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Rosa und Ninette

Alphonse Daudet: Rosa und Ninette - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/daudet/rosanine/rosanine.xml
typefiction
authorAlphonse Daudet
booktitleIn Freien Stunden
titleRosa und Ninette
publisherBuchhandlung Vorwärts
seriesIn Freien Stunden
volumeElfter Jahrgang. 2. Halbjahresband.
year1907
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20121225
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Zweites Kapitel.

Aus der Aehnlichkeit ihrer beiderseitigen Lage hatte sich zwischen dem Schriftsteller und seiner Nachbarin eine Vertraulichkeit, eine Sympathie entwickelt, die sich der Zergliederung entzog.

Heute abend saßen sie in dem kleinen Salon des Erdgeschosses beisammen. Paris brauste in der Ferne, während die Stille des einsamen Boulevard hin und wieder durch das Bellen eines Hofhundes oder das Vorüberfliegen eines Eisenbahnzuges unterbrochen wurde, der das Haus bis in seine Grundfesten erschütterte. Plötzlich schlug die Stutzuhr, ein altes Familienstück, welches mit der Konsole und den Sesseln im Stile des Empire harmonierte, zehn Uhr, und Frau Hulin lachte leise, indem sie mit ihren weißen Zähnen den Faden ihrer Stickerei abbiß.

»Warum lachen Sie?« fragte Regis mit der beständigen Unruhe des Mannes dem weiblichen Rätsel gegenüber, welches sich plötzlich durch unwillkürlichen Spott, dieses Ueberbleibsel des eigensinnigen Kindes, auch bei der harmonischst entwickelten Frau kundgibt.

Sie heftete ihre großen, blauen, treuherzigen Augen mit ihrem perlmutterglänzenden Weiß auf ihn, deren Reinheit in dem schönen und entschlossenen Gesicht der bald Dreißigjährigen einen fesselnden Eindruck machte.

»Ich lachte,« sagte sie, »weil es zehn Uhr ist, Sie also heute wieder nicht ausgehen und weil das für Regis von Fagan ein sonderbares Leben ist.«

Fagan lächelte auch.

»Was denken Sie denn von dem Leben der Künstler? – Sie halten sie alle für ungeheuer weltlich, für Wüstlinge, Nachtschwärmer?«

Pauline Hulin zögerte ein wenig, dann sagte sie:

»Ich denke an Ihre Kulissen, hinter denen es so viel Fallen und Versuchungen gibt. Mit einem von Euch verheiratet, würde ich immer Angst haben.«

»Angst? . . . wovor? Vor den Damen vom Theater? Ah bah . . .«

Und der Dramatiker und erfahrene Mann, der Fagan war, begann das Hohle und Erkünstelte dieser bizarren Weiber zu zerlegen, samt der fertigen Phrase und den landläufigen Gefühlen, welche sie den Rollen, welche sie spielen, entnehmen und von denen sie sogar den Tonfall, wie sprechende Puppen, im Leben beibehalten. Ja, die Frauen vom Theater! Wenn sie zufällig eine wirkliche Leidenschaft erfaßt und ein »Ich liebe Dich«, das nicht nach dem Konservatorium schmeckt, ihnen über die Lippen kommt, so denken sie gleich: »Das habe ich schön gesagt,« und sparen es sich für das Publikum der nächsten Sittenkomödie auf. – »Aber sie sind gute Kameradinnen, haben das Herz in der Hand und schlagen ihren Freunden nichts ab. Man muß in den Gängen eines Theaters gewesen sein, wenn die Künstler unter sich sind, ohne Dichter und Direktor, und gehört haben, was sie aus ihren Garderoben einander zuschreien – es ist das wahre Jahrmarktstreiben, das Innere der Bude eines Saltimbanque. Die ganze grüne Jugend ausgenommen, welcher redliche Mann könnte hier Befriedigung seiner Herzensbedürfnisse finden?«

Frau Hulin, welche sehr aufmerksam zugehört hatte, obgleich sie anscheinend ganz bei der auf ihrem Schoße ruhenden Arbeit war, versetzte in demselben gelassenen Ton:

»Die Schauspielerinnen gebe ich Ihnen preis, obgleich Sie offenbar ein wenig übertreiben; aber wie viele andere Versuchungen gibt es für den berühmten Mann, den erfolgreichen Dichter! Die Bewunderinnen der Salons, briefliche Schmeicheleien, alles, was sich von Unbekannten an sie drängt, sie aus der Ferne liebt, ihnen schreibt.«

»O, die Sorte ist nicht sehr verführerisch und ebenso wenig gefährlich.« sagte Regis . . . »erstlich! sind es stets dieselben Schreiberinnen – ein Halbdutzend hysterischer Weiber, Fremde, welche Autographen sammeln. Ich habe zwanzigmal mit meinen Freunden und Kollegen die Probe gemacht: ihre Unbekannten waren immer auch die meinigen.«

Pauline erhob den Kopf. »Es kann jedoch vorkommen, daß eine Frau, die erschüttert aus einem schönen Schauspiel kommt oder ein schönes Buch gelesen hat, sich versucht fühlt, dem Autor dafür zu danken.«

»Dann wird sie vielleicht schreiben; aber wenn sie feinfühlend ist, den Brief nicht abschicken. Ich wette, daß Sie mir recht geben,« fügte er hinzu, indem er ihr voll ins Gesicht sah.

»O, ich bin nicht mitteilsam . . .«

Ein Klagelaut des Kindes unterbrach sie und rief sie in das anstoßende Zimmer. Als sie wiederkam und sich an ihren Nähtisch setzte, sagte sie mit leiser Stimme: »Er ist heute aber aufgeregt.«

In demselben halblauten Ton, der ihr Gespräch noch vertrauter machte, nahm Regis dasselbe wieder auf. »So glaubten Sie also, daß ich ein Lebemann und Pflastertreter wäre? Da täuschen Sie sich. Das Leben, das ich gegenwärtig führe, hatte ich mir in der Ehe geträumt, und gerade meine Unfähigkeit, von meinen häuslichen Gewohnheiten zu lassen, konnte meine Frau mir nicht verzeihen. Es war ihr erster Kummer, das erste Motiv unseres schließlichen Bruches. Wer trägt die Schuld? – Ich verheirate mich mit achtundzwanzig Jahren; auf allen Theatern gespielt, übersättigt von allen Vergnügungen, die das Theater gewähren kann, gerate ich an eine Frau, die für nichts Sinn hat als für Premieren, Benefizvorstellungen und Freibilletts. – Man erzählt mir von einem Großvater Ravaut, der durch Anfertigung und Verleihung von Theaterkostümen ein Vermögen gemacht hat; möglich, daß der Atavismus des Flittergoldes, der Perücken und geblümten Westen das arme kleine Gehirn meiner Frau beeinflußt hat. Sie sehen das Mißverständnis: ein Mann, der sich verheiratet, um dem ungeregelten Leben zu entfliehen, sich einen Herd zu gründen, an dem er seinen Neigungen folgen kann, und eine Frau, die im Gegenteil nur einen recht im Vordergrund stehenden Namen, und nur die Gelegenheit gesucht hat, allen Generalproben beizuwohnen und ihren Namen auf der ersten Seite der Zeitungen zu lesen.«

»Wirklich ein grausames Mißverständnis,« sagte Frau Hulin, aber ohne überzeugt zu sein. In Ihrer Stimme wie in ihrem offenen Antlitz drückte sich ein leiser Zweifel aus.

Fagan, der Frau Hulin nur zu wohl verstand, suchte sie zu überzeugen.

»Ich, als der am meisten verliebte, gab nach; denn ich war rasend verliebt, und nicht wie sie in eine geräuschvolle Popularität und in einen armseligen Ruhm! Alle Abende, jahrelang, wurde ich in die verschiedensten Vorstellungen geschleppt; wir gehörten zu dem scheußlichen Tout-Paris, das überall zu finden, das komödiantenhafter als die eigentlichen Komödianten ist, und aus dem es kein Entrinnen gibt. In den Premieren sämtlicher Theater saßen wir unabänderlich auf denselben Plätzen; ich sah im Orchester die Schädel der Kritiker sich lichten, die Runzeln meiner Nachbarn oder Gegenüber, die auch immer dieselben waren, sich vertiefen und hörte meine Frau sagen: »Die Frau X. hat die Bänder ihres Rosahutes gewechselt, um glauben zu machen, daß er neu sei« – oder: »Sieh doch die Frau Z . . . wie alt sie geworden ist.« Dann im Zwischenakt ließ sie unermüdlich ihr Lorgnon herumgehen, nannte alle bekannten Namen, nahm Notiz von allen kleinen Vorfällen, jedem kleinen Skandal, der Paris einen ganzen Winter hindurch beschäftigt, seine Vergnügungen würzt und ihnen erst den rechten Schwung und Reiz verleiht. Ich habe dieses Leben lange genug geführt, um es gründlich satt zu haben und einen solchen Ekel davor zu empfinden, daß dies der wahre Grund unserer Scheidung ist.«

»Man hat jedoch von einer gewissen Geschichte gesprochen . . .« sagte Frau Hulin, mit einer kleinen ungläubigen Kopfbewegung.

»Ach ja . . . die Geschichte im Hotel d'Espagne, die durch alle Zeitungen ging. Gestehen Sie nur, daß Ihnen alle bösen Vorstellungen von mir daher kommen. Aber wenn ich Ihnen sage, daß die Geschichte im Einverständnis mit meiner Frau arrangiert war?«

Pauline saß in starrem Erstaunen da. Regis fuhr fort:

»Bis zum heutigen Tag sind drei Personen in die Komödie eingeweiht gewesen, die ehemalige Frau von Fagan, ich und der Rechtsanwalt von Malville. Sie kennen ihn?« fragte er auf eine Gebärde Frau Hulins, auf die eine Bejahung ohne Worte folgte; und in einem Atem erzählte er nun sein eheliches Abenteuer.

»Einander überdrüssiger als wir beide es waren, kann man nicht sein; aber das genügte nicht. ›Wir müssen einen bestimmten Fall haben,‹ sagte zu meiner Frau ihr Freund Malville, ein enragierter Musiker, der mit ihr die letzte Partitur Wagners auf dem Piano spielte; ›liefern Sie mir einen Skandal, ein Ertappen auf frischer Tat, und ich will Ihre Sache führen.‹ Nun hätte ich vielleicht, ohne weit zu suchen, in den Beziehungen zwischen Frau von Fagan und ihrem Cousin La Posterolle die Beweise finden können, die der Rechtsanwalt verlangte; aber zwei Gründe hielten mich davon zurück. Zunächst mein Leichtsinn, mit dem ich die Vertraulichkeit des Cousins, eines jungen Berichterstatters über die Bittschriften im Staatsrat, sich bei uns hatte einnisten lassen, denn ich selbst autorisierte ihn, infolge meines Abscheues vor allen Vergnügungen, meine Töchter ins Theater und in Gesellschaft zu begleiten. Der andere Grund, der gewichtigere, waren unsere beiden Töchter, ihre Verheiratung, ihre Zukunft, die ganze Gestaltung des Lebens. Wenn der Mann einen Fehler begeht, so verzeiht ihn die Welt, tut es die Frau, so wird die ganze Familie von der Schande getroffen. Die Kinder werden davon berührt und haben ewig daran zu tragen. Darum wollte ich lieber selbst als der Schuldige erscheinen und mich in der Ihnen bekannten Situation überraschen lassen.«

»Und Herr von Malville hat sich zu dieser Komödie hergegeben?« rief Frau Hulin unwillig aus.

»Ich sehe, verehrte Frau, daß Sie diesen in den Gerichtssaal verirrten Musiktiger sehr wenig kennen. Alles, was nicht Beethoven und Wagner ist, ist ihm völlig gleichgültig. Wir sind ihm übrigens sehr verpflichtet, denn die Angelegenheit hat ihm ebenso wie uns zu schaffen gemacht. Bald kam der bestellte Polizist nicht zur Zeit, oder meine Mitschuldige, denn eine solche brauchte ich, verfehlte das Stelldichein. Dann war wieder alles von neuem zu beginnen; und man kann sich nichts Komischeres denken als die legitimen Ehegatten, die sich an einem Ende von Paris ein Stelldichein gaben, um von neuem den Tag und die Stunde zu beraten, wo das kostbare Ertappen auf frischer Tat stattfinden sollte. Wir hatten die Allee des Observatoriums gewählt, ganz oben, wo die Kastanien mehr Frische und Schatten geben. Dort waren wir außer Gefahr, gesehen zu werden, und das war unerläßlich, denn denken Sie nur, die Lächerlichkeit zweier in der Scheidung liegenden Eheleute, die nebeneinander hergehen und sich über die Mittel zu ihrer Befreiung beraten! Ich, der ich neue Situationen suche, glaube, daß diese wirklich eine solche war. Als wir uns trennten, sagte meine Frau mit einem herzhaften Händedruck: »Also Montag, ganz gewiß, Hotel d'Espagne, und daß Ihre Prinzessin nicht ausbleibt«, und ich darauf nicht weniger fest und kordial: »Montag, meine Liebe, es bleibt dabei«. Es war in der Tat am folgenden Montag, Hotel d'Espagne, wo der Beamte mich des Morgens überraschte . . .«

»Mit Amy Ferat, vom Vaudeville,« sagte Frau Hulin, sich zu einem Lächeln zwingend. »Uebergehen Sie die Details, ich weiß Bescheid.«

»Nicht vollständig. Die Zeitungen haben nicht alles mitgeteilt. Die arme Amy Ferat hatte, wohl verstanden, keine Ahnung, von dem Erwachen, das ihrer wartete, und so wenig sie zur Rosenjungfrau taugt, so tat es mir doch fast leid, sie in diese fatale Geschichte, mit der sich ganz Paris beschäftigen würde, eingemischt zu haben. Als in der Morgenfrühe plötzlich mit Faustschlägen und dem Ruf: »Oeffnet im Namen des Gesetzes!« an unsere Tür gepocht wurde, fuhr sie erschrocken in die Höhe und rief: »Mein Mann . . . wir sind verloren!« – »Wie, Ihr Mann?« – »Ja, ich bin verheiratet; verzeihen Sie, daß ich es Ihnen nicht gesagt habe . . . Retten Sie sich . . . verbergen Sie sich . . .« Bei Gott, ich war einige Minuten in der tödlichsten Ungewißheit, ob es sich um ihren oder meinen Ehebruch handelte. Glücklicherweise wurde ich bald derselben entrissen. Infolge dieses Abenteuers wurde ich verurteilt, an Frau von Fagan monatlich fünfzehnhundert Franken zu zahlen und ihr die beiden Mädchen zu überlassen, mit der Bedingung, daß diese alle vierzehn Tage einen Sonntag bei mir zubringen sollten. Es ist hart, aber ich bin gewiß, daß die Mutter in kurzem die letztere Klausel mildern und mir die Mädchen öfter schicken wird, je mehr sie heranwachsen und jedesmal, wann sie sich ihrer entledigen will.«

»Ach, die Ehescheidung! Sie ist eine unwürdige Farce,« und Frau Hulin legte ihre Arbeit aus ihren zitternden und ungeschickt gewordenen Händen.

»Ich verdanke der Scheidung jedoch mein Glück. Sie hat mich von dem abscheulichsten Geschöpf befreit.«

»O, Herr von Fagan! So sprechen Sie von einer Person, die sich keines anderen Vergehens schuldig gemacht, als Sie nicht vollkommen verstanden zu haben! Mißverständnisse, Unvereinbarkeit der Charaktere . . .«

»Mehr als das, Madame, weit mehr. Ich habe Ihnen oft gesagt, wie sehr mir an Ihnen die Geradheit und Aufrichtigkeit Ihrer Worte und Blicke gefällt. Nun, was mich an jener Frau so aufbrachte, war die Lüge, die Lüge aus Geschmack daran, aus Instinkt, Chik und Eitelkeit; sie gehörte zu ihrer Kleidung, ihrer Sprache, sie war so eng mit allen ihren Handlungen verbunden, daß ich Wahres und Falsches nicht mehr zu entwirren vermochte. ›Warum lachst Du so laut?‹ fragte ich sie eines Tages in dem Kabinett eines Restaurants, wo wir nach der Oper speisten. ›Um nebenbei glauben zu machen, daß wir uns sehr amüsieren.‹ – Da haben Sie ihre ganze Natur. Ich entsinne mich nicht, jemals gehört zu haben, daß sie für die Person sprach, der sie sich gegenüber befand, sondern für irgendeine andere, die etwa eben ins Zimmer trat, vielleicht für den Diener, der uns servierte, oder für einen Vorübergehenden, dessen Aufmerksamkeit sie erregen wollte. Einmal sagte sie zu mir in Gegenwart von zehn Personen mit bewegter Stimme und feuchten Augen: ›O, mein Regis, die borromeischen Inseln! – Unsere ersten Flitterwochen!‹ – Wir kannten die Inseln nicht, waren nie dort gewesen; stellen Sie sich mein Erstaunen vor . . .«

Frau Hulin suchte sie abermals zu entschuldigen. »Im ganzen eine sehr harmlose Schwäche.«

»Ja,« nahm Fagan wieder das Wort, »aber eine sehr ermüdende, sehr irritierende. Seine Lebensgefährtin zu fragen: ›Wo kommst Du her, was hast Du gemacht?‹ und zu wissen, daß keine ihrer Antworten wahr ist. Daß wir durch die tausend Zufälligkeiten von Paris erfahren werden, daß sie gelogen hat und zwar ohne Grund und mit einem Eigensinn, einer Hartnäckigkeit, an welcher alle Bitten und Beweise scheitern. O, ihre kleine, scharfe Stimme: ›Aber ich versichere Dich, aber bestimmt . . . Du täuschest Dich oder mich‹ . . . Das Traurige ist, daß die Lüge mit dem Alter und der zunehmenden Selbstgewißheit der Frau giftig und für mich und andere gefährlich wurde. Ueber ihre Feinde in der Gesellschaft erfand sie alles Mögliche, das Verrückteste und Abscheulichste, an das sie zuletzt selbst glaubte. Und alles das mit einer gesetzten, verständigen Miene, wobei nichts ihr Nervenleiden verriet, wenn nicht eine kleine, sich automatisch wiederholende Gebärde, ein Band, eine Falte ihres Kleides, an der sie zupft und zerrt und die sie stundenlang mit ihren Fingern zerknüllt. Die Gesellschaft leiht, ohne darüber nachzudenken, allen Infamien, die man ihr zuträgt, ihr Ohr. Das Böse, was hier eine teuflische Kreatur, wie sie, ungestraft tun kann, ist unberechenbar. Wie oft habe ich mich in Gesellschaft bei Tafel über die Blumenkörbe und Girlanden von Orchideen gebeugt, um meine Frau zu beobachten und zu überwachen! – ›Was sagt sie . . . was erfindet sie da wieder . . . was für ein Gift gießt dieses kleine, wohlfrisierte und geschmückte Ungeheuer ihrem Nachbarn ein?‹ Es dauerte nicht lange, und ich selbst wurde ihr Opfer. Bald machte in den Salons die Geschichte einer Schwedin die Runde, eines verderbten Geschöpfes von sechzehn bis siebzehn Jahren, das mich bis zum Verbrechen toll gemacht und mich mit Ekel und Haß gegen meine Kinder und meine Frau erfüllt haben sollte. ›Wenn ich in diesen Tagen sterben sollte,‹ sagte die vortreffliche Person, die meinen Namen trug, zu ihren Freundinnen, ›dann wißt ihr, wer mich getötet hat.‹

Pauline Hulin schrie empört auf: »O, das ist abscheulich.«

»Ja, abscheulich. Sie können sich vorstellen wie meine Freunde mir begegneten, – die indirekten Ratschläge, die mitleidigen oder unwilligen Blicke, die sie auf uns, auf mich richteten. Sollte ich mich verteidigen? Ich versuchte es nicht einmal. Wen hätte ich überzeugt, daß ich keine Schwedin, verderbt oder nicht, kannte und daß dieses ganze eheliche Drama das Werk einer hysterischen Einbildungskraft sei? Ich schwieg daher und fuhr fort, bei den Premieren und in der Gesellschaft meine Maske als blutdürstiger Blaubart zu tragen, während das sanfte Opfer an meiner Seite seufzte und die Augen wie eine Sterbende drehte. Ihre Freundinnen hielten sie für so unglücklich, daß sie ihr alle zur Scheidung rieten, trotz des Widerwillens der guten Pariser Gesellschaft gegen eine solche. ›Nein, nein, ich harre bis ans Ende aus, bis zum Tode, um meiner Töchter willen!‹ In Wirklichkeit fehlte ihr wie mir ein großer Schmerz, und ohne den Rat Malvilles . . .«

Ein Kinderschrei, der stärker als der vorhergehende war, unterbrach abermals ihre Unterhaltung. Frau Hulin ging rasch hinaus, kehrte jedoch bald wieder, war aber bleich und in ihren schönen Augen malte sich noch ein Rest von Schrecken.

»Was fehlt ihm?« fragte Fagan.

»Nichts, so gut wie nichts, ein gewöhnliches Alpdrücken, von dem er plötzlich mit diesem Angstschrei erwachte.«

»Ihr armer kleiner Moriz, der so nervös und schwach ist.«

Sie fing an, von ihm zu sprechen, von seiner Gesundheit, von seiner Verletzung am Knie.

»Hat er sie seit der Geburt?« fragte Fagan, sehr ergriffen von der mütterlichen Besorgnis, die von allen die tiefste und erschütterndste ist.

»Nein, ein Unglücksfall, als er noch ganz klein war,« und versunken in die grausame Erinnerung, schwieg sie.

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