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Römische Mythologie

Ludwig Preller: Römische Mythologie - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Mythologie
authorLudwig Preller
year1858
firstpub1858
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleRömische Mythologie
pages801
created20090801
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Die Semonen und Indigeten.

Heroen in dem Sinne der griechischen Heldendichtung hat Italien allerdings nie gehabt; es fehlte eben die wesentliche Bedingung einer solchen, das nationale Epos. Wenn die 78 griechischen Schriftsteller das römische Wort lar durch ήρως übersetzenSo übersetzt Dionys. Hal. die lares compitales durch ήρωες/g προνώπιοι und Derselbe IV, 2 und Plutarch d. fort. Ro. 10 in der Geschichte des Servius Tullius den Ausdruck lar familiaris durch ο κατ' οικίαν ήρως oder ήρως οικουρός. Vgl. die Gloss. Labb. ήρωες lares, lares ήρωες κατοικίδιοι und Cicero Fragm. Timaei 11 Reliquorum autem, quos Graeci δαίμονας appellant, nostri ut opinor lares, si modo hoc recte conversum videri potest., so ist dieses Wort dabei nur in seinem späteren Sinne zu verstehen, wo es jeden verklärten Geist eines Verstorbenen bezeichnete und beinahe gleichbedeutend mit δαίμων war. Wohl aber ist eine gewisse Anlage zum Heroenglauben im Sinne der älteren griechischen Sage auch in Italien nicht zu verkennen, ich meine den Glauben an personificirte Schutzgeister, welche für die Urheber der ältesten nationalen Stiftungen, Verbündungen und Staaten, die ältesten Könige, die ältesten Anführer im Kriege galten und bei den Griechen gewöhnlich als ήρωες επώνυμοι, επιχώριοι, κτίσται d. h. als die idealen Urheber der ältesten Benennungen eines Volkes, der Blüthe seiner Landschaft und der Gründung seiner Städte verehrt wurden. Nur daß auch dieser Glaube in den meisten Fällen so sehr bei den ersten Anfängen stehen geblieben ist und so wenig die Kraft einer originalen Sagenbildung bewiesen hat, sei es daß dieselbe überhaupt nicht vorhanden war oder daß ihre Entwicklung zu früh gestört wurde, daß gewöhnlich auch hier die griechische Mythologie hat aushelfen müssen, z. B. beim Hercules und beim Aeneas, wo der Kern ein latinischer ist, aber der Name und allerlei mit demselben übertragener Putz der griechische. In andern Fällen, wie in gewissen Sagen aus Praeneste, aus dem sabinischen Cures, selbst in der Sage von Romulus und Remus, sind die Bilder schon concreter und die Gestalten so fest geworden, daß der originale Kern sich auf die Dauer behaupten konnte. Aber merkwürdiger Weise und ganz im Sinne der politischen Vorbestimmung Italiens werden auch diese Heroen mit besondrer Vorliebe als Urheber der ältesten Staaten und als Gesetzgeber geschildert, deren Verdienst, damit es um so glänzender hervortrete, gewöhnlich auf dem Hintergrunde eines durch sie überwundenen Lebens von armen Hirten und bösen Räubern erscheint, weit weniger als Helden nationaler Kriege und Schlachten, mit denen sich die italische Sage niemals eingehender beschäftigt zu haben scheint.

Es handelt sich hier von den schwierigen Begriffen der Semonen und der Indigetes, die schon den Alten mit der Zeit 79 sehr unklar geworden waren, aber beide mit einiger Sicherheit als nationale Laren oder Genien definirt werden können. Als solche d. h. als Schutzgötter und ideale Vorstände einer ganzen Landschaft oder Nation hatten sie von derselben sicher auch gewisse Grundzüge einer bestimmteren Characteristik durch Eigenschaften und örtliche Verehrung angenommen und dieses mag die Ursache gewesen sein, weshalb man sie von der allgemeinen Klasse der Genien und Laren ausschied und besonders benannte. Offenbar sind sie es welche mit den griechischen Heroen des älteren Glaubens noch am meisten Verwandtschaft haben.

Die Semones werden als den Laren gleichartige Wesen schon durch das Lied der Arvalbrüder characterisirt, dessen erste Hälfte mit dem Verse beginnt: E nos Lases juvate, während die correspondirende zweite so anfängt: Semunis alternei advocapit conctos d. h. Semones alterni advocabite cunctosSo die gewöhnliche Erklärung welche für unrichtig zu halten mich die Bedenken von Bergk Ztschr. f. A. W. 1856 n. 18 nicht bestimmen können.. Den Plural Semones kennen auch Fulgentius expos. serm. p. 561 und Martian. Cap. II, 156, obwohl beide bei ihrer Erklärung des Wortes irrthümlich an Semis denken und deshalb die Semonen für Halbgötter (Semidei, ημίθεοι) d. h. im Sinne der Griechen für Heroen halten. Doch hat sich bei Fulgentius ein wichtiges Bruchstück einer Schrift des Varro erhalten, wo der Semo entschieden dem Deus entgegengesetzt wirdSicut Varro in Mystagogicon (v. Mystagogorum) libro ait: Semoneque inferius derelicto Deum pinnato (v. depinnato) orationis attollam eloquio. Einige unterschieden zwischen Halbgöttern und Heroen, z. B. Labeo b. Augustin C. D. II, 14, welcher Plato zu den Halbgöttern rechnete, wie Hercules und Romulus. Semideos autem heroibus anteponit, sed utrosque inter numina collocat., so daß wir auch dadurch auf den Begriff eines Genius oder eines Halbgottes geführt werden. Endlich kennen wir namentlich den sabinischen Semo Sancus, welcher identisch war mit dem Schwurgotte Dius Fidius und dem römischen Hercules so nahe stand, daß er mit ihm verwechselt werden konnte, s. Varro l. l. V, 66. Auch dieser römische Hercules aber war, wie ich unten weiter ausführen werde, kein Gott im strengeren Sinne des Worts, sondern ein Genius, der schaffende und schützende Genius der römischen Stadtflur, welcher später mit dem frühzeitig auch in Italien für gleichartige Gestalten sehr beliebt gewordenen Namen des griechischen Heroen benannt wurde. Die rechte Wurzel des Wortes Semo ist schwer 80 zu finden, doch scheint es nicht blos dem sabinischen, sondern auch dem latinischen Dialecte angehört zu haben, da es sich sonst kaum in jenem alten Liede der Arvalbrüder finden würde. Am natürlichsten wird man es mit Hartung u. A. von dem Stamme sero, semen, semino ableiten, von welchem auch die Göttin Semonia ihren Namen hatte. Das seltnere und alterthümliche Wort Semo würde dann genau dem gewöhnlicheren Genius entsprechen, da es in einem ähnlichen Verhältniß zu serere stände wie dieses zu genere. Wie alt und tiefgewurzelt auch in Italien die Uebertragung der Vorstellung des Säens auf Zeugung, der Saatgottheiten auf die Gottheiten des Anfangs, der Erzeugung, der Bildung und ersten Cultur überhaupt war, das beweist sehr deutlich die Verehrung des Janus Consivius, des Saturnus, der Ops Consivia u. dgl. m.

Nicht weniger schwierig ist die etymologische Erklärung des Begriffs der Indigetes oder Indigites, wo die Alten mit ihrer mangelhaften Etymologie wieder fehlgreifen, aber durch ihre Etymologieen doch wenigstens die herrschende Vorstellung ausdrücken, s. Servius zu Virg. Ge. I, 498 und Aen. XII, 794. Nigidius Figulus, ein eben so schlechter Etymolog als Varro, leitete das Wort ab von egere, Indigetes seien überhaupt alle göttliche Wesen, quasi nullius rei egentesVgl. M. Hertz de P. Nigidii Fig. stud. p. 20. 36. Cato d. Ä. hatte eine Rede de Indigitibus gehalten, s. Fest. p. 339 Sequester, so daß also die Vorstellung bis dahin ziemlich feststehen mußte. welche Erklärung schon dadurch widerlegt wird daß das Wort im gewöhnlichen Sprachgebrauch eine so allgemeine Bedeutung nie gehabt hat. Andre erklärten Indigetes proprie sunt dii ex hominibus facti, quasi in diis agentes, also consecrirte Sterbliche von besonderm Verdienste, wie die Helden der Vorzeit und die Divi unter den Kaisern, und diese Erklärung, so wenig auch sie etymologisch haltbar ist, scheint nicht allein am meisten Anklang gefunden zu habenArnob. I, 64 tyrannos ac reges vestros – appellatis Indigetes ac Divos. Vgl. Sil. Ital. X, 432 Indigetesque Dei, sponte inter numina nostra. Claudian de bello Gildon. 131 Moerent Indigetes et si quos Roma recepit aut dedit ipsa deos., sondern auch das Wesen der Sache am meisten zu treffen, nur daß diese Divi nicht wirkliche Menschen gewesen waren, sondern schützende Genien des Landes und der Nation, welche in den Sagen der Vorzeit als Menschen erschienen. Noch Andre erklärten ab invocatione Indigetes dictos, quod indigeto est precor et invoco, wodurch diese schwierige Untersuchung mit 81 der gleichfalls schwierigen über die Bedeutung der priesterlichen Indigitamenta in Verbindung gebracht und dadurch vollends erschwert worden istKlausen Aeneas und die Penaten S. 907 ff.. Mir scheint, um hier gleich meine Ansicht über beide Benennungen auszusprechen, das Wort Indigitamenta mit index und indicare zusammenzuhängen, wie denn auch der seit August als Sol Indiges verehrte Sonnengott nicht wohl etwas Anderes gewesen sein kann als der Späher, der Anzeiger, der index, in demselben Sinne wie in Athen ein Hercules Index verehrt wurde, s. Cic. d. Divin. I, 25, 54. Der Name der Indigetes dagegen scheint mir abgeleitet werden zu müssen von indu und geno, zumal da auch die Form Indigentes im Gebrauche warVgl. die verstümmelte Inschrift vom Forum in Pompeii, die zu einem Bilde des Aeneas gehörte, bei Mommsen I. N. n. 2188 Aeneas Veneris et Anchisae filius – [cum nimbo exort]o non con[paruisset dictus] est Indigens [et in deorum] numero relatus. Placidus Gloss. p. 474 ed. Mai Indiges dicitur interdum hemitheus – ab indigendo divinitate, qui cum homines fuerint, indiguerint tamen divinis. Dicunt etiam quidam Indigentes deos naturales et caelestes a contrario, quod nullis indigeant.. Also eingeborne Genien oder Heroen, örtliche Schutzgeister die an einem bestimmten Orte und im engsten Natur- und geschichtlichen Zusammenhange mit diesem Orte verehrt wurden, die ήρωες εγχώριοι oder επιχώριοι der Griechen. Gewissermaßen die ansäßig gewordenen Aboriginer, denn auch diese Vorstellung ist weit mehr eine mythische als eine historische.

Zu dieser Erklärung führt auch die Analyse verschiedner alter Eides- und Gebetsformeln sammt andern Stellen, in denen die Indigeten bald neben den Laren bald neben den Penaten bald neben andern Genien und Schutzgöttern des römischen Staates genannt werden. So spricht der Pontifex bei der Devotion des Decius nach Liv. VIII, 9 demselben diese Formel vor: Iane, Iupiter, Mars Pater, Quirinus, Bellona, Lares, Divi Novensiles, Divi Indigetes, Divi quorum est potestas nostrorum hostiumque, Diique Manes, vos precor etc. Desgleichen in der wichtigen, leider nur in griechischer Uebersetzung erhaltnen Verschwörungsformel des Drusus bei Diodor Exc. Vat. XXXVII, 4, wo es mit einigen nothwendigen Aenderungen so heißt: όμνυμι τὸν Δία τὸν Καπετώλιον καὶ τὴν ‛Εστίαν τη̃ς ‛Ρώμης καὶ τὸν πατρω̃ον αυτη̃ς ’Άρην καὶ τὸν γενάρχην ’ΕνυάλιονSo ist zu lesen für das gewöhnliche τὸν γενάρχην ‛Ήλιον κ. τ. ενεργέτιν. καὶ τὴν 82 ευεργέτιν ζώων τε καὶ φυτω̃ν Γη̃ν, έτι δέ τοὺς κτίστας γεγενημένους τη̃ς ‛Ρώμης ημιθέους καὶ τοὺς συναυξήσαντας τὴν ηγεμονίαν αυτη̃ς ήρωας, auf Lateinisch etwa: per Iovem O. M., Vestam, Martem Patrem, Quirinum genitorem, Terram Matrem, Deos Patrios, Deos Indigetes, wo jene Dii Patrii entweder die Lares publici oder die Penaten von Rom sind, die Indigetes aber (ich wüßte nicht welche Götter sonst verstanden werden könnten) deutlich neben ihnen als Schutzgeister des Staates bezeichnet werden. Dazu kommen die Stellen der Dichter bei der Anwendung ähnlicher Formeln, voran Virgil. Georg. I, 498 Dii patrii indigetesEs war seit alter Zeit streitig ob zu interpungiren sei Dii patrii, indigetes oder nicht. et Romule Vestaque Mater, ferner Ovid. Met. XV, 861 Di, precor, Aeneae comites, quibus ensis et ignis cesserunt (die troischen Penaten), Dique Indigetes genitorque Quirine Urbis (d. i. Romulus) et invicti genitor Gradive Quirini (d. i. Mars), Vestaque Caesareos inter sacrata Penates. Endlich Lucan Pharsal. I, 556 Indigetes flevisse deos nobisque laborem Testatos sudore Lares, und Silius Ital. Pun. IX, 294 Indigetesque Dei Faunusque satorque Quirinus, und dazu die Erklärung bei Paul. p. 106 Indigetes dii, quorum nomina vulgari non licetVgl. das Glossar. b. Barth. Advers. XXVIII, 19 Indigetes dii, quorum nomina non audebant proferre. Auch die Erklärungen der Gloss. Labb. Indigetes ημίθεοι, Κουρη̃τες δαίμονες und Indigetes Κουρη̃τες οι περὶ τὸν Παια̃να characterisiren die Indigetes als schützende Dämonen und αλεξίκακοι, zumal da auch die Laren nicht selten mit den Kureten verglichen werden, s. Lobeck Agl. p. 1177. Bei Macrob. Somn. Scip. 1, 9 werden die Hesiodischen Dämonen, Op. 124, durch Indigetes Divi übersetzt., wodurch sie gleichfalls für schützende Genien der Stadt und des Staates erklärt werden, denn nur bei diesen wurde der Name so sorgfältig geheimgehalten. Uebrigens gab es solche Indigeten nicht blos in Rom, sondern auch in Präneste, s. Serv. V. A. VIII, 698 ibi erant pontifices et dii Indigetes, sicut etiam Romae. Der einzige etwas näher bekannte Cultus der Art aber ist der mit Beziehung auf das alte Bundesheiligthum der Penaten von Lavinium am Numicius verehrte Pater Indiges oder Deus Indiges oder Iupiter Indiges d. h. Divus Pater Indiges, welcher später allgemein für identisch mit dem troischen Aeneas gehalten und deshalb auch als Aeneas Indiges angerufen wurde. Die gewöhnliche Erzählung lautete, daß Aeneas in der Schlacht mit 83 Turnus oder Mezentius plötzlich und zwar in dem Fluße Numicius verschwunden sei, worauf ihm sein Sohn oder die Latiner dieses Heiligthum errichtet hätten, wie Dionys. Hal. I, 64 auf griechisch erzählt: καὶ αυτω̃ κατασκευάζουσιν οι Λατι̃νοι ηρω̃ον επιγραφη̃ τοια̃δε κοσμούμενον· Πατρὸς Θεου̃ Χθονίου ‛Ὸς Ποταμου̃ Νομικίου Ρευ̃μα διέπει d. h. auf lateinisch etwa: Divi Patris Indigetis, qui Numicii amnis undas temperat. Es ist, wie ich später weiter ausführen werde, nicht unwahrscheinlich, daß dieser Indiges, der Urheber der latinischen Penaten und der Penatenstadt Lavinium, ursprünglich kein Andrer gewesen als der Flußgott des Numicius, als alter König dieses Thales gedacht, wie Pater Tiberinus gleichfalls für einen alten König galt und zu Rom und anderswo in demselben Sinne einer schöpferischen und cultivirenden Macht der Vorzeit verehrt wurde. Erst später wurde der Name des troischen Aeneas auf jenen Pater Indiges übertragen und dadurch die ganze Aeneassage als ein neues und ausländisches Reis auf den alten Latinerstamm der Sage und des Cultus von Lavinium gepfropft.

Eine Eigenthümlichkeit dieser Indigeten und der latinischen und römischen Könige und Helden der Vorzeit überhaupt ist es, daß sie zwar menschlich leben, aber dann auf eine geisterhafte Weise verschwinden, nicht wie die Homerischen Helden sterben, sondern wie die der deutschen und andrer VolkssagenJ. Grimm D. M. 903 ff. entrückt, aber dadurch zugleich verklärt und erhöht werden. Der gewöhnliche Ausdruck dafür ist non comparuit oder nusquam apparuit, was unserm ›ward nicht mehr gesehn‹ entspricht und sich bei den Römern in so verschiedenen Wendungen und bei so vielen Veranlassungen wiederholt, daß die zu Grunde liegende Anschauung eine sehr volksthümliche gewesen sein muß. So ist dieses namentlich immer der Ausgang der Erzählungen vom Aeneas, s. Serv. V. A. IV, 620 nach Cato, qui tamen Aeneas in ipso praelio non comparuit, und Augustin C. D. XVIII, 19 nach Varro: Sed Aeneam quoniam – non comparuit, deum sibi fecerunt Latini, vgl. Paul. p. 106 Indiges. – Hoc nomine Aeneas ab Ascanio appellatus est, quum pugnans cum Mezentio nusquam apparuisset, und Schol. Veron. Aen. I, 259 Aeneas uxore et regno potitus Latino mortuo Etruscos certamine premens in conflictu bellico [petitus nusquam ap]paruit et Numici fluminis gurgite haustus putaturVgl. noch die Inschrift aus Pompeii oben S. 81 und Dionys. 1, 64 τὸ δὲ Αινείου σω̃μα φανερὸν ουδαμη̃ γενόμενον οι μὲν εις θεοὺς μεταναστη̃ναι είκαζον οι δ' εν τω̃ ποταμω̃ – διαφθαρη̃ναι. Zonar. Ann. VII, 1 αφανὴς δὲ ο Αινείας γενόμενος, ούτε γὰρ ζω̃ν ώφθη έτι ούτε μὴν τεθνεώς, ως θεὸς παρὰ Λατίνοις τετίμητο.. Daher Arnobius 84 I, 36 parodirend sagt: Indigetes illi qui flumen repunt et in alveis Numici cum ranis et pisciculis degunt, so ganz und gar wurde dieser Aeneas Indiges als numen des Flußes Numicus oder Numicius, also als Flußgott gedacht, gerade so wie Rea Silvia, die Mutter der römischen Zwillinge, nach deren Geburt in den Anio oder den Tiber stürzt und hier vom Pater Tiberinus zu seiner Gemahlin d. h. zur Flußgöttin erhöht wird. Aber auch der König Latinus, vermuthlich auch ein Indiges und dem Aeneas nahe verwandt, nur daß sein Heiligthum auf der Burg zu Lavinium, das des Aeneas an jenem Flusse gezeigt wurde, verschwindet auf gleiche Weise, Fest. p. 194 Latinus rex, qui proelio quod ei fuit adversus Mezentium, Caeritum regem, nusquam apparuerit iudicatusque sit Iupiter factus Latiaris, welches nach Analogie jener Erzählungen vom Aeneas höchst wahrscheinlich zu erklären ist durch Divus Pater Latiaris d. i. der verklärte König, Held und Vater seiner Nation, zumal da auch der sabinische Hercules d. i. Semo Sancus auf ähnliche Weise als erster König und verklärter Gott seines Volkes gedacht und zu Reate als Pater Reatinus verehrt wurdeAugustin C. D. XVIII, 19 Sabini etiam regem suum primum Sangum – retulerunt in deos. Vgl. Or. n. 1858., vgl. noch Schol. Bobiens. Cic. pr. Planc. IX, 23 post obitum Latini regis et Aeneae, quod ii nusquam comparuerunt. Ferner verschwindet auch Romulus auf dieselbe Weise, woraus später seine Himmelfahrt gedichtet wurde, s. Probus V. Georg. III, 25 Proculus Iulius persuasit populo, cum Romulus non compareret und Ael. Lamprid. Commod. 2 Indutus autem toga est Nonarum Iuliarum die, quo in terris Romulus non apparuitLiv. 1, 16 subito coorta tempestas cum magno fragore tonitribusque tam denso regem operuit nimbo, ul conspectum eius concioni abstulerit nec deinde in terris Romulus fuit. Eben so heißt es in der Chronik des Hieronymus: Romulus apud paludem Caprae nusquam comparuit et suadente Iulio Proculo Quirini nomine apud suos consecratus est, und bei dem Chronographen vom J. 354 subito nusquam comparuit, s. Mommsen in den Philol. Histor. Abh. der K. Sächs. G. d. W. 1 S. 645 und 691., auch der Albanische König Aventinus, derselbe nach welchem der Berg in Rom seinen Namen bekam, s. Augustin C. D. XVIII, 21 Alii noluerunt eum in proelio scribere occisum, sed non comparuisse dixerunt, 85 auch Acca Larentia, die römische Flurgöttin, welche bald als die Frau des Hirten Faustulus und Pflegemutter des Romulus, bald als liebe Buhle des römischen Hercules gedacht wird und an einem angeblichen Grabe von ihr im Velabrum verehrt wurdePlutarch Qu. Ro. 35 λέγεται δὲ αυτὴν ένδοξον ου̃σαν ήδη καὶ θεοφιλη̃ νομιζομένην αφανη̃ γενέσθαι περὶ του̃τον τὸν τόπον εν ω̃ καὶ τὴν προτέραν εκείνην Λαρεντίαν κει̃σθαι. Von dem Hirten Faustulus, welcher gleichfalls ein örtlicher Dämon ist, zeigte man ein Grab auf dem Comitium, Fest. p. 177 Niger lapis., desgleichen Saturnus, welcher gleichfalls gewöhnlich als alter König gedacht wurde, s. Macrob. Sat. I, 7, 24 cum inter haec subito Saturnus non comparuisset, excogitavit Ianus honorum eius augmenta. Ja derselbe Glaube und derselbe Ausdruck wiederholt sich auch von einem Flußgott in CampanienSueton d. clar. rhet. 4 Hic Epidius ortum se ab Epidio Nursino praedicabat, quem ferunt olim praecipitatum in fontem fluminis Sarni paulo post cum cornibus exstitisse ac statim non comparuisse in numeroque deorum habitum. Vgl. Serv. Aen. III, 108 vom Scamander: victor in Xantho flumine lapsus non comparuit. und in verschiedenen andern WendungenAuch die Sibylle von Cumä verschwindet so, Gell. N. A. 1, 19 postea nusquam loci visam constitit, desgleichen die Dioskuren in der Schlacht bei Sagra, Justin XX, 3, 4 nec ultra apparuerunt quam pugnatum est. Vgl. auch Cicero de Divin. I, 28, 58 von einem Traume seines Bruders, wo dieser ihn zu Pferde in einem Flusse verschwinden, (nusquam apparuisse) und dann wieder auftauchen sah., so daß wir ihm jedenfalls eine weite Ausdehnung und allgemeine volksthümliche Geltung in Italien zuschreiben können: was dann wieder wohl auf einen lebhaften Zug zum Mährchen hindeutet, dem wir noch oft begegnen werden, aber keineswegs auf eine Anlage zur Heldensage und zur epischen Dichtung.

So ist auch die genealogische Familiendichtung, welche sich bei einer mythologischen Grundanschauung in den älteren Ueberlieferungen der Völker und Staaten sonst so lebhaft geltend macht und in Griechenland bis auf die Zeit des Plato und Alcibiades fortwucherte, ja das alte lacedämonische Königthum bis zu seinen letzten Sprossen begleitet hat, in Rom und Italien niemals über die ersten Anfänge hinausgekommen. Romulus ist zwar der Sohn eines Gottes, aber selbst ohne Kinder; Numa empfängt seine Weihe durch die Auspicien, seine Offenbarungen von der Egeria; Servius Tullius ist der Sohn eines Hauslaren und Liebling der Fortuna. Die Fabier leiteten ihr Geschlecht zwar vom Hercules ab und so mögen auch andre Geschlechter auf die einheimischen 86 Genien und Dämonen zurückgegangen sein, aber eine weitere Ausbildung und Ausbeutung solcher Sagenkeime durch Tradition und Dichtung ist auch hier schwerlich anzunehmen, da nachmals die griechischen Genealogieen so gänzlich vorherrschen. Ist später von Romulus und Remus gesagt und gesungen worden, dem Wunder ihrer Geburt, ihrer Schönheit und ihrer ausserordentlichen Begabung, wie der alte Annalist Fabius Pictor sich nach einer Andeutung des Dionys v. Halicarnaß auf solche Lieder wirklich berufen hatteDionys H. I, 79 οίους άν τις αξιώσειε τοὺς εκ βασιλείου τε φύντας γένους καὶ απὸ δαιμόνων σπορα̃ς γενέσθαι νομιζομένους, ως εν τοι̃ς πατρίοις ύμνοις υπὸ ‛Ρωμαίων έτι καὶ νυ̃ν άδεται. Plut. Num. 5 καὶ ‛Ρωμύλον μὲν ου̃τοι παι̃δα θεω̃ν υμνου̃σι φήμαις καὶ τροφήν τινα δαιμόνιον αυτου̃ καὶ σωτήριαν άπιστον έτι νηπίου λέγουσιν. Wobei zu bedenken ist, daß άδειν und υμνει̃ν bei den überschwenglichen Griechen auch von dem Lobe in gebundner Rede gesagt wird., so dürfen wir dabei kaum etwas Anderes voraussetzen als die Lieder der Salier, welche nach Allem was wir von ihnen und von anderen derartigen Gesängen wissen im höchsten Grade einfach und weit mehr im Sinne einer Liturgie als in dem eines Epos abgefaßt waren. Und so werden auch jene oft besprochenen Lieder, welche von den Römern in alter Zeit beim Mahle zum Lobe ihrer Vorfahren gesungen wurdenCicero Tusc. IV, 2 gravissimus auctor in Originibus dixit Cato, morem apud maiores hunc epularum fuisse, ut deinceps qui accubarent canerent ad tibiam clarorum virorum laudes atque virtutes. Vgl. Cic. Brut. 18, 19 und Non. Marc. p. 76 Varro de vita pop. R. lib. II: in conviviis pueri modesti ut cantarent carmina antiqua, in quibus laudes erant maiorum, et assa voce et cum tibicine., weit mehr ethischen als epischen Inhalts gewesen sein d. h. mehr die bürgerlichen und kriegerischen Tugenden der einzelnen Glieder eines alten Geschlechts als die Wunder seiner Abstammung und den Glanz seiner Helden in einer mythischen Vorzeit hervorgehoben haben, welche letztere in Ermangelung einer lebhaften Einbildungskraft überall gar nicht oder doch nur in sehr dürftigen Zügen vorhanden war. Weiterhin tritt der alte volksthümliche Glaube an die übernatürliche Abkunft außerordentlicher Männer und die zeugende Kraft des Genius noch einmal auf überraschende Weise in den Erzählungen von der Herkunft des ältern Scipio zu Tage. Dann aber kommt die Zeit wo die griechische Bildung, unterstützt von dem adligen Hochmuth und der politischen Berechnung der vornehmen Geschlechter, sich ganz und gar auch dieses Zweiges der 87 römischen Ueberlieferung bemächtigt hatte. Auch die gangbaren Erzählungen vom Stamm der Julier, der sich von Venus und Aeneas bis zu den Albanischen Königen und darauf wieder von Mars und Romulus bis zum Cäsar und Augustus in einer mühsam verschlungenen Kette ausländischer und einheimischer Ueberlieferungen zusammengefügt hatteS. Cäsars Leichenrede zur Ehre seiner Tante bei Sueton 6 und Virgil Aen. VI, 756 ff., sind ganz in diesem Geiste erdacht, vollends die Sagen der übrigen sogenannten trojanischen Geschlechter, über welche Varro ein eignes Buch geschrieben hatte. Die vielen Griechen, die als Hausfreunde, Hauslehrer, Haussklaven, oder als Rhetoren und Grammatiker in Rom lebten, hatten bald die Genugthuung der vornehmen Römerwelt ihre Huldigung nun auch in dieser Form darbringen zu können; dahingegen diese vornehmen Römer selbst, ob sie gleich den mythologischen Pomp und Staat einer solchen Verherrlichung nicht ungerne sahen, doch wohl eigentlich in der Sache sich immer sehr kühl und ironisch verhielten. So neckte Octavian den Antonius, der sich sehr mit seiner Abkunft vom Hercules brüstete, Cäsar würde ihn gewiß adoptirt haben, wenn er es als Aeneade hätte wagen dürfen einen Herakliden in sein Geschlecht aufzunehmenAppian de bell. civ. III, 16. Derselbe hebt es II, 151 in einer Parallele Alexanders d. Gr. und Cäsars hervor, daß beide großen Männer vom Stamme des Zeus waren, ο μὲν Αιακίδης τε καὶ ‛Ηρακλείδης, ο δὲ απὸ ’Αγχίσου τε καὶ ’Αφροδίτης.. Und als die Julier nicht mehr regierten, sondern die Flavier, bedachte man sich nicht länger selbst die vielverherrlichten Geschichten von Troja und dem troischen Aeneas zu den Fabeln zu werfenTacit. Ann. XII, 58 Romanum Troia demissum et Iuliae stirpis auctorem Aeneam aliaque haud procul fabulis vetera..

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