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Rosalie und Cleberg auf dem Lande / 1

Sophie von La Roche: Rosalie und Cleberg auf dem Lande / 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleRosalie und Cleberg auf dem Lande
authorSophie von La Roche
year1992
publisherDietmar Klotz Verlag
addressEschborn
isbn3-88074-909-4
titleRosalie und Cleberg auf dem Lande / 1
pages1-544
created20020924
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Rosalie und Cleberg auf dem Lande.

Von

Sophie, Wittwe von La Roche.

(1791)

Freundschaftliche Frauenzimmer-Briefe


Erster Brief.

Rosalie an Mariane S—

Seedorf –

Heute soll ich also wieder anfangen, mich mit Schreiben über den Verlust Ihres so lang genossenen Umgangs zu trösten! Ach Mariane! wie öde ist mein Haus, wie leer unsere Unterredungen geworden, seit der traurigen Stunde welche Sie uns nahm; denn ich kann mich jetzo nicht mehr die allein Traurende nennen, wie es bei unserer ersten Trennung war. Der ganze Cirkel unserer Freunde und Bekannten: Cleberg – mein Onkel – meine Kinder und Bediente suchen und vermissen Sie überall. Denken Sie was mein Antheil bei diesem allgemeinen Verlust war und noch ist! Doch Sie wollen durch meine Briefe mit uns fortleben; – also hören Sie, wie es nach Ihrer Abreise zugieng –

Ich sagte den guten Menschen allen, die in unserm Vorhaus versammlet waren und mit mir um Sie weinten: sie möchten mir verzeihen, keines sey – keines könne mir seyn, was Sie mir immer waren!

Alle standen Ihnen den Vorzug gerne zu, und waren mit der zweiten und dritten Stelle nach Ihnen zufrieden.

Cleberg führte mich unmittelbar aus dem Kreis der in dem Saal getretenen Freunde, auf unser Landhaus nach Seedorf; wo, wie Sie wissen, schon vor acht Tagen alles veranstaltet war, heute mit einander hinzugehen; indem wir damals gar nicht auf Ihre Abreise dachten.

Es war mir lieb, aus dem Hause zu kommen, das von Ihnen verlassen war, und die Straße aus dem Gesicht zu verlieren, durch welche Sie sich entfernt hatten. Ruhe, Güte und Sanftmuth der Natur, sollte Balsam für mein zerrissenes Herz werden; aber ich sah den ganzen Weg beinah fühllos mich um, wenn mein Mann und Kinder von den Schönheiten der Gegend sprachen; und in meinem Hause wurde meine Seele neu gepreßt, als ich an der Thüre Ihres Zimmers vorbeikam, und bei Eröffnung des Saals die Stelle sah, welche mir, so viele Sommer hindurch, die liebste edelste Freundinn zeigte. Ich war äusserst bewegt und weinte stark.

»Muth, meine Rosalie! Muth!« sagte Cleberg, bei dem Arm mich fassend – »wir werden sie wieder sehen; und indessen mußt du, meine Liebe! für mich und unsere Freunde, Marianen in Rosalien uns zeigen.« – Damit führte er mich in den Saal zu Ihrem Sitz.

Sträubend hatte ich mich von ihm führen lassen; immer stark weinend hatte ich mein Schnupftuch vor die Augen gehalten, selbst noch, da Cleberg auf Ihren Stuhl mich sitzen machte, weinte ich inniger. Cleberg schwieg, ich sagte auch nichts; aber meine Kinder kamen uns nach, und alle drei riefen zugleich, indem sie an meinem Schnupftuch zupften und bei den Händen mich faßten: »O, Mama! da ist Tante Mariane!« –

Ich wollte nicht aufsehen, indem ich dieses als Kindergeschwätz nicht achtete – aber sie sagten alle sehr lebhaft: Mama! sehen sie doch die Tante, sie schreibt –

Nun stellen Sie sich mein Entzücken – mein Staunen und den damit verbundenen süßen Schmerz vor, als ich nach den Kindern sehen wollte, und da, mir gegen über in der Vertiefung des Erkers, Ihr Bild in Lebensgröße erblickte; – voller Bewegung aufstand; das liebe vortreflich ausgeführte Bild küßte; meinen Mann umarmte und für diese Freude segnete.

O! was für ein Glück lag für mich in Clebergs Talent, alles was er sieht zu zeichnen. Sie wissen, daß, als er bemerkte daß Sie ungern lange einem Maler saßen, er nur um die Gedult zu einem Brustbild gebeten hatte. Nun zeichnete er dann selbst einige Tage an der Stellung des Ganzen, wie Sie mit dem Bleistift in der Hand aufsahen, als wir zum Schertz in meines Carls Lehrstunden uns mit ihm im Zeichnen übten. Dadurch habe ich das vollkommenste Bild meiner besten und geliebtesten Freundinn erhalten.

Sie sind in dem großen Erker des Saals, in ihrem weissen englischen Kleid, mit der violetten Binde, ihren simplen Strohhut auf dem Kopf, in edler natürlicher Stellung, an ihrem Tischgen, die Feder in der Hand und aufsehend, als ob gerad jemand Sie anredete, da Sie geschrieben: –

»Rosalie! heilige Pflichten entfernten mich, aber die Freundschaft führt mich wieder zurück.«

Ein Fenster des Saals ist offen und man sieht einen Theil des Genfersees, und das liebe gastfreie Schloß zu Nyon, wohin wir zu den edlen liebenswürdigen von Bonstetten geladen sind. O wie glücklich macht mich dieses Gemälde, so redend, so ähnlich! – Hundertmal sah ich Sie so, nach mir blickend, mit der Feder oder mit der Nadel in der Hand! Füger ist einer der größten schätzbarsten Künstler; unser Teutschland kann stolz auf ihn seyn, denn er besitzt das hohe Talent, Seele und Grazie zu malen. Aber Liebe! wie verbindlich war Cleberg bey diesem schönen Geschenk – wie liebreich belehrend für das Uebermaaß meines Schmerzens über Ihre Abreise, da er Sie schreiben läßt was Sie mir sagten: – » heilige Pflichten entfernen mich.« Wie schön benützte er den Einfluß, den Sie, den (dem Himmel sey Dank) der Ausdruck: heilige Pflichten! immer bei mir haben werden. Was für einen edlen Gebrauch machte er von der Kenntniß des menschlichen Herzens und meines Geschmacks an großen Bildern, da er auf einer Seite die süße Hofnung mir zeigt, indem er hinzu setzt: – » Die Freundschaft bringt mich zurück!« und dieses alles in dem herrlichsten Gemälde vereint; denn er will nicht daß ich Sie vergesse, er sucht nur meine Gefühle zu veredlen. O Mariane! wenn jeder, dem das Schicksal Gewalt über das Glück seines Nächsten, und Kentnisse gab – beide so großmüthig zum Besten eines leidenden Gemüths verwendete, wie Cleberg hier für mich that, wie schön wäre, das Leben in der aufgeklärten Welt!

Sie denken wohl Beste! daß ich dem edlen Mann sehr innig für diesen Beweis seiner Liebe dankte, und sehen auch, wie sehr es mich freuen mußte, in der Seele meines Gatten diese seine Empfindung, und das Nachsinnen auf ein gleich tröstendes und lehrreiches Geschenk zu bemerken: denn ich bekenne, niemand hätte mir über Ihre Abreise, so was eindringendes sagen, oder meinen Kummer so wirksam lindern können, als auf diese Art es geschehen ist, wo meine Dankbarkeit aufgefodert wurde, den heitern Ton der Seele zurückzurufen, welchen Cleberg so sehr liebt. – Ich erinnere mich auch wohl, daß Sie, als Ihre Abreise mich so sehr kümmerte, mir sagten: – »Rosalie! denken Sie an die Jahre welche ich mit Ihnen verlebte – denken Sie an die Pflicht welche wir alle haben, geduldig dem Schicksal zu folgen und vergessen Sie nicht, daß Sie als Mutter – als Gattin, und Freundinn verbunden sind, Ihr Weh über den Verlust einer von Ihnen für Sie allein gewälten Freude, dem Wohl, und der Ruhe der Ihrigen aufzuopfern –

Ich fühle sie auch noch, die Erhebung der Seele, zu welcher Sie mich ermunterten, indem Sie dazu setzten:

»Wir wollen, liebe Rosalie! unserer zärtlichen Freundschaft den auszeichnenden Charakter geben, daß wir uns zur Uebung der Klugheit und wahren Güte anfeuern. Stärken Sie, Liebe! sagten Sie, stärken Sie mich zu Erfüllung der Pflicht des Vergebens und Vergessens der Beleidigungen. Muntern Sie mich auf, meinen ehmals so unfreundlichen Bruder, und meine harte Tante gerne zu besuchen; weil sie mich nun sehen, und sich versöhnen wollen – und lassen Sie mich Sie bitten, Ihren Kummer zu unterdrücken; weil er die Freude und die Ruhe der Ihrigen stört. Wir werden, liebe Rosalie! unsere Freundschaft durch gegenseitige Hochachtung bestärken, wenn wir beide das Zeugniß in unsern Herzen finden, das wir fähig sind Unrecht zu vergessen, und andren ein Vergnügen zu opfern.«

Ihr geliebtes Bild scheint mir diese Unterredung zurückzurufen. Ich will Ihnen folgen – will Ihrer würdig seyn, und auch meinen Cleberg für seine Güte lohnen. –

Es ist Abend, und ich habe noch eine halbe Stunde vor dem Nachtessen mit Ihnen zu sprechen. – Ich habe, glaub ich, was recht Großes gethan, ich bin zu ihrem Blumenstück gegangen, weil ich bey dem Thee sehr tapfer sagte: – Ich wolle es in Ihrer Abwesenheit besorgen – denn Liebe! ich konnte es heute früh noch nicht ansehen, als ich auf ihrem Platz saß: doch es ist gewiß, wenn man seine Kräfte aufsucht, so findt man ihrer oft mehr als man vermuthete. Aber Sie haben diese Kräfte in mir geweckt – Dank sey Ihnen, edle theure Mariane! daß Sie seit so vielen Jahren Vorbild und Rathgeberin mir waren. – Ich wurde heut doppelt für meine Folgsamkeit belohnt; denn ich erhielt den Dank meines Onkels und meines Mannes, für die muthvolle Ueberwindung: da ich mit ihnen zu Ihrer Laube gieng, mich auf die Bank setzte und gelassen von Ihrer Reise sprach. Als aber die Wahrheit von mir foderte die Triebfeder zu nennen welche dies gute Betragen in mir hervorbrachte: so genoß ich die süße Freude, diese zwei rechtschaffene Männer mit der vollkommensten Hochachtung von Ihnen sprechen zu hören. Wir sind alle auf Lattens Zurückkunft begierig; der glückliche Mann! der noch so lang um Sie ist; Sie von allen Gegenständen die vorkommen, reden hört; und Zeuge von Ihrem Betragen, und von Ihrer Aufnahme seyn wird. Ich liebe und segne ihn recht herzlich, daß er so gerne und ohne das mindeste Bedenken, in den Plan unserer Vorsicht für Sie, eintrat; wodurch mein Herz die Beruhigung erhielt, Sie unterwegs wohl besorgt zu wissen und wodurch ich sicher bin, daß ich die reine Wahrheit aller Umstände und Gesinnungen erfahren werde, welche mir, da Sie ohne anders meinen Cleberg nicht haben wollten, durch ihre Großmuth verborgen geblieben wären –

Noch einige Zeilen eh ich schlafen gehe: –

Ich hoffe Sie sind in einem guten ordentlichen Gasthof und freue mich meiner Erfindung des großen Schlafrocks mit der Caputze – da kann meine Freundinn doch ohne die Unruh des Ekels, sich zu Bett legen, denn Ihr Kißchen war Ihnen auch schon lieb. – Erquickender Schlaf solle Sie umgeben – und mich ein beruhigender! –

Zweiter Tag Ihrer Abwesenheit. –

Sie sollen, meine liebe gütevolle Freundinn, immer alles wissen was in der Seele Ihrer Rosalie vorgeht. – Ich bin früh erwacht; erinnerte mich Ihrer mit Zärtlichkeit; bat Gott um einen glücklichen Fortgang Ihrer Reise; und auch um Wiedersehen – Aber in der That, meine Seele war ruhig dabei, obschon Cleberg sagte: daß es die Ruhe eines Tages zu seyn schiene, wo der Horizont mit still niederhängenden Wolcken bedeckt ist, welche wohl das Licht durchfallen lassen, aber doch jeden erheiternden Sonnenstral auffangen, wobei alles ohne Glanz und Vergoldung bleibt. War dieses nicht ein edler freundlicher Wink auf die Art von Trübsinn, welcher mich bei dem Aufstehen beherrschte? – »Wie geht es Rosalie?« sagte mein Onkel; mich gütig bei der Hand fassend –

»Ziemlich, lieber Onkel! ich habe den Himmel auch um heitre Ruhe gebeten« – Er sah mir lächelnd in das Gesicht und sagte: – »Ich glaube, Liebe! es gieng dir heute, wie ich in deiner Kindheit oft von deiner Mutter hörte – Es war dir mit deiner Bitte nicht recht Ernst, denn sie blieb unerfüllt. Nun lieber Onkel! will ich einen andern Weg nehmen, ich will mich aufmuntern, und den Himmel um seinen Seegen anflehen« – Das ist gut, Liebe! nach dem alten Sprichwort: – »Mensch hilf dir, ich will dir beistehen!« – Denn nur der Träge und Muthlose verläßt sich allein auf Wunder und Gnaden, die ohne sein Zuthun wirken sollen..

Nun kam nach geendigtem Frühstück der Bediente mit der Brieftasche. Ich traf noch nichts von Ihnen, und auch nichts von van Guden darinn – aber die Zeitungen und Journale. Cleberg faßte sie ohne das Pack ganz auszuziehen, wobei er mich ansah – Ich merkte wohl, daß dieses in Erinnerung von Ihnen geschah; weil er immer diese Papiere Ihnen zuerst gab – Ich zeigte dann wieder meinen Muth und sagte mit einer Hand nach dem Pack reichend –

Laß mich lieber Mann! in die Rechte meiner Freundinn treten, ich will auch die Artikel lesen, welche sie las –

Bravo! sagte mein Onkel – Bravo – und Cleberg gab mir, freundlich nikend, den Vorrath hin. Ich las aber gewiß nicht so gut als zu der Zeit da Sie mit zuhörten; und wie ich an die Stücke kam wo ich in Ihrem Namen eintrat, so wurde meine Stimme etwas gehemmt, aber sie beredeten es nicht, und ich gewann Zeit mich zu fassen und fortzufahren, wo mir am Ende: Liebe – Ehrgeitz – Dankbarkeit und Nacheifrung Ihres Beispiels, wechselsweiß Dienste leisteten.

»Durch Ueberwindung des Widerwillens schmeckt am Ende der bitterste Trank gut« – sagte mein Onkel mich bei der Hand fassend – »und Uebung der Kräfte macht stark« – fügte Cleberg mit einer Umarmung hinzu – Sollte ich da nicht gut, nicht gefällig werden? Sollte unser Bündniß meine Mariane! und Ihr Beispiel nichts über mich vermögen? Ich versprach nichts, weil ich nicht ganz sicher war wie ich es halten würde; aber in dem Grund meiner Seele war der feste Vorsatz: meine Trauer zu überwinden; mit Gelassenheit den Verlust Ihres Umgangs zu tragen; und den übrigen zu zeigen: daß auch sie einen Werth in meinem Herzen haben. Ja ich will sie dadurch zu verbinden suchen: daß ich glaube, sie könnten mir was von Mariane ersetzen. Und dann muß ich ja auch, um meine aufrichtige Liebe, für Vernunft und redliche Verehrung meiner Pflichten, zu beweisen, in allen Fällen ein Beispiel geben! – Ihre letzte Umarmung und Bitte, weihten mich dazu ein, und gewiß unterstützen Sie mich mit Ihren Wünschen –

Abends: dieser Morgen, meine würdige Freundinn! hat sich schön, recht schön geendet, und gewiß hat Ihr Andenken in meiner Seele die Stelle eines Genius vertreten – Ich habe nach dem Frühstück meinen gewöhnlichen Hausgang in der Küche, Zeit zwischen der Lehrstunde meiner Buben, und ich wandte sie an, Ihr Zimmer zu sehen, dessen Cabinet Ihnen allein geheiligt bleibt, sowie auch Ihr Bett verschlossen wurde, und nur allein das Canapee im Vorzimmer in dem ungewöhnlichen Fall vieler Gäste gebraucht werden soll. Meine Freundinn sieht, daß ich schon auf einen Grad Stärke gekommen war! Ich gieng nun, um einen Rest Empfindlichkeit zu überwinden, in mein Zimmer, holte Bücher und Schreibzeug meiner Kinder, um die Lehrstunden in dem Ihrigen zu halten, und weil um diese Zeit noch niemand im Saal ist, will ich immer die doppelte Thüre öffnen, damit ich Ihr Bild sehen kann. Mein Carl wollte den Augenblick da er kam die Thüren schliessen, indem er sagte:

Liebe Mutter! Sie werden wieder weinen, wenn Sie die Tante sehen, und dann können Sie nicht lesen, weil das Thränenwasser die Augen trübt.

Mein Lieber! der Anblick der guten Tante wird mich ermuntern Euch recht hübsch zu lehren, und recht viel Gedult mit Euren Fehlern zu haben. Er sah so liebenswürdig zweifelhaft mich an, als er die schon halb geschlossene Thüre wieder öffnete, daß ich ihn fragte:

Carl! es scheint, du glaubst nicht was ich dir sage? – – O ja Mama! Sie lehren uns immer hübsch – und wir machen auch Fehler – aber – er hielt inne –

Was aber, mein Sohn?

Sie haben gestern früh und den Abend so viel bei dem Bild geweint, warum sollen Sie heut lachen und munter dabei seyn –

Weil ich nachgedacht habe, liebe Kinder! daß mein Weinen zu nichts dient, und daß ich damit Euch – den Papa und den guten Onkel mit allen Freunden betrübe –

Ei Mama! da ist es ja mit Ihnen, wie mit uns; denn Sie sagen auch, daß unser Weinen nichts hilft, und daß Papa und Onkel trauren, wenn – hier stokte er und ich war aufmerksamer auf meine eigene Rolle in diesem Augenblick, da alle dreie genau auf mich acht gaben. Ich suchte mir mit einer Frage zu helfen, um Zeit zu gewinnen – sagte also: was wenn? lieber Carl!

Wenn wir nicht ganz gut waren, und gestraft werden sollen – oder weinen, wenn man uns was versagt was wir gerne hätten.

Du hast recht, liebes Kind, mit deiner Vergleichung: denn die erwachsene Menschen sind die großen Kinder unsers Vaters im Himmel, und sind auch nicht alle so gut, als sie Gott haben möchte; der sie dann mit Leiden und Unglück straft und bessern will. Und auch Guten giebt er nicht alles was sie bitten; weil es ihnen nicht nützlich wäre, oder damit er bei andern mehr Gutes dadurch wirken kann, wie es mit der Tante Mariane geschieht, die nun ihre kranke Tante besorgt und den traurigen Bruder tröstet. Ich weinte über meine verlohrne Freude, und dieß war dem weisen Onkel und dem Papa leid, weil sie gleich wußten, daß die Reise der Tante recht sey – Bei dem Nachdenken fand ich es auch: denn man solle ja Freude haben, wenn etwas Gutes geschieht; deswegen hat auch der Papa und der Onkel nicht geweint, wie die Tante wegreisete –

Die Männer wissen also gleich was recht ist – weil sie nicht weinen? – sagte wieder mein Carl.

Ja Lieben! Männer wie der Onkel und der Papa, aber von den andern nicht alle, denn sonst würden sie nicht so oft bei Kleinigkeiten zornig und ungeduldig –

Nun kamen die zwei kleine Schmeichler, und sagten wie von einem Geist getrieben, nur daß Carl immer das Wort zuerst führte:

Mama! Sie haben gewiß von Papa gelernt daß Sie nie zornig werden, o lernen Sie auch daß Sie nicht mehr weinen – weil Sie (sagte Wilhelm) ein großes Kind von dem lieben Gott sind –

Nun war ich mit eigenen selbst gewebten Banden verwickelt, und muß jetzo der Pflicht des Beispiels den ganzen Rest meines Kummers opfern, wobei mich ihr liebes Bild unterstützt: denn ich war sicher, daß Ihnen das kleine Geschwätz meiner Lieblinge und mein Vorsatz gefallen würde. Ich fieng also meine Lehrstunde mit der Charte an; suchte die Gegend unsers Teutschlands wo Sie hinreisen; bezeichnete den Weg welchen Sie nehmen müssen, und wurde über das Wort reisen von beiden ausgefragt, wobei ich den guten Knaben Freude geben und sie mit manchen Ideen bekannt machen konnte, welche den Grund zu einem nützlichen Gespräch bei Tisch für sie legten; denn Sie wissen, Liebe! daß Cleberg den Kindern das Schwätzen nicht erlaubt, ausser wenn wir allein sind, oder wenn man sie fragt. Heute da wir ohne Fremde waren, fragten Sie: ob der Papa und der Onkel auch in dem Land der Tante gereiset wären? und wie? denn ich hatte ihnen von Fußgängern, von reitenden, und fahrenden Reisenden erzählt. Und in der halben Stunde, welche der Onkel noch wegen des Koffee da blieb, zeigte er ihnen, auf der großen Charte von Teutschland die in dem Saal hängt, den Weg, welchen er auf seinen Reisen im Vaterland zurückgelegt hatte. Er war so liebreich, Ihnen von den Reisen zu erzählen, welche ich das Glück hatte mit ihm zu machen. Er lobte meine Wißbegierde dabei, indem er sagte wie sehr es ihn freute, daß ich alle Bäume, alle Pflanzen, Steine und Erdarten rennen wollte. – Es wurde sodann auch von den Beschwerden und Vortheilen des Reisens gesprochen, und der Ton muß gut gewesen seyn, denn meine Buben erzählten Abends dem Gärtner davon, den sie immer bei der Gartenarbeit besuchen müssen, und von welchem sie ein neues Reisewort eroberten; – denn als sie ihn fragten: ob Er auch gereiset sey ehe er zu Papa gekommen? – so sagte er: daß Handwerkspursche nicht reiseten, sondern wanderten; von ihnen würde man einmal sagen, daß sie reiseten, aber von ihm und seines Gleichen, daß sie auf die Wanderschaft gehen – Wilhelm sagte dann:

So sind die armen Leute, die wir auf der Straße begegnen, auch auf der Wanderschaft? aber der Gärtner (erzählten sie) sey da sehr böse und ganz roth im Gesicht geworden, hätte auch trozig gesagt: –

Nein die Bettler wandern nicht, die ziehen nur faul im Land umher, und plagen oft einen ehrlichen Wanderer, der sich um Arbeit und Lernen müde läuft. – Am Ende von allem dem fanden die gute Knaben: daß Handwerkpursche die wegen Arbeiten wandern; junge Herren, wie der Papa war da er auf Universitäten zog; der Onkel und die Mama, welche von allen Steinen und Bäumen redeten, die Kaufleute welche viel gute und nützliche Sachen aus fremden Ländern holten; und Tante Mariane – recht hübsche Reisende sind, zu denen sie sich gesellen werden, wenn sie nun auch groß gewachsen seyn und fortreisen wollen. Doch werden beide lieber gesunde Leute besuchen als Kranke. Das ist gut (sagte Cleberg) daß Eure Schwester Nanny, und August Ott dieses bald wissen: denn da dürfen sie sich auch einmal keine Mühe geben zu Euch zu reisen, wenn Ihr krank seyd, wie die Tante und Herr Latten jetzo zu den Kranken reisen. – Aber Papa! Nanny ist unsere Schwester – und August Ott? fragte Cleberg. – Ei der hat uns auch lieb! »Das weiß ich wohl, und beide würden zu Euch eilen, wenn Ihr in der Fremde krank würdet. – Aber da Carl und Wilhelm sie nicht besuchten, wenn sie voll Schmerz zu Bette liegen müßten, so wären sie thöricht wenn sie wegen Euch sich die Mühe nähmen: wer nur gesunde Freunde liebt, verdient in Krankheit keinen zu sehen. –« Jetzo war aller Muth, alle Reisefreuden dahin. Beide sahen zur Erde. Wilhelm stellte sich näher zu Carl und faßte dann die Hand seiner Schwester, die neben mir saß – Nanny! sagte er gerührt, ich besuche dich gewiß wenn du krank bist – und ich, fiel Carl ein, (mit einem Blick auf seinen Vater) besuche den August recht oft – wenn er gesund ist sagte Cleberg – Nein Papa! wenn er viel oder wenig krank ist, im Winter und Sommer – So liebe Kinder! werdet Ihr verdienen eine gute Schwester, und einen guten Freund zu haben. – Damit umarmte er beide, welche dadurch wieder froh und munter wurden. Sie Beste! werden zufrieden seyn, daß die Erinnerung Ihrer Tugend so viel Gutes bei uns weckte; mich neue Güte meines Mannes – und neue Weißheit meines Onkels geniessen machte, und Keime des nützlichen Wissens und richtiger Gefühle in meine Kinder legte. Ach Segen begleite Sie für alles, was Sie mir immer waren und noch sind. Adieu! –

Dritter Tag Ihrer Abwesenheit – N. S. –

Eh ich diese Blätter wegschicke, muß ich noch sagen, daß ich heute, wie die Posttasche ohne Nachricht von van Guden kam, ausrief:

O das ist zu arg – Mariane weg – und kein Brief von Guden! Mein Onkel sagte nichts – Cleberg nahm einen Band von Youngs Nachtgedanken, und deutete mir auf die Stelle: – Der Rückfall. Adieu, ich suche Ihr Bild –

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