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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 72
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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89 Vier und zwanzigstes Buch.

1. Nach seiner Rückkehr aus Campanien ins Bruttische Gebiet machte Hanno, von den Bruttiern unterstützt und angeführt, Versuche auf die Griechischen Städte, die aber in der Verbindung mit Rom so viel lieber beharreten, weil sie sahen, daß die Bruttier, die von ihnen gehaßt und gefürchtet wurden, auf Carthagischer Partei waren. Auf Rhegium machte er den ersten Versuch und verlor hier mehrere Tage. Unterdeß rafften die Locrenser Getreide, Holz und andre Bedürfnisse vom Lande in ihre Stadt zusammen, auch deswegen, um dem Feinde keine Beute zurückzulassen; und täglich strömte eine größere Menge aus allen Thoren. Zuletzt waren bloß die in der Stadt zurückgelassen, welche die Mauern und Thore ausbessern und Vorräthe von Geschossen auf die Vertheidigungswerke bringen mußten. Auf jene aus allen Altern und Ständen gemischte und großentheils wehrlos im Lande umherstreifende Menge schickte der Punier Bomilcar seine Reuterei, welche mit dem ausdrücklichen Verbote, irgend jemand zu verletzen, bloß dazu mit ihren Geschwadern sich ihnen entgegenwarf, um die auf der Flucht sich Zerstreuenden von der Stadt abzuschneiden. Der Feldherr selbst, welcher eine Höhe besetzte, von wo er die Gegend und die Stadt übersehen konnte, ließ eine Cohorte Bruttier an die Mauern rücken, welche die vornehmsten Locrenser zu einer Unterredung herausrufen und sie unter der Zusage von Hannibals Freundschaft zur Übergabe der Stadt bereden sollten. In der Unterredung trauten diese anfangs den Bruttiern durchaus nicht; dann aber, als auf den Höhen sich die Punier zeigten, und einige Zurückgeflohene berichteten, 90 daß der ganze übrige Haufe in feindlicher Gewalt sei, verstanden sie sich aus Furcht zu der Antwort, sie wollten bei dem Gesamtvolke darauf antragen: und da in der sogleich berufenen Versammlung die Leichtsinnigen alle eine neue Verfassung und neue Verbindung gern sahen; diejenigen aber, deren Verwandte außerhalb der Stadt von den Feinden abgeschnitten waren, ihre Neigung, gleich als hätten sie Geisel gegeben, schon verpfändet hatten, und nur wenige die Beharrlichkeit in der Treue mehr in der Stille für recht erkannten, als die für recht erkannte zu vertheidigen wagten, so erfolgte dem Scheine nach mit offenbarer Übereinstimmung die Übergabe an die Punier. Nachdem man den Befehlshaber der Besatzung, Lucius Atilius und seine Römer heimlich in den Hafen gebracht und eingeschifft hatte, um sie nach Rhegium abfahren zu lassen, nahm man den Bomilcar und die Punier auf die Bedingung in die Stadt, daß in den gleich jetzt abzuschließenden Punkten des Bündnisses beide Theile sich gleich gestellt würden. Beinahe wäre ihnen dies nach der Übergabe nicht gehalten, weil der Punische Anführer sie beschuldigte, sie hätten treuloser Weise die Römer abziehen lassen, und die Locrenser dagegen vorschützten, jene hätten sich selbst gerettet. Es wurde auch den Römern Reuterei nachgeschickt, auf den möglichen Fall, daß die Flut die Schiffe in der Meerenge aufhielte oder sie auf das Land triebe. Sie holte die, denen sie nachsetzte, nicht mehr ein, wurde aber andre Schiffe gewahr, welche von Messana durch die Meerenge nach Rhegium übersetzten. Es waren Römische Soldaten, die der Prätor Claudius schickte, um sich dieser Stadt zu versichern. Deswegen zog auch Hanno gleich darauf von Rhegium ab. Der mit Hannibals Zustimmung den Locrensern bewilligte Friede setzte fest: «Sie sollten frei nach ihren Gesetzen leben; die Stadt den Puniern offen stehen, der Hafen den Locrensern gehören: der Bund sollte auf der Verpflichtung beruhen, daß die Punier den Locrensern, die Locrenser den Puniern im Frieden und Kriege Hülfe zu leisten hätten.«

91 2. Nun also zogen sich die Punier von der Meerenge wieder zurück, nicht ohne lautes Murren von Seiten der Bruttier, weil diese Rhegium und Locri, Städte, welche sie sich zum Plündern ausersehen hatten, unangerührt hatten verlassen müssen. Deswegen machten sie für sich allein, nachdem sie unter ihren Dienstfähigen funfzehntausend ausgehoben und bewaffnet hatten, sich auf den Weg, Croto zu belagern, eine ebenfalls Griechische, auch am Meere gelegene Stadt; in der Überzeugung, durch den Besitz einer Seestadt, welche ihres Hafens und ihrer Festigkeit wegen wichtig sei, ihre Macht bedeutend zu erhöhen. Nur diese Sorge beunruhigte sie, daß sie es nicht geradezu wagen wollten, die Punier zur Hülfsleistung ungerufen zu lassen, um sich nicht den Schein zu geben, als hätten sie hier nichtNe quid non pro sociis egisse. ] – Ich übersetze nach Creviers Erklärung, der die Worte pro sociis auf die Bruttier selbst bezieht: ne quid viderentur egisse, in quo non pro sociis se gessissent; ne quid esset, in quo non tamquam socii egisse viderentur. Denn wollte man, wie einige Übersetzer thun, pro sociis auf die Punier ziehen, so wäre ja die Verstärkung der Bruttischen Macht durch die Eroberung von Croto doch eine res pro sociis gesta. als Bundesgenossen gehandelt; und sie doch auch, wenn die Punier auch diesmal mehr den Schiedsrichter zum gütlichen Vergleiche, als den Gehülfen im Angriffe machten, nicht gern vergebens, und nur für die Freiheit von Croto, so wie vorhin für die von Locri, gefochten haben wollten. Sie hielten es also fürs Beste, an den Hannibal Gesandte zu schicken und es bei ihm zu bevorworten, daß Croto nach der Eroberung den Bruttiern gehören solle. Da sie Hannibal mit der Antwort, das hatten die zu überlegen, die an Ort und Stelle wären, an den Hanno gewiesen hatte, so gab ihnen auch Hanno keine Gewißheit. Denn beide wollten eine so berühmte und reiche Stadt nicht gern geplündert werden lassen, und hofften, wenn die Bruttier sie belagerten, und es sich zeige, daß man von Punischer Seite die Belagerung weder billige, noch unterstütze, daß sie so viel eher zu ihnen übertreten werde. In Croto selbst hatten die Eingebornen weder einerlei Anschläge, noch Absichten. Ich möchte sagen, die Städte Italiens waren 92 sämtlich von derselben Krankheit befallen, daß die Bürgerlichen anders dachten, als die Vornehmen; der Senat die Römer begünstigte, der Bürgerstand sich auf Punische Seite neigte. Diese Uneinigkeit in der Stadt zeigte ein Überläufer den Bruttiern an; zugleich, daß Aristomachus das Haupt des Bürgerstandes sei und die Übergabe der Stadt beabsichtige; daß in einer so großen Stadt und bei ihren weit aus einander laufenden Werken die Posten und Wachen der Senatoren nur einzeln ständen, wo aber Bürgerliche die Wache hätten, der Eingang offen sei. Auf dies Wort des Überläufers und unter seiner Leitung rückten die Bruttier im Sturmkranze an die Stadt, und von den Bürgerlichen beim ersten Angriffe eingelassen, besetzten sie die sämtlichen Plätze, die Burg ausgenommen. Die Burg behaupteten die Vornehmen, welche sie schon früher auf einen solchen Fall als Zufluchtsort in Bereitschaft gesetzt hatten. Eben dahin flüchtete auch Aristomachus, als sei es seine Absicht gewesen, die Stadt den Puniern, nicht aber den Bruttiern zu übergeben.

3. Die Stadt Croto hatte vor des Pyrrhus Ankunft in Italien eine Mauer gehabt, die sich auf zwölftausend Schritte in die Runde erstreckte. Nach der in jenem Kriege erlittenen Entvölkerung wurde kaum noch die Hälfte bewohnt. Der Fluß, welcher die Stadt in der Mitte durchströmt hatte, floß jetzt außerhalb der mit Häusern besetzten Gegend vorüber und die Burg lag von dem bewohnten Theile weit ab. Sechstausend Schritte von der berühmten Stadt, und noch berühmter als die Stadt selbst, stand der Tempel der Juno Lacinia, allen umher wohnenden Völkern heilig. Dort hatte ein von dichter Waldung und hohen Tannenbäumen umschlossener Hain in seiner Mitte die herrlichsten Weideplätze, wo das der Göttinn heilige Vieh aller Art ohne Hirten weidete; und die nach ihren Arten gesondert ausgegangenen Heerden wanderten eben so des Abends wieder den Ställen zu, von auflaurendem Wilde, von menschlicher Bosheit gleich unbeschädigt. Folglich war der Gewinn von diesen Heerden ansehnlich, und man hatte davon einen 93 Pfeiler von gediegenem Golde verfertigen lassen und geweihet; und der Tempel stand auch seines Reichthums wegen, nicht bloß durch seine Heiligkeit, in Ruf. Auch pflegen dergleichen sich auszeichnenden Orten Wunder angedichtet zu werden. So sagt man, im Vorhofe des Tempels stehe ein Altar, dessen Opferasche kein Wind verwehe.

Die Burg von Croto nun, die mit der einen Seite über das Meer ragt, mit der andern landeinwärts liegt, ehemals bloß durch ihre natürliche Lage fest, war späterhin auch da mit einer Mauer umzogen, wo Siciliens Tyrann Dionysius von hintenzu über die Felsen sich hereingeschlichen hatte. Diese Burg, die, wie der Augenschein gab, fest genug war, hatten damals die Vornehmsten von Croto besetzt und wurden hier von den Bruttiern und ihren eignen Bürgern belagert. Als die Bruttier zur Eroberung der Burg sich zu schwach fühlten, riefen sie endlich nothgedrungen den Hanno zu Hülfe. Hanno fand mit seinem Versuche, die Crotoniaten zur Übergabe durch die Vorstellung zu vermögen, daß sie sichs gefallen lassen möchten, Bruttische Pflanzer einzunehmen und ihrer öden und menschenarmen Stadt die alte Bevölkerung wiedergegeben zu sehen, bei niemand Eingang, als bei dem Aristomachus; sie versicherten, sie wollten lieber sterben, als im Gemische mit Bruttiern zu fremden Gebräuchen, Sitten und Gesetzen und demnächst auch zu einer andern Sprache übergehen. Aristomachus war der Einzige, der, weil er sie weder zur Übergabe zu bereden vermochte, noch eine Möglichkeit sah, die Burg zu verrathen, wie er die Stadt verrathen hatte, als Überläufer zum Hanno ging. Als aber bald nachher mit Hanno's Erlaubniß Gesandte von Locri sich in die Burg begaben, ließen sich die Crotoniaten von diesen zu der Einwilligung bereden, nach Locri versetzt zu werden und es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Auch hatten sie diese Erlaubniß schon vom Hannibal durch Gesandte erhalten, die sie an ihn selbst geschickt hatten. So wurde Croto geräumt, und die Crotoniaten, die man an die Küste brachte, gingen zu Schiffe. Sie wandten sich sämtlich nach Locri. 94 Zwischen den Römern und dem Hannibal blieb in Apulien auch nicht einmal der Winter ruhig. Der Consul Sempronius überwinterte zu Luceria, Hannibal in der Nähe von Arpi. So wie man sich traf, oder so wie diese oder jene Partei ihren Vortheil ersah, fielen kleine Gefechte vor; und in diesen wurden die Römer bessere Soldaten und lernten sich von Tage zu Tage besser vor Überlistung hüten und schützen.

4. In Sicilien hatte in Hinsicht der Römer Alles eine andre Gestalt bekommen, durch den Tod des Hiero und den Übergang der Regierung auf seinen Enkel Hieronymus, einen Knaben, der von sich erwarten ließ, daß er sich jetzt kaum in seiner Freiheit, geschweige denn in der Oberherrschaft mäßigen würde. Mit dieser Sinnesart kam er in die Hände von Vormündern und Freunden, welche sichs angelegenEa aetate id ingenium – ad praecipitandum. ] – Das Wort ea steht in keiner einzigen Handschrift, eben so wenig, als das von andern aufgenommene laeti id ingenium. Aus den Lesarten der besten Mss. aetatis id ingenium, oder aetate sit, oder aetates id, in welchen allen das s beibehalten ist, lese ich alacres id ingenium, und ziehe dies alacres zu ad praecipitandum, denn dies ad, welches Drakenb. u. Crevier dreien (nicht den besten) Handschriften zufolge weglassen wollen, hat alle übrigen besseren für sich. So sagt Caesar: ad bella suscipienda Gallorum alacer animus, und Cic. quo sis, Africane, alacrior ad tutandam rem p. Das Wort ingenium muß dann, wie das so oft im Livius der Fall ist, zweimal gedacht werden. Tutores id ingenium acceperunt, alacres ad praecipitandum id ingenium in omnia vitia. Wie hier aus alacres aetates wurde, so 45, 14. x. aus alacritate aequitate. sein ließen, ihn in alle Laster zu stürzen. Hiero, der dies voraus sah, soll noch in seinen letzten Tagen Willens gewesen sein, Syracus als einen Freistat zu hinterlassen, damit sein Königreich, durch löbliche Mittel begründet und festgestellt, nicht unter dem Machtgebote eines Kindes muthwillig zu Grunde gerichtet würde. Diesem seinem Vorsatze arbeiteten seine Töchter mit allen Kräften entgegen, weil sie erwarteten, daß der Prinz den königlichen Titel, die Regierung des Ganzen aber sie und ihre Gatten, Andranodorus und Zoippus haben würden; denn diese hatte Hiero unter den ernannten Vormündern oben an gestellt. Es war allerdings nicht leicht für ihn, im neunzigsten Jahre, Tag 95 und Nacht von liebkosenden Töchtern umlagert, sich die freie Stimmung zu geben, und statt des Besten seines Hauses das des States zu beherzigen. Er that also nur so viel: er hinterließ dem jungen Prinzen funfzehn Vormünder, die er sterbend bat, sie möchten die treue Freundschaft mit dem Römischen Volke, die er funfzig Jahre lang gehalten habe, unverbrüchlich beibehalten, und den Jüngling vorzüglich seinen Fußstapfen und der Zucht folgen lassen, in welcher er bis jetzt gebildet sei. Dies waren seine Bestellungen. Als nach seinem Ableben das Testament durch die Vormünder bekannt gemacht und der Prinz der Versammlung vorgestellt war, – er war aber damals beinahe funfzehn Jahre alt – und nur die Wenigen, die man in der Versammlung vertheilt hatte, um ein Freudengeschrei zu erheben, dem Testamente Beifall gaben, die übrigen aber wie nach dem Verluste eines Vaters in dem verwaiseten State Alles fürchteten, so ging der königliche Leichenzug vor sich, feierlicher durch die Liebe und Werthachtung der Unterthanen, als durch Veranstaltung der Familie. BaldDaß dies sehr bald erfolgt sein müsse, giebt theils die Sache, theils die Geschichte. Um so viel lieber folge ich der Lesart des (besten) Puteanischen Codex celebrevi, aus welcher schon Crevier die von Drakenb. nicht gemisbilligte Verbesserung vorschlug: celebre. Brevi deinde. darauf verdrängte Andranodorus die übrigen Vormünder durch die Behauptung, Hieronymus sei schon Jüngling und selbst regierungsfähig: und dadurch, daß er eine Vormundschaft niederlegte, in die er sich mit Mehreren zu theilen hatte, eignete er die Macht aller Übrigen sich allein zu.

5. Selbst jedem guten und sich mäßigenden Könige möchte es nur mit Mühe gelungen sein, als Nachfolger des so hochgeliebten Hiero die Herzen der Syracusaner zu gewinnen. Hieronymus aber, als wollte er die Leute durch seine Laster seinen Großvater recht vermissen lassen, zeigte gleich, so wie er sich zum erstenmale sehen ließ, in allen Stücken einen nur zu sehr auffallenden Abstich. Hatten die Unterthanen seit so vielen Jahren den Hiero und seinen Prinzen Gelo nie durch ihre Tracht 96 oder ein andres Abzeichen von den übrigen Bürgern sich unterscheiden sehen, so zeigte er sich ihnen jetzt in Purpur, mit einer königlichen Kopfbinde, mit bewaffneten Trabanten, oder, wie er nicht selten auf einem Viergespanne von weißen Rossen, nach Sitte des Tyrannen Dionysius, von der Königsburg herabfuhr. An diesen Prunk im ganzen Zuschnitte des Äußern schlossen sich, wie es sich dazu schickte, Geringschätzung aller Andern, Erwartung eines hochfeiernden Tones, eine beleidigende Sprache, seltenes Vorlassen nicht nur Anderer, sondern auch der Vormünder, ausgedachte Wollüste, unmenschliche Grausamkeit. So überfiel denn auch Alle ein solcher Schrecken, daß einige von den Vormündern durch freiwilligen Tod oder Flucht der gefürchteten Hinrichtung zuvorkamen. Drei von ihnen, die allein einen vertrauteren Zutritt im Innern hatten, Andranodorus und Zoippus, Hierons Schwiegersöhne, und ein gewisser Thraso, fanden zwar in andern Dingen auch wenig Gehör; doch hatten sie darüber, daß ihrer Zwei die Sache Carthago's, Thraso hingegen das Bündniß mit Rom, begünstigt wissen wollten, zuweilen durch ihren Streit und Eifer die Aufmerksamkeit des Jünglings auf sich gezogen; als man von einer Verschwörung gegen das Leben des Tyrannen durch einen gewissen Calon Nachricht erhielt, der, mit dem Hieronymus gleiches Alters, von früher Kindheit an alle Rechte der vertrautesten Freundschaft genossen hatte. Der Anzeiger konnte nur Einen von den Verschwornen nennen, den Theodotus, der ihn selbst zur Theilnahme aufgefordert hatte. Als dieser sogleich ergriffen und dem Andranodorus zur Folterung überliefert war, so verschwieg er, nach dem freimüthigsten Geständnisse über sich selbst, seine Mitverschwornen. Endlich, unter Martern zerfleischt, die alles, was Menschen aushalten können, überstiegen, gab er, indem er sich stellte, als müsse er vor Schmerzen bekennen, statt der Mitwissenden Unschuldige an; machte fälschlich den Thraso zum Urheber des Anschlages, weil sie ohne Rückhalt an einem so mächtigen Haupte auf eine so wichtige Unternehmung sich 97 nicht eingelassen haben würden. Und nunAb latere inde eos nominat tyranni. ] – Weil die von Gronov durch Weglassung der Worte inde eos nominat aufgestellte Parenthese nach Drakenborchs und Creviers Meinung zu hart ist, so bin ich Strothen gefolgt, der jene Worte aus den ältesten gedruckten Ausgaben wieder aufgenommen hat. nannte er von der nächsten Umgebung des Tyrannen alle die, deren Leben in seinen Augen, so viel er sich bei der unter Schmerzen und Gewimmer auszudenkenden Anklage entsann, den wenigsten Werth hatte. Bei dem Tyrannen gab seiner Aussage dies die meiste Glaubwürdigkeit, daß er den Thraso nannte. Sogleich wurde dieser zur Hinrichtung abgeliefert, die auch an den übrigen eben so Unschuldigen vollzogen wurde. Von den Mitverschwornen versteckte sich, obgleich der Theilnehmer ihres Anschlags lange auf der Folter war, nicht Einer; nicht Einer nahm die Flucht: so fest verließen sie sich auf die Standhaftigkeit und Treue des Theodotus, und so viel Kraft hatte Theodotus selbst, sein Geheimniß zu bewahren.

6. Als auf diese Art Thraso, das einzige Band der Vereinigung mit den Römern, aus dem Wege geräumt war, so war der wirkliche Abfall so gut als ausgemacht: es gingen Gesandte an den Hannibal ab, und er schickte dagegen nebst einem vornehmen Jünglinge, Namens Hannibal, den Hippocrates und Epicydes, die zu Carthago geboren waren, aber durch ihren vertriebenen Großvater aus Syracus stammeten und nur von mütterlicher Seite Punier waren. Durch sie kam ein Bündniß zwischen Hannibal und dem Syracusaner Zwingherrn zu Stande, und Hannibal sah es nicht ungern, daß sie bei dem Zwingherrn zurückblieben.

Als der Prätor Appius Claudius, dessen Provinz Sicilien war, dies erfuhr, schickte er sogleich an den Hieronymus Gesandte, welche aber auf die Anzeige, daß sie gekommen waren, das mit seinem Großvater bestandene Bündniß zu erneuern, von Hieronymus nicht ohne Höhnung angehört und entlassen wurden, indem er sich spöttisch bei ihnen erkundigte: «Wie doch die Schlacht bei Cannä für sie abgelaufen sei: denn was Hannibals 98 Gesandte davon erzählten, sei beinahe unglaublich. Er wünsche doch die Wahrheit zu wissen; um sich darnach zu bestimmen, an welche Partei von beiden er sich anzuschließen habe.» Die Römer, die ihm antworteten, sie wollten sich wieder bei ihm einfinden, wann er so weit gekommen sein würde, Gesandschaften mit Ernst anhören zu können, beurlaubten sich mehr im Tone der Warnenden, als der Bittenden, den Bund nicht so leichtsinnig aufzugeben.

Hieronymus schickte Gesandte nach Carthago, der Vereinigung mit dem Hannibal gemäß ein Bündniß abzuschließen. In dem Vertrage ward man eins, daß, wenn sie die Römer aus Sicilien vertrieben hätten, – und dies würde bald geschehen, wenn nur die Carthager Schiffe und Truppen schickten – der Fluß Himera, welcher beinahe die Durchschnittslinie der Insel ist, die Länder des Syracusanischen Königreichs und der Punischen Hoheit scheiden sollte. Aufgeblasen durch die Schmeicheleien derer, welche ihn bedenken hießen, daß nicht bloß Hiero sein Großvater gewesen sei, sondern von der Mutter her auch KönigDessen Tochter Nereis Gelo, Vater des Hieronymus, zur Gemahlinn gehabt hatte. Pyrrhus, fertigte er späterhin eine zweite Gesandschaft ab, durch welche er erklärte, billig müsse ihm ganz Sicilien überlassen und für Carthago als alleiniges Eigenthum die Herrschaft über Italien erkämpft werden. Sie fanden diese unsichere und schwankende Haltung an einem verrückten Jünglinge eben so wenig befremdend, als zu Gegenvorstellungen geeignet; wenn sie ihn nur den Römern abwendig machten.

7. Allein bei ihm stürzte sich Alles dem Untergange unaufgehalten entgegen. Denn als er nach Voraufsendung des Hippocrates und Epicydes, welche mit zweitausend Mann auf die mit Römischen Besatzungen belegten Städte Versuche machen sollten, für seine Person mit dem ganzen übrigen Heere – es waren an funfzehntausend Mann Fußvolk und Reuterei – ebenfalls nach Leontini abgegangen war, so miethete sich ein Haufe 99 Verschworner – und sie alle dienten gerade unter den Truppen – ein wirthleeres Haus an einer engen Straße, durch welche der König auf den Marktplatz zu kommen pflegte. Einen aus ihrer Mitte, Namens Dinomenes, bestellten sie dazu, weil er zur Leibwache gehörte, während die übrigen in Erwartung des vorübergehenden Königs fertig und gewaffnet daständen, durch irgend eine Veranlassung, wenn sich der König der Hausthür näherte, hinter dem Könige den Zug in der schmalen Straße aufzuhalten. Es ging Alles, wie es verabredet war. Dinomenes, der unter dem Scheine, an seinem aufgehobenen Fuße einen zu fest geschürzten Riemen nachzulassen, die Menge aufhielt, bewirkte dadurch einen so großen Zwischenraum, daß der König, auf welchen der Angriff geschah, als er im Vorübergehen keine Bewaffneten um sich hatte, durch mehrere Wunden niedergemacht wurde, ehe man ihm zu Hülfe kommen konnte. Bei dem ausbrechenden Geschreie und Getümmel, wurde auf den Dinomenes, den man nun offenbar den Weg sperren sah, mit Pfeilen geschossen, unter denen er aber mit zwei Wunden entkam. Die Trabanten, als sie den König liegen sahen, nahmen die Flucht. Die Mörder eilten zum Theile auf den Marktplatz unter die über ihre Freiheit frohlockende Menge, zum Theile nach Syracus, um den Maßregeln Andranodor's und der übrigen Königsfreunde zuvorzukommen.

Da Appius Claudius bei dieser ungewissen Lage der Dinge dem Ausbruche des Krieges in seiner Nähe entgegensah, so benachrichtigte er den Senat schriftlich, man gehe damit um, Sicilien den Carthagern und dem Hannibal zu befreunden. Dann zog er, den Maßregeln zu Syracus entgegen zu wirken, alle seine Truppen gegen die Gränzen seiner Provinz und des königlichen Gebiets.

Am Ende dieses Jahres machte Quintus Fabius nach einem Gutachten des Senats Puteoli, welches während des Krieges als Handelsplatz bevölkert war, zur Festung und legte eine Besatzung hinein. Auf seiner Reise von hier zum Wahltage nach Rom setzte er den nächsten zur Versammlung sich eignenden Tag zur Wahl an, und nahm 100 seinen Weg vor der Stadt vorbei zum Marsfelde hinab. Da die Dienstfähigen der Aniensischen Centurie an diesem Tage durch das Los die erste Stimme zu geben hatten und sie den Titus Otacilius und den Marcus Ämilius Regillus zu Consuln ernannte, so hielt Quintus Fabius nach gebotener Stille folgende Rede:

8. «Hätten wir entweder Frieden in Italien, oder Krieg mit einem Feinde, gegen den man der Fahrlässigkeit einigen Spielraum gestatten dürfte, so würde ich glauben, daß der Mann, der euren Neigungen, mit denen ihr auf das Wahlfeld kommt, um die Statsämter jedem nach eurem Gefallen anzuvertrauen, das mindeste Hinderniß entgegenstellen wollte, nicht die gehörige Rücksicht auf eure Freiheit nähme. Allein da in diesem Kriege und gegen diesen Feind keiner von unsern Feldherren einen Fehler begangen hat, der nicht für uns den größten Nachtheil zur Folge gehabt hätte, so müßt ihr auch mit eben der Fassung, mit der ihr euch gewaffnet in die Schlachtreihe stellt, bei der Consulnwahl zum Stimmengeben schreiten, und Jeder zu sich selbst sagen: ««Ich wähle im Consul dem Feldherrn Hannibal einen Gegenmann.»» Selbst in diesem Jahre wurde bei Capua dem herausfordernden Jubellius Taurea, als dem besten Campanischen Ritter der beste Römische Ritter Claudius Asellus entgegengestellt. Dem fordernden Gallier, auf der Brücke des Anio, sandten einst unsre Vorfahren den muth- und körperfesten Titus Manlius. Eben dies muß, meiner Meinung nach, einige Jahre später der Grund gewesen sein, warum man in den Marcus Valerius kein Mistrauen setzte, als er bei der ähnlichen Forderung eines Galliers sich waffnete. So wie wir Fußvolk und Reuterei zu haben wünschen, die den feindlichen überlegen, wo nicht, ihnen wenigstens gleich sind, so müssen wir uns nach einem Heerführer umsehen, der dem feindlichen Feldherrn gleich ist. Selbst wenn wir den erfahrensten Feldherrn im State ausgesucht haben, so wird er doch als der jetzt eben gewählte, als der nur auf Ein Jahr angesetzte einem alten und 101 bleibenden Feldherrn gegenüber gestellt, den weder Beschränkung der Zeit noch seiner Rechte abhält, Alles so zu leiten und anzuordnen, wie es die Umstände des Krieges fordern. Uns aber geht noch im Zuschnitte selbst und wenn wir die Sachen eben nur eingeleitet haben, das Jahr schon zu Ende. Nachdem ich über den Punkt, was für Consuln ihr wählen müßtet, genug gesagt habe, bleibt mir noch in Rücksicht der Männer einiges zu bemerken, für welche die zuerst stimmende Centurie sich erklärt hat. Marcus Ämilius Regulus ist Eigenpriester des Quirinus, so daß wir ihn weder in den Krieg abgehen lassen, noch hier behalten können, wenn wir nicht entweder die Sorge für die Götter, oder die für den Krieg verabsäumen wollen. Otacilius hat meiner Schwester Tochter zur Gattinn und Kinder von ihr. Allein eure Verdienste um mich und meine Vorfahren sind nicht so unbedeutend, daß ich nicht des States Bestes allen Familienverbindungen vorziehen sollte. Auf ruhigem Meere kann jeder Schiffer und Mitfahrende das Steuer führen: erhebt sich aber ein wüthender Sturm und das Schiff wird auf wogendem Meere vom Winde fortgeschleudert, dann muß der Mann, der Steuerkundige, herbei. Wir schiffen jetzt nicht auf ruhiger See, sondern durch mehrere Stürme sind wir dem Sinken nahe gebracht. Folglich habt ihr mit der größten Sorgfalt es einzurichten und darüber zu verfügen, wer am Steuer sitzen soll. In einer minder wichtigen Sache, Titus Otacilius, haben wir mit dir einen Versuch gemacht. Wahrlich du hast uns keine solche Probe abgelegt, daß wir Lust hätten, uns im Großen auf dich zu verlassen. Die Flotte, die du zu führen hattest, rüsteten wir in diesem Jahre zu dreierlei Zwecken aus: sie sollte die Africanische Küste verheeren, uns die Küste Italiens sichern, hauptsächlich aber keine Zufuhr an Truppen, Geld und Vorräthen von Carthago zum Hannibal gelangen lassen. Wählet ja den Titus Otacilius zum Consul, wenn er dem State, ich will nicht sagen, dieses Alles, sondern nur Eins davon geleistet hat. 102 Wenn aber, indeß du an der Spitze unsrer Flotte standest, alles mögliche beim Hannibal von Hause sicher und unverkümmert anlangte, nicht anders, als wäre zu Wasser Friede; wenn Italiens Küste in diesem Jahre öfter beunruhigt ward, als die von Africa, was kannst du dann als Grund anführen, warum wir gerade dich als Feldherrn einem Feinde wie Hannibal entgegen stellen sollen? Wenn du jetzt Consul wärest, so müßten wir nach dem Muster unsrer Vorfahren auf Ernennung eines Dictators antragen: und du dürftest nicht darüber unwillig sein, daß im Römischen State jemand für brauchbarer im Kriege gehalten würde, als du. Es kann keinem mehr daran liegen, Titus Otacilius, als dir selbst, daß deinem Nacken keine Last aufgebürdet werde, unter welcher du erliegest.»

«Ich fordere euch dringend auf, wie, wenn ihr schon als Bewaffnete in der Schlachtreihe jetzt gleich zwei Feldherren wählen solltet, um unter ihrer Führung und Götterleitung zu fechten, in eben dieser Stimmung auch heute die Consuln zu wählen, denen eure Kinder den Fahneneid leisten, auf deren Ruf sie sich stellen, unter deren Schutze und Aufsicht sie fechten sollen. Der See Trasimenus und Cannä sind für unsre Erinnerung traurige Beispiele, aber zu unserer Belehrung, uns vor ähnlichen Niederlagen zu hütenIch lese hier: tristia ad recordationem exempla, sed ad praecavendas similes, utiles documento sunt. In den ersten Worten kann ich Strothen nicht beipflichten, wenn er gegen alle Msc. triste statt tristia lesen, und exempla r beibehalten will, da doch Drakenb. sagt: satius fuisset, ultimam literam, του̃ exemplar expungi, und ich auch weiß, daß in Handschriften von einigem Alter (wie die Florentiner, oder Puteanische, oder der Codex vom Mallius Theodorus in Wolfenbüttel) sich r und f so ähnlich sehen. Dadurch, daß aus exempla, sed fälschlich gelesen wurde exemplar, entstand nun die falsche Lesart mehrerer Msc. exemplar et und exemplar at. In den letzten Worten hingegen glaube ich, Strothen Recht geben zu müssen, daß er sich an den Cod. Florent. hält, und unsre Stelle so supplirt: ad praecavendas similes [clades], utiles documento sunt. Ich vertheidige ihn gegen die, welche etwa glauben möchten, wegen des voraufgegangenen tri stia ad recordationem exem pla, müsse es auch nachher heißen ad praecavendas similes [clades], uti lia documento sunt, durch die in der Vorrede zum Cic. de offic. Seite 46. bei der Stelle Cicero's Omni ornatu orationis, tamquam veste detrac ta angeführten ähnlichen Stellen des Nepos und Suetonius, wo die Editoren noch mehrere angegeben haben., heilsam. Herold, 103 fordere die Dienstfähigen der Aniensischen Centurie auf, noch einmal zu stimmen!»

9. Als Titus Otacilius trotzig rief, Fabius wolle nur sein Consulat fortsetzen, und in Widerworten laut wurde, so hieß der Consul die Gerichtsdiener sich neben jenen stellen; und weil er selbst, ohne in die Stadt zu ziehen, sogleich von der Reise auf das Marsfeld gegangen war, so fragte er ihn, ob er wohl wisse, daß auf seinen Ruthenbündeln noch die Beile steckten. Die zuerst stimmende Centurie schritt wieder zur Stimmensammlung, und von ihr wurden Quintus Fabius Maximus zum viertenmale, Marcus Marcellus zum drittenmale zu Consuln gewählt. Die übrigen Centurien ernannten ohne alle Abweichung dieselben Consuln. Auch Ein Prätor wurde wieder gewählt, Quintus Fulvius Flaccus, die übrigen dreiNovi alii creati.] – Ich glaube, die Lesart Gronovs und Creviers novi tres alii creati wieder herstellen zu müssen. Dem Cod. Puteanus zu Liebe warf Drakenborch die Zahl – und Zahlen fallen doch so leicht in den Msc. weg – aus dem Texte. Er selbst aber hielt sich V. 35, 5. in den Worten legati tres M. Fabii Ambusti filii nicht an den schönen Cod. Florentinus, in welchem doch das Wort tres, wie in vielen andern entweder das Wort tres oder der Vorname M. fehlte. Dort sagt er selbst sehr richtig: Ex hac lectionum varietate colligi potest, vocem tres olim per notas III. scriptam fuisse, ob similitudinem autem ductuum inter hanc notam et literam M factum esse, ut alterum ab altero interceptum sit. So geht es gerade an unsrer Stelle. Statt Flaccus: novi III alii findet sich in allen alten Ausgaben Flaccus nonuM, alii u. s. w. und in vielen Handschriften die Spur des M, entweder in nove nnali oder nove sali, nove m sali, nove m salii, nove m alii creati. Alle diese M, oder alle Spuren desselben, zeugen für das ursprünglich dagewesene III. Und wie schon gesagt, Gronov und Crevier (letzterer noch 1747, nachdem Drakenb. schon 1710 hatte drucken lassen) sind meiner Meinung. waren neue, Titus Otacilius Crassus, der es zum zweitenmale ward; Quintus Fabius, des Consuls Sohn, damals Curulädil, und Publius Cornelius Lentulus. Nach beendeter Prätorenwahl wurde ein Senatsschluß abgefaßt, daß dem Quintus Fulvius die Stadtgeschäfte ohne Los zuerkannt, und er, wenn die Consuln in den Krieg abgegangen wären, die eigentliche Stadtobrigkeit sein sollte. Man hatte in diesem Jahre zweimal großes Wasser, und die Tiber riß in der Überschwemmung auf dem Lande viele Häuser ein, und Heerden und Menschen kamen um.

104 Im fünften Jahre des zweiten Punischen Krieges fanden bei dem Antritte ihres Consulats Quintus Fabius Maximus – es war sein viertes – und Marcus Claudius Marcellus – es war sein drittes – den Stat in Rücksicht ihrer in einer mehr als gewöhnlichen Erwartung. Denn seit vielen Jahren war kein solches Par Consuln gewesen. Greise erzählten: so wären Maximus Rullus und Publius Decius für den Gallischen Krieg, so nachher Papirius und Carvilius gegen die Samniten und Bruttier und gegen das Lucanische Volk samt dem Tarentinischen zu Consuln erklärt. Marcellus war abwesend zum Consul gewählt, da er bei dem Heere stand: dem Fabius wurde das Consulat in seiner Gegenwart verlängert und da er selbst den Wahltag hielt. Die Zeitumstände, der Drang des Kriegs und die Gefahr des Ganzen waren die Ursachen, warum niemand gegen dies gegebene Beispiel eine Rüge unternahm oder den Consul in Verdacht der Herrschsucht zog. Vielmehr pries man seine Geistesgröße, daß er bei der Überzeugung, jetzt habe der Stat seinen größten Feldherrn nöthig, und der sei außer allem Zweifel er selbst, die üble Nachrede, die für ihn daraus erwachsen konnte, weniger geachtet habe, als das Beste des Stats.

10. An dem Tage, an welchem die Consuln ihr Amt antraten, wurde auf dem Capitole Senatssitzung gehalten und vor allen Dingen beschlossen, daß die Consuln darum losen oder sich vergleichen sollten, wer von ihnen, ehe sie zum Heere abgingen, eine Versammlung zur Censornwahl zu halten habe. Dann wurde allen, die bei ihrem Heere standen, der Oberbefehl verlängert, und ihnen sämtlich aufgegeben, in ihrem Wirkungskreise zu bleiben, Tiberius Gracchus zu Luceria, wo er mit dem Heere von Freiwilligen aus dem Sklavenstande hielt; Cajus Terentius Varro im Picenischen Gebiete; Manius Pomponius auf den Gallischen Feldmarken. Von den Prätorn des vorigen Jahrs sollten als Proprätoren Quintus Mucius Sardinien behalten, Marcus Valerius bei Brundusium als Befehlshaber an der Küste die sämtlichen Bewegungen 105 des Macedonischen Königs Philipp beobachten. Dem Prätor Publius Cornelius Lentulus wurde Sicilien als Geschäftskreis bestimmt; dem Titus Otacilius eben die Flotte, die er voriges Jahr gegen die Carthager gehabt hätte.

In diesem Jahre meldete man viele Schreckzeichen, und je mehr sie bei jenen schlichten und gewissenhaften Leuten Glauben fanden, desto mehrere wurden gemeldet. Zu Lanuvium hätten im Innersten des Tempels der Juno Sospita Raben genistet; in Apulien habe ein grüner Palmbaum gebrannt, bei Mantua das stehende Wasser des übergetretenen Stromes Mincius eine Blutfarbe gehabt; zu Cales habe es Steine, zu Rom auf dem Rindermarkte Blut geregnet. Ferner auf der InstejischenIn vico Insteio.] – So lesen der Cod. Putean. Florent. Petav., also die besten und noch viele andre. Da nun vicus Istricus uns eben so unbekannt ist, als vicus Insteius, für die letzte Lesart aber alle gute Handschriften sich erklären, so habe ich diese aufnehmen zu müssen geglaubt. Auch sagt Jac. Gronov bei Drakenb. Notum in Romanis familiis vocabulum Insteius. Und da man mehrere vicos von Familien benannt hat, z. E. Vicus Aemilius, Sulpicius, so wäre auch ein Vicus Insteius wenigstens in dieser Ähnlichkeit gegründet. Straße soll ein Quell unter der Erde so wasserreich hervorgebrochen sein, daß er irdene Pipen und Fässer, die auf dem Platze standen, wie ein reißender Strom fortgewälzt habe: auf dem Capitole sei der freie Vorplatz vom Blitze getroffen, auf dem Marsfelde der Tempel des Vulcan, im Sabinischen eine SchauhöheNucem in Sabinis.] – Ich bleibe, da nucem sich bloß von Valla herschreibt, so lange bei der Lesart der alten Ausgaben arcem, bis die Lesart der Handschriften, Vocem, entweder ihre Erklärung oder Verbesserung findet. Da auch arx in der Augursprache, wie templum, den zur Beobachtung des Vogelflugs geweiheten Platz bedeutet, so läßt sich eher ein prodigium darin finden, wenn der Blitz einen solchen heiligen Ort, als wenn er einen Wallnußbaum trifft. nebst der Heerstraße, zu Gabii die Mauer und ein Thor. Unterdeß trug man sich noch mit andern Wundern: zu Präneste habe sich der Speer des Mars von selbst vorwärts gerückt; in Sicilien ein Ochs gesprochen; im Marrucinischen ein Kind im Mutterleibe: Juchheh! Triumph! gerufen; zu Spoletum ein Weib sich in einen Mann verwandelt: zu Hadria sich am Himmel ein Altar sehen lassen, umringt von Menschengestalten in weißen Gewändern. Ja in der 106 Stadt Rom selbst brachten einige, nach der Erscheinung eines Bienenschwarms auf dem Markte, durch die Behauptung, sie sähen auf dem Janiculum bewaffnete Legionen, die Bürgerschaft in die Waffen: die aber auf dem Janiculum gegenwärtig waren, versicherten, es habe sich außer den gewöhnlichen Anbauern des Hügels niemand sehen lassen. Nach einer Erklärung der Opferschauer wurde die Abwendung dieser Schreckzeichen durch Opferung großer Thiere besorgt und ein öffentlicher Betgang bei allen Göttern verordnet, die in Rom Altäre hatten.

11. Nachdem alles zur Versöhnung der Götter Nöthige besorgt war, brachten die Consuln die Statsgeschäfte und die Führung des Kriegs im Senate zur Sprache, und den Betrag der Heere und wo jedes stehen solle. Man bestimmte die Anzahl der Legionen für den Krieg auf achtzehn: zwei davon sollte sich jeder Consul nehmen; Gallien, Sicilien und Sardinien jedes mit zweien behauptet werden: ferner mit zweien der Prätor Quintus Fabius Apulien decken, mit zwei Legionen Freiwilliger vom Sklavenstande Tiberius Gracchus die Gegend um Luceria: dem Proconsul Cajus Terentius sollte für das Picenische und dem Marcus Valerius für die Flotte bei Brundusium, jedem Eine gelassen werden, und zwei sollten der Stadt zur Besatzung dienen. Um diese Anzahl der Legionen aufzubringen, mußten sechs neue ausgehoben werden. Die Consuln wurden befehligt, diese baldmöglichst auszuheben und eine Flotte in Stand zu setzen, so daß in diesem Jahre, die Schiffe mit eingerechnet, welche zum Schutze Calabriens an der dortigen Küste lagen, die Flotte auf hundert und funfzig Kriegsschiffe vom Range gebracht werden sollte. Nachdem die Werbung gehalten und hundert neue Schiffe in See gelassen waren, hielt Quintus Fabius die Censornwahl: die Gewählten waren Marcus Atilius Regulus und Publius Furius Philus. Als das Gericht von dem in Sicilien ausgebrochenen Kriege allgemeiner wurde, bekam Titus Otacilius Befehl, mit der Flotte dorthin abzugehen. Da es aber an Seeleuten fehlte, so machten die Consuln vermöge eines 107 Senatsschlusses bekannt: «Wer für seine Person oder wessen Väter von den Censorn Lucius Ämilius und Cajus Flaminius als Besitzer von funfzigtausend bis zu hunderttausend Kupferass angeschlagen, oder nachher zu einem solchen Vermögen gelangt sei, solle Einen Matrosen mit sechsmonatlicher Löhnung stellen; wer über hunderttausend bis zu dreimal hunderttausend Ass besitze, drei Matrosen mit ihrem jährigen Solde; der Besitzer von mehr als dreimal hunderttausend Ass bis zur Million, fünf Matrosen; von mehr als einer Million – sieben, und die SenatorenDie 50,000 Kupferass geben etwa in Conventionsgelde 1560 Gulden, die 100,000 Ass 3120 Gulden, die 300,000 Ass 9770 Gulden, und die Million 31,240 Gulden; die Mark zu 20 Gulden gerechnet. acht Matrosen mit dem jährigen Solde.» Die zufolge dieser Verordnung gestellten Seeleute, welche von ihren Herren mit Mundvorrath auf dreißig Tage versehen waren, schifften sich ein. Dies war das erstemal, daß man die Römische Flotte mit Seeleuten bemannete, welche auf Kosten der Privatpersonen gestellt wurden.

12. Diese mehr als gewöhnliche Zurüstung schreckte vorzüglich die Campaner durch die Besorgniß, die Römer möchten den diesjährigen Feldzug mit der Einschließung von Capua eröffnen. Also schickten sie an Hannibal Gesandte mit der Bitte, sich mit seinem Heere Capua zu nähern: «zu Rom würden zu einem Sturme auf Capua neue Heere geworben; denn kein Abfall irgend einer Stadt habe die Römer heftiger erbittert.» Weil sie so bedrängt bei dieser Meldung thaten, so zog Hannibal, welcher eilen zu müssen glaubte, damit ihm die Römer nicht zuvorkamen, nach seinem Aufbruche von Arpi, auf Tifata in sein ehemaliges Lager oberhalb Capua. Von hier ging er, nachdem er die Numider und Spanier zur Bedeckung seines Lagers sowohl als Capua's zurückgelassen hatte, mit dem übrigen Heere zum See Avernus hinab, dem Vorwande nach, um dort ein Opfer zu bringen, in der That aber, um auf Puteoli und die dortige Besatzung einen Versuch zu machen. Als dem Maximus gemeldet wurde, Hannibal sei von Arpi aufgebrochen 108 und ziehe wieder nach Campanien, ging er, ohne seine Reise Tag und Nacht zu unterbrechen, zu seinem Heere, ließ den Tiberius Gracchus von Luceria seine Truppen gegen Beneventum ziehen, und den Prätor Quintus Fabius – dies war sein, des Consuls, Sohn – nach Luceria in Gracchus Stelle rücken. Zu gleicher Zeit gingen zwei Prätoren nach Sicilien ab, Publius Cornelius zum Heere , Otacilius zum Oberbefehle an der Küste und zur See; so auch die übrigen jeder in seine Provinz; und diejenigen, denen der Oberbefehl verlängert war, behielten dieselben Gegenden, wie im vorigen Jahre.

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