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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1. Die Periode des Faunus.

Varro legte nach Augustin C. D. IV, 31 ein besonderes Gewicht darauf, daß die Römer ihre Götter über 170 Jahre ohne Götterbild (sine simulacro) verehrt hätten. Wenn sie dabei geblieben wären, meint er, würde auch der Gottesdienst ihrer Nachkommen ein reinerer geblieben seinQuod si adhuc mansisset, castius dii observarentur.. Er berief sich dabei u. a. auf die Juden und schloß mit der Erklärung, daß die, welche den Bilderdienst eingeführt hätten, ihren Mitbürgern die Furcht Gottes genommen und dafür einen Irrthum gegeben hättenQui primi simulacra deorum populis posuerunt, eos civitatibus suis et metum dempsisse et errorem addidisse.. Auch Tacitus schildert deshalb den einfachen und bilderlosen Cultus der Germanen mit so großer Vorliebe. Es ist die Sehnsucht der des Polytheismus und eines eben so wüsten als eitlen Gepränges der Tempel, der Processionen, der Spiele überdrüssigen Herzen nach einer reineren Religion, die sie auf den frühesten Stufen der Cultur zu finden glaubten, da es doch in Wahrheit eines ganz neuen Anfangs bedurfte. Denn die Naturreligion auf dieser Stufe ist eben auch schon Polytheismus und Symbolik, nur sind ihre Götter noch Geister und ihre Tempel und Bilder noch die unmittelbaren Räume und Gegenstände der Natur: bis später mit der höheren Bildung und den complicirteren Forderungen der Civilisation auch die Idololatrie und eine künstlichere Symbolik des Cultus sich geltend machen.

Suchen wir uns die Eigenthümlichkeiten dieser ältesten Periode näher zu vergegenwärtigen, so könnte es verwegen erscheinen bis auf eine Zeit zurückgehen zu wollen, welche älter als der König Numa ist. Doch darf man nicht vergessen daß diese Grundzüge aller Naturreligion nicht blos die Anfänge derselben sind, sondern sich auch fast überall neben den künstlicheren Formen des Gottesdienstes erhalten, namentlich auf dem Lande und unter einfacheren Culturbedingungen, während in den Städten die Tempel und die Bilder vorherrschenCicero de Leg. II, 8, 18 Constructa a patribus delubra in urbibus habento, lucos in agris habento et larum sedes. Vgl. 10, 26 die Erklärung: Tempel müsse es in den Städten geben, nec sequor magos Persarum, quibus auctoribus Xerxes inflammasse templa Graeciae dicitur, quod parietibus includerent deos. Ib. 11 Melius Graeci atque nostri ut augerent pietatem in deos, easdem illos urbes quas nos incolere voluerunt.. So war es in 94 Griechenland, wo z. B. Arkadien sehr lange der einfacheren Verehrung seiner Götter auf hohen Bergen, in schattigen Hainen, an den Quellen, in den Höhlen zugethan blieb, während in den Städten, auf welche es von seinen Bergen herabsah, schon lange der Dienst einer glänzenden Architectur und Plastik begonnen hatte. So war es auch in Italien, wo der Apennin wie jetzt so im Alterthum immer die einfachere Sitte und das ältere Volksthum bewahrt hat, und auf dem Lande, selbst in den Umgebungen Roms die alten Haine der Götter, die heiligen Quellen und alle Naturmale eines göttlichen Wirkens immer Gegenstände einer lebhaften religiösen Verehrung geblieben sind. Es kam hinzu die natürliche Beständigkeit aller religiösen Gewöhnung, die Sitte der älteren Römer mehr auf dem Lande als in der Stadt zu leben, endlich in älterer Zeit auch die strenge Zucht des pontificalen Grundgesetzes, dessen Geist allem plastisch Bildlichen der Kunst und Mythologie entschieden mehr abgeneigt als zugeneigt war und sich deshalb eher mit jenen elementaren Formen als mit den künstlicheren des Hellenismus vertragen mochte.

Von der Verehrung der Götter auf hohen Bergen ist der Dienst des Jupiter Latiaris auf dem majestätischen Berge über Alba Longa ein gutes Beispiel, ein andres die Verehrung des Apollo Soranus, eines altitalischen Sonnengottes mit griechischem Namen, auf dem durch Gestalt und Anmuth in den Umgebungen Roms gleichfalls ausgezeichneten Soracte, ein drittes die Verehrung der Diana auf dem Berge Tifata über Capua. Nach Dionys 1, 34 wurde selbst Saturnus als Stifter des Ackerbaues und Urheber aller Segnungen desselben durch ganz Italien auf den Höhen und Bergen verehrt, und nach den Gromat. vet. p. 239 heiligte noch August die Gipfel aller Berge dadurch daß er sie unter den Schutz der Rhea stellte. Wären die örtlichen Nachrichten über die Culte des alten Italiens zahlreicher vorhanden oder die von den Stiftungen der ältesten Klöster und Kirchen auf hohen Bergen fleißiger durchforscht, so würden sich gewiß noch viel mehr Spuren eines derartigen Gottesdienstes nachweisen lassen. So wird überliefert daß der h. Benedict bei der Gründung des Klosters auf Monte Cassino ein sehr altes Heiligthum des Apollo 95 d. h. des Sonnengottes und andrer heidnischer Götter vorgefunden habe, welchen die ländliche Bevölkerung der Umgegend auch damals noch in den rings um den Tempel gelegenen Hainen fleißig geopfert habeGregorii M. Dialogi II, 8..

Sehr verbreitet war durch ganz Italien die religiöse Verehrung der Flüsse und Quellen, namentlich der capita fontium, wo die reinigende, nährende, beseelende und begeisternde Elementarkraft unmittelbar aus der schöpferischen Hand der Natur zu Tage tritt; worauf ich in einem eigenen Abschnitt zurückkommen werde. Nicht weniger tief und innig durchdrungen war es von der Heiligkeit des Feuers, wie davon die in Rom und Latium sehr alten und bedeutungsvollen Dienste des Vulcan und der Vesta Zeugniß ablegen. Ganz vorzüglich aber war auch in Italien die Bevölkerung dem Cultus der Bäume und der Verehrung der Götter in Hainen ergeben: auch dieses eine allgemeine Eigenthümlichkeit des früheren und ländlichen Heidenthums, daher sich auch im Orient, in Griechenland und bei den Deutschen und überhaupt den nördlichen Völkern viele gleichartige Gebräuche nachweisen lassenJ. Grimm D. Mythol. 59 ff. und 614, C. Bötticher, der Baumcultus der Hellenen, Berl. 1856.. Ueberhaupt hatten die Alten zwar nicht den landschaftlichen Natursinn, der bei uns durch Kunst und Poesie so weit ausgebildet ist; wohl aber hatten sie weit mehr Sinn für das Dämonische in der Natur, wie es sich in der Stille des Waldes, zwischen ragenden Bergen, an murmelnden Quellen offenbart und auf jedes empfängliche Gemüth mächtig wirkt. Da hörten sie vernehmbarer als sonst die Stimme der Gottheit und selten blieb eine Stätte der Art ohne religiöse Weihe. Auch die römischen Dichter äußern sich nicht selten recht lebendig über derartige EindrückeVirgil Ge. III, 332 Sicubi magna Iovis antiquo robore quercus Ingentes tendat ramos, aut sicubi nigrum Ilicibus crebris sacra nemus accubet umbra. Tibull. 1, 1, 11 Nam veneror seu stipes habet desertus in agris Seu vetus in trivio florea serta lapis. Ovid. Amor. III, 1, 1 Stat vetus et multos incaedua silva per annos, Credibile est illi numen inesse loco, Fons sacer in medio speluncaque pumice pendens Et latere ex omni dulce queruntur aves. Vgl. Virg. Aen. 1, 165 ff. und die schöne Beschreibung des uralten Haines in Gallien b. Lucan III, 399 ff., desgleichen Seneca in seinen BriefenEp. 41 Si tibi occurrit vetustis arboribus et solitam altitudinem egressis frequens lucus et conspectum coeli densitate ramorum aliorum alios protegentium submovens, illa proceritas silvae et secretum loci et admiratio umbrae in aperto tam densae atque continuae fidem tibi numinis facit. Et si quis specus saxis penitus exesis montem suspenderit non manufactus, sed naturalibus causis in tantam laxitatem excavatus, animum tuum quadam religionis suspicione percutiet. Magnorum fluminum capita veneramur, subita ex abdito vasti amnis eruptio aras habet, coluntur aquarum calentium fontes et stagna quaedam vel opacitas vel immensa altitudo sacravit. und Plinius H. N. XII, 1,2, welcher die 96 Bäume geradezu die ältesten Tempel der Götter nennt, die das Landvolk seinen Göttern noch jetzt heilige. Da bete man inniger als vor Bildern, die von Gold und Elfenbein strahlen; daher sei die Heiligung der einzelnen Baumarten für den Dienst gewisser Götter abzuleiten, der Eiche für den des Jupiter, des Lorbeers für den des Apoll, des Oelbaums für Minerva, der Myrte für die Venus, der Pappel für den Dienst des Hercules; daher der Glaube, daß der Wald das eigne dämonische Gebiet der Waldgeister sei, der Silvane, der Faune, der Baumnymphen. Noch bestimmter spricht Apulejus im Eingange seiner Florida von den verschiedenen Arten dieses eben so alten als allgemein verbreiteten Naturcultus, wie jeder Wandrer über Land sie an seinem Wege finde, von dem Haine, wo er ein Gebet zu sprechen, eine Gabe darzubringen, in stiller Andacht zu weilen pflege, dem mit frischen Blumen bekränzten Altare, der Grotte mit hängenden Laubgewinden, einer Eiche die mit den Hörnern, einer Buche die mit den Fellen der Opferthiere geschmückt ist, einem für die Andacht eingehegten Hügel, einem alten Stamm mit künstlich ausgeschnitztem Bilde, einem mit frischer Spende getränkten Rasen, einem mit Salböl benetzten Steine aus alter Zeit.

Unter den Bäumen war auch in Italien die Eiche vor allen übrigen heilig, namentlich die alte mit weitreichenden Zweigen und unvordenklichen Erinnerungen. Solch eine alte Eiche war auch auf dem römischen Capitol das älteste Heiligthum des Jupiter gewesen; noch Romulus legte nach Liv. 1, 10 seine Spolien zu ihren Füßen nieder. Weiter sah man auf dem Vatican eine alte Steineiche mit einer Dedication in etruscischer Schrift, welche also auch nicht viel jünger als die Stadt sein konnte, und bei Tibur eine alte Gruppe von drei Steineichen, die man für älter als Tibur hielt, da der Gründer der Stadt Tiburnus der Sage nach unter ihnen die Weihe erhalten hatte, Plin. H. N. XVI, 44, 87. Einen eignen Fall, welcher recht deutlich beweist wie tief der Glaube an die Heiligkeit solcher alten Bäume wurzelte, erzählt Livius III, 87. Die Aequer lagern auf dem Algidus gleich hinter Tusculum, die Römer kommen hinaus um im Namen des Senats 97 Genugthuung zu fordern. Der Führer der Aequer heißt sie ihren Auftrag an eine mächtige Eiche ausrichten, die sich über seinem Zelte erhob, er habe etwas Andres zu thun. Da wendet sich einer der Gesandten zu dieser Eiche und beschwört sie und die Götter des Ortes, den Bruch des Bundes zu rächen. So erzählt auch Sueton Vespas. 5 von einer alten, dem Mars geheiligten Eiche in dem sabinischen Geburtsorte der Flavier und Lucan 1, 136 ff. schildert eine uralte Eiche, wie sie einsam auf dem Acker dastehe, Weihgeschenke der früheren Geschlechter an ihren Zweigen hängendExuvias populi veteris sacrataque gestans dona ducum. Exuviae ist Alles was aus- oder abgezogen wird, auch Spolien der Feinde, Attribute der Götter. Doch sind hier wahrscheinlich Thierfelle gemeint. Vgl. J. Grimm D. M. 616. Von der Eiche wurde auch in Rom oft das Laub zur Bekränzung des Jupiter z. B. des Victor oder der höchsten Verdienste z. B. bei der civica corona des August genommen s. Plin. H. N. XVI, 4, 3–5 Civica iligna primo fuit, postea magis placuit ex aesculo Iovi sacra, variatumque et cum quercu est etc. Iuglans hieß eine besondre Art von Nußbaum, dessen Nüsse den Eicheln glichen und von außerordentlich angenehmem Geschmack waren, daher man sie Iuglandes nannte, angeblich nach Jupiter, s. Varro l. l. V. 102 quod cum haec nux antequam purgatur similis glandis, haec glans optuma et maxuma ab Iove et glande iuglans est appellata. Vgl. Macrob. S. III, 18, 3, Serv. V. Ecl. I, 17. Doch fragt sich ob die Silbe iu in dieser Zusammensetzung nicht einfach große Annehmlichkeit bedeutet., kaum vermag sie sich noch auf ihren Wurzeln zu behaupten, ringsum prangt der Wald in kräftiger Jugend, doch betet das Volk nur zu ihr. Außer der Eiche ist nicht selten von heiligen Feigenbäumen die Rede, da auch dieser Baum im Süden eine mächtige Krone hat und zu hohen Jahren kommt. So der bekannte Ruminalische Feigenbaum, in der Nähe des Lupercal, wo die Zwillinge gefunden wurden, und ein andrer Feigenbaum auf dem Comitium, den man später sogar für identisch mit jenem Ruminalischen hielt. Der berühmte Augur Attus Navius habe ihn vom Lupercal dahin gezaubert; daher ihn die Geistlichkeit aufs ängstlichste beobachtete und unter allen Umständen zu erhalten suchteEr hieß daher gewöhnlich ficus Navia, auch war ein Bild des Augurs neben ihm aufgestellt, s. Fest. p. 169, Dionys H. III, 71 und Tacit. Ann. XIII, 58. Eodem anno Ruminalem arborem in Comitio, quae octingentos et quadraginta ante annos Remi Romulique infantiam texerat, mortuis ramalibus et arescente trunco deminutam prodigii loco habitum est, donec in novos fetus reviresceret.. Ein dritter hatte bis zum J. 260 d. St. vor dem Tempel des Saturn gestanden, wo ihn die Vestalischen Jungfrauen, da er ein Bild des Silvanus umzustürzen drohte, unter sühnenden Gebräuchen entfernten, doch hielt man 98 einen jüngern, welcher um dieselbe Zeit beim lacus Curtius aufsproßte, für seinen unmittelbaren Nachkommen, s. Plin. H. N. XV, 20. So wird auch der Mars Ficanus einer Inschrift aus Ostia bei Henzen z. Or. n. 7194, wie der alte Ort Ficana unweit der Tibermündung, in welchem er verehrt wurde, höchst wahrscheinlich von einem ähnlichen alten Feigenbaum benannt worden sein. Endlich erzählt Virgil Aen. XII, 766 von einem alten dem Faunus geweihten Oleaster an der latinischen Küste, an welchem die Schiffer nach glücklicher Rückkehr fromme Gaben und ihre Kleider aufzuhängen pflegten, Plutarch Rom. 20 von einem heiligen Cornelkirschbaum auf dem Palatin, dessen Ursprung man von einer Lanze ableitete, welche Romulus vom Aventin dahin geschleudert hatte und welcher unter Caligula auf Veranlassung eines Baues in dortiger Gegend einging, Plin. H. N. XVI, 44, 85. 86 von verschiedenen sehr alten Lotosbäumen in Rom, unter denen namentlich einer gleichfalls für so alt als Romulus und für seine Pflanzung galt.

Weit gewöhnlicher war indessen die Verehrung der Götter in Hainen, auch ist diese in culturgeschichtlicher Hinsicht von nicht geringem Interesse. Man nannte solche Haine in Italien nemora und lucus, welche Wörter beide sehr vernehmlich, wie so vieles Andre in den italischen Religionsalterthümern, an das alte Wald- und Weideleben erinnern. Nemus ist das griechische νέμος, also eigentlich ein Weideplatz, lucus eine im Walde ausgehauene Lichtung, ein ausgerodeter Platz, auf dem man sich ansiedelte und dann immer zugleich für die Götter sorgte, zumal für den Silvan, welcher zugleich der Gott des Waldlebens und der Ansiedelung im Walde, des Hinterwäldlers ist. Hatten doch die Lucaner im südlichen Italien von diesem alten Waldleben und den Lichtungen, in denen sie sich ansiedelten, ihren Namen bekommenPaul. p. 119 Lucani, Iustin. XXIII, 1. Vgl. Calpurn. Ecl. VII, 16., und zwischen dem römischen Gebiete und dem innern Etrurien erstreckte sich noch im vierten Jahrhunderte Roms ein so ausgedehnter und unwegsamer Wald, daß Livius IX, 36 ihn mit den Wäldern Deutschlands vergleicht. Vollends der Apennin muß in ältester Zeit ganz mit Urwald bedeckt gewesen sein. In diesen Wäldern also siedelte sich jene alte Bevölkerung Italiens an wie unsre Vorfahren in Deutschland, wobei sie zwischen den neugewonnenen Aeckern und Weiden immer einige Baumgruppen stehen ließ und ihren Göttern weihte, und so entstand die religiöse Bedeutung der Wörter nemora und lucus 99 in dem Sinne der ältesten Heiligthümer überhauptTacitus Germ. 9 ceterum nec cohibere parietibus deos neque in ullam humani oris speciem adsimulare ex magnitudine coelestium arbitrantur. Lucos ac nemora consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud quod sola reverentia vident.. In den Hainen weilte die Gottheit, weilten die Seelen der Verstorbnen und die Laren, denen auf dem Lande überall eigne Haine geweiht wurden; in dem Haine feierte man opfernd und schmausend die Gottheit, der man sich aber nur bei solchen festlichen Gelegenheiten und wenn die Religion es erlaubte nähern durfte: wehe dem welcher ungeweiht den Hain betrat, wehe vollends dem der gegen seine Bäume, seine Heiligthümer zu freveln wagte!Paul. p. 187 Oblucuviasse dicebant antiqui mente errasse, quasi in luco deorum alicui occurrisse. Serv. V. A. I, 441 dicuntur enim heroum animae lucos tenere. Ecl. V, 40 quia heroum animae habitant vel in fontibus vel in nemoribus. V. A. XI, 740 in altos lucos. Illic enim epulabantur sacris diebus. Auf die Verletzung mancher Haine standen wenigstens in älterer Zeit Capitalstrafen, s. Paul. D. p. 66 capitalis lucus.. Nur in außerordentlichen Fällen erlaubten die Götter eines solchen Hains wohl eine Zuflucht selbst unmittelbar aus der Schlacht, wie z. B. gleich nach der Niederlage an der Allia die flüchtigen Römer schaarenweise in einen ausgedehnten Hain in der Nähe des Tiber drängten und dort Schutz fanden, welcher außerordentlichen Rettung zum Andenken jährlich in Rom am 19. und 21. Juli das Fest der Lucaria begangen wurdePaul. p. 119 Lucaria festa in luco colebant Romani, qui permagnus inter viam Salariam et Tiberim fuit, pro eo quod victi a Gallis fugientes e proelio ibi se occultaverint. Vgl. Macrob. Sat. I, 4, 15 und Kal. Maff. und Amitern. z. XIV. und XII. Kal. Aug.. Sonst wurde der Heiligkeit des Ortes unter allen Umständen mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit wahrgenommen, so daß selbst vor Alter umgefallene oder vom Blitz getroffene Bäume eines Hains unter Beobachtung gewisser Sühnungsgebräuche weggeschafft und ein Eisen nie ohne ähnliche Beobachtungen in den Hain gebracht werden durfte, wie davon in den Urkunden der Arvalischen Brüder verschiedne Beispiele zu finden sind. Durch ganz Italien waren diese durch ein hohes Alterthum und den Glauben der Vorfahren geweihten Haine, die man überall am Wege und auf dem Felde traf, etwas Hochheiliges und Würdiges, so daß Quintilian X, 1 den Dichter Ennius nicht schöner auszeichnen konnte, als da er von ihm schrieb: Ennium sicut sacros vetustate lucos adoremus. Unter den Göttern waren es vorzüglich Jupiter und Diana, die wie überhaupt auf dem Lande 100 und im Freien, so auch am meisten in Hainen verehrt wurdenVirgil Aen. III, 679 quales cum vertice celso aëriae quercus aut coniferae cyparissi constiterunt, silva alta Iovis lucusve Dianae. Vgl. Serv. V. Ge. III, 332 nam – et omnis quercus Iovi est consecrata et omnis lucus Dianae., wie z. B. vor allen übrigen Hainen der Diana der am See von Nemi berühmt war und Plinius XVI, 44, 91 von einem andern in der Nähe von Tusculum erzählt, unter dessen Buchen eine so schön war, daß ein vornehmer Römer der Zeit sich alles Ernstes in sie verliebte. Selbst in Rom hatte sich das Andenken an viele Gehölze und Haine aus alter Zeit erhalten, da auch hier namentlich der breite Rücken des Viminal und Esquilin dereinst von Eichen und Buchen bestanden war, von denen die römischen Bürger bis zur Zeit des Königs Pyrrhus die Schindeln für ihre Häuser nahmen. Dort gab es z. B. ein Fagutal, ein Heiligthum des Jupiter, welches an einen alten Buchenhain erinnerte, dort wird auch der alte Hain der Juno Lucina in der Gegend von S. Maria Maggiore oft erwähnt. Auch riefen die Namen der Esquilien, des Viminalis und der porta Querquetulana den Alterthumskundigen von selbst entsprechende Pflanzungen und Heiligthümer ins GedächtnißPaul. p. 87 Fagutal sacellum Iovis, in quo fuit fagus arbor, quae Iovi sacra habebatur. Plin. XVI, 10, 15 silvarum certe distinguebatur insignibus (nehmlich Rom), Fagutali Iovis etiam nunc ubi lucus fageus fuit, porta Querquetulana, colle in quem vimina petebantur, totque lucis, quibusdam et geminis (er meint wohl die beiden des Vejovis auf dem Capitol) Q. Hortensius dictator, cum plebs secessisset in Ianiculum, legem in aesculeto tulit etc. Von solchen aesculetis leitet Varro l. l. V, 49 mit Andern den Namen der Esquilien ab, weil damit auch andre Ortsnamen der Umgegend übereinstimmten, quod ibi lucus dicitur Fagutalis et Larum Querquetulanum sacellum (vgl. oben S. 88) et lucus Mefitis et Iunonis Lucinae, quorum angusti fines. Non mirum, iam diu enim late avaritia nunc est. Ib. 51 Viminalis a Iove Vimino, quoi ibi arae. Vgl. Fest p. 376. Auch der Caelius soll einmal Mons Querquetulanus geheißen haben, Tacit. A. IV, 65.. Vollends aber werden in der nächsten Umgegend von Rom fortgesetzt viele Haine erwähnt, z. B. der lucus Deae Diae, der lucus Annae Perennae, der lucus Robiginis, Camenarum, Furrinarum, Corniscarum, AlbionarumPaul. p. 4 Albiona ager trans Tiberim dicitur a luco Albionarum, quo loco bos alba sacrificabatur. und andrer weiblicher und männlicher Gottheiten, deren Haine zum Theil, wie der der Camenen gleich vor der porta Capena und der der Furrinen jenseits der alten Holzbrücke später mitten in volkreichen Vorstädten lagen. Aus andern Gegenden Italiens aber sei hier nur noch der Haine der sabinischen Stammgöttin Vacuna am Veliner See und des Hains der 101 Angitia, der Göttin der Marser, am Fuciner See gedacht, weil eine Erinnerung an beide sich bis jetzt in den Ortsnamen derselben Gegenden erhalten hat, so wie der Name Nemi und der See von Nemi noch jetzt an den Ruhm des nemus Dianae von Aricia erinnert. Es geschah nehmlich nicht selten daß sich neben solchen alten und vielbesuchten Heiligthümern allmälich andre Ansiedelungen bildeten, so daß daraus zuletzt ein kleiner Ort entstand, auf den der Name des Heiligthums überging.

Eine andre Eigenthümlichkeit dieses ältesten Gottesdienstes ist die Vergegenwärtigung der Götter zwar nicht durch Bilder, aber wohl durch Symbole und Attribute, entweder Bäume, Pflanzen und Thiere, deren Natur dem Wesen der zu vergegenwärtigenden Gottheit in gewisser Weise entspricht, z. B. der Adler dem Jupiter, der Wolf dem Mars, oder es sind leblose Gegenstände und Artefacta, welche zu solchem Zwecke geheiligt werden, Steine, Stäbe, Lanzen, Schilde u. dgl. Auch in dieser Hinsicht lassen sich viele Beispiele aus dem römischen und italischen Alterthum nachweisen, unter denen die heiligen Thiere im Vergleich mit andern Gegenden, namentlich den nördlichenEs verdient Beachtung, daß der Specht, der Wolf, das Pferd, welche im Cultus des Mars als heilige Thiere besonders hervortreten, auch bei den nördlichen Völkern, den Slaven, Germanen und Celten für heilig galten. Ueber den Specht s. Grimm D. M. 639 und 925., eine besondere Berücksichtigung verdienen. Namentlich war es der Cult des Mars, des volksthümlichsten von allen italischen Göttern, in dem sich manches Alterthümliche der Art erhalten hatte. Wie er selbst, so erinnern auch seine Thiere vorzüglich an Wald und Krieg. So zunächst der Wolf, welcher in dieser seiner italischen Bedeutung ganz dem deutschen Isengrimm entspricht, dem grausamen Thiere des Waldes, welches einem Volke von alterthümlicher und roher Sitte zum Bilde seines Kriegsgottes vorzüglich geeignet erscheinen mochte. Auch waren Italiens Wälder wie die im höheren Norden voll von Wölfen, welche vom Apennin im Winter bekanntlich noch später selbst bis in die Nähe von Rom streiften. Eben so der Specht, welcher in den Sagen und Mährchen vieler VölkerS. Cassel, Schamir, ein archäol. Beitrag zur Natur und Sagenkunde, Denkschr. d. K. Akad. d. gemeinnütz. W. in Erfurt, 1854 S. 48–112. als der Waldvogel und Waldgräber schlechthin geschildert wird, der einsam wohnt und gräbt und hackt und aus den Felsen und Bäumen allerlei geheime Kunde herausholt, aber auch mit seinem mächtigen Schnabel und seinem bissigen Wesen die Vorstellung eines martialischen Thieres erweckte: 102 daher er in den italischen Sagen und Culten zugleich der Prophet des Mars und ein streitbarer Held, aber als Picumnus auch ein um Düngung und Ackerbau verdienter König der Vorzeit ist. Zu demselben Kreise gehört ferner das Pferd, das dem Mars ganz vorzugsweise geweihte Thier und sein heiliges Opfer, ein Herkommen welches wieder sehr an das deutsche und nordische Alterthum erinnert, namentlich auch das Annageln des HauptesFest. p. 180, welcher die Pferdeopfer der Lacedämonier vergleicht, qui in monte Taygeto equum ventis immolant ibidemque adolent, ut eorum flatu cinis eius per fines quam latissime differatur, und die der Sallentiner in Apulien, welche ihrem Iupiter Menzana ein Pferd ins Feuer stürzten, und die Rhodier, welche dem Sol jährlich ein Viergespann ins Meer stürzten, quod is tali curriculo fertur circumvehi mundum. Aber weit besser passen zum Vergleich die Beispiele bei Grimm D. M. 42 und 621 ff.. Von den übrigen Thieren hatte z. B. der Pflugstier (bos arator) die Bedeutung der Ansiedelung überhaupt, der Bock und die Ziege in dem Culte des Faunus, der Juno u. a. die der Befruchtung, der Hund wegen seiner feinen Witterung eine besondre Beziehung zu Geistern und Faunen, dahingegen der Fuchs wegen seiner rothen Farbe zugleich für ein Bild der feindlichen Rutuler und der schädlichen robigo gelten mußte. Allgemein war ferner die Schlange, das bei allen Völkern in unzählichen Mährchen und Sagen bedeutsame Thier, wegen ihres Schlüpfens und Schleifens in der Erde und der jährlichen Erneuerung ihrer Haut ein Symbol der Genien und Hausgeister, daher die Schlange in Rom sogar zu den gewöhnlichen Hausthieren gehörte. – Lauter Elemente einer Thiersymbolik, welcher man in andern Naturreligionen auch begegnet, welche sich aber in Italien, so viel wir wissen, weder für die Sagen noch für die Fabel- und Mährchendichtung so fruchtbar erwiesen haben wie in Griechenland, Deutschland und bei andern Völkern. Um so wichtiger war das gesammte Thierleben, und auch dieses entspricht wieder ganz dem mehrfach geschilderten Charakter des italischen Volksthums, für den religiösen und priesterlichen Bedarf der Deutung und Weissagung, wie sie sich bei diesen Völkern frühzeitig in dem eignen Stande und Berufe der Augurn entwickelt hatte. Von den Umbrern, Sabinern, Marsern, Latinern wissen wir es gewiß, daß die Auguraldisciplin bei ihnen blühte, von den übrigen, namentlich den oskisch redenden Völkern darf man es gleichfalls annehmen. Das wesentliche Gebiet der auguralen Beobachtungen war aber bekanntlich die Thierwelt, sowohl der Angang der vierfüßigen und der kriechenden Thiere, des Fuchses, Wolfes, 103 Pferdes, der Schlange u. s. w.Den ganzen Kreis der auguralen Beobachtungen nennt Paul. p. 260 Quinque genera signorum observant augures, ex coelo , ex avibus, ex tripudiis, ex quadrupedibus, ex diris. Dem Angang (Grimm D. M. 1072) entsprechen die pedestria auspicia s. Paul. p. 244 Pedestria auspicia nominabantur quae dabantur a vulpe, lupo, serpente, equo celerisque animalibus quadrupedibus., als die Bewegungen und das Geschrei der Vögel und zwar ganz besonders dieser letzteren, was wieder, wie mir scheint, auf eine alte Heimath zwischen Bergen und Wäldern deutet, zumal da der Waldvogel schlechthin, der Specht, der bedeutungsvollste Vogel war wie die Erscheinung des Wolfes die bedeutungsvollste unter den QuadrupedenFest. p. 197 Oscines, Non. Marc. p. 518 Picumnus, Plin. H. N. VIII, 22, 34 vom Wolf: inter auguria ad dexteram commeantium praeciso itinere, si pleno id ore fecerit, nullum animal praestantius. Nach Cicero d. Divin. 1, 41, 92 war die Beobachtung der Vögel am weitesten gediehen in Phrygien, Pisidien, Cilicien, Arabien und in Italien in Umbrien, größtentheils Gebirgsgegenden. Vgl. ib. 42, 94 Arabes autem et Phryges et Cilices , quod pastu pecudum maxime utuntur campos et montes hieme et aestate peragrantes, propterea facilius cantus avium et volatus notaverunt, eademque et Pisidiae causa fuit et huic nostrae Umbriae.. Uebrigens wurde bekanntlich sowohl der Flug als die Stimme der Vögel beobachtet und demgemäß für die Auspicien alites und oscines unterschieden, obwohl einige Vögel, namentlich der Specht und die Elster, zu beiden Klassen gehörten. Ferner hatte jeder Vogel seinen Gott, dem er entsprach, so daß alle Vögel heilig warenServ. V. A. V, 517 Nulla enim avis caret consecratione, quia singulae aves numinibus sunt consecratae. Vgl. Marquardt Handb. d. R. Alterth. IV S. 358., obgleich einige, die den Todes- und Unglücksgöttern entsprachen, nur Unheil bedeuteten. Weiter galt es die Richtung und die Art des Fluges und so manches Andre zu beobachten. Das bekannte Augurium aus dem Fressen der Hühner, welches vorzüglich im Lager beobachtet wurde, ist für diesen Zweck offenbar nur deshalb so allgemein geworden, weil es unter allen Umständen das einfachste war.

Auf eine sehr alterthümliche Tradition deutet ferner der Jupiter Lapis im Heiligthum des Feretrius, desgleichen die Bedeutung der Lanze im Culte des Mars und Quirinus, sowie in dem der sabinischen Juno, der sogenannten Ancilien im Culte der Salier: lauter Symbole des italischen Alterthums, zu welchen erst später durch griechischen Verkehr die Palladien, die Kerykeien, der Lorbeer des Apollo u. A. hinzukamen. Und so scheint auch der fast in allen Naturreligionen nachweisbare bildliche Gebrauch 104 des männlichen Zeugungsgliedes in der Bedeutung einer zeugenden und schöpferischen Kraft schon im alten Italien verbreitet gewesen zu sein, da dieses Symbol wenigstens bei den ländlichen Liberalien der Latiner eine nicht weniger bedeutsame Rolle spielte als bei den ländlichen Dionysien in Attika. Auch die bei mehr als einer Gelegenheit beliebten fescennini versus deuten darauf, sammt der durch ganz Italien verbreiteten Anwendung des fascinum als Amulet und Gegenzauber bei vielen einzelnen Gelegenheiten, bei denen doch wohl eigentlich der Glaube an einen Schutz der ewig schöpferischen Gotteskraft ausgedrückt werden sollte.

Damit wir uns aber diese Stufe der Religion nicht gar zu harmlos vorstellen, ist zu bedenken, daß grade diese älteste Zeit wie anderswo, so auch in Italien ganz vorzugsweise die Zeit der Menschenopfer gewesen sein muß, obwohl dieselben später bis auf seltene Ausnahmen abgeschafft und durch stellvertretende Gebräuche ersetzt wurden. Deutliche Spuren solcher Opfer hatten sich z. B. bei den latinischen Ferien erhalten, bei denen noch unter den Kaisern ein verurtheilter Verbrecher den Altar des Jupiter zu Rom mit seinem Blute benetzen mußte; weniger deutliche bei der Feier der Saturnalien und der Compitalien, in dem gewöhnlichen Ritus der Blitzsühne, dem sogenannten Asyl des Vejovis und andern alterthümlichen Sagen und Gebräuchen. Und so ist auch der in der alten Geschichte Italiens oft erwähnte Gebrauch einen heiligen Frühling, ver sacrum, zu weihenVgl. Marquardt Handb. IV, 232 und Schwegler R. Gesch. I, 240 ff.; welcher letztere aber die Gebräuche der Devotion mit denen des Ver Sacrum verwechselt. deutlich der Ausdruck einer religiösen Stimmung, welche den Göttern und ihren Priestern auch das Liebste darzubringen nicht anstand. Es war der Gebrauch in schweren Kriegsläuften, Sterbezeiten und andern Calamitäten den Göttern, vorzüglich dem Mars im voraus die sämmtlichen Erzeugnisse des nächsten Frühjahrs d. h. der Monate März und April zu weihen, Menschen, Vieh und die Frucht der Felder, worauf man im nächsten Jahre das Vieh und die Feldfrüchte wirklich opferte, die junge Mannschaft aber sobald sie herangewachsen war als Geweihete d. h. den Göttern Verfallene zum Lande hinaustrieb und ihrem Schicksale überließ: eine gewöhnliche Veranlassung für diese sich unter dem Schutze des Mars und der Anführung seiner heiligen Thiere eine neue Heimath zu erkämpfen. Endlich lassen sich auch die bei 105 verschiedenen volksthümlichen Gelegenheiten in Italien und Griechenland erwähnten oscilla am besten durch sinnbildliche Menschenopfer und den Baumcultus erklären. Es sind kleine schwebende Figuren und Masken, welche namentlich bei der Feier der latinischen Ferien an den Bäumen aufgehängt und von den Alten, nachdem der rechte Sinn verloren gegangen war, auf sehr verschiedene Weise erklärt wurden. Da in alter Vorzeit die Köpfe und Glieder der geopferten Thiere oder Menschen an die Bäume des Hains aufgehängt wurden, so hatten diese Puppen und Masken wahrscheinlich den Sinn einer bildlichen Stellvertretung, wie sie uns in dem römischen Gottesdienste öfters begegnen wirdVgl. J. Grimm D. M. 67 und Bötticher Baumcultus 80 ff..

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