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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 135
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
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6. Astrologie und Magie.

Nichts reizte diese Zeit so sehr als das Geheimniß der Zukunft, in solchem Grade war es allen Aufregungen der Angst und Sorge, des Ehrgeizes und andrer Leidenschaften preisgegeben. Daher die vielen Orakel und Arten der Divination, so zahlreich und Producte so verschiednen Aberglaubens wie in keinem andern Abschnitt der Culturgeschichte. Zu den beliebtesten Mitteln den Schleier der Zukunft zu heben gehörten aber die der Astrologie und Magie, deren oft verbotne Künste jetzt auch in Rom und der römischen Welt, namentlich unter den Vornehmen, großen Anhang fanden.

Die Astrologie ist bekanntlich ägyptischen und babylonischen Ursprungs, doch heißen ihre Meister bei den Griechen und Römern gewöhnlich schlechthin Chaldäer. Sie stützt sich auf den Glauben einerseits an ein unabänderliches Fatum, wie derselbe mit dem Verfall des Heidenthums je länger je mehr um sich griff und in dem allgemeinen Gewirr der Götter und 765 Göttersysteme zuletzt das einzige Feste blieb, andrerseits auf die Ueberzeugung von einer specifischen Göttlichkeit der Gestirne als ätherischer Wesen des Himmels und eines bestimmenden Einflusses dieser himmlischen Mächte auf Geburt und Schicksal der Menschen und irdischen Geschöpfe: wie dieser Glaube ja zu allen Zeiten ein sehr anziehender gewesen ist. In Griechenland waren die späteren Pythagoreer, Platoniker und Stoiker diesem Glauben sehr zugethan; namentlich war Posidonius, ein wissenschaftlich und durch Reisen vielseitig gebildeter Mann, der in Rom viel Anerkennung fand, der Astrologie sehr ergeben und eine der bedeutendsten Autoritäten für ihre AnhängerAugustin C. D. V, 2 Posidonius Stoicus multum astrologiae deditus. – Posidonius vel quilibet fatalium siderum assertor. 5 Posid. magnus astrologus idemque philosophus. Dagegen war Panaetius ein Gegner der Astrologie, aber auch der einzige Stoiker der dagegen war, Cic. de Divin. II, 42. In Italien scheint u. a. auch der Pythagoreer Archytas und seine Schule für die Astrologie gewesen zu sein, Prop. IV, 1, 77.. Hernach wurde Alexandrien ein Mittelpunkt eben so sehr der Astrologie als der AstronomieProp. l. c. von Conon, vgl. Plutarch Anton. 33 und Flav. Vopisc. Saturn. 7.. In Rom warnt schon Cato den Landmann zugleich vor dem Haruspex, dem Augur, dem Wahrsager (hariolus) und dem Chaldäer, und nicht lange darauf, im J. 139 v. Chr., machen sich diese letzteren schon so lästig daß sie aus Rom und ganz Italien ausgewiesen wurdenCato r. r. 5, Val. Max. I, 3, 2, Plut. Mar. 42, Sulla 37.. Die ersten Spuren eines Einflusses auf die höheren Stände sind aus der Zeit des Marius und Sulla, worauf sich Cicero veranlaßt findet vor den Weissagungen und Nativitätsstellungen, mit denen die Astrologen chaldäischer und ägyptischer Herkunft der Gewinnsucht, dem Ehrgeize und andern Lastern auf die unverschämteste Weise schmeichelten, mehr als einmal nachdrücklich zu warnenTusc. I, 40, 95, De Div. II, 42 und 47. Quam multa ego Pompeio, quam multa Crasso, quam multa huic ipsi Caesari a Chaldaeis dicta memini, neminem eorum nisi in senectute, nisi domi, nisi cum claritate esse moriturum. Vgl. auch die Diatribe des Philosophen Favorin gegen die Chaldäer b. Gell. N. A. XIV, 1.. Zu den Gläubigen gehörten die ersten Gelehrten der Zeit, sowohl Varro, welcher die Ueberzeugung von der göttlichen Substanz der Gestirne sehr bestimmt ausspricht und seinen Freund Tarutius, einen im Chaldäismus wohl bewanderten Römer, das Horoscop der Stadt Rom zu stellen bewogVarrob. Augustin. C. D. VII, 6 aethereas esse animas astra ac stellas eosque caelestes deos non modo intelligi esse, sed videri. Vgl. Cic. de Divin. II, 47, Plut. Rom. 12., als 766 Nigidius Figulus, welcher für die späteren Astrologen von allen Römern die größte Autorität warLucan. Phars. I, 639 Figulus, cui cura deos secretaque caeli nosse fuit, quem non stellarum Aegyptia Memphis aequaret visu numerisque moventibus astra. Vgl. Sueton Octav. 94, August. C. D. V, 3, Dio XLV, 1, nach welchem er in Verdacht verbotener Geheimweisheit stand, wie auch Hieronymus zu 45 v. Chr. ihn einen Pythagoriker und Magier nennt. Vgl. Merkel Ovid F. p. LXXXVII sq., Hertz de Nigidio Fig. p. 27 sq.. Er soll auch dem Vater des August die Größe seines Sohns gleich nach dessen Geburt aus den Sternen geweissagt haben, wie denn Augustus selbst von der Macht seines Gestirns gleich fest überzeugt warDaher der Capricornus auf Münzen und Gemmen, s. Sueton Octav. 94, Dio LVI, 25. und die häufigen Anspielungen der Dichter auf Constellation und Nativitätsstellung die zunehmende Verbreitung des Aberglaubens deutlich beweisen. Es ist dabei zu bedenken daß die Astrologen neben ihren Weissagungen über außerordentliche Wendungen des Geschicks und die Stunde und Art des Todes, welche die Meisten anlockten, sich doch auch auf allerlei praktische Lebensverhältnisse des städtischen und ländlichen Lebens einzulassen hatten und eben deshalb auch die Wissenschaft und Erfahrung des praktischen Lebens z. B. des Kalenders mannichfach gefördert haben. Vorzüglich aber hat doch auch die Astrologie der Alten immer in den Zeiten politischer Aufregung geblüht und diese durch Erregung ehrgeiziger Erwartungen und die Verkündigung außerordentlicher Katastrophen gewöhnlich sehr vermehrt, daher die Chaldäer unter den Kaisern fast bei allen Verschwörungen und Majestätsprocessen mit im Spiele waren und immer von neuem ausgewiesen doch immer von neuem zur Stelle sind, selbst unter den größten Gefahren des harten Exils oder GefängnissesTacit. Ann. II, 27 und Hist. I, 22 urgentibus etiam Mathematicis, dum novos motus et clarum Othoni annum observatione siderum affirmant: genus hominum potentibus infidum, sperantibus fallax, quod in civitate nostra et vitabitur semper et retinebitur. Vgl. Iuvenal VI, 562 und die Nachweisungen b. Marquardt R. A. IV, 101. Am strengsten war es immer verboten, diese und andre Weissager de salute principis oder de summa reipublicae zu consultiren d. h. ob der Kaiser bald sterben werde? ob wichtige Veränderungen im Staate bevorständen u. s. w., s. Spartian Sev. 15, Dio LXXVI, 8.. Erst unter der Regierung des ehrgeizigen und kühnen, dabei ganz der Astrologie ergebenen Septimius Severus, erlangten sie eine öffentliche Anerkennung selbst von 767 Seiten des kaiserlichen HofsHerodian II, 9, Dio LXXVI, 11, Spartian Sev. 2. 3. 4 und Geta 2 gnarus geniturae illius, cuius ut plerique Afrorum peritissimus fuit. Auch Hadrian war in der Astrologie sehr bewandert gewesen, s. Spartian 2 und 15.. Nach ihm hat Alexander Severus den Mathematikern sogar einen eignen Lehrstuhl in Rom eingeräumtLamprid. Alex. Sev. 26.. Unter den Kirchenvätern gewährt Augustin in einem lehrreichen Excurse über die Astrologie und ihre Unverträglichkeit mit dem Glauben an die göttliche Vorsehung und die Freiheit des menschlichen Willens einen Blick in den Streit des Publikums, Gelehrter und Ungelehrter, welche für und wider die Astrologen Partei nahmenDe Civ. V, 1–7, vgl. M. Uhlemann Grundzüge der Astronomie und Astrologie, Leipz. 1857 S. 52 ff..

Nicht weniger verbreitet war in diesen aufgeregten Zeiten die Kunst der Magie und Geisterbeschwörung, gleichfalls ein alter Aberglaube, welcher aber jetzt bei dem Zusammenfluß so vieler Arten von geheimer Weisheit und dem Verfall aller ächten Wissenschaft eine Bedeutung bekam wie nie zuvor. In Griechenland war der Dienst der Hekate, namentlich in Thessalien, und der der Unterirdischen, namentlich an solchen Stätten wo sich s. g. Psychopompeen befanden, eine Schule dieser Uebungen gewesenVon Cumae s. Cic. Tuscul. I, 16, 37 inde ea quae meus amicus Appius νεκρομαντει̃α faciebat, inde in vicinia nostra Averni lacus, unde animae excitantur obscura umbra opertae ostio alti Acheruntis etc. Ueber die Neigung des Appius Claudius Pulcher, welcher Ciceros College im Augurat war, zur Nekromantie vgl. de Divin. 1, 58, 132.. Damit vermischte sich jetzt die Magie der Perser, der Babylonier und Aegypter, bis Alexandrien und seine Philosophie unter anderm Wahnglauben auch diesen zu stützen unternahm. In Rom mußten schon im J. 97 v. Chr. die Menschenopfer zu magischen Zwecken durch ein eignes Senatusconsult verboten werden, worauf von solchem Greuel in der nächsten Zeit allerdings nicht gehört wurdePlin. H. N. XXX, 1, 3.. Doch gehören seitdem die Wunder des Zaubers und der Beschwörung bei den Dichtern zu den beliebten Schilderungen, und bei der Untersuchung über den Tod des Germanicus kamen auch von neuem Spuren von heimlicher Menschenschlächterei zur SpracheTacit. Ann. II, 69, Dio LVII, 18. Von Neros wüstem Aberglauben und seinem Eifer für solche Dinge s. Plin. H. N. XXX, 2, 5. Vgl. ib. 6 von den Opfern der Magie: homines immolare etiam gratissimum., bis 768 endlich Nero unter andern Arten des Aberglaubens auch diesem aufs angelegentlichste ergeben war. So werden auch jene Schilderungen der Dichter in dieser Zeit auf eine merkwürdige Weise zugleich ausführlich und düster und grauenvoll, namentlich die bei Lucan Pharsal. VI, 507 ff., wo S. Pompejus in der Nacht vor der Schlacht bei Pharsalus die zu ihrer Zeit berühmte Hexe ErichthoOvid Heroid. XV, 139. in der Nähe des Schlachtfeldes aufsucht, um durch sie aus dem Munde eines Verstorbnen die Zukunft zu erfahren, und eine andre bei Statius Theb. IV, 406 ff., wo Tiresias, dieser alte durch das griechische Epos und das attische Theater so berühmte Prophet nun auch zum Nekromanten geworden ist. Das Ziel und der Anlaß solcher Fragen an das Schicksal waren hier wie bei der Astrologie gewöhnlich die politischen Leidenschaften der Zeit, daher beide, die Magier und die Astrologen oft neben einander genannt und verfolgt werden, bis bei der allgemeinen Verfinsterung auch die Magie immer weniger Anstoß erregte. Hadrian verschmähte nicht das Opfer des Antinous um sein Leben zu verlängern, Marc Aurel versammelte vor dem Feldzuge gegen die Marcomannen die Priester, Seher und Magier aller Nationen, um die verschiedensten Arten von Beschwörungen und Sühnungen zu versuchen; wie er denn auch den berühmten Regen, welcher ihn im Kriege mit den Quaden rettete, nach der gewöhnlichen Ueberlieferung nicht dem Gebete der Christen, sondern dem Zauber eines ägyptischen Priesters verdankteIul. Capitolin M. Antonin. 13, Dio LXXI, 8. Did. Julianus suchte durch Magie den Haß des Volks und der Soldaten zu beschwören, Spartian 7.. Sein Sohn, der wilde Commodus, soll sogar viele Kinder getödtet haben wo es galt durch Zauber eine ihm drohende Gefahr abzuwendenDio LXXIII, 16. Aehnliche Greuel wurden von Heliogabal erzählt, Lamprid. 8. Auch die Chaldäer standen in dem Rufe des Kindermordes zu magischen Zwecken.. Auch Septimius Severus glaubte nicht blos an Astrologie, sondern an Magie und Geheimweisheit aller Zeiten und Länder, daher er eine bedeutende Litteratur der Art zusammenbrachte, welche er, nachdem er sie für seinen Bedarf ausgebeutet hatte, zuletzt in dem Grabe Alexanders d. Gr. in Alexandrien verschlossen haben soll. Noch weiter ging sein Sohn Caracalla, der Bösewicht, welcher es in seiner Gewissensangst mit allen Orakeln und allen möglichen Arten von geheimer Weisheit, Magie, Astrologie und Eingeweideschau versuchte. Kein Priester, 769 der sich auf solche Dinge verstand, entging seinen spähenden Blicken, und auch die Geister wurden oft citirt, selbst der Geist seines Vaters und des Commodus, bei welcher Gelegenheit sich der Geist seines ermordeten Bruders ungerufen mit eingestellt haben sollDio LXXV, 13, LXXVII, 15 und 18, Herodian IV, 12. Durch Caracalla kam auch Apollonius von Tyana zu Ehren, dessen abenteuerliche Geschichte hinsichtlich des Aberglaubens der Zeit sehr lehrreich ist.. Dazwischen hört man in diesen späteren Zeiten auch nicht selten von dem Zauber und der Weissagung der nördlichen Völker, der Gallier, der Britten, der Deutschen, deren Priester immer in solchen Künsten wohl erfahren waren, vor allen die Druiden, deren Magie wegen der damit verbundenen Menschenopfer unter Tiberius und Claudius verboten wurdePlin. H. N. XXX, I, 4, Sueton Claud. 25, vgl. Vopisc. Aurel. 44, Numerian 14. 15.. Doch verschmähte es weder Aurelian noch Diocletian sich bei Druidenweibern wegen ihrer Zukunft Raths zu erholen.

Sowohl in Griechenland als in Italien war der Dienst der Hecate seit alter Zeit der Mittelpunkt und die religiöse Sanction aller Zauberkünste und alles Geisterspuks gewesen. Schon bei Hesiod wird sie als eine durch alle drei Naturgebiete mächtige Göttin geschildert, und ihre auch in der römischen Mythologie allgemein anerkannte Gleichsetzung mit der Diana und der Proserpina trug vollends dazu bei ihren Begriff auf dem Wege des Cultus immer mehr in diesem Sinne auszubilden. So wurde auch sie in diesem Zeitalter, wo alle Theokrasie und Mystik blühte und das Grauenvolle mehr als das Schöne galt, zu einem Lieblingsbilde alles pantheistischen Aberglaubens, namentlich des der Nachtseite der Natur und den Gespenstern des Grabes zugewendeten. Noch Diocletian gründete zu Antiochien einen unterirdischen Dienst der Hecate in einer Krypta, zu welcher man auf 365 Stufen hinabstiegO. Müller Qu. Antioch. p. 99.. Auch sind aus dieser späten Zeit verschiedne Bilder der Hecate erhalten, welche auf geheime Weihen deuten, in denen sie mit den gewöhnlichen Mitteln der damaligen Symbolik d. h. durch Ueberladung mit verschiedenartigen Attributen und Eigenschaften für ein kosmisches Urwesen erklärt werden mochte, welches aus der Tiefe über Himmel und Erde, Meer und Unterwelt, und das Schicksal sowohl der Lebendigen als der Todten gebieteP. v. Köppen die dreigestaltete Hekate, Wien 1823, über ein Bild im Museum zu Herrmannstadt mit Reliefdarstellungen, welche doch wohl nur die verschiedenen Kreise und Gebiete ihrer Herrschaft vergegenwärtigen sollen. Vgl. auch Ed. Gerhard Antike Bildw. t. 314, 1–10, S. 405 ff., Archäol. Ztg. 1, 132 ff. t. VIII, welches Bild eher die Horen darstellen möchte. Zur Charakteristik des populären Hekateglaubens sind interessant die von O. Jahn Leipz. Ber. 1855 S. 107 besprochenen Zaubernägel.. Auch in den Dedicationstiteln 770 dieses Zeitalters erscheint die Weihe der Hecate nicht selten neben denen des Bacchus, der Isis und des Serapis, der Großen Mutter, des MithrasOr. n. 1901. 2335. 2351–53. 2361., welche zusammengenommen gewissermaßen einen letzten Auszug des verfallenen Heidenthums darstellten.

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