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Rosa und Ninette

Alphonse Daudet: Rosa und Ninette - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/daudet/rosanine/rosanine.xml
typefiction
authorAlphonse Daudet
booktitleIn Freien Stunden
titleRosa und Ninette
publisherBuchhandlung Vorwärts
seriesIn Freien Stunden
volumeElfter Jahrgang. 2. Halbjahresband.
year1907
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20121225
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Viertes Kapitel.

Wenn ihm noch ein Zweifel über seine Liebe zu Pauline Hulin geblieben wäre, so mußte Regis von Fagan die fieberhafte Unruhe, in welche ihn am folgenden Morgen die Operation des kleinen Moriz versetzte, vollends über seine Gefühle aufklären. Die anmutige, krankhafte Zärtlichkeit des Kleinen, seine reizenden Aeußerungen, wie sie Kindern eigen, so daß man glauben möchte, es sei die naive und doch zugleich altkluge Sprache eines märchenhaft verzauberten Planeten, hätten ohne die Angst der Mutter, die er beständig vor sich sah, dem armen Regis nicht das laute Herzpochen verursachen können, das angesichts der bevorstehenden möglichen Gefahr immer heftiger wurde. Durch Anthyme wußte er, daß es sich um etwas Ernstes, sehr Ernstes handelte, um das Zusammenfügen der zerbrochenen Kniescheibe, und als der entscheidende Augenblick gekommen war, rannte er, unfähig zu arbeiten, mit leisen Schritten in seiner Wohnung auf und ab und lauschte so ängstlich, als ob es sich um eine seiner Töchter gehandelt hätte, auf jedes Geräusch aus dem Erdgeschoß, ob nicht ein Schrei, eine Klage des Kindes laut würde.

Zuweilen blieb er an einem Fenster stehen und trommelte mit nervösen Fingern an den Scheiben. Plötzlich gewahrte er während eines jähen Windstoßes, der die Wolken zerriß und krachend und pfeifend die alten Ulmen des Gartens zerzauste, in den Alleen einen untersetzten Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren, der mit einem Militärmantel bekleidet war, und dessen feuerrotes Gesicht ein bürstenähnlicher Schnurrbart zierte. Unruhig und unbeschäftigt wie Fagan selbst, sah er mit traurigen Blicken zu dem hohen Fenster des Parterrezimmers auf, in welchem die Chirurgen die Operation vollzogen.

War es nun einer dieser traurigen Blicke, die Regis wahrnahm, oder das Aeußere des Mannes, der trotz des Sturmes in bloßem Kopfe, wie bei sich zu Hause, war – genug, er dachte plötzlich: »Es ist der Vater . . . der Mann.« Jeder Zweifel darüber schwand, als Frau Hulin im langen Morgenkleide und mit unfrisiertem Haar die vier Stufen des Vorplatzes eilig hinabstieg und dem Manne freudestrahlend entgegenging. Sie sprach sehr lebhaft mit ihm, ohne Zweifel von der beendeten und gelungenen Operation, und dabei erhob sie die Hände, um das feine Geringel ihres Haares, das sich gelöst hatte, wieder aufzustecken. In diesem Augenblick wollte der Mann mit einer leidenschaftlichen Heftigkeit ihre volle und doch schlanke Taille umfassen, welche diese Bewegung reizend hervortreten ließ; allein sie entzog sich ihm, schüttelte zwei- oder dreimal zornig den Kopf und eilte davon, ohne sich umzusehen.

Ja, ganz gewiß, es war der Gatte, und allein aus der Art zu schließen, wie er die Frau anblickte und umarmen wollte, ein noch junger, wie am Hochzeitstage verliebter Gatte. Fagan konnte seine Gedanken nicht mehr davon abwenden. Während Anthyme ihm sein Mahl auftrug, versuchte er ihn auszuholen, jedoch wie gewöhnlich wußte der Diener nichts. Rotes Haar? – gesträubter Schnurrbart? Nein, er hatte von einem solchen Herrn nicht sprechen hören. Dagegen war er unerschöpflich über die geringsten Einzelheiten der Operation, die Zahl der Instrumente und Schwämme, über die Furcht, die man einen Moment gehabt, daß das Chloroform nicht lange genug wirken würde, und über die Kaltblütigkeit der Mutter, die, während alle übrigen den Kopf verloren, ihrer Umgebung Mut einsprach. Wenn der Herr es aber wünschte, so brauchte er bloß Annette oder die Köchin zu fragen.

»Unglücklicher, das verbiete ich Dir!« rief Fagan entsetzt vor den namenlosen Verlegenheiten, in die dieser Einfaltspinsel ihn bringen konnte. Seine Betrachtungen und traurigen Gedanken für sich behaltend, begab er sich ins Baudeville, wo eines seiner Stücke gespielt wurde, und groß war seine Freude, als er, einen Wagen an der Station Passy nehmend, denjenigen, welchen er schon »den Mann« genannt hatte, leichtfüßig wie einen Jüngling, auf das Imperiale des Tramway klettern sah. Er brachte also nicht den Nachmittag bei Frau Hulin zu. Die Schauspieler des Baudeville äußerten wiederholt untereinander: »Unser Autor ist heute besonders guter Laune,« während Regis, von seinem Stück so vortrefflich unterhalten, als ob es ihm ganz neue wäre, in seiner Proszeniumsloge dachte: »Meine Schauspieler spielen heute wie die Engel.«

Aber welche Enttäuschung bei der Heimkehr, als Anthyme ganz stolz darauf, jetzt unterrichtet zu sein, zu ihm sagte: »Beiläufig, die Persönlichkeit, nach der der Herr sich erkundigte, die mit bloßem Kopf im Garten spazieren ging . . .«

»Ja. Nun?«

»Soll ein naher Verwandter von Frau Hulin sein. Er ist eben zum Diner zurückgekommen . . . ich würde mich sogar nicht verwundern, wenn er die Nacht hier bliebe, weil Annette . . .«

»Ja, was geht mich das an, ob der Mann hier diniert oder schläft . . .?« Armer Fagan! Es ging ihn so viel an, daß er sein Mittagessen nicht anrühren und den ganzen Abend, unfähig zu arbeiten oder auch nur zu lesen, lediglich das Eine denken konnte: »Der Mensch wird die Nacht hier zubringen.« Und wenn er blieb, wie konnte er annehmen, daß der Gatte dieses schönen, strahlenden Geschöpfes – denn Fagan zweifelte nicht mehr, daß es der Mann war – ruhig neben diesem wachen und daß Frau Hulin in der Freude über die gelungene Operation, dem Vater des Kindes nicht alle seine Vergehen verzeihen würde?

Er erblaßte vor Zorn, er, den die Heirat seiner Frau mit La Posterolle so kalt gelassen hatte. Er liebte eben seine Frau nicht mehr und betete Frau Hulin an; kein Zweifel weiter.

Was sollte er nun beginnen? In dem Hause bleiben? Ihre innigen Beziehungen aufrecht erhalten? Die beschleunigten Schläge seines Herzens bewiesen ihm, daß er sehr unglücklich sein würde. Er mußte also fortgehen, das kleine, so ruhige Haus verlassen, das so bequem zur Arbeit war, mit seinen langen Abenden und dem sanft belebten Verkehr mit Mutter und Kind. Eine ungewöhnliche Bewegung im Erdgeschoß entriß ihn seinen Gedanken. Er hörte rasche Schritte, einen dumpfen Wortwechsel, dann die Glocken tönen, das Geräusch von umgeworfenen Möbeln und zornige Ausrufe eines Mannes. Fagan, der sogleich aufgesprungen war, eilte auf die dunkle Treppe hinaus. Fast in demselben Augenblicke wurde das untere Stockwerk geöffnet. Der Mann kam wütend heraus, Annette leuchtete ihm mit zitternden Händen. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um, stieß mit drohend erhobenen Fäusten schreckliche Beleidigungen aus und stürzte auf den Boulevard, indem er heftig die Türe zuwarf, welche die Kammerfrau hinter ihm sorgfältig verriegelte und verschloß.

Fagan stand als stummer Zeuge dieser Szene auf der Treppe und fragte sich, was er tun sollte? Dann eilte er die Stufen hinunter und trat geradewegs in den Salon, wo Frau Hulin, die er mit aufgelösten Haaren und starren Blicken auf dem Sofa liegend fand, sich mühsam von dem Auftritte zu erholen begann. Ein großes, flackerndes Holzfeuer war die einzige Beleuchtung.

»Kommen Sie, kommen Sie,« rief sie, ihm die Hände entgegenstreckend. Ihre Hände waren kalt und zitterten.

»Sie riefen,« murmelte er, »ich bin gekommen.«

Und sie erwiderte noch leiser: »Ach ja, ich habe mich sehr gefürchtet.«

Er begnügte sich, ohne sie durch eine indiskrete Frage in Verlegenheit zu setzen, mit den Worten: »Wie befindet sich Moriz?«

»Er schläft . . . er schläft, der liebe Kleine, glücklicherweise ist er nicht aufgewacht. Man hat ihm so viel Chloroform gegeben.«

»Die Operation ist also geglückt?«

»Ueber alles Erwarten.«

Annette kam mit der hellbrennenden Lampe in den Salon: »Wir brauchen nicht zu fürchten, daß er wiederkommt; ich habe Kette und Riegel vorgelegt.« Erst jetzt bemerkte sie ihren Mieter und fügte hinzu: »Ach, Herr von Fagan, jetzt können wir ruhig sein.«

Als sie sich entfernt hatte, schob Pauline Hulin ihren Lehnstuhl an das Tischchen auf dem die Lampe stand, und lud Fagan durch ein Zeichen ein, auf der anderen Seite Platz zu nehmen. Sie hatte ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen, und nachdem sie mit einem Griff ihre aufgelösten Haare und die Falten ihres mit weichen Spitzen besetzten wollenen Morgenrockes geordnet hatte, sagte sie:

»Sie werden nie erraten, wer dieser Mensch ist . . . ja, dieser Mensch, welcher sich eben entfernt hat . . .«

»Ihr Gatte, wie ich vermute,«

»Sie wußten es?«

»Aber ich hätte es lieber von Ihnen erfahren.«

»Hören Sie mich an,« sagte sie.

Und an derselben Stelle, in demselben kleinen traulichen Salon, in welchem Fagan ihr die Geschichte seiner traurigen Häuslichkeit erzählt hatte, lauschte er nun dem Jammer der ihrigen, während in der Ferne wie damals die Hofhunde bellten und die Züge der Ringbahn vorüberbrausten.

Sie hatte vor zehn Jahren in Havre einen Marinekommissär geheiratet und nach kaum vier Jahren sich von ihm trennen müssen. Und welcher Geduld hatte es bedurft, um diese vier Jahre an der Seite eines solchen Menschen auszuharren! Er war nicht bösartig, durchaus nicht, noch ausschweifend, noch ein Spieler wie so viele andere in dem tollen Leben der Seehäfen; aber er war so eifersüchtig, so brutal und maßlos in den täglich wiederkehrenden Auftritten, die nichts mildern noch verhüten konnte, selbst nicht die Vorsicht der klügsten und am wenigsten koketten Frau. Tanzte sie auf dem Balle, so gab es bei der Heimkehr eine Szene, und was für eine Szene! Alles gab ihm Veranlassung zu einer solchen: ihre schon vorher streng geprüfte Toilette, an der das Fichu bis zum Halse hinaufgehen und die Aermel bis zum Ellenbogen reichen mußten; ihre Haltung, ihre Art zu walzen, zu grüßen . . . Tanzte sie nicht, so gab auch das wieder Veranlassung zu Streit: sie belustige sich, ihn die Rolle eines Bartolo spielen zu lassen, während sie selbst auf den Bänken unter den Mauerblümchen als Opfer sich darstelle.

Ach, mit welcher Angst die arme Frau Hulin die Feste herannahen sah, die ihr Gatte sie mitzumachen nötigte! Und mit dieser Ueberwachung peinigte er sie nicht nur in Gesellschaft, sie mußte ihm auch über die Besuche, die sie am Tage gemacht hatte, Rechenschaft ablegen und zwar aufs genaueste, mit allen Einzelheiten und den Namen der Leute, mit denen sie zusammengetroffen war. Diese Kontrolle verfolgte sie bis in das Innerste ihres Wesens, die geheimsten Gedanken oder Empfindungen. »Woran denkst Du? Schnell, antworte!« Ja, bis in den Schlaf, und beim Erwachen mußte sie ihm ihre Träume erzählen, auf die Gefahr hin, ihn rasend zu machen, wenn er in denselben keine Rolle spielte, denn sie konnte nicht lügen. Sie erinnerte sich in den vier Jahren, die sie an der Seite dieses Mannes zugebracht, keiner einzigen Nacht ohne Thränen, Geschrei, Beleidigungen und Gewalttätigkeiten, zu denen dieser Unglückliche durch seinen Wahnsinn sich hinreißen ließ, worauf er sich schluchzend zu ihren Füßen wand und um Verzeihung bat.

»Ich habe vier Jahre lang verziehen und vielleicht würde ich aus Stolz, Mitleid oder Scham, auch um unseres Kindes willen, noch länger Geduld gehabt haben . . . aber eines Abends . . .« hier schlug ihre Stimme um und wurde härter, die Stimme einer anderen Frau . . . »eines Abends bezweifelte der Elende in seinem Zorn, daß unser kleiner Moriz sein Sohn sei, riß das Kind aus meinen Armen und warf es so heftig zu Boden . . . ach, mein armer Junge!

»Seit diesem Tage mochte er bitten, weinen, sich und mich zu töten drohen, so viel er wollte: ich hörte auf, seine Frau zu sein; ich verlangte die Trennung und erhielt sie. Sobald ich Havre verlassen hatte, kam ich mit meinem Kinde nach Paris zu meiner Mutter, die Witwe war und seit einigen Jahren dieses Haus bewohnte. Es geschah ihr zu Gefallen, auf ihren Rat, daß ich in diesem Viertel, in der Welt, in der wir lebten, mich gleichfalls für eine Witwe ausgab. Die alte Pariser Gesellschaft hat ein Vorurteil, ein Mißtrauen gegen die separierte Frau, um so mehr, als ohne besondere Nachforschungen nichts darauf hinweist, zu wessen Gunsten die Trennung verfügt worden ist. In den Augen meiner teuren Mutter sollte mir diese Vorsicht hauptsächlich nützen, wenn sie nicht mehr sein würde und ich allein zurückbliebe. Und ich muß sagen, daß meine Pseudo-Witwenschaft mir in verschiedenen Fällen tatsächlich nützlich gewesen ist.«

Fagan machte eine Bewegung mit dem Kopfe, wie um dagegen zu protestieren, worauf er sogleich auf dasjenige überging, was ihn quälte: »Sie haben also nicht von den Wohltaten Nutzen gezogen, die Ihnen das Gesetz bewilligt, da Ihr Gatte Sie wieder aufsucht?«

»Er ist heute zum erstenmal gekommen,« versetzte Frau Hulin feuchten Blickes. »Anette gibt ihm jeden Neujahrstag schriftlich Nachricht von uns, aber bis heute Morgen haben wir uns nicht wieder gesehen. Und ich habe ihn gerufen; weniger wegen der Operation, die gefährlich sein konnte, als wegen gewisser Klauseln in unsrer Trennungsakte. Ja, der Rechtsanwalt von Malville . . .«

»Malville? Der Wagnerianer meiner Frau?«

»Derselbe. Er war damals Präsident des Tribunals in Havre, und da er ein ebenso leidenschaftlicher Musiker ist wie mein Gatte, so gehörte er zu demselben Quartett. Indem er die Trennung zu meinen Gunsten entschied – und wie hätte er anders urteilen können – behielt er dem Vater das Recht vor, die Erziehung des Kindes vom zehnten Jahre an bis zur Beendigung seiner Studien zu leiten. Moriz ist fast zehn Jahre alt, und der Gedanke, daß ich ihn verlieren sollte, daß man ihn fern von mir, in irgendeinem Lyzeum einschließen würde, zerriß mir das Herz. Ich ließ meinen Gatten in der Hoffnung kommen, daß er Mitleid mit dem kleinen Märtyrer haben und mich über die festgesetzte Zeit hinaus ihn pflegen lassen würde. Am Morgen glaubte ich, daß es mir glücken würde, als ich seine Bewegung sah, in der er das Kind, das halbtot und ganz bleich von dem Chloroform dalag, kaum zu küssen wagte. Abends kam er wieder und wünschte die Nacht in dem Salon zuzubringen, um bei unserem Liebling, wie er sagte, zu wachen, im Falle ich müde werden sollte. Er sprach so sanft, schwur, mir meinen Sohn so lange zu lassen, als ich wollte; seine Stimme war so natürlich! Man schlug ihm hier, wie Sie sehen, ein Bett auf, ich befand mich bei meinem Kleinen, die Tür stand halb offen. Und plötzlich verlangte dieser Elende . . . und ohne meine Weigerung, meinen verzweifelten Widerstand . . .«

»Schurke,« schrie Fagan mit bleichen Lippen, aber ihre Empörung beruhigte ihn.

»Ach, mein ganzer Haß lebte wieder auf, und ich begreife selbst nicht die Kraft, mit der ich ihn zurückstoßen und fortjagen konnte, indem ich ihm drohte, das ganze Haus zu Hülfe zu rufen. Ich schwöre, daß dieser Mensch mir und meinem Kinde sich niemals wieder nahen soll.«

»Ihnen, dazu berechtigt Sie das Gesetz, – aber Ihrem Kinde?«

»Bis zu seinem zehnten Jahre sind noch drei Monate Zeit; wenn bis dahin sein Knie noch krank ist, so hoffe ich von dem Gerichtshofe einen Aufschub zu erlangen. Wenn es dagegen geheilt ist oder wenn der Vater zu der Parteilichkeit seines Malville seine Zuflucht nimmt, so entführe ich meinen Kleinen und verberge mich mit ihm am Ende der Welt.«

Ein langes, bewegtes Schweigen folgte dieser Drohung mit Flucht und Trennung, und es schien, als ob ihre Gedanken sich bereits in der Ferne verlören. Plötzlich sagte Regis von Fagan, als ob er laut dächte:

»Uebrigens, warum sich nicht scheiden lassen! Nach dem ersten Urteil zu Ihren Gunsten wird Ihnen nichts leichter sein.«

»Und welchen Vorteil hätte ich davon?«

Er wurde sehr bleich.

»Den Vorteil, sich wiederverheiraten zu können und in dem Manne, den Sie lieben würden, einen natürlichen Verteidiger für Moriz und für Sie zu finden . . .«

»Mich wieder verheiraten? O, ich sollte meinen, daß meine Eheerfahrungen keiner Vervollständigung bedürfen. Uebrigens ist meine ganze Familie sehr katholisch. Meine Mutter nannte die Scheidung eine Gotteslästerung und ich selbst, in ihren Ideen erzogen« – sie unterbrach sich lebhaft – »aber da wir von Scheidung sprechen: und Ihre Gattin? Haben Sie sie gesehen? Ich vergaß, Sie danach zu fragen.«

»Ich habe sie gesehen.«

»Ohne Aufregung?«

»Mit keiner größeren, als wenn ich einer ehemaligen Geliebten zufällig an einer Straßenecke begegnet wäre.«

»Ach, was die Scheidung aus der Ehe gemacht hat!« murmelte Pauline Hulin, die rot geworden war, als sie hörte, daß Regis seine Gattin ohne jede Freude wiedergesehen hatte. »Aber sie . . . sind Sie sicher, keinen Eindruck auf sie gemacht zu haben? Hält sie noch an ihrer Absicht fest?«

»Mehr als je. Da ich die Gewißheit habe, daß meine Töchter Paris nicht verlassen werden, so bin ich von der Heirat entzückt, die diese Frau noch weiter von mir entfernt und jede Annäherung unmöglich macht. Und sehen Sie, um wie viel besser meine Lage ist als die Ihrige. Nehmen wir an, daß Sie sich scheiden lassen, so könnte Hulin sich wieder verheiraten, sich einen neuen Herd, eine Familie gründen und ließe Sie beide wahrscheinlich in Ruhe.«

»Ja, Sie haben recht,« sagte sie sanft träumerisch, »aber ich werde mich nie scheiden lassen. Es ist unmöglich . . . ganz unmöglich.«

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