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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 94
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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26. In eben den Tagen, in welchen jene sich so beriethen, wurde über sie zu Neu-Carthago Kriegsrath gehalten; und die Meinungen waren darüber streitig, ob man bloß gegen die Stifter des Aufruhrs – es waren ihrer nicht über fünfunddreißig – verfahren solle, oder ob man nicht einen Aufstand, oder vielmehr gar einen Abfall, von einem so schändlichen Beispiele durch die Hinrichtung Mehrerer ahnden müsse. Die gelindere Meinung, die Strafe auf diejenigen zu beschränken, von denen die Schuld ausgegangen sei, und die Menge mit einem Verweise abkommen zu lassen, behielt die Oberhand. Nach aufgehobener Sitzung wurde dem Heere zu Neu-Carthago, als habe sie gerade diesen Zweck gehabt, der Aufbruch gegen den Mandonius und Indibilis angekündigt und der Befehl gegeben, sich auf mehrere Tage mit Lebensmitteln zu versehen. Jedem der sieben Obersten, eben denen, die vorhin zu Stillung des Aufruhrs nach Sucro gegangen waren, und die man jetzt dem Heere entgegensandte, wurden fünf Rädelsführer mit Namen angegeben, um sie durch dazu schickliche Leute mit Freundlichkeit und guten Worten zu Gaste zu bitten, und im Rausche schlafend binden zu lassen.

Sie waren schon nicht weit mehr von Neu-Carthago, als die Erzählung der ihnen Begegnenden, daß morgen das ganze Heer unter dem Marcus Silanus gegen die Lacetaner aufbreche, sie nicht nur völlig von ihrer insgeheim gehegten Furcht befreiete, sondern ihnen große Freude machte, weil sie so den allein gelassenen Feldherrn eher in ihrer Gewalt haben, als selbst von ihm abhängen würden. Gegen Sonnenuntergang rückten sie in die Stadt und sahen, wie das andere Heer Alles zum Marsche in 473 Stand setzte. Mit Ausdrücken empfangen, welche, absichtlich so gestellt, ihnen sagen mußten, wie erfreulich, wie ganz zu rechter Zeit für den Feldherrn ihre Ankunft sei, da sie gerade gegen den Auszug des andern Heeres einträfen, thaten sie im Genusse sich gütlich. Ohne allen Lärm lockten die von den Obersten dazu Ausgesuchten die Stifter des Aufruhrs glücklich in die Quartiere, nahmen sie fest und banden sie. Um die vierte Nachtwache setzte sich das Gepäck des angeblich ausrückenden Heeres in Zug. Gegen Morgen brachen die Fahnen auf, mußten aber im Thore Halt machen, und an die sämtlichen Thore wurden Wachen gestellt, um niemand aus der Stadt zu lassen. Als darauf die Tags zuvor Eingerückten zur Versammlung gefordert wurden, liefen sie voll Keckheit auf den Markt, der Richterbühne des Feldherrn zu, den sie sogar von ihrer Seite durch ihr Dazwischenschreien zu schrecken hofften. Zu gleicher Zeit bestieg itzt der Feldherr die Bühne und die von den Thoren zurückgeführten Bewaffneten schlossen sich im Rücken um die wehrlose Versammlung. Da sank ihr ganzer Trotz, und wie sie nachher gestanden, erschütterte sie nichts so sehr, als die unerwartete Gesundheitsfülle und frische Farbe des Feldherrn, den sie als den Verfallenen wiederzufinden geglaubt hatten, und eben so sein Blick, dessen sie sich so, ihrer Aussage nach, selbst aus keiner Schlacht zu erinnern wußten. Eine Weile saß er schweigend da, bis ihm gemeldet wurde, man habe die Anstifter der Empörung auf den Platz gebracht und es sei Alles fertig.

27. Jetzt ließ er durch den Herold Stille gebieten und begann: «Nie habe ich geglaubt, daß es mir am Vortrage fehlen würde, mein Heer anzureden; nicht etwa darum, weil ich mich mehr auf Worte, als auf Thaten geübt hatte, sondern weil ich, fast von Kindheit an im Lager gegenwärtig, mit dem Eigenthümlichen des Soldaten vertraut geworden war. Wie ich aber zu euch reden soll, dies giebt mir kein Nachdenken, keine Sprache an, da ich nicht einmal weiß, wie ich euch in meiner Anrede zu nennen habe. Mitbürger? – euch, die ihr 474 von eurem Vaterlande abgefallen seid? Vielleicht Soldaten? – die ihr von allem Oberbefehle, von aller Götterleitung euch losgesagt, den euch bindenden Fahneneid gebrochen habt? oder Feinde? – kann ich doch in eurer Gestalt, Bildung, Kleidung und dem ganzen Äußern meine Mitbürger nicht verkennen, wenn ich gleich in euren Handlungen, Worten, Maßregeln und Gesinnungen nur Feinde erblicke. Denn sagt, hattet ihr andre Wünsche, andre Hoffnungen, als die Ilergeten und Lacetaner? Und diese folgten doch noch einem Mandonius und Indibilis, Männern von königlichem Range, als Führern ihrer Verblendung: ihr aber übertruget die Götterleitung und den Oberbefehl einem Umbrier Atrius und dem Albius einem Calener. Sagt immer, Soldaten, ihr hättet das nicht Alle gethan, nicht Alle gern gesehen; es sei dies eine Verblendung, eine Raserei nur einiger Wenigen: und wie gern will ich eurem Leugnen Glauben beimessen! Denn die Verbrechen sind wahrlich nicht von der Art, daß sie, falls das ganze Heer davon angesteckt wäre, ohne große Sühnmittel gebüßet werden könnten. Ungern berühre ich diese Dinge, gerade so, wie Wunden: allein wenn sie nicht angerührt, nicht gehandhabet werden, so können sie auch nicht heilen.»

Als wir die Carthager aus Spanien vertrieben hatten, bildete ich mir ein, nun gebe es in der ganzen Provinz keinen Ort, keinen Menschen mehr, wo mein Leben verhaßt sein könne: so hatte ich mich nicht nur gegen unsre Bundsgenossen, sondern selbst gegen die Feinde benommen. Und siehe da! in meinem eignen Lager – wie sehr hat mich meine Erwartung getäuscht! – ist die Nachricht von meinem Tode nicht bloß willkommen; man sieht ihr sogar entgegen. Ich sage das nicht in der Absicht, das Verbrechen auf Alle auszudehnen; denn wenn ich glauben müßte, mein ganzes Heer habe mir den Tod gewünscht, so würde ich, nach meiner Denkungsart, hier auf der Stelle vor euren Augen sterben, und ein Leben könnte mir ja nicht erfreulich sein, das meinen Mitbürgern und meinen Soldaten verhaßt wäre. Nein, jede 475 Menge – so ist das Meer durch sich selbst unbeweglich; Winde nur und Lüfte regen es auf: eben so giebt es bei euch Windstille, oder Sturm; und die Veranlassung oder der Ausbruch eurer Verblendung ist jedesmal das Werk der Aufwiegeler: auf euch ging der Unsinn nur durch die Ansteckung über. Ihr selbst scheinet mir noch heute nicht einmal zu wissen, wie weit ihr in eurer Tollheit gegangen seid; was für ein Verbrechen ihr gegen mich, gegen das Vaterland und eure Ältern und Kinder; gegen die Götter, die Zeugen eures Fahneneides; gegen die Götterleitung, unter der ihr dienet; gegen die Sitte des «Kriegsdienstes und die alte angestammte Zucht; gegen die Majestät des höchsten Oberbefehls gewagt habt. Von mir selbst schweige ich. Mögt ihr mehr übereilt, als gern, die Gläubigen gewesen sein; mag ich sogar der Mann sein, bei dem man sich über die Unzufriedenheit des Heeres mit seiner Leitung gar nicht zu verwundern hätte: was hätte aber das Vaterland um euch verschuldet, daß ihr, durch Vereinigung eurer Anschläge mit einem Mandonius und Indibilis, an ihm zu Verräthern wurdet? oder das Römische Volk, daß ihr den durch Stimmenwahl des Volks ernannten Obersten den Oberbefehl nahmet, und ihn Privatleuten übertruget? und selbst hiemit noch nicht zufrieden, sie für eure Obersten anzusehen, übertruget ihr auch die Ruthenbündel eures Feldherrn Leuten, die nie einen Sklaven hatten, dem sie befehlen konnten; ihr, ein Heer von Römern! Auf dem Hauptplatze standen die Feldherrnzelte eines Albius und Atrius! bei ihnen gab die Trompete das Zeichen; von ihnen holtet ihr die Losung; auf Publius Scipio's Richterbühne saßen sie; ihnen leistete der Häscher den Dienst; sie hießen ihn Platz machen, wo sie einhertraten; Ruthen und Beile wurden ihnen vorgetragen. Wenn es Steine regnet, Wetterschläge vom Himmel fahren, die Thiere niegesehene Ausgeburten zur Welt bringen, dann glaubt ihr Schreckzeichen zu sehen: hier habt ihr ein Schreckzeichen, welches ohne das Blut derer, die einen solchen Frevel wagten, durch 476 keine Opfer, keine Bettage, zu sühnen sein möchte!

28. «Auch möchte ich, obgleich ein Frevel nie Vernunft zur Grundlage hat, dennoch wohl wissen, was hierbei, so viel sich dessen in einer Schandthat finden lässet, euer Sinn, eure Absicht gewesen sei. Ehemals machte sich eine nach Rhegium zur Besatzung gelegte Legion, nach frevelhafter Ermordung der vornehmsten Bürger, die reiche Stadt auf zehn Jahre eigen. Die ganze Legion von viertausend Menschen wurde dieses Verbrechens wegen zu Rom auf dem Markte mit dem Beile enthauptet. Aber Einmal folgten doch jene nicht einem Halbmarketender Atrius aus Umbrien, vor dem man als Oberhaupte schon seines NamensAtrius ex Umbria klang ungefähr wie Schwarzer aus Schattenland. wegen schaudern muß, sondern ihrem Kriegsobersten Decius Jubellius. Zum andern vereinigten sie sich nicht mit dem Pyrrhus, nicht mit den Samniten oder Lucanern, den Feinden Roms. Ihr aber zoget den Mandonius und Indibilis in euren Plan und würdet auch mit euren Waffen zu ihnen gestoßen sein. Jene wollten, so wie die Campaner Capua, das sie den alten Bewohnern, den Tuskern, genommen hatten, so wie die Mamertiner in Sicilien Messana, eben so Rhegium als bleibenden Wohnort behalten, ohne im mindesten einen Kriegsangriff gegen das Römische Volk, oder gegen die Bundsgenossen des Römischen Volks zum Zwecke zu haben. War es so auch euer Wille, Sucro als eure Heimat zu behalten? Hätte ich als nach Eroberung der Provinz abgehender Feldherr euch dort zurückgelassen, so mußtet ihr euch ja bei Göttern und Menschen beklagen, daß man euch nicht zu euren Gattinnen und Kindern zurückkehren ließe. Doch auch an sie, so wenig als an euer Vaterland und mich, soll euer Herz gedacht haben. Mein Zweck ist nur der, daß aus der Untersuchung eures Plans hervorgehen möchte, er sei zwar frevelhaft, aber doch nicht die höchste Tollheit gewesen. Und doch wolltet ihr, bei meinem Leben, bei dieser Stärke meines übrigen Heers, mit dem ich in 477 Einem Tage Neu-Carthago eroberte, mit dem ich vier Feldherren, vier Heere der Carthager warf, vom Felde schlug, aus Spanien verjagte, ihr, sage ich, achttausend Menschen, Alle wenigstens von minderem Werthe, als Albius und Atrius, denen ihr euch selbst unterworfen habt, wolltet die Provinz Spanien dem Römischen Volke entreißen? Mich selbst will ich aus der Sache wegdenken, mich ganz bei Seite setzen. Mag ich selbst von euch außer eurem zu willigen Glauben an meinen Tod nicht beleidigt sein. Wie aber? wenn ich auch starb, mußte dann mit mir der Stat auch ausgelebt haben? würde mit mir auch die Oberherrschaft des Römischen Volks gefallen sein? Das wolle der allmächtige Jupiter nicht geschehen lassen, daß eine mit göttlicher Genehmigung, unter Einwirkung der Götter, für die Ewigkeit erbaute Stadt mit diesem zerbrechlichen und sterblichen Körper auf gleiche Dauer gesetzt sein sollte! Wenn einen Flaminius, einen Paullus, Gracchus, Postumius Albinus, Marcus Marcellus, Titus Quinctius, Crispinus, Cneus Fulvius, meine Scipione und so viele, so vortreffliche Feldherren dieser einzige Krieg wegraffte, so steht doch das Römische Volk noch da, und wird noch dastehen, wenn auch tausend Andre hier durch das Schwert, dort in Krankheiten ihren Tod finden; und mit meiner einzigen Leiche sollte der Römische Stat zu Grabe getragen werden? Ihr selbst habt hier in Spanien, als mein Vater und Oheim, eure beiden Feldherren, gefallen waren, gegen die über ihren so eben erfochtenen Sieg frohlockenden Punier den Marcius Septimus zu eurem Feldherrn erwählt. Und ich nehme die Lage der Dinge so, als ob Spanien ohne Feldherrn gewesen sein würde. Sollte Marcus Silanus, der mit eben den Rechten, mit eben dem Range des Oberbefehls, wie ich, in die Provinz gesandt wurde, sollten mein Bruder Lucius Scipio und Cajus Lälius, meine Unterfehlherren, gesäumt haben, die Hoheit des Oberbefehls in Schutz zu nehmen? Ließ sich hier zwischen Heer und Heer, zwischen Feldherren und Feldherren, oder 478 in Hinsicht der Würde, oder der gerechten Sache ein Vergleich anstellen? Wenn ihr aber auch in allen diesen Stücken die Überlegenen wäret, wolltet ihr dann mit den Puniern zugleich die Waffen gegen euer Vaterland, gegen eure Mitbürger tragen? in Africa Italiens, in Carthago Roms Beherrscherinn suchen? Womit hatte dies das Vaterland verschuldet?»

29. «Daß ehemals Coriolanus sich aufmachte, seine Vaterstadt zu belagern, dazu vermochte ihn eine ungerechte Verurtheilung, eine traurige und empörende Verbannung; und dennoch rief ihn von einer frevelhaften Vernichtung seiner Vaterstadt die Zärtlichkeit gegen die Seinigen zurück. Welches Leiden aber empörte euch? worüber hattet ihr zu zürnen? Konnte die bei der Krankheit des Feldherrn um einige Tage sich verspätende Zahlung des Soldes für euch ein hinreichender Grund sein, deswegen eurem Vaterlande den Krieg anzukündigen? deswegen vom Römischen Volke an die Ilergeten abzufallen? euch darum an Gott und Menschen zu versündigen? Wahrhaftig, Soldaten, ihr waret verrückt, und die Wuth der Krankheit befiel meinen Körper nicht heftiger, als euren Verstand. Mich schaudert davor, das Alles zur Sprache zu bringen, was die Menschenkinder geglaubt, gehofft, gewünscht haben mögen! Möge Vergessenheit, wenn sie kann, das Alles als ungeschehen mit sich wegnehmen; wo nicht, Stillschweigen, so gut es sich thun lassen will, es decken!»

«Ich will nicht leugnen, daß ihr meine Rede hart und schrecklich gefunden haben könnt: was meint ihr aber; wie viel schrecklicher müssen eure Thaten sein, als meine Worte? und verlangt ihr, daß ich das Alles, was ihr gethan habt, mit Gleichmuth tragen soll, und ihr wolltet schon die Beleidigten sein, wenn man es euch mit Worten vorhält? Aber auch vorgeworfen werden soll es euch nicht weiter. Möget ihr dessen eben so leicht vergessen, als ich es vergessen will! Wenn ihr also eure Verirrung bereuet, so bin ich, so viel euch insgesamt betrifft, mit dieser Strafe vollkommen 479 abgefunden. Aber Albius, der Calener, und Atrius, der Umbrier, und die übrigen Anstifter der schandbaren Meuterei, sollen mit ihrem Blute büßen, was sie verwirkt haben. Euch muß der Anblick ihrer Hinrichtung nicht nur nicht schmerzhaft, sondern, wenn ihr wirklich zur richtigen Besinnung zurückgekehrt seid, sogar erfreulich sein. Denn mit niemand haben sie es schlimmer und feindseliger im Willen gehabt, als mit euch.»

Kaum hatte er die Rede geendet, als die getroffenen Vorkehrungen ihre Augen und Ohren mit lauter Erregungen des Schreckens überfüllten. Das Heer, welches die Versammlung im Kreise umschloß, ließ seine Schwerter gegen die Schilde klirren. Der Ruf des Heroldes erscholl, der die im Kriegsrathe Verurtheilten bei Namen vorforderte. Entkleidet wurden sie mitten auf den Platz geschleppt, und zugleich die sämtlichen Geräthschaften des Blutgerichts in Bewegung gesetzt. Während die Verbrecher an den Pfahl gebunden, mit Ruthen gehauen und mit dem Beile enthauptet wurden, waren die Zuschauer vor Furcht so erstarret, daß nicht allein kein dreisteres Wort gegen die Härte der Strafe, sondern auch nicht einmal ein Ach sich hören ließ. Dann wurden die Körper alle aus der Mitte weggezogen, der Platz gereinigt; die Soldaten, so wie sie namentlich gefordert wurden, schwuren vor ihren Obersten dem Publius Scipio Gehorsam, und empfingen, so wie sie aufgerufen antworteten, ihren Sold. Mit einem solchen Ausgange endigte sich die von den Soldaten bei Sucro angefangene Meuterei.

30. Um diese Zeit brachte Hanno, ein Oberster, welchen Mago von Gades aus mit einer kleinen Schar Africaner an den Fluß Bätis abgehen ließ, durch den Reiz des gebotenen Soldes an viertausend Mann in die Waffen. Allein Lucius Marcius nahm ihm sein Lager, und da er den größten Theil seiner Truppen im Getümmel dieser Eroberung, auch Manche, denen die Reuterei als Versprengten nachsetzte, auf der Flucht verloren hatte, entfloh er nur für seine Person mit Wenigen. Während dieser Auftritte am Flusse Bätis landete Lälius, der durch 480 die Meerenge in das Weltmeer hinausfuhr, mit seiner Flotte bei Carteja. Die Stadt liegt an der Küste des Oceans, wo das Meer eben anfängt, von der schmalen Straße sich auszubreiten. Man hatte, wie ich schon gesagt, Hoffnung gehabt, Gades ohne Kampf, durch Verrath zu gewinnen, weil sich einige Bürger mit dem zuvorkommenden Antrage im Römischen Lager eingestellt hatten. Noch. unreif wurde die Verrätherei entdeckt. Mago ließ jene sämtlich einziehen und überlieferte sie dem Prätor Adherbal zur Abführung nach Carthago. Adherbal, der die Verschwornen auf einen Fünfruderer einschiffte, und diesen, weil er seinem Dreiruderer zu langsam segelte, voraufgehen ließ, folgte selbst mit acht Dreiruderern in mäßigem Zwischenraume. Schon kam der Fünfruderer in der Meerenge an, als Lälius, der aus dem Hafen von Carteja, ebenfalls auf einem Fünfruderer, im Gefolge von sieben Dreiruderern ausgelaufen war, seine Richtung gegen den Adherbal und gegen die Dreiruderer nahm, denn den Fünfruderer hielt er in der reißenden Meerenge für schon aufgebracht, weil diesem die entgegenströmende Flut alle wechselnde Wendung unmöglich mache. Adherbal, durch die Überraschung in Verlegenheit gesetzt, blieb eine Weile unschlüssig, ob er seinem Fünfruderer folgen, oder dem Feinde die Stirn zu bieten sich wenden sollte. Eben dies Zaudern machte es ihm unmöglich, der Schlacht auszuweichen: denn schon konnten sie sich mit Geschossen erreichen, und von allen Seiten drangen die Feinde heran: auch konnte er wegen des Seestromes seine Schiffe nicht nach Willkür lenken. Überhaupt hatte das Gefecht mit einer Seeschlacht gar keine Ähnlichkeit, weil hier kein eigener Wille, keine Kunst oder Maßregel galt. Die über den ganzen Kampf gebietende Eigenthümlichkeit der Meerenge riß mit der Flut die vergebens mit ihren Rudern entgegenarbeitenden Schiffe bald auf ihre eigenen, bald auf die feindlichen fort, so daß man hier ein fliehendes Schiff, vom Strudel zurückgeschleudert, auf seine Sieger losgehen, dort ein verfolgendes, wenn es in die widrige Richtung des Seestromes gerieth, gleich einem fliehenden sich 481 abwenden sah. Ja selbst im Augenblicke des Kampfs bekam hier ein Schiff, wenn es eben mit seinem Schnabel auf das feindliche einging, mit seiner eignen Seite jenem vorgebreitet, den Stoß von dessen Schnabeln; dort sah sich ein anderes, das dem feindlichen in die Quere entgegengeworfen war, durch einen plötzlichen Umschwung auf sein eignes Vordertheil herumgedreht. Während die Dreiruderer unter der Leitung des Zufalls in unentschiedenem Kampfe zu fechten hatten, bohrte der Römische Fünfruderer, welcher sich besser regieren ließ, entweder weil ihn seine Schwere standfester machte, oder weil er die Strudel mit mehreren Ruderreihen durchschnitt, zwei feindliche Dreiruderer in den Grund, und streifte einem dritten, an welchem er im Schusse vorüberfuhr, auf der einen Seite die Ruder ab. Auch würde er die andern, so wie er sie erreicht hatte, übel zugerichtet haben, wäre nicht Adherbal mit den übrigen fünf Schiffen mit Hülfe der Segel nach Africa übergegangen.

31. Wie Lälius, der als Sieger nach Carteja zurücksegelte, das zu Gades Vorgefallene erfuhr, daß man die Verrätherei entdeckt und die Verschwornen nach Carthago geschickt habe, daß die ganze Hoffnung, in welcher er und Lucius Marcius gekommen waren, vereitelt sei, so ließ er diesem sagen, wenn sie nicht mit vergeblichem Stillsitzen bei Gades die Zeit verlieren wollten, so müßten sie zu ihrem Feldherrn zurückkehren, und als ihm Marcius beistimmte, gingen sie Beide wenige Tage darauf nach Neu-Carthago zurück. Mit ihrem Abzuge kam Mago, der sich bis dahin auf zwei Seiten, zu Lande und zu Wasser, von Besorgnissen bedrängt sah, nicht allein wieder zu Athem, sondern da er auch auf die Nachricht von der Empörung der Ilergeten neue Hoffnung schöpfte, Spanien wieder zu gewinnen, so beschickte er den Senat zu Carthago und ließ ihn unter vergrößernden Darstellungen sowohl des Aufruhrs im eignen Lager der Römer, als des Abfalls ihrer Bundesgenossen, dringend auffordern, Truppen herüberzusenden, mit denen sich die von den Vätern auf sie vererbte Herrschaft über Spanien wieder erfechten lasse.

482 Mandonius und Indibilis, die sich in ihre Staten zurückgezogen hatten, blieben eine Zeitlang, um indessen zu erfahren, wie das Urtheil über die Aufrührer ausfallen würde, erwartungsvoll in Ruhe, ohne daran zu verzweifeln, wenn anders die Unterthanen wegen ihres Fehltritts Verzeihung erhielten, daß auch ihnen verziehen werden könne. Als sie aber aus der mit Strenge vollzogenen Todesstrafe, so wie diese bekannt wurde, abzunehmen glaubten, daß auch ihr Verbrechen zu einer gleichen Strafe berechnet sei; so riefen sie ihre Unterthanen von neuem zu den Waffen, zogen die vorigen Hülfstruppen wieder an sich, und gingen mit zwanzigtausend Mann zu Fuß und zweitausend fünfhundert zu Pferde in das Sedetanische herüber, wo sie nach ihrem Abfalle gleich anfangs ihr Standlager gehabt hatten.

32. Scipio, der durch gewissenhafte Zahlung des Soldes an Einen wie den Andern, an Schuldige sowohl als Unschuldige, noch mehr durch die aus Blick und Worten sprechende Versöhnung, die Herzen seiner Soldaten leicht wiedergewann, ließ sie, ehe er von Neu-Carthago aufbrach, zur Versammlung rufen, und nach wiederholten Äußerungen seines Unwillens über die Treulosigkeit der sich empörenden Herrscherlinge, erklärte er, «Daß er zur Bestrafung dieses Frevels mit ganz andern Empfindungen sich aufmache, als womit er neulich die Verirrung seiner Mitbürger geheilt habe. Damals habe er unter Ächzen und Thränen, wie einer, der in seinem eigenen Fleische schneide, die Unbesonnenheit oder das Verbrechen? von Achttausenden mit dreißig Köpfen gesühnt; jetzt mache er freudiges und hohes Muthes sich auf, die Ilergeten zusammenzuhauen. Denn diese seien nicht mit ihm auf Einer Vatererde geboren, noch durch irgend eine Verbindung an ihn geknüpft. Die einzige bisher obwaltende, die der Treue und Freundschaft, hätten sie selbst so frevelhaft zerrissen. Für sein Heer aber nehme ihn außerdem, daß er in ihm lauter Mitbürger oder Bundsgenossen und Latiner vor sich sehe, auch der Gedanke ein, «daß sich fast kein einziger Soldat darunter finde; der 483 nicht entweder von seinem Oheim Cneus Scipio, dem ersten Römer, der diese Provinz betreten habe, oder von seinem Vater als Consul, oder von ihm selbst, aus Italien hierher gebracht sei. Sie Alle, an den Namen und die Götterleitung der Scipione gewohnt, wünsche er mit sich ins Vaterland zum verdienten Triumphe abzuführen, und verspreche sich von ihnen, daß sie ihn bei seiner Bewerbung ums Consulat unterstützen würden, als gelte es ihrer Aller gemeinschaftliche Ehre. Was übrigens den bevorstehenden Feldzug betreffe, so würde man sich seiner Thaten nicht mehr erinnern, wenn man hierin einen Krieg finden wolle. Mago, der sich mit ein Par Schiffen zur Welt hinaus, auf eine vom Oceane umflutete Insel geflüchtet habe, mache ihm in der That mehr Sorge, als die Ilergeten. Denn dort sei doch ein Carthagischer Feldherr, und, so klein es sei, ein Kohr von Puniern; hier aber Straßenräuber und Häupter von Räuberbanden. «Gesetzt, diese zeigten auch in Plünderung des Nachbarlandes, in Niederbrennung der Häuser und bei wegzuraffenden Heerden eine Art von Stärke, so sei doch die in der Schlachtreihe und in einem förmlichen Treffen ein wahres Nichts: sie würden fechten mehr im Vertrauen auf ihre Schnelligkeit zur Flucht, als auf ihre Waffen. Er habe also nicht darum, weil er von dort irgend eine Gefahr, oder den Zunder zu einem größeren Kriege zu sehen glaube, die Unterjochung der Ilergeten vor seinem Abgange aus der Provinz für nöthig erachtet; sondern Einmal, damit eine so frevelhafte Empörung nicht ungestraft bleibe; zum Andern, damit es nicht heißen könne, er habe in der Provinz, die sie mit eben so viel Tapferkeit als Glück bezwungen hätten, einen Feind zurückgelassen. So möchten sie ihm denn unter göttlichem Beistande folgen, nicht sowohl zur Führung eines Krieges, – denn es sei ja kein Kampf gegen einen gleichen Feind – als zur Bestrafung von Frevlern.»

33. Als er sie mit dieser Rede entließ, befahl er ihnen, sich auf den folgenden Tag marschfertig zu halten, brach dann auf und kam in zehn Märschen an den Fluß 484 Ebro. Nachdem er über den Fluß gegangen war, schlug er am vierten Tage im Angesichte der Feinde sein Lager auf. Vor ihm lag eine Ebene, rund um von Bergen umschlossen. In dieses Thal ließ Scipio die meistens auf feindlichem Gebiete geraubten Heerden den wilden Barbaren zur Lockung vortreiben, schickte leichtes Fußvolk zur Bedeckung nach, und befahl dem Lälius, wenn diese durch kleine Angriffe das Gefecht in Gang gebracht hätten, aus einer verborgenen Stellung mit der Reuterei hervorzubrechen. Den zu deckenden Hinterhalt der Reuterei begünstigte ein vortretender Berg: und bald nachher begann die Schlacht. Die Spanier stürzten auf die von fern erblickten Heerden, das leichte Fußvolk auf die mit der Beute beschäftigten Spanier. Es suchte sie anfangs durch Wurfpfeile zu schrecken, als es aber die leichten Pfeile, welche das Gefecht mehr reizen, als entscheiden konnten, verschossen hatte, zog es die Schwerter und focht nun Fuß gegen Fuß; auch stand es um den Kampf des Fußvolks mißlich, wäre nicht die Reuterei dazugekommen. Sie ritt nicht allein, wo sie von vorn einbrach, Alles, was ihr in den Wurf kam, nieder, sondern ein Theil, der sich am Fuße der Anhöhe herumzog, warf sich den Feinden, um sie dem größten Theile nach zu umzingeln, im Rücken entgegen. Auch war ihr Verlust größer, als er sich von einem leichten Gefechte vorsprengender Parteien hätte erwarten lassen. Und doch entflammte dies den Barbaren nachtheilige Gefecht, statt ihren Muth zu schwächen, vielmehr ihre Erbitterung. Deswegen traten sie, um nicht die Verzagten zu scheinen, am folgenden Tage mit dem frühesten Morgen in Linie auf.

Das enge Thal, dessen ich vorhin erwähnte, konnte ihre Truppen nicht alle fassen. Nur zwei Drittel ihres Fußvolks und die ganze Reuterei rückten in die Linie: was sie an Fußvolk übrig hatten, stellten sie schräg am Hügel auf. Scipio, der die Beschränktheit des Platzes für seinen Vortheil nahm, theils weil der Römische Soldat im dichten Schlusse tauglicher sei, als der Spanische, theils weil sich die feindliche Linie auf eine Gegend habe 485 herablocken lassen, die ihrer ganzen Menge zu klein sei, ließ sich deswegen noch auf eine andere Maßregel ein. War es ihm selbst unmöglich, auf so engem Raume seine Reuterei auf die Flügel herumzustellen, so konnten auch die Feinde von der mit dem Fußvolke ins Feld geführten ihrigen keinen Gebrauch machen. Also gab er dem Lälius auf, mit der Reuterei so versteckt als möglich an den Hügeln herumzugehen und das Gefecht der Reuterei vom Gefechte des Fußvolks so weit, als er könne, abzuziehen. Er selbst wandte sich mit seinem ganzen Fußvolke gegen den Feind; und pflanzte an der Spitze nur vier Cohorten auf, weil er des engen Raumes wegen die Linie nicht weiter ausdehnen konnte. Und sogleich fing er die Schlacht an, um selbst vermittelst des Gefechts den Übergang seiner Reuterei über die Höhen dem Auge zu entziehen. Auch merkten die Feinde von der Umgehung nichts, als bis sie das Getümmel der fechtenden Reuterei vom Rücken her vernahmen. So gab es hier zwei Schlachten in entgegengesetzter RichtungIta duo diversa proelia erant.] – Diversus heißt beim Liv. fast immer in weit aus einandergehender, oder auch entgegengesetzter Richtung. Also darf es hier nicht als Glosse (in dem Sinne von verschieden) angesehen werden. Es standen hier nicht zwei Treffen in latitudinem campi neben einander, sondern wie Liv. selbst sagt per longitudinem campi, also hinter einander. Das feindliche Fußvolk steht voran, dem Römischen Fußvolke gegenüber; die Reuterei dahinter wird von der Römischen im Rücken angegriffen; also muß sie sich nach der entgegengesetzten Seite wenden; es entstehen duo proelia diversa. So Cap. 41. et in Italia et in Africa duos diversos exercitus alere aerarium non potest, zwei Heere auf so weit verschiedenen Punkten etc. XXXIII. 15. haec tria diversa agmina dicessere. Auch Crevier hat die Lesart diversa beibehalten. Gronov u. Drakenb. mußten sie meiner Meinung nach nicht verwerfen, wenn sie gleich in mehrern und in den besten Mss. fehlt. Findet sie sich nur in Einigen, so ist das hinreichend; 1) weil duo und diu (in diuersa) Ähnlichkeit genug haben, um das Eine ausfallen zu lassen. 2) weil die Abschreiber das unrecht verstandene Wort diversa als eine Glosse ausfallen ließen.: zwei Linien zu Fuß und zwei Reutereien waren die Länge des Feldes hinab im Gefechte, denen der enge Raum eine Zusammensetzung beider Arten von Truppen nicht gestattete. Da von Seiten der Spanier weder das Fußvolk die Reuterei, noch die Reuterei das Fußvolk unterstützen konnte; das Fußvolk, das sich bloß im Vertrauen auf eine Reuterei auf Gerathewohl in die Ebene gewagt hatte, schon 486 zusammengehauen wurde, und ihre umgangene Reuterei so wenig von vorn den Angriff des Fußvolks – denn ihr eigenes Fußvolk war schon zu Boden gestreckt – als in ihrem Rücken die Reuterei aufzuhalten vermochte; so wurde sie ebenfalls, nachdem sie sich lange von den stehenden Pferden herab im Kreise gewehrt hatte, bis auf den letzten Mann zusammengehauen, und von Allen, die zu Fuß und zu Pferde in diesem Thale gefochten hatten, entkam nicht Einer. Nur jenes Drittel, welches mehr zum sichern Genusse des Schauspiels, als zur Theilnahme an der Schlacht, am Hügel stand, hatte Platz und Zeit zum Fliehen. Und mit diesem nahmen auch die beiden Fürsten die Flucht, die sich in der allgemeinen Verwirrung, ehe noch die Linie ganz umschlossen wurde, dorthin gerettet hatten.

34. Das Spanische Lager, das noch an diesem Tage erobert wurde, gab, außer der übrigen Beute, beinahe dreitausend Gefangene. Der Römer und Bundesgenossen fielen in diesem Treffen an tausend zweihundert; verwundet waren über dreitausend Mann. Der Sieg würde weniger Blut gekostet haben, wenn sie auf einem offnern, die Flucht mehr begünstigenden Felde gefochten hätten. Indibilis, der mit Aufgebung aller kriegerischen Entwürfe die schon erprobte Offenheit und Gnade des Scipio in seiner schlimmen Lage für die sicherste Zuflucht hielt, schickte seinen Bruder Mandonius an ihn. Dieser brach nach einem gethanen Fußfalle in Klagen über das Schicksal aus, «das eine solche Verblendung über diesen Zeitraum verhängt habe, in welchem, wie von der Pest angesteckt, nicht bloß die Ilergeten und Lacetaner, sondern selbst das Römische Lager, geraset hätten. Er und sein Bruder und ihre übrigen Landsleute wären in einer solchen Lage, daß sie entweder dem Publius Scipio, wenn er so über sie entscheide, mit dem Leben bezahlen müßten, das sie ihm schon einmal verdankt hätten; oder daß sie als Begnadigte dies Leben, das sie demselben Manne zum zweitenmale schuldig würden, beständig für ihn zum Opfer darzubringen hätten. Vormals hätten sie, mit seiner Gnade noch unbekannt, sich auf ihre Sache verlassen; 487 jetzt, gerade umgekehrt, ließen sie ihre Hoffnung durchaus nicht auf ihre Sache, sondern ganz auf das Mitleiden des Siegers beruhen.»

Es war alte Sitte der Römer, jede fremde Macht, mit der sie nicht durch Vertrag, oder als gleiche Theile in Bündniß traten, nicht eher als mit ihnen in Friede begriffen zu behandeln, bis ihnen jene alles Göttern und Menschen gehörige Eigenthum übergeben hatte, bis sie sich hatten Geisel geben lassen, ihr die Waffen genommen und in die Städte Besatzungen gelegt hatten. Nach vielen Vorwürfen, die er dem gegenwärtigen Mandonius und dem abwesenden Indibilis machte, sagte Scipio: «Nach Verdienst hätten sie für ihre Übelthat sterben müssen; allein durch seine und des Römischen Volks Wohlthat sollten sie leben. Übrigens werde er weder ihnen die Waffen nehmen; das wären nur Pfänder für die, denen vor einem erneuerten Kriege bange sei: – er lasse ihnen den freien Gebrauch ihrer Waffen und die volle Unbefangenheit ihres Muths: noch werde er, wenn sie abfielen, gegen schuldlose Geisel, sondern gegen sie selbst, der Harte sein, und nicht den wehrlosen, sondern den bewaffneten Feind zur Strafe ziehen. Da sie das eine Verhältniß, wie das andre, kennen gelernt hätten, so stelle er es ihnen anheim, ob sie mit den Römern lieber im Guten, oder im Bösen, zu thun haben wollten.» So wurde Mandonius entlassen, nur mit auferlegter Geldlieferung, um den Soldaten Zahlung leisten zu können. Scipio, der den Marcius in das jenseitige Spanien voraufschickte, den Silanus nach Tarraco zurückgehen ließ, holte nach einem Aufenthalte von wenig Tagen, während welcher die den Ilergeten auferlegten Geldsummen einliefen, mit seinen Truppen ohne Gepäck den Marcius wieder ein, als dieser sich schon dem Oceane näherte.

35. Bald durch diese, bald durch jene Behinderung war der schon früher eingeleitete Abschluß mit dem Masinissa immer verschoben, weil der Numidische König durchaus mit dem Scipio selbst zusammenkommen und die Festigkeit des Bündnisses auf Scipio's Handschlag 488 gründen wollte. Jetzt war dies für den Scipio die Veranlassung zu einem so weiten und so abschweifenden Zuge. Als Masinissa, der noch zu Gades war, durch den Marcius benachrichtigt wurde, daß Scipio unterweges sei, beredete er den Mago unter dem Vorwande, die Pferde gingen über die Einschließung auf der Insel zu Grunde, verursachten für Andere Mangel an Allem und müßten ihn selbst entgelten, und außerdem verlägen sich die Reuter in Unthätigkeit; daß er ihm erlaubte, auf das feste Land überzusetzen, um die nächsten Gegenden Spaniens auszuplündern. Nach seinem Übergange schickte er drei vornehme Numider voran, um Zeit und Ort zur Unterredung auszumachen: zwei sollte Scipio als Geisel zurückbehalten. Nach Zurücksendung des dritten, der den Masinissa zur bestimmten Stelle bringen mußte, kamen sie, von Wenigen begleitet, zur Unterredung.

Schon vorher war der Numidische König durch den Ruf von Scipio's Thaten von Bewunderung eingenommen, und seine Einbildungskraft hatte ihm den Mann auch in einem ansehnlichen und würdevollen Äußern dargestellt. Jetzt aber, als er ihn vor sich sah, fühlte er sich von noch größerer Verehrung ergriffen: denn außerdem daß Scipio schon von Natur viel Erhabenes hatte, schmückten ihn ein lang herabhängendes Har, und ein Äußeres im ganzen Anstande, das nicht durch Putz gesucht, sondern wahrhaft männlich und eines Kriegers würdig war; dazu ein Alter in der Mitte der vollen Kraft, welcher eine nach der Krankheit gleichsam neuaufblühende Jugend noch mehr Fülle und Glanz verlieh. Jetzt, durch die Annäherung selbst, fast wie bedonnert, sagte ihm der König für die Zurücksendung seines NeffenFratris filio.] – Durch die Übersetzung des Neffen weicht man der Schwierigkeit aus, die von Seiten des Stammbaums entsteht. Der junge Massiva war nach XXVII. 19. vom Masinissa nicht fratris filius, sondern sororis. Und ich glaube, daß man an unsrer Stelle so lesen müsse, da die Worte fratris und sororis der ähnlichen Buchstaben so viele und gleiche Endigung haben, um von den Abschreibern leicht vertauscht zu werden. Ohnehin gehören soror und frater, wie equites und pedites, ulterior und citerior, uxor und soror, socer und gener zu den gewöhnlichen Verwechselungen. Wenn Jac. Gronov meint, Livius sei durch das Griechische αδελφιδου̃ς irre geleitet, so läßt er der Ehre seines Scharfsinns zu Liebe den Livius einen Widerspruch mit sich selbst begehen. Stände bloß in unsrer Stelle fratris filio, so könnte mir Gronovs Vermuthung, daß Livius unrecht übersetzt habe, eher genügen. Da aber Livius selbst an der früheren Stelle den Massiva als Schwestersohn des Masinissa anführt, so kann ich ihn hier sich nicht widersprechen lassen, so lange noch Abschreiber die Schuld tragen können. Eine andre Auskunft, daß Livius unter frater den Schwager verstehe, genügt mir darum nicht, weil ein Schwager selbst den andern schmeichelnd frater nennen kann, nicht aber der Geschichtschreiber ihn als frater angeben muß. Dank. Er versicherte: «Seit 489 jener Zeit habe er sich nach dieser Gelegenheit gesehnt, welche er nun, da sie ihm endlich durch die Gnade der unsterblichen Götter geboten sei, nicht habe versäumen wollen. Er wünsche, ihm und dem Römischen State seine Dienste zu widmen, und zwar so, daß noch nie irgend ein Auswärtiger Roms Sache mit höherem Eifer unterstützt haben solle. So sehr dies lange schon sein Wille gewesen sei, so habe er es doch in Spanien, einem ihm nicht gehörigen und unbekannten Lande nicht leisten können: allein in dem Lande, wo er geboren und zur Hoffnung auf den väterlichen Thron erzogen sei, werde er es ohne Mühe leisten. Wenn nämlich die Römer den Scipio eben so als Feldherrn nach Africa schickten, so sei er gewiß, daß Carthago die längste Zeit gestanden habe.»Scipio sah und hörte ihn mit vieler Freude, da er wußte, daß Masinissa in der feindlichen Reuterei das Meiste gethan habe, und der junge Mann auch unverkennbare Proben der Geistesgröße gab. Nach gegenseitiger Zusicherung der Treue ging Scipio nach Tarraco zurück. Als Masinissa mit Bewilligung der Römer die nächsten Gegenden verheert hatte, um einen Grund seiner Überfahrt nach dem festen Lande angeben zu können, kam er wieder in Gades an.

36. Dem Mago, der mit Aufgebung Spaniens, zu dessen Behauptung ihm zuerst der Aufruhr der Römischen Soldaten und dann der Abfall des Indibilis Hoffnung gemacht hatte, sich eben zur Überfahrt nach Africa anschickte, kam die Weisung von Carthago, auf Befehl des Senats mit der Flotte, die er bei Gades habe, nach Italien überzugehen; wenn er hier so viele Gallier und Ligurier angeworben habe, als ihm möglich sei, sich mit dem Hannibal zu vereinigen, und einen Krieg nicht 490 unwirksam werden zu lassen, den man mit der größten Lebhaftigkeit und noch größerem Glücke angefangen habe. Theils wurde dem Mago zu diesem Zwecke Geld von Carthago geschickt, theils trieb er selbst, so viel er konnte, von den Gaditanern ein, plünderte nicht allein ihre Schatzkammer, sondern auch ihre Tempel und zwang jeden Eigenthümer, sein Gold und Silber dem State einzuliefern. Als er an der Küste Spaniens hinunterfuhr, setzte er nicht weit von Neu-Carthago seine Truppen ans Land, verheerte die nächsten Dörfer und ging von da mit der Flotte vor die Stadt. So lange es noch Tag war, behielt er die Truppen auf den Schiffen, setzte sie aber in der Nacht an der Küste aus und führte sie gegen die Stelle der Mauer, wo die Römer Carthago erobert hatten: denn seiner Meinung nach war theils die Besatzung der Stadt nicht stark genug, theils sollte auch die Aussicht auf eine neue Regierung selbst manche Einwohner zu Unternehmungen veranlassen. Allein Boten aus den Dörfern hatten voll Bestürzung Alles auf Einmal gemeldet, die Plünderung, das Flüchten der Landleute und die Ankunft der Feinde: bei Tage hatte man die Flotte gesehen und es ergab sich von selbst, daß dieser Standort vor der Stadt nicht ohne Absicht gewählt sei. Also mußten sich die Truppen innerhalb des Thores, das nach dem stehenden See und zum Meere führte, in Ordnung und bewaffnet beisammenhalten. Als aber die Feinde in vollem Haufen, Soldaten mit einem Schwarme von Seeleuten gemischt, mehr lärmend, als mit Wirkung, gegen die Mauern anrückten, da brachen die Römer plötzlich aus dem geöffneten Thore mit Geschrei hervor, und verfolgten die in Unordnung gerathenden und bleich beim ersten Angriffe und Speerwurfe umkehrenden Feinde mit deren großem Verluste bis ans Ufer; und hätten nicht die anfahrenden Schiffe die Herzustürzenden aufgenommen, so würde aus dem Treffen und auf der Flucht niemand davongekommen sein. Ja selbst auf die Schiffe ging die Verwirrung über. Um die Feinde nicht mit den Ihrigen zugleich eindringen zu lassen; zogen die Punier die Schiffsleitern ein und 491 kappten die Hinterseile und Anker, um nicht beim Lichten zu verweilen: und Viele, die den Schiffen zuschwammen, kamen im Dunkeln bei der Ungewißheit, wohin sie sich richten und wo sie ausweichen sollten, kläglich ums Leben. Am folgenden Tage, als die Flotte wieder gegen das Weltmeer zurückgeflohen war, woher sie gekommen war, fand man zwischen der Mauer und dem Seeufer an achthundert Erschlagene und gegen zweitausend Stück Waffen.

37. Als Mago, der nach Gades zurücksegelte, allein nicht eingelassen wurde, bei Cimbis – dies liegt nicht weit von Gades – gelandet war, so wußte er durch Abgeordnete und Klagen darüber, daß man ihm, einem Bundsgenossen und Freunde, die Thore zugeschlossen habe, ein Verfahren, welches die Gaditaner mit dem Auflaufe der Menge entschuldigten, die über einzelne von seinen Soldaten beim Einschiffen verübte Plünderungen aufgebracht sei, ihre Suffeten – so heißt bei den Puniern die höchste Obrigkeit – und ihren Schatzmeister zu einer Unterredung herauszulocken, ließ sie auf das härteste prügeln und ans Kreuz schlagen, und segelte von dort, beinahe hunderttausend Schritte vom festen Lande ab, nach der Insel Pityusa, welche damals Punier bewohnten. Also fand die Flotte hier eine freundliche Aufnahme, und wurde nicht allein reichlich mit Lebensmitteln versorgt, sondern bekam auch zur Ergänzung ihrer Truppen Mannschaft und Waffen. Im Vertrauen auf diese setzte Mago nach den Balearischen Inseln über: sie liegen funfzigtausend Schritte von jener. Der Balearischen Inseln sind zwei: die Eine ist größer, hat größern Reichthum an Waffen und Menschen, und einen Hafen, in welchem er sehr bequem überwintern zu können glaubte; denn der Herbst war schon im Ablaufe. Allein die Flotte wurde so feindlich empfangen, als hätten die Insel Römer bewohnt. Die Schleuder war, wie noch jetzt die vorzügliche, so damals die einzige Waffe der Einwohner; und in der Geschicklichkeit, sie zu führen, übertrifft bei keinem andern Volke ein Einziger seine Landsleute so weit, 492 als die Balearen alle jeden Andern. Gleich dem dichtesten Hagel überströmte die Flotte eine solche Menge von Steinen, daß die Punier, ohne das Einlaufen in den Hafen zu wagen, in die hohe See umkehrten. Sie gingen von da nach der kleineren Balearischen Insel über, die einen fruchtbaren Boden hat, aber in Mannschaft und Waffen jener nicht gleichkommt. Nach ihrer Landung schlugen sie über dem Hafen auf einem haltbaren Orte ein Lager auf, gewannen die Stadt und ihr Gebiet ohne Gefecht, hoben zweitausend Mann Hülfstruppen aus, schickten sie nach Carthago und brachten ihre Schiffe zum Überwintern auf das Land. Als Mago die Küste des Oceans verlassen hatte, überlieferte sich Gades den Römern.

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