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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 77
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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169 Fünf und zwanzigstes Buch.

1. Während dieser Unternehmungen in Africa und in Spanien brachte Hannibal den Sommer im Tarentinischen zu, in der Hoffnung, durch Verrätherei sich der Hauptstadt der Tarentiner zu bemächtigen, Unterdessen fielen die minder wichtigen Städte ihres undIpsorum interim Sallentinorum.] – Ich lese mit Ruben., Gron. und Crev.: Ipsorum interim et Sallentinorum. des Sallentinischen Gebietes an ihn ab. Zu gleicher Zeit begaben sich in Bruttien von den zwölf Völkerschaften, welche im vorigen Jahre zu den Puniern übergetreten waren, die Consentiner und Thuriner wieder in den Schutz der Römer. Und es würden mehrere zurückgekehrt sein, hätte sich nicht Titus Pomponius Vejentanus, ein Oberster der Bundesgenossen, welcher durch verschiedene glückliche Streifereien das Ansehen eines ordentlichen Feldherrn bekommen hatte, an der Spitze eines zusammengerafften Heers mit dem Hanno in eine Schlacht eingelassen. Hier wurden viele Menschen, obgleich nur ungeordnete Haufen von Bauern und Sklaven, getödtet oder gefangen, und der kleineste Verlust war der, daß sich unter den Gefangenen der Oberste selbst befand, ein Mensch, dessen Werk nicht allein jetzt dies unbesonnene Gefecht war, sondern der auch schon vorher als Pächter der Statsgüter durch alle möglichen Ränke sowohl dem State als den Theilnehmern seiner Pachtungen treulos und nachtheilig gewesen war. Der Consul Sempronius hatte in Lucanien viele kleine Gefechte, von denen keins denkwürdig ist, und eroberte mehre unbedeutende Lucanische Städte.

Je mehr sich der Krieg in die Länge zog und je größer der Wechsel war, welchen Glück und Unglück nicht 170 eigentlicher in den Umständen, als in der Stimmung der Menschen bewirkten, je allgemeiner wurde auch unter den Bürgern der Hang zu frommen, meistentheils ausländischen, Übungen, so daß es schien, als wären plötzlich entweder ganz andre Menschen, oder ganz andre Götter aufgekommen. Die Römischen Gebräuche ließ man nicht bloß insgeheim und innerhalb seiner Hauswände abkommen, sondern auch auf den Gassen, auf dem Markte und Capitole sah man Haufen von Weibern, die nicht mehr nach vaterländischer Weise opferten oder beteten. Opferpriester und Wahrsager hatten sich der Herzen bemächtigt: und ihre Anzahl vermehrte sich, theils durch die gemeinen Landleute, welche aus ihren während des langen Kriegs unbestellten und unsichern Feldern von Dürftigkeit und Furcht in die Stadt getrieben waren, theils durch die Leichtigkeit, in der Einfalt Anderer einen Erwerb zu finden, den sie so dreist betrieben, als hätten sie zur Ausübung ihrer Kunst einen Freiheitsbrief gehabt. Anfangs hörte man die einzelnen Misbilligungen der Redlichen: nachher gedieh die Sache zu einem Antrage an die Väter und zu einer Statsbeschwerde. Als nun die Ädilen und Dreimänner der peinlichen Gerichtspflege, die man im Senate hart darüber anließ, daß sie dem Unwesen nicht steuerten, es auf sich nahmen, den Markt von diesem Gesindel zu säubern und die Anstalten der Weihe zu sprengen, so hätte man sich beinahe an ihnen vergriffen. Wie man sah, daß das Übel zu mächtig geworden sei, um durch Unterobrigkeiten gedämpft zu werden, gab der Senat dem Stadtprätor Marcus Atilius den Auftrag, das Volk dieser Frömmeleien zu entledigen. Er las in einer Volksversammlung den Senatsschluß vor und machte bekannt: «Jeder, der prophetische Bücher, Gebete oder schriftliche Anweisungen zum Gottesdienste besäße, solle diese sämtlichen Bücher und Schriften vor dem ersten April bei ihm einliefern, auch solle niemand an öffentlicher oder heiliger Stätte fremden gottesdienstlichen Gebräuchen folgen.»

2. Auch starben in diesem Jahre einige öffentliche Priester: Lucius Cornelius Lentulus, der Hohepriester, 171 und Cajus Papirius Maso, des Cajus Sohn, ein Oberpriester, und Publius Furius Philus, ein Vogelschauer, und Cajus Papirius Maso, des Lucius Sohn, Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten. In die Stelle des Lentulus wurde Marcus Cornelius Cethegus, in die des Papirius wurde Cneus Servilius Cäpio zum Priester gewählt, Vogelschauer wurde Lucius Quinctius Flamininus; Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten Lucius Cornelius Lentulus. Schon nahete die Zeit der Consulnwahl; weil man aber die mit dem Kriege beschäftigten Consuln nicht abrufen wollte, so ernannte der Consul Tiberius Sempronius den Cajus Claudius Centho zum Dictator für die Wahlen, und dieser den Quintus Fulvius Flaccus zu seinem Magister Equitum. Unter Vorsitz des Dictators wurden am nächsten Volkstage Quintus Fulvius Flaccus, der Magister Equitum, und Appius Claudius Pulcher, der als Prätor in Sicilien gestanden hatte, zu Consuln erwählt. Dann wählte man die Prätoren, den Cneus Fulvius Flaccus, Cajus Claudius Nero, Marcus Junius Silanus, Publius Cornelius Sulla. Nach Beendigung der Wahlen legte der Dictator sein Amt nieder.

Curulädilen waren in diesem Jahre Marcus Cornelius Cethegus und Publius Cornelius Scipio, welcher nachher den Zunamen Africanus hatte. Als diesem bei seiner Bewerbung um das Ädilenamt die Bürgertribunen entgegen waren, und behaupteten, auf ihn könne keine Rücksicht genommen werden, weil er noch nicht das zur Bewerbung gehörige Alter habe, so sprach er: «Wenn alle Quiriten mich zum Ädil machen wollen, so bin ich alt genug.» Und nun eilten die Bürger mit solcher Vorliebe für ihn zur Abgebung der Stimmen auf ihre Bezirksplätze, daß die Tribunen sogleich von ihrem Vorhaben zurücktraten. Die Ädilenspende bestand in folgendem. Sie stellten die Römischen Spiele an, die nach Maßgabe des damaligen Reichthums prächtig genug waren und Einen Tag gefeiert wurden, und vertheilten auf jede Straße ein Stübchen Öl. Die Bürgerädilen Lucius Villius Tappulus und Marcus Fundanius Fundulus belangten mehrere Frauen von Stande 172 vor dem Gesamtvolke wegen schlechter Aufführung: einige, für schuldig erklärte, wiesen sie aus der Stadt. Die Bürgerspiele wurden zwei Tage gefeiert, und in Beziehung auf diese Spiele dem Jupiter zu Ehren ein Gastgebot angestellt.

3. Quintus Fulvius Flaccus trat sein drittes und Appius Claudius sein erstes Consulat an. Auch die Prätoren erloseten ihre Stellen; Publius Cornelius Sulla die Gerichtspflege in der Stadt und über die Fremden, in welche sonst zwei Prätoren sich theilten; Cneus Fulvius Flaccus Apulien, Cajus Claudius Nero Suessula, Marcus Junius Silanus die Tusker. Den Consuln bestimmte man den Krieg gegen den Hannibal und jedem zwei Legionen: der eine sollte die des vorjährigen Consuls Quintus Fabius, der andre die des Fulvius Centumalus übernehmen. Von den Prätoren sollte Fulvius Flaccus die Legionen haben, welche bei Luceria unter dem Prätor Ämilius, Claudius Nero die, welche in Picenum unter dem Cajus Terentius gestanden hätten. Ihre Ergänzungen sollte jeder selbst ausheben. Dem Marcus Junius wurden für Tuscien die Stadtlegionen vom vorigen Jahre gegeben. Dem Tiberius Sempronius Gracchus und Publius Sempronius Tuditanus wurden ihr Oberbefehl und ihre Stellen in Lucanien und Gallien mit Beibehaltung ihrer Heere verlängert; desgleichen dem Publius Lentulus im Bezirke der alten Provinz in Sicilien, dem Marcus Marcellus vor Syracus und so weit sich Hiero's Reich erstreckt habe; dem Titus Otacilius über die Flotte; dem Marcus Valerius über Griechenland, dem Quintus Mucius Scävola über Sardinien; den Corneliern Publius und Cneus über die beiden Spanien. Außer den alten Heeren errichteten die Consuln noch zwei Legionen in der Stadt, und man brachte die Zahl der Legionen in diesem Jahre auf dreiundzwanzig.

Die Werbung der Consuln fand einen Aufschub durch das Benehmen des Marcus Postumius von PyrgiEiner kleinen Festung in Hetrurien., welches beinahe eine große Bewegung veranlasset hätte. Postumius 173 war ein Statspächter, dem es seit vielen Jahren an Betrug und Geiz niemand unter den Bürgern gleich gethan hatte, außer Titus Pomponius Vejentanus, welchen im vorigen Jahre auf seinen unbesonnenen Plünderungen Lucaniens die Carthager unter Hanno's Anführung gefangen genommen hatten. Weil jeden durch Sturm angerichteten Schaden in Allem, was den Heeren zugeführt wurde, der Stat trug, so hatten diese beiden bald erlogene Schiffbrüche angegeben, bald waren sogar die, welche sie mit Wahrheit meldeten, durch sie selbst aus böser Absicht, nicht durch Zufall, veranlasset. Wenn sie wenige Waaren von schlechtem Werthe auf alte baufällige Schiffe geladen hatten, diese dann auf hohem Meere sinken und die Schiffer in bereitgehaltene Kähne herübersteigen ließen, gaben sie vielfache Ladungen als verloren an. Schon im vorigen Jahre war dieser Betrug dem Prätor Marcus Atilius angezeigt und durch ihn an den Senat berichtet, aber noch durch keinen Senatsschluß geahndet, weil die Väter den Stand der Statspächter bei der gegenwärtigen Lage der Dinge nicht gern unzufrieden machen wollten. Das Volk verfuhr gegen den Betrug mit größerer Strenge, und endlich wurden zwei Bürgertribunen, die beiden Carvilier, Spurius und Lucius, durch die allgemeine Unzufriedenheit und laute Misbilligung dahin vermocht, gegen den Marcus Postumius auf eine Geldstrafe von zweimalhunderttausend Kupferass anzutragenWenn dies, wie Crevier mit Recht vermuthet, aes grave war (denn hier wird ja die Sache gerichtlich genommen); so betrug diese Geldstrafe etwa 6248 Gulden Conv. Geld.. Als der Tag kam, an welchem man hierüber entscheiden sollte, und das Volk sich so zahlreich eingefunden hatte, daß der freie Platz des Capitols die Menge kaum faßte, so schien für den Postumius nach vorgebrachter Vertheidigung die letzte Hoffnung noch darauf zu beruhen, wenn der Bürgertribun Cajus Servilius Casca, sein Blutsfreund und mütterlicher Verwandter, ehe die Bezirke darüber abstimmten, diese Abstimmung durch seine Einsprache untersagte. Nach Abhörung der Zeugen, ließen die Tribunen das Volk zurücktreten, und die Urne wurde 174 gebracht, um die StimmgeberUbi Latini suffragium ferrent.] – Unter Allen, die diese verderbte Stelle auszubessern versucht haben, scheint mir Stroth mit seinem Vorschlage, statt Latini lieber laturi zu lesen, am glücklichsten gewesen zu sein. Doch will er ubi beibehalten, welches er durch quo ordine erklärt: dafür möchte ich lieber uti lesen; denn ubi kann doch nur auf den Ort gehen, wo sie stimmen sollten, uti hingegen würde die Rangordnung der tribuum anzeigen, wie das Los sie bestimmte. Auch will Stroth das folgende ferrent in essent verwandeln. Ich glaube fast, daß man dies ferrent beibehalten könne. Statt zu sagen: ut laturi (i. e. cives oder tribus suffragium laturae) sortirentur, uti (i; e. quo modo, quo ordine, qua praerogativa) suffragium ferrent, setzt Livius das handelnde Subject laturi, wie er so oft thut, in das zweite Komma. Gegen Gronov's Vorschlag: ut sortirentur tribus, ac dein suffragium ferrent, hat schon Stroth nicht mit Unrecht eingewandt, daß er sich zu weit von den Msc. entfernt, und mit dem sortirentur ac dein etwas Gedehntes einschiebt. losen zu lassen, in welcher Ordnung sie stimmen sollten. Indeß drangen die Statspächter in den Casca, die Versammlung für den heutigen Tag aufzulösen. Dagegen schrie das Volk laut; und Casca, dessen Inneres Furcht und Scham zugleich bestürmten, saß gerade auf einer Ecke voran. Da er den erwarteten Schutz nicht gewährte, so brachen die Pächter, um Alles in Verwirrung zu setzen, in einen Keil gestellt, über den vom zurückgewiesenen Volke geräumten Platz herein, und zankten zugleich mit dem Volke und mit den Tribunen. Und schon kam man beinahe zum Schlagen, da sprach der Consul Fulvius zu den Tribunen: «Sehet ihr nicht, wie wenig eure Vorrechte gelten, und daß es zum Aufruhre kommen wird, wenn ihr nicht sogleich die Versammlung der Bürger entlasset?»

4. Als sie das Volk entlassen hatten, wurde der Senat berufen, und die Consuln thaten über die durch der Statspächter Gewaltthat und Frechheit gestörte Volksversammlung folgenden Vortrag. «Marcus Furius Camillus, dessen Verbannung den Untergang der Stadt zur Folge gehabt, habe sich von seinen zürnenden Mitbürgern verurtheilen lassen. Schon vor ihm hätten die Decemvirn, an deren Gesetze man bis diesen Tag sich halte, und späterhin viele der ersten Männer im State sich in den Ausspruch des Volks ergeben. Nur ein Postumius von Pyrgi habe dem Römischen Volke die Stimmfreiheit gewaltsam entrissen, habe die Volksversammlung gesprengt, 175 die Tribunen in die Schranken von Privatpersonen zurückgeworfen, gegen das Römische Volk eine Schlachtreihe aufgestellt, den Platz besetzt, um die Tribunen von den Bürgern abzuschneiden, um die Aufrufung der Bezirke zum Stimmengeben zu verwehren. Vom wirklichen Gemetzel und blutigen Kampfe habe die Leute weiter nichts abgehalten, als die Nachgiebigkeit der Obrigkeiten, mit der sie für dasmal der Wuth und Frechheit einiger Wenigen ausgewichen wären, und es hätten geschehen lassen, daß sie selbst und das Römische Volk die Besiegten geworden wären: mit der sie endlich den Volkstag, den der Beklagte durch Gewalt und Waffen habe hindern wollen, um den Kampflustigen keine Veranlassung zu geben, seinem Wunsche gemäß aufgehoben hätten.» Da nun gerade die redlichsten Männer, der Abscheulichkeit der Sache gemäß, in diesem Tone eiferten, und der Senat dahin erkannt hatte, diese Gewaltthat sei ein Verbrechen gegen den Stat und gebe ein verderbliches Beispiel, so ließen sofort die beiden Carvilier, die Bürgertribunen, die Entscheidung über die Geldstrafe fallen, bestimmten einen Tag zur Klage gegen den Postumius auf Leib und Leben und befehligten den Gerichtsdiener, falls der Beklagte keine Bürgen stelle, ihn zu greifen und ins Gefängniß zu bringen. Postumius stellte Bürgen, erschien aber nicht. Da thaten die Bürgertribunen den Antrag, den der Bürgerstand annahm: «Wenn Marcus Postumius auf den ersten Mai sich nicht stelle und auf diesen Tag als Vorgeladener nicht Rede stehe, oder wegen seiner Abwesenheit sich nicht rechtfertige, so wolle man es so ansehen, als lebe er in der Verbannung; man werde seine Güter verkaufen und jedermann untersagen, ihm Wasser und Feuer zu reichen.» Darauf stellte man der Reihe nach gegen die sämtlichen Urheber jenes Lärms und Auflaufs die Klage auf Leib und Leben an und verlangte Bürgschaft von ihnen; warf dann erst diejenigen ins Gefängniß, welche keine Bürgen stellten, nachher auch solche, welche sie hätten stellen können: und dieser Gefahr auszuweichen; gingen die meisten als Verwiesene ins Ausland.

176 5. Einen solchen Ausgang hatte der Betrug der Statspächter und die Frechheit, mit der sie zuletzt ihn in Schutz nahmen. Darauf wurde eine Versammlung zur Wahl eines Hohenpriesters gehalten: der neue Oberpriester Marcus Cornelius Cethegus hielt sie. Ihrer drei boten bei dieser Bewerbung alle ihre Kräfte auf; der Consul Quintus Fulvius Flaccus, der schon zweimal Consul, auch Censor gewesen war; Titus Manlius Torquatus, ebenfalls durch zwei Consulate und die Censur ausgezeichnet; und Publius Licinius Crassus, der noch nicht einmal um das Amt eines Curulädils angehalten hatte. Und der Jüngling gewann in diesem Wettstreite über die durch Jahre und Ämter ehrwürdigen Männer den Sieg. Vor ihm war seit hundert und zwanzig Jahren, den Publius Cornelius Calussa ausgenommen, niemand zum Hohenpriester gewählt, der nicht schon auf einem Amtsthrone gesessen hatte.

Da die Consuln die Werbung nicht ohne Schwierigkeit betrieben, weil die geringe Anzahl der Dienstfähigen keinesweges zu beiden Bedürfnissen hinreichte, nämlich zugleich neue Stadtlegionen zu errichten, und die alten zu ergänzen, so befahl ihnen der Senat, ihr Geschäft gleichwohl nicht aufzugeben, und «einen zwiefachen Ausschuß, jeden zu drei Männern, wählen zu lassen, von denen die Einen diesseit, die Andern jenseit des funfzigsten Meilensteins in den Dörfern, Marktflecken und Gerichtsorten den ganzen Bestand der Freigebornen in Augenschein nehmen, und Alle, die ihnen zum Waffendienste Stärke genug zu haben schienen, wenn sie auch das Dienstalter noch nicht hätten, zu Soldaten machen sollten. Die Bürgertribunen sollten, wenn sie es für gut hielten, bei dem Gesamtvolke darauf antragen, daß Allen denen, die vor ihrem siebzehnten Jahre zur Fahne geschworen hätten, die Dienstjahre eben so angerechnet werden sollten, als wenn sie im Alter von siebzehn Jahren, oder älter, Soldaten geworden wären.» Und nun nahm der doppelte, vermöge dieses Senatschlusses ernannte, Ausschuß von je drei Männern unter den Freigebornen auf dem Lande die Aushebung vor.

177 Um diese Zeit wurde auch im Senate ein Brief des Marcus Marcellus aus Sicilien verlesen, über die Forderungen der Soldaten, welche unter dem Publius Lentulus dienten. Sie bestanden aus dem im Unglücke bei Cannä übrig gebliebenen Heere, das man, wie ich oben gesagt, mit dem Bedeuten nach Sicilien weggeschickt hatte, vor dem Ende des Punischen Krieges nicht nach Italien zurückgebracht zu werden.

6. Sie schickten mit Genehmigung des Lentulus die ersten Ritter und Hauptleute und die Tapfersten vom Fußvolke der Legionen an den Marcus Marcellus in dessen Winterquartier, und nach erhaltener Erlaubniß zu reden sprach einer von ihnen:

«Wir hätten uns schon an dich, Marcus Marcellus, als Consul in Italien gewandt, gerade als jener, wo nicht harte, doch niederbeugende Schluß vom Senate über uns gefället war, wenn wir nicht gehofft hätten, in eine durch den Tod ihrer Könige in Aufruhr gesetzte Provinz zu einem schweren Kriege gegen Sicilianer und Punier«zugleich geschickt zu werden, und mit unserm Blute und Wunden dem Senate Genüge zu leisten, so wie ihm zu unsrer Väter Zeiten die vom Pyrrhus bei Heraclea gefangen genommenen im Kampfe gegen eben diesen Pyrrhus Genüge leisteten. Und gleichwohl, was haben wir verschuldet, daß ihr so auf uns gezürnt habt, ihr versammelten Väter, oder noch jetzo zürnet? Mir ist nämlich, wenn ich meine Augen auf dich richte, Marcus Marcellus, nicht anders, als ob ich beide Consuln und den ganzen Senat vor mir sähe: denn hätten wir bei Cannä dich zum Consul gehabt, so stände es jetzt besser um den Stat und um uns. Vergönne mir, ich bitte dich, ehe ich dir unsern Zustand klage, von dem Vorwurfe, den man uns macht, uns zu reinigen. Sind wir nicht durch den Zorn der Götter, nicht durch das Schicksal, nach dessen Gesetzen die unabänderliche Reihe der menschlichen Ereignisse sich zusammenstellt, sondern durch Schuld unglücklich geworden, so frage ich: Wessen war denn diese Schuld? der Soldaten, oder der 178 Feldherren? Freilich darf ich mir als Soldat auch die mindeste Äußerung über meinen Feldherrn nicht erlauben, um so weniger, da ich weiß, daß ihm der Senat feierlich dafür gedankt hat, daß er den Stat nicht gleich für aufgegeben hielt, da ihm nach seiner Flucht von Cannä Jahr auf Jahr der Oberbefehl verlängert ist. Und eben so hören wir, daß auch diejenigen von den Überresten jenes unglücklichen Tages, welche uns als Obersten vorstanden, um Ehrenämter nachsuchen, sie wirklich bekleiden und in Kriegsgegenden angestellt werden. Also wolltet ihr, versammelte Väter, euch selbst und euren Kindern so leicht verzeihen, und nur gegen uns Menschen ohne Werth so hart sein? Einem Consul und den übrigen Großen des Stats soll es nicht schimpflich sein, wenn alle Hoffnung verloren war, zu fliehen, und nur uns Soldaten schicktet ihr schlechterdings zum Sterben in die Schlacht? An der Allia nahm beinahe das ganze Heer die Flucht. Bei den Caudinischen Gabeln lieferte es, sogar ohne den Kampf zu versuchen, seine Waffen dem Feinde ab; anderer unrühmlichen Niederlagen unserer Heere nicht zu erwähnen. Gleichwohl war man so weit davon entfernt, an eine Beschimpfung dieser Heere zu denken, daß man sogar mit eben dem Heere, welches von der Allia nach Veji geflohen war, die Stadt Rom wieder gewann; und daß die Caudinischen Legionen, die ohne Waffen nach Rom zurückgekehrt waren, mit Waffen nach Samnium zurückgeschickt, unter dem Jochgalgen eben den Feind durchgehen lassen konnten, der vorhin von ihrer ähnlichen Beschimpfung den Genuß gehabt hatte.»

«Kann aber jemand Flucht oder Bestürzung dem Heere von Cannä vorwerfen, wo mehr als funfzigtausend Menschen sanken? wo der Consul mit siebzig Rittern entkam? wo niemand übrig blieb, außer wen der Feind, vom Niederhauen ermattet, übrig ließ? Als den Gefangenen die Auslösung versagt wurde, lobte man uns allgemein, daß wir uns dem State erhalten hätten; daß wir nach Venusia wieder zum Consul gegangen, und 1790 wenigstens dem Scheine nach als ordentliches Heer aufgetreten wären. Jetzt aber haben wir es weit schlimmer, als die Gefangenen zu unsrer Väter Zeiten. Jene wurden doch nur in Hinsicht der Waffen, in der Rangordnung im Dienste, und durch den Platz, wo ihr Zelt im Lager stand, erniedrigt, und das Alles konnten sie durch Einen dem State geleisteten Dienst, durch Ein glückliches Gefecht, wieder einbringen. Keiner von ihnen wurde in die Verbannung weggeschickt, keinem die Hoffnung genommen, mit seinen Dienstjahren fertig zu werden. Nur wir, denen man nichts vorwerfen kann, als daß wir es uns haben zu Schulden kommen lassen, daß noch ein oder der andre Römische Soldat aus der Schlacht bei Cannä übrig ist, werden nicht allein weit von unserm Vaterlande und Italien, sondern auch aus der Nähe des Feindes weggeschickt, damit wir gar keine Hoffnung, keine Gelegenheit haben sollen, unsern Schimpf zu tilgen, den Zorn unsrer Mitbürger zu besänftigen, ja nicht einmal die, mit Ehren zu sterben. Auch bitten wir ja nicht um Beendigung unsres Schimpfes, um Belohnung unsrer Tapferkeit: nur sei es uns vergönnt, unsern Muth zu versuchen, unsre Kraft zu üben. Beschwerden und Gefahren erbitten wir uns, um als Männer, als Soldaten unsre Pflicht zu thun. In Sicilien wird der Krieg schon ins zweite Jahr mit großer Lebhaftigkeit geführt; da erstürmen hier die Punier Städte, dort die Römer; Heere von Fußvolk und Reuterei treffen zusammen: bei Syracus ficht man zu Lande und zu Wasser: das Geschrei der Kämpfenden, das Geklirr der Waffen hören wir, und sitzen still und unthätig, als hätten wir weder Arme, noch Waffen. Die Legionen von Sklaven hat der Consul Tiberius Sempronius schon so oft gegen den Feind Mann gegen Mann geführt. Sie haben schon zur Belohnung ihrer Dienste die Freiheit und das Bürgerrecht. Möchten wir euch nur so viel gelten, als für diesen Krieg erkaufte Sklaven. Man gönne es uns, an den Feind zu kommen, und fechtend uns die Freiheit zu erstreben. Willst du einen Versuch unsrer Tapferkeit 180 zur See machen? zu Lande? in der Schlachtreihe? im Sturme auf Städte? Jedes Schlimmste in Hinsicht auf Beschwerde, auf Gefahr fordern wir für uns, um das, was wir bei Cannä haben thun sollen, je eher je lieber in Erfüllung gehen zu lassen, weil doch seit jenem Tage unser ganzes Leben der Schande hingegeben sein soll.»

7. Bei diesen Worten fielen sie dem Marcellus zu Fuße. Marcellus sagte, hierüber erstrecke sich eben so wenig sein Recht, als seine Macht. Er wolle an den Senat schreiben und ganz nach dem Willen der Väter verfahren. Sein Brief lief bei den neuen Consuln ein, wurde von ihnen im Senate verlesen und nach geschehener Umfrage folgender Schluß abgefaßt: «Das Wohl des Stats Soldaten anzuvertrauen, welche bei Cannä ihre fechtenden Cameraden im Stiche gelassen hätten, dazu sehe der Senat nicht den mindesten Grund. Sollte der Proconsul Marcus Claudius andrer Meinung sein, so möge er so handeln, wie er es dem Besten des Stats und seiner eigenen Gewissenhaftigkeit gemäß fände, unter der Bedingung, daß keinem von ihnen eine Dienstbarkeit erlassen, keiner wegen seines Wohlverhaltens nach Heeressitte beschenkt, noch, so lange der Feind in Italien stehe, nach Italien zurückgebracht würde.»

Hierauf wurde vom Stadtprätor auf Gutachten des Senats und Erkenntniß des Volks ein Versammlungstag gehalten; an welchem Fünfherren zu Ausbesserung der Mauern und Thürme gewählt wurden; imgleichen zwiefache Dreiherren; die Einen, die Heiligthümer zusammenzusuchen und die Weihgeschenke aufzuzeichnen; die Andern, die Tempel der Fortuna und Mutter Matuta innerhalb des Carmentalischen Thors wieder aufzubauen, aber auch den der Göttinn Spes außerhalb des Thores, welche von der vorjährigen Feuersbrunst verzehrt waren. Es gab schreckliche Gewitter. Auf dem Albanischen Berge dauerte ein Steinregen zwei Tage lang. An vielen Orten schlug der Blitz ein; in zwei Tempel auf dem Capitole; im Lager über Suessula an vielen Stellen in den Wall, und erschlug zwei Schildwachen. Zu Cumä 181 wurden die Mauer und verschiedene Thürme nicht bloß vom Blitze getroffen, sondern ganz herabgeworfen. Zu Reate glaubte man ein großes Felsstück liegen zu sehen; die Sonne sah röther, als gewöhnlich und wie Blut aus. Dieser Schreckzeichen wegen wurde ein Bettag angestellt, und die Consuln beschäftigten sich mehrere Tage mit gottesdienstlichen Angelegenheiten; auch wurde während derselben das neuntägige Opferfest begangen.

Schon lange war der Abfall der Tarentiner für Hannibal ein Gegenstand der Hoffnung, und für die Römer des Argwohns, als zufälliger Weise von außen eine Veranlassung eintrat, ihn zu beschleunigen. Phileas, ein Tarentiner, welcher sich schon lange unter dem Scheine einer Gesandschaft zu Rom aufhielt, ein Mann, dessen unruhiger Geist sich durchaus nicht in die Unthätigkeit finden konnte, bei deren langer Dauer er jetzt, seiner Meinung nach, alle Kraft verlor, wußte sich den Zugang zu den TarentinischenAd obsides Tarentinos.] – Ich möchte wohl hinzusetzen: et Thurinos, S. unten Cap. 15. Geiseln zu verschaffen. Man hütete sie im Vorhofe des Freiheitstempels ziemlich unbesorgt, weil es weder ihr eigener, noch ihres States Vortheil war, den Römern untreu zu werden. Bei wiederholten Zusammenkünften verführte er sie, und als er sie durch Vorschub zweier bestochenen Tempelwärter beim ersten Dunkel ihrem Gewahrsame entführt hatte, gab er sich selbst den in aller Stille Entwichenen zum Begleiter. Mit Tagesanbruche wurde ihre Flucht in der Stadt ruchtbar: die ihnen nachgeschickten Verfolger brachten sie sämtlich von Tarracina, wo sie sie ergriffen hatten, zurück. Sie wurden auf dem Versammlungsplatze der Reihe nach zur Strafe geführt, auf Zustimmung des Gesamtvolks mit Ruthen gepeitscht und vom Felsen herabgestürzt.

8. Die Scheußlichkeit dieser Strafe erbitterte zwei der vornehmsten Griechischen Städte in Italien, insofern diese sie theils als Staten, theils insbesondre ihre einzelnen Bürger betraf, je nachdem jeder von diesen mit den so kläglich Hingerichteten durch Verwandschaft oder 182 Freundschaft in Verbindung stand. Von diesen verschworen sich etwa dreizehn junge Tarentiner aus den ersten Häusern, unter welchen Nico und Philemenus die Vornehmsten waren. Weil sie, ehe sie etwas unternähmen, eine Unterredung mit Hannibal für nöthig hielten, so machten sie sich unter dem Vorwande, als gingen sie bei Nacht auf die Jagd, zu ihm auf den Weg. Als sie nicht mehr weit vom Lager entfernt waren, verbargen sich die Übrigen in einem Walde an der Straße. Nico und Philemenus wurden, so wie sie an die Posten kamen, ergriffen, und, wie sie selbst verlangten, vor Hannibal geführt. Nach Darlegung der Gründe für ihren Entschluß und ihres Plans, bekamen sie, mit Lobeserhebungen und Versprechungen überhäuft, die Erlaubniß, um es ihren Mitbürgern glaublich zu machen, daß sie auf Beutemachen aus der Stadt gegangen wären, einiges Carthagisches Heerdenvieh, das man auf die Weide vor das Lager geschickt hatte, in die Stadt zu treiben. Daß sie dies ohne alle Gefahr und Gefecht sollten bewerkstelligen können, wurde ihnen zugesichert. Die mitgebrachte Beute der Jünglinge fiel ins Auge; um so viel weniger wunderte man sich, daß sie es noch einmal und öfters wagten. Bei einer abermaligen Zusammenkunft mit Hannibal setzten sie vertragsmäßig fest, daß die Tarentiner als freie Leute ihre Gesetze und Eigenthum behalten, den Puniern nicht die geringste Abgabe zahlen, noch wider ihren Willen, eine Besatzung einnehmen sollten; die jetzige Besatzung aber durch den Verrath in Carthagische Gefangenschaft käme. Als sie hierüber eins geworden waren, so machte Philemenus nun vollends von seiner Gewohnheit, bei Nacht durch das Thor aus- und einzugehen, so viel öfteren Gebrauch: und er galt für einen leidenschaftlichen Jäger: Hunde und andres Jagdgeräth waren sein Gefolge, und fast jedesmal machte er mit seinem Wildprette oder mit dem Eingebrachten, das er verabredetermaßen dem Feinde abnehmen durfte, entweder dem Befehlshaber der Besatzung oder den Thorwachen ein Geschenk. Daß er meistens bei Nacht aus- und, einging, dies 183 glaubte man geschehe aus Furcht vor den Feinden.

Als dies endlich so zur Gewohnheit geworden war, daß ihm zu jeder Nachtzeit auf sein durch ein Pfeifen gegebenes Zeichen das Thor geöffnet wurde, so glaubte Hannibal, die Sache sei der Ausführung gereift. Er war drei Tagemärsche entfernt; und damit es so viel weniger auffiele, daß er mit seinem Lager so lange auf einem und demselben Platze stände, stellte er sich krank. Selbst den Römern, die zu Tarent in Besatzung lagen, war sein unthätiges Zögern nicht mehr verdächtig.

9. Als er sich entschlossen hatte, auf Tarent zu gehen, brach er mit zehntausend Mann zu Fuß und zu Pferde, wozu er diejenigen auslas, die er wegen persönlicher Schnelligkeit und Leichtigkeit ihrer Waffen für die tauglichsten zu diesem Zuge erachtete, um die vierte Nachtwache auf; und etwa achtzig Numidischen Reutern, die er voranschickte, gab er den Befehl, sich an die Landstraßen zu vertheilen und allenthalben umherzusehen, daß ihnen auch nicht ein Landmann, der ihren Zug aus der Ferne beobachtete, unentdeckt bliebe: Alle, die ihnen vorauf waren, sollten sie umholen; die ihnen begegneten, niederhauen, um sich bei den Anwohnern eher den Schein der Plünderer, als eines Heeres, zu geben. Er selbst schlug nach dem schnellesten Eilmarsche beinahe funfzehn tausend Schritte von Tarent sein Lager auf, und ohne auch hier den Soldaten im mindesten anzuzeigen, wohin sie gingen, schärfte er ihnen bloß bei einem Zusammenrufe ein, auf der Heerstraße zu bleiben, niemand einkehren oder im Zuge aus dem Gliede treten zu lassen, mit vorzüglicher Aufmerksamkeit jedem Befehle entgegen zu sehen, nichts ohne Gebot ihrer Vorgesetzten zu thun: wenn es Zeit sei, werde er ihnen seine Willensmeinung eröffnen.

Fast in derselben Stunde traf in Tarent das Gerücht ein, daß einige wenige Numidische Reuter in den Dörfern plünderten und weit und breit die Landleute in Schrecken setzten, Auf den Römischen Befehlshaber machte die Nachricht keinen weitern Eindruck, als daß 184 er den Befehl gab, am nächsten Tage solle ein Theil der Reuterei in der ersten Frühe ausrücken, um den Plünderungen des Feindes zu steuern. Übrigens hielt man sich hiedurch so wenig zu höherer Achtsamkeit aufgefordert, daß man im Gegentheile diese Streiferei der Numider als einen Beweis ansah, daß Hannibal mit seinem Heere noch nicht aufgebrochen sei. Hannibal rückte um die Zeit des Schlafengehens aus. Sein Führer war Philemenus, wie gewöhnlich mit der Ausbeute seiner Jagd beladen. Die übrigen Verräther erwarteten, was verabredet war. Man hatte nämlich ausgemacht, Philemenus sollte, wenn er seinen Fang durch das gewöhnliche Pförtchen einbrächte, Bewaffnete mit hineinnehmen; von einer andern Seite Hannibal sich dem Thore Temenis nähern. Dies lag landeinwärts gegen Morgen, bei den Grabhügeln, welche ziemlich tief in die Ringmauer der Stadtspectabat. aliquantum intra moenia includuntur.] – Sigonius schon und beide Gronove haben es versucht, diese mangelhafte Stelle auszufüllen. Aus der Lesart des alten Cod. Putean. orientem specta best aliquantum intra moenia etc. machte Jac. Gronov: spectat, ad busta, quae Tarenti intra moenia etc. Freilich muß man aus den Worten intra moenia includuntur schließen, daß Livius dessen erwähnt haben müsse, was Polybius μνήματα nennt. Allein man mag die μνήματα des Polybius mit J. Fr. Gronov in monumenta, oder mit Jac. Gronov in busta verwandeln, es bleibt immer noch die Frage: Warum erwähnt Livius dieser Denkmale, wenn er nicht zugleich angeben will, daß sie dem Nico bei seinem Plane zu statten kamen? und überhaupt: Warum ist Nico hier bei der Verabredung der Zeichen ausgelassen, woran er doch so vielen Antheil hatte? Dies hat schon Sigonius gerügt, und Stroth pflichtet ihm bei. Man kann also nicht weiter helfen, als daß man ungefähr erräth, was hier habe gesagt sein mögen. Und vielleicht entstand die Lücke, wie so manche, durch ähnliche Endigung zweier Worte. Ich denke mir den Sinn der Stelle etwa so: Ea mediterranea regione orientem spec tabat. Ibi Nico paratam suorum manum post monumenta occul tabat, quae aliquantum intra moenia includuntur. «Dies lag landeinwärts gegen Morgen; und hier stand Nico mit seiner Schar hinter den Grabmalen in Bereitschaft, welche ziemlich weit in die Stadt hinein in die Ringmauer eingeschlossen sind.» eingeschlossen sind,

Als sich Hannibal dem Thore näherte, ließ er das der Verabredung gemäß angezündete Feuer hinüberleuchten: und Nico erwiederte dies Zeichen: dann löschte man die Feuer auf beiden Seiten. Hannibal kam in aller Stille vor das Thor. Nico, der die eingeschlafenen Wachen überfiel, mordete sie auf ihrem Lager und öffnete 185 das Thor. Hannibal rückte mit seinem Fußvolke ein: die Reuterei mußte zurückbleiben, um erforderlichen Falls aus freiem Felde herbeieilen zu können. Auf der andern Seite kam auch Philemenus an das Pförtchen, wo er aus- und einzugehen pflegte. Auf seinen bekannten Ton und das schon zur Gewohnheit gewordene Zeichen erhebt sich die Schildwache, und weil er ruft, er könne die Last des großen Stückes kaum noch tragen, wird ihm das Pförtchen geöffnet. Zwei Jünglingen, die einen Eber tragen, folgt er selbst mit einem leichtbewaffneten Jäger, und durchbohrt die Schildwache, die in sorgloser Bewunderung des großen Thiers nur auf die Träger achtet, mit seinem Jagdspieße. Etwa dreißig hereineilende Soldaten machen die übrigen Wachen nieder, und hinter ihnen her rückt der Zug unter den Fahnen ein. Von hier in aller Stille nach dem Marktplatze geführt, vereinigen sie sich mit Hannibal. Hannibal schickt an der Spitze von zweitausend Galliern, die er in drei Haufen theilt, Tarentiner mit dem Befehle in der Stadt umher, die gangbarsten Straßen zu besetzen, und wenn der Lärm ausbräche, allenthalben die Römer niederzuhauen und der Bürger zu schonen. Um dies möglich zu machen, bedeutete er die jungen Tarentiner, wo sie einen ihrer Landsleute von ferne sähen, sollten sie ihm zurufen, er möge sich ruhig verhalten, schweigen, und ohne alle Besorgniß sein.

10. Schon war der Lärm und das Geschrei so laut, wie in einer eroberten Stadt, allein noch wußte niemand mit Gewißheit was es bedeute. Die Tarentiner glaubten, die Römer hätten sich zu einer Plünderung der Stadt zusammengerottet: die Römer hielten es für einen Aufstand der Bürger in irgend einer bösen Absicht. Der Befehlshaber der Besatzung, der gleich beim ersten Getümmel in Bewegung gerieth, entfloh nach dem Hafen und fuhr, in einen Kahn aufgenommen, von dort nach der Burg herum. Auch eine Trompete, die vom öffentlichen Schauplatze her sich hören ließ, erregte Schrecken. Denn es war freilich eine Römische, welche die Verräther hierzu in Bereitschaft gehalten hatten; allein da sie von einem Griechen 186 ungeschickt geblasen wurde, so wußte man eben so wenig, von wem, als wem dies Zeichen gegeben werde. Als es anfing zu tagen, da freilich ließ den Römern der Anblick der Punischen und Gallischen Waffen keinen Zweifel mehr; und die Griechen, die allenthalben erschlagene Römer liegen sahen, wußten nun, daß Hannibal die Stadt erobert habe. Sobald es völlig Tag geworden war, die dem Gemetzel entronnenen Römer sich auf die Burg geflüchtet hatten und der Tumult allmälig schwieg, bestellte Hannibal eine unbewaffnete Versammlung der Tarentiner. Sie fanden sich sämtlich ein, diejenigen ausgenommen, welche den auf die Burg weichendenQui, cedentes in arcem, Romanos.] – Nach dieser Interpunction, welche Stroth aus Drakenborch beibehalten hat, scheint cedentes der Nominativ zu sein. Meiner Meinung nach ist die Creviersche: qui cedentes in arcem Romanos (ohne Kommata), wo cedentes als Accusativ zu Romanos gehört, die leichtere. Römern gefolgt waren, um jedes Schicksal mit ihnen zu theilen. Nach einer gütigen Anrede und Berufung auf Alles, was er an ihren beim Trasimenus oder bei Cannä gefangenen Mitbürgern gethan habe, wobei er die harte Tyrannei der Römer nicht ungerügt ließ, machte er es allen Tarentinern zur Pflicht, sich zu Hause zu halten und an ihre Hausthür ihre Namen zu schreiben; denn er werde sogleich auf ein gegebenes Zeichen die nicht bezeichneten Häuser plündern lassen. Wer vor das Quartier eines gebornen Römers – diese lagen nämlich in herrenlosen Häusern – einen Namen setzte, den werde er als Feind behandeln. Als nach entlassener Versammlung die mit Inschriften bemerkten Hausthüren den Unterschied zwischen Freundes und Feindes Wohnung kenntlich machten; zerstreuten sich Hannibals Truppen auf ein Zeichen von ihm zur Plünderung der Römischen Quartiere: und ihre Beute war beträchtlich.

11. Am folgenden Tage führte er sie zur Belagerung der Burg. Da er aber diese auf der Seite des Meeres, von dem sie größtentheils wie eine Halbinsel umflossen ist, durch sehr hohe Felsen, und von der Stadtseite durch eine Mauer und einen großen Graben geschützt sah, und daß sie eben darum so wenig durch Sturm, als durch Werke 187 zu erobern stehe: so beschloß er, damit weder ihn selbst die Sorge, die Tarentiner zu schützen, von wichtigern Dingen abhielte, noch auch die Römer von der Burg aus, so oft sie wollten, über die ohne große Besatzung zurückgelassenen Tarentiner herfallen könnten, die Stadt von der Burg durch einen Wall abzuschneiden; wobei sich ihm zugleich die Hoffnung zeigte, den Römern, wenn sie die Arbeit verhindern wollten, beizukommen, und wenn sie sich zu keck herausmachten, durch eine tüchtige Schlappe die Stärke der Besatzung so zu schwächen, daß die Tarentiner für sich selbst ihre Stadt leicht vor ihnen schützen könnten. Als die Arbeit begann, stürzten die Römer aus dem sich plötzlich öffnenden Thore auf die Schanzenden hervor; und der Posten, der die Arbeiter deckte, ließ sich verdrängen, damit die Feinde durch den Erfolg dreister werden und in größerer Anzahl und so viel weiter hinaus die Geschlagenen verfolgen möchten. Jetzt aber erhoben sich die von Hannibal dazu aufgestellten Punier auf ein gegebenes Zeichen von allen Seiten. Die Römer hielten den Angriff nicht aus: allein der enge Raum und die mancherlei Sperrungen, hier von dem schon angefangenen Werke, dort von den Vorkehrungen dazu, erschwerten ihnen die freie Flucht. Sehr viele stürzten in den Graben, und sie verloren mehr auf der Flucht, als im Gefechte. Seitdem ging auch die Arbeit ohne alle Störung vor sich. Ein großer Graben wurde gezogen, und diesseits ein Wall aufgeführt; ja Hannibal ging daran, in einer mäßigen Entfernung noch auf eben dieser Seite hinter demselben eine Mauer aufzustellen, damit sich die Bürger auch ohne ein Hülfskohr gegen die Römer behaupten könnten. Dennoch ließ er ihnen eine mäßige Besatzung zurück, zugleich auch, damit ihnen diese bei der anzulegenden Mauer helfen sollte. Nach seinem Aufbruche mit den übrigen Truppen schlug er am Flusse Galäsus – er ist fünftausend Schritte von der Stadt entfernt – sein Lager auf. Als das Werk, zu dessen Besichtigung er aus diesem Standlager zurückkam, über seine Erwartung schnell vorgerückt war, so glaubte er, auch die Möglichkeit zu sehen, die 188 Burg zu erobern. Und sie ist vom Lande herEt est non altitudine, ut cetera, tuta.] – Ich lese so: Et est non altitudine a terra tuta. Die Lesart ut cetera entstand aus dem fehlerhaft gelesenen a terra. Wenn der Abschreiber at zusammennahm und es für ut las, so blieb ihm nichts übrig, als das unerklärliche erra für eine Abbreviatur von cetera zu nehmen. Daß die Burg nach dem Lande zu nicht altitudine tuta gewesen sei, behauptet Liv. hier als Gegensatz von dem, was er im Anfange dieses Cap. gesagt hatte: et mari – praealtis rupibus – septam videret. Auch dort wollte Gron. lesen: et a mari. nicht so durch ihre Höhe gesichert, sondern liegt hier auf einer Ebene, und ist von der Stadt bloß durch Mauer und Graben geschieden. Als sie schon mit Maschinen aller Art und aus Werken bestürmt wurde, machte eine aus Metapontum geschickte Verstärkung den Römern so viel Muth, daß sie bei Nacht die feindlichen Werke überfielen. Einige zertrümmerten, andre verbrannten sie. Und nun hatten Hannibals offenbare Angriffe auf die BurgEa parte.] – Sollten diese zwei Wort vielleicht aus aperte entstanden sein? ein Ende. Die einzige Hoffnung beruhete noch auf der Einschließung; aber auch sie versprach nur wenig Erfolg, weil die Besitzer der Burg, welche durch ihre Lage auf der Halbinsel den Eingang des Hafens beherrscht, das Meer frei hatten, da hingegen der Stadt die Zufuhr zur See abgeschnitten, und die Belagerer dem Mangel eher ausgesetzt waren, als die Belagerten. Da setzte Hannibal den vornehmsten Tarentinern, die er zusammenkommen ließ, alle gegenwärtigen Schwierigkeiten aus einander. «Er sehe weder ein Mittel, eine so feste Burg zu erobern, noch rechne er im geringsten auf die Einschließung, so lange der Feind im Besitze des Meeres sei. Wenn man Schiffe habe, ihm die Einfuhr der Lebensmittel zu wehren, so müsse er sogleich entweder abziehen, oder sich ergeben.» Die Tarentiner stimmten ihm bei, meinten aber: «Wer zu einer Sache rathe, müsse ihr auch durch sein Zuthun zu Hülfe kommen. Wenn er Punische Schiffe aus Sicilien zusammenzöge, so würden diese das bewerkstelligen können: wie aber ihre eigenen Schiffe, die im Innern einer kleinen Bucht eingeschlossen ständen, es möglich machen wollten, da der Feind den Hafen geschlossen halte, auf 189 das offene Meer hinaus zu kommen?» – «Sie sollen hinaus kommen!» sprach Hannibal. «Manche der Natur nach schwierige Aufgabe löset die Klugheit. Ihr habt eine Stadt, die in einer Fläche liegt. Ihre ebenen und hinlänglich breiten Straßen sind nach allen Seiten hin offen. Auf dem Wege, der vom HafenVia, quae in portum.] – Ich glaube, der Sache selbst und des Polybius εκ του̃ λιμένος gemäß, mit Sigonius und Crevier lesen zu müssen: Via, quae ex portu. Dieser Lesart nähern sich auch zwei Handschriften, in welchen sich Via, quae est in portu findet. mitten durch die Stadt bis zum Meere durchgeführt ist, will ich die Schiffe ohne große Schwierigkeit auf Wagen hinüberschaffen. Dann wird einmal das Meer, das jetzt die Feinde beherrschen, unser sein; zum andern werden wir die Burg von dort aus zur See, von hier aus zu Lande einschließen. Was gilts? in Kurzem werden wir sie, entweder von den Feinden geräumt, oder mit samt den Feinden in unsrer Gewalt haben.» Diese Sprache weckte bei ihnen nicht bloß die Hoffnung zur Ausführung, sondern erfüllte sie auch mit einer außerordentlichen Bewunderung des Feldherrn. Sogleich wurden von allen Seiten Wagen zusammengebracht und an einander gebunden: man brachte Walzen an, die Schiffe auf das Ufer zu heben, und pflasterte zur Erleichterung der Überfahrt für die Wagen und größere Vorkehrungen zu ersparen, den Weg. Man bot Zugvieh und Menschen auf, ging mit Eifer an das Werk; und nach wenig Tagen segelte die Flotte bemannet und fertig um die Burg herum und legte sich gerade vor der Mündung des Hafens vor Anker.

In diesem Zustande hinterließ Hannibal Tarent, als er in die Winterquartiere zurückging. Ob übrigens der Abfall der Tarentiner im vorigen, oder in diesem Jahre zu Stande gekommen sei, darüber sind die Geschichtschreiber nicht einig. Die meisten und, ihrer Lebzeit nach, der aufzubehaltenden Begebenheit die nächsten, setzen ihn in dieses Jahr.

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