schloß er. »Diese muß ja natürlich gewechselt werden, wie wir Eingeweihten alle wissen – um dem Vorteil vorzubeugen, den die nicht Zuständigen daraus bei einem etwaigen Verrat ziehen können; indes wird diese Formel wohl jetzt die ›dort‹ angewendete bleiben, falls der Verdacht, daß dieses Billett in unsere Hände gefallen ist, nicht zur Gewißheit wird. Die Ohren jedoch, die gehört haben, daß der Marchese Terraferma beauftragt werden würde, das bewußte Dokument nach Wien zu bringen, können in diesem Augenblick auch hören, daß der Auftrag an die Principessa in unseren Händen und der Schlüssel der Geheimschrift gefunden ist.«

»Ich hoffe und glaube das nicht«, erwiderte der Minister grimmig. »Ich habe vor kaum einer halben Stunde den Bericht des Chefs unserer Geheimpolizei erhalten, daß sich an dem verhängnisvollem Tage, an welchem die Reise Terrafermas beschlossen wurde, unter den Arbeitern, die hier im Ministerium eine neue elektrische Anlage zu machen hatten, ein Mann befand, der sich nach Angabe der Dienerschaft mehrmals in dem großen Hause ›verirrt‹ haben wollte. So gab er wenigstens an, als er zu wiederholten Malen in diesem Teil des Palastes betroffen wurde. Der Mann, der Basilio Mamerti zu heißen vorgab, war den anderen Arbeitern unbekannt und nach ihnen erschienen mit der Angabe, daß der Padrone des Geschäfts ihn nachgesandt habe, um gewisse Teile der Anlage nachzuprüfen. Diese an sich recht unglaubwürdige Angabe wurde indes anstandslos hingenommen, und ich zweifle nicht, daß dieser Mann es war, der – wahrscheinlich mit Hilfe eines bestochenen Individuums – in dem Hause einen bequemen Lauscherposten fand.«

»Daran zweifle ich auch nicht«, meinte Windmüller trocken. »Hoffen wir also, daß dieser Posten im Augenblick unbesetzt ist, denn da die Geheimpolizei nach dem schönen Grundsatz: ›Eile mit Weile‹ diesen rätselhaften Basilio Mamerti jedenfalls erst im Geiste dingfest gemacht haben dürfte, wobei es ja auch bleiben wird, so hat der Mann inzwischen längst Zeit gehabt, zu verduften. Allein er liegt außer dem Bereiche meiner Aufgabe, die jetzt wohl einzig und allein darin besteht, die Marchesa Terraferma zu suchen. Daß sie von – von der Seite, in deren Auftrage sie ihre Fahrt nach Venedig unternahm, vermißt wird, wissen wir – «

»So sagten Sie«, unterbrach ihn der Minister. »Darf ich fragen, wie Sie zu dieser Information gekommen sind?«

»Gewiß dürfen Exzellenz fragen«, erwiderte Windmüller liebenswürdig, »aber eigentlich dürfte ich darauf nicht antworten. Indes erkenne ich das Recht an, mit dem Exzellenz eine Garantie für die Zuverlässigkeit dieser Angabe verlangen können. Nun, ich habe an eben jener Stelle, welche die Marchesa Terraferma als politische Agentin beschäftigt, eine kleine Aufgabe zu lösen – oh, keine politische, nichts, was unsere Sache stört, nur ein ganz gewöhnlicher Fall von – hm – Kleptomanie. Da ich es für Kraftvergeudung halte, mir meine Zeit damit zu vertrödeln, so habe ich einen meiner Agenten in der hübschen und netten Rolle eines Kronleuchterreinigers, der gerade dort gebraucht wurde, eingeschmuggelt. Er ist ein intelligenter und geschickter Mann, mein Agent, der seine Ohren und Augen zu gebrauchen weiß – ein hübscher Mensch außerdem, der diesen Vorzug bei Stubenmädchen und Kammerzofen zur Geltung zu bringen versteht. Die Hauptsache aber ist: er ist sehr zuverlässig in seinen Angaben, und – er wird noch ein paar Tage mit dem Reinigen der vielen Kronleuchter in dem Botschaftspalaste zu tun haben, so daß die Nachrichten über die Marchesa Donna Xenia uns ganz warm erreichen werden – Sie wenigstens, Exzellenz, denn ich werde mich unverzüglich auf die Suche nach ihr begeben und als Ausgangspunkt Venedig wählen, wo ich mir eine kurze Gastfreundschaft von dem Herrn Marchese erbitte.«

Don Gian wollte sofort bejahend antworten, aber der Minister fiel ihm ins Wort.

»Sie sollen den Herrn Doktor begleiten, Terraferma«, rief er freundlich. »Einmal dürfte Ihre Anwesenheit dort an sich von Nutzen sein, und dann sollen Sie sich daheim bei den Ihrigen von dem Nervenschock erholen, der, wie ich nur zu gut sehe, selbst Ihre gesunde Natur stark ins Wanken gebracht hat. Ja, ja, Sie haben Urlaub – ich will mir meinen Sekretär erhalten und ihn nicht gleich in das Joch der Arbeit spannen – Sie würden ja doch jetzt nichts leisten können. – Nein, fassen Sie es nicht falsch auf: Sie haben mein volles Vertrauen und hatten es selbst im Augenblick des ersten Schreckens, und niemand freut sich mehr als ich, daß Ihre Schuldlosigkeit, für die ich gleich und ohne Zögern eingetreten bin, so glänzend bewiesen worden ist. Doktor Windmüller ist mein Zeuge, daß ich an Ihnen nicht gezweifelt habe, und wenn er erst sehen und prüfen wollte und mußte, so war dies nicht mehr, als auch ich zu tun verpflichtet war. – Es ist Ihnen doch recht, Herr Doktor, daß der Marchese Sie begleitet?«

»Exzellenz sind mir damit zuvorgekommen – ich hatte darum bitten wollen«, erwiderte Windmüller verbindlich. »Und nun lassen Sie uns keine Zeit verlieren – wir können den Mittagszug noch erreichen.«

»Sie haben jedenfalls aber noch Zeit, um mir einen Wink über den Schlüssel der Chiffre dieses wichtigen Billets geben zu können«, bemerkte der Minister, aus das im Kleide der Marchesa gefundene Schriftstück deutend, das auf seinem Schreibtische lag.

»Gern«, entgegnete Windmüller mit einem Blick auf die Uhr. »Die Sache ist eigentlich von größter Einfachheit – wenn man sie erst weg hat. Das Datum war's, das mir auf die Spur half – das Datum vom 27. Februar auf einem frischen Papier mit ebenso frischer Tinte geschrieben – und dieser Zettel in einem Kleide, das erst vor ein paar Tagen vom Schneider aus Paris gekommen ist. Ferner die von der Zofe beobachtete Einteilung eines anderen Papiers in Quadrate, das Numerieren derselben. Gut. Ich numerierte auch – von 1 bis 25, so viel Ziffern, als das Alphabet Buchstaben hat. Und dann versuchte ich, die Worte der chiffrierten Botschaft in der Reihe, in der sie standen, in die Quadrate einzutragen. Doch das klappte nicht, und ich sah, daß die eingeklammerten, einfach und doppelt unterstrichenen Worte ihren besonderen Sinn haben mußten. Nochmals das Datum durchprüfend, kam mir die Erleuchtung: es enthält mehrere Buchstaben doppelt, einen, das r, dreifach, zwei Buchstaben, a und b, sogar vierfach, denn die Ziffern in 27 und 1912 sind natürlich gleichbedeutend mit den entsprechenden Lettern der Alphabetreihe. Die Klammern und Unterstreichungen konnten also nur die erste, zweite und dritte Wiederholung desselben Buchstabens bedeuten, und so trug ich denn den Wortlaut des Billetts nach dem Schlüssel des alphabetisch geordneten Datums oder Buchstabenzeigers in die entsprechend bezifferten Quadrate ein, das zweite a, b, u, r einklammernd, das dritte einfach, das vierte zweimal unterstreichend, las dann abermals, der richtigen Buchstabenfolge des Datums nachgehend, den Text im Zusammenhange ab und schrieb ihn so unter die Chiffre, wie er vor Ihnen liegt.«

»Höchst geistvoll!« rief der Minister, welcher der Erklärung mit dem Stift in der Hand gefolgt war und das gleiche Resultat wie die ihm vorliegende Entzifferung erzielt hatte. »Und zu dieser Lösung, die unsere Experten vielleicht eine Woche und dann noch ohne Resultat beschäftigt hätte, haben Sie eine halbe Stunde gebraucht! Es ist wunderbar!«

»Exzellenz – Sie schmeicheln mir«, rief Windmüller abwehrend, aber doch nicht ohne ein befriedigtes Schmunzeln. »Zwischen mir und Ihren Sachverständigen ist eben der Unterschied, daß hinter ihnen nicht die Notwendigkeit der Eile steht, die bei mir die Rolle des Wetzsteines für die Klinge meiner Gehirntätigkeit spielt. In einem Falle wie diesem, wo jede Stunde von dringendster Wichtigkeit für schnelles Handeln ist, darf man die Lösung eines im Wege stehenden Rätsels nicht einer weitschichtigen Analyse unterziehen, sondern muß sich aufs Raten verlegen. Es gibt sehr kluge und sehr gelehrte Leute, die im Leben nicht imstande sind, die einfachste Scharade zu raten, und wiederum notorisch Beschränkte, die sofort auf das richtige Wort kommen. Zwischen diesen beiden Sorten stehe ich; ich lebe von meiner Fähigkeit, rasch zu denken, und schließlich ist ja alles im Leben nur Übungs- und Gewohnheitssache. – Nun aber wollen wir uns empfehlen, Exzellenz, denn ich muß noch heim, um meine Befehle zu geben für die Zeit meiner Abwesenheit.«

*

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