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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 92
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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429 Acht und zwanzigstes Buch.

1. Da Spanien der Erwartung nach vom Kriegssturme so viel mehr Erleichterung hätte haben müssen, je mehr durch Hasdrubals Übergang auf Italien abgeleitet war; so brach hier plötzlich ein neuer Krieg aus, so heftig als der vorige. Beide Spanien waren damals so zwischen Römern und Puniern getheilt. Hasdrubal, Gisgons Sohn, hatte sich ganz bis an das Weltmeer und nach Gades zurückgezogen. Die Küste unsres Meers und fast das ganze östliche Spanien stand unter Scipio und den Römern. Da der neue Feldherr, Hanno, der in die Stelle des Barcinischen Hasdrubal mit einem neuen Heere aus Africa herübergekommen und zum Mago gestoßen war, in Celtiberien, welches zwischen beiden Meeren liegt, sehr bald eine große Menge Menschen bewaffnet hatte, so schickte Scipio gegen ihn den Marcus Silanus ab mit nicht mehr, als zehntausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde. Silanus kam durch Märsche, so stark er sie machen konnte, – freilich waren ihm die rauhen Wege und die in Spaniens häufige Waldungen eingeklemmten Engpässe hinderlich – dennoch nicht nur den Verkündigern, sondern selbst dem Rufe seiner Ankunft zuvor und gelangte unter der Führung von Überläufern, welche selbst geborne Celtiberer waren, an den Feind. Durch diese erfuhr er auch, als sie ungefähr noch zehntausend Schritte vom Feinde entfernt waren, daß an der Straße, auf der sie zogen, zwei Lager ständen; das zur Linken gehöre den Celtiberern, einem neugeworbenen über neuntausend Mann starken Heere; das zur Rechten den Puniern. Dieses sei durch Posten, Wachen und alle im Felde nöthige Aufmerksamkeit gesichert und 430 verwahrt; in dem andern herrsche Unordnung und Nachlässigkeit, wie gewöhnlich bei Barbaren, noch dazu bei Neugeworbenen, und eben weil sie in ihrem Lande ständen, so viel eher Unbesorgten. Silanus, der den frühern Angriff auf das Letztere vorzog, hielt sich auf seinem Zuge so viel möglich linker Hand, um den Punischen Vorposten auf keinem Punkte sichtbar zu werden, ließ seine Späher vorausgehen und eilte rasch auf den Feind.

2. Schon war er nicht volle dreitausend Schritte mehr entfernt, und von den Feinden hatte noch niemand das Mindeste gemerkt. Nur die Hügel, von Schluchten durchschnitten und mit Gebüsch bewachsen, hieltenObsita virgultis.] – Ich folge der Lesart der beiden besten und noch andrer Msc. obsiti virgultis, und ziehe tenebant auf ein ausgelassenes Silanum, in dem Sinne, wie im vorigen Cap. impediebant autem et asperitate viarum et angustiae etc. ihn auf. Hier ließ er in einem hohlen, eben darum verdeckten Thale die Soldaten Halt machen und Speise genießen: indeß kamen seine Späher zurück und bestätigten die Aussage der Überläufer. Da griffen die Römer, die ihr Gepäck zusammenwarfen, zu den Waffen und rückten in ordentlicher Linie zur Schlacht an. Tausend Schritte waren sie noch entfernt, als die Feinde sie bemerkten, und plötzlich Alles in Bewegung gerieth. Auch Mago kam auf das erste Geschrei und Getümmel aus seinem Lager zu Pferde herangesprengt. Das Celtiberische Heer hatte viertausend Mann Beschildete und zweihundert Reuter. Diese vollzählige Legion, die auch beinahe den Kern ausmachte, stellte er in die erste Linie; die übrigen, lauter Leichtbewaffnete, ins Hintertreffen. Als er sie so geordnet aus dem Lager führte, empfingen die Römer die kaum Ausgerückten mit ihren Wurfpfeilen. Die Spanier legten sich gegen die feindlichen Geschosse auf das eine Knie, und hoben sich wieder, um die ihrigen abzuschießen. Als die Römer in ihrem gewöhnlichen Schlusse diese mit zusammengeschobenen Schilden aufgefangen hatten, stand jetzt Fuß gegen Fuß und nun galt die Klinge. Den Celtiberern, zum Gefechte auf Ansprung geübt, machte der 431 unebene Boden ihre Schnelligkeit unnütz; den Römern hingegen, der stehenden Schlacht gewohnt, war er nicht nachtheilig, außer daß die schmalen Stellen und die zwischentretenden Gebüsche ihre Glieder trennten und sie nöthigten, einzeln und parweise, wie im Zweikampfe zu fechten. Was den Feinden die Flucht hinderte, das gab sie auch, wie Gefesselte, dem Gemetzel preis. Schon wurden auch die leichtbewaffneten Celtiberer, nachdem ihre Beschildeten fast sämtlich gefallen waren, und die aus dem andern Lager zu Hülfe gekommenen Carthager, noch in ihrer Bestürzung niedergehauen. Nicht über zweitausend Mann zu Fuß entkamen, und die ganze Reuterei, die sich kaum auf ein Gefecht eingelassen hatte, mit dem Mago. Der andre Feldherr Hanno wurde mit denen, welche noch zuletzt bei der schlimmen Wendung des Treffens dazu gekommen waren, gefangen genommen. Fast die ganze Reuterei und was sich noch als Rest des alten Fußvolks an den fliehenden Mago angeschlossen hatte, gelangte in zehn Tagen in die Gegend von Gades zum Hasdrubal. Die Celtiberer, diese Neugeworbenen, die in die nächsten Waldungen entschlüpften, liefen aus einander in ihre Heimat. Durch diesen Sieg zu rechter Zeit war nicht sowohl ein schon ausgebrochener Krieg von Wichtigkeit getilgt, als vielmehr ein reicher Stoff zu einem künftigen Kriege, wenn die Feinde Zeit gehabt hätten, nach Aufwiegelung der Celtiberer auch die übrigen Völker zu Ergreifung der Waffen zu bereden. Also ertheilte Scipio dem Silanus kein geringes Lob, und da sich ihm jetzt die Hoffnung zeigte, wenn er sie nicht durch eignes Säumen verzögerte, dem Kriege ein Ende zu machen, so zog er, um das Übrige noch abzuthun, in das äußerste Spanien gegen den Hasdrubal. Der Punische Feldherr, welcher damals, um sich der Treue seiner Bundsgenossen im Bätischen Spanien zu versichern, hier im Lager stand, brach sogleich auf und ging, mehr auf der Flucht, als im Marsche, ganz an den Ocean und nach Gades. Weil er aber besorgen mußte, so lange er sein Heer beisammen hielte, das Ziel der feindlichen Angriffe 432 zu sein, so vertheilte er die sämtlichen Truppen hin und wieder in die Städte, um sie selbst durch die Mauern, und die Mauern wieder durch ihre Waffen schützen zu lassen.

3. Als Scipio sah, daß sich der Krieg auf mehrere Gegenden vertheilt habe, und er das Herumziehen zum Angriffe aller einzelnen Städte für noch langwieriger, als beschwerlich, hielt, so ging er wieder zurück. Um aber diese Gegend den Feinden nicht zu überlassen, schickte er seinen Bruder Lucius Scipio mit zehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde ab, die wohlhabendste Stadt in diesem Bezirke, bei den Barbaren hieß sie Oringis, zu belagern. Sie liegt im Gebiete der Melesser, eines Spanischen Stamms. Ihr Boden ist fruchtbar; auch haben die Einwohner Silberbergwerke. Bei Hasdrubals Ausfällen auf die landeinwärts wohnenden Völker rund umher, war sie sein fester Standort gewesen.

Ehe Scipio die Stadt, in deren Nähe er sein Lager nahm, mit einem Pfahlwerke umschloß, schickte er an die Thore, um durch eine Unterredung in der Nähe auf die Einwohner einen Versuch zu machen, und sie dahin zu stimmen, sich lieber auf eine Probe von der Freundschaft der Römer, als von ihrer Überlegenheit, einzulassen. Als die Antwort gar nicht friedlich lautete, umzog er die Stadt mit einem Graben und doppelten Walle, und gab seinem Heere drei Abtheilungen, um immer die eine stürmen zu lassen, indeß die beiden andern ruheten. Als die erste den Sturm begann, erfolgte in der That ein schrecklicher und mißlicher Kampf. Vor der Menge herabfliegender Pfeile konnten die Römer kaum anrücken, kaum die Leitern zur Mauer bringen. Ja schon wurden die, welche ihre Leiter an der Mauer aufgerichtet hatten, zum Theile mit dazu verfertigten Gabeln herabgestoßen; Andern warf man von oben eiserne Raubhaken an, so daß sie Gefahr liefen, schwebend zur Mauer hinaufgezogen zu werden. Als Scipio bemerkte, daß die geringe Anzahl der Seinigen dem Gefechte die Gleichheit gebe und daß der Feind schon dadurch überlegen sei, weil er auf 433 der Mauer fechte; so ließ er seine erste Abtheilung sich zurückziehen und bestürmte die Stadt mit den beiden andern zugleich. Schon ermüdet vom Gefechte mit der ersten geriethen die Belagerten hiedurch in einen solchen Schrecken, daß die Bürger in schleuniger Flucht die Mauern verließen, und sich die Punische Besatzung aus Furcht, die Stadt möchte verrathen sein, mit Verlassung ihrer Posten, in Einen Haufen sammelte. Jetzt kamen die Bürger auf die Besorgniß, wenn der Feind in die Stadt dränge, möchte er Punier und Spanier ohne Unterschied, allenthalben wo sie ihm aufstießen, niederhauen. Durch ein schleunig geöffnetes Thor stürzten sie in Menge zur Stadt hinaus, hielten sich bloß die Schilde vor, um nicht aus der Ferne getroffen zu werden, und die unbewehrte Rechte in die Höhe, um sehen zu lassen, daß sie die Schwerter weggeworfen hätten. Ob man dies in der Entfernung nicht deutlich genug bemerkt, oder eine List gefürchtet habe, ist unausgemacht. Die Überläufer wurden feindlich angegriffen, und eben so niedergemacht, als hätte man sie in Schlachtordnung vor sich gehabt. Zu eben dem Thore drang der angreifende Feind in die Stadt; auch auf andern Seiten wurden die Thore mit Äxten und Brecheisen eingehauen und gesprengt; so wie jeder Reuter eindrang, jagte er, zur Besetzung des Marktplatzes, wie ihm befohlen war, in gestrecktem Laufe dorthin; und der Reuterei war eine Unterstützung vom dritten Gliede zugegeben. In die übrigen Theile der Stadt drangen die Legionsoldaten: der Plünderung und des Niederhauens der ihnen Begegnenden, wenn diese nicht in Waffen Widerstand thaten, enthielten sie sich. Alle Carthager wurden in Verwahr gegeben, auch beinahe dreihundert von den Bürgern, welche die Thore verschlossen hatten. Den übrigen wurde die Stadt wieder eingeräumt und ihr Eigenthum gelassen. In dem Sturme auf diese Stadt fielen von den Feinden beinahe zweitausend, von den Römern nicht über neunzig Mann.

4. Erfreulich war diese Eroberung sowohl denen, welche sie bewirkt hatten, als dem Feldherrn und dem 434 übrigen Heere: und ihrer Ankunft gaben sie dadurch ein Ansehen, daß sie einen großen Schwarm von Gefangenen vor sich hergehen ließen. Nachdem Scipio dem Bruder sein Lob ertheilt, und so ehrenvoll als möglich, die durch ihn gelungene Eroberung von Oringis seiner eigenen von Neu-Carthago an die Seite gesetzt hatte, führte er alle seine Truppen, weil auch der Winter herannahete, so daß er weder einen Versuch auf Gades machen, noch dem allenthalben in der Provinz zerstreuten Heere Hasdrubals nachziehen konnte, in das diesseitige Spanien zurück: er entließ die Legionen in die Winterquartiere, schickte seinen Bruder Lucius Scipio mit dem feindlichen Feldherrn Hanno und den übrigen vornehmen Gefangenen nach Rom und ging für seine Person nach Tarraco.

In diesem Jahre verheerte auch eine Römische Flotte, die mit dem Proconsul Marcus Valerius Lävinus nach Africa überging, das Gebiet von Utica und Carthago weit umher: sie machte Beute auf den äußersten Carthagischen Gränzen, selbst vor den Mauern von Utica. Auf ihrer Rückfahrt nach Sicilien begegnete ihr eine Punische Flotte von siebzig Linienschiffen. Von diesen eroberte sie siebzehn, und bohrte vier in den Grund. Die übrige Flotte wurde geschlagen und floh. Zu Lande und zu Meere Sieger, segelte der Römische Befehlshaber mit einer großen Beute aller Art nach Lilybäum zurück. Da die feindlichen Schiffe vom ganzen Meere vertrieben waren, so hatte Rom ansehnliche Zufuhr von Getreide.

5. Im Anfange des Sommers, in welchem sich dieses zutrug, gingen der Proconsul Publius Sulpicius und König Attalus, welche, wie vorhin gesagt ist, auf Ägina überwintert hatten, mit einer vereinigten Flotte von fünfundzwanzig Römischen und fünfunddreißig königlichen Fünfruderern von dort nach Lemnus über. Auch Philipp, um zu jeder Unternehmung bereit zu sein, er möchte nun zu Lande oder zur See dem Feinde entgegen gehen müssen, begab sich nach Demetrias an die Küste; seinem Heere bestimmte er einen Tag, sich in Larissa zu sammeln. Auf den Ruf von der Ankunft des Königs trafen 435 von allen Seiten zu Demetrias Gesandschaften seiner Bundsgenossen ein. Die Ätoler nämlich waren auf ihr Bündniß mit den Römern, noch mehr durch die Ankunft des Attalus keck geworden und plünderten ihre Nachbaren: und nicht allein die Acarnanen, die Böotier und Einwohner von Euböa waren in großer Besorgniß, sondern auch die Achäer, welche sich außer dem Ätolischen Kriege auch vom Machanidas, dem Lacedämonischen Zwingherrn bedroht sahen, der an der Argivischen Gränze ein Lager bezogen hatte. Sie Alle schilderten, Jeder für sich, die Gefahr, die ihren Staten zu Lande und zu Wasser drohe und baten um seine Hülfe. Ja laut den Nachrichten aus seinem eigenen Reiche war selbst dessen Ruhe nicht ungestört; hatten sich Skerdilädus und Pleuratus in Bewegung gesetzt; wollten von Thraciens Seite her hauptsächlich die Mäder in die nächsten Gegenden Macedoniens einbrechen, sobald der König durch einen Krieg in der Ferne abgerufen werde. Noch meldeten ihm die Böotier und die Völker des inneren Gräciens, der Gebirgswald von Thermopylä werde in der schmalen Schlucht, die den engen Weg bildet, von den Ätolern durch Graben und Wall gesperrt, damit Philipp, wenn er seinen Bundesstädten zu Hülfe ziehen wollte, keinen Durchgang fände. Auch einen säumigen Feldherrn hätten so viele ihn umtönende Schreckensnachrichten rege gemacht. Sogleich fertigte Philipp die Gesandschaften mit dem Versprechen ab, so wie sich Zeit und Umstände bieten würden, ihnen Allen Hülfe zu schaffen. Für dasmal schickte er, was jetzt das Dringendste war, eine Besatzung in die Stadt der Insel Peparethus, weil ihm von dorther gemeldet war, Attalus, der von Lemnus aus mit seiner Flotte hinübergegangen sei, habe alles Land im Umkreise der Stadt verwüstet. Nach Böotien schickte er eine mäßige Mannschaft mit dem Polyphantas; den Menippus, gleichfalls einen seiner Heerführer, mit tausend Leichtbeschildeten – der Macedonische leichte Schild ist dem Spanischen Lederschilde nicht unähnlich – nach Chalcis. Um alle Theile der Insel Euböa decken zu können, gab er 436 ihm fünfhundert Agrianen zu. Er selbst ging nach Scotussa, und auch die Macedonischen Truppen mußten sich von Larissa dorthin ziehen. Hier erfuhr er, die Ätoler hätten eine Versammlung zu Heraclea angesetzt, auf welcher auch König Attalus erscheinen werde, um sich mit ihnen über den Krieg im Allgemeinen zu berathen. Um diese Zusammenkunft durch seine Überraschung zu stören, eilte er in den stärksten Märschen nach Heraclea. Freilich kam er, als die Versammlung schon entlassen war; allein er verheerte die Feldfrüchte, welche schon im Reifen waren, hauptsächlich am Änianischen Meerbusen, und führte dann seine Truppen nach Scotussa zurück. Hier ließ er sein ganzes Heer und ging bloß mit der königlichen Leibcohorte wieder nach Demetrias. Um von hier aus jeder feindlichen Bewegung begegnen zu können, schickte er Leute nach Phocis, Euböa und Peparethus, Höhen auszusuchen, die ihn ein gegebenes Feuerzeichen sehen ließen. Er selbst legte auf dem Tisäus, einem Berge mit einem außerordentlich hohen Gipfel, eine Warte an, um sich durch das in der Ferne ausgesteckte Feuer, so wie die Feinde etwas unternähmen, gleich ein Zeichen geben zu lassen. Der Römische Befehlshaber und König Attalus setzten von Peparethus nach Nicäa über. Von hier ließen sie die Flotte nach Euböa vor die Stadt Oreum gehen, welche man auf der Fahrt aus dem Meerbusen von Demetrias nach Chalcis und in den Euripus als die erste Stadt auf Euböa linker Hand liegen sieht. Attalus und Sulpicius waren übereingekommen, daß den Sturm von der Seeseite die Römer, vom Lande aus die königlichen Truppen unternehmen sollten.

6. Erst am vierten Tage nach ihrer Landung mit der Flotte griffen sie die Stadt an: so lange währten die geheimen Unterredungen mit Plator, welchem Philipp die Stadt anvertrauet hatte. Diese hat zwei Schlösser: das eine liegt am Meere, das andre mitten in der Stadt. Aus letzterem führt ein unterirdischer Gang an das Meer, den auf der Seeseite ein treffliches Bollwerk schloß, ein Thurm 437 von fünf Stockwerken. Hier gab es anfangs einen wüthenden Kampf, theils weil der Thurm mit Geschossen aller Art versehen war, theils weil man zum Sturme auf diesen Wurfgeschütze und Maschinen von den Schiffen gelandet hatte. Während dieser Kampf Aller Aufmerksamkeit und Blicke auf sich zog, ließ Plator in das Thor des Seeschlosses die Römer ein und im Augenblicke war diese Burg genommen. Die Bürger, von dort in die Mitte der Stadt getrieben, eilten der andern Burg zu. Aber auch hier fanden sie Wachen gestellt, welche die Thorflügel zuwarfen. So wurden die Ausgeschlossenen von allen Seiten niedergemacht und gefangen genommen. Die Macedonische Besatzung hielt als ein dichter Haufe unten an der Burgmauer, sprengte zwar nicht zur Flucht aus einander, focht aber auch nicht mit Nachdruck. Plator, der sie mit Bewilligung des Sulpicius einschiffte, setzte sie zu Demetrium in Phthiotis aus: er selbst nahm seinen Aufenthalt bei dem Attalus.

Sulpicius, durch den ihm so leicht gewordenen Erfolg bei Oreum kühn gemacht, fuhr mit seiner siegreichen Flotte sogleich von da nach Chalcis; hier aber entsprach der Ausgang seiner Erwartung nicht. Das Meer, das sich hier auf zwei Seiten von der offenen Höhe her in eine schmale Enge schließt, könnte auf den ersten Anblick den Schein eines doppelten Hafens gewähren, der sich nach zwei Mündungen hinziehe: und doch giebt es nicht leicht für Schiffe einen unsicherern Standort. Denn theils stürzen sich von den sehr hohen Gebirgen beider Landseiten plötzliche und stürmische Winde herab; theils hat die Meerenge des Euripus selbst nicht, wie die Sage erzählt, siebenmal des Tages ihren bestimmten Flutenwechsel, sondern bei einer Wogenflut, die eben so unregelmäßig, als der Wind, ihren Zug bald hier- bald dorthin nimmt, ist sie so reißend, wie ein von steilem Gebirge sich herabwälzender Strom. Folglich haben die Schiffe Tag und Nacht keine Ruhe. Kaum hatte sich die Flotte diesem so gefährlichen Standorte hingegeben, so fand sie nun auch die Stadt auf der einen Seite vom Meere 438 geschlossen, auf der andern, der Landseite, trefflich befestigt und durch eine starke Besatzung gedeckt, und über das Alles durch die Treue der Befehlshaber und Volkshäupter, die bei Oreum so unzuverlässig und triegend gewesen war, völlig haltbar und unüberwindlich. Hatte sich indeß der Römische Befehlshaber unvorsichtig eingelassen, so handelte er wenigstens darin klug, daß er sogleich, als ihm die Schwierigkeiten einleuchteten, um sich den Zeitverlust zu ersparen, von seiner Unternehmung abließ, und mit der Flotte nach Cynus in Locris überging, einem der Stadt Opus, die nur tausend Schritte vom Meere entfernt liegt, gehörigen Ladungsplatze.

7. Für Philipp war theils das Feuer, das ihm von Oreum aus die Anzeige that, durch Plators Untreue zu spät auf der Warte ausgesteckt; theils war auch bei seiner Schwäche zur See eine Landung auf der Insel für seine Flotte zu mißlich: über dies Zögern unterblieb die ganze Unternehmung. Desto rascher setzte er sich auf das erhaltene Zeichen in Bewegung, der Stadt Chalcis zu Hülfe zu kommen. Freilich liegt die Stadt Chalcis ebenfalls auf jener Insel, allein sie ist vom festen Lande nur durch eine so schmale Meerenge geschieden, daß sie vermittelst einer Brücke mit ihm zusammenhängt und vom Lande aus zugänglicher ist, als von der See. Philipp, der von Demetrias nach Scotussa gingIgitur Philippus, deiecto.] – Ich halte Creviers Versetzung für richtig, und lasse nach seinem Vorschlage die Wortfolge diese sein: Igitur Philippus, quum ab Demetriade Scotussam, inde de tertia vigilia profectus, deiecto praesidio fusisque Aetolis, qui saltum Thermopylarum insidebant, trepidos hostes Heracleam compulisset, ipse uno die etc. Denn Cap. 5 ließ Philipp sein Heer zu Scotussa und ging mit der königlichen Cohorte nach Demetrias. Also muß er von Demetrias wieder über Scotussa und so zum Angriffe weiter gehen., hier wieder um die dritte Nachtwache aufbrach, die Besatzung und die geschlagenen Ätoler aus dem Passe Thermopylä verjagte, und die Feinde in voller Bestürzung nach Heraclea trieb, machte in Einem Tage einen Marsch von mehr als sechzigtausend Schritten bis nach Elatea in Phocis. Dies war etwa derselbe Tag, an welchem König Attalus die eroberte Stadt Opus plünderte. Sulpicius nämlich hatte diesmal die 439 Beute dem Könige überlassen, weil zu Oreum wenig Tage vorher die Römischen Soldaten geplündert hatten, ohne die königlichen Theil nehmen zu lassen. Die Römische Flotte war dorthin zurückgegangen, und Attalus, ohne von Philipps Annäherung etwas zu wissen, brachte die Zeit damit hin, von den Vornehmen Gelder einzutreiben. Er wurde so überrascht, daß er hätte aufgehoben werden können, wenn nicht einige Cretenser, die sich gerade auf Futterholung etwas weiter von der Stadt entfernt hatten, den Zug der Feinde von weitem gesehen hätten. In vollem Laufe rannte Attalus ohne Waffen, in der höchsten Unordnung dem Meere und den Schiffen zu. Noch brachten sie die Schiffe vom Ufer ab, als Philipp dazukam und vom Lande aus selbst die Seesoldaten in großen Schrecken setzte. Von hier ging er nach Opus zurück, unter Klagen über Götter und Menschen, daß ihm das Glück, einen solchen Hauptstreich auszuführen, beinahe vor seinen Augen habe schwinden müssen: in diesem Unwillen machte er auch den Opuntiern Vorwürfe, daß sie, statt die Belagerung bis zu seiner Ankunft hinzuhalten, gleich bei Erscheinung des Feindes sich zu einer beinahe freiwilligen Übergabe verstanden hätten. Als er zu Opus Alles angeordnet hatte, zog er nach ThroniumToronem.] – Mit Glareanus, Sigonius, Gronov, Crevier, Palmer und Drakenborch lese ich hier und in den nächsten Stellen Thronium. Und gegen das Ende dieses Cap. statt in Phoceas mit Drakenb. inde Oxeas.. Attalus zog sich zuerst auf Oreum zurück. Von da fuhr er auf das Gerücht, König Prusias von Bithynien sei ihm ins Reich gefallen, mit Beiseitsetzung alles Übrigen, auch des Ätolischen Krieges, nach Asien über. Auch Sulpicius ging mit seiner Flotte nach Ägina zurück, wo er im Anfange des Frühlings abgefahren war.

So leicht Attalus Opus erobert hatte, eroberte Philipp Thronium. Die Bewohner dieser Stadt waren Flüchtlinge von Thebä Phthioticä. Als ihnen Philipp ihr Theben nahm, hatten sie sich in den Schutz der Ätoler begeben, und diese hatten ihnen jenen Wohnort eingeräumt, eine schon in früherem Kriege ebenfalls mit Philipp verwüstete 440 und entvölkerte Stadt. Als er von dem, wie ich eben gesagt habe, eroberten Thronium wieder aufbrach, nahm er Tritonos und Drymä, kleine und unbekannte Städte in Doris, ein. Von hier kam er nach Elatea, wo ihn die Gesandten des Ptolemäus und der Rhodier auf seine Bestellung erwarteten. Als hier auf Beendigung des Ätolischen Krieges angetragen wurde – denn diese Gesandten hatten auch neulich der Versammlung der Römer und Ätoler zu Heraclea beigewohnt; – lief die Nachricht ein, Machanidas gehe damit um, die Eleer bei ihren Anstalten zur Feier der Olympischen Spiele zu überfallen. Ihm zuvorzukommen brach Philipp, nachdem er die Gesandten sehr freundschaftlich mit der Erklärung entlassen hatte: «er sei an dem Kriege nicht Schuld gewesen und werde auch einem Frieden nicht hinderlich sein, wenn es ihm irgend billige und ehrenvolle Bedingungen erlaubten»: mit schlachtfertigen Truppen auf, zog durch Böotien, nach Megara und dann nach Corinth hinab, versorgte sich hier mit Lebensmitteln und eilte nach Phlius und Pheneus. Da er schon bei seiner Ankunft zu Heräa erfuhr, Machapidas sei, durch die Nachricht von seiner Annäherung geschreckt, nach Lacedämon zurückgeflohen, so ging auch er zurück nach Ägium zur Versammlung der Achäer, zugleich in der Erwartung, hier eine Punische Flotte vorzufinden, die er sich dorthin bestellt hatte, um auch zur See sich geltend zu machen. Wenige Tage zuvor waren die Punier nach den spitzen Inseln hinübergesegelt: von da hatten sie die Hafen Acarnaniens aufgesucht, weil sie seit der Nachricht, Attalus und die Römer wären von Oreum ausgelaufen, besorgen konnten, daß diese gegen sie heranzögen, und sie dann innerhalb Rhium – so heißt die Mündung des Corinthischen Meerbusens – aufgehoben würden.

8. Freilich machte sich Philipp darüber Kummer und Sorgen, daß er, bei seinen schnellen Ausflügen nach allen Punkten, dennoch nirgends zu rechter Zeit gekommen war, und daß das Schicksal, indem es ihm Alles vor seinen Augen entrückt hatte, seine Geschwindigkeit höhnte. 441 Allein vor der Versammlung sprach er, seines Verdrusses Meister, in einem hohen Tone; rief Götter und Menschen zu Zeugen: «Daß er es an keinem Orte, zu keiner Stunde an sich habe fehlen lassen, mit der möglichsten Schnelligkeit allenthalben hinzueilen, wo nur der Klang einer feindlichen Waffe hörbar geworden sei. Allein es lasse sich kaum ausmitteln, ob die Kühnheit, mit welcher er, oder die Fluchtliebe, womit die Feinde den Krieg führten, größer sei. So sei von Opus Attalus, von Chalcis Sulpicius, so in diesen Tagen Machanidas ihm aus den Händen entschlüpft. Indeß die Flucht gelinge nicht jedesmal, auch sei ein Krieg gerade nicht für schwierig zu halten, in welchem man schon gesiegt habe, sobald man mit den Feinden zusammentreffe. Er habe, was schon jetzt von hohem Werthe sei, das Geständniß der Feinde, daß sie ihm nicht gewachsen seien: nächstens werde er den Sieg eben so gewiß haben; sie aber würden gegen ihn mit nicht glücklicherem Erfolge kämpfen, als sie Jetzt sich selbst versprächen.» An seinen Bundesgenossen hatte der König erfreute Zuhörer. Darauf gab er den Achäern Heräa und Triphylia zurück; Aliphera aber räumte er den MegalopolitanernMan vergleiche XXXII. 5. um zu bemerken, daß es diesmal mit allen diesen Abtretungen nur bei dem Versprechen blieb. wieder ein, weil sie sattsam bewiesen, daß es zu ihrem Gebiete gehört habe. Von hier setzte er, nachdem er sich von den Achäern hatte Schiffe geben lassen – es waren aber drei Vierruderer und eben so viel Zweiruderer – nach Anticyra über. Als er von da wieder mit sieben Fünfruderern und mehr als zwanzig Jachten ausgelaufen war – er hatte sie in den Corinthischen Meerbusen gehen lassen, weil sie sich mit der Carthagischen Flotte hatten vereinigen sollen; – unternahm er bei dem Ätolischen Erythrä, welches nahe bei Eupalium liegt, eine Landung. Die Ätoler hatten sich dessen versehen. Was sich von Menschen entweder in den Dörfern befand, oder in den kleinen Schanzen in der Nähe von Potidania und Apollonia, rettete sich in die Wälder und Gebirge. Nur 442 das Vieh, was sie in der Eile nicht hatten wegtreiben können, wurde geraubt und eingeschifft. Mit dieser und der übrigen Beute schickte er den Prätor der Achäer Nicias nach Ägium, segelte nach Corinth und ließ von da seine Landtruppen durch Böotien zu Lande weiter gehen. Er selbst kam zur See, von Cenchreä aus, der Attischen Küste entlang, um Sunium herum, beinahe mitten durch die feindlichen Flotten nach Chalcis. Nachdem er hier die Bürger für ihre Treue und Tapferkeit gelobt hatte, und daß weder Furcht noch Hoffnung sie in ihren Gesinnungen wankend gemacht habe, sie auch auf die Zukunft ermahnt hatte, mit gleicher Festigkeit bei seinem Bunde zu beharren, wenn sie anders ihr eignes Los glücklicher fänden, als das der Städte Oreum und Opus, so schiffte er von Chalcis nach Oreum, überließ hier denjenigen Großen, welche nach Eroberung der Stadt lieber hatten entweichen, als sich den Römern ergeben wollen, die Regierung und Besetzung der Stadt, und fuhr von Euböa nach Demetrias über, wo er den Zug zur Unterstützung seiner Bundesgenossen angetreten hatte. Darauf ließ er zu Cassandrea zu hundert neuen Linienschiffen die Kiele legen, zog zur Förderung der Arbeit eine Menge Schiffszimmerleute herbei, und weil theils die Abreise des Attalus, theils seine eigene den nothleidenden Bundesgenossen zu rechter Zeit geleistete Hülfe Griechenland beruhigt hatte, so ging er in sein Reich zurück, die Dardaner zu bekriegen.

9. Als am Schlusse des Sommers, in welchem dies in Griechenland geschah, Quintus Fabius, des Maximus Sohn, als Abgeordneter vom Consul Marcus Livius an den Senat zu Rom, berichtete, nach des Consuls Meinung sei die Provinz Gallien durch die Legionen unter dem Lucius Porcius hinlänglich gedeckt; er selbst könne dort abgehen und das consularische Heer abgeführt werden; so verordneten die Väter, nicht allein Marcus Livius solle nach Rom zurückkommen, sondern auch sein Mitconsul Cajus Claudius. Nur darin lautete die Ausfertigung verschieden, daß Marcus Livius sein Heer zurückbringen, 443 Nerons Legionen aber dem Hannibal gegenüber auf ihrem Standorte bleiben sollten. Die Consuln machten schriftlich mit einander aus, da sie die Sache des Stats so einmüthig ausgefochten hätten, so wollten sie, ob sie sich gleich aus ganz entgegengesetzten Provinzen zusammenfinden müßten, nun auch zu Einer Zeit zu Rom eintreffen: wer zuerst zu Präneste ankäme, sollte seinen Amtsgenossen dort erwarten. Es traf sich, daß Beide an Einem Tage zu Präneste ankamen. Nach voraufgeschickter Bekanntmachung, daß sich die Senatsversammlung am dritten Tage im Tempel der Bellona einzufinden habe, kamen sie zur Stadt, aus der ihnen alles Volk entgegenströmte. Der ganze sie umringende Zug hieß sie willkommen; aber auch jeden Einzelnen drängte der Wunsch, auch für seine Person die siegerischen Rechten der Consuln zu berühren, und hier empfing man sie unter Glückwünschen, dort dankte man ihnen mit der Erklärung, die Rettung des Stats sei ihr Werk. Als sie im Senate, wie alle Feldherren thun, nach Darlegung ihrer Thaten, darauf antrugen: «Man möge im Betracht ihrer von Tapferkeit und Glück begleiteten Führung der Statsgeschäfte den unsterblichen Göttern den Ehrendank darbringen, und zugleich ihnen erlauben, triumphirend in die Stadt einzuziehen;» gaben die Väter diese Antwort: «Zum verdienten Danke bewilligten sie diese Forderungen, den Göttern zuerst und nächst den Göttern den Consuln.» Als darauf zu Ehren beider Consuln ein Dankfest und jedem von ihnen der Triumph bestimmt wurde, so machten sie mit einander aus: «Da sie in der Führung des Krieges selbst so einmüthig gewesen wären, so wollten sie auch im Triumphe nicht getrennt sein.» Weil nun aber theils ihr Sieg in des Marcus Livius Provinz erfochten sei, theils auch er gerade am Schlachttage die Götterleitung gehabt habe, weil ferner des Livius Heer, als das abgeführte, nach Rom habe kommen können, Nerons Heer aber von seinem Standorte nicht abgeführt werden dürfe, so solle Marcus Livius im Gefolge des Heers auf dem Triumphwagen in die Stadt fahren, Cajus Claudius aber zu Pferde ohne Heer einziehen.»444 Diese Vereinigung des Triumphs gewährte Beiden noch größern Ruhm, vorzüglich dem, der seinem Amtsgenossen, je mehr er selbst ihn an Verdienst übertraf, einen desto größern Vorrang an Ehre überließ.

«Der dort zu Pferde, sagte man, habe in Zeit von sechs Tagen die ganze Länge Italiens durchlaufen, und auf denselben Tag in Gallien dem Hasdrubal eine förmliche Schlacht geliefert, an welchem er nach Hannibals Meinung ihm in Apulien im Lager gegenüber stand. So habe der Eine Consul, auf beiden Punkten Italiens Beschützer, gegen zwei feindliche Heerführer, gegen zwei Hauptfeldherren, dort seine Maßregel, hier seine Person aufgepflanzt. Nerons Name sei hinreichend gewesen, Hannibaln in seinem Lager festzuhalten: Hasdrubal aber sei, wodurch denn sonst, als durch die Dazwischenkunft dieses Helden? zu Boden geschlagen und vernichtet. Möge der andre Consul hinziehen, prunkend auf hohem Triumphwagen, mit Rossen, wenn er wolle, vielfach bespannt. Der wahre Triumphzug gehe dort mit dem Einen Pferde durch die Stadt; und den Nero werde nicht allein der in diesem Kriege erworbene, sondern auch der bei diesem Triumphe abgelehnte Ruhm denkwürdig machen.» Solche Äußerungen der Zuschauer begleiteten den Nero bis in das Capitol.

An Gelde lieferten die Consuln drei Millionen SestertienDie 3,000,000 Sestertien betragen etwa 234,372 Conv. Gulden, die 80,000 Ass etwa 2500 Gulden; also die ganze Summe 236,872 Gulden. und achtzigtausend Kupferass in die Schatzkammer. Unter seine Soldaten vertheilte Marcus Livius Mann vor Mann sechsundfunfzig Ass56 Ass, also jedem 1 Rthlr. 4 Ggr., wenn nämlich auch hier aes grave zu verstehen ist; widrigenfalls betrüge die Summe nur 14 Ggr.. Eben so viel versprach Cajus Claudius seinen abwesenden Soldaten zu geben, wann er zum Heere zurückkäme. Man hat angemerkt, daß die munteren Lieder der Soldaten an diesem Tage mehr den Cajus Claudius feierten, als ihren eignen Consul, auch daß die Ritter der beiden Unterfeldherren Lucius Veturius und Quintus Cäcilius große Lobsprüche ertheilten 445 und den Bürgerstand aufforderten, sie für das nächste Jahr zu Consuln zu wählen. Dieser vorläufigen Stimme der Ritter hätten die Consuln dadurch Gewicht gegeben, daß sie Tags darauf in ihrer Rede an das Volk bezeugten, wie viel sie der Tapferkeit und Treue vorzüglich dieser beiden Legaten zu danken hätten.

10. Da die Zeit der Wahlversammlungen herannahete und man diese durch einen Dictator halten lassen wollte, so ernannte der Consul Cajus Claudius seinen Amtsgenossen Marcus Livius zum Dictator; Livius den Quintus Cäcilius zum Magister Equitum. Unter dem Vorsitze des Dictators Marcus Livius wurden Lucius Veturius und Quintus Cäcilius, eben der, welcher jetzt Magister Equitum war, zu Consuln gewählt. Nun ging die Prätorenwahl vor sich. Die Gewählten waren Cajus Servilius, Marcus Cäcilius Metellus, Tiberius Claudius Asellus, Quintus Mamilius Turinus, der damalige Bürgerädil. Der Dictator, der nach beendigten Wahlen sein Amt niederlegte und sein Heer entließ, ging vermöge eines Senatsbeschlusses in die Provinz Hetrurien ab, um dort Untersuchungen anzustellen, welche Völkerschaften Hetruriens oder Umbriens um die Zeit von Hasdrubals Anzuge damit umgegangen wären, von den Römern zu ihm überzutreten, und welche ihn durch Hülfstruppen, Zufuhren und andre Begünstigungen unterstützt hätten. Dies waren die Begebenheiten dieses Jahres im Innern und im Felde. Die Curulädilen Cneus Servilius Cäpio und Servius Cornelius Lentulus begingen die vollständige Feier der Römischen Spiele dreimal. Eben so vollständig war die eintägige Feier der Bürgerspiele, welche die Bürgerädilen Marcus Pomponius Matho und Quintus Mamilius Turius gaben.

Im dreizehnten Jahre dieses Punischen Krieges, welches den Lucius Veturius Philo und Quintus Cäcilius Metellus zu Consuln hatte, wurde diesen beiden das Bruttische als Standort des Krieges gegen den Hannibal bestimmt. Als darauf die Prätoren loseten, traf den Marcus Cäcilius Metellus die Gerichtspflege in der Stadt, den Quintus Mamilius die über die Fremden, den Cajus 446 Servilius Sicilien, den Tiberius Claudius Sardinien. Die Heere wurden so vertheilt: dem einen Consul das bisherige Heer des vorjährigen Consuls Cajus Claudius; dem andern das des Proprätors Quintus Claudius: jedes bestand aus zwei Legionen. In Hetrurien sollte Marcus Livius, als Proconsul mit Verlängerung des Heerbefehls auf ein Jahr, vom Proprätor Cajus Terentius die zwei Legionen Freiwilliger vom Sklavenstande übernehmen. Ferner wurde dem Quintus Mamilius bestimmt, nach Übertragung seiner Gerichtspflege an seinen Amtsgenossen, Gallien mit dem Heere vorzustehen, welches der PrätorL. Porcius propraetor praefuerat.] – Pighi, Duker, Crevier, Drakenborch lesen praetor statt propraetor. So wollte es Livius selbst B. XXVII. 35. ff. Und wie leicht machte der Abschreiber aus L. Porcius pr. praefuerat einen propraetor. Lucius Porcius befehligt hatte, und das Gebiet der Gallier zu verheeren, welche bei Hasdrubals Anzuge zu den Puniern übergegangen waren. Dem Cajus Servilius wurde mit den beiden Legionen von Cannä, so wie sie Cajus Mamilius gehabt hatte, Sicilien anvertraut. Aus Sardinien wurde das alte Heer, das unter dem Aulus Hostilius gestanden hatte, abgeführt: eine neue Legion, welche Tiberius Claudius mit hinübernehmen sollte, hoben die Consuln aus. Dem Quintus Claudius und dem Cajus Hostilius Tubulus wurde der Heerbefehl auf ein Jahr verlängert, jenem für seinen Standort zu Tarent, diesem für Capua. Der Proconsul Marcus Valerius, der die Seeküste im Umkreise Siciliens zu schützen gehabt hatte, erhielt Befehl, dreißig Schiffe an den Cajus Servilius abzugeben und mit der ganzen übrigen Flotte nach Rom zurückzukommen.

11. Weil die Bürger aus Ängstlichkeit bei einem so mißlichen Kriege die Ursachen jedes Glücks und Unglücks den Göttern zurechneten, so wurden ihnen auch die Menge Schreckzeichen gemeldet; zu Tarracina habe der Blitz in den Tempel Jupiters, zu Satricum in den Tempel der Mutter Matuta geschlagen. Daß in den Tempel Jupiters zwei Schlangen sogar durch die Thorflügel geschlüpft 447 waren, fanden die Satricaner nicht minder schrecklich. Von Antium wurde gemeldet, den Mähern hätten sich blutige Ähren gezeigt. Zu Cäre war ein Ferkel mit zwei Köpfen und ein Zwitterlamm zur Welt gekommen. Zu Alba wollte man zwei Sonnen gesehen haben, und zu Fregellä ein bei Nacht entstandenes Licht. Selbst auf der Feldmark Roms sollte ein Ochse geredet, auf der Flaminischen Rennbahn Neptuns Altar von vielem Schweiße geflossen haben; und die Tempel der Ceres, der Salus, des Quirinus hatte der Blitz getroffen. Die Consuln erhielten Befehl, die Sühne dieser Schreckzeichen mit großen Opferthieren besorgen, und einen Bettag halten zu lassen. Es geschah, dem Senatsschlusse gemäß. Aber mehr als alle von außen einberichteten oder selbst in Rom wahrgenommenen Drohungen schreckte die Gemüther das im Tempel der Vesta erloschene Feuer; und auf Verordnung des Oberpriesters Publius Licinius wurde die Vestalinn, die in jener Nacht die Wache gehabt hatte, gegeißelt. War dies gleich, ohne Andeutung von Seiten der Götter, eine Folge menschlicher Nachlässigkeit gewesen, so mußte dies Unheil dennoch mit großen Opferthieren abgewandt und im Tempel der Vesta ein Bettag gehalten werden.

Ehe die Consuln zum Kriege aufbrachen, wurde ihnen vom Senate aufgegeben, für die Zurückführung der Bürger auf ihre Feldmarken Sorge zu tragen. «Durch die Gnade der Götter habe sich der Krieg von der Stadt Rom und von Latium weggezogen; und man könne wieder ohne Furcht auf dem Lande wohnen. Es sei sehr unrecht, größere Sorgfalt auf Siciliens, als auf Italiens Anbau zu wenden.» Und doch war es für die Bürger keine leichte Aufgabe: die freigebornen Ackerleute hatte der Krieg weggerafft; an Sklaven fehlte es sehr; die Heerden waren weggetrieben; die Landhäuser zerstört oder niedergebrannt. Gleichwohl gingen Viele, durch die Vorstellungen der Consuln vermocht, in ihre Dörfer zurück. Die Sache war eigentlich durch die Klage der Gesandten von Placentia und Cremona zur Sprache gekommen, daß 448 ihnen die benachbarten Gallier das Land durchstreiften und verheerten, daß ein großer Theil ihrer Anbauer sich verlaufen habe, und ihnen nichts übrig sei, als entvölkerte Städte, und wüste, verödete Länderei. Den Auftrag, die Pflanzstädte vor dem Feinde zu schützen:, erhielt der Prätor Mamilius. Vermöge eines Senatsschlusses machten die Consuln bekannt, daß sich jeder Bürger aus Cremona und Placentia vor einem bestimmten Tage in seiner Pflanzstadt wieder einzufinden habe. Dann gingen auch sie mit Anfang des Frühjahrs zum Kriege ab. Der Consul Quintus Cäcilius übernahm das Heer vom Cajus Nero; Lucius Veturius das vom Proprätor Quintus Claudius und ergänzte es durch neue Truppen, die er selbst geworben hatte. Beide Consuln rückten nun in das Gebiet von Consentia, und als sie es weit und breit verheert und schon ihren Zug mit Beute beladen hatten, geriethen sie in einem engen Passe durch einen Angriff von Bruttiern und Numidischen Wurfschützen in ein solches Gedränge, daß nicht allein ihre Beute, sondern selbst die Truppen in Gefahr kamen. Doch wurde das Getümmel größer, als das Gefecht, und als sie erst die Beute vorangeschickt hatten, zogen sich auch die Legionen ohne Verlust auf sichere Gegenden heraus. Von da gingen sie nach Lucanien, und ohne sich zu wehren gab sich dies ganze Volk wieder unter Römische Hoheit.

12. Mit dem Hannibal kam es in diesem Jahre nicht zu Thätlichkeiten. Bei der erst neulich dem State und ihm geschlagenen Wunde bot er selbst sich den Römern nicht, und sie ließen den Ruhenden ungestört. So viel Kraft trauten sie dem Einzigen, als Feldherrn, zu, wenn auch Alles um ihn her zusammenstürzte. Und ich möchte wohl sagen: Er war im Unglücke noch bewundernswürdiger, als im Glücke. Denn eben der Mann, der seit dreizehn Jahren, sogar in Feindes Lande, so weit von Hause, bei wechselndem Glücke Krieg führte, und nicht an der Spitze eines Heers von Landesleuten, sondern eines gemischten Zusammenflusses aus allen Völkern; denen weder Gesetz, noch Sitte, noch Sprache gemein war; 449 deren jedes sich anders trug, andre Kleidung, andre Waffen, Gebräuche und Gottesdienst, ja beinahe andre Götter hatte; wußte sie dennoch durch Ein gemeinschaftliches Band so zu verknüpfen, daß es nie, weder unter ihnen selbst, noch gegen den Feldherrn zu einem Aufstande kam, so oft auch die Gelder für den Sold, und in Feindes Lande die Zufuhr fehlten; Erfordernisse, deren Mangel im ersten Punischen Kriege viele Schändlichkeiten zwischen den Heerführern und Truppen veranlaßt hatte. Daß aber sogar nachher, als Hasdrubals Heer samt dem Feldherrn vernichtet war, auf dem doch die ganze Hoffnung des Sieges beruhete, daß auch da, als Hannibal durch seinen Rückzug in den Winkel Bruttiens das übrige Italien räumte, nie die mindeste Unruhe in seinem Lager ausbrach, wer fände das nicht der Bewunderung werth? Zu so manchen andern Verlegenheiten kam noch die, daß er seine ganze Hoffnung, das Heer zu ernähren, auf das Bruttische Gebiet beschränkt sah, das zur Erhaltung eines so großen Heeres, gesetzt, es wäre auch allenthalben bestellt, doch viel zu klein war; und außerdem fanden so viele dem Ackerbaue entzogene junge Männer ihre Beschäftigung im Kriege und in der, diesem Volke eigenen, bösen Gewohnheit, Straßenraub als Übung im Kriegsdienste zu treiben. Und von Hause aus wurde ihm nichts geschickt, weil man sich dort nur um die Behauptung Spaniens Sorge machte, gleich als stände in Italien Alles erwünscht.

In Spanien hatten die Dinge in gewisser Rücksicht dieselbe, in anderer eine ganz verschiedene Lage: dieselbe, insofern die Carthager durch den Verlust einer Schlacht und eines Feldherrn an die äußerste Küste Spaniens, bis zum Ocean, zurückgedrängt waren: verschieden hingegen, insofern Spanien durch die Eigenthümlichkeit seiner Gegenden und seiner Menschen zur Erneuerung des Krieges nicht nur geschickter ist, als Italien, sondern als jedes Land in der Welt. Eben darum wurde es auch, ob es gleich von allen Provinzen des festen Landes die erste war, welche die Römer betraten, dennoch unter allen zuletzt, erst zu unsern Zeiten, unter der Anführung und 450 Götterleitung Cäsars Augustus, uns unterwürfig. Hier stellte damals Hasdrubal, Gisgons Sohn, in jenem Kriege nächst denen aus dem Hause Barcas der größte und angesehenste Feldherr, nach seiner Rückkehr von Gades in der Hoffnung, den Krieg erneuern zu können, von Hamilcars Sohne Mago unterstützt, durch Werbungen, die er im jenseitigen Spanien gehalten hatte, an funfzigtausend Mann zu Fuß und viertausend fünfhundert zu Pferde unter die Waffen. Über die Stärke der Reuterei sind die Schriftsteller ziemlich eins; aber das bei der Stadt Silpia versammelte Fußvolk geben einige auf siebzigtausend an. Hier lagerten sich auf offenen Feldern beide Punische Feldherren, mit dem Vorsatze, den Kampf nicht abzulehnen.

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