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Rosa und Gertrud

Rudolf Töpffer: Rosa und Gertrud - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorRudolf Töpffer
titleRosa und Gertrud
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
editor
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firstpub1839
translatorKarl Eitner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Rudolf Töpffer

Durch liebenswürdigen Charakter vor vielen ausgezeichnet tritt uns die Gestalt dieses Dichters entgegen. Im Jahr 1799 zu Genf geboren und noch reicher beanlagt als sein Vater, der Maler W. A. Töpffer, dessen Volksscenen durch ihren Witz und köstliche Ironie bereits verdientes Aufsehen erregten, widmete er sich schon früh der Malerei und stand im Begriff, (1819) zu weiterem Studium nach Italien zu gehen, als er sich von einem Augenübel befallen sah, das ihm die größte Beschränkung in Ausübung der Kunst auferlegte. So war er genöthigt, seinem, wie sich später herausstellte, innersten und eigentlichen Lebensberuf zu entsagen und eine andere in seiner vielseitigen Natur schlummernde Fähigkeit auszubilden. Er verlegte sich aufs Lehrfach, wurde erst Unterlehrer und gründete, nachdem er sich verheirathet, ein Pensionat in seiner Vaterstadt. Seine Mußestunden widmete er der Schriftstellerei und entwickelte auch hier ein eigenartiges Talent in der Darstellung von Dingen, die, weil dem ersten Anschein nach so unbedeutend, von dem gewöhnlichen Blick übersehen werden. Als Maler hatte er seine Augen brauchen gelernt, als geborner Poet besaß er die Fähigkeit, das Große wie das Kleine von einem Standpunkt aus zu betrachten, der den Maßstab der Verhältnisse bei Seite drückt und alles nach seiner individuellen Bedeutung erfaßt. »Er bildete eine Welt aus sich selber und war glücklich, weil er ein Mensch war«, dieses Wort Werthers paßt so recht auf unsern Dichter. In die reiche Welt hinein leuchteten die jugendfrischen Gesichter seiner Zöglinge, die seinem poetischen Empfinden ebensoviel Stoff zur Anregung wie seinen pädagogischen Pflichten Anlaß zu feiner Beobachtung und sorgfältiger Behandlung boten. Der besondere Werth, welchen diese liebevolle Hingabe an das Einzelne seinem erzieherischen Wirken verlieh, fand Anerkennung; einzelne kunstkritische Aufsätze, die er bereits veröffentlicht, lenkten die Aufmerksamkeit gleichfalls auf ihn, und so erhielt er 1832 den Lehrstuhl der Aesthetik an der Akademie seiner Vaterstadt. In demselben Jahr ließ er die allbekannte, reizende Novelle »Die Bibliothek meines Onkels«, welche den Reigen seiner dichterischen Produktionen eröffnete, erscheinen; ihr folgten sechs satirische Bilderbücher, gezeichnete Sittenromane, deren launige Darstellungen nur mit kurzen erläuternden Unterschriften versehen waren. Damit hatte er auch außerhalb der Schweiz einen Namen gewonnen und gehörte bald zu den wenigen in französischer Sprache schreibenden Schriftstellern, die, ohne selbst Franzosen zu sein, doch in Frankreich beliebt wurden.

In dieser »Bibliothek meines Onkels« offenbart sich schon die ganze subtile und gedankenreiche Art Töpffers, die besondere Zierde aller Produkte seiner Feder. Gedankenreich – eine Eigenschaft, die so selten bei den Erzählern bemerkbar wird, weil deren Arbeit meist in der Schilderung der Erscheinung besteht, und die doch allein ein Werk vor dem schnellen Vergessenwerden und vor dem Moder zu bewahren vermag. Nicht bloß die Erfindung der Fabel trägt diesen Stempel, sondern auch die Ausführung findet sich durchsetzt mit den Blüten, welche ein sorgfältiges und alles menschliche Wesen erforschendes Nachdenken gezeitigt. »In sehr vielen Dingen ist es besser, sich selbst nicht zu kennen«, heißt es z.B. in der angeführten Novelle; »gewisse Leute werden schlechter, während sie sich besser kennen zu lernen suchen. Wenn ein solcher seinen Acker für gute Frucht untauglich sieht, denkt er darauf, aus dem Unkraut Nutzen zu ziehen ... Sonderbar, daß es ein Hirnknötchen gibt, welches nie verkrüppelt, das sich von nichts gleich gut nährt wie von Viel, das zuerst wächst und zuletzt abstirbt, so daß man versichert sein kann, daß, wenn dieses todt ist, auch der ganze übrige Mensch aufgehört hat zu leben: dies ist das Knötchen der Eitelkeit ... Das Alter ist sparsam, weise, besonnen – die Jugend nennt es geizig, selbstsüchtig, feige. Doch warum urtheilen beide über einander, und wie können sie über einander urtheilen? Es gibt kein gemeinschaftliches Maß für beide: die einen berechnen alles auf das Leben, die anderen alles auf den Tod.« Ein weiterer Beleg dafür, daß Töpffer eine Fülle von Lebensweisheit nicht nur besaß, sondern auch in eindringlichster Form darzustellen wußte, ist das Kapitel vom »Lungern«, woraus einzelne Bruchstücke ihrer Originalität wegen hier stehen mögen:

»Das Fenster ist der richtige Zeitvertreib für einen Studenten, d.h. für einen fleißigen Studenten, für einen, der weder Wirthshäuser besucht, noch mit Taugenichtsen umgeht. O, solch ein junger Mann ist die Hoffnung seiner Eltern, die da wissen, daß er ein ordentlicher, ruhiger Mensch ist, und seine Professoren, die ihn nicht viel auf den Spaziergängen treffen und ihn nicht über die öffentlichen Plätze schwärmen oder an den Spieltischen sehen, sagen mit vielem Vergnügen: dieser junge Mann wird es noch weit bringen. – Er aber wartet und weicht nicht von seinem Fenster ... Aber auch hier, wie überall, schreitet man stufenweise vorwärts. Anfänglich ist es ein einfaches Lungern zur Erholung. Man guckt in den blauen Himmel, faßt einen Strohhalm ins Auge, bläst ein Federchen fort, betrachtet ein Spinngewebe oder spuckt auf einen bestimmten Pflasterstein. Solche Sachen nehmen ganze Stunden ein, je nach ihrer Wichtigkeit ... Auf der Straße endlich, da ist ein immer verschiedener, immer neuer Anblick: hübsche Milchmädchen, gravitätische Stadtbeamte, schelmische Schulbuben, Hunde, die knurren oder possirlich spielen; Ochsen, die Heu kauen und wiederkauen, während ihr Herr in der Schenke sitzt. Und glaubt ihr, wenn es regnet, verlöre ich meine Zeit? Nie habe ich mehr zu thun. Da sind tausend kleine Bäche, die zu dem großen Rinnstein fließen, dieser füllt sich, wächst, rauscht, und der Bach nimmt auf seinem Lauf allerhand Trümmer mit, die ich mit wunderbarem Interesse auf ihrem Hin- und Hertreiben begleite. Oder ein alter zerbrochener Topf versammelt die Flüchtlinge hinter seinem breiten Bauch und macht den Versuch, die Wuth des Gießbachs aufzuhalten. Steine, Knochen, Späne kommen herbei und verstärken sein Centrum, breiten seine Flügel aus; es bildet sich ein Meer, und der Kampf beginnt. Wenn dann die Lage im höchsten Grade dramatisch wird, nehme ich Partei und zwar regelmäßig für den zerbrochenen Topf; ich schaue in die Ferne aus, ob er Verstärkung erhält, ich zittere für seinen schwankenden rechten Flügel, ich schaudere für den linken Flügel, der schon durch einen dünnen Wasserstrahl untergraben ist, während der tapfere Veteran, von seinen besten Truppen umgeben, Stand hält, wenn er gleich bis zur Stirn im Wasser steht. Aber wer kann gegen den Himmel ankämpfen? Der Regen verdoppelt seine Wuth, und der Durchbruch – ein Durchbruch! Die Augenblicke, die einem Durchbruch vorangehen, zählen zu dem Köstlichsten, was ich von unschuldigem Vergnügen kenne ... Und das ist nur ein kleiner Theil der Wunder, die man von meinem Fenster aus sehen kann. Daher finde ich auch, daß die Tage recht kurz sind, und daß ich aus Mangel an Zeit Vieles verliere.«

Schon viele haben die Welt, die sie von ihrem Fenster aus zu erblicken vermocht, eingehend geschildert; aber nur zu oft ist das Stückchen Welt ein sehr kleines geblieben – ob das Fenster immer daran schuld war? Töpffer hat von dem seinigen aus jedenfalls weiter gesehen, und man wird zugeben müssen, daß in der liebevollen Betrachtung dieser kleinsten Einzelheiten, in dem genialen Griff, sie als Anknüpfungspunkte zu benutzen und aus den Theilchen das Ganze zu konstruiren, zur Erweiterung des eigenen Gesichtskreises ein Weg gewiesen ist, dem zu folgen auch für andere von Vortheil sein kann.

Es hat nichts Ueberraschendes, daß Töpffer zu dem geistreichen Xavier de Maistre in ein freundschaftliches Verhältnis trat, hat doch des letzteren »Reise um mein Zimmer« so viel verwandte Züge mit der Manier des Genfer Dichters. Durch ihn sah er seine Strebungen auch wesentlich gefördert, da de Maistre den Herausgeber eines Pariser Journals veranlaßte, sich von Töpffer einige Novellen zu erbitten. So entstanden die später unter dem Titel »Genfer Novellen« gesammelten kleinen Stücke, die an Liebenswürdigkeit der Darstellung alle gleichwerthig, je nach den Charakteren und der Verwickelung der Situation mehr oder minder interessant sind. Manche der darin enthaltenen Motive wurden inzwischen wiederholt von anderer Seite benutzt und vielleicht durch Anwendung grellerer Farben dem Geschmack unserer Zeit mehr angepaßt, so daß die Originale etwas ins Hintertreffen geriethen; interessant bleiben sie aber immerhin wegen der trefflichen Schlaglichter, welche sie auf den Gedankengang des Verfassers werfen. Und Töpffer tritt uns auch in diesen Schriften als eine zu scharf umrissene und entwickelte Persönlichkeit gegenüber, als daß es sich nicht verlohnte, den eigentümlichen Ansichten, welche er über dies und jenes äußert, vorübergehend nachzudenken. Sätze, wie die folgenden, haben wohl Anspruch darauf. »Eine Musik übt nicht auf alle, die sie vernehmen, eine gleiche Gewalt. Die Beredsamkeit der Töne ist allerdings mächtig, jedoch etwas unklar, sie regt das Herz auf, aber sie vermag es weder zu regeln, noch zu beherrschen; während sie dem einen zur Hymne des Jubels und Glücks wird, ist sie für den andern gleichsam ein Aufschrei des Schmerzes, der zerschellte Hoffnungen, zerschlagene Freuden beschwört.« Beherzigenswert für Mütter, die ihre Söhne zu verziehen im Begriffe stehen, ist die folgende Stelle, welche zugleich als Muster für die zuweilen aufflackernde Ironie des Dichters gelten kann. »Meine Tante Sara ist eine vortreffliche Dame, jetzt bei Jahren; sie hat in ihrem Leben nur ein einziges Unglück erfahren, den Verlust ihres Gatten, vor vierzig Jahren, nach dreimonatlichem Glück ohne Beimischung, wie sie selbst naiv sagte. Sechs Monate nach diesem Trauerfall gebar sie einen Sohn, auf den sie nun alle ihre Liebe übertrug. Dieser Sohn ist mein Vetter Ernst, den sie erzog, wie eine zärtliche Mutter, die in ihrer Jugend Lehrerin war, den einzigen und obendrein nachgebornen Sohn erzieht. Vom frühesten Alter an sorgfältigste methodische Ordnung, Anleitung zu Anstand und Artigkeit. Später zur Bildung des Herzens Sprüche, Sentenzen, Moral in Beispielen, bestraftes Laster, belohnte Tugend. Noch später zur Bildung des Geistes Regeln der Höflichkeit, der Geselligkeit und von der ersten Jugend an Handschuhe, Spazierstöckchen, Frack, auswärts gesetzte Füße und entsprechende Sitte. Noch später – nichts. Mit fünfzehn Jahren war mein Vetter Ernst ein gemachter Mann, ein vollkommener Mann, ein Musterbild, die Lust seiner Mutter und daneben die Lust einiger lustiger, spöttischer Kameraden, deren Ton meine Tante abscheulich fand. Gegenwärtig ist mein Vetter Ernst noch immer der Einzige, Nachgeborne, ein gesetzter, schmucker Hagestolz, der Nelken aufzieht, Tulpen begießt und alle Tage in die Stadt geht, im Sommer um acht Uhr, im Winter um Mittag, um die Zeitung aus zweiter Hand zu holen und bei der Bücherverleiherin den ersten Band des Romans, den meine Tante liest, gegen den zweiten auszutauschen. Wenn die Wege naß sind, zieht er Korkschuhe an, sind sie staubig, trägt er Schuhe von Saffian, regnet es oder sieht der Barometer nur bedrohlich aus, so nimmt er Platz im Omnibus.« Ein Vetter, vor dem es jedem anderen Vetter angst und bange werden könnte!

Die Zöglinge, welche seiner Pflege unterstellt wurden, erzog Töpffer anders; zur Stärkung ihrer Muskulatur und ihres Wesens führte er sie Jahr für Jahr während der Ferien hinaus auf die Alpen. Diese Ausflüge beschrieb er und ließ sie später als »Reisen im Zickzack« mit eingefügten kleinen Bildern erscheinen. Sie fanden zur Zeit vielen Beifall; eine deutsche Übersetzung ist bis jetzt noch nicht bekannt geworden, was wohl darin seinen Grund hat, daß sie nur den Verlauf der Ausflüge chronologisch, wenn auch reich ausgestattet mit scherzhaften Bemerkungen behandelten. Da eben nur dieser Verlauf, bei welchem selbstverständlich nennenswerthe Zwischenfälle ausgeschlossen waren, erzählt wird, so fehlt das künstlerische Moment der Steigerung und des Abschlusses, die Koncentration des Interesses auf einen Mittelpunkt; dafür können die lustigen Ausfälle gegen die Alpenwirthe, welche die Reisenden prellen wollten, und verschiedenes andere, was zur Belebung der Schilderung versucht wird, nicht entschädigen.

Auf einem dieser Ausflüge (im Jahr 1840), deren ständige Begleiterin Töpffers Frau war, lernte er Zschokke kennen und gewann an ihm einen Freund, der seine »Genfer Novellen« auch in Deutschland empfahl.

Das umfangreichste Werk Töpffers ist ein Roman in fünf Büchern, »Das Pfarrhaus«, gleichwohl eine Dichtung von kurzem Inhalt, dessen Darstellung nur deshalb so angeschwollen, weil der Verfasser die ganze Handlung in ununterbrochener Reihenfolge durch Briefwechsel zwischen den verschiedenen betheiligten Personen sich abwickeln läßt. Auf den ersten Blick möchte man versucht sein, dieser Art einen Vorzug vor der gewöhnlichen Form der Erzählung einzuräumen, weil sie eine besonders lebhafte und ursprünglichen Charakteristik der Individualitäten ermöglicht; leider hat aber auch ein Meister wie Töpffer die Federn der Briefschreiber nicht zu zügeln vermocht, und so schön alles gesagt ist, so weit geht es oft über das Bedürfniß des Lesers hinaus, den das wunderbare Feuer, welches zwei junge Liebende in ihrer Korrespondenz entwickeln, deshalb nicht immer interessiren kann, weil es den Fortschritt der Handlung empfindlich hemmt. Ein Briefwechsel in so abgerundeter Form läßt die Lebendigkeit des Drama's nicht zu, in welchem der Konflikt den Funken aus dem Charakter herausschlägt. Wie sich die Feder des Briefschreibers ins Gefühl hineinmengt, ist es mit der Kürze, deren der Dichter bedarf, vorbei, aus dem Funken wird ein Ofen voll glühender Kohlen.

Es läßt sich unschwer herausfühlen, welche Weite die Imagination des Verfassers bei der Dichtung des »Pfarrhauses« geleitet, einestheils »Paul und Virginie«, anderntheils das ewig merkwürdige Denkmal einer gewaltigen Liebesleidenschaft, der Briefwechsel Abälards mit Heloisen. Jedoch ist der jüngere Roman von seinem Vorgänger auch wieder wesentlich unterschieden, denn der Verfasser war eine viel zu gesunde Natur, die Rührung des Lesers um jeden Preis zu erkaufen; er hütete sich wohl davor, die Brutalität der Elemente zu Hülfe zu rufen, wie St. Pierre gethan, und durch sie den Helden recht elend zu machen. Das Zwerghafte der menschlichen Konstitution zeigt sich nie deutlicher, als wenn solch ein armes Wesen in die Aufregung der Elemente hineingeräth. Anders ist es, wenn die Elementarkräfte der Menschenseele in Kampf gerathen, wenn in diesem Kampfe der Wille die Vernunft überwindet und die guten Eigenschaften, durch eine verkehrte Ansicht irre geleitet, dem Wesen selbst wie seinen Nebenwesen zum Unglück gereichen. Den Fall hat Töpfer aufgegriffen, indem er den gewaltthätigen und für Abälard so verhängnißvollen Oheim Heloisens, Fulbert, in einer gemilderten und veredelten Form als Agens in die Mitte der Handlung stellte. Diese Figur ist Reybaz, der Kantor eines kleinen Dorfs in der Nähe von Genf, ein strenger und eigensinniger, einem schlimmen Vorurtheil ergebener, aber dabei rechtlicher Mann. Vor siebenzehn Jahren etwa, um dieselbe Zeit, als seine unvergeßliche Frau Therese ihm die nun zur Jungfrau herangeblühte Tochter Luise geboren und in diesem Wochenbette gestorben, wurde im Pfarrhof ein Knabe ausgesetzt, den der Pfarrer Prévère zu seinem Sohne machte. Beide Kinder bildet er in gemeinschaftlichem Unterrichte, und aus ihren gemeinsamen Spielen entwickelt sich die Liebe, deren Basis hier in der Noblesse der Gemüther liegt. Luisens Vater entdeckt, welche Beziehungen sich zwischen Karl, das ist der Name des Findlings, und dem Mädchen angesponnen haben; ein wahrer Fanatiker der Legitimität, will er unter keinen Umständen einen Findling als Schwiegersohn, denn dieser Makel auf der Abstammung scheint ihm das Schrecklichste unter den möglichen Schrecklichkeiten. Er veranlaßt deshalb den Herrn Prévère, den Jüngling zu entfernen, um durch die Trennung der beiden Liebenden eine Lösung des Verhältnisses herbeizuführen. Prévère gibt nach und schickt Karl nach Genf auf die Hochschule. Am folgenden Sonntag aber redet er während der Predigt seinen Bauern ins Gewissen, daß sie trotz all seiner Bemühungen, ihre Moral zu korrigiren, von dem barbarischen Vorurtheil nicht lassen wollen, womit sie Karls Jugend gekränkt, daß sie den Unglücklichen noch unglücklicher machen, indem sie ihn beschimpft, entmuthigt sich eine andere Heimat suchen lassen. Die Predigt greift den Kantor Reybaz so ans Herz, daß dieser sofort an Karl einen Brief schreibt und ihm darin seine Einwilligung zu dem Verlöbniß mit Luisen ertheilt. Karl ist von Herrn Prévère bei einem Amtsbruder, Dorvey, in Genf in Pension gegeben worden, wo er liebevolle Aufnahme findet. Der Portier des Hauses, Champin, ein niederträchtiges Subjekt, übrigens ein alter Bekannter von Reybaz, wirft einen Haß auf den jungen Studenten, weil dieser einmal, und zwar ganz im Anfang seines Genfer Aufenthalts, das Unglück hatte, beim Begießen der Blumen an seinem Fenster die weiße Nachtmütze des unten faulenzenden Cerberus mit zu begießen. Das ist für den gehässigen Charakter Champins genug, um den alten Kantor mit Briefen zu bestürmen, welche ihn gegen den Findling (hinter dieses Geheimniß ist die Spürnase auch gekommen) aufstacheln sollen. Nachdem er erfahren, ein Herr de la Cour, der Besitzer des Herrenhauses in Prévère's Dörfchen, habe sich einst um Luisen beworben, sei von dem Vater Reybaz seines leichtfertigen Lebenswandels wegen abgewiesen worden, aber von der Neigung zu dem schönen Mädchen keineswegs geheilt, drängt er sich an den Herrn heran und sucht zugleich Reybaz für das Projekt eines Ehebündnisses zwischen Luisen und de la Cour – von dessen Ausführung er einen Gewinn für sich selbst hofft – zu interessiren. Hand in Hand mit diesen Bemühungen gehen seine Verdächtigungen Karls, mit welchen er den Kantor unaufhörlich stachelt, indem er jedem Schritte des Studenten eine diesen kompromittirende Deutung gibt. Als gar der junge de la Cour und Karl sich in einer Abendgesellschaft treffen, der erstere seinen glücklichen Nebenbuhler durch eine hämische Bemerkung beleidigt und in dem darauf folgenden Duell Karl einen Degenstich erhält, öffnet Champin in seinem Brief an Reybaz alle Schleußen seiner verleumderischen Beredsamkeit, um den Verwundeten als elenden Raufbold hinzustellen. Reybaz glaubt der Verdächtigung und sieht seine ursprüngliche Vermuthung, daß der Findling von schlechten Eltern abstamme und einen schlechten Charakter von ihnen ererbt haben müsse, bestätigt. Er hebt die Verlobung auf. Die beiden jungen Leute fügen sich in den unbeugsamen Beschluß, Luisens Gesundheit wird jedoch von der Gemüthsaufregung angegriffen; immer mehr – trotzdem ihr kindlicher Gehorsam unerschüttert bleibt – verfällt ihr Körper den Einwirkungen des nagenden Kummers, und als der wohlmeinende Freund aller, der Pfarrer Prévère, der bis dahin die väterliche Autorität und Autonomie respektirte, unter Hinweis auf die Lebensgefahr, in welcher sich die Tochter befinde, den Vater endlich zum Nachgeben bestimmt, schleppt die gehässige Zudringlichkeit Champins die Beweisstücke herbei, woraus hervorgeht, daß Karl der Sprosse einer wilden Verbindung sei, die ein vagabundirender Zuchthäusler mit einer Dienstmagd eingegangen. Damit ist Reybaz Nachgiebigkeit sofort vernichtet, er will den vermeintlichen Schandfleck, der an Karl durch seine Geburt haftet, nicht seiner ehrlichen Familie aufladen und zieht seine Einwilligung wieder zurück. Daß seine Tochter an ihrem Kummer um das versagte, ihm so wenig werth erscheinende Glück zu Grunde gehe, gilt ihm für das geringere Uebel. Erst nach Monaten, als die Rettungslosigkeit ihres Zustands – er hatte noch immer gehofft und war von Champin in seiner Hoffnung bestärkt worden – ihm zur Gewißheit wird, überwindet die seiner väterlichen Liebe doch furchtbar werdende Aussicht auf das offene Grab seiner zärtlich verehrten Tochter seinen Abscheu gegen den Findling. Es ist zu spät, Luise stirbt in den Armen Karls, und Reybaz, dem nun die Augen über den Werth von dessen Charakter aufgehen, überlebt sie nur um wenige Monate und verläßt die Welt, nachdem er sich mit dem, den sein instinktiver Haß so lange verfolgt und so schwer getroffen, in ehrlicher Liebe ausgesöhnt.

So wenig angenehm uns die Gestalt des Starrkopfs anmuthet, so enthält sie doch einige heroische Momente und dadurch eine Fassung, die sie weit über das Gewöhnliche erhebt, und dieser Heroismus verliert an Effekt nichts dadurch, daß er zu Gunsten eines Vorurtheils geübt wird. Der Kantor weiß, daß er sein Liebstes opfert; aber er opfert es zunächst für etwas, das ihm über alles geht, er opfert es der Ehre seiner Familie, dann der Ueberzeugung, daß seine Tochter an der Seite eines Findlings dem Unglück verfallen sei, im Grunde aber nur seinem eigenen Aberglauben, der einem solchen Findling alle Befähigung abspricht, ein tüchtiger Mensch zu sein. Das ganze Buch ist ein Loblied auf den Heroismus der Entsagung. Wie Reybaz Verzicht darauf leistet, sein eigenes Glück durch Nachgiebigkeit gegen die Wünsche seiner Tochter zu begründen, so entsagt der ehrwürdige Pfarrer der Hoffnung, die beiden Wesen, welche er so sehr liebt, vereinigt zu sehen, Karl und Luise tragen ihre Last mit Resignation, und der junge de la Cour erschießt sich sogar, nachdem er vergeblich versucht hat, bei lebendigem Leib den Nichtbesitz Luisens zu ertragen. In diesem Sinne schreibt Prévère an Karl: »Wisse, daß, wenn ein Unglück groß ist, das erste und einzige Heilmittel dagegen das ist, daß Du Dich mit Würde darein ergibst und in der Erfüllung der Pflichten, die Dir verbleiben, oder die es im Schooße trägt, fortschreitest«. – Einen gleichen Appell an den Heroismus der Entsagung enthält einer seiner Briefe an Luise: »Bei schönen Seelen bringt die Prüfung das ans Licht, was das Glück vergraben gelassen hätte; sie erläßt ihren Aufruf an schwere Tugenden, und die Tugenden entsprechen demselben«. Der Kantor dagegen äußert sich Herrn Prévère gegenüber: »Ich werde am Tage des Gerichts zu denjenigen gehören, die gekämpft, aber es zu nichts gebracht haben«.

Eine Kritik des ganzen Romans liegt in den Worten, mit welchen Luise den Eindruck schildert, den »Paul und Virginie« auf sie gemacht haben: »Gut schreiben, das heißt: solche Dinge schreiben, wie sie in diesem Buch stehen, Dinge, welche die Herzen anziehen, Dinge, welche alle Welt gewinnen, was, wie mich dünkt, ein himmlisches Vergnügen sein muß ... Ich sehe hierbei nur eine Schattenseite, daß man nämlich, wenn man aus diesem Entzücken herauskommt, die Welt recht trüb und düster finden muß.« Der Verfasser hat es vielleicht nicht beabsichtigt, aber als der Plan einmal gefaßt war, hat er es ebensowenig wie St. Pierre vermeiden können, ein Gemälde zu entwerfen, welches die Ansichten des Pessimismus unterstützt.

Der Roman erschien 1839. Wie er sich an »Paul und Virginie« anlehnt, so trägt das letzte Werk Töpffers: »Rosa und Gertrud« die deutlichsten Spuren an sich, daß die erste Idee dazu durch Goldsmiths »Landprediger von Wakefield« angeregt wurde. Es sind dieselben Charaktere, dieselben Motive. Aus dem Doktor Primrose ist der liebenswürdige Pfarrer Bernier, Olivia ist zur Rosa, Sophie zur Gertrud geworden, und selbst der Lüstling Thornhill fehlt nicht, wenn er auch hier Graf Ludwig heißt. Aber die Figuren sind anders gruppirt, und die Lösung des Knotens erfolgt nicht in der allgemein glückbringenden Weise wie in Goldsmiths Novelle. Der Tod, der Retter in allen solchen Nöthen, muß als Versöhner eintreten und wird hier allerdings den an ihn gestellten Anforderungen vollauf gerecht. Die längst geknickte Blüthe, die er vom Stengel wegnimmt, legt er im Reich des ewigen Friedens nieder.

In »Rosa und Gertrud« wurde bei der Komposition Licht und Schatten energischer vertheilt als im »Pfarrhaus«. Die Gestalten sind nicht so sehr in das düstere Grau des Kummers getaucht, der Schmerz in seiner ganzen Herbheit folgt erst auf den Genuß, drum erscheint der Tod als ein Erlöser, während er im »Pfarrhaus« als ein rechter Zerstörer auftritt, der in dem Moment, wo er die Hoffnung auf das Glück zertrümmert, die ganze Zukunft vergiftet.

Goethe stellte in seiner Abhandlung über epische und dramatische Dichtung den Satz auf, der Erzähler sollte als ein höheres Wesen in seinem Gedicht nicht selbst erscheinen; Töpffer hat sich jedoch in keiner einzigen seiner Erzählungen an diese Regel gehalten, vielmehr tritt in allen der Erzähler in Person vor. Dadurch wird eine gewisse Zuverlässigkeit des Berichts erzielt, denn der Leser sieht sich dem Erzähler unmittelbar gegenüber und glaubt von Vorgängen zu hören, die dieser selbst erlebt, selbst gesehen hat; überdies ergibt sich daraus eine außerordentliche Lebendigkeit des Vortrags, weil es dem als Augenzeuge Berichtenden nicht übel genommen wird, wenn er seine eigenen Gedanken und scherzhaften Anschauungen über den Gang der Sache einflechtet. Unter dieser Form war es dem Dichter möglich, seiner geistigen Lebhaftigkeit, die nach den Berichten seiner Zeitgenossen auch seine mündliche Unterhaltung so interessant machte, Genüge zu thun.

Töpffer, der Form nach durchaus Franzose, entfaltete in seinen Schriften eine tiefinnige Gemüthlichkeit, welche auf seine Abstammung von deutschen Vorfahren hinweist. Hatten sich seine ersten Schilderungen durch köstliche Laune, joviale Auffassung des menschlichen Lebens, durch heitere und gutmüthige Geißelung der menschlichen Schwächen und Thorheiten ausgezeichnet und ihm dadurch den Namen des Genfer Demokrit erworben, so tritt dieser Zug bei seinen späteren Arbeiten in den Hintergrund und macht einer ernstern Stimmung Platz, in welcher vorzüglich ein religiöses Element überwiegende Geltung erlangt. Seine frühere Laune ist in ein warmes Mitgefühl für die leidende Menschheit übergegangen, und wie jene nie in Hohn umschlug, so steigerte sich sein späterer Ernst nie zu jener finstern Bigotterie, die das Leben nur von seiner schwärzesten Seite erfaßt.

Der berühmte Kritiker Sainte Beuve, der nebst dem Maler Calame und dem bereits erwähnten de Maistre zu den näheren Freunden des Dichters gehört, schickte der Ausgabe des Romans, die erst nach Töpffers Tod erfolgte, einige biographische Notizen voraus, denen nachfolgende Einzelheiten entnommen sind.

Töpffers Gesundheit war immer eine kräftige. Anfangs der vierziger Jahre begann sie zu verfallen, ohne daß er sich selbst über die Gründe ganz klar wurde, die er meist in dem gesteigerten Schwächezustand seiner Augen vermuthete; dies beunruhigte ihn. Im Jahr 1842 machte er mit seinem Pensionat die letzte große Alpenreise auf den Mont Blanc; er ahnte, daß er den Reisestock nicht noch einmal für eine so weite Tour zur Hand nehmen werde. Im Jahre darauf schreibt er an Sainte Beuve: »Denken Sie sich, wie unglücklich ich bin, seit beinahe einem Jahre dazu verurtheilt, fast nichts zu lesen und zu schreiben, meiner Augen wegen. Ich gebe nur noch Unterrichtsstunden; es ist keine üble Art, die Zeit todt zu schlagen, aber auch weiter nichts. Ich hätte fast Lust, rauchen zu lernen; man behauptet, daß, in diese duftenden Wolken eingehüllt, die Stunden unbemerkt verfließen, und wenn man erst einige Fertigkeit darin erlangt habe, werde man so phlegmatisch wie ein Türke. Sie rauchen sicherlich nicht, sonst würde ich Sie gebeten haben, mir gerade heraus zu sagen, was von dieser Doktrin zu halten ist ...«

Den Winter über speiste Calame Sonntags bei ihm, und nach Tisch entspann sich dann zwischen den Künstlern, denen sich zuweilen auch noch der hochbetagte Vater Töpffers, ein noch immer begeisterter Jünger der Kunst, zugesellte, ein wahrer Wettkampf im Hinwerfen von Bleistiftskizzen und Tuschzeichnungen, so daß im Laufe des Abends eine Reihe lebensvoller Bilder entstanden. Im Jahr 1844 wurde Töpffers Krankheitszustand bedenklich; er begab sich, sobald er seinen in Einem Zuge niedergeschriebenen letzten Roman vollendet, nach Lavey ins Bad, die Kur blieb jedoch ohne Erfolg. Er wurde immer schwächer und magerer, eine starke Leberanschwellung stellte sich ein, und nun reiste er eiligst nach Vichy ab, in der Hoffnung, dort Heilung zu finden. Auch während dieser Krankheit bewahrte er seinen Humor; zwischen zwei Klagerufen wußte er immer einen jener witzigen Einfälle einzuflechten, die ihn als einen ganz aparten Menschen kennzeichneten. Jedes Wort in seiner Unterhaltung hatte seine Spitze, aber seine Scherze waren überaus gutmüthig und niemals beleidigend. Das Ende des Aufenthalts in Vichy war traurig, die Rückkehr elend; übrigens schien sich der Kranke nach einigen Tagen zu erholen. Nun warf er sich mit Eifer auf die Arbeit und setzte seine »Abhandlung über das Tuschzeichnen« fort; darüber verging der Herbst und Winter (1845-46). Bei Eintritt des Frühlings gab er schweren Herzens sein Pensionat auf und siedelte nach Mornex über, um sich auf eine zweite Reise nach Vichy vorzubereiten. Vor seiner Abreise hatte er den Kummer, seine alte Mutter sterben zu sehen. Nach seiner Rückkehr von Vichy fand er sich außer Stand, zu schreiben oder zu zeichnen; da griff er noch einmal nach der Kunst, der er sich einst hatte widmen wollen, aber entsagen mußte. Er brauchte seine Augen ja nicht mehr ängstlich zu schonen, was ihn erwartete, wußte er längst. Auf die Lehnen seines Sessels gestützt, eine kleine Staffelei vor sich, malte er mit Eifer zum erstenmal wieder seit den wenigen Versuchen, die er in seiner Jugend gemacht hatte, in Oel; es waren die letzten Augenblicke des Glücks in seinem Leben. Calame gab ihm Rathschläge bei der Arbeit, und die ziemlich zahlreichen kleinen Gemälde, die er während kaum zwei Monaten ausführte, bekundeten, daß diese Kunst sein eigentlicher, innerster Beruf war. Bald hörte auch dieses letzte Mittel der Zerstreuung auf, die Kräfte nahmen mit reißender Schnelligkeit ab; am 8. Juni 1846 trat der Tod ein; drei Tage später schritt der Leichenkondukt »auf jene letzte Allee großer Buchen zu, welche nach dem Friedhofe führt«. Die Natur hatte dem greisen Vater den Schmerz nicht erspart, den Tod des Sohnes zu erleben.

Die letzten Lebensjahre waren dem Dichter außerdem durch die Wirren verbittert worden, welche die Bürger seiner von ihm so sehr geliebten Vaterstadt entzweiten. Ein entschiedener Gegner der am 3. März 1841 konstituirten radikalen Partei, war er für seine konservative Gesinnung auch mit der Feder eingetreten, seine Aufsätze erschienen im »Genfer Courier«. Die Revolte des Oktober, in welcher sich die Bürger mit den Waffen in der Hand gegenüberstanden, und die mit einer Niederlage der konservativen Partei endigte, hat er nicht mehr erlebt.

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