Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Livius >

Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

30. Durch Alba's Zerstörung vergrößerte sich Rom. Die Bürgerzahl verdoppelte sich. Der Berg Cölius wurde zur 54 Stadt gezogen, und damit sich hier mehrere anbauen möchten, wählte ihn Tullus zum Sitze seines Hoflagers und wohnte hier. Unter die Patricier nahm er, um auch diesen Theil des States zu verstärken, die vornehmsten Albanischen Familien auf; die JulierIch folge hier mit Stroth dem Dionysius von Halicarnass, und glaube, daß Livius schon um Augusts willen die Julier, nicht die Tullier hier zuerst nannte. Auch konnte die Schreibart LEGIT IVLIOS in den alten Handschriften die Abschreiber so leicht legit tullios lesen lassen. Auch hat Drakenborch wirklich einige Handschriften angeführt, die gerade zu Iulios lesen., Servilier, Quinctier, Geganier, Curiatier, Clölier; gab dem dadurch zahlreicher gewordenen Stande ein geweihetes Gebäude als Rathhaus ein, das bis auf unsrer Väter ZeitenDie Hostilische Curie wurde bei Verbrennung der Leiche des Clodius eingeäschert, unter dem Dictator Cäsar wieder gebaut, und hieß seitdem die Julische. den Namen das Hostilische behalten hat; und um die Stärke jedes Ranges aus dem neuen Volke zu vermehren, hob er unter den Albanern zehn TurmenEine Turme bestand aus 30 Mann. Ritter aus. Von eben diesem Zuwachse machte er die alten Legionen vollzählig und errichtete neue.

Im Vertrauen auf diese seine Kräfte kündigte Tullus den Sabinern den Krieg an, welche damals an Volkszahl und Kriegskunde nur den Hetruskern nachstanden. Von beiden Seiten hatte man sich Beleidigungen zugefügt und Genugthuung vergebens gefordert. Tullus beschwerte sich: Auf dem starkbesuchten Jahrmarkte bei dem Tempel der Göttinn Fetonia hätten sie Römische Kaufleute verhaftet. Die Sabiner hingegen: Schon vorher hätten zu Rom einige ihrer Landeleute in dem Haine (des AsylumsDiese Freistatt, die, wie Crevier richtig bemerkt, damals noch nicht durch die Befriedigung gesperrt war, scheint also auch noch nach Romulus Zeiten eine Zuflucht für Übelthäter oder Bedrängte gewesen zu sein.) Zuflucht gefunden und wären ihnen nicht ausgeliefert. Dies waren die angeblichen Ursachen zum Kriege.

Die Sabiner, welche es eben so sehr beherzigten, daß schon Tatius einen Theil ihrer eignen Macht in Rom angesiedelt hatte, als daß Rom neulich durch Einverleibung des ganzen Albanischen Volks noch mächtiger geworden war, sahen sich ebenfalls nach auswärtiger Hülfe 55 um. Hetrurien lag ihnen nahe; die nächsten Hetrusker waren die Vejenter. Wie sie hier die Einwohner zum Friedensbruche aufforderten, so schaffte ihnen hauptsächlich die Erbitterung gegen Rom von den vorigen Kriegen, viele Freiwillige, und manche Unansässige vom dürftigen Volke reizte auch der Sold: allein von allen Seiten des States leistete man ihnen keinen Beistand, und diesmal blieb bei den Vejentern – denn bei den übrigen wundert es mich wenigerDie übrigen Hetruskischen Völkerschaften waren theils nicht so nahe Nachbaren Roms, und also auch weniger besorgt; theils waren sie gegen Rom nicht so erbittert, als die schon mehrmals geschlagenen Vejenter. – der mit den RömernIch lese mit Stroth nicht Romulo, sondern Romano. Denn der mit Romulus geschlossene Friede war ja (Cap. 27.) selbst unter Tullus Regierung schon gebrochen. geschlossene Waffenstillstand in seiner Kraft. Als man nun auf beiden Seiten die kräftigsten Vorkehrungen zum Kriege traf, und es nur noch darauf zu beruhen schien, wer den ersten Schlag thun würde, so rückte Tullus als der Angreifende ins Sabinerland. Bei dem Walde Malitiosa kam es zu einer fürchterlichen Schlacht, in welcher das Römische Heer freilich auch durch sein treffliches Fußvolk, am meisten aber durch die neuliche Vermehrung der Reuterei die Oberhand behielt. Sie bewirkte durch ihr schleuniges Eindringen, in den Gliedern der Sabiner eine solche Verwirrung, daß sie nicht wieder zum Standgefechte kommen, und sich auch nicht ohne großen Verlust durch die Flucht entwinden konnten.

31. Als nach Besiegung der Sabiner Tullus als König, und der ganze Römische Stat, im Besitze großes Ruhmes und einer wirklich großen Macht waren, wurde dem Könige und den Vätern gemeldet, auf dem Albanischen Berge sei ein Steinregen gefallen. Weil man das kaum glauben konnte, so wurden zur Untersuchung des Wunders Leute hingeschickt: und vor ihren Augen fiel eine Menge Steine, nicht anders als wenn der Sturm einen dichten Hagel auf die Erde niederstürzt, vom Himmel herab. Auch kam es ihnen vor, als hörten sie aus dem Haine des höchsten Gipfels eine gewaltige Stimme rufen: «Die 56 Albaner sollten ihren Gottesdienst nach vaterländischer Weise verrichten.» Sie hatten diesen eingehen lassen, als hätten sie zugleich mit ihrer Vaterstadt auch die Götter hinter sich gelassen, und entweder den Römischen Gottesdienst angenommen, oder auf ihr Schicksal zürnend, wie es der Mensch macht, alle Verehrung der Götter aufgegeben. Auch die Römer stellten eben dieses Schreckzeichens wegen eine öffentliche neuntägige Feier an; entweder auf Geheiß einer himmlischen Stimme, die sich vom Albanischen Berge hören ließ; – denn auch dies melden einige: – oder auf Anrathen der OpferschauerHaruspices, Opferschauer, Priester, welche aus den Eingeweiden der Opferthiere den Willen der Götter angaben.. Wenigstens blieb es Sitte, so oft die Erscheinung dieses Wunderzeichens gemeldet wurde, eine neuntägige Feier anzustellen. Nicht lange nachher herrschte eine ansteckende Krankheit, und machte die Bürger zu Kriegsdiensten unaufgelegt. Dennoch gestattete der kriegerische König keine Waffenruhe; ja er glaubte sogar, die jungen Leute würden im Kriege gesunder sein, als zu Hause; bis ihn endlich selbst die Krankheit auf ein langwieriges Lager warf. Dies lähmte ihm zugleich mit dem Körper jenen muthigen Feuergeist so sehr, daß er jetzt, so wenig er es vorhin für königlich gehalten hatte, seine Gedanken mit dem Gottesdienste zu beschäftigen, auf einmal mit Befolgung jedes größern und kleineren Aberglaubens seine Zeit hinbrachte, und sogar das Volk auf lauter Andachtsübungen zog. Und wirklich hielten schon die Leute, bei dem allgemeinen Wunsche, die Lage der Dinge unter dem Könige Numa wiederhergestellt zu sehen, Gebete um göttliche Gnade und Erbarmung für das einzige Heilmittel der Krankheit. Der König selbst, heißt es, der bei Durchsuchung der schriftlichen Anweisungen vom Numa gefunden habe, daß jährlich gewisse Opfer insgeheim gebracht wären, dem Jupiter Offenbarungen abzugewinnen, habe sich zur Ausrichtung jener Opfer eingeschlossen. Da er aber diesen Gottesdienst nicht gehörig eingeleitet oder abgewartet habe, so habe er, ohne irgend 57 eine himmlische Erscheinung zu bewirken, vom Jupiter, den diese verkehrten Beschwörungen gestört und erzürnt hätten, einen Blitz auf sich herabgezogen und sei mit seinem Hause verbrannt. Tullus regierte mit großem Kriegsruhme zwei und dreißig Jahre.

32. Nach dem Tode des Tullus fiel die Regierung, der schon ehemals getroffenen Einrichtung gemäß, wieder an die Väter; und sie ernannten einen Zwischenkönig. Auf dem von ihm gehaltenen Wahltage ernannte das Volk den Ancus Marcius zum Könige, und die Väter bestätigten ihn.

Ancus Marcius war ein Enkel des Königs Numa Pompilius von seiner Tochter. Mit Antritt seiner Regierung machte er es sich zum Hauptaugenmerke, theils weil ihm das rühmliche Andenken seines Großvaters vorschwebte, theils weil die vorige Regierung, übrigens so vortrefflich, doch von Einer Seite nicht ganz glücklich gewesen war, insofern sie nämlich die Gottesverehrungen entweder verabsäumt, oder verkehrt betrieben hatte; den öffentlichen Gottesdienst wieder so einzurichten, wie ihn Numa angeordnet hatte. Er ließ die sämtlichen Vorschriften darüber aus Numa's Anweisungen durch den Oberpriester in ein Verzeichniß bringen, und dies auf einer weißen Tafel öffentlich aushängen. Daher entstand bei den sich nach Ruhe sehnenden Bürgern und den benachbarten Staten die Erwartung, der König werde in seinen Sitten und Einrichtungen auf seinen Großvater arten. Die Latiner, mit denen unter Tullus Regierung ein Bündniß geschlossen war, fühlten sogleich ihren Muth gehoben: sie thaten einen Einfall ins Römische Gebiet, und gaben den Genugthuung fordernden Römern eine übermüthige Antwort, in der Voraussetzung, der Römische König werde, unthätig genug, seine Regierung auf Kapellen und Altäre beschränken. Ancus, dem Muster des Numa treu, ohne den Romulus zu vergessen, verband die Eigenschaften beider; und außer der Überzeugung, daß unter der Regierung seines Großvaters für jenes neue und wilde Volk der Friede eher nothwendig gewesen sei, sah er auch ein, daß er die Ruhe, die jenem gelungen sei, nicht werde beibehalten können, ohne sich Beleidigungen gefallen 58 zu lassen: man mache auf seine Nachgiebigkeit einen Versuch; gelinge er, so werde man sie verachten: auch eigne sich die Lage der Dinge mehr für einen Tullus, als für einen Numa. Um indeß, so wie Numa die gottesdienstlichen Gebräuche des Friedens eingeführt hätte, in seiner Person den Stifter der kriegerischen Feierlichkeiten aufzustellen, und die Kriege nicht bloß führen, sondern auch vermittelst eines gewissen Feierbrauchs ankündigen zu lassen, nahm er von einem alten Volke, den Äquicolern, die gesetzliche Vorschrift her, wie die Genugthuung gefordert werden muß, und nach welcher sich noch jetzt die Bundespriester richten. Wenn der Gesandte an die Gränzen derer kommt, von denen man Genugthuung fordert, so spricht er, das Haupt in das Gefäde (filum) gehüllt – dies ist eine Bedeckung von Wolle –: «Höre, Jupiter! höret, ihr Gränzen!» – er nennt jedesmal das Volk, dem sie zugehören: – «Mich höre das Recht, das vor Gott gilt! Ich bin ein öffentlicher Botschafter des Römischen Volks; ich komme, auf eine gerechte und gottgefällige Weise gesandt, und meine Worte verdienen Glauben.» Hier bringt er seine Forderungen vor. Dann nimmt er den Jupiter so zum Zeugen: «Wenn ich ungerechter und gottmisfälliger Weise jene Leute und jene Sachen an mich, den Boten des Römischen Volks, ausgeliefert haben will, so wollest du mich mein Vaterland nie wiederbetreten lassen!» Diese Worte spricht er, sobald er über die Gränze schreitet, sobald ihm der erste Mann begegnet; er spricht sie bei seinem Eintritte ins Thor, und wiederum, wenn er auf dem Marktplatze steht, wobei er jedesmal nur wenige Worte der Formel und des zu schwörenden Eides abzuändern hat. Wird das Geforderte nicht herausgegeben, so kündigt er nach Verlauf von drei und dreißig Tagen – denn so viele sind festgesetzt– den Krieg an, folgendermaßen: «Höre, Jupiter! und du, Juno, Quirinus! Und ihr himmlischen Götter alle, und ihr irdischen, und ihr unterirdischen, höret! Euch rufe ich zu Zeugen, daß jenes Volk – er nennt den Namen – ungerecht ist, und nicht leistet, was Rechtens ist. Doch hierüber wollen wir im Vaterlande unsre Ältesten befragen, 59 auf was Art wir zu unserm Rechte gelangen mögen.» Mit diesen Worten kehrt der Gesandte nach Rom zurück zur Befragung Jener.

Auch damals befragte der König sogleich die Väter; etwa mit folgenden Worten. – «In Betreff derjenigen Sachen, Streitigkeiten und Angelegenheiten, – sprach er zu dem, den er zuerst um seine Stimme fragte – über welche der Eidesvater des Römischen Volks der Quiriten mit dem Eidesvater der Altlatiner und den Altlatinischen Männern übereingekommen ist; welche Sachen sie hätten geben, thun und zahlen müssen; welche Sachen sie aber weder gegeben, noch gethan, noch gezahlt haben; sage an, wie lautet deine Stimme?» Dann sprach jener: «Meine Stimme ist die, sie durch einen gerechten, gottgefälligen Krieg einzutreiben und dazu gebe ich meine Beistimmung ab und meinen Beschluß.» Nun wurden die Übrigen der Reihe nach befragt, und wenn der größere Theil der Anwesenden dieser Meinung beitrat, so war, vermöge dieser Einstimmung, Krieg. Gewöhnlich ging der Bundespriester, eine mit Eisen beschlagene, oder blutige, vorne gebrannte, Lanze in der Hand, an jene Gränzen und sprach in Gegenwart von wenigstens drei Erwachsenen: «Weil die Völker der Altlatiner und die Altlatinischen Männer sich gegen das Römische Volk der Quiriten thätlich und unterlassungsweise vergangen haben; weil das Römische Volk der Quiriten den Krieg mit den Altlatinern verordnet hat, und der Senat des Römischen Volks der Quiriten es so erachtet, beigestimmt und beschlossen hat, daß mit den Altlatinern Krieg sein solle: darum kündige ich und das Römische Volk den Völkern der Altlatiner und den Altlatinischen Männern den Krieg an und beginne ihn.» Nach diesen Worten warf er die Lanze in ihr Gebiet.

Auf diese Art forderte man damals von den Latinern Genugthuung und kündigte ihnen den Krieg an: und diese Sitte pflanzte sich auf die Nachkommen fort.

33. Ancus zog, nachdem er die Besorgung des Gottesdienstes den Eigen- und übrigen Priestern übertragen hatte, mit einem neugeworbenen Heere aus; nahm 60 Politorium, eine Stadt der Latiner, mit Sturm, und führte, nach dem Beispiele der vorigen Könige, welche, durch die Aufnahme der Feinde in die Stadt, Roms Macht vergrößert hatten, die ganze Volksmenge nach Rom herüber. Und weil dem Palatium, dem Sitze der Altrömer, zu beiden Seiten, das Capitolium und die Burg die Sabiner, den Berg Cölius die Albaner besetzt hatten, so wies er der neuen Volksmenge das Aventinum an, welches bald, durch die Eroberung von Tellenä und Ficana, noch mehr neue Bürger bekam. Darauf mußte er Politorium zum zweitenmale erobern, weil die Altlatiner die leere Stadt besetzt hatten: und dies war der Grund, warum die Römer sie zerstörten, da sie immer für die Feinde ein Schlupfwinkel geblieben wäre. Endlich zog sich der ganze Latinische Krieg vor Medullia, und hier wurde lange genug mit ungewissem Glücke und wechselndem Siege gefochten. Theils war die Stadt durch ihre Werke gedeckt und hatte eine starke Besatzung: theils hatte sich im Felde ein Latinisches Heer gelagert, welches den Römern öftere Gefechte lieferte. Der Ausgang war der. Ancus erfocht, von allen seinen Truppen unterstützt, zuerst einen förmlichen Sieg; dann kehrte er mit reicher Beute nach Rom zurück, und nahm auch diesmal viele tausend Latiner unter seine Bürger auf. Um das Aventinum mit dem Palatium in Verbindung zu setzen, gab man ihnen ihren Sitz bei der Kapelle der Murcia (der Myrtenvenus.) Auch zog er das Janiculum mit zur Stadt; nicht aus Mangel an Platz, sondern um nicht einst diese Anhöhe von einem Feinde besetzen zu lassen, und vereinigte es nicht bloß durch eine Mauer mit der Stadt, sondern auch, um die Verbindung zu erleichtern, vermittelst einer Balkenbrücke, der ersten über die Tiber geschlagenen. Eben so ist der Quiritengraben, der die Stadt vor einem Angriffe von den Ebenen her nicht wenig schützt, ein Werk des Königs Ancus. Weil auch in dieser, bei dem ansehnlichen Zuwachse des Stats so hochgestiegenen Volksmenge, die Nichtachtung des Unterschiedes zwischen Recht und Unrecht Verbrechen erzeugte, deren Thäter verborgen blieben, so wurde zur Steuer der überhand 61 nehmenden Frechheit mitten in der Stadt am Marktplatze ein Gefängniß angelegt. Doch nicht die Stadt allein, auch das Land und die Gränzen wurden unter diesem Könige erweitert. Den Vejentern nahm er den Mäsischen Wald, trug seine Herrschaft bis ans Meer und baute an der Mündung der Tiber die Stadt Ostia, in deren Nähe er Seesalz gewann. Auch erweiterte er, weil er im Kriege so viel Ehre eingelegt hatte, den Tempel des Jupiter FeretriusIch verstehe das Wort amplificare von einer eigentlichen Erweiterung. Denn nach Dionysius von Halikarnass hatte Romulus diesem Tempel oder Tempelplatze nicht mehr als funfzehn Fuß gegeben..

34. Unter der Regierung des Ancus zog Lucumo, ein thätiger und sehr reicher Mann, nach Rom, hauptsächlich in der Absicht und Hoffnung, zu hohen Ehrenstellen zu gelangen, wozu er in Tarquinii – denn auch hier war er ein Ausländer – keine Gelegenheit hatte. Er war der Sohn eines Korinthiers Damaratus, welcher innerer Unruhen wegen aus seiner Vaterstadt geflüchtet war, dann durch Zufall seinen Aufenthalt zu Tarquinii genommen, sich hier verheirathet und zwei Söhne gezeugt hatte, den Lucumo und Aruns. Lucumo überlebte den Vater als Erbe des ganzen Vermögens. Aruns starb vor dem Vater, mit Hinterlassung einer schwangern Frau. Allein der Vater überlebte diesen Sohn nicht lange, und weil er, von der Schwangerschaft seiner Schwiegertochter nicht unterrichtet, den Enkel in seinem letzten Willen unbedacht gelassen hatte, so gab man diesem, nach des Großvaters Tode ohne alle Hoffnung eines Erbtheils gebornen, Knaben von seiner Dürftigkeit den Namen Egerius (Dürftiger). Den Lucumo hingegen, dem schon sein Reichthum als Erben des ganzen Vermögens hohe Entwürfe lieh, erfüllte mit noch höheren seine Verheirathung mit der Tanaquil, der Tochter eines der höchsten Häuser, die schon dafür sorgen wollte, daß der Rang, in welchen sie geheirathet hatte, nicht niedriger bliebe, als der, den ihr die Geburt gab. Sie konnte den Unwillen über die Nichtachtung, womit die Hetrusker dem Lucumo, als dem Sohne eines angekommenen Flüchtlings begegneten, nicht länger ertragen, vergaß der natürlichen 620 Liebe zu ihrer Vaterstadt, um nur ihren Mann in Amt und Würden zu sehen, und entschloß sich, von Tarquinii wegzuziehen. Rom schien ihr für ihre Absichten der beste Ort. «In einem neuen Volke, wo aller Adel noch jung und bloß durch Verdienst erworben sei, werde ein muthvoller, brauchbarer Mann seinen Platz schon finden: ein Sabiner, Tatius, sei dort König gewesen; von Cures Numa auf den Thron gerufen: selbst Ancus sei der Sohn einer Sabinerinn und habe für seinen Adel nur das Einzige Ahnenbild des Numa aufzuweisen.» Leicht überredete sie den ehrensüchtigen, dem ohnehin Tarquinii nur von mütterlicher Seite als Vaterstadt galt. Sie nahmen ihr Eigenthum zusammen und zogen nach Rom.

Eben waren sie an das Janiculum gekommen. Er saß mit seiner Gattinn auf einem Wagen. Da schwebte ein Adler auf gebreiteten Schwingen sanft hernieder, nahm ihm den Hut, flog mit großem Geschreie über dem Wagen hin und her, setzte ihm, als wäre er bloß zu dieser Verrichtung vom Himmel gesandt, den Hut gehörig wieder auf den Kopf und stieg in die Höhe. Tanaquil, wie die Hetrusker meistens, der himmlischen Vorzeichen kundige Deuterinn, gab hocherfreut, wie die Erzählung sagt, diesem Vogelfluge die Beziehung auf sie beide. Sie schloß ihren Mann in die Arme und hieß ihn auf Emporkunft und Hoheit rechnen. Dazu gebe grade dieser Vogel die Hoffnung, der aus der höchsten Himmelshöhe komme, und dieses Gottes Bote sei: am ragenden Gipfel des menschlichen Körpers habe er seine Sendung vollzogen, habe die aus MenschenhandIch lese mit Stroth: Levasse humana manu superpositum. 1) um einen Gegensatz zu divinitus redderet zu haben; 2) weil ich, so wie Stroth, glaube, daß das Wort MANU hinter huMANA so leicht ausfallen konnte. auf sein Haupt gesetzte Zierde ihm abgehoben, um sie aus Gotteshand ihm wieder zu bringen.

Von diesen Hoffnungen und Gedanken erfüllt, fuhren sie zur Stadt hinein, schafften sich hier eine Wohnung und er gab sich hier den Namen Lucius Tarquinius Priscus. Den Römern blieb der neue, reiche Mitbürger nicht unbemerkt; und er selbst kam seinen guten Umständen durch 63 zuvorkommende Begrüßungen, höfliche Einladungen, und dadurch, daß er durch Wohlthaten, so Viele er konnte, sich zu Freunden machte, zu Hülfe; bis man endlich von ihm auch am königlichen Hofe sprach. Der hier getroffenen Bekanntschaft erwarb er durch Anstand und Geschicklichkeit, womit er seine Dienstleistungen beim Könige ausrichtete, die Rechte der vertrauteren Freundschaft, so daß er bei allen öffentlichen und geheimen Berathungen, des Krieges so gut als des Innern, zugegen sein mußte, und endlich, als der durchaus Bewährte, im Testamente des Königs den Prinzen zum Vormunde gesetzt wurde.

35. Ancus, an kriegerischem und friedlichem Verdienste und Ruhme jedem der vorigen Könige gleich, hatte vier und zwanzig Jahre regiert. Seine Prinzen waren dem Jünglingsalter nahe: desto eifriger drang Tarquinius darauf, daß die Volksversammlung zur Königswahl baldmöglichst gehalten würde. Als sie angesagt war, schickte er die Prinzen um jene Zeit auf die Jagd; und er soll der erste gewesen sein, der als Bewerber um den Thron sich zu empfehlen suchte, und eine Rede hielt, in der er es ganz darauf angelegt hatte, die Herzen des Volks zu gewinnen. Er sagte: «Einmal liege in seinem Gesuche nichts Neues. Wenn er zu Rom zu regieren wünsche, so sei er nicht der erste Ausländer, worüber vielleicht jemand Unwillen oder Befremden äußern könne, sondern der dritte. Tatius sei nicht bloß aus einem Fremden, aus einem Feinde sogar, zum Könige gemacht; Numa, ohne die Stadt zu kennen, ohne anzuhalten, vermittelst einer Aufforderung zum Throne berufen. Zum andern aberDie Rede zerfällt in zwei Theile. Im ersten, welchen Tarquin mit Quum anfängt, behauptet er, wenn er auch ein Ausländer sei, so sei das nichts Neues: auch Tatius und Numa wären fremd gewesen. Im zweiten – und auf diesen verspart er den stärkeren Grund, auf das vorangegangene Quum ein Tum – er sei so gut, als einheimisch anzusehen, weil er so lange in Rom gelebt u. s. w. Die Herausgeber gestehen fast alle, daß auf das Quum, womit die Rede anfängt, ein Tum folgen müsse; nur setzen es einige an die unrechte Stelle. Meiner Meinung nach gehört es an die Spitze des zweiten Theils der Rede, wo es bloß durch Schuld der Abschreiber weggefallen ist. Weil sie ACCITVM TVM SE geschrieben fanden, so verschlang die letzte Silbe in accitum das folgende tum. sei er, seitdem er sein eigner Herr gewesen, mit seiner Gattinn und seinem 64 gesammten Vermögen nach Rom gezogen. Er habe von den Jahren, in welchen der Mann sich den bürgerlichen Geschäften unterziehe, einen größern Theil in Rom verlebt, als in seiner alten Vaterstadt. Er habe im Frieden und Kriege, unter einem Lehrer, dessen er sich nicht schämen dürfe, unter dem Könige Ancus selbst, die Römischen Rechte, die Römischen Sitten, erlernt. In der Folgsamkeit und Ehrerbietigkeit gegen den König habe er mit allen, in der Wohlthätigkeit gegen andre mit dem Könige selbst gewetteifert.» Was er da anführte, war nicht ungegründet: und das Volk ernannte ihn mit allgemeiner Einstimmung zum Könige. War es zu verwundern, daß den übrigens vortrefflichen Mann die Sucht, sich Anhang zu verschaffen, die er bei seiner Bewerbung gezeigt hatte, auch auf den Thron begleitete? Es war eben so sehr die Absicht, seinen Thron zu befestigen, als Liebe zum allgemeinen Besten, wenn er Hundert in die Zahl der Väter aufnahm, welche nachher die Geschlechter vom zweiten Range genannt wurden; eine Partei, die es sicher mit dem Könige hielt, dem sie ihre Einführung in das Rathhaus zu danken hatten. Seinen ersten Krieg führte er mit den Latinern, und nahm ihnen die Stadt Apiolä mit Sturm. Da er von hier eine größere Beute heimführte, als der Ruf des Krieges erwarten ließ, so stellte er Spiele an, welche an Pracht und Einrichtung die der vorigen Könige übertrafen. Damals wurde auch zuerst der Platz zu einer Rennbahn (Circus), die jetzt die Große heißt, abgesteckt. Den Vätern und Rittern wurden Stellen zugetheilt, wo sich jeder seinen Schausitz anlegen konnte. Diese bekamen die Benennung Fori (Reihenbänke). Die Zuschauer mit ihren Sitzen wurden von Gabeln getragen, deren Höhe über der Erde zwölf Fuß betrug. Pferde und Fechter, die man größtentheils aus Hetrurien kommen ließ, machten den Gegenstand der Spiele aus. Sie wurden nachher alle Jahre gefeiert und hießen bald die Römischen, bald die Großen Spiele. Eben dieser König vertheilte auch die Umgebungen des Marktplatzes an Privatleute, um sie zu bebauen, und ließ die bedeckten Gänge und Buden anlegen.

36. Auch war er damit beschäftigt, eine steinerne 65 Mauer um die Stadt zu ziehen, als ein Krieg mit den Sabinern das angefangene Werk unterbrach. Dieser kam ihm so unerwartet, daß die Feinde, ehe noch ein Römisches Heer ihnen entgegenrücken und sie aufhalten konnte, schon über den Anio gingen. Nur im Fluge traf man in Rom Gegenanstalten, und die erste Schlacht fiel unentschieden aus, mit großem Verluste auf beiden Seiten: da zogen die Feinde sich in ihr Lager zurück und ließen den Römern Zeit, sich zum Kriege von neuem zu rüsten. Tarquinius glaubte, zur gehörigen Stärke fehle es ihm vorzüglich an Reuterei, und beschloß; neben den Centurien der Ramnen, Titienser und Luceren, die schon Romulus errichtet hatte, noch einige andre aufzubringen und durch ihre unterscheidende Benennung nach seinem Namen, sich ein Andenken zu stiften. Romulus hatte jene mit Zustimmung des Vogelflugs ausgehoben; also behauptete auch Attus Navius, ein damals berühmter Vogelschauer, ohne Genehmigung der Vögel dürfe hierin keine Änderung, keine Neuerung getroffen werden. Der König, heißt es. hierüber aufgebracht, hatte ihn mit seiner Kunst zum Besten und sagte: «Nun wohlan? du Mann Gottes, befrag deine Vögel, ob das möglich sei, was ich jetzt in Gedanken habe.» Jener vernahm die Vögel darüber und versicherte die gewisse Möglichkeit. «Nun,» sprach der König, «ich dachte mir das: Du solltest mit einem Schermesser einen Schleifstein durchschneiden. Hier hast du beides. Thue nun, was deine Vögel als möglich ankündigen.» Und er, ohne Anstand zu nehmen, soll den Schleifstein durchschnitten haben. Das dem Attus errichtete Standbild mit verhülltem Haupte, hat auf der Stelle gestanden, wo die That geschah, dem Rathhause zur Linken, hart an der Treppe auf dem Versammlungsplatze. Auch der Schleifstein soll hier, als Denkmal dieses Wunders für die Nachwelt, verwahrt gelegen haben. Wenigstens gelangten der Vogelflug und das Priesteramt der Vogelschauer zu einer so hohen Achtung, daß nachher im Kriege und Frieden nichts ohne Befragung der Vögel vorgenommen wurde, und Volksversammlungen, Berufungen der Heere, kurz die wichtigsten Sachen 66 ausgesetzt werden mußten, wenn die Vögel ihre Zustimmung versagten. Auch damals änderte Tarquinius an den Centurien nicht das mindeste, außer daß er sie noch einmal so stark machte, so daß nun die drei Centurien aus tausend achthundert Rittern bestanden. Die Hinzugekommenen blieben, in dieselben Namen einbegriffen, nur mit dem Zusatze: die Späteren. Jetzt nennen wir sie, weil sie verdoppelt sindSie wurden vom Servius Tullius verdoppelt. S. Cap. 43., die sechs Centurien.

37. Nach Vermehrung dieses Theils seiner Truppen lieferte er den Sabinern eine zweite Schlacht. Außerdem, daß das Römische Heer an Stärke gewonnen hatte, kam er ihm noch durch eine versteckte List zu Hülfe. Da am Ufer des Anio eine große Menge gefälltes Holzes lag, so schickte er hin und ließ dies angezündet in den Fluß werfen: der Wind kam der Flamme zu Hülfe, und da das Holz, meistentheils auf Flößen, gegen die Brückenpfähle trieb und daran hängen blieb, so setzte es die Brücke in Brand. Dies schreckteIch vermuthe, daß man hier lesen müsse: Eaque res in pugna terrorem adtulit Sabinis, et fusis eadem cet. Das letztere bestätigt Drakenborch. theils die Sabiner in der Schlacht, theils erschwerte es den Geschlagenen die Flucht. Eine Menge Menschen, die dem Feinde entflohen war, fand ihren Tod im Flusse selbst; und ihre schwimmenden Waffen, die man bei Rom in der Tiber gewahr wurde, machten den Sieg beinahe früher bemerkbar, als er gemeldet werden konnte. In dieser Schlacht legte vorzüglich die Reuterei Ehre ein. Auf beide Flügel gepflanzt, brach sie, der Erzählung nach, als die zwischen ihnen aufgestellte Linie ihres Fußvolks schon geworfen wurde, mit solchem Erfolge in die Seiten des Sabinischen Fußvolks, daß es nicht allein mitten in der muthigen Verfolgung der weichenden Römer Halt machen mußte, sondern auch gegen seine Erwartung in die Flucht geschlagen war. In gestrecktem Laufe eilten die Sabiner dem Gebirge zu; und wenige erreichten es: der größte Theil wurde, wie schon gesagt, von der Reuterei in den Fluß gesprengt. Tarquinius, um ihnen keine Erholung vom ersten Schrecken zu gestatten, schickte die 67 Beute und Gefangenen nach Rom, verbrannte die gesammelten Waffen der Feinde, wie er dem Vulcan gelobt hatte, in einem aufgethürmten Haufen, und brach mit seinem Heere tiefer ins Sabinische. Die Sabiner, so unglücklich sie gewesen waren, so wenig sie hoffen konnten, jetzt glücklicher zu sein, rückten ihm gleichwohl, weil sie keine Zeit hatten, sich zu berathen, mit einem schnell zusammengerafften Heere entgegen, wurden hier zum zweitenmale geschlagen und baten nun, fast ganz zu Grunde gerichtet, um Frieden.

38. Collatia und das ganze Gebiet um Collatia mußten die Sabiner abtreten. Egerius (er war der Brudersohn des Königs) blieb hier mit einer Besatzung. Die Collatiner ergaben sich, wie ich finde, auf folgende Art, und so lautet auch die Formel einer Übergabe. Der König fragte: «Seid ihr als Gesandte und Sprecher vom Collatinischen Volke abgeschickt, um euch und das Collatinische Volk zu ergeben? – Ja. – Steht das Collatinische Volk unter eigener Gewalt? – Ja. – Übergebt ihr euch und das Collatinische Volk, die Stadt, das Gebiet, Gewässer, Gränzen, Tempel, Geräthe, alles was Göttern und Menschen gehört, in meine und des Römischen Volkes Gewalt? – Ja. – So nehme ich euch hiemit an.»

Nach Endigung des Sabinischen Krieges hielt Tarquinius seinen triumphirenden Einzug in Rom. Darauf fing er mit den Altlatinern Krieg an, in welchem es aber nirgends zu einer entscheidenden Schlacht kam, Nur dadurch wurde er Sieger der sämtlichen Latiner, daß er eine Stadt nach der andern angriff. So eroberte er die Städte Corniculum, Alt-Ficulea, Cameria, Crustumerium, Ameriola, Medullia, Nomentum, die entweder den Altlatinern oder denen gehörten, welche zu ihnen übergetreten waren. Und nun wurde Friede geschlossen.

Hatte er zur Führung der Kriege seine ganze Kraft aufgeboten, so betrieb er nun die Anlage mehrerer Werke des Friedens mit noch größerem Eifer, so daß das Volk zu Hause eben so wenig Ruhe genoß, als es im Felde gehabt hatte. Die steinerne Mauer, deren angefangener Bau durch 68 den Sabinerkrieg unterbrochen war, mußte an allen den Stellen, wo die Stadt noch keine Werke gehabt hatte, sich schließen. So wurden die tiefsten Gegenden der Stadt, am Markte, und in den Zwischenthälern der Hügel, weil man aus diesen Ebenen das Wasser nur mit Mühe abführen konnte, durch Canäle trocken gemacht, die von der Höhe bis an die Tiber gezogen werden mußten. Ferner ließ er, zu einem Tempel Jupiters, den er im Sabinischen Krieg gelobt hatte, den Platz auf dem Capitole in einem so großen Umfange, als hätte er von der künftigen Majestät des Ortes ein Vorgefühl gehabt, mit den Grundsteinen belegen.

39. Um diese Zeit hatte man auf dem Schlosse eine Erscheinung von gleich wundervollem Anblicke und Erfolge. Der Erzählung nach, brannte vor aller Augen einem schlafenden Knaben der Kopf. Er hieß Servius Tullius. Das allgemeine Geschrei, das bei dem so wunderbaren Vorfalle sich erhob, zog auch die königlichen Personen herbei. Einer von den Bedienten brachte Wasser zum Löschen; allein die Königinn hielt ihn zurück, stillte den Lärmen und befahl, den Knaben nicht anzuregen, bis er von selbst erwachen würde. Bald verlor sich auch mit dem Schlafe die Flamme. Da sprach Tanaquil zu ihrem Gemahle, den sie beiseit geführt hatte: «Was denkst du von dem Knaben, den wir auf einen so niedrigen Fuß erziehen? Ich muß dir sagen: Er wird uns einst ein Licht in dunkeln Tagen werden und dem königlichen Hause ein Retter in der Noth. So laß uns mit aller unsrer Sorgfalt des Talentes pflegen, durch welches dem State und unserm Hause hohe Ehre widerfahren wird.»

Von nun an hielten sie den Knaben, als eignes Kind, und ließen ihn in den Wissenschaften unterrichten, die den Geist zur Bildung für einen höheren Stand erheben. Für den Willen der Götter fand sich der Erfolg von selbst. Servius wurde ein junger Mann von ächt königlichen Eigenschaften, und als sich Tarquinius nach einem Schwiegersohne umsah, fand sich unter allen jungen Römern keiner, der in irgend einer Art des Verdienstes den Vergleich mit ihm hätte aushalten können. Der König gab ihm seine Tochter.

69 Grade diese ihm erwiesene hohe Ehre, was sie auch für einen Grund gehabt haben mag, läßt mich nicht glauben, daß er der Sohn einer Sklavinn gewesen sei und selbst als Kind gedient habe. Ich bin vielmehr mit Andern der Meinung, daß die schwangere Gemahlinn des Servius Tullius, der in Corniculum regierte und im Gefechte blieb, als sie nach der Eroberung dieser Stadt unter den übrigen gefangenen Frauen erkannt wurde, ihres hohen Ranges wegen von der Römischen Königinn mit der Sklaverei verschont, und zu Rom im Pallaste des Tarquinius Priscus niedergekommen sei: daß dann dieser so hohe Liebesdienst die Freundschaft zwischen den beiden Damen immer enger geknüpft, und der Knabe, als von klein auf im Hause erzogen, Liebe und Achtung genossen habe; daß man aber durch das Unglück seiner Mutter, insofern sie nach Eroberung ihrer Vaterstadt eine Gefangene geworden war, veranlasset sei, ihn für den Sohn einer Sklavinn zu halten.

40. Es waren etwa achtunddreißig Jahre verflossen, seitdem Tarquinius den Thron bestiegen hatte; und Servius Tullius stand nicht allein beim Könige, sondern auch bei den Vätern und Volke in größter Achtung. Hatten die beiden Söhne des Ancus schon vorher immer die innigste Kränkung darüber empfunden, daß die List ihres Vormundes sie um den väterlichen Thron gebracht hatte, daß zu Rom ein Fremdling regieren mußte, der nicht nur – nicht von Römischer, der nicht einmal Italischer Abkunft war, so stieg ihr Unmuth jetzt so viel höher, wenn die Regierung auch vom Tarquinius nicht an sie zurückfallen, sondern immer tiefer, bis zu Sklaven herabsinken sollte; so daß kaum hundert JahreEs waren schon 138 Jahre nach Romulus Tode verflossen. Sie führen nur etwa hundert an, um den Abstich zwischen beiden so viel näher zu bringen. nach Romulus, der als Gottessohn und selbst ein Gott, Zeit seines irdischen Daseins den Thron besessen habe, in eben diesem State eben diesen Thron ein von einer Sklavinn geborner Sklave besitzen müsse. Es werde für den Römischen Namen überhaupt, und insbesondre ihres Hauses Schande sein, wenn 70 der Weg zum Throne Roms, da doch vom Könige Ancus noch männliche Erben am Leben wären, nicht bloß Ankömmlingen, sondern Sklaven sogar, offen stände. Diese Schmach zu rächen, beschlossen sie eine Gewaltthat. Indeß spornte sie theils der Schmerz ihres erlittenen Unrechts mehr gegen den Tarquinius selbst, als gegen den Servius; theils konnte der König, wenn sie ihn leben ließen, den Mord weit nachdrücklicher rächen, als der Privatmann; theils auch, wenn sie den Servius mordeten, jeden Andern, den er zum Schwiegersohne wählte, eben so zum Thronerben ernennen. Sie legten es also auf das Leben des Königs selbst an. Zwei von ihren verwegensten Hirten, zur That von ihnen ausersehen, ihr gewöhnliches Eisengeräth vom Ackerbaue in den Händen, mußten im Vorhofe der königlichen Burg so lärmend als möglich unter dem Scheine einer Schlägerei die königlichen Bedienten auf sich aufmerksam machen. Beide beriefen sich auf den König mit einem Geschreie, das in die innere Burg erscholl. Der König ließ sie rufen: sie kamen. Zuerst waren beide gleich laut und wetteifernd überschrie der Eine den Andern. Der Gerichtsdiener verwies sie zur Gebühr, hieß Einen nach dem Andern reden, und endlich legte sich ihr Wortwechsel. Einer trug abgeredtermaßen die Sache vor, und als der König aufmerksam sich ganz gegen diesen wandte, schlug ihm der Andre mit ausholendem Hiebe die Axt in den Kopf, ließ das Mordgewehr in der Wunde stecken, und beide stürzten zur Thür hinaus.

41. Den sterbenden Tarquinius hoben die, die in der Nähe waren, von der Erde, und jene wurden auf ihrer Flucht von den Gerichtsdienern ergriffen. Das Klaggeschrei erhob sich, und das herbeieilende Volk fragte voll Schreckens nach der Ursache. Während des Auflaufs ließ Tanaquil die Burgthore schließen und entfernte alle Zeugen: und bei der Emsigkeit, mit der sie alles Nöthige zur Heilung der Wunde herbeischaffte, als wäre noch Hoffnung da, dachte sie, falls die Hoffnung fehlschlüge, auf Entwürfe, sich von einer andern Seite zu decken. Eiligst ließ sie den Servius kommen, zeigte ihm ihren Gemahl in der 71 Verblutung, und seine Rechte festhaltend bat sie ihn, den Tod seines Schwiegervaters nicht ungerächet, seine Schwiegermutter ihren Feinden nicht zum Spotte werden zu lassen. «Der Thron,» sagte sie, «Servius, wenn du ein Mann bist, ist dein, nicht derer, die die schändlichste That durch fremde Hand verübten. Ermanne dich! folge den Göttern, die deine Führer wurden, und einst dieses Haupt zur Vorbedeutung des künftigen Glanzes mit heiligem Feuer umströmten. Jetzt müsse jene himmlische Flamme dich wecken! jetzt werde dein Erwachen wahr! Auch wir waren Fremde: und regierten. Denk daran, wer du bist; nicht, wer du geboren bist. Wenn der plötzliche Schrecken deine Anschläge lähmt, so folge den meinen.»

Als man dem Toben und Zudringen der Menge kaum noch steuren konnte, so redete Tanaquil vom oberen Stockwerke des Pallastes aus den nach dem Neuen Wege sehenden Fenstern – der König wohnte neben dem Tempel des Jupiter Standgeber – das Volk an. Sie hieß es guten Muth haben. «Der plötzliche Schlag habe den König betäubt gehabt; die Axt sei aber nicht tief eingedrungen: er sei schon wieder zu sich selbst gekommen. Wie das Blut abgewaschen sei, habe man die Wunde untersucht: es stehe alles gut. Er hoffe, in den nächsten Tagen sich ihnen selbst zeigen zu können. Bis dahin, lasse er ihnen sagen, möchten sie den Befehlen des Servius Tullius Folge leisten. Der werde ihnen Recht sprechen und die übrigen Geschäfte des Königs versehen.«

Servius erschien im Königskleide, hatte die Gerichtsdiener um sich, setzte sich auf den königlichen Stuhl, entschied manches; über anderes, sagte er, werde er den König befragen. So verhehlte er, als Tarquinius schon verschieden war, den Tod mehrere Tage und befestigte als Stellvertreter eines Andern seine eigne Macht. Als endlich die Bekanntmachung erfolgte, und im Schlosse die Todtenklage erhoben wurde, hatte sich Servius durch eine starke Wache gedeckt, und war der Erste, der ohne vom Volke ernannt zu sein, bloß mit Zustimmung der Väter regierte.

Des Ancus Söhne hatten sich gleich damals, als ihre Meuchelmörder ergriffen waren, auf die Nachricht, daß der König noch lebe und des Servius Einfluß so groß sei, mit Aufgebung ihres Vaterlandes nach Suessa PometiaDies war damals die Hauptstadt der Volsker. geflüchtet.

42. Bald suchte sich Servius, so wie vorher durch Vorkehrungen im Ganzen, auch durch Familien-Verbindungen zu sichern; und damit die Söhne des Tarquinius nicht so gegen ihn gesinnet sein möchten, wie die des Ancus gegen den Tarquinius gewesen waren, so verheirathete er seine beiden Töchter an die jungen Prinzen, Lucius und Aruns Tarquinius. Und doch konnte er den gebietenden Willen des Schicksals durch menschliche Mittel nicht brechen, noch die misgünstige Herrschsucht hindern, selbst die Glieder Einer Familie einander treulos und gefährlich zu machen, Für die Ruhe seiner damaligen Lage zur rechten Zeit kündigte er den Vejentern – der Waffenstillstand mit ihnen war zu Ende – und andern Hetruskern den Krieg an, In diesem Kriege zeigten sich die Tapferkeit und das Glück des Tullius in vollem Glanze, und er kehrte nach Besiegung eines mächtigen feindlichen Heeres nach Rom zurück, jetzt unstreitig als König, er mochte es auf die Entscheidung der Väter, oder des Volks ankommen lassen.

Nun machte er sich an eins der wichtigsten Werke des Friedens. So wie Numa der Gesetzgeber für Alles geworden sei, was Bezug auf die Götter hatte, so sollte die Nachwelt rühmend sagen: «Der Begründer aller der Eintheilungen und Stände, wodurch der Abstich zwischen den Stufen des Ranges und Vermögens hervorgehoben wird, war Servius.» Er führte nämlich die Schatzung ein, diese für den zu einer solchen Größe bestimmten Stat so heilsame Einrichtung, vermöge welcher die Beiträge zu den Lasten des Krieges und Friedens, nicht, wie zuvor, nach den Köpfen, sondern nach dem Bestande des Vermögens geleistet werden sollten. Dann stiftete er die von der Schatzung abhängige Eintheilung in Classen und Centurien, und diese Ordnung, die im Frieden eben so passend ist, als im Kriege.

73 43. Aus denjenigen Bürgern, welche hunderttausend KupferassDa die genaue Angabe, so vieler Berechnungen ungeachtet, immer noch nicht völlig ausgemittelt ist, so will ich die Summen nur in runden Zahlen nach dem von Crevier (sehr richtig gegen Doujat) festgesetzten damaligen Verhältnisse des Kupfers zum Silber, nämlich wie 1 zu 1000, angeben. Der damalige as libralis hat hiernach etwa den Werth von unsren sechs Pfennigen. Das Kupfer hatte in den frühesten Zeiten bei den Römern einen so geringen Werth gegen Silber, daß bei der ersten Prägung des Silbergeldes 1 Pfd. Silber 1000 Pfd. Kupfer galt. Will man also nicht falsche Angaben machen, so muß man den Werth des Kupfers nicht nach der Zahl seiner Pfunde, sondern diese nach ihrem zu Rom gültigen Verhältnisse zum Silber bestimmen. Doujat setzte die Römischen Asses von 1 Pfd. unsern Pfunden gleich, wodurch bei der Eintheilung in Centurien unter Servius ein Reichthum in Rom hervorgehen würde, der sich damals noch nicht denken ließ. – Die 100,000 Ass in Kupfer, das Vermögen der ersten Classe, betrugen etwa 3000 Gulden unsres Conventionsgeldes. oder ein größeres Vermögen besaßen, machte er achtzig Centurien; vierzig aus den Bejahrteren, vierzig aus den Jüngeren. Alle diese hießen die erste Classe. Die Bejahrteren sollten zur Vertheidigung der Stadt verpflichtet sein; die Jüngeren zur Führung auswärtiger Kriege. Die Waffen, die diese sich zu halten hätten, waren: ein Helm, ein Rundschild, Beinschienen, Brustharnisch, alles aus Erz; dies sollten die Schutzwaffen sein. Zum Angriffe auf den Feind: Lanze und Schwert. An diese Classe schlossen sich noch zwei Centurien Zimmerleute, welche ohne Waffen dienen sollten. Ihr Geschäft war die Fortbringung der Kriegsmaschinen.

Die zweite Classe begriff diejenigen, welche zwischen hunderttausend und fünfundsiebzigtausend AssSumme der zweiten Classe: etwa 2250 Gulden Conv.M. besaßen. Und aus diesen, älteren und jüngeren zusammen, theilte er zwanzig Centurien ab. Die ihnen auferlegten Waffen waren, statt des Rundschildes ein Langschild; und, den Brustharnisch ausgenommen, alles wie vorhin.

Das Vermögen der dritten Classe bestimmte er bis zu funfzigtausend AssDer dritten: 1500 Gulden.. Hier waren eben so viele Centurien, und eben so nach dem Alter unterschieden: auch war hier keine Abänderung in den Waffen; nur die Beinschienen fehlten.

In der vierten Classe bestand das Vermögen aus 74 fünfundzwanzigtausend AssSumme der vierten Classe: 750 Gulden.. Sie bekam eben so viel Centurien; aber andre Waffen. Nur Lanze und Wurfspieß wurde diesen gelassen.

Die fünfte Classe war wieder stärker, und auf dreißig Centurien gesetzt. Sie führten Sehleuder und Schleudersteine. Hierzu gehörten auch die Überzähligen, ferner die Hornbläser und Trompeter, die zusammen in drei Centurien getheilt warenDer fünften: 340 Gulden.. Diese Classe war zu elftausend Ass angesetzt.

Alles übrige Volk wurde in die Classe von geringerem Vermögen zusammengenommen, machte nur Eine Centurie aus und war vom Kriegsdienste frei.

Nachdem er so das Fußvolk gerüstet und eingetheilt hatte, hob er in den vornehmsten Geschlechtern zwölf Centurien Ritter aus. Außer diesen verwandelte er die drei von Romulus errichteten Centurien in sechs, doch mit Beibehaltung der Namen, unter denen der Vogelflug sie genehmigt hatte. Zum Ankaufe der Pferde wurden Jedem zehntausend Ass10,000 Ass sind etwa 320 Gulden. vom State gegeben; und die Witwen angewiesen, welche zusammen jährlich zweitausend Ass2000 Ass etwa 60 Gulden. für Jeden aufbringen sollten, wovon sie die Pferde halten könnten. Alle diese Lasten legte er, mit Verschonung der Armen, auf die Reichen. Dafür aber gewannen diese nun auch an Ehre. Es konnten nicht mehr so, wie nach Romulus Einrichtung die andern Könige dies beibehalten hatten, die Stimmen nach Köpfen, und ohne Unterschied mit gleichem Einflusse und gleichem Rechte abgegeben werden; sondern er setzte Stufen fest, so daß niemand vom Stimmrechte ausgeschlossen zu sein schien, und doch die Entscheidung ganz auf den Ersten des Stats beruhete. Die Ritter nämlich wurden zuerst aufgerufen; dann die achtzig Centurien der ersten Classe. Konnten diese nicht eins werden, welches selten der Fall war, dann sollten die Centurien der zweiten Classe aufgefordert werden: so daß die 75 Stimmensammlung fast nie so weit herunterstieg, daß man bis an die Untersten gekommen wäre. Man muß sich aber nicht wundern, daß unsre jetzige Ordnung, nachdem die Zahl der Bezirke auf fünfunddreißig gestiegen ist, die sich ohnehin durch die Centurien der Bejahrteren und Jüngeren verdoppelt, nicht mehr mit der vom Servius Tullius festgesetzten Summe übereintrifft: denn er hatte die Stadt nach ihren Gegenden und Hügeln nur in vier Theile getheilt, und nannte diese damals bewohnten Theile Tribus (Bezirke), wie ich glaube vom Tribute: denn die dem Vermögen gleichmäßige Aufbringung desselben ist ebenfalls eine Erfindung von ihm. Auch stehen diese Bezirke mit der Eintheilung in Centurien so wenig, als mit deren Anzahl in Verbindung.

44. Nach vollendeter Schatzung, welche er durch die Furcht vor dem Gesetze beschleunigte, das allen, die sich nicht schatzen ließen, mit Gefängniß und Todesstrafe drohete, machte er bekannt, daß alle Römischen Bürger, Ritter und Fußvolk, jeder in seiner Centurie auf dem Marsfelde mit Tagesanbruch sich stellen sollte. Hier entsündigte er das ganze aufgestellte Heer durch ein mit einem Schweine, Schafe und Stiere dargebrachtes Opfer. Dies wurde nachher der Schatzungsschluß genannt, weil hiermit die Schatzung geschlossen wurde. Bei dem damaligen Schatzungsschlusse sollen achtzigtausend Bürger geschatzt sein. Fabius Pictor, der älteste Römische Geschichtschreiber, setzt hinzu, dies sei bloß die Anzahl der Waffenfähigen gewesen.

Für eine solche Volksmenge glaubte er auch, die Stadt erweitern zu müssen. Er zog noch zwei Hügel, den Quirinalischen und Viminalischen, mit hinein: dann kam der Anbau der Reihe nach an die Esquilien, und um dieser Gegend mehr Gefälliges zu geben, legte Servius hier seine Wohnung an. Er umgab die Stadt mit einem Walle, mit Graben und einer Mauer, und rückte so den Maueranger weiter hinaus. Einige, die auf die bloße Bedeutung des Worts Maueranger sehen, verstehen darunter den Anger jenseit der Mauer. Es ist aber vielmehr der Platz 76 auf beiden Seiten der Mauer, den die Hetrusker ehemals bei Erbauung der Städte, da, wo sie die Mauer ziehen wollten, innerhalb gewisser Gränzen auf beiden Seiten, nicht ohne genehmigenden Vogelflug weiheten, damit theils von der innern Seite keine Gebäude mit der Mauer zusammengehängt würden, wie man sie jetzt gewöhnlich damit verbindet; theils auch, um von außen einen offenen Platz zu behalten, der von aller menschlichen Bestellung verschont bliebe. Diesen Raum, der weder bewohnt, noch beackert werden durfte, nannten die Römer Maueranger, eben sowohl deswegen, weil die Mauer hinter ihm, als weil er hinter der Mauer war; und bei Erweiterung der Stadt wurden jedesmal, soweit die Mauer vorrücken sollte, auch diese geheiligten Gränzen weiter hinausgerückt.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.