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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 87
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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339 Sieben und zwanzigstes Buch

1. So standen die Sachen in Spanien. In Italien nahm der Consul Marcellus, nachdem er Salapia durch Verrätherei wiedergewonnen hatte, den Samniten Maronea und Meles durch Sturm. Hier gingen dem Hannibal dreitausend Mann verloren, die er dort zur Besatzung gelassen hatte. Die Beute – und sie war beträchtlich – wurde dem Soldaten zugestanden. Auch fand man an Weizen zweihundert vierzigtausend Maß und hundert und zehntausend an Hafer. Allein die Freude hierüber wog keinesweges die wenig Tage nachher unweit der Stadt Herdonea erlittene Niederlage auf.

Hier hatte der Proconsul Cneus Fulvius sein Lager, in der Hoffnung, Herdonea wieder zu bekommen, welches nach der Niederlage bei Cannä von den Römern abgefallen war: das Lager aber hatte weder in der Stellung die gehörige Festigkeit, noch durch aufgestellte Posten Sicherheit. Die dem Feldherrn eigene Unachtsamkeit wurde noch durch die Aussicht vergrößert, daß die Bürger, wie er gemerkt hatte, in ihrer Treue gegen die Punier wankten, sobald sie erfahren hatten, daß sich Hannibal nach dem Verluste von Salapia aus diesen Gegenden in das Bruttierland gezogen habe. Alle diese Umstände, die Hannibal durch geheime Boten von Herdonea erfuhr, weckten in ihm den Wunsch, sich eine Bundesstadt zu erhalten, und zugleich die Hoffnung, den Feind in seiner Sorglosigkeit zu überfallen. Mit einem leichtbeladenen Heere eilte er in starken Märschen, so daß er beinahe dem Rufe von seiner Ankunft zuvorkam, nach Herdonea, und um den Feind noch so viel mehr in Schrecken zu setzen, kam er schon in anrückender Schlachtordnung. An 340 Kühnheit ihm gleich, an Kopf und Truppenstärke unter ihm, nahm der Römische Feldherr, der schleunigst mit seinem Heere ausrückte, die Schlacht an; und die fünfte Legion, begleitet vom linken Flügel der Bundesgenossen, ließ sich hitzig ein. Doch Hannibal, der seiner Reuterei ein Zeichen gegeben hatte, sobald der lebhafte Kampf die Blicke und Gedanken der Linien zu Fuß beschäftigen würde, sollte sie durch einen Umweg theils das feindliche Lager, theils die Bestürzten im Rücken angreifen, sagte unter spöttischen Ausfällen auf den gleichen Namen des Fulvius, weil er vor zwei Jahren in eben dieser Gegend den Prätor Cneus Fulvius besiegt hatte, einen gleichen Ausgang der Schlacht vorher. Und er irrte sich nicht. Denn da bisher die Glieder und Fahnen der Römer noch Stand hielten, so viel ihrer auch Mann gegen Mann und im Kampfe gegen das Fußvolk gefallen waren, so jagte doch das Getöse der Reuterei in ihrem Rücken und zugleich das aus ihrem Lager erschallende feindliche Geschrei zuerst die sechste Legion, welche, als Hintertreffen aufgestellt, auch zuerst von den Numidern geworfen wurde, dann auch die fünfte Legion und alle im ersten Gliede fechtenden vom Platze. Ein Theil stürzte flüchtend fort, die Andern wurden von allen Seiten niedergehauen, und hier fiel auch Cneus Fulvius selbst mit eilf Obersten. Wie viel tausend Römer und Bundesgenossen im Treffen geblieben sind, wer könnte das mit Gewißheit bestimmen, da ich bei Einigen. dreizehn-, bei Andern nicht über siebentausend angegeben finde. Der Sieger nahm das Lager und seine Beute. Herdonea steckte er, nachdem er die gesammte Volksmenge nach Metapontum und Thurii abgeführt hatte, in Brand, weil er erfuhr, daß es zu den Römern übergetreten sein würde, und ihm auch nicht treu bleiben werde, wenn er abgezogen wäre; und die Vornehmen, von denen er in Erfahrung brachte, daß sie mit dem Fulvius geheime Unterredungen gehabt hätten, ließ er hinrichten. Diejenigen von den Römern, welche sich aus der großen Niederlage retteten, flohen halbbewaffnet auf mancherlei Wegen zum Consul Marcellus nach Samnium.

341 2. Marcellus, ohne sich eben durch ein so großes Unglück schrecken zu lassen, schrieb nach Rom an den Senat: «man habe bei Herdonea einen Feldherrn samt dem Heere verloren. Übrigens sei er, derselbe, der nach der Schlacht bei Cannä den auf seinen Sieg trotzenden Hannibal abgeklopft habe, schon auf dem Wege, ihm die Freude, in der er jetzt frohlocke, bald zu benehmen.» Zu Rom freilich war die Trauer über das Vorgefallene eben so groß, als die Besorgniß wegen der Zukunft. Der Consul aber, der aus Samnium nach Lucanien überging, schlug bei Numistro vor Hannibals Augen sein Lager in einer Ebene auf, obgleich der Punische Feldherr auf einer Höhe stand. Ja er ließ dadurch noch mehr Selbstvertrauen blicken, daß er zuerst zum Treffen ausrückte. Und Hannibal, als er die Fahnen aus dem Lager ziehen sah, schlug es nicht aus. Doch stellten sie die Schlachtordnung so, daß Hannibal seinen rechten Flügel zur Höhe hinanzog, die Römer sich mit ihrem linken an die Stadt lehnten. Ob sie nun gleich das Gefecht von Morgens neun Uhr bis gegen die Nacht fortsetzten und die Vorderlinien schon vom Schlagen ermüdet waren, auf Römischer Seite nemlich die erste Legion und der rechte Flügel der Bundesgenossen, auf Seiten Hannibals die Spanischen Truppen, die Baliarischen Schleuderer und auch die Elephanten, die erst während des Kampfes in das Treffen getrieben waren; so blieb doch die Schlacht so lange für beide Theile unentschiedenDiu pugna – stetit.] Crevier will diese Worte vor die Worte Ab hora tertia zurückziehen. So viel scheint wenigstens hier gewiß zu sein, daß mit den Worten ab Romanis nicht der Nachsatz angehen könne. Man sehe die Gründe bei Crevier. Ich habe deswegen mit diu pugna den Nachsatz angehen lassen. Mit Primae legioni fange ich also einen neuen Satz an, und so habe ich übersetzt, leugne aber nicht, daß sich diese Worte besser zum Anfange des Nachsatzes schicken würden, wenn nach Crevier die Worte diu – stetit hier weggehoben würden. Sollte vielleicht so geholfen werden können? Meiner Meinung nach hatte Livius so geschrieben: Ita tamen aciem instruxerunt, ut Poenus dextrum cornu in collem erigeret, Romani sinistrum ad oppidum applicarent. Ab Romanis prima legio et dextera ala, ab Hannibale Hispani milites et funditor Baliaris, elephanti quoque, commisso iam certamine, in praelium acti. Diu pugna neutro inclinata stetit. Ab hora tertia quum ad noctem pugnam extendissent, fessaeque pugnando primae acies essent; primae legioni tertia, dextrae alae sinistra subiit. etc. Nachdem er nämlich gesagt hatte: ita aciem instruxerunt, war es doch am natürlichsten, nun die zu nennen, qui in praelium agebantur. Allein der Abschreiber, der nach dem Worte applicarent. fortfahren sollte Ab Romanis, kam, durch die mehreren ab Romanis, ab Hannibale, ab hora tertia, irre gemacht, in die Zeile Ab hora, schrieb seinen Satz bis primae acies essent aus, und holte nun das Ausgelassene von Ab Romanis prima – – neutro inclinata stetit nach. Wenn diese Abänderung richtig sein sollte, so müßte ich etwa so übersetzen: «– die Römer sich mit ihrem linken Flügel an die Stadt lehnten. Von Seiten der Römer wurden die erste Legion und der rechte Flügel der Bundesgenossen, von Seiten Hannibals die Spanischen Truppen und die Baliarischen Schleuderer, auch die Elephanten, doch diese erst während des Gefechts, ins Treffen geführt. Lange stand die Schlacht für beide Theile unentschieden. Als sie den Kampf von Morgens neun Uhr bis gegen die Nacht fortgesetzt hatten, und die Vorderlinien schon vom Schlagen ermüdet waren, trat an die Stelle der ersten Legion die dritte u. s. w.» Eine ähnliche Verirrung wegen eines ομοιόπρωτον, möchte ich es nennen, s. unten Cap. 36. . 342 Nun trat statt der ersten Legion die dritte, statt des rechten Flügels der Bundesgenossen der linke auf, und auch bei den Feinden nahmen frische Truppen den Ermüdeten. das Gefecht ab. Ein neuer und fürchterlicher Kampf glühete plötzlich aus dem so schläfrigen auf, weil Muth und Kräfte neu waren; allein die Nacht schied die Fechtenden bei ungewissem Siege.

Tages darauf standen die Römer von Sonnenaufgang bis tief in den Tag in Schlachtordnung. Als ihnen kein Feind entgegentrat, sammelten sie mit Muße den Raub ein und verbrannten ihre zusammengetragenen Todten. In der folgenden Nacht brach Hannibal in aller Stille auf und zog nach Apulien ab. Marcellus, welcher gleich, so wie der Tag die Flucht des Feindes aufdeckte, die Verwundeten mit einer mäßigen Bedeckung in Numistro zurückließ und dem Obersten Lucius Furius Purpureo die Aufsicht anvertrauete, schloß sich als Verfolger ihm an die Spur. Bei Venusia holte er ihn ein. Da man hier mehrere Tage lang von den Posten auf einander sprengte, so kamen Reuterei und Fußvolk gemischt zu Gefechten, die mehr lärmend als wichtig, und meistens für die Römer glücklich waren. Von hier ging der Zug der Heere durch Apulien, ohne irgend ein denkwürdiges Treffen, da Hannibal, um Gelegenheit zu einem Hinterhalte zu bekommen, immer in der Nacht aufbrach, Marcellus nie anders, als bei hellem Tage, und nach eingezogener Kundschaft ihm folgte.

343 3. Während Flaccus unterdessen zu Capua die Zeit mit dem Verkaufe der Güter der Großen und mit Verpachtung der Ländereien zubrachte, welche für Statseigenthum erklärt waren – er verpachtete sie aber sämtlich für Getreidelieferungen –; kam ein neuer im Verborgenen glimmender Entwurf der Bosheit, als sollte es ihm zur Härte gegen die Campaner nie an einem Stoffe fehlen, durch Aussage an den Tag. Theils um auch die Häuser der Stadt, so wie die Länderei, zur Benutzung zu vermiethen, theils aus Besorgniß, auch sein Heer möge, wie es dem Hannibal ging, durch die garzu große Anmuth der Stadt verweichlicht werden, hatte er seine Soldaten die Häuser räumen lassen und sie genöthigt, auf den Thoren und Mauern sich selbst nach Feldsitte ein Obdach zu bauen. Hierzu hatten sie meistens Hürden oder Bretter genommen, zum Theile Schilf geflochten, überall aber Strohdächer angebracht, gleichsam absichtlich lauter Nahrungsmittel einer Feuersbrunst. Dies Alles bei Nacht in Einer Stunde anzuzünden, hatten sich hundert und siebzig Campaner, deren Häupter die Gebrüder Blosius waren, verschworen. Als auf die vom Gesinde der Blosier hierüber gemachte Anzeige die Soldaten, welche plötzlich auf Befehl des Proconsuls die Thore schlossen, auf ein gegebenes Zeichen in die Waffen traten, so wurden alle Schuldigen ergriffen und nach scharfer Untersuchung verurtheilt und hingerichtet: die Angeber bekamen die Freiheit und jeder zehntausend AssNach Crevier's richtiger Bemerkung aeris gravis, also etwa 310 Gulden Conv. M.. Die Einwohner von Nuceria und Acerrä wies Fulvius mit ihrer Klage, daß sie keine Wohnungen hätten, weil Acerrä zum Theile verbrannt, Nuceria zerstört sei, nach Rom an den Senat. Die Acerraner bekamen die Erlaubniß, das Abgebrannte wieder aufzubauen: die Nuceriner wurden, weil ihnen dies lieber war, nach Atella übergeführt, und die Atellaner mußten nach Calatia wandern. Unter den vielen und großen Ereignissen, welche bald als Glück, bald als Unglück die Gedanken der Römer beschäftigten, vergaßen sie doch auch der Tarentiner Burg nicht. Marcus 344 Ogulnius und Publius Aquillius gingen als Beauftragte nach Hetrurien, Getreide aufzukaufen, das nach Tarent geliefert werden sollte; und von der Stadtbesatzung schickte man tausend Mann, eben so viele Römer als Bundesgenossen, mit dem Getreide eben dorthin zur Besatzung.

4. Schon ging der Sommer zu Ende und die Zeit der Consulnwahl rückte heran. Allein ein Brief vom Marcellus, worin er bezeugte, es sei für den Stat nachtheilig, den Hannibal jetzt aus der Spur zu lassen, den er eben, weil er weiche und jedes Treffen vermeide, als der Nachstürmende verfolge, hatte die Väter in die Verlegenheit gesetzt, entweder den Consul gerade jetzt in seiner Thätigkeit vom Kriege abrufen zu müssen, oder auf ein Jahr keine Consuln zu haben. Sie fanden für gut, lieber den Consul Valerius, ob er gleich außerhalb Italiens sei, aus Sicilien zurückzurufen. Auf Befehl des Senats schrieb der Stadtprätor Lucius Manlius an diesen und legte den Brief des Marcellus bei, damit er hieraus ersehen möchte, was für Veranlassung die Väter hätten, lieber ihn, als seinen Amtsgenossen aus seinem Wirkungskreise abzurufen. Ungefähr um diese Zeit trafen in Rom Gesandte vom Könige Syphax ein, welche seine Siege über die Carthager meldeten. Sie versicherten, «ihr König sei gegen kein Volk so erbittert, als gegen die Carthager, und gegen keins freundschaftlicher gesinnt, als gegen das Römische. Er habe schon einmal Gesandte nach Spanien an die Cornelier, Cneus und Publius, Roms Feldherren, geschickt; jetzt habe er Roms Freundschaft gleichsam aus der Quelle selbst schöpfen wollen.» Der Senat ertheilte nicht nur den Gesandten eine sehr gütige Antwort, sondern schickte auch von seiner Seite den Lucius Genucius, Publius Pötelius, Publius Popillius als Gesandte mit Geschenken an den König. Sie überbrachten ihm ein purpurnes Ober- und Unterkleid, einen elfenbeinernen Sessel, eine aus fünf PfundDiese 5 Pfund betragen etwa 1400 Gulden Conv. M. und die folgenden 3 Pfund etwa 800 Gulden. Gold verarbeitete Opferschale. Sie hatten Befehl, noch weiter bei andern Königen Africas ihren Besuch zu machen, und 345 überbrachten ihnen die bestimmten Geschenke, verbrämte Oberkleider und goldene Opferschalen, jede zu drei Pfund. Auch mussten nach Alexandrien, um die ehemalige Freundschaft in Erinnerung zu bringen und zu erneuern, an den König PtolemäusPhilopator. und die Königinn Cleopatra Marcus Atilius und Manius Acilius als Gesandte abgehen und dem Könige ein purpurnes Ober- und Unterkleid nebst einem elfenbeinernen Sessel, der Königinn ein gesticktes Obergewand und einen purpurnen Mantelrock überbringen.

Den Sommer über, in welchem man dies beschickte, wurden aus den benachbarten Städten und Gegenden viele Schreckzeichen einberichtet. Zu Tusculum sei ein Lamm mit einem milchenden Euter geboren, der Giebel am Jupiterstempel vom Blitze getroffen und fast das ganze Dach abgedeckt; fast in eben den Tagen habe der Erdboden vor dem Thore von Anagnia, den der Blitz getroffen, ohne alle Feuernahrung Tag und Nacht gebrannt, und im Haine der Diana am Anagninischen Kreuzwege hatten die Vögel ihre Nester auf den Bäumen verlassen: zu Tarracina hätten im Meere nicht weit vom Hafen außerordentlich große Schlangen wie spielende Fische getanzt: zu Tarquinii sei ein Ferkel mit einem Menschengesichte zur Welt gekommen, und im Gebiete von Capena hätten im Haine der Feronia vier Statüen Nacht und Tag viel Blut geschwitzt. Auf Verordnung der Oberpriester wurde die Sühne dieser Schreckzeichen mit großen Opferthieren besorgt, und ein Betumgang zu allen Tempeln auf einen Tag für Rom, auf den andern für die Gegend des Capenatischen Haines der Feronia, abgekündigt.

5. Als der Consul Marcus Valerius, abgerufen durch jenen Brief, Provinz und Heer dem Prätor Cincius übergeben und den Befehlshaber der Flotte, den Marcus Valerius Messalla, mit einem Theile seiner Schiffe nach Africa geschickt hatte, um die Beschäftigungen und Entwürfe der Carthager zu erspähen; so hielt er gleich nach seiner glücklichen Ankunft zu Rom, wohin er mit zehn Schiffen 346 abgegangen war, Senatsversammlung. Hier machte er von seinen Thaten diese Darstellung: «Da man beinahe seit sechzig Jahren in Sicilien zu Lande und zu Wasser, oft mit großem Verluste, Krieg geführt habe, so habe er es zur Provinz gemacht. In Sicilien sei kein Carthager mehr; jeder Sicilianer, der sich als Flüchtling aus Furcht entfernt gehabt habe, sei wieder da: sämtlich in ihre Städte, auf ihre Ländereien zurückgekehrt ackerten und säeten sie jetzt: der lange versäumte Boden gewähre endlich durch Wiederbestellung den Bebauern selbst reichen Ertrag, und dem Römischen Volke, es sei Friede oder Krieg, die treueste Aushülfe in Theurungen.» Darauf wurden Mutines und alle, die der Consul sonst noch wegen ihrer Verdienste um den Römischen Stat dem Senate vorstellen ließ, um das Wort des Consuls nicht unerfüllt zu lassen, ehrenvoll belohnt. Den Mutines machte man sogar zum Römischen Bürger, vermöge eines auf Gutachten der Väter von einem Bürgertribun vor das Volk gebrachten Antrages.

Während dies in Rom vorging, landete Marcus Valerius Messalla, welcher sich mit funfzig Schiffen vor Tages Anbruche der Küste von Africa genähert hatte, unvermuthet im Gebiete von Utica; und nachdem er es weit und breit verheert hatte, schiffte er sich mit einer Menge Gefangener und Beute aller Art wieder ein, fuhr nach Sicilien über und kam dreizehn Tage nach seiner Abfahrt von hier zu Lilybäum wieder an. Von den Gefangenen erfuhr er durch angewandte Befragung, was er auch Alles dem Consul Lävinus, um ihn über die Vorkehrungen in Africa zu belehren, ausführlich schrieb: «Zu Carthago ständen unter dem Masinissa, dem Sohne des Gala, einem sehr unternehmenden jungen Manne, fünftausend Numider, auch würden in ganz Africa Miethsoldaten geworben, die man für den Hasdrubal nach Spanien übersetzen wolle, damit dieser mit einem möglichst großen Heere je eher je lieber nach Italien übergehen und sich mit Hannibal vereinigen könne. Hierauf beruhe, wie man zu Carthago glaube, der Sieg. Außerdem werde eine ansehnliche Flotte 347 ausgerüstet, Sicilien wieder zu erobern, und diese müsse; ihrer Meinung nach, bald hinübergehen.» Als der Consul diese Anzeige vorlas, so machte sie auf die Väter einen solchen Eindruck, daß sie festsetzten, der Consul solle die Wahlen nicht abwarten, sondern zur Haltung des Wahltages einen Dictator ernennen und sogleich in die Provinz zurückgehen. Nur konnte man erst nicht einig werden, als der Consul sagte, er wolle in Sicilien den Marcus Valerius Messalla, der jetzt der Flotte vorstand, zum Dictator ernennen, und die Väter dagegen einwandten, außerhalb dem Römischen Gebiete – und dies gehe doch nicht über Italien hinaus – dürfe kein Dictator ernannt werden. Als der Bürgertribun Marcus Lucretius den Senat hierüber um seine Meinung befragte, beschloß dieser: «Der Consul solle vor seiner Abreise von der Stadt bei dem Gesamtvolke anfragen, wen es zum Dictator ernannt wissen wolle, und wen das Gesamtvolk verlangte, den solle er ernennen. Weigere sich der Consul, so solle die Anfrage bei dem Gesammtvolke der Prätor thun, und wenn auch der nicht wolle, so sollten es die Tribunen an den Bürgerstand gelangen lassen.» Da ihm der Consul erklärte, er werde das Gesamtvolk nicht um eine Sache befragen, die von ihm selbst abhänge, und auch dem Prätor die Anfrage untersagte, so übernahmen sie die Tribunen, und das Volk erkannte dahin, daß Quintus Fulvius, der damals in Capua stand, zum Dictator ernannt würde. Allein in der Nacht vor dem angesetzten Versammlungstage ging der Consul heimlich nach Sicilien ab, und die ohne Hülfe gelassenen Väter mussten sich entschließen, an den Marcus Claudius zu schreiben, er möge sich des von seinem Amtsgenossen verlassenen Stats annehmen und den vom Volke bestimmten Dictator ernennen. So wurde Quintus Fulvius vom Consul Marcus Claudius zum Dictator erklärt und vermöge desselben Bürgerschlusses vom Dictator Quintus Fulvius der Hohepriester Publius Licinius Crassus zu seinem Magister Equitum.

6. Als der Dictator nach Rom kam, schickte er seinen Legaten Cneus Sempronius Bläsus, den er zu Capua 348 gehabt hatte, in die Provinz Hetrurien zum Heere, um den Prätor Cajus Calpurnius abzulösen, den er schriftlich anwies, Capua und sein Heer zu übernehmen. Er selbst setzte die Wahlversammlung auf den nächsten dazu passenden Tag an, die aber wegen des Streites der Tribunen mit dem Dictator nicht beendet werden konnte. Die jüngern Bürger der Centurie Galeria, die dem Lose nach zuerst stimmen musste, hätten den Quintus Fulvius und Quintus Fabius zu Consuln ernannt, und eben so würden sich auch die übrigen Centurien der Reihe nach erklärt haben, hätten nicht die beiden Bürgertribunen Arennius, Cajus und Lucius, Einrede gethan. Sie sagten: «Es sei sehr unbürgerlich, sich obrigkeitliche Amtsführungen verlängern zu lassen, und ein noch weit ärgerlicheres Beispiel, wenn gerade der sich wählen lasse, der den Wahltag halte. Wenn also der Dictator die Angabe seines eigenen Namens gelten ließe, so würden sie gegen die Wahl Einsage thun; wenn aber Andre, mit Vorbeigehung seiner, bedacht würden, so hätten sie gegen die Wahl nichts zu erinnern.» Der Dictator behauptete die Rechtmäßigkeit der Wahl aus dem Senatsgutachten, aus dem Bürgerbeschlusse und aus Beispielen. «Denn unter dem Consul Cneus Servilius, als der andre Consul, Cajus Flaminius, am Trasimenus gefallen war, habe man nach einem Gutachten der Väter bei den Bürgern darauf angetragen und die Bürger hätten es genehmigt, daß das Gesamtvolk das Recht haben solle, so lange in Italien Krieg sei, von den gewesenen Consuln, welche und wie oft es wolle, wieder zu Consuln zu wählen. Er beziehe sich für den jetzigen Fall auf das uralte Beispiel des Lucius Postumius MegellusIm Jahre Roms 460, um die Zeiten des Curius, Fabricius im Samnitenkriege, etwa 10 Jahre vor Ankunft des Pyrrhus. , der an demselben Wahltage, welchen er als Zwischenkönig hielt, mit dem Cajus Junius Bubulcus zum Consul ernannt sei; und auf das neuliche des Quintus FabiusS. oben XXIIII. 7. 8. 9., der sich gewiß sein Consulat nie würde haben verlängern lassen, wenn es nicht des States Vortheil gewesen wäre.»

349 Als man lange in Reden dieses Inhalts gestritten hatte, kamen zuletzt Dictator und Tribunen dahin überein, sich an die Entscheidung des Senats zu halten. Den Vätern schienen die Umstände des Stats von der Art zu sein, daß man ihn bewährten und kriegskundigen Feldherrn anvertrauen müsse: daher erklärten sie ihr Misfallen gegen jede Behinderung der Wahl. Die Tribunen gaben nach, und die Wahl ging vor sich. Quintus Fabius Maximus wurde zum fünftenmale und Quintus Fulvius Flaccus zum viertenmale zum Consul ernannt. Darauf wurden zu Prätoren, gewählt Lucius Veturius Philo, Titus Quinctius Crispinus, Cajus Hostilius Tubulus, Cajus Aurunculejus. Als Quintus Fulvius die Wahl der nächstjährigen Obrigkeiten besorgt hatte, legte er seine Dictatur nieder.

Am Ende dieses Sommers verheerte eine Punische Flotte von vierzig Schiffen, die unter Hamilcars Führung nach Sardinien übersetzte, zuerst die Gegend von Olbia, und als sie von hier, sobald sich der Prätor Publius Manlius Vulso mit seinem Heere zeigte, auf die andre Seite der Insel herumgefahren war, das Gebiet von Caralis und kehrte mit Beute aller Art nach Africa zurück. Es starben in diesem Jahre mehrere von Roms Priestern, und ihre Stellen wurden wieder besetzt. Cajus Servilius trat in den Platz des Titus Otacilius Crassus als Oberpriester. Für eben den Titus Otacilius Crassus wurde Tiberius Sempronius Longus, des Tiberius Sohn, Vogelschauer. Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten in die Stelle des Tiberius Sempronius Longus, eines Sohns vom Cajus, wurde ebenfalls Tiberius Sempronius Longus, des Tiberius Sohn. Der Opferkönig Marcus Marcius starb, auch der oberste Curienpriester Marcus Ämilius Papus; und ihre Stellen blieben dies Jahr unbesetzt. Auch hatte dies Jahr Censoren, den Lucius Veturius Philo und Publius Licinius Crassus, der zugleich Hoherpriester war. Licinius Crassus war weder Consul noch Prätor gewesen, ehe er Censor ward. Vom Ädilenamte that er den Schritt zur Censur. Doch diese Censoren musterten weder den Senat, noch verrichteten sie sonst ein 350 Statsgeschäft. Dies verhinderte der Tod des Lucius Veturius; daher trat auch Licinius von der Censur ab. Die Curulädilen Lucius Veturius und Publius Licinius Varus feierten einen Tag lang die Römischen Spiele wieder. Die Bürgerädilen Quintus Catius und Lucius Porcius Licinus gaben von den Strafgeldern eherne Statüen in den Tempel der Ceres, und feierten ihre Spiele, nach Verhältniß des damaligen Aufwandes, mit vieler Pracht.

7. Am Ende dieses Jahrs kam, in vierunddreißig Tagen nach seiner Abfahrt von Tarraco, Scipio's Legat, Cajus Lälius, nach Rom, und sein Eintritt in die Stadt mit einem Zuge von Gefangenen verursachte einen großen Zusammenfluß des Volks. Als er Tags darauf dem Senate vorgestellt wurde, berichtete er die Eroberung von Neu-Carthago, der Hauptstadt Spaniens, die Wiederbesetzung mehrerer abtrünnig gewesener Städte und den Beitritt neuer zum Römischen Bunde. Was man von den Gefangenen erfuhr, stimmte ungefähr mit dem überein, was Marcus Valerius Messalla geschrieben hatte. Am meisten beunruhigte die Väter Hasdrubals Übergang nach Italien, da dieses sich kaum Hannibals und seiner Waffenmacht erwehren könne. In seiner Aufstellung vor dem Volke wiederholte Lälius jene Mittheilungen. Scipio's Thaten zu Ehren verordnete der Senat ein eintägiges Dankfest: den Cajus Lälius hieß er die Schiffe, mit denen er gekommen war, je eher je lieber nach Spanien zurückführen.

Die Eroberung von Neu-Carthago habe ich nach mehreren Angaben in dies Jahr gesetzt, ob ich gleich weiß, daß es nach Einigen erst im folgenden Jahre erobert sein soll: denn es ist mir unwahrscheinlich, daß Scipio in Spanien ein ganzes Jahr unthätig zugebracht habe.

Beiden Consuln, dem Quintus Fabius Maximus, der es zum fünften-, und dem Quintus Fulvius Flaccus, der es zum viertenmale war, wurde den funfzehnten März, auf den sie ihr Amt antraten, Italien als Kriegsstelle angewiesen, doch sollten sie den Oberbefehl auf zwei verschiedene Gegenden vertheilen, der Eine ihn bei Tarent 351 haben, der Andre im Lucanischen und Bruttischen. Dem Marcus Claudius wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. Den Prätoren bestimmte das Los folgende Plätze: dem Cajus Hostilius Tubulus die Gerichtspflege in der Stadt; die über die Fremden nebst Gallien dem Lucius Veturius Philo; dem Titus Quinctius Crispinus Capua, dem Cajus Arunculejus Sardinien. Die Heere wurden auf die verschiedenen Standplätze so vertheilt: dem Fulvius wurden die beiden Legionen angewiesen, welche Marcus Valerius Lävinus in Sicilien habe; dem Quintus Fabius die, welche in Hetrurien unter dem Cajus Calpurnius gestanden hätten. Das Stadtheer sollte wieder für Hetrurien dort eintreten und dem Cajus Calpurnius der Befehl über Provinz und Heer zustehen; Capua mit dem Heere, welches Quintus Fulvius gehabt, solle Titus Quinctius haben. Lucius VeturiusC. Hostilius.] – Nach Pighi und Gronov, denen auch Crevier beitritt, muß es heißen L. Veturius.sollte sich vom Proprätor Cajus Lätorius dessen Provinz und Heer, welches damals zu Ariminum stand, übergeben lassen. Dem Marcus Marcellus wurden dieselben Legionen bestimmt, mit denen er sich als Consul so wohl gehalten hatte. Dem Marcus Valerius und dem Lucius Cincius – denn auch ihnen wurde der Oberbefehl in Sicilien auf ein Jahr verlängert – gab man das Heer von Cannä, und den Befehl, durch die von den Legionen des (Proconsuls) Cneus Fulvius (Centumalus) noch übrigen Soldaten es zu ergänzen. Die Consuln ließen diese aufsuchen und schickten sie nach Sicilien: auch wurden sie im Dienste mit eben dem Schimpfe belegt, der auf den Truppen von Cannä und jenen vom Heere des Prätors Cneus Fulvius (Flaccus) haftete, welche der Senat aus Unwillen über ihre ähnliche Flucht gleichfalls dorthin geschickt hatte. Dem Cajus Aurunculejus bestimmte man dieselben Legionen in Sardinien, mit denen Publius Manlius Vulso jener Provinz vorgestanden hatte. Dem Publius Sulpicius, der mit seiner bisherigen LegionEadem legione.] – Vielleicht ließe sich der Widerspruch in unsrer Stelle mit XXVI. 28. heben, wenn man annehmen dürfte, daß Livius mit den Worten eadem legione bloß milites classicos verstanden habe und unter classe die Schiffzahl. und Flotte Macedonien behalten sollte, wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. Dreißig Fünfruderer sollten aus Sicilien nach Tarent zum Consul Quintus Fabius geschickt werden, und Marcus Valerius Lävinus entweder selbst mit der übrigen Flotte auf Plünderung nach Africa übergehen, oder den Lucius Cincius, oder den Marcus Valerius Messalla hinschicken. Auch über Spanien traf man keine Änderung, außer daß dem Scipio und Silanus der Oberbefehl nicht auf ein Jahr verlängert ward, sondern bis sie der Senat abrufen würde. So wurden die Standplätze und Feldherrnstellen für dies Jahr vertheilt.

8. Mitten unter den Sorgen für wichtigere Dinge brachte die Wahl eines obersten Curienpriesters, als die Stelle des Marcus Ämilius beim Opferdienste wieder besetzt werden sollte, einen alten Streit in Anregung: denn die Adlichen behaupteten, auf den Cajus Mamilius Vitulus, den einzigen bürgerlichen Mitbewerber, sei keine Rücksicht zu nehmen, weil vor ihm noch niemand, der nicht aus den Vätern gewesen sei, dies Priesterthum bekleidet habe. Die Tribunen, an welche seine Ansprache erging, wiesen die Sache an den Senat, der Senat überließ sie dem Gesamtvolke. So war Cajus Mamilius Vitulus der erste Bürgerliche, dem man das Amt des obersten Curienpriesters gab. Der Hohepriester Publius Licinius zwang den Cajus Valerius Flaccus, sich wider Willen die Weihe zum Eigenpriester Jupiters geben zu lassen. An die Stelle des verstorbenen Quintus Mucius Scävola wurde Cajus Lätorius zum Zehnherrn der gottesdienstlichen Angelegenheiten gewählt. Die Ursache, warum der Eigenpriester zur Weihe gezwungen wurde, hätte ich gern verschwiegen, wenn nicht dadurch sein voriger schlimmer Ruf in einen guten übergegangen wäre. Seiner nachlässigen und ausschweifenden Jugend wegen war Cajus Flaccus, dem auch Lucius Flaccus, sein Bruder von Einem Vater, und die übrigen Verwandten dieser Unarten 353 wegen gram waren, vom Hohenpriester Publius Licinius zum Eigenpriester ausersehen. Als nun die Sorge für den Gottesdienst und die heiligen Gebräuche seinen Geist beschäftigte, zog er so auf einmal die alten Sitten aus, daß von allen jungen Männern keiner mehr galt, als er, keiner bei den Ersten der Väter, bei Verwandten und Fremden größern Beifall fand. Durch einen so einstimmig guten Ruf zu gerechtem Selbstvertrauen gehoben, machte er von einer seit vielen Jahren durch die Unwürdigkeit der vorigen Eigenpriester abgekommenen Gewohnheit wieder Gebrauch, nämlich in den Senat zu gehen; und da er als Eigenpriester nach seinem Eingange in das Rathhaus vom PrätorL. Licinius.] – Dieser hieß Publius. (Sigon. Pighi. Crev. Drakenb.) Publius Licinius wieder hinausgeführt wurde, sprach er die Hülfe der Tribunen an. Er berief sich auf das alte Recht seines Priesteramts; und das sei dem Eigenpriesterthume durch den verbrämten Rock und durch den Thronsessel verliehen. Der Prätor meinte, ein Recht beruhe nicht auf längstverjährten Beispielen aus Jahrbüchern, sondern jedesmal auf der neuerlichsten Ausübung einer Gewohnheit, und so wenig zu der Väter als Großväter Zeiten habe je ein Eigenpriester dies Recht ausgeübt. Da die Tribunen für Recht erkannten, aus dem durch Schläfrigkeit der Eigenpriester abgekommenen Rechte habe für sie selbst, nicht aber für das Priesteramt, ein Nachtheil erwachsen können; so führten sie, ohne weitere Einwendungen selbst von Seiten des Prätors, mit großem Beifall der Väter und Bürger den Eigenpriester in den Senat; da jedermann die Sache so ansah, als habe er den Erfolg mehr der Unsträflichkeit seines Wandels zu verdanken, als dem Rechte seines Priesterthums.

Ehe die Consuln zu ihren Standplätzen abgingen, hoben sie zwei Stadtlegionen aus, und an Ergänzungstruppen für die übrigen Heere so viel als nöthig war. Das alte Stadtheer ließ der Consul Fulvius durch seinen Legaten Cajus Fulvius Flaccus – er war des Consuls Bruder – nach Hetrurien abführen und die Legionen, welche 354 in Hetrurien standen, nach Rom zurückbringen. Eben so ließ der Consul Fabius die zusammengebrachten Reste des Fulvischen Heers – sie betrugen an dreitausend dreihundert sechsunddreißig Mann – durch seinen Sohn Quintus Maximus dem Proconsul Marcus Valerius in Sicilien zuführen und von ihm die zwei Legionen und dreißig Fünfruderer in Empfang nehmen. Und durch die Abführung dieser Legionen aus der Insel verlor die Besatzung dieser Provinz weder an innerer Starke, noch im Äußeren. Denn hatte gleich LävinusMilites scripsit.] – Aus diesem scripsit sieht man, daß vom Proconsul M. Valerius Lävinus die Rede sei. Man muß also entweder proconsul oder Valerius oder Lävinus suppliren. Das letzte könnte vielleicht vor dem Worte legiones gestanden haben, und über die Ähnlichkeit mit diesem ausgefallen sein. Der Zusammenhang ist durch den eingeschobenen Satz: Nihil hae – praesidium zu sehr unterbrochen, so daß man nicht aus dem vorhergegangenen ab eo duas legiones das Subject herübernehmen kann. außer den beiden alten so herrlich ergänzten Legionen noch eine große Menge Numidischer Überläufer zu Pferde und zu Fuß, so nahm er doch auch die Sicilianer, welche unter dem Epicydes oder den Puniern im Heere gedient hatten, als tüchtige Krieger, unter seine Soldaten. Durch diese Anstellung fremder Hülfstruppen bei jeder Römischen Legion erhielt er seiner Macht den Schein zweier Heere. Mit dem einen mußte Lucius Cincius den Theil der Insel decken, der das Reich des Hiero ausgemacht hatte; mit dem andern deckte er selbst den übrigen Theil, der ehemals durch die Gränzen der Römischen und Punischen Herrschaft geschieden war: auch theilte er die Flotte von siebzig Schiffen, um im ganzen Umfange der Küste die Gegenden an der See gesichert zu wissen. Mit der Reuterei des Mutines durchzog er selbst die ganze Provinz, um die Feldmarken zu besichtigen, sich das Bebaute oder Unbebaute zu merken und danach unter die Besitzer Lob oder Tadel auszutheilen. Diese Vorsorge trug ihm so viel Getreide ein, daß er theils davon nach Rom schickte, theils Vorräthe zu Catana aufhäufen ließ, aus welchen das Heer, das den Sommer über bei Tarent stehen sollte, versorgt werden konnte.

355 9. Bald aber hätte die Überschiffung der Soldaten nach Sicilien – und der größere Theil bestand aus Latinern und Bundesgenossen – Veranlassung zu einem bedeutenden Aufstande gegeben: so hängt oft in wichtigen Dingen der Ausschlag von Kleinigkeiten ab. In den Versammlungen der Latiner und Bundsgenossen erhob sich ein lautes Murren: «Schon ins zehnte Jahr würden sie durch Werbungen und Soldlieferungen erschöpft: fast jedes Jahr litten sie in Schlachten großen Verlust. Die Einen fielen in der Schlacht, die Andern stürben durch Ansteckung. Es gingen ihnen mehr Bürger verloren, wenn sie zum Römischen Dienste ausgehoben, als wenn sie von den Puniern gefangen genommen würden: denn der Feind entlasse sie unentgeltlich in ihr Vaterland, die Römer aber verschickten sie weit von Italien, ins Elend eigentlicher, als ins Feld. Schon seit acht Jahren vergreise dort der Soldat von Cannä, der eher sterben werde, ehe der Feind, der gerade jetzt in seiner vollen Stärke sei, Italien räume. Wenn die alten Soldaten nicht heimkehrten, und immer neue ausgehoben würden, so werde bald niemand übrig sein. Ehe es also zur äußersten Entvölkerung und Armuth komme, müsse man den Römern abschlagen, was ihnen doch nächster Tage die Sache selbst abschlagen werde. Wenn sie dann sähen, daß alle Bundsgenossen hierin einig wären, würden sie gewiß darauf denken, mit den Carthagern Frieden zu machen: sonst werde Italien, so lange Hannibal lebe, nie ohne Krieg sein.» So lautete es in ihren Versammlungen.

Dem Römischen Volke standen damals dreißigVon den 53 Colonien, welche Rom damals nach Sigonius hatte, hatten 7 vacationem sacrosanctam, und die übrigen waren entweder in Hannibals Händen, oder eingegangen, zum Theile auch zu arm an Menschen. (Crevier.) Pflanzstädte zu Gebote. Zwölf von ihnen, da sich die Gesandschaften Aller zu Rom befanden, erklärten den Consuln, sie könnten so wenig Soldaten als Geld geben. Diese waren Ardea, Nepete, Sutrium, Alba, Carseoli, Cora, 356 Suessa, Circeji, Setia, Cales, Narnia, Interamna. Die Consuln, die durch eine so unerwartete Erklärung betroffen von ihrem abscheulichen Vorsatze sie abschrecken wollten, sagten ihnen, in der Voraussetzung, mehr durch Verweise und Vorwürfe, als durch Gelindigkeit zu wirken: «Ihre dreiste Äußerung gegen die Consuln im Senate zur Sprache zu bringen, könnten die Consuln unmöglich über sich erhalten. Denn ein solches Benehmen heiße nicht, die Kriegsleistungen verweigern, sondern geradezu vom Römischen State abfallen. Sie möchten also eiligst in ihre Pflanzstädte zurückkehren und, als hätten sie, ohne weitere Folgen, einen solchen Frevel mehr in Worten gehabt, als im Willen, mit den Ihrigen darüber zu Rathe gehen; möchten sie daran erinnern, daß sie ja selbst nicht Campaner, nicht Tarentiner seien, sondern Römer, daß sie von Rom stammeten, daß man sie von Rom aus in die Pflanzungen und auf die eroberten Ländereien geschickt habe, um den Römerstamm zu vermehren. Was Kinder den Ältern schuldig wären, das wären sie den Römern schuldig, wenn sie noch die mindeste kindliche Liebe, noch das mindeste Gefühl für ihren alten Stammort hätten. Sie möchten ihre Berathschlagungen von vorne wieder anfangen; denn der Zweck, auf den sie jetzt so unbesonnen hinarbeiteten, sei kein anderer, als den Römischen Stat zu verrathen und dem Hannibal den Sieg in die Hände zu geben.» Nachdem die Consuln einer um den andern auf Vorstellungen dieser Art viele Zeit verwandt hatten, erklärten die Gesandten, ohne sich bewegen zu lassen: «Hierüber gebe es so wenig für sie etwas zu berichten, als neue Maßregeln dort für ihren Senat, wo es eben so an Leuten zu Aushebungen fehle, als an Gelde zu Soldlieferungen.»

Als die Consuln diese Unbiegsamkeit sahen, brachten sie die Sache vor den Senat. Hier geriethen Alle in so große Bestürzung, daß Viele riefen: «Es sei um den Stat geschehen. Die andern Pflanzstädte würden dasselbe thun; die Bundesgenossen alle hätten sich dahin vereinigt, Rom dem Hannibal zu verrathen.»

357 10. Die Consuln ermunterten und trösteten den Senat. Sie sagten; «Die andern Pflanzstädte würden von ihrer Treue und alten Verbindlichkeit nicht abgehen. Selbst diejenigen, welche von ihrer Pflicht abgetreten wären, würden der Regierung, wenn sie durch Gesandte beschickt würden, welche aber im verweisenden, nicht im bittenden Tone reden müßten, ihre Achtung nicht versagen.» Als ihnen der Senat Vollmacht gab, so zu verfahren und zu handeln, wie sie es für des States Bestes hielten, so riefen sie, nachdem sie vorläufig die Gesinnungen der übrigen Pflanzstädte geprüft hatten, die Gesandten derselben zu sich und fragten bei ihnen an, ob sie die vertragsmäßigen Truppen geworben hätten. Da antwortete im Namen der achtzehn Pflanzstädte Marcus Sextilius von Fregellä: «Die vertragsmäßigen Truppen ständen bereit, und sollten mehrere nöthig sein, so werde man auch mehrere stellen: überhaupt werde man sich eifrig angelegen sein lassen, die Forderungen und Wünsche des Römischen Volks zu erfüllen. Es fehle ihnen dazu nicht an Kräften, und noch weniger am Willen.» Die Consuln bezeugten vorläufig, ihrer Meinung nach sei ein bloßes Lob aus ihrem Munde für dies ihr Verdienst noch zu wenig, wenn ihnen nicht auch die gesammten Väter im Rathhause Dank sagten; und hießen sie ihnen in die Senatsversammlung folgen. Der Senat, der sich mit einer Ausfertigung in den ehrenvollsten Ausdrücken an sie wandte, gab den Consuln den Auftrag, sie auch dem Gesamtvolke vorzustellen und in der Reihe von so vielen rühmlichen Verdiensten, welche die Römer und ihre Vorfahren diesen Pflanzstädten zu verdanken hätten, auch dieses ihres neuesten um den Stat zu erwähnen. So werde denn auch von mir, nach so vielen Menschenaltern, ihr Name noch genannt, ihr Ruhm nicht beeinträchtigt! Es waren die Pflanzer von Signia, von Norba, von Saticula, Brundusium, Fregellä, Luceria, Venusia, Hadria, Firmum, Ariminum; und an dem andern Meere die von Pontiä, Pästum, Cosa; aus der Mitte des Landes die von Beneventum, Äsernia, Spoletium, Placentia, 358 Cremona. Die Unterstützung von diesen Pflanzstädten rettete damals dem Römischen Volke seine Herrschaft, und im Senate sowohl als vor dem Volke erhielten sie eine Danksagung. Der zwölf übrigen Pflanzstädte, welche den Gehorsam verweigert hatten, verbot der Senat überall zu erwähnen: die Consuln sollten die Gesandten weder abfertigen, noch zurückbehalten, und sich gar nicht mit ihnen einlassen. Dieser schweigende Verweis schien der Würde des Römischen Volks am angemessensten zu sein.

Um den Consuln die Herbeischaffung der übrigen Erfordernisse des Krieges möglich zu machen, beschloß man, den Schatz des ZwanzigstenS. B. VII. C. 16. , oder das in der geheimeren Schatzkammer für Nothfälle aufbewahrte Gold, anzugreifen. Man nahm an viertausend Pfund GoldDiese 4000 Pfund Gold betragen (nach Crevier) etwa 1,250,000 Gulden Conv. M.; die 500 Pfund aber 156,200 Gulden, und die 100 Pfund etwa 31,200 Gulden. heraus. Davon wurden den Consuln, ferner den Proconsuln Marcus Marcellus und Publius Sulpicius, auch dem Prätor Lucius Veturius, dem das Los Gallien zum Standorte gegeben hatte, jedem fünfhundert Pfund gegeben, und dem Consul Fabius außerdem noch hundert Pfund Gold zugelegt, welche auf die Tarentiner Burg geschafft werden sollten. Das übrige wandte man dazu an, die Lieferung der Kleidungsstücke für das Heer, welches in Spanien sich selbst und seinem Feldherrn Ehre machte, gegen bare Zahlung zu verdingen.

11. Ehe die Consuln aus der Stadt abgingen, sollte auch die Sühne der Schreckzeichen besorgt werden. Auf dem Albanischen Berge hatte der Blitz ein Jupitersbild getroffen und nahe am Tempel einen Baum; zu Ostia einen See, zu Capua die Mauer und Fortunens Tempel, zu Sinuessa die Mauer und ein Thor. Dies waren die Wetterschläge. Andere meldeten, das Albanische Wasser habe blutig geflossen: zu Rom sei im Allerheiligsten des Tempels der Fors Fortuna ein auf dem Haupte der Göttinn in ihrem Kranze stehendes Bild von selbst in ihre 359 Hände herabgefallen: zu Privernum hatte nach Aller Überzeugung ein Rind geredet, und ein Geier war bei voller Versammlung auf dem Markte in eine Bude geflogen; zu Sinuessa ein Kind geboren, dessen Geschlecht als männlich oder weiblich nicht zu bestimmen war, dergleichen der gemeine Mann, nach einer im Griechischen für die meisten Fälle leichteren Zusammensetzung, Androgyne (Mannweibchen) nennt: auch sollte ein Milchregen gefallen, und ein Knabe mit einem Elephantenkopfe geboren sein. Diese Schreckzeichen wurden durch Opferung größerer Thiere gesühnt, ein Betfest in allen Tempeln, und auf Einen Tag eine Litanei angeordnet; ferner festgesetzt, daß der Prätor Cajus Hostilius dem Apollo Spiele geloben und anstellen sollte, so wie sie in diesen Jahren gelobet und angestellt waren. In diesen Tagen hielt auch der Consul Fulvius eine Wahlversammlung zur Ernennung der Censorn. Zu Censorn wurden Marcus Cornelius Cethegus und Publius Sempronius Tuditanus gewählt, welche beide noch nicht Consuln gewesen waren. Nach einem Senatsgutachten wurde bei den Bürgern darauf angetragen, daß diese Censorn die Campanische Länderei zur Benutzung verpachten sollten, und die Bürger genehmigten es. Die Musterung des Senats verzögerte der Streit unter den Censorn, wen sie als Ersten Mann ablesen sollten. Die Ablesung kam dem Sempronius zu. Cornelius aber behauptete: «Man müsse der von den Vorfahren überlieferten Sitte folgen, und den als Ersten Mann ablesen, der von den Jetztlebenden zuerst Censor gewesen sei.» Dies war Titus Manlius Torquatus. Sempronius hingegen sagte: «Wen die Götter durch das Los zur Vorlesung bestimmt hätten, dem hätten auch die Götter eben dadurch die Wahl freigestellt. Er werde hierin nach seinem Gutbefinden verfahren, und diesen Platz dem Quintus Fabius Maximus geben, dessen Vollgültigkeit, als dermaliger Erster Mann des Römischen Stats, er selbst vor Hannibals Richterstuhle zu erweisen hoffe.» Als sein Amtsgenoß nach langem Wortstreite nachgab, las Sempronius den Consul Quintus Fabius 360 Maximus als Ersten Mann des Senats zuerst, dann die ganze Reihe der übrigen Senatoren ab, wobei er acht überging, unter denen auch Lucius Cäcilius Metellus war, der berüchtigte Urheber des Anschlages, Italien nach der Schlacht bei Cannä zu verlassen. Eben diesen Grund ließen sie bei Bestrafung der Ritter Statt finden; es waren aber nur sehr wenige, welche diese Schande traf. Die Pferde wurden ihnen genommen, so wie allen – und deren waren viele – die, als Ritter bei den Legionen von Cannä, in Sicilien standen. Die Härte der Strafe verstärkten sie noch durch Bestimmung der Dauer, daß jenen die zurückgelegten Dienstjahre, in welchen ihnen der Stat das Pferd zum Dienste gehalten hatte, nicht berechnet werden sollten, sondern Jeder auf eignem Pferde noch zehn Dienstjahre zu machen habe. Außerdem machten sie derer eine große Menge ausfindig, welche zu Pferde hätten dienen müssen, und erklärten Alle, die bei dem Anfange des Krieges siebzehn Jahre alt gewesen waren und keine Dienste genommen hatten, für Steuersassen. Darauf gaben sie die am Markte abgebrannten Gebäude, die sieben Buden, die Fleischbank und die Königshalle zum Wiederaufbaue in Verding.

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