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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 78
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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12. Zu Rom wurden die Consuln und Prätoren bis zum siebenundzwanzigsten April durch die Latinischen 190 Opferfestlichkeiten aufgehalten. Nachdem sie aber an diesem Tage die Feier auf dem Albanischen Berge begangen hatten, ging jeder zum Orte seiner Bestimmung ab. Jetzt fand man in den Liedern des Marcius einen neuen Gegenstand frommer Beherzigungen. Dieser Marcius war ein berühmter Prophet gewesen, und seine Lieder waren, als im vorigen Jahre vermöge eines Senatsschlusses die Aufsuchung von Schriften dieser Art Statt hatte, dem Stadtprätor Marcus Atilius, der dies Geschäft besorgte, in die Hände gekommen. Er hatte sie dann weiter dem neuen Prätor Sulla abgeliefert. Von zwei Prophezeihungen dieses Marcius verschaffte das vom eingetroffenen Erfolge begleitete Ansehen der einen, erst nach der Erfüllung bekannt gewordenen, auch der zweiten Glauben, deren Zeit noch nicht gekommen war. In dem ersten Liede war die Niederlage bei Cannä ungefähr mit folgenden Worten verkündigt:

«Troischer Sprößling, Römer, vermeide den Strom Cannä; daß dich nicht Fremdlinge zwingen, im Felde des Diomedes handgemein ihnen zu werden. Wiewohl du wirst mir nicht glauben, bis du mit deinem Blute die Felder dort überfüllt hast, und der Strom so manches Tausend erschlagener Deinen von fruchtbringender Erde dem großen Meere zuführt, und den Fischen und Vögeln und landbewohnendem Wilde dein Fleisch wird zur Speise, wie Jupiter mir geredet.»

Hier fanden diejenigen, welche in jenen Gegenden Kriegsdienste gethan hatten, die Felder des Argivers Diomedes und den Strom Cannä eben so richtig angegeben, als die Niederlage selbst. Darauf wurde auch die zweite Prophezeihung vorgelesen. Sie war nicht allein dunkler als jene, insofern die Zukunft größere Ungewißheit hat, als die Vergangenheit, sondern auch noch verwickelter in der Abfassung.

«Wollt ihr, Römer, den Feind aus euremHostem, Romani, si expellere.] – Ich folge der Lesart des Macrobius: Hostem, Romani, si ex agro expellere vultis. Stroth führt ihn ebenfalls an, aber unrichtig: ex agro pellere. Lande vertreiben, und das Geschwür, das weit aus fremden 191 Völkern daherkam, müßt ihr, das ist mein Rath, dem Apollo Spiele geloben, jegliches Jahr sie feiren und willig, Apollo zu Ehren. Hat das gesamte Volk vom gemeinen Schatze gegeben? lege der Einzelnen Jeder dazu für sich und die Seinen. Bei den zu haltenden Spielen gehört der Vorsitz dem Prätor, welcher gesamtem Volk' und Bürgern das höchste Recht spricht. Zehnherren bringen ihm Opferthiere nach Griechischer Weise. Thut ihr das, wie sichs gebühret, so werdet ihr immer euch freuen, und euer Zustand wird besser. Denn Er, der Göttliche, wird sie tilgen, die euch bekriegen und eure Felder gemächlich jetzt abweiden.»

Man nahm sich einen Tag dazu, diese Weissagung zu deuten. Am folgenden Tage wurde der Senatsschluß abgefaßt, daß die Zehnherren über die dem Apollo anzustellenden Spiele und Opfer in den heiligen Büchern nachschlagen sollten. Als über diese Punkte nachgesehen und an den Senat berichtet war, erklärten die Väter: «Dem Apollo sollten Spiele verheißen und angestellt werden, und wenn die Spiele gefeiert wären, sollten dem Prätor zu Ausrichtung der heiligen Handlung zwölftausendEtwa 366 Gulden Conv. M. Kupferass und zwei große Opferthiere verabfolgt werden.» Ein zweiter Senatsschluß lautete dahin: «Die Zehnherren sollten das Opfer nach Griechischer Weise vollziehen und mit folgenden Opferthieren: dem Apollo mit einem Ochsen mit vergoldeten Hörnern, der DianaBove aurato et capris duabus albis.] – Ich lese et capris Dianae duabus albis, weil ich vermuthe, daß das Wort diane wegen seiner Ähnlichkeit mit dem folgenden duab 9 ausgefallen sei. Jac. Gronov, welchem auch Crevier beitritt, bemerkt, daß sich dieser Fehler schon früh in die Exemplare des Livius eingeschlichen haben müsse, weil auch Macrobius der gewöhnlichen unrichtigen Lesart folgt. Drakenborch sucht durch zwei Einwendungen die gewöhnliche Lesart zu vertheidigen. 1) In den carminibus Marcii stehe kein Wort von der Diana, warum wir sie also hier einschieben wollten? Ich antworte: In des Marcius Liede kommt auch keine Silbe von der Latona vor, und dennoch wurde sie aus den näheren Nachweisungen, welche die Sibyllinischen Bücher über diese Opfer gaben, im Senatusconsulte mit dem Apollo zugleich genannt. Sollte Drakenborch's Grund gelten, so müßten wir auch die Worte: Latonae bove femina aurata hier wegstreichen. 2) Er glaubt, aus Homers bekannter Stelle (Iliad. A) vom Priester Chryses, aus den Worten ταύρων ηδ' αιγω̃ν darzuthun, daß dem Apollo auch Ziegen geopfert sein müßten. Allein die αι̃γες, die dem Apoll geopfert werden konnten, waren ja λευκοὶ, nicht aber λευκαὶ, und Livius sagt ausdrücklich du abus. Es muß also an unsrer Stelle nicht von einem Gotte, sondern von einer Göttinn die Rede sein. Ich setze noch hinzu: Da, wo Apollo und Latona Opfer bekommen, pflegt Diana nicht zu fehlen; sie gehörte immer als die dritte zu der Mutter mit ihren zwei Kindern. (Man sehe V. 13.) Nach der Religion der Alten wäre dies eine Zurücksetzung der Diana gewesen, die man als ein numen summe irritabile (wer denkt nicht an die Kalydonische Eberjagd?) zu beleidigen sich scheuen mußte. mit zwei weißen 192 Ziegen, eben so vergoldet, der Latona mit einer eben so vergoldeten Kuh.» Als der Prätor die Spiele auf der großen Rennbahn anstellen wollte, machte er bekannt, daß jeder im Volke während dieser Spiele zu einer Steuer für den Apollo nach Gutbefinden beitragen möchte. Dies ist der Ursprung der Apollinarischen Spiele, welche in Hoffnung des Sieges, nicht der Gesundheit, wie die meisten glauben, gelobet und angestellt wurden. Das Volk sah ihnen in Kränzen zu; die Frauen von Stande gingen zum Gebete in die Tempel: allenthalben speiste man bei offenen Thüren auf den Vorplätzen und beging den Tag mit heiligen Feierlichkeiten aller Art.

13. Als Hannibal in der Gegend von Tarent, und die beiden Consuln zwar noch in Samnium standen, allein schon auf die Einschließung von Capua zu denken schienen, da litten die Campaner, was sonst nur die schlimme Folge einer anhaltenden Belagerung zu sein pflegt, schon jetzt eine Hungersnoth weil die Römischen Heere sie verhindert hatten, die Sat zu bestellen. Also schickten sie an Hannibal Gesandte mit der Bitte, ehe die Consuln mit den Legionen ihnen ins Land rückten und alle Wege von feindlichen Truppen besetzt würden, aus den benachbarten Orten Getreide nach Capua zusammenfahren zu lassen. Hannibal hieß den Hanno mit seinem Heere aus Bruttien nach Campanien übergehen und dafür sorgen, daß die Campaner mit Getreide versehen würden. Sobald Hanno, der auf dem Zuge aus Bruttien mit seinem Heere jedem feindlichen Lager und den in Samnium stehenden Consuln auswich, in die Nähe von Beneventum kam, bezog er dreitausend Schritte von der Stadt selbst sein Lager auf einer 193 Anhöhe. Von hier ließ er, unter mitgegebener Bedeckung für die Fuhren, aus den verbündeten Völkern der Nachbarschaft das während des Sommers hier zusammengebrachte Getreide in sein Lager fahren, und meldete von da aus nach Capua den Tag, an welchem sie zur Übernahme des Getreides mit Fuhrwerken und Lastthieren aller Art, so viel sie in den Dörfern zusammenbringen könnten, in seinem Lager sich einzufinden hätten. Die Campaner betrieben die Sache mit ihrer gewöhnlichen Sorglosigkeit und Nachlässigkeit. Sie schickten kaum etwas über vierhundert Wagen und außerdem wenige Lastthiere. Hanno, der dies mit dem Verweise rügte, daß bei ihnen auch nicht einmal der Hunger die Achtsamkeit spornen könne, der doch das unvernünftige Vieh in Thätigkeit setze, bestimmte ihnen einen andern Tag, an dem sie das Getreide nach ernstlicheren Vorkehrungen abholen sollten.

Da die Beneventaner vom ganzen Vorgange der Sache Nachricht bekamen, so schickten sie sogleich – das Römische Lager stand in der Gegend von Bovianum – dorthin zehn Gesandte an die Consuln. Als diese, auf die Anzeige von den Auftritten zu Capua, übereingekommen waren, daß der eine von ihnen mit dem Heere nach Campanien ziehen sollte, so brach Fulvius, dem diese Unternehmung zugefallen war, sogleich auf und rückte bei Nacht in Beneventum ein. Hier erfuhr er in der Nähe, daß Hanno mit einem Theile des Heers auf Getreideholung ausgegangen sei, daß er durch seinen Zahlmeister den Campanern Getreide geliefert habe, daß bei ihm zweitausend Wagen nebst einem Haufen ungeschlossener Mannschaft und andern Unbewaffneten eingetroffen seien, daß Alles in Auflauf und Verwirrung und die ganze Gestalt des Lagers und alle soldatische Ordnung durch die aus jenen Gegenden hereingeströmten Landleute aufgehoben sei. Als sich der Consul hierüber gehörig unterrichtet hatte, kündigte er seinen Soldaten an, auf die nächste Nacht bloß Fahnen und Waffen bereit zu halten; es gelte einem Sturme aufs Punische Lager. Als sie; mit 194 Hinterlassung ihrer Bündel und lästigen Geräthe zu Beneventum, wo sie um die vierte Nachtwache aufbrachen, kurz vor Tage bei dem Lager ankamen, jagten sie hier Alles so in Schrecken, daß sie es gewiß im ersten Angriffe hätten erobern können, wenn es in der Ebene gelegen hätte. So aber war es durch seine Höhe und Bollwerke geschützt, welche auf allen Seiten nur einen steilen und schwierigen Zugang gestatteten. Mit Tagesanbruch begann ein heftiges Gefecht; und die Punier behaupteten nicht nur ihr Lager, sondern warfen auch, weil ihnen ihr Standort den Vortheil gab, die steil heranklimmenden Feinde hinab.

14. Allein ausdaurende Tapferkeit besiegte jedes Hinderniß und man drang an mehreren Stellen zugleich bis an den Wall und die Graben, wiewohl nicht ohne viele Wunden und Verlust an Leuten. Deswegen erklärte auch der Consul den zusammenberufenen Obersten: «Man müsse von dem zu gewagten Unternehmen abstehen. Er halte es für das Sicherste, für heute das Heer nach Beneventum zurückzuführen, und sich dann morgen dicht an das Lager der Feinde zu legen, damit die Campaner eben so wenig dort weggehen, als Hanno sich zurückziehen könne. Um dies so viel leichter zu bewirken, wolle er auch seinen Amtsgenossen und dessen Heer an sich ziehen und dem vereinten Angriffe diese Richtung geben.» Allein als er schon zum Abzuge blasen ließ, warf das Geschrei, mit dem die Soldaten einen so muthlosen Befehl zurückwiesen, diese Maßregel des Feldherrn über den Haufen. Einem der feindlichen Thore zunächst stand eine Cohorte Peligner. Ihr Oberster, Vibius Accuaus, ergriff eine Fahne und warf sie in die Verschanzung der Feinde. Und unter Flüchen, die er auf sich und seine Cohorte herabrief, wenn diese Fahne in feindlichen Händen bliebe, brach er selbst voran über Graben und Wall in das Lager. Schon fochten die Peligner innerhalb des Pfahlwalles, schon machte auf der Seite gegenüber der Oberste der dritten Legion, Valerius Flaccus, seinen Römern einen Vorwurf über die Feigheit, mit der sie die Ehre von der Eroberung des Lagers ihren 195 Verbündeten überließen; da nahm Titus Pedanius, erster Hauptmann der zweiten Linie, einem Fahnenträger das Feldzeichen und rief: «Gleich sollen diese Fahne und dieser Hauptmann im feindlichen Lager stehen! Wer dem Feinde die Eroberung der Fahne nicht gönnt, der folge mir!» Die Soldaten von seiner Rotte waren die ersten, die ihm über den Graben nachstiegen; dann folgte die ganze Legion. Ja der Consul selbst, der, sobald er jene den Wall ersteigen sah, mit Abänderung seines Plans, vom Abrufen zum Auffordern und Ermuntern überging, zeigte den Soldaten jetzt die dringende Gefahr, in der sich Cohorte und Legion der tapfersten Bundesgenossen und Bürger befanden. Da stiegen sie über ebene und unebene Stellen, mochten ihnen die Feinde unter einem Pfeilregen von allen Seiten Waffen und Menschen entgegenpflanzen, Alle ohne Ausnahme vorwärts und brachen ein. Viele Verwundete, auch solche, denen Blut und Kräfte schwanden, boten noch Alles auf, in den feindlichen Verschanzungen zu fallen. So war das Lager im Umsehen erobert, als hätte es ohne die starken Werke in einer Ebene gestanden. Im Innern desselben trat nun, bei dem so vielfachen Gemische von Leuten, an die Stelle des Gefechts das Gemetzel. Über sechstausend Feinde wurden getödtet; über siebentausend Menschen nebst den Campanischen Getreidefahrern und das ganze Aufgebot von Wagen und Lastvieh geriethen in die Gefangenschaft. Auch die übrige Beute war ansehnlich, welche Hanno, der allenthalben auf seinem Zuge plünderte, aus den Dörfern Römischer Bundesgenossen hier zusammengeschleppt hatte. Von dem niedergerissenen feindlichen Lager kehrte man nach Beneventum zurück, wo beide Consuln – denn wenig Tage nachher traf hier auch Appius Claudius ein – die Beute verkauften und austheilten. Auch wurden die beschenkt, durch deren Verdienst das feindliche Lager erobert war, vor andern der Peligner Accuaus und Titus Pedanius aus der zweiten Linie der dritten Legion. Hanno nahm von Cominium Ceritum, wohin ihm der Verlust seines Lagers gemeldet wurde, mit den wenigen 196 Feldplünderern, die er gerade bei sich hatte, seinen Rückweg, mehr nach Art einer Flucht, als eines Marsches, ins Bruttische.

15. Auch die Campaner beschickten auf die Nachricht von ihrem und ihrer Bundesgenossen Verluste den Hannibal wieder durch Gesandte, welche ihm sagen mußten: «Zwei Consuln ständen bei Beneventum, eine Tagereise von Capua: sie hätten den Krieg fast dicht an ihren Thoren: komme er nicht schleunig zu Hülfe, so werde Capua noch schneller, als Arpi, in der Römer Händen sein. Tarent selbst nicht, geschweige denn das bloße Schloß, dürfe ihm so viel werth sein, daß er Capua, welches er sonst immer der Stadt Carthago an die Seite gesetzt habe, darüber verabsäume und es unvertheidigt dem Römischen Volke überliefere.»Hannibal ließ mit dem Versprechen, für Capua zu sorgen, für jetzt zweitausend Mann Reuterei mit den Gesandten zurückgehen, damit sie ihr Gebiet vor Plünderungen decken könnten.

Unterdeß sorgten die Römer, wie für so manches Andere, auch für die Burg von Tarent und die dort eingeschlossene Besatzung. Der Legat Cajus Servilius, den der Prätor Publius Cornelius auf ein Gutachten der Väter zum Aufkaufe von Getreide nach Hetrurien schickte, lief mit mehreren beladenen Schiffen zwischen den feindlichen Posten durch im Hafen von Tarent ein. Waren die Römer vor seiner Ankunft, bei ihrer geringen Hoffnung auf Hülfe, von den Feinden oft in Gesprächen zum Übergeben aufgefordert, so war jetzt die Reihe, die Feinde aufzufordern und zu sich herüber zu rufen, an ihnen. Da auch zum Schutze der Burg von Tarent die Truppen aus Metapontum hieher verlegt waren, so war die Besatzung stark genug. Kaum aber sahen sich die Metapontiner der Furcht, welche sie gefesselt hatte, entledigt, so fielen sie an den Hannibal ab. Dasselbe thaten an eben dieser Küste auch die Thuriner. Es war nicht sowohl der Abfall der Tarentiner, der auf sie wirkte, oder der der Metapontiner, ob sie gleich mit letztern, außer der 197 gemeinschaftlichen Abstammung aus Achaja, auch verwandt waren, als die Erbitterung gegen die Römer wegen der neulich hingerichteten Geisel. Die Freunde und Verwandten von diesenEorum amici cognatique.] – Mit den Metapontinern hatten die Thuriner einerlei Abstammung, nämlich aus Achaja, nicht mit den aus Lacedämon gekommenen Tarentinern. Mit den ihnen näher wohnenden Metapontinern waren die Thuriner verwandt, nicht mit den entfernteren Tarentinern, die noch über Metapont hinaus in der nordöstlichen Ecke des Tarentiner Meerbusens wohnten, dahingegen Thurii in der entgegengesetzten südwestlichen Ecke jenes Busens stand. Nun waren aber Cap. VII. §. 11. keine Metapontinische Geisel von den Römern hingerichtet, daß man etwa annehmen könnte, die Thuriner hätten als Verwandle der Metapontiner selbst einige von den Ihrigen bei jener Hinrichtung der Geisel verloren, sondern so wie jetzt der Text lautet, bloß Tarentinische. Aus diesem Grunde vermuthe ich, es müssen oben Cap. VII. §. 11. hinter den Worten ad obsides Tarentinos die beiden Worte et Thurinos weggefallen sein. Diese Vermuthung bekommt einige Wahrscheinlichkeit 1) wegen der Ähnlichkeit der Worte Tarentinos und Thurinos; 2) besticht dort Phileas im Atrium Libertatis, wo die Geisel gehütet werden, zweierlei Wächter; ich meine, den der Tarentinischen und den der Thurinischen Geisel; 3) sagt Livius gleich nachher Cap. VIII. ausdrücklich: Huius atrocitas poenae duarum nobilissimarum in Italia Graecarum civitatium animos irritavit, quum publice, tum etiam singulos privatim, ut quisque tam foede interemtos aut propinquitate, aut amicitia contingebat. Können wir es vermuthen, daß er uns erst Cap. XXV. darüber belehren wird, welches diese Zweite Griechische Stadt war? Ist es möglich, daß wir bei den Worten singulos privatim, ut quisque tam foede interemtos aut propinquitate u. s. w. an die über die Hinrichtung ihrer Verwandten erbitterten Thuriner denken können, wenn er bloß von Tarentinern geredet hatte? Dieser Vorwurf träfe ihn dann nicht, wenn er bei den Worten ad obsides Tarentinos hinzugesetzt hätte: et Thurinos. ließen dem Hanno und Mago, welche in der Nähe in Bruttien standen, durch Briefe und Abgeordnete wissen: «Wenn sie mit einem Heere vor ihre Mauern rückten, so wollten sie ihnen die Stadt in die Hände spielen.»Marcus Atinius war zu Thurii Befehlshaber mit einer mäßigen Besatzung. Sie glaubten, er werde sich sehr leicht zum ersten besten Kampfe aus der Stadt locken lassen, nicht sowohl im Vertrauen auf seine Soldaten, – deren hatte er sehr wenige – als auf die Thurinische Mannschaft, die er nicht ohne Absicht in Centurien gereihet und bewaffnet hatte. Als die Punischen Feldherren ihre Truppen unter sich getheilt hatten, ging Hanno bei ihrem Eintritte in das Thurinische mit dem Fußvolke als der Angreifende gegen die Stadt selbst. Mago blieb mit der Reuterei, um seinen 198 Hinterhalt zu verstecken, hinter vortretenden Hügeln stehen. Atinius, der durch seine Kundschafter nur von heranziehendem Fußvolke gehört hatte, rückte zur Schlacht aus, mit der Falle, die ihm in der Stadt bereitet wurde, eben so unbekannt, als mit dem feindlichen Hinterhalte. Das Gefecht der Fußvölker nahm einen zögernden Gang, weil im Vordertreffen nur die wenigen Römer fochten, die Thuriner hingegen den Erfolg mehr abwarteten, als unterstützten; und die Carthagische Linie zog sich geflissentlich zurück, um den nichts ahnenden Feind an den Rücken des von ihrer Reuterei besetzten Hügels zu ziehen. Als sie hier ankamen, jagte sogleich die mit Geschrei hervorbrechende Reuterei den regellosen Schwarm der Thuriner, der ohnehin auf der Partei, auf deren Seite er focht, mit wankender Treue stand, in die Flucht. Die umzingelten Römer, ob ihnen gleich auf der einen Seite Fußvolk, auf der andern Reuterei zusetzte, hielten dennoch das Gefecht eine Zeitlang hin. Endlich kehrten auch sie den Rücken und flüchteten der Stadt zu. Kaum hatte die sich hier zusammendrängende Truppe von Verräthern ihre Mitbürger in die offenen Thore aufgenommen, so schrie sie, als sie die geschlagenen Römer der Stadt zueilen sah, «die Punier wären hinter ihnen, und wenn man nicht eilig die Thore schlösse, würden auch die Feinde, mit ihnen in Einem Haufen, in die Stadt dringen.» Und so gaben sie die ausgeschlossenen Römer dem Feinde zum Niederhauen preis: doch ließen sie den Atinius mit einigen Wenigen ein. Nun begann ein bald vorübergehendes Gezänk, da die Einen sich erklärten, man müsse die Stadt behaupten, jene aber von der andern Seite, man müsse den Umständen nachgeben und die Stadt den Siegern überlassen. Das Schlimmere, im Erfolge wie der Absicht nach, behielt, wie gewöhnlich, die Oberhand. Sie führten den Atinius mit den Seinigen, mehr aus Wohlwollen gegen ihn, weil er sie mit Güte und Gerechtigkeit behandelt hatte, als aus Rücksicht auf die Römer, an den Strand hinab zu den Schiffen, und nahmen die Carthager in die Stadt.

199 Die Consuln führten von Beneventum ihre Legionen in das Gebiet von Capua, nicht bloß die Sat zu verderben, die schon im Kraute stand, sondern Capua selbst anzugreifen: ihrem Consulate, glaubten sie, würde die Eroberung einer so mächtigen Stadt einen Namen machen, und zugleich würden sie ihren Stat von dem schimpflichen Vorwurfe befreien, daß er den Abfall einer so nahen Stadt schon drei Jahre lang ungestraft gelassen habe. Um indeß Beneventum nicht ungeschützt zu lassen, zugleich auch um auf unvorhergesehene Fälle, wenn etwa Hannibal, was man sicher von ihm erwartete, zur Rettung seiner Verbündeten gegen Capua heranzöge, ihrer Reuterei gegen seine Überlegenheit ein Gleichgewicht zu geben, befahlen sie dem Tiberius Gracchus mit seiner Reuterei und den leichten Truppen aus Lucanien nach Beneventum zu kommen; und um die Behauptung Lucaniens nicht aufzugeben, solle er den Oberbefehl über die Legionen und sein dortiges Standlager einem Andern übertragen.

16. Gracchus hatte, als er vor seinem Aufbruche aus Lucanien opferte, eine traurige Vorbedeutung. Zwei Schlangen, welche nach Vollendung des Opfers, man sah nicht, woher, zu den Eingeweiden hinschlüpften, fraßen die Leber, und als man sie bemerkte, waren sie plötzlich verschwunden. Als man auf der Opferschauer Erinnerung das Opfer wiederholte und dieExta reserata servarentur.] – Diese Lesart wird von allen Critikern, ich glaube, mit Recht, verworfen. Stroth folgt der Florent., Cambridg. und Creviers Handschrift, welche reserata ganz weglassen, und bloß reservarentur lesen. Mir scheint in diesen ein der Lesart reserata ähnliches Wort, eben dieser Ähnlichkeit wegen, weggefallen zu sein. Die Versuche eines Salmasius, Gronov, Drakenborch bestätigen meine Vermuthung. Eine von Hearne's Handschriften las exta resecata servarentur. Daraus will Drakenborch prosecta lesen. Dies würde, wie es von einem Drakenborch zu erwarten steht, der einzig wahre Ausdruck sein, wenn hier die exta beim Opfer selbst zur Besichtigung vorgelegt werden sollten. Ich möchte mich lieber noch näher an den alten Codex. Putean. anschließen, welcher resereservarentur lieset, und exta resecta servarentur lesen. An unsrer Stelle, sollen die exta nicht vorgelegt werden, non prosecantur; sondern, nachdem sie ausgenommen sind, weggesetzt und aufgehoben werden: und dies liegt, wenn ich nicht irre, in resecta servarentur, welches auch den Lesarten resecata und reseres am nächsten kommt. ausgenommenen Eingeweide sorgfältiger verwahrte, sollen sich die 200 Schlangen zum zweiten- und drittenmale eingestellt, die Leber angefressen und ohne daß man ihnen beikommen konnte, sich davon gemacht haben. Ob ihm nun gleich die warnenden Opferschauer andeuteten, daß dies Vorzeichen dem Feldherrn gelte, und sich Gracchus vor versteckten Menschen und deren Rathe zu hüten habe, so ließ sich doch das hereinbrechende Schicksal durch alles Vorherwissen nicht abändern. Ein Lucaner, Flavius, war das Haupt derjenigen Lucanischen Partei, welche es, da die andre zum Hannibal übergetreten war, mit den Römern hielt: er stand schon seit einem Jahre im Amte, da er ebenfalls durch jene zum Prätor gewählt war. Plötzlich änderte der Mann seine Gesinnung, und da er sich beim Hannibal beliebt machen wollte, so glaubte er noch nicht genug zu thun, wenn er selbst überginge und die Lucaner zum Abfalle vermöchte, wenn er nicht auch seiner Verbindung mit den Feinden mit dem Leben und Blute eines verrathenen Feldherrn, der zugleich sein Gastfreund war, die Unverbrüchlichkeit gäbe. Heimlich ging er zu einer Unterredung mit Mago ab, der im Bruttischen den Oberbefehl hatte; und auf die von ihm erhaltene Zusage, wenn er ihnen den Römischen Feldherrn lieferte, so sollten die Lucaner bei ihren Gesetzen als freie Leute zu Verbündeten aufgenommen werden, führte er den Punischen Feldherrn an eine Stelle, wohin er den Gracchus mit einem schwachen Gefolge bringen wollteLocum, quo – – occuleret, iubet.] – Das Wort iubet fehlt in allen Msc. Ich stelle also aus Stroth, Gronov und Crevier, deren Vermuthungen und Handschriften ich theilweise folge, diese Lesart auf: deducit Poenum in locum, quo erat cum paucis Gracchum adducturus. Mago, ubi pedites equitesque armasset, caperet eas latebras, ubi ingentem numerum occuleret. Loco satis inspecto etc.. Mago sollte sowohl mit Fußvolk als Reuterei zum Kampfe fertig, diejenigen Schlupfwinkel besetzen, in denen sich eine große Anzahl verstecken ließe. Als sie den Platz gehörig in Augenschein genommen und von allen Seiten untersucht hatten, bestimmten sie den Tag der Ausführung.

Flavius kam zum Römischen Feldherrn. Er sagte: «Er habe eine Sache von Wichtigkeit eingeleitet, zu deren 201 Vollendung der Zutritt des Gracchus selbst erforderlich sei. Er habe die Prätoren der sämtlichen Völker, welche in jenem allgemeinen Aufstande Italiens zu den Puniern übergegangen waren, beredet, zur Verbindung mit Rom zurückzukehren, weil doch auch der Römische Stat, der durch das Unglück von Cannä dem Untergange so nahe gebracht sei, von Tage zu Tage glücklicher und stärker werde; Hannibals Kraft hingegen im Abnehmen sei und fast zum Nichts herabsinke. Das Römische Volk werde gegen ein ehemaliges Vergehen nicht unversöhnlich sein. Nie habe sich ein Volk leichter erbitten und zum Verzeihen bereitwilliger finden lassen. Wie oft sie selbst ihren Vorfahren die erneuerten Kriege verziehen hätten? Dies, sagte er, habe er ihnen vorgestellt: indeß wünschten sie, wenn auch nur dasselbe, doch lieber vom Gracchus selbst zu hören, den Handschlag von ihm in Person zu bekommen, und als Unterpfand der Treue mitzunehmen. Zur Verabredung habe er ihnen einen Ort bestimmt, wo man ungesehen sei, nicht weit vom Römischen Lager. Hier könne die Sache mit wenig Worten abgethan werden, deren Erfolg der Beitritt aller Lucaner zur Freundschaft und zum Bündnisse mit Rom sein werde.»

Gracchus, der so wenig in dieser Rede, als in der Sache selbst, eine List zu finden glaubte, rückte mit seinen Lictoren und einem Geschwader Reuterei aus dem Lager, und fiel, von seinem Gastfreunde geleitet, in den Hinterhalt. Plötzlich brachen die Feinde hervor, und um den Verrath unbezweifelt zu machen, schloß Flavius an diese sich an. Von allen Seiten fliegen Pfeile auf den Gracchus und seine Ritter. Gracchus springt vom Pferde, heißt die Andern eben das thun und ermahnt sie: «Das Einzige, was ihnen das Schicksal übrig gelassen habe, durch Tapferkeit ehrenvoll zu machen. Was aber einer kleinen, von einer Menge in einem durch Waldung und Gebirge verschlossenen Thale umringten, Schar weiter übrig sei, als der Tod? Nur das mache einen Unterschied, ob sie, sich selbst hingebend, und wie das Vieh ungerächet, sich abschlachten lassen, oder ob sie, ohne einem Gedanken an Stillhalten 202 und an Abwartung des Ausgangs Raum zu geben, nur Angriff und Rache athmend, voll reger Kraft und Muth, in feindlichem Blute gebadet, zwischen hochaufgehäuften Waffen und Körpern ihrer sterbenden Todfeinde fallen wollten. Sie möchten Alle auf den Lucanischen Verräther und Überläufer halten. Wer den als Opferthier vor sich her zur Unterwelt hinabschicke, werde sich ausgezeichneten Ruhm und einen herrlichen Ersatz für eigenen Tod erkaufen.» Nachdem er sich bei diesen Worten den Feldmantel um den linken Arm gewickelt hatte – denn auch nicht einmal Schilde hatten sie mitgenommen – stürzte er auf die Feinde ein. Das Gefecht breitete sich weiter aus, als es sich von einer so kleinen Anzahl erwarten ließ. Vorzüglich waren es die Wurfspieße, welche den Römern die unbedeckten Körper durchbohrten: und der Feind hatte allenthalben von den Höhen den Wurf in das hohle Thal. Die Punier boten Alles auf, den von Vertheidigern schon entblößten Gracchus lebend in ihre Gewalt zu bekommen. Er aber, als er jetzt seinen Lucanischen Gastfreund unter den Feinden erblickte, brach mit solcher Erbitterung in die geschlossenen Glieder, daß man ihn, ohne viele Leute aufzuopfern, nicht schonen konnte. Seine Leiche schickte Mago sogleich an den Hannibal ab, und ließ sie mit den zugleich erbeuteten Ruthenbündeln vor der Thronbühne des Feldherrn niederlegen. So lautet der wahre Bericht. Gracchus fiel im Lucanischen in der Nähe der sogenannten Alten Felder.

17. Dagegen geben Andre in der Gegend von Beneventum, nahe am Flusse Calor, die Stelle an, wo ihn, als er mit den Lictoren und drei Sklaven zum Baden aus dem Lager gegangen sei, die unter dem am Ufer aufgeschossenen Weidengebüsche zufällig versteckten Feinde, nackend und wehrlos und da er sich nur mit den vom Flusse fortgespülten Steinen vertheidigt hätte, getödtet haben sollen. Noch Andre berichten, als er sich auf Erinnerung der Opferschauer fünfhundert Schritte vom Lager entfernt habe, um die oben angeführten Schreckzeichen durch Sühnopfer auf einem unbetretenen Rasenplatze abzuwenden, hätten ihn 203 zwei in dieser Gegend gerade auflauernde Numidische Geschwader überfallen. So wenig ist man bei einem so berühmten und ausgezeichneten Manne weder über den Ort, noch über die Art seines Todes eins. Auch über die Beerdigung des Gracchus lauten die Berichte verschieden. Einige lassen ihn im Römischen Lager von den Seinigen bestatten; Andre – und diese Erzählung ist die gewöhnlichere – lassen den Hannibal auf dem Vorplatze des Punischen Lagers einen Scheiterhaufen errichten, sein ganzes Heer unter den Fahnen sich in Entwickelungen üben, die Spanier in ihrem Kriegstanze, die übrigen in den bei jedem Volke üblichen Waffen- und Körperbewegungen, und den Hannibal selbst durch Anordnungen und Reden dem Leichenbegängnisse die ehrenvolleste Feierlichkeit geben. So erzählen die, welche den ganzen Vorfall nach Lucanien setzen. Will man denen glauben, welche berichten, Gracchus sei am Flusse Galor gefallen, so bekamen die Feinde bloß seinen Kopf in ihre Gewalt. Als dieser dem Hannibal gebracht wurde, schickte er sogleich den Carthalo ab, ihn ins Römische Lager an den Schatzmeister Cneus Cornelius abzuliefern. Dann veranstaltete dieser die Leichenfeier des Feldherrn im Lager, welche nebst dem Heere auch die Beneventaner begingen.

18. Als die Consuln nach ihrem Eintritte in das Campanische hin und wieder plünderten, riefen sie zwar, durch einen Ausfall der Capuaner und des Mago an der Spitze seiner Reuterei in Schrecken und Bestürzung gesetzt, die hier und dort zerstreuten Soldaten zu den Fahnen zurück, allein da sie kaum Zeit hatten, sich in Linie zu stellen, wurden sie geschlagen und verloren über tausend fünfhundert Mann. Da stieg bei diesem an sich schon übermüthigen Volke die Keckheit noch höher, und sie neckten die Römer durch beständige Gefechte: die Consuln hingegen hatte dies Eine, ohne Vorsicht und Plan gelieferte Treffen gelehrt, besser auf ihrer Hut zu sein. Doch ein einziger kleiner Vorfall stellte auf der einen Seite den Muth wieder her, und verminderte die Kühnheit auf der andern: wiewohl im Kriege nichts so geringfügig ist, daß 204 es nicht auf wichtige Dinge einen Ausschlag geben sollte. Des Titus Quinctius Crispinus Gastfreund war der Campaner Badius, der mit ihm in sehr vertrauten Verhältnissen stand. Ihre Freundschaft war dadurch noch enger geworden, daß Badius, vor dem Abfalle der Campaner, zu Rom in einer Krankheit im Hause des Crispinus sehr anständig und gütig behandelt war. Und jetzt gingTum Badius.] – Ich folge Crevier's Verbesserung, der aus dem Cod. Put. lieset: Is tum Badius. eben dieser Badius über die Posten hinaus, die das Stadtthor außerhalb deckten, und verlangte, man solle den Crispinus rufen. Als man es dem Crispinus meldete, ging er in der Meinung, daß jener eine freundschaftliche und vertrautere Unterredung wünsche, weil er sich auch nach dem Bruche beider Staten doch der Privatverhältnisse noch erinnere, einige Schritte vor die Übrigen hervor. Als sie einander zu Gesicht kamen, rief Badius: «Crispinus, ich fordere dich zum Kampfe. Wir steigen zu Pferde, lassen die Andern zurücktreten, und machen für uns aus, wer von Beiden der Tapfere sei.»Crispinus antwortete: «Ihm so wenig, als ihm, fehle es an Feinden, an denen sie ihre Tapferkeit zeigen könnten. Selbst wenn er ihm in der Schlacht begegnete, würde er ausweichen, um seine Hand nicht durch das Blut seines Gastfreundes zu entweihen.» Hier drehete er sich um und ging. Nun aber fing der Campaner an, noch so viel trotziger ihm Weichlichkeit und Feigheit vorzuwerfen, und gegen den Schuldlosen Schmähungen auszustoßen, die er selbst verdiente; nannte ihn einen gastlichen Feind, der sich die Miene gebe, dessen zu schonen, dem er sich nicht gewachsen fühle. Wenn er etwa glaube, daß durch Auflösung der Statenverbindungen ihre Privatverhältnisse noch nicht hinlänglich abgebrochen wären, so kündige er, Badius aus Capua, dem Titus Quinctius Crispinus aus Rom, hiemit öffentlich vor den Ohren zweier Heere die Gastfreundschaft auf. Er habe mit ihm nicht die mindeste Gemeinschaft; und auch er könne als Feind nicht mit einem 205 Feinde im Bunde stehen, gegen dessen Vaterstadt, gegen dessen Volks- und Hausgötter, er als Belagerer aufgetreten sei. Wenn er ein Mann sei, so möge er sich stellen.» Den Crispinus, welcher lange Anstand nahm, beredeten endlich die Übrigen von seinem Geschwader, den Hohn des Campaners nicht ungestraft zu lassen. Nachdem er sich nur die Zeit genommen hatte, bei seinen Feldherren anzufragen, ob sie ihm erlauben wollten, außer dem Gliede gegen einen fordernden Feind zu fechten, warf er sich nach erhaltener Erlaubniß in die Waffen, bestieg sein Pferd und rief den Badius namentlich zum Kampfe heraus. Der Campaner stellte sich unverzüglich. Sie sprengten, Roß gegen Roß gespornt, zusammen. Crispinus durchbohrte mit seinem Speere dem Badius die linke Schulter über dem Schilde, und sprang zu dem mit seiner Wunde Niedergesunkenen vom Pferde herab, um zu Fuß den Daliegenden völlig zu tödten. Allein Badius ließ, ehe jener über ihn kam, Schild und Pferd im Stiche und entfloh zu den Seinigen. Crispinus, mit erkämpften Roß und Waffen und seinem blutigen Speere, im Schmucke seiner Siegerbeute, prangend, wurde von den Soldaten unter lauten Lobsprüchen und Glückwünschen vor die Consuln geführt und erhielt auch von ihnen auszeichnendes Lob und mehrere Geschenke.

19. Als Hannibal aus der Gegend von Beneventum mit seinem Lager nach Capua aufgebrochen war, führte er am dritten Tage nach seiner Ankunft seine Truppen zur Schlacht vor, in der sichern Erwartung, da die Campaner in seiner Abwesenheit vor wenig Tagen mit Glück gefochten hätten, daß die Römer so viel weniger ihm und seinem so oft siegreichen Heere Stand halten würden. Doch litt die Römische Linie, nachdem die Schlacht begonnen hatte, hauptsächlich nur durch den Angriff der Reuterei, von der sie mit Wurfpfeilen überdeckt wurde, bis endlich auch ihrer Reuterei das Zeichen gegeben wurde, auf den Feind einzusprengen. So focht auf beiden Seiten nur Reuterei, als das in der Ferne entdeckte Heer des Sempronius, den Schatzmeister Cneus Cornelius an seiner Spitze, 206 auf beiden Theilen die gleiche Besorgniß veranlaßte, es möchte ein neuer Feind im Anzuge sein. Auf beiden Seiten wurde, als hätten sie es verabredet, zum Rückzuge geblasen, und sie schieden bei ihrem Abzuge ins Lager fast mit gleichem Verluste. Doch hatten die Römer durch jenen ersten Angriff der Reuterei der Gefallenen mehr. In der folgenden Nacht gingen die Consuln, um den Hannibal von Capua abzuziehen, in entgegengesetzten Richtungen, Fulvius in die Gegend um Cumä, Claudius nach Lucanien. Als dem Hannibal Tages darauf gemeldet wurde, das Römische Lager sei geleeret und sie wären in zwei Zügen nach entgegengesetzten Seiten abgegangen, so bestimmte er sich, nach einiger Unschlüssigkeit, wem er folgen sollte, dem Appius nachzugehen. Der aber traf, nachdem er seiner Absicht gemäß den Feind herumgezogen hatte, auf einem andern Wege wieder vor Capua ein. Und dem Hannibal führte das Glück in diesen Gegenden einen andern Vortheil zu.

Unter denen, welche die erste Hauptmannsstelle bekleideten, war Marcus Centenius mit dem Zunamen Penula, ausgezeichnet durch Körpergrüße und Muth. Dieser ausgediente Krieger, dem der Prätor Publius Cornelius Sulla im Senate Zutritt verschaffte, bat die Väter, sie möchten ihm fünftausend Mann geben. «Mit dem Feinde und mit den Gegenden bekannt, wolle er in kurzem etwas leisten, was sie ihm Dank wissen würden. Er werde sich der Kunstgriffe, wodurch bis dahin unsre Feldherren und Heere überlistet wären, gegen den Erfinder selbst bedienen.» Die Thorheit, so etwas zu versprechen, war nicht größer, als die, so etwas zu glauben: gerade als wäre die Tüchtigkeit zum Soldaten mit der zum Feldherrn einerlei. Statt der fünftausend gab man ihm achttausend Mann, die Hälfte Bürger, die Hälfte Bundsgenossen; er selbst zog noch eine ansehnliche Menge von Freiwilligen unterweges in den Dörfern an sich, und kam mit einem beinahe verdoppelten Heere nach Lucanien, wo Hannibal nach seiner vergeblichen Verfolgung des Claudius Halt gemacht hatte. Zwischen einem Feldherrn Hannibal und einem 207 Hauptmanne; zwischen zwei Heeren, von denen das eine unter Siegen ergrauet, das andre ganz neu, ja großentheils zusammengerafft und halbbewaffnet war, war die Sache so gut als entschieden. Als sich die Scharen zu Gesichte kamen und keiner von beiden Theilen den Kampf verweigerte, stellte man sich sogleich in Linie. Das Gefecht dauerte, bei durchaus ungleichen Verhältnissen, dennoch länger als zwei Stunden, weil auch die Römische Linie, so lange ihr Führer stand, mit Lebhaftigkeit einbrach. Als aber dieser, nicht bloß seinem alten Ruhme getreu, sondern auch aus Furcht vor künftiger Schande, wenn er das durch seine Unbesonnenheit herbeigeführte Unglück überlebte, den feindlichen Waffen beständig sich entgegenwerfend fiel, so war die Römische Linie den Augenblick geschlagen. Allein auch der Weg zur Flucht war ihnen, da die Reuterei alle Ausgänge besetzt hatte, so wenig offen gelassen, daß von einer so großen Menge kaum tausend entrannen: die übrigen wurden in der Zerstreuung, der eine durch diesen, der andere durch jenen Tod, aufgerieben.

20. Nun gingen die Consuln wieder mit ganzem Ernste an die Einschließung von Capua, und alles dazu Nöthige wurde herbeigeschafft und in Stand gesetzt. Man fuhr Getreide nach Casilinum zusammen; man legte an der Mündung des Vulturnus, wo jetzt die Stadt ist, eine Schanze an; dieCastellum communitum: ante Fabius Maximus munierat.] – Die zweite kleine Festung, welche Fabius angelegt hatte, war Puteoli. (XXIV. 7. XXV. 22.) Da es aber scheint, daß Livius hier den Namen nicht ausdrücklich angegeben habe, so muß man entweder mit Stroth annehmen, daß das Wort ante die Auslassung eines voraufgegangenen alteri veranlasset habe, oder man muß dem Cod. Hafn. bei Drakenborch folgen, welcher quod ante Fabius Maximus munierat lieset. Dann würde vor diesem quod ein illi oder alteri zu suppliren sein. Crevier will lieber geradezu das Wort Puteolis einschieben. vorhin vom Fabius Maximus angelegte versah man mit einer Besatzung, um das nahe Meer und den Strom im Besitze zu haben. In diese beiden Küstenschanzen ließ man sowohl das neulich aus Sardinien geschickte, als das vom Prätor Marcus Junius in Hetrurien aufgekaufte Getreide zusammenfahren, damit es dem Heere den Winter über nicht fehlen sollte. Außer dem 208 Verluste, den man in Lucanien erlitten hatte, verlief sich auch das Heer angekaufter Freiwilligen, das, so lange Gracchus lebte, mit größter Treue gedient hatte, von den Fahnen, als ob es mit dem Tode des Feldherrn verabschiedet wäre. Hannibal war gar nicht Willens, Capua zu vernachlässigen, und eben so wenig gerade jetzt in ihrer so großen Gefahr seine Bundesgenossen preiszugeben; allein der glückliche Erfolg, den er durch die Unbesonnenheit Eines Römischen Anführers gewonnen hatte, ließ ihn auf eine Gelegenheit denken, auch einen Zweiten samt seinem Heere zu Grunde zu richten. Apulische Gesandte meldeten ihm nämlich, der Prätor Cneus Fulvius sei anfangs bei seinen Angriffen auf einige Apulische an den Hannibal abgefallene Städte ziemlich vorsichtig zu Werke gegangen: nachher aber habe er samt den Soldaten, bei ihrem zu großen Glücke, bei dem Überflusse an Beute, sich so ganz der Zügellosigkeit und Nachlässigkeit hingegeben, daß alle Kriegszucht aufgehört habe. Hannibal, außer seinen mehrmaligen früheren Erfahrungen, selbst aus den letzten Tagen mit dem Zustande eines Heeres unter einem unwissenden Feldherrn bekannt, brach sogleich nach Apulien auf.

21. Die Römischen Legionen unter dem Prätor Fulvius standen bei Herdonea. Auf die Nachricht vom Anzuge des Feindes hätten sie beinahe ohne Geheiß des Prätors die Fahnen aufgerissen, um zur Schlacht auszurücken. Was sie noch am meisten zurückhielt, war die sichere Hoffnung, dasselbe nach eigner Willkür zu jeder andern Zeit thun zu können. Als Hannibal erfuhr, wie unruhig es in ihrem Lager zugegangen sei, und daß die Meisten unter einem lauten Aufrufe zu den Waffen dem Feldherrn trotzig zugesetzt hätten, ihnen das Zeichen zu geben; so vertheilte er, der die Gelegenheit zum Siege schon vor Augen sah, in der folgenden Nacht dreitausend Mann bloß mit Waffen in die umherliegenden Landhäuser, Gebüsche und Waldungen. Sie sollten auf ein Zeichen alle zugleich aus ihren Winkeln hervorbrechen. Den Mago hieß er mit fast zweitausend Mann Reuterei die sämtlichen 209 Wege besetzen, welche seiner Berechnung nach die Fliehenden einschlagen mußten. Nach diesen in der Nacht getroffenen Vorkehrungen, ließ er mit anbrechendem Tage die Truppen in die Linie ausrücken. Auch Fulvius war sogleich entschlossen, nicht sowohl aus irgend einem Grunde von Hoffnung, als weil er sich von dem zufälligen Ungestüme seiner Soldaten fortreißen ließ. Also wurde auch mit eben der Unbesonnenheit, mit der sie in die Linie ausgerückt waren, die Linie selbst aufgeführt, nach dem Eigenwillen der Soldaten, die auf gut Glück da vortraten, oder da stehen blieben, wie es ihrer Laune behagte, und dann wieder aus Eigenwillen oder Furchtsamkeit diesen Platz verließen. Die erste Legion und die Bundesgenossen vom zweiten Flügel wurden vorangestellt und die Linie in die Länge gedehnt. Mochten die Obersten schreien: «Im Innern sei keine Stärke, keine Haltbarkeit; allenthalben, wo die Feinde angriffen, würden sie durchbrechen:» die Soldaten nahmen keinen heilsamen Rath zu Herzen, sie hörten nicht einmal danach. Und doch war es Hannibal, der jetzt, als ein ganz anderer Feldherr, mit einem ganz andern, gar nicht so aufgestellten Heere anrückte. Also hielten die Römer auch nicht einmal das Geschrei und den ersten Angriff dieses Heeres aus. Ihr Führer, an Unverstand und Unbesonnenheit ein zweiter Centenius, an Muth durchaus mit ihm nicht zu vergleichen, wie er die Sache schlimm stehen und die Seinigen in Verwirrung sah, warf sich auf sein Pferd und entfloh mit beinahe zweihundert Rittern: die übrige Linie, von vorne geschlagen, im Rücken und auf den Flügeln umzingelt, wurde so zusammengehauen, daß von achtzehn tausend Menschen nicht mehr als zwei tausend entkamen. Das Lager fiel in die Hände der Feindes.

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