Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Rosa und Ninette

Alphonse Daudet: Rosa und Ninette - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/daudet/rosanine/rosanine.xml
typefiction
authorAlphonse Daudet
booktitleIn Freien Stunden
titleRosa und Ninette
publisherBuchhandlung Vorwärts
seriesIn Freien Stunden
volumeElfter Jahrgang. 2. Halbjahresband.
year1907
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20121225
modified20140408
projectiddb2d897
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

»Ich weiß nicht, mein Herr, ich werde nachsehen.«

Fagan konnte nicht umhin, die Unverfrorenheit des Dieners zu bewundern, der nicht wußte, ob sein Herr zu Hause sei, während drinnen unter dem Krachen aller Saiten eines Klaviers die Stimme des Rechtsanwalts Malville ein Stück aus der letzten Partitur seines Lieblingskomponisten heulte, miaute, wieherte, brüllte. Der Mann kam zurück und sagte, unberührt von dem musikalischen Lärm, der die Fenster zittern machte: »Wenn der Herr sich hinein bemühen wollen.«

Der Rechtsanwalt Garin von Malville, der am Klavier saß, wendete dem Eintretenden ein langes, nervöses Gesicht zu, das wie alle Gesichter, die der Schmerz gefurcht und ausgearbeitet hat, kein bestimmtes Alter verriet. Die Augen waren erloschen, und der in diesem Augenblick weit aufgesperrte Mund glich in seiner Verzerrung ein wenig dem großen Arbeitszimmer, in welchem bestäubte Partituren und juristische Bücher stoßweise auf allen Möbeln und am Fußboden herumlagen, so daß man nicht wußte, wohin man treten sollte.

»Regis, mein Freund, hören Sie das mal – aus dem zweiten Akt von Tristan und Isolde – die Liebesszene – Isolde – Geliebte –«

Auf einem Haufen Bücher sitzend, ließ Fagan geduldig diese Harmoniedouche über sich ergehen, wohl wissend, daß nichts den Narren verhindern konnte, sein Stück zu Ende zu singen, wobei er sich jeden Augenblick durch ekstatische Ausrufe und bis zur Wollust sich steigernde Leidenschaft unterbrach! »Das ist Morphium, mein Bester, Morphium, das berauscht und einwiegt. – Endlich – Endlich –«

Als Tristan und Isolde endlich erschöpft sich aus ihrer Umarmung gelöst hatten, erkundigte sich der musikwütige Jurist, auf seinem Klaviersessel sich hin- und herdrehend, nach Fagans Arbeiten, nach seiner Gesundheit: »Nicht sehr gut, was? – Ja, man sieht es – das Junggesellenleben, das Künstlerleben. – Warum haben Sie nicht das Beispiel Ihrer Frau befolgt? Sie hat sich wieder verheiratet – die Freche! Das ist eine, die ihren Wagner verleugnet, – Und Ihre Töchter? Erzählen Sie mir von Ihren Töchtern.«

»Das ist es gerade, Herr Rechtsanwalt –«

Seine Aelteste würde in kurzem heiraten, in eine Beamtenfamilie, in die der Remorys, und er rechnete darauf, daß Herr von Malville ihm über die Ehrenhaftigkeit dieser Leute Gewißheit geben würde. Der Rechtsanwalt schnalzte mit seiner langen, glatt rasierten Oberlippe.

»Remory ehrenhaft? – Ja, wenn Sie wollen, aber Beamter neuester Schicht, der durch keine Hierarchie durchgegangen ist – übrigens der einzige unserer Präsidenten, der einen Bart trägt, während der erste Präsident den seinigen beim Antritt seines Amtes abscheren ließ aus Achtung vor dem Gerichtshof. – Sie sehen also nun klar über Ihren Remory; und wenn der Sohn dem Vater gleicht –«

Hierauf folgte eine Schilderung des Pariser Gerichtshofes in bezug auf die alten und neuen Schichten, die so ausführlich und umfassend war, daß Fagan, der schon nicht recht aufgelegt und ein wenig fieberisch war, sich rasch zurückgezogen haben würde, wenn ihm nicht eine Frage, ein wahres Postskriptum seines Besuches, auf den Lippen geschwebt hätte, die er fast erst im Fortgehen anbringen konnte. Es handelte sich um eine gewisse Affäre – Hulin – ja wohl, das war es, Hulin – eine gerichtliche Trennung, deren sich der Rechtsanwalt vielleicht erinnerte.

»Ob ich mich erinnere! Hulin aus Havre – ein famoser Bariton, ein Mann, der seinen Bach von allen Franzosen am besten kannte – an Wagner biß er weniger an; dennoch hatte er mir versprochen, der arme Teufel, dieses Jahr nach Bayreuth zu kommen.«

»Was denn? – was ist ihm begegnet?«

»Er ist tot, ganz einfach.«

»Tot! und seit wann?« stotterte Fagan mit einer Stimme, welche plötzlich sehr ernst geworden war.

»Seit einem Monat etwa; er schrieb mir am vierten morgens, und am Abend desselben Tages erschoß er sich in seinem Bette mit seinem Dienstrevolver. – Ah! ein leidenschaftlicher Mensch, das, ein Fanatiker der Liebe –.« Und auf sein Steckenpferd zurückgebracht, begann der Rechtsanwalt wieder mit verzerrtem Munde und verdrehten Augen zu gröhlen:

»Iso-o-olde! Geli-i-i-ebte!« während Regis, bestürzt und verwirrt, zwischen Partituren und Diktionären hindurch die Türe gewann.

Tot! Nun erklärte sich alles, die Abreise Paulinens und zwar wirklich nach Havre, ihre Abwesenheit, zu der das Ordnen des Nachlasses sie genötigt hatte. Einige Monate formeller Trauer, und die anbetungswürdige Frau konnte die seinige werden. Nichts stellte sich ihrer Verbindung mehr entgegen. Etwa Rosas Eifersucht? Bah, das war eine Kinderei, die durch Küsse, durch ein Armband mehr für den Hochzeitskorb sich leicht geben würde. Tot! Tot! War es möglich, daß aus einem so düsteren Wort so viel Freude hervorgehen konnte? Er phantasierte, sprach, während er von dem Rechtsanwalt fort und die Straße Saint-Pères nach dem Quai hinunterging, ganz laut mit sich selbst. Was Alter, fehlende Zähne, gelichtete Schläfen! Vor zwanzig Jahren, als er an jenem Tage von seiner Braut kam, an dem die Eltern zu ihm gesagt hatten: »Sie willigt ein und wir auch,« war sein Schritt nicht elastischer gewesen, war ihm der Himmel nicht schöner erschienen, als an diesem graurosigen Aprilabend mit den feuchten Trottoirs, dem ersten Vogelgesang, dem ersten grünen Hauch auf den Bäumen der Tuilerien.

Auch in seinem ganzen Wesen sproßte es, aber heftig, mit Herzschlägen, mit einer Beklemmung, deren Ursache er zu ergründen suchte, und die wahrscheinlich von der wärmeren Luft, von dem nahenden Lenz und besonders von dem unverhofften Glück herrührte, welches sich ihm jetzt eröffnete. Schon sah er die großen, blauen Augen als ein süßes Geständnis in Tränen schwimmen, schon das Kleid, das sie an jenem Tage tragen würde; er nahm in Gedanken den Tee in dem kleinen Salon mit dem Gefühl, daß er dort zu Hause sei und sich nicht mehr daraus entfernen müsse. Und all diese lieblichen Träume, welche ihm im Gehen vorschwebten, spiegelten sich so sichtbar auf seinem Antlitz wieder, daß er einige Male wahrzunehmen glaubte, man beobachte ihn und sein Lächeln errege das der Vorübergehenden.

In der Rue de la Paix blieb er an einem Schaufenster stehen, weniger um die Schmuckgegenstände zu betrachten, als um seinen Gedanken ungestört nachhängen zu können, als ein: »Pardon, verehrter Meister,« das von zwei Stimmen, einer männlichen und einer weiblichen, gesprochen wurde, ihn sich rasch umdrehen ließ. Vor ihm stand ein Schauspielerpaar, Herr und Frau Couverchel, die seit zwanzig Jahren verheiratet waren und durch ihre gegenseitige Zärtlichkeit und Bewunderung die Legende der Boulevards bildeten. Die Frau, welche früher am Vaudeville engagiert und seit zwei Jahren krank gewesen, war vergessen und ersetzt worden, und nun gab es nichts Rührenderes als die Art, wie der Mann sich bei Fagan um eine Rolle für sie verwandte, von ihrer Schönheit, ihrem Genie sprach, und mit bewundernden Blicken auf das arme, entstellte Gesicht seiner Frau niederschaute, deren Augen ihm mit dem doppelten Stolze des Weibes und der Künstlerin zärtlich dankten. Nachdem die Rolle zugesagt, dem Manne eine andere versprochen war, sah Fagan sie in gleichem, freudigem Schritt davon gehen, nicht wie ein modisches Paar, getrennt mit schlenkernden Armen, sondern Arm in Arm und recht dicht aneinander geschmiegt; man fühlte es, daß der Tod allein sie trennen konnte. Und das waren Schauspieler, oberflächliche, eitle Seelen, deren Torheiten und Kindereien er oft genug verspottet hatte! Ja, bei einfachen Leuten, da gab es noch die erträumte ideale Ehe. Ach, wenn Pauline wollte, wie viele schöne Jahre könnten sie beide vereint noch leben, den Menschen und der Welt zum Trotz.

»Der Herr ist doch nicht krank?« waren die ersten Worte Anthymes bei dem seltsamen Aussehen Fagans, als dieser am Abend in seiner entfernten Wohnung anlangte.

O nein, durchaus nicht krank, nur immer diese fieberhafte Glut, diese Beklemmung der Brust, als ob er ersticken sollte. Und während er bei Tische sitzt, fangen auf einmal Tischtuch und Servietten sich um ihn her zu drehen an, es klingt ihm in den Ohren, er will ans Fenster, er erstickt, und das dumpfe Geräusch eines Falles ruft Anthyme herbei, der seinen Herrn wie tot am Boden liegen findet.

An einem klaren, sonnigen Nachmittag erwachte Regis in seinem Bette, ohne sich Rechenschaft darüber ablegen zu können, wie lange er in der Bewußtlosigkeit, aus der er kaum zu sich gekommen war, gelegen hatte, einer Bewußtlosigkeit voll Fieberphantasien, in denen er bald Feuersbrünste und rote Blutlachen, bald Leichen Ertrunkener in grünlichem Wasser gesehen, das je nach seiner Bluttemperatur eisig oder glühend heiß gewesen war. Von diesen wirren Vorstellungen hatten sich zwei Bilder deutlich abgehoben: seine Töchter, die das eine Mal lieb und zärtlich gewesen waren, und dann wieder mit harten Gesichtern und trockenen Auges ihn leiden und sterben gesehn hatten, ohne ihm die Hand oder einen Tropfen Wasser für seinen Durst zu reichen. Endlich kehrte er wieder in die Wirklichkeit zurück. Er blinzelte ein wenig vor dem langen Sonnenstreifen, der den hellen Teppich seines einfach möblierten Zimmers vergoldete und der von dem halbgeöffneten Fenster ausging, über welches die Vorhänge so weit zusammenfielen, daß nur ein Teil der Baumkronen mit den darin hüpfenden Vögeln sichtbar blieb.

Ganz dicht am Fenster sitzt eine Frau in tiefer Trauer, die, dem Lichte zugewendet, sich über ihre Arbeit beugt. Von seinem Bette aus sieht Fagan nur einen weißen Nacken und eine Haarflechte mit goldenen Reflexen, aber er hat Pauline Hulin und Moriz erkannt, der auf einem Bänkchen zu ihren Füßen lesend sitzt. Nach all den düsteren, beängstigenden Visionen verursacht ihm diese Erscheinung ein solches Entzücken, daß er fürchtet, sie wie die anderen verschwinden, sich in die Luft auflösen zu sehen. Er schließt die Augen und öffnet sie wieder und findet dasselbe, von dem einfallenden Sonnenstrahl verklärte Bild wieder; jetzt aber hat Moriz den Kopf erhoben, und ihre Blicke begegnen sich, lächeln sich an, und ganz frei, ohne Krücke, stürzt sich das Kind in die Arme seines Freundes. Auch Pauline nähert sich ihm mit ausgestreckten Händen, und bei dem raschen, forschenden Blick, den Regis über sie gleiten läßt, findet er sie ein wenig blässer, das Gesicht in dem Trauerputz schmäler geworden, und mit einem neuen Ausdruck der Niedergeschlagenheit in den gütigen, offenen Zügen. In seinem geschwächten Zustände weint er und küßt ihre Hände: »Meine Freundin – meine Freundin –« Dann sie an sich ziehend und die Stimme dämpfend, weil das Kind anwesend ist: »Und frei – endlich frei!«

Aber sie macht sich los: »O nein, Regis, nicht das – sprechen wir niemals davon.«

Es ist wahr, das Drama, welches sich kürzlich vollzogen, machte diese keusche Zurückhaltung begreiflich, und so sprach er sofort von etwas anderem und wollte wissen, wie lange sie zurück sei. – Eine Woche, wirklich? – eine ganze Woche neben ihm, ohne daß er sie erkannt, ihre Nähe gefühlt hätte! – Am Abend ihrer Rückkehr hatte sie den armen Anthyme ganz ratlos und auf der Suche nach einer Krankenwärterin gefunden; da hatte sie sich der Stunden erinnert, die Regis am Bette ihres Kindes zugebracht, und sich selbst als barmherzige Schwester bei dem Schriftsteller installiert, bis die Fräulein von Fagan, welche sie benachrichtigt hatte, sie ablösen kämen.

»Ach ja, meine Töchter – wo sind sie denn?« Er regte sich auf, seine Wangen brannten. Frau Hulin suchte ihn zu beruhigen – Anthyme hätte gleich in den ersten Tagen depeschiert. Aber Korsika wäre weit, das Meer vielleicht stürmisch und niemand zu ihrer Begleitung da. – Und wer weiß? Unter den während seiner Krankheit angekommenen Briefen könnte auch einer von seinen Töchtern sein.

Und wirklich befanden sich unter den auf das Bett ausgeschütteten Briefschaften zwei kleine Billette von Ninetten, welche Frau Hulin dem ungeduldigen Vater, der zu schwach war, um sie selbst zu entziffern, laut vorlas. Wie sie betrübt war, die arme Ninette, in ihrem ersten Brief über die plötzliche Erkrankung ihres Vaters und den Abgang des Geschwaders, wie sie aber doch hoffte, daß ihr Vater schnell genesen und das Geschwader bald wieder zurückkommen würde. Rosa wäre mit dem Cousin in Bastia, um von dem jungen Remory Abschied zu nehmen, der im Begriff war, auf den Kontinent zurückzukehren. Der zweite Brief kündigte die nahe Ankunft der Geschwister in Paris in Begleitung von Herrn und Frau La Posterolle an. Die Fräulein würden dann sogleich ihr liebes Väterchen besuchen. Folgten noch gesundheitliche Ratschläge in bezug auf die Frische des Abends und den Nebel im Garten nebst der Empfehlung eines gewissen Flanells aus Mufflonwolle mit der Adresse des Fabrikanten.

»Sehr freundlich,« murmelte Fagan, der, während er zuhörte, das blonde Seidenhaar des kleinen Moriz streichelte, »sehr freundlich, aber ich hätte mehrmals sterben können, ohne sie zu sehen.« Frau Hulin erwiderte nichts, aus Furcht, einen Schmerz zu vergrößern, der, wie sie wohl sah, ein tiefer war, und ihn mit dem Kinde allein lassend, ging sie in das anstoßende Zimmer, in das Anthyme sie schon seit einer Weile durch energische Geberden gewinkt hatte.

Das Fräulein war da, ein langes, hageres, bebrilltes Wesen, welches sich nach dem Befinden des Herrn von Fagan erkundigte.

»In wessen Auftrag?« fragte Frau Hulin.

»Im Auftrage seiner Töchter,« versetzte die Engländerin hochmütig.

»So, sind sie in Paris?«

»Wahrscheinlich –«

Pauline senkt die Stimme, um von dem Vater nicht gehört zu werden:

»Es geht Herrn von Fagan besser, doch wenn er durch andere als durch seine Töchter selbst deren Anwesenheit in Paris erführe, so könnte das seinen Tod zur Folge haben. Sagen Sie das den Fräulein.«

Die Gouvernante maß Pauline von oben bis unten, was diese durch einen hellen Blick erwiderte. Dann drehte sich jene auf ihren viereckigen Schuhen kurz um und verließ ohne Wort und Gruß das Gemach.

Seit drei Tagen hatten sich die La Posterolle, in Erwartung der Heirat der Tochter und der Ernennung des Familienhauptes zum Staatsrat, in einem Familienpensionat einquartiert. Der erste Gedanke Rosas, sobald sie abgestiegen, galt ihrem Vater, und sie wäre mit Ninetten augenblicklich zu ihm geeilt, wenn nicht die Mutter, die diese Eile eifersüchtig machte, Einwendungen erhoben hätte. Die Krankheit könnte ansteckend sein, besonders für Leute, welche weit her, aus gesunder Luft kämen. Man sollte abwarten, sich erkundigen –. »Aber Mama, wir haben uns erkundigt. – Die Lungenentzündung ist nicht ansteckend.« – Worauf Frau La Posterolle mit majestätisch gekniffenen Lippen einer gewissen Person erwähnte, deren Begegnung bei Herrn von Fagan ihre Töchter, gegen alle Konvenienz, sich aussetzen würden.

»Du meinst Frau Hulin?« fiel Rosa ein. »O, das ist lange zu Ende, – Ich glaube sogar, daß sie gar nicht mehr in Paris ist.«

Um sich davon zu überzeugen, schickte die Mutter das Fräulein nach dem Boulevard Beauséjour, und diese kam so befriedigt von dort zurück, daß sie den Damen, die sie auf dem Balkon des Familienhotels erwarteten, schon von weitem Zeichen mit ihrem Sonnenschirm machte.

»Frau Hulin hat mich in Person empfangen,« sagte sie triumphierend.

Und die Mutter: »Ich wußte wohl, daß es nicht zu Ende ist.« Tief gekränkt sagte dann Rosa in gleichgültigem Tone: »Da er diese Dame zur Pflege hat, braucht er uns nicht.«

»Um so weniger, als es ihm viel besser geht,« setzte das Fräulein hinzu.

»Wir werden ihn also nicht besuchen?« fragte Ninette ihre Schwester beunruhigt.

»Geh, wenn Du willst – ich nicht.«

»Du hast unrecht,« sagte die Kleine, die an eine Menge Interessen dachte, um die sich ihre ältere Schwester nicht im geringsten kümmerte; aber es gelang ihr nicht, deren Entschluß zu ändern.

Tage vergingen. Regis konnte noch nicht das Bett verlassen, aber das milde Frühlingswetter, die Verjüngung der Natur beförderten seine Genesung. Er begann, im Bette sitzend, Besuche zu empfangen, der Doktor verbot ihm jedoch zu sprechen. Er verbrachte die langen Tage, indem er mit Moriz Domino spielte oder Pauline zuhörte, die ihm in dem Halbdunkel des frischen, ruhigen Zimmers vorlas, oft begleitet von dem wollüstigen Girren einer Taube, die auf dem Zink des Fensterbrettes trippelte. Zuweilen unterbrach der Kranke die Lektüre, indem er ganz laut und mit zusammengezogenen Augenbrauen dachte: »Was kann nur vorgefallen sein? – Warum schreiben sie mir nicht?« Der Gedanke an seine Töchter marterte ihn; aber einige Worte seiner Freundin, eine vage Erklärung, welche sie aufs Geradewohl hinwarf, beruhigten ihn wieder, weniger durch deren Stichhaltigkeit, als durch den sanften Ton ihrer Stimme und den hiermit harmonierenden Zauber ihres Blickes.

Niemals, seitdem sie sich kannten, hatte er diesen Zauber so sehr empfunden, obgleich Pauline nichts dazu tat, im Gegenteil ihre Hände zurückzog, sobald er sie fassen wollte, ihre früheren Unterhaltungen über Leidenschaft und Ehe vermied, – namentlich die geringste Anspielung auf die jüngsten Ereignisse, den Tod Hulins, ihre Reise, alles, was Regis lebhaft interessierte, ohne daß er danach zu fragen wagte.

Eines Tages jedoch, als sie allein waren, Pauline am offenen Fenster stickend und jeden Augenblick in den Garten hinabsehend, den der spielende Knabe mit Lust und Leben erfüllte, seufzte Fagan in seinem Bette: »Ach, dieser Garten – wie sehr bewegte es mich, ihn leer zu finden, als ich aus Korsika heimkam.« Und da sie nicht antwortete: »Warum schrieben Sie mir nicht ein Wort, eine Zeile, ehe Sie gingen?«

»Ich reiste in solcher Bestürzung ab,« sagte Frau Hulin, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. »Die Depesche meines Schwiegervaters, in der es hieß: ›Hulin liegt im Sterben, kommen Sie rasch,‹ hatte mich so ergriffen. Anfangs wollte ich es nicht glauben, ich hielt es für eine Falle. – Auch ging ich zuerst allein nach Havre und schickte das Kind mit Annetten in die Vogesen. Indessen hatte die Depesche nicht gelogen, als ich ankam, war er tot.«

Noch nie hatte sie soviel gesagt. Aber was er besonders zu wissen wünschte, weshalb ihr Mann nach jener schrecklichen Szene wieder hergekommen war, darüber bewahrte sie gänzliches Schweigen; und er, den argwöhnische und allerhand seltsame Gedanken quälten, begnügte sich mit der zaghaften Frage: »Wissen Sie, warum er sich erschossen hat?«

Worauf sie mit Anstrengung: »Nein, ich weiß es nicht – vielleicht, weil er dieses Leben voll Haß und Schwierigkeiten, aus denen nicht herauszukommen war, satt hatte. Ach, der Unglückliche –«

»Mit welchem Mitgefühl Sie von ihm sprechen,« murmelte Fagan. »Sollten Sie ihn noch geliebt haben?«

Immer ohne ihn anzusehen, versetzte Pauline: »Glauben Sie, daß er sich getötet, wenn ich ihn geliebt hätte? – Nein, nein – aber ihn auf dem Bette liegend zu sehen, den Mund von Pulver geschwärzt, während noch zwei Tage vorher – –«

»Zwei Tage vorher? –«

Sie hatte sich erhoben, ohne den Satz zu vollenden, und neigte sich eine Minute zu dem unten spielenden Kleinen hinaus.

»Und der Vater, der arme Vater,« fuhr sie sich niedersetzend fort, »wenn Sie ihn an diesem Totenbette, an der Leiche seines Sohnes gesehen hätten, Sie würden ihn ebenso bemitleidet haben wie ich. – Die wenigen Tage in Havre brachte ich bei ihm zu, ohne ihn zu verlassen, ohne mir selbst die Zeit zu einem Briefe zu nehmen. Uebrigens wußte ich nicht, daß Sie zurück seien, und dann –«

Sie blickte wieder hinaus: »Mein Gott, ich sehe Moriz nicht –«

Eine Klingel auf der Treppe kündigte Besuch für Fagan an. Frau Hulin pflegte in solchen Fällen in das anstoßende Zimmer zu treten, um jeder böswilligen Auslegung ihrer Anwesenheit vorzubeugen; sie packte daher in aller Eile ihre Nähgeräte zusammen, um sich zu entfernen; aber er machte ihr ein Zeichen, zu bleiben. Die Unterhaltung interessierte ihn, er wollte bis zu Ende hören.

Da wird eine Türe zugeschlagen, leichte Schritte nähern sich, und in das hastig geöffnete Zimmer ruft Moriz triumphierend: »Da sind sie – Rosa und Ninette.« Er hat sie durch die Glastür klingeln gesehen, und ganz glücklich sowohl um seiner selbst als um Regis willen, klatscht das Kind in die Hände, wirft seiner Mutter einen Kuß zu und läuft Ninetten entgegen, welche, den Kopf hoch erhoben, bis zum Kinn verschleiert, den Kleinen mit einer gleichgültigen und zerstreuten Miene beiseite schiebt.

»Wir sind es, Vater.«

Sie ist in der Mitte des Zimmers stehen geblieben und mißt Frau Hulin mit einem Blick, wie, wenn sie nicht erwartet hätte, sie hier zu finden.

»Meine Kinder! – meine Kinder! –« ruft Fagan freudig überrascht mit ausgebreiteten Armen. Aber Rosa, die eben eingetreten ist, bleibt unbeweglich wie ihre Schwester stehen.

»Nun, meine Kinder, was habt Ihr?« ruft Fagan erschrocken.

»Was wir haben, mein Vater?« – Es ist Rosa, welche spricht, eine Hand auf der Schulter der jüngeren Schwester, die andere mit einer pathetischen Geberde ausgestreckt.

»Was wir haben, mein Vater? So viel, daß wir, Ninette und ich, nicht eine Minute länger hier bleiben werden, wenn Du jener Frau nicht befiehlst, sich zu entfernen.«

Pauline Hulin wollte ihren Knaben, der sich schon zur Mutter geflüchtet hatte, nehmen und hinausgehen, aber Fagan hielt sie, sich lebhaft im Bette aufrichtend, am Arm fest: »Hinausgehen, Sie, die Hingebende, Unermüdliche, Sie, die mich gepflegt, gerettet haben, als ich von allen verlassen war? Jene werden vielmehr hinausgehen, die schlechten Töchter, die mich ohne ein Wort, einen Blick hätten sterben lassen –.« Pauline versuchte ihn zu unterbrechen. »Ja, ich weiß, Sie verteidigen sie immer – ihre Jugend, ihre Schwäche, die Ratschläge ihrer Umgebung. Ich habe es lange geglaubt, aber es ist zu Ende. Schlechte, erbarmungslose Geschöpfe! Ach, wie haben sie an mir gehandelt! Mit Messerstichen haben sie mir das Herz durchbohrt'«

Dann wurde er plötzlich wieder weich, Augen und Stimme nahmen einen veränderten Ausdruck an: »Rosa, meine Große, ich beschwöre Dich – bitte diese hochachtbare Dame, die Du so ungerecht beschimpft hast, um Verzeihung – tue es, meine Rosa –«

Frau Hulin protestierte mit Würde und Stolz; aber er fuhr fort:

»Ja, ja, es muß sein, ich will es – es sind meine Kinder, sie müssen mir gehorchen. Du hörst, Rosa – Ninette, ich befehle Dir –«

Ein Schwanken der Aelteren verriet sich in der Bewegung ihres langen, gebrechlichen Körpers, aber die Eifersucht siegte.

»Nein, das tue ich nicht – niemals.«

»Und Du, Ninette, mein Liebling?«

»O ich – ich halte es wie meine Schwester.«

Da brach er aus: »Gehet denn, schlechte, undankbare Geschöpfe – und daß Ihr mir nicht mehr unter die Augen kommt! Ich bin von meiner Frau geschieden, ich werde es auch von meinen Kindern sein. Sagt es Eurer Mutter – niemals mehr – hört Ihr? – niemals mehr –«

Sein Antlitz zeigte tiefe Furchen, seine Stimme wurde heiser, und indem er, Paulinens Hand noch immer festhaltend, auf das Kissen zurücksank, röchelte er: »Niemals mehr,« während Rosa schluchzend hinausging und Ninette ihr trockenen Auges und mit empörter Miene folgte.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.