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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 56
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Venus.

Nach der bestimmten Aussage gründlicher Gelehrten, namentlich des Cincius und Varro, kam der Name der Venus weder in den Saliarischen Liedern noch sonst in den öffentlichen und priesterlichen Urkunden der Königszeit vor (Macrob. S. I, 12, 12), so daß also eine Göttin dieses Namens in Rom d. h. von Staatswegen erst später verehrt worden wäre. Indessen ist ihr darum ein höheres Alterthum keineswegs abzusprechen. Sie konnte unter einem andern Namen oder sie konnte bei den Latinern früher als in Rom verehrt werden; denn Venus ist eben nur ein Name unter den verschiedenen, welche dieser Göttin des Frühlings und der sprossenden und treibenden Vegetation beigelegt wurden, und grade bei den Latinern scheint ihr Cultus in vielen und verschiedenen Formen verbreitet gewesen zu sein, wie der der Feronia bei den Sabinern und verwandten Völkern. Und zwar wurde sie bei den Latinern und von daher auch in Rom seit alter Zeit nicht blos in der nächsten Naturbedeutung und in der einer Liebesgöttin des Geschlechts verehrt, sondern auch in der einer Vereinigung und Verbündung überhaupt, gesellige und bürgerliche Stiftenden, wodurch sie die höhere Bedeutung einer Concordia annahm, welche in späteren Zeiten gewöhnlich statt ihrer genannt wird. Daher die besondre Wichtigkeit dieses Cultus für den latinischen Bund, welches wieder zur Folge hatte daß mit der Zeit eine gleichartige Göttin des Auslandes, ich meine die griechische und orientalische Aphrodite, von Sicilien und dem südlichen Italien her mit dieser älteren latinischen und italischen Venus verschmolzen und auf diesem Wege zugleich die Sage von Aeneas, dem troischen Helden, dem Sohne der Aphrodite des Idagebirges, in die Traditionen des latinischen Bundes hinübergezogen wurde.

383 Auch der Name Venus ist altitalisch, da er sich aus der Wurzel ven erklärt, welche lieben, begehren, günstig sein bedeutet, derselben Wurzel von welcher wahrscheinlich auch οι̃νος, vinum, Wein abzuleiten istKuhn in d. Zeitschr. f. vergl. Sprachf. 1, 191, 2, 461.. Vana ist im Sanskrit lieblich, angenehm, vanas Reiz, Lieblichkeit, das lateinische venustas, und auch im Altnordischen ist vaen i. q. venustus, pulcher, daher vermuthlich die Vanen der altnordischen Mythologie ihren Namen haben. Also ist Venus die schöne, liebe Frau des Frühlings, aller Blüthen, alles Naturreizes, wie Flora, Feronia, Libera und andre Göttinnen der Art. In Rom hieß sie, wie es scheint bevor der Name Venus der allgemeine wurde, Murcia, welches mit mulcere zusammenhängt, und Cloacina und Libitina, welche Namen durch gleichfalls altlatinische Wortstämme andre Beziehungen ihres Dienstes ausdrücken. Bei den oskisch redenden Völkern hieß sie HerentatisMommsen unterital. Dial. S. 263. Herius und Herennius, zwei bei den Samnitern sehr beliebte Namen stammen eben daher, auch die Herie Iunonis und die Hersilia Quirini, s. oben S. 245. 328., welcher Name mit dem Worte herest d. i. volet und der Sanskritwurzel hr d. i. nehmen zusammenhängt, also eine Göttin des Verlangens, wie Voluptas und Volupia, Volumnus und Voleta, welche Namen in den Indigitamenten vorkamen und theils von velle theils von volupe abzuleiten sind. Auch der Name Cupido, den man später für den griechischen Eros wählte, gehört in diese Reihe. Die oskische Herentatis aber hilft uns zugleich zur näheren Bestimmung der latinischen Quellen und Bundesgöttin Ferentina, die auch nichts weiter als eine eigenthümliche Form der Venus gewesen sein kann; bekanntlich war ihr Hain (lucus Ferentinae) und ihre Quelle (caput Ferentinae) in dem anmuthigen Thale von Marino unter Alba Longa der Ort, wo wenigstens seit der Organisation des latinischen Bundes durch die Tarquinier die Bundesversammlungen gehalten wurdenLiv. I, 50–52. Bei Liv. II, 28 heißt es ad caput Ferentinum. H und F wurden in den italischen Dialekten oft verwechselt.. Der Name muß im alten Italien sehr verbreitet gewesen sein, da verschiedene Städte desselben Namens vorkommen, bei den Etruskern, den Hernikern und in ApulienDas Ferentinum der Herniker zahlte später zu Latium und hatte für dieses eine volksthümliche Bedeutung, s. Ribbeck Com. Lat. p. 125. Aus Ferentinum in Etrurien, welches in der Gegend von Viterbo lag, stammten die Vorfahren des Otho, s. Sueton Otho 1 und Dennis die Städte und Begräbnißpl. Etruriens S. 136. Ferentum oder Forentum in Apulien wird b. Horat. Od. III, 4, 16 erwähnt, vgl. Diod. XIX, 65.. 384 Als latinische Bundesgöttin begegnet uns Venus aber auch in Ardea und Lavinium, also in der wichtigen Gegend, in welche die gewöhnliche Tradition den Ursprung des Bundes und seine ältesten Heiligthümer verlegte. Sowohl in der alten Bundesstadt Lavinium als in der Nähe von Ardea gab es ein Heiligthum der Venus, bei dem die Latiner in gemeinen Angelegenheiten zusammenzukommen pflegtenStrabo V p. 232 ανὰ μέσον δὲ τούτων τω̃ν πόλεων εστι τὸ Λαουίνον έχον κοινὸν τω̃ν Λατίνων ιερὸν ’Αφροδίτης, επιμελου̃νται δ' αυτου̃ διὰ προπόλων ’Αρδεα̃ται· ει̃τε Λαύρεντον· υπέρκειται δὲ τούτων η ’Αρδέα, κατοικία ‛Ρουτύλων. – έστι δὲ καὶ ταύτης πλησίον ’Αφροδίσιον, όπου πανηγυρίζουσι Λατι̃νοι. Plin. III, 5, 9 Ardea,– dein quondam Aphrodisium., und zwar scheint sich hier zuerst der Cultus und der Name der griechischen Aphrodite von Sicilien her und in Begleitung der Aeneassage eingemischt zu habenSolin 2, 14 nach Cassius Hemina: Aeneam aestate ab Ilio capto secunda Italicis littoribus appulsum, ubi dum simulacrum, quod secum ex Sicilia advexerat, dedicat Veneri Matri, quae Frutis dicitur, a Diomede Palladium suscipit. Paul. p. 90 Frutinal templum Veneris Fruti. Servius V. A. I, 720 Dicitur et – Erycina, quam Aeneas secum advexit. Die wahrscheinlichste Erklärung jener Venus Frutis ist die Scaligers, daß das Wort aus dem griechischen ’Αφροδίτη verdorben sei., welche Vermischung uns nicht abhalten darf an eine ältere latinische Venus beider Stätten zu glauben. Auch in Alba Longa und in Gabii muß die Venus seit alter Zeit verehrt worden sein, da die Venus von Alba wesentlich zu den gentilen Traditionen des Albanischen Geschlechtes der Julier gehört, die Venus Gabina aber, ein alter Sproß des Albanischen Dienstes, unter den angeseheneren Culten von Latium und Rom genannt wurdeOr. n. 1367. 1368. Die Gabinische Venus ist die der Antestier d. h. die auf den Münzen dieser Familie, vgl. Klausen Aeneas S. 730..

Jene Angabe, daß Aeneas ein Bild seiner Mutter aus Sicilien mit sich an die latinische Küste gebracht habe, bezieht sich auf ein altes Cultusbild, welches aus der Gegend des Berges Eryx stammen und für Ardea und Lavinium eine ähnliche Bedeutung haben mochte wie das bekannte Palladium in Rom und Lavinium, sammt andern Götterbildern ältester Fabrik und Herkunft, welche den Eintritt der Idololatrie nach dem Muster der griechischen Holzbilder verrathen (S. 136). Eine Einwirkung des griechischen und phönicischen Aphroditedienstes hatte ohne Zweifel schon früher stattgefunden, da diese Göttin unter ihren übrigen Eigenschaften auch als mächtige Schutzgöttin zur See verehrt wurde und ihr Cultus eben deshalb über die verschiedenen Küsten des 385 mittelländischen Meeres und seiner Nebenmeere sich rasch verbreitete. Namentlich scheint die Erycinische Venus auf Sicilien, welche zu dem Geschlechte der von Phönicien und Kleinasien her verbreiteten Dienste der Venus Urania gehörte und in dieser westlichen Gegend einen ähnlichen Mittelpunkt von Sagen und Filialculten bildete wie die Venus von Kythere an der südlichen Küste des Peloponnes, die von Paphos in den Umgebungen von Cypern, auch in Italien von den Griechen und Etruskern sehr zeitig anerkannt und vielfach angebetet worden zu seinVgl. Mommsen Unterital. Dial. S. 142 und Gerhard Gottheiten der Etrusker S. 38. 40. Eine Inschr. aus Potenza in Lucanien: Veneri Erycinae Sacr. Oppia M. Liberta Restituta etc. bei Mommsen I. N. n. 374, Henzen n. 5677. Opfertisch der Venus Erycina mit oskischer Aufschrift aus Herculanum bei Mommsen Unterit. Dial. S. 179. Campanischer Ziegel mit der Inschr. VENERVS HERVC bei Marini Atti p. 418. Etrusk. Inschr. Mi Venerus finucenas in der Vaticanischen Bibliothek. Der etruskische Name Turan scheint der Urania zu entsprechen wie Turms dem Hermes. Außerdem finden sich auf etruskischen Denkmälern die Namen Thalna und Malacisch für Venus. Der letztere könnte dem lateinischen Murcia entsprechen.. Was namentlich diese letzteren betrifft, so beweisen nicht allein die verschiedenen einheimischen Namen, mit denen die Liebesgöttin auf den etruskischen Denkmälern benannt wird, sondern auch der außerordentlich große Vorrath etruskischer VenusbilderGerhard über Venusidole, S. 6., welche bald mit dem Attribute des Apfels oder der Blüthe, bald mit dem eines Ei's oder mit dem der brünstigen Taube, oder mit einem Myrtenzweige, einem Balsamgefäß u. s. w. ausgestattet und immer langbekleidet, ausnahmsweise auch beflügelt oder strahlenbekränzt sind, daß der Cultus dieser Göttin und ihrer verschiednen Formen von der Pandemos bis zur Urania bei diesem Volke einen sehr fruchtbaren Boden gefunden hatte.

In Rom gab es drei Heiligthümer der Venus, welche für alt gelten dürfen, das der Murcia, das der Cloacina und das der Libitina. Der Name Murcia hängt mit mulcere in dem Sinne von erweichen zusammenKlausen Aeneas S. 733. Eben dahin gehört murcus und murcidus, s. Serv. V. A. VIII, 636 und Augustin C. D. IV, 16 Deam Murciam quae praeter modum non moveret ac faceret hominem, ut ait Pomponius, murcidum i. e. nimis desidiosum et inactuosum. Dem Sinne nach ist Murcia also identisch mit der Libentina und Volupia., welches Wort auch dem Mulciber d. i. Volcanus seinen Namen gegeben hat, obwohl man später meist Murtea schrieb und die so benannte Venus für die Myrtengöttin 386 hielt. Ihr Heiligthum hieß im gewöhnlichen Sprachgebrauch das der Murcia schlechthin: mithin kann der vollständigere Name Venus Murcia erst später aufgekommen sein. Es lag am Abhange des Aventin, nahe am hintern Ende des Circus Maximus, dessen Localitäten in dieser Gegend oft danach benannt werden; ja der Name der Murcia hatte sich auch auf den Aventin und das ganze dort gelegene Stadtquartier ausgedehntVarro l. l. V, 154 Intumus Circus ad Murcim vocatur etc. Vgl. die Metae Murciae bei Tertull. de Spectac. 8 Murciam enim deam amoris volunt, cui in illa parte aedem vovere d. h. am südlichen Ende des Circus, keineswegs im Circus selbst, und Paul. p. 148 und Serv. V. A. VIII, 636, nach welchen der benachbarte Abhang des Aventin ehedem Murcus und das Circusthal die Vallis Murcia geheißen hatte. Die Aussprache schwankte zwischen Murtea und Murcia, s. Varro l. c, Plin. XV, 29, 36, Plut. Qu. Ro. 20., so daß dieses Heiligthum also jedenfalls ein sehr angesehenes war, wie es denn auch bei andern Gelegenheiten immer als das älteste und angesehenste der städtischen Venus erscheint. So wurden später die Tempel der Venus Obsequens und Verticordia in derselben Gegend am Circus, also in dem Kreise des älteren Heiligthums der Murcia gegründet, und auch die Frühlings- und Weinlesefeier der Venus scheint sich vorzugsweise dahin gewendet zu haben. Da diese Gegend durch Ancus Marcius mit Latinern eroberter Städte bevölkert wurdeLiv. I, 33 quibus, ut iungeretur Palatio Aventinum, ad Murciae datae sedes., so mögen diese den Gottesdienst mit nach Rom gebracht haben. Für noch älter galt das Heiligthum der Cloacina oder Cluacina, welches sich in der Nähe des Comitiums befand, aber für die spätere Zeit mehr ein historisches als ein religiöses Interesse hatte. Es heißt nehmlich daß Romulus und T. Tatius d. h. die Römer und Sabiner vor ihrer feierlichen Verbündung nach blutigem Streite auf dieser Stätte der Venus unter jenem Namen ein Heiligthum gestiftet und sich selbst bei demselben mit Myrtenzweigen gereinigt hätten, daher auch der Name von cluare und cloare oder cluere d. i. purgare abgeleitet wirdPlin. l. c, Serv. V. A. I, 720. Daher cloaca, Cluilia fossa, Cloatius oder Cluatius, Cluentius, Cluvius und die spätere Geschichte, T. Tatius habe das Bild der Cloacina in der cloaca maxima gefunden, Lactant. 1, 20, 11. Ueber die Lage vgl. Liv. III, 48, Becker Handb. 1, 320. Münzen der Gens Mussidia mit der Inschrift CLOAC an einer Tribüne bei Riccio t. XXXIII, 2. 3 und t. LXI, 1.: so daß also Venus hier wieder die Göttin der friedlichen Vereinigung und Verbündung ist, gleich der späteren Concordia. Endlich 387 die Libitina, welche als Göttin der Lust gewöhnlich Lubentina oder Lubentia und Lubia genannt wird, und dem Namen nach mit dieser identisch istVarro l. l. VI, 47 Ab lubendo libido, libidinosus ac Venus Libentina et Libitina. Vgl. Cic. N. D. II, 23, 61, Serv. V. A. I, 720, Non. Marc. p. 64 prolubium., war zugleich eine Göttin der Gärten, der Weinpflanzungen, der Weinlese, daher ihr Heiligthum wie das der Murcia am 19. Aug. dem Tage der ländlichen Vinalien seinen Stiftungstag feierteVarro l. l. VI, 20, Fest. p. 265 und 289., und die bekannte Göttin des Todes und der Verstorbenen, für welche nach einer Verordnung des Servius Tullius bei jedem Todesfall ein Stück Geld in ihren Kasten gelegt werden mußte, wie denn auch das zu Leichenbegängnissen Erforderliche, namentlich die Bahren, aus ihrem Haine, dem deshalb oft erwähnten lucus Libitinae entlehnt wurdeDionys H. IV, 15, Plut. Qu. Ro. 23, Numa 12. Daher die häufige Erwähnung der Libitina auf Veranlassung von Pestilenzen, Liv. XL, 19, XLI, 21, Sueton Ner. 39 und überhaupt mit Beziehung auf Sterben und Leichenbegängniß, Horat. Od. III, 30, 6, Sat. II, 6, 19, ferner die Redensarten Libitinam exercere, facere, die Libitinarii d. h. die beim Leichenbegängniß Beschäftigten, die Libitinensis porta beim Amphitheater. Besonders die Bahren und das zum Verbrennen Nöthige wurden von dort geholt, Ascon. Argum. Cic. Mil. und Martial. X, 97. Die Abgabe des Todtengeldes hieß lucar Libitinae, Or. n. 3349. Der lucus Libitinae wird auch zur Bezeichnung des Wohnortes genannt, s. Or. 1378, Henzen n. 5683. Leider hat seine Lage noch nicht mit Sicherheit bestimmt werden können.. Eine ahndungsreiche Zusammenfassung des Gedankens an den Tod und an schwellendes Leben, welche den Naturreligionen überhaupt geläufig ist und sich auch in dem griechischen Dienste der Aphrodite wiederfindet, in Italien aber sehr verbreitet und in der volksthümlichen Naturanschauung tief begründet gewesen sein muß, da auch die sabinische Feronia zugleich mit der Flora und mit der griechischen Persephone verglichen wurde und eine gleichartige Auffassung uns bei der Acca Larentia und andern Göttinnen der Flur von neuem begegnen wird. Eben deshalb könnte der Ursprung einer von Gerhard nachgewiesenen Darstellung der Venus, wo diese zugleich Proserpina d. h. Todesgöttin istGerhard Archäol. Nachlaß aus Rom S. 121–195. Vgl. dessen Abh. über Venusidole S. 9. 15 ff., eben so gut in Italien zu suchen sein als in Griechenland.

Im gewöhnlichen Cultus hatte Venus neben diesen besondern Formen die allgemeinere Bedeutung einer Frühlingsgöttin der Blumen, der Gärten, der Gemüse, der Weinpflanzungen. 388 Die Gärten galten so speciell für ihr Revier, daß sie gewöhnlich unter ihren Schutz gestellt wurden und alle Gärtner, Gemüsehändler, Blumenzüchter die Venus wie eine Göttin ihrer Profession verehrtenVarro r. r. 1, 1, 6 Item adveneror Minervam et Venerem, quarum unius procuratio oliveti, alterius hortorum, quo nomine rustica Vinalia instituta. Daher Naevius Venus für olera sagte, Paul. p. 56 cocum. Vgl. Plin. XIX, 4, 19 und bei Or. n. 1369. 1462 die Venus hortorum Sallustianorum., und was die Weinlese betrifft, so ist schon oben S. 174 bemerkt worden, daß sowohl die ländlichen Vinalien am 19. August, das eigentliche Weinlesefest, als die sogenannten Vinalia priora am 23. April, wo man den jungen Wein zuerst kostete, dem Jupiter und der Venus galtenVarro l. l. VI, 20 Vinalia Rustica dicuntur a. d. XIV Kal. Sept, quod tum Veneri dedicata aedes et horti ei deae dicantur ac tum fiunt feriati olitores. Vgl. Fest. p. 265 und 289 und die Kalender, von denen das Kal. Capran. für denselben Tag ein Opfer an die Venus beim Circ. Max. d. h. an die Murcia vorschreibt. Nach Plut. Qu. Ro. 45 erfolgten an den Veneralien, wofür Vinalien zu schreiben, reichliche Weinspenden beim T. der Venus. Von den Vinalia priora s. Plin. XVIII, 29, 69. Varro hatte eine Satire unter dem Titel Vinalia περὶ αφροδισίων geschrieben.. Namentlich wurden an diesen Tagen entsprechende Feierlichkeiten im Haine der Murcia und in dem der Libitina vorgenommen, deren Tempel beide den 19. Aug. als ihren Stiftungstag feierten, während im Uebrigen auch diese Feste ganz vorzüglich von den Gärtnern und Gemüsehändlern begangen wurden. Außerdem scheint von jeher der erste Tag des April der Venus heilig gewesen zu sein, obgleich die Art wie dieser Tag später gefeiert wurde die deutlichsten Merkmale des griechischen und orientalischen Aphroditedienstes an sich trägt, wie man denn später sogar den Namen des Monats Aprilis von Aphrodite ableiten wollte. Richtiger ist die ab aperiendo, quod ver omnia aperitVarro l. l. VI, 33, Ovid F. IV, 87 ff., Censorin 22, 9, Macrob. I, 12, 8 ff., wo der griechische Anthesterion verglichen wird. Vgl. Ovid F. IV, 125 ff. Nec Veneri tempus quam ver erat aptius ullum, Vere nitent terrae, vere remissus ager, Nunc herbae rupta tellure cacumina tollunt, Nunc tumido gemmas cortice palmes agit., weil die Erde sich dann von neuem öffnet und die Halme und Blüthen sich aus ihr hervor drängen: was wieder zu dem Begriffe einer Göttin der sprossenden Vegetation zurückführt.

Zu diesen älteren und einfacheren Formen des latinischen Venusdienstes kamen mit der Zeit die bedeutungsvolleren des Auslandes, unter denen die der Venus Victrix und der Venus Genitrix für die ältesten gelten dürfen. Beide gehören zu der 389 gemeinschaftlichen Wurzel des Dienstes der Venus Urania, welche zugleich als kriegerisch bewehrte Siegesgöttin und als die befruchtende Mutter aller Dinge verehrt wurde; auch mögen beide von demselben Ursprunge des erycinischen Venusdienstes auf Sicilien abzuleiten sein, welcher, wie bereits bemerkt worden, seine Einwirkung auch über Italien, sowohl über die Griechen und Etrusker als über die eingebornen Völker, zunächst wohl die Lucaner, Campaner und Samniter verbreitet hatte. Die Venus Victrix wird von den Römern geradezu mit der Victoria identificirtVarro l. l. V, 62, Gellius N. A. X, 1, 7. Vgl. die Inschriften aus Sicilien, Umbrien und Dalmatien bei Or. n. 1375, Henzen n. 5678–80. und scheint als solche auch sonst in und außerhalb Italien viel verehrt worden zu sein. Namentlich muß sie in Latium frühzeitig Eingang gefunden haben, da man aus dem Gebrauch der Myrte beim Albanischen Triumphe (S. 192) folgern darf, daß auch hier die Venus Victrix im Spiele war. In Rom hatte sie ein Heiligthum auf dem Capitole, welches vermuthlich in dem Kriege mit den Samnitern entstanden warWenigstens findet sich bei Plutarch Parall. 37 die abgerissene Notiz, daß Fabius Fabricianus, ein Verwandter des Fab. Maximus, nach der Eroberung von Tuxium(?), einer Hauptstadt der Samniter, τὴν παρ' αυτοι̃ς τιμωμένην Νικηφόρον ’Αφροδίτην nach Rom geschickt habe. Ein T. der V. Victrix auf dem Capitol wird erwähnt in dem Kal. Amitern. zum 9. Octb. Derselbe scheint identisch zu sein mit dem T. der Venus Capitolina bei Sueton Cal. 7., wurde aber auch sonst von den Feldherrn viel verehrt, namentlich von Sulla und von Pompejus, welcher ihr auf der Höhe seines Theaters einen Tempel gestiftet hattePlut. Pomp. 68, Gellius l. c, vgl. Becker Handb. 1, 676, welcher auch das vom Kal. Amitern. zum 12. Aug. vorgeschriebene Opfer an die Venus Victrix auf diese Pompejanische bezieht. Was Sulla betrifft, so ist die Venus auf seinen Münzen höchst wahrscheinlich V. Victrix., endlich von Julius Cäsar, welchem vermöge seiner Abstammung die Venus Victrix und die Venus Genitrix zu einem und demselben Bilde zusammenschmolzenProp. IV, 1, 46 Vexit et ipsa sui Caesaris arma Venus, arma resurgentis portans victricia Troiae. Dio Cass. XLIII, 43 καὶ διὰ του̃το καὶ γλύμμα αυτη̃ς ένοπλον εφόρει καὶ σύνθημα αυτὴν εν πλείστοις καὶ μεγίστοις κινδύνοις εποιει̃το. Auch auf Cäsars Münzen ist die V. Victrix oft zu sehen, gewöhnlich bekleidet mit Schild und Lanze, häufig auch mit der Victoria auf der R.. Diese letztere wurde nehmlich zu Rom immer speciell als Mater Aeneadum d. h. als Stammmutter der Albanischen Geschlechter, welche sich vom Aeneas ableiteten, namentlich der Julier verehrt; daher anzunehmen ist daß dieser Cultus geraume Zeit ein Gentilcult dieses Geschlechtes und seiner nächsten Sippen 390 war, bis er bei zunehmender Bedeutung der Aeneassage für Rom und dessen conventionelle Geschichte zu einem öffentlichen wurde. Schon in der Zeit des ersten punischen Krieges war der Glaube an die troische Abstammung des römischen Volkes ein fest gewurzelter, so daß wir also auch bei diesem Cultus, wenn es sich von den Anfängen des Glaubens handelt, einige Generationen weiter hinauf, also gleichfalls bis in die Zeit der Samniterkriege zurückgehen müssen. Die römische Poesie trug das Ihrige dazu bei, diese Venus noch mehr zu verherrlichenBei Ennius betete Ilia vor ihrer Hinrichtung: Te sale nata precor Venus , te genetrix patris nostri, ut me de caelo visas cognata parumper, s. Nonius p. 378, 16. Vgl. Lucret. de rer. nat. z. A. und Ovid F. IV, 91 ff., Ennius indem er sie in seinen Annalen als Stammmutter des Romulus, also des römischen Namens überhaupt auftreten ließ, Lucrez u. A. indem er sie in ihrer kosmischen Bedeutung besang d. h. als die Göttin der Zeugung, des Ursprungs, der Entstehung der Dinge überhaupt, welche ihre Macht vorzüglich in der Zeit des Frühlings, des jährlich sich erneuernden Ursprungs der Dinge offenbarte und als kosmische Liebesgöttin bereits von dem Eleaten Parmenides und dem Agrigentiner Empedokles gepriesen worden war. Einen eignen Tempel bekam diese Venus Genitrix bekanntlich durch Julius Cäsar, welcher sich seiner Abstammung von dieser Göttin und seiner Verwandtschaft mit Romulus und den Albanischen Königen nicht allein sehr gerne rühmteCaesar Venere prognatus Cic. Ep. Fam. VIII, 15, 2. Vgl. Cäsars Rede bei Sueton 6 und Vellei. Pat. II, 41 nobilissima Iuliorum genitus familia et quod inter omnes antiquissimos constabat ab Anchise ac Venere deducens genus. Mehr bei Dio XLII, 34 und XLIII, 43., sondern auch in seinem eignen Wesen etwas von jenen alten Lieblingen der Venus, einem Aeneas, einem Paris u. A. hatte, welche mit großer Liebesfähigkeit und Liebenswürdigkeit eben so viel Muth und Tapferkeit und die dämonische Gabe des Glücks verbanden; denn auch diese hielt man für ein Geschenk der Venus, daher auch Sulla felix sich eifrig zu dieser Göttin bekannte. In der Schlacht bei Pharsalos gelobte Cäsar ihr in Folge eines Traums den Tempel, welchen er hernach auf seinem Forum sehr prächtig erbaute und am 26. Septb. 708 (24. Juli 46) mit vielen Spielen einweihteBecker Handb. 1, 363 ff., Fischer Röm. Zeittafeln S. 289. Bei Serv. V. A. I, 720 ist für Venus Nutrix ex Caesaris somnio sacrata zu lesen Genitrix.. Augustus war ganz der Mann, die mythologischen und religiösen Prätensionen dieses Dienstes 391 zum Vortheile der Dynastie der Julier vollends auszubeuten, daher Mars und Venus, die Stammgötter dieses Geschlechts, durch ihn zu römischen Stammgöttern überhaupt erhobenMars und Venus sind die Stammgötter der Julier, s. Dio LIII, 27 vom Pantheon des Agrippa, C. I. Gr. n. 2957, wo Iul. Caesar απὸ ’Άρεως καὶ ’Αφροδίτης abgeleitet wird, vgl. Tacit. Ann. IV, 9. Daher Romulus nach der Erklärung des Verrius Flaccus und andrer Gelehrten der Augusteischen Zeit den ersten Mt. seines Jahres seinem Vater Mars, den 2ten der Venus Genitrix d. h. der Mutter der Aeneaden weiht, s. Verr. Fl. Fast. Praen. zum 1. April: Aprilis a Venere, quod ea eum Anchise parens fuit Aeneae regis, qui genuit Iulum, a quo populus Romanus ortus, Ovid F. IV, 25 ff, Macrob. S. I, 12, 8. und namentlich Venus Genitrix als solche fortan in vielen Gegenden von Italien mit und ohne speciellere Beziehung auf die Julische Familientradition verehrt wurdeVgl. Or. n. 1377, Mommsen I. N. n. 1385 und 4837. Ueber das Bild der Venus Genitrix s. Visconti M. Pio Cl. III, 8, Gerhard Venusidole S. 3.. Ja diese Verehrung der Venus Genitrix als der Stammmutter des römischen Volks behauptete sich auch nach dem Aussterben des Julischen Geschlechts, da noch Hadrian einen prachtvollen Doppeltempel der Roma und Venus mit zwei colossalen Statuen der beiden Göttinnen erbauteBecker Handb. 1, 444. Daß auch diese Venus des Hadrian die Venus Genitrix war, und zwar in der erweiterten Bedeutung einer Genitrix Gentis Martiae, Arnob. IV, 35, folgt auch aus der Stiftung zu Ehren des Marc Aurel und der Faustina bei Dio LXXI, 31., offenbar wegen des alten und eingewurzelten Glaubens, daß die troische Venus durch Aeneas und die Aeneaden die Stammmutter des römischen Volkes sei.

Nachdem die Römer diese Formen des Dienstes der Venus Urania in früheren Zeiten durch Vermittlung der Latiner und andrer italischen Völker kennen gelernt hatten, geriethen sie im Laufe des ersten punischen Kriegs in unmittelbare Berührung mit dem Dienste der erycinischen Venus und seinen Traditionen von der Wanderung des Aeneas; ja sie wurden seit dem Frieden vom J. 241 v. Chr. die Herrn über diese Gegend und diese Heiligthümer, welche für sie längst die Bedeutung einer sacralen Metropole hatten und in diesem Sinne fortan auch von ihnen gepflegt wurdenTacitus Annalen IV, 43, Sueton Claud. 25. Vgl. Eckhel D. N. 1 p. 236.. Die Folge war daß Rom sich den Dienst der erycinischen Venus nun bald unmittelbar von dort aneignete. Im Jahre der Schlacht am Trasimenischen See (217 v. Chr.) wurde auf den Rath der sibyllinischen Bücher der erste 392 Tempel derselben und ein Lectisternium gelobt, bei welchem Mars und Venus als zusammengehöriges Paar erschienen, während der neue auf dem Capitol erbaute Tempel der erycinischen Venus im folgenden Jahre eingeweiht wurdeLiv. XXII, 9, XXIII, 30. 31, Becker S. 403.. Ein andrer und wie es scheint noch angesehener Tempel derselben Göttin lag vor der p. Collina, wo er im J. 181 v. Chr. eingeweiht wurde, nachdem er einige Jahre vorher von einem Consul im Felde gelobt worden warLiv. XXX, 38, Strabo VI p. 272.. Diese Göttin galt wie das Urbild auf Sicilien für eine weibliche Macht des Himmels und der schöpferischen Natur, auch der beruhigten See, aus welcher Aphrodite geboren ist, aber auch der Buhlerei und Prostitution, von welcher Seite sie in Rom wie anderswo bald lebhaften Anklang fand.

Dazu waren im Laufe der Jahre noch verschiedene andre Formen des griechischen und orientalischen Venusdienstes gekommen, welchen bald in dem alten Bezirke der Murcia bald in andern Gegenden der Stadt neue Heiligthümer gestiftet wurden. So gab es in der Nähe des Circus Max., also wahrscheinlich in jenem Bezirke, einen T. der V. Obsequens d. h. der Willfährigen, welcher im J. 295 v. Chr. von Q. Fabius Gurges von den Strafgeldern ehebrecherischer Matronen gestiftet worden warNach Liv. X, 31, vgl. Serv. V. A. I, 720, wo Fabius Gurges diesen Tempel nach dem Samniterkriege stiftet, weil Venus sich ihm gnädig erwiesen. Er setzt hinzu: Hanc Itali Postvotam dicunt, welcher Name wohl verdorben ist.: ferner in demselben Bezirke einen T. der V. Verticordia, welche der griechischen αποστροφία entspricht und auf Veranlassung höchst bedenklicher Spuren von Unsittlichkeit unter den Frauen und Jungfrauen der höheren Stände und eines schrecklichen Vorfalls im J. 114 v. Chr. gestiftet wurde. Drei Vestalische Jungfrauen, Aemilia, Licinia und Marcia, hatten sich damals in verbotenem Umgange mit römischen Rittern betreffen lassen, worauf in jenem Jahre die Sache zur öffentlichen Verhandlung kam und Licinia durch die Beredsamkeit des L. Crassus, Marcia durch einen andern Anwalt gerettet wurde, so daß nur Aemilia als Opfer fiel. In dem Herbste desselben Jahres, nach den römischen Spielen, war ein römischer Ritter P. Elvius mit Frau und Tochter auf der Rückkehr nach Apulien begriffen, als sie im Freien von einem starken Gewitter überrascht wurden. Die Tochter wird ängstlich, der Vater setzt sie auf ein Pferd, um 393 schneller mit ihr unter Dach zu kommen; da wird sie auf dem Pferde vom Blitz getroffen. An den Kleidern, am Schmuck, an den Schuhen war keine Spur des Blitzes zu finden, auch an ihrem Leibe nicht, nur daß sie mit entblößter Schaam dalag und die Zunge aus dem Munde hervorragte, daher man annahm, der Blitz sei durch die Schaam hinein und aus dem Munde wieder herausgefahren. Auch das Pferd war getödtet worden und der Sattel, Gurt und Zaum lagen zerfetzt umherLiv. Epit. 63, Plin. H. N. VII, 35, Iul. Obseq. 37 (97), Oros. V, 15, Fischer Röm. Zeitt. im J. 114 und 113.. In Rom sah man in diesem Vorfall einen deutlichen Ausdruck des göttlichen Zorns über jene Sünden der Vestalischen Jungfrauen und ihrer Buhlen, der Ritter. Die Untersuchung wurde also im folgenden Jahre wieder aufgenommen und jetzt auch Licinia und Marcia verurtheilt, ferner auf Veranlassung der sibyllinischen Bücher jenes Heiligthum und ein Bild der V. Verticordia gestiftet, zu welchem Behufe Sulpicia, die Gattin des Q. Fulvius Flaccus unter hundert Frauen als die keuscheste auserwählt wurdePlin. l. c, Val. Max. VIII, 15, 12. Daß das Heiligthum im Bezirk der Murcia lag, folgt aus Serv. V. A. VIII, 636.. Die Absicht der Stiftung war, daß in Zukunft das Herz der Frauen und Jungfrauen sich um so leichter von der Lust zur Zucht und Keuschheit wenden möge. Noch andre Formen dieses späteren römischen Venusdienstes sind eine V. Calva, welcher zu Liebe die in verschiedenen Städten wiederholte Geschichte erzählt wurde, daß die Frauen bei der Belagerung des Capitols durch die Gallier ihr Haar zur Anfertigung von Stricken und Kriegsmaschinen hergegeben hättenServ. A. I, 720, nach welchem Andre die Venus calva erklärten wie pura, noch Andre quod corda amantium calviat i. e. fallat atque eludat. Die Geschichte daß die Frauen ihr Haar zu Kriegsmaschinen hergegeben, ward auch von der Belagerung Karthagos und von der von Byzanz und Aquileja erzählt, s. Lactant. 1, 20, 27, Iul. Capitol. Maximin. Iun. 7.. Andre erzählten von einem Aussatze, in Folge dessen den römischen Frauen die Haare ausgefallen wären, wobei sie sich auf ein Bild beriefen, welches vermuthlich das der V. Calva war, dann aber viel jünger gewesen sein muß als man in Rom glaubte, denn diese Form gehört wesentlich zur orientalischen Familie des Venusdienstes. Das Bild trug nehmlich einen Kamm in der Hand und war im Gesichte bärtig, wurde also mannweiblich gedacht, denn der Kamm (κτεὶς) ist das Merkmal des weiblichen Geschlechts. Wieder eine andre Venus hieß Equestris, weil sie zu Pferde saß, angeblich eine Stiftung des 394 AeneasSchol. II. 2, 820, Serv. l. c.. Höchst wahrscheinlich war es die griechische πελαγία, denn das Roß hatte in der bildlichen Sprache der Alten sehr oft die Bedeutung der Woge, so daß Venus auf dem Rosse die Herrscherin über das Meer bedeuten sollte, wie die gleichfalls in Rom verehrte V. Marina und Limnesia d. i. die Hafengöttin, welche mit der Zeit den gleichartigen Dienst der alten Mater Matuta verdrängte. Ferner wird genannt eine V. Myrica, Myrtea und Purpurissa, mit Beziehung auf das heilige Laub der Tamariske und der Myrte und auf die Purpurfärbung: also gleichfalls Nebenformen der erycinischen, cyprischen oder phönicischen Aphrodite. Ferner gab es eine V. Salacia, welche später für die Liebesgöttin der Buhlerinnen galt, ursprünglich aber wohl auch nur die Göttin der salzigen Meeresfluth gewesen war, ferner eine namentlich in Campanien, aber auch sonst in Italien und in Rom verehrte V. Felix, welche eine Göttin weiblicher Fruchtbarkeit war und als solche wie eine glückliche, eine gesegnete Mutter, ein Kind auf dem Arme abgebildet wurdeOr. n. 1366 und 4036, Mommsen I. N. n. 3903. 4986. 6034, vgl. Visconti M. P. Cl. II p. 313 und Miiller Handb. der Archäol. § 376, 3. Venus felix ist zu verstehn wie arbor felix von feo, fetus u. s. w.. Höchst wahrscheinlich ist auch die hin und wieder erwähnte V. Fisica mit dieser identisch, da das griechische Wort φυσική dem lateinischen felix in dieser Bedeutung entspricht: eine Schutzgöttin von Pompeji, daher sie auch schlechthin V. Pompeiana heißtOr. n. 1370, Mommsen I. N. n. 2253, vgl. Dens. im Rh. Mus. f. Philol. 1847 S. 457 und das Bullet. Archeol. Napol. 1854 p. 58. Die Mefitis Fisica bei Mommsen I. N. n. 307 bedeutet wohl eine heiße Schwefelquelle, in deren Nähe die Vegetation gut gedieh. Pompeii heißt COLonia VENeria CORnelia entweder nach dem Dictator Sulla oder nach seinem Neffen P. Corn. Sulla. Vgl. Martial. IV, 44 Haec Veneris sedes, Lacedaemone gratior illi, und Bullet. Nap. 1853 n. 27. Bekannt ist die Venus von Capua, vgl. Mommsen n. 3561 Magistri Venerus Ioviae. In Sorrent aedes Veneris, ib. n. 2123. 2124., wie Venus denn überhaupt in Campanien, von Capua bis nach Sorrent und Bajae, wo die Natur so fruchtbar, das Meer so reizend, die Gesellschaft so genußreich war, das Leben und die Sitte in vielen und verschiednen Formen beherrschte. Die Gemälde von Pompeji und Herculanum legen davon ein sehr beredtes Zeugniß ab, indem sie uns die italische Venus nun ganz wie die griechische in den verschiedensten Anlässen des Lebens und der Fabel als die Alles beseelende und beherrschende Göttin der Schönheit und der Liebe zeigen, neben 395 ihr eine große Anzahl von Eroten und Psychen, deren heitres Spiel auch in der römischen Decorationsmalerei sehr beliebt war. Eros wurde zum Amor oder zum Cupido, Peitho, eine eben so unzertrennliche Gefährtin der Aphrodite, zur Suada, neben welcher als Göttin der Liebessehnsucht und des sinnenden Glücks oder Unglücks der Liebe eine eigne Venus Mimnermia oder Meminia verehrt wurdeServ. V. A. I, 720..

Einer so veränderten Auffassung gemäß mußte sich natürlich auch der gewöhnliche Gottesdienst der Venus in Rom wesentlich verändern, da man von der einfacheren Auffassung dieser Göttin als einer Göttin der Vegetation, der Weinberge, des Frühlings und seiner Lust immer entschiedner zu der griechischen und orientalischen übergegangen, d. h. Venus vorherrschend als Göttin des weiblichen Reizes und des Genusses der Liebe zu feiern gewohnt geworden war. Vorzüglich war es der April, wo man Venus in diesem Sinne feierte. Der 1. April galt nun vorzugsweise der V. Genitrix, der Stammmutter des römischen Volks, der Erneuerin aller Fruchtbarkeit des Jahres, welcher man jetzt auch die neue Eröffnung des Meeres und der Schiffahrt zuschrieb. Namentlich beteten die Frauen an diesem Tage eifrig zur Fortuna Virilis d. h. zu der Göttin des Glückes der Frauen bei den Männern, während die Frauen geringeren Standes sogar die Badstuben der Männer aufsuchten, um dort ihre Andacht zu verrichtenVerr. Flacc, b. Macrob. I, 12, 15 und Fast. Praen. 1. April. Frequenter mulieres supplicant Fortunae Virili, humiliores etiam in balineis, quod in iis ea parte corporis utique viri nudantur, qua feminarum gratia desideratur. Vgl. Ovid F. IV, 145 ff, Io Lyd. d. Mens. IV, 45.. Ferner wird von einem Bade der Venus d. h. ihres Bildes erzählt, bei welchem die Frauen gleich dem Bilde allen Schmuck ablegten, nach dem Bade aber dasselbe mit neuem Geschmeide und mit frischen Blumen, vorzüglich mit Rosen schmückten, worauf auch sie selbst unter grünenden Myrten ein Bad nahmen, wie einst Venus, da sie aus dem Meere aufgestiegen ihr Haar trocknete, vor der Zudringlichkeit lüsterner Satyrn ihre Zuflucht zu einem Myrtengebüsch genommen habeOvid l. c. v. 133 ff., vgl. Plut. Numa 19. Vermuthlich hängt damit zusammen die ’Αφροδίτη επιταλάριος bei Plut. fort. Ro. 10, welche neben der Fortuna Virilis verehrt wurde.. Endlich empfiehlt Ovid den Frauen an diesem Tage einen Mischtrank aus Milch, gestoßenem Mohn und Honigseim zu nehmen, wie dieses auch Venus bei ihrer Vermählung gethan habe. Auch Venus 396 Verticordia wurde an diesem Tage als Göttin der weiblichen Zucht und Sitte verehrt, so daß also überhaupt vorzugsweise die Matronen an ihm thätig waren. Dagegen galt der 23. April, der Tag der Vinalia priora, in dieser späteren Zeit speciell der Venus der Buhlerinnen und der Prostitution überhaupt, derselben welche Lucrez IV, 1063 die V. Volgivaga nennt und welche bei den Griechen Pandemos hieß. Es war die erycinische Venus vor der p. Collina, wo am 23. die feilen Dirnen mit Myrten und Rosen ihre Andacht verrichteten, während seit Cäsar der 25. April von den feilen Knaben als eigner Festtag ihrer Profession begangen wurde, so sehr war auch dieses Laster schon zu einem anerkannten Bedürfniß gewordenOvid F. IV, 863 ff., Verr. Fl. Fast. Praen. z. 25. April. Eben dahin gehört die V. militaris d. h. quae castrensibus flagitiis praesidet et puerorum stupris, Arnob. IV, 7, Serv. V. A. I, 720. So spricht Varro r. r. II, 10, 6 von einer V. pastoralis d. h. einer Göttin des Liebesbedürfnisses der Hirten.. Die unschuldigere Bedeutung der Venus als einer Göttin der weiblichen Geschlechtsreife und Geschlechtsbestimmung tritt auch in dem Gebrauche hervor, daß die Mädchen, wenn sie aufhörten Kinder zu sein, entweder der Diana oder der Venus ihre Puppen weihtenPers. II, 70, vgl. Anthol. Pol. VI, 200 und O. Jahn z. Pers. p. 139. Vgl. Varro b. Non. Marc. p. 156 Properate vivere puerae, quas sinit aetatula, ludere, esse, amare et Veneris tenere bigas..

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