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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11. Pales.

Italien ist von jeher vorzugsweise das Land der Viehzucht, der Viehweiden, der wandernden Hirten gewesen. Der innere Gebirgsstock mit seinen Schluchten und Wiesen liefert im Sommer die beste Weide, der Abhang und die Landschaft bis zur Küste an beiden Seiten in der kühlen und nassen Jahreszeit, und wie im Süden der Halbinsel und auf Sicilien Theokrit, im Norden Virgil zu ihrer Zeit die anmuthigsten Genrebilder dieses Hirtenlebens gedichtet haben, so kann der Reisende in Rom und der römischen Campagne noch jetzt entsprechende Erscheinungen beobachtenVgl. die eingehenden Schilderungen bei Dionys. 1, 37 und Plin. III, 5, 6, und Timäus und Varro bei Gell. XI, 1.. Ein geordneter Landbau und eine so zahlreiche Ansiedlung, wie sie in Latium und überhaupt in Italien während der besten Blüthe seiner Bevölkerung Platz gegriffen hatte, mochte sich mit diesem wandernden Hirtenleben allerdings nicht wohl vertragen. Aber wie es bei dem zunehmenden Verfall der kleineren Städte und Völker von neuem um sich griff, so daß die Viehzucht selbst von Cato als die lohnendste Art der Landwirthschaft empfohlen wurdeCic. de Off. II, 25, 89., so werden wir es uns in der ältesten Vorzeit, wo jenes politische Leben noch in der Wiege lag, gleichfalls als ein sehr reges zu denken haben. Und wirklich scheint grade auf der Stätte, wo später die Weltstadt Rom sich aufbauete, eben dieses alte latinische Hirtenleben eine der beliebtesten Niederlassungen für den Winter und den nassen Frühling gefunden zu haben, eine Art von castrum Inui, wie jener Ort an der Küste von Ardea noch später hieß. Wenigstens stimmt darin die oft wiederholte Sage der Römer von ihrer ältesten VorzeitVarro d. r. r. II, 1, 9 Romanorum vero populum a pastoribus esse ortum quis non dicit? quis Faustulum nescit pastorem fuisse nutricium, qui Romulum et Remum educavit? non ipsos quoque fuisse pastores obtinebit, quod Parilibus potissimum condidere Urbem? etc. Vgl. Tibull. II, 5, 25, Propert. IV, 1 und 4 und die Stellen b. Schwegler R. G. 1, 457. merkwürdig überein mit den örtlichen Culten des Palatinischen Hügels, auf welchen alle ältesten Erinnerungen der Stadt zurückwiesen, und selbst der Name dieses Hügels und seiner ältesten Ansiedelung, das sogenannte Palatium, der wieder aufs engste mit dem Culte der Hirtengöttin Pales zusammenhängt, will nichts Anderes sagen. Pales war den Alten sowohl in der Bedeutung 365 einer männlichen als einer weiblichen Göttin bekanntServ. V. Ge. III, 1 Pales – dea est pabuli. Hanc – alii, inter quos Varro, masculino genere vocant, ut hic Pales. Vgl. Arnob. III, 40 oben S. 71, 84. Martian. Cap. I, 50, V, 425., obwohl nur die letztere bei der volksthümlichen Palilienfeier am 21. April berücksichtigt wurde. Außerdem gab es in den römischen Religionsalterthümern eine Diva Palatua, die Schutzgöttin des Palatium, mit einem eignen flamen PalatualisVarro l. l. VII, 45, Fest. p. 245., desgleichen ein beim Septimontium in dem Palatium dargebrachtes Opfer, welches Palatuar hießFest. p. 348 Septimontio., welche Wörter alle zu demselben Stamme gehören, auch die gräcisirenden Namen Pallas, welcher bald der Großvater des Evander bald sein Sohn genannt wird, und Pallantia seine Tochter, und Palanto die Frau des LatinusVarro l. l. V, 53, Serv. V. A. VIII, 51, Paul. p. 220 Palatium, vgl. Dionys 1, 32. 33 und Schwegler R. G. 1, 443. Bekanntlich haben die Griechen den römischen Evander d. i. Faunus als erster Ansiedler und Inhaber des Palatium zu einem aus der kleinen Bergstadt Pallanteum in Arkadien gebürtigen Griechen gemacht.. Daß aber vorzüglich die beiden Namen Palatium und Pales keine blos örtlich römische, sondern eine allgemeinere Bedeutung haben, welche auf gewisse Zustände und die Vorzeit Italiens überhaupt zurückweist, lehrt ihr Vorkommen in verschiedenen Gegenden Italiens. Pales wurde als Hirtengöttin nicht allein in Rom und Latium, sondern weit und breit auf dem Lande gefeiert, u. a. bei den Sallentinern in der Gegend von Brundisium, wo auch viel Viehzucht getrieben wurde und wo die pastoricia Pales dem römischen Consul M. Atilius Regulus im J. 487 d. St. (267 v. Chr.) unter der Bedingung den Sieg gewährte, daß ihr ein Tempel gestiftet werdeFlor. Epit. 1, 15 (20), Schol. Veron. V. Ge. III, 1 p. 78 ed. Keil, wo Pales Matuta wohl i. q. mana, bona ist. Mommsen Unterital. Dial. 275 versteht darunter »die Göttin der mit dem ersten Morgenstrahl austreibenden Hirten.« Ovid nennt die Pales rustica und silvicola F. IV, 744, 746. Vgl. Schol. Pers. 1, 72 Varro sic ait: Palilia tam privata quam publica sunt, et est genus hilaritatis et lusus apud rusticos etc.. So gab es auch mehr als ein Palatium, namentlich eins in der Gegend von Reate, von wo die latinischen Aboriginer nach Latium und in das römische Palatium übergesiedelt zu sein behaupteten (Varro l. l. V, 53), ferner einen Ort im Lande der Sabiner oder Umbrer, von welchem sich Münzen mit der Inschrift Palacinu erhalten haben, mit dem Gepräge des Vulcanuskopfes auf der einen und der geflügelten Silenusmaske 366 auf der andern Seite, des letzteren wahrscheinlich mit Beziehung auf einheimischen Faunusdienst (S. 346). Die vergleichende Sprachforschung aber lehrt daß alle diese Wörter, Pălas, Păles, Pălatua (vgl. statua, aedituus), Pălatium (vgl. Latium) von einer Wurzel pâ, πάομαι, pa–sco abzuleiten sind, welche die Bedeutung des Nährens, Erhaltens und Weidens hat und sowohl im Sanskrit als im Griechischen und in den italischen und andern verwandten Stammsprachen viele Wörter, im Griechischen namentlich auch den Namen des Gottes Πάν, dem der männliche Pales entspricht, erzeugt hatDie Sanskritwurzel pâ bedeutet tueri, sustentare. Das griechische πάομαι hat sich nur im Aor. επασάμην und im Perf. πεπάμαι erhalten. Daher πα̃μα, ποιμήν (lit. pëmu) und der Gott Πάν, im Lat. pa–sco, pa–bu–lum. In andern Formen tritt das l hinzu, wie in Păles und pălea d. i. ursprünglich Viehfutter, Plin. H. N. 18, 72, vgl. Sanskr. pâlâjami, ein denominatives Verbum vom Substantiv pâla–s rex, dominus, vgl. das slav. pâ–n Herr und das lydische πάλμυς rex. Grimm D. M. 592 vergleicht mit dem männlichen Pales den slavischen Hirtengott, russ. Volos, böhm. Weles. Den Begriff des Nahrhaften hebt hervor das Adjectiv alma Pales Ovid F. IV, 722. 723.. Was namentlich das Wort Palatium betrifft, so scheint es nicht sowohl einen Weideplatz als eine befestigte Hürde, eine zeitweilige Hirtenansiedlung zu bedeuten, aus welcher mit der Zeit eine bleibende Ansiedlung geworden ist, mögen die Hirten und Heerden dieser Niederlassung nun die der Albanischen Könige gewesen sein, wie die gangbare Ueberlieferung erzählt, oder mögen sie, wohin die Sage von den palatinischen Aboriginern deutet, in jenen ältesten Zeiten wie es die Jahreszeit erforderte zwischen diesen Hügeln und den Weiden von Reate hin und hergezogen sein. Dieselbe Ansiedelung wird zugleich die gemeinschaftliche Cultusstätte der in diesen Gegenden weilenden Hirten gewesen sein, die also hier ihren Mars, ihren Faunus und Fauna, ihre Pales und andre auf Viehzucht bezügliche Götter feierten, die letztere als Schutz- und Stiftungsgöttin des Palatium, daher ihr Fest, die Palilien am 21. April, in den Ueberlieferungen der Stadt fort und fort für deren Stiftungstag galt. Nennen doch noch die Dichter des Augusteischen Zeitalters und spätere, wenn sie der Pales gedenken, diese mit Beziehung auf jenen Ursprung Roms die ehrwürdige, die urgroßväterüche, die altersgraueVirg. Ge. III, 1 magna Pales, 294 veneranda Pales, Stat. Theb. VI, 111 cana Pales, Nemesius Ecl. 1, 68 grandaeva Pales.. Ueber die Gebräuche dieses Festes der Palilien oder wie man das Wort in Rom gewöhnlich 367 aussprach der ParilienEs ist die volksthümliche Aussprache, wie man Remures sagte für Lemures u. dgl. Daß es die gewöhnliche war, sieht man aus dem Sprachgebrauch der meisten Schriftsteller, Römer und Griechen, s. Ovid F. IV, 721, VI, 257, Plin. H. N. XVIII, 26, 246 sidus Parilicium, Colum. VII, 3, 11, Solin. 1, Dionys. 1, 88, Plut. Ro. 12, Athen. VIII p. 361 F., Dio Cass. XLIII, 42, Schol. Pers. 1, 72. Daher die falsche Erklärung der Parilia a partu pecoris oder a partu Iliae, Paul. p. 222, Dionys., Solin. l. c. giebt Ovid F. IV, 721 ff. nähere Auskunft. Ein blutiges Opfer durfte an diesem Tage nicht gebracht werden, wohl aber räucherte man mit einer eigenthümlichen, von den Vestalischen Jungfrauen bereiteten Mischung vom geronnenen Blute des Octoberpferdes (S. 324), der Asche eines kurz vorher, am Tage der Fordicidien verbrannten, noch ungebornen Kalbes und Bohnenstroh, welcher Mischung man eine reinigende Wirkung zuschrieb, daher Ovid sie februa casta nennt. Auch mußten die Schaafe bei der ersten Dämmerung des Morgens lustrirt werden, zu welchem Zwecke der Schaafstall mit Wasser besprengt und mit frischen Besen ausgekehrt, darauf inwendig mit frischem Laube, an der Thür mit Kränzen und Gewinden ausgeschmückt, endlich die Schaafe selbst mit Schwefeldämpfen gereinigt wurden. Dann wurde auf dem Heerde von Rosmarin, Fichten, Oliven und Lorbeerzweigen ein Feuer angemacht, wobei es für ein gutes Zeichen galt, wenn die letzteren im Feuer recht stark knisterten. Dazu brachte man ein einfaches Opfer, aus Hirse gebackene Kuchen und ein Körbchen mit Hirse, wie es die ländliche Göttin liebte, endlich ein Speiseopfer und Milch, und betete dabei um Segen für das Vieh, den Stall und die Herrschaft, um Verzeihung für allerlei kleine Sünden z. B. wenn der Hirt seine Heerde auf einen geweihten Platz getrieben oder wenn er von einem Haine für sie Laub abgeschnitten oder sich unter einem heiligen Baume niedergelassen hatte u. dgl., um Schutz gegen allerlei Seuche und Krankheit und um gute Weide, gutes Wasser, gefüllte Euter, geile Böcke, fruchtbare Schaafmütter u. s. w. Ein solches Gebet solle der Hirt nach Morgen gewendet viermal sprechen, darauf ein Gemisch von Milch und frischem Most trinken und alsbald den Sprung durch die Haufen brennenden Strohs thun, von welchem bei diesem Feste immer am meisten die Rede ist. Aus andern Beschreibungen sieht man daß es dabei recht lustig zuging, indem vor und nach dem Sprunge von den versammelten Hirten viel getrunken und gesungen wurdeS. Dionys. 1, 88, wo Romulus als Gründer der Stadt den Gebrauch einsetzt, Tibull. II, 5, 87 ff., Prop. IV, 4, 75 ff., Pers. 1, 71 mit den Scholien, Probus z. Virg. Ge. III, 1. Vgl. Ovid F. IV, 795 und 805., aus 368 Ovid selbst im weitern Verlaufe seiner Erörterung, daß das Feuer dazu künstlich angeschlagen wurde und daß nicht allein die Hirten, sondern auch die Heerden durch das brennende Stroh sprangen. Die religiöse Bedeutung des Gebrauchs ist deutlich genug die einer Reinigung durch das Feuer, wie sich denn derselbe reinigende Sprung oder Gang durch das Feuer in sehr verschiedenen Gegenden als eine alte und allgemeine Sitte des Heidenthums nachweisen läßtGrimm D. M. 581 ff.. Die gewöhnliche Jahreszeit dieser Reinigung ist bekanntlich die Mitte des Sommers und der Sonnenwende, wo noch jetzt in vielen Gegenden von Deutschland Feuer auf den Bergen angezündet wird und ehemals auch das Springen durch das Feuer selbst in den Städten auf öffentlichen Plätzen herkömmlich war, in welchem Sinne, das lehrt am besten derselbe Gebrauch in Griechenland, wo die Weiber mit dem Rufe »Ich lasse meine Sünden« durch das Feuer springen. Doch gab es in Deutschland neben dem Johannisfeuer auch ein Osterfeuer, welches vorzüglich im nördlichen Deutschland verbreitet war und in alter Zeit wahrscheinlich der heidnischen Licht- und Frühlingsgöttin Ostara galt, jedenfalls aber dem Eintritt des Frühlings entspricht und in dieser Hinsicht dem Feuer der römischen Palilien nahe verwandt ist. Denn offenbar sind auch diese zugleich Frühlings- und Reinigungsfest, wie die Lupercalien im Februar, die Feier des Mars im März und auch wohl die Feier des Vejovis an den Nonen desselben Monates und die des Apollo Soranus mit der entsprechenden Sitte eines reinigenden Ganges durch das Feuer (S. 240), indem man an allen diesen Festen zugleich den Winter und allen Schmutz des vergangnen Jahres abthat und sich zu dem neuen Jahre wie zu einer neuen Zukunft reinigte. Auch in dieser Hinsicht ist dieses Fest als Stiftungsfest von Rom von religiöser Bedeutung. Die städtische Feier wird sich übrigens von der ländlichen nicht allein durch bestimmte Hinweisung auf Romulus und die Gründungsgeschichte, sondern auch durch andre Ausstattung unterschieden haben, wie man sie z. B. zur Zeit Cäsars mit Pferderennen feierteDio XLIII, 42, vgl. Athen. VIII p. 361 F. Aus dieser Identification der Pales mit der Dea Roma oder der Tyche der Stadt im griechischen Geschmack erklärt es sich, daß nach Serv. V. Ge. III, 1 Einige die Pales für die Vesta, Andre für die Mater Deum erklärten.. Noch später, zur Zeit Hadrians, wurde das Fest mit dem der Dea Roma verschmolzen und als Geburtstag derselben mit lärmender Musik 369 und entsprechenden Gesängen, so wie mit circensischen Spielen begangen.

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