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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 67
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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3 Drei und zwanzigstes Buch.

1. Hannibal war, als er nach der Cannensischen Schlacht ÄcäHannibal post Cannensem.] – Ich folge Gronovs Vermuthung, theils weil sie aus der Lesart einiger Msc. wahrscheinlich wird; theils weil Drakenb. sagt: Gronovii coniecturam ingeniosam ac veram puto, quam firmari auctoritate codicis L. 1. testatur Hearnius; theils weil Fabius XXIV. 20 die Apulische Stadt Aecae dem Hannibal wieder abnimmt. Gronov stellt den Text so wieder auf: Aecia Hannibal post Cannensem pugnam cap tis ac direp tis, confestim etc.erobert und geplündert hatte, sogleich aus Apulien nach Samnium aufgebrochen, weil ihn Statius Trebius durch das Versprechen, ihm Compsa zu übergeben, in das Land der Hirpiner gerufen hatte. Trebius war ein Compsaner, bei seinen Mitbürgern nicht ohne Ansehen; allein ihn drückte die Partei der Mopsier, einer durch Begünstigung der Römer mächtigen Familie. Als der Mopsische Anhang auf den Ruf von der Schlacht bei Cannä und der durch des Trebius Äußerungen verkündigten Ankunft Hannibals die Stadt geräumt hatte, wurde sie ohne Kampf den Puniern übergeben und nahm eine Besatzung ein. Hannibal, der die sämmtliche Beute und das Gepäcke hier zurückließ, und sein Heer theilte, hieß den Mago die Städte dieser Gegend, wenn sie von den Römern abfielen, besetzen, oder wenn sie sich weigerten, zum Übertritte zwingen. Er selbst zog durch das Campanische nach dem Untermeere, zu einem Angriffe auf Neapolis, um eine Seestadt in Besitz zu haben. Als er den Neapolitanischen Boden betrat, legte er einen Theil seiner Numider, wo es sich thun lassen wollte – und es giebt hier viele Hohlwege und versteckte Beugungen – in Hinterhalte: andre mußten, prunkend mit dem Raube der Dörfer, den sie vor sich hertrieben, bis an die Stadtthore schwärmen. Da nun auf diesen dem 4 Scheine nach schwachen und ungeschlossenen Haufen ein Geschwader Reuterei einen Ausfall that, so wurde dieses, sobald es die absichtlich Weichenden in den Hinterhalt gelockt hatten, umzingelt, und nicht Einer würde entkommen sein, hätten nicht das nahe Meer und die nicht weit vom Strande wahrgenommenen Schiffe, die meistens Fischern gehörten, die, welche schwimmen konnten, gerettet. Doch wurden in diesem Gefechte mehrere junge Männer von Stande gefangen und getödtet: auch fiel Hegeas, Oberster unter den Rittern, der die Weichenden zu hitzig verfolgt hatte. Von einem Sturme auf die Stadt schreckte den Hannibal der Anblick ihrer Mauern ab, die für Sturmlaufende gar nicht einladend waren.

2. Von hier wandte er sich auf Capua, das bei seinem langen Glücke, und vom Geschicke verzogen, bei dem freilich allgemeinen Sittenverderbnisse, doch hauptsächlich durch die Zügellosigkeit seines im Gebrauche der Freiheit unmäßigen Bürgerstandes in Üppigkeit versunken war. Pacuvius Calavius hatte den Senat sich selbst und dem Bürgerstande verbindlich gemacht, ein Mann von Adel und zugleich ein Volksfreund, der sich übrigens dies Gewicht durch Ränke verschafft hatte. Da er gerade in dem Jahre, in welchem es so schlimm am Trasimenus herging, die höchste Amtsstelle verwaltete, so schlug er – – in der Überzeugung, daß die dem Senate lange schon auflaurenden Bürger, bei einem eintretenden neuen Statsverhältnisse, zu einer That von Bedeutung sich erheben, das heißt, den Puniern, sobald Hannibal mit seinem siegreichen Heere in diese Gegend käme, Capua nach Ermordung des Senats übergeben würden – – zwar als ein unredlicher, doch nicht im höchsten Grade schlechter Mensch, insofern er lieber mit Erhaltung, als durch Umsturz des States der Allesgeltende sein wollte, und dabei begriff, daß kein der Leitung des Ganzen beraubter Stat bestehen könne, – – einen Weg ein, auf dem er zugleich den Senat rettete, und ihn sich und dem Bürgerstande verbindlich machte.

Nachdem er dem zusammengerufenen Senate 5 einleitend eröffnet hatte, «daß er auf keine Weise zu dem Entschlusse, von den Römern abzufallen, sich verstanden haben würde, wenn dieser nicht durchaus nothwendig geworden wäre; denn er habe ja Kinder von der Tochter eines Appius Claudius, habe ja selbst seine Tochter an einen Livius nach Rom gegeben; daß aber jetzt ein viel größerer und weit furchtbarerer Sturm im Anzuge sei: denn der Bürgerstand gehe nicht damit um, sich in der Statsverfassung durch den Abfall von Rom des Senats zu entledigen, sondern eben durch Ermordung des Senats dem Hannibal und den Puniern den Stat zu freier Verfügung zu übergeben; daß er sie aber aus dieser Gefahr retten könne, wenn sie sich ihm überlassen, wenn sie, ohne der Mishelligkeiten mit ihm über Statssachen weiter zu denken, ihm vertrauen wollten:» so fuhr er, da sie Alle von Besorgniß geschreckt sich ihm überließen, so fort: «Ich will euch im Rathhause einschließen, und dadurch, daß ich, als vermeinter Theilnehmer des entworfenen Frevels, Anschlägen beitrete, denen ich mich vergeblich widersetzen würde, eure Rettung auszumitteln suchen. Nehmt hierauf einen Eid von mir, so heilig ihr ihn selbst verlangt.» Als er nach geleisteter Zusage aus dem Rathhause ging, ließ er es verschließen und besetzte den Vorplatz mit Wache, daß ohne Erlaubniß von ihm niemand zum Rathhause hinein, noch herausgehen konnte.

3. Nun redete er das zur Versammlung berufene Volk so an:

«Was ihr euch so oft gewünscht habt, die Macht, ihr Campaner, einen gottlosen und verabscheuungswerthen Senat zur Strafe zu ziehen, diese habt ihr jetzt; doch nicht so, daß ihr mit größter Gefahr für euch selbst, im Aufruhre die einzelnen Häuser erstürmen müßtet, die sie durch aufgepflanzte Posten von Schützlingen und Sklaven vertheidigen würden, sondern mit eurer völligen Sicherheit und ungehindert. Nehmt sie alle in Empfang, im Rathhause eingeschlossen, allein, unbewaffnet. Verfahret aber nicht zu rasch, nicht auf 6 Gerathewohl und blindlings. Ich will euch das Recht verschaffen, über das Leben eines Jeden abzusprechen, damit Jeder die Strafe leide, die er verdient hat. Vor allen Dingen aber müßt ihr eurem Zorne nur in so weit Raum geben, daß ihr euer eigenes Heil und Bestes noch lieber habt, als eure Rache. Denn wenn ich nicht irre, so hasset ihr nur diese Senatoren; seid aber nicht der Meinung, gar keinen Senat zu haben. Ihr müsset nämlich entweder – wovor uns Gott behüten wolle! – einen König haben, oder was für einen Freistat die einzige berathende Macht bleibt, einen Senat. Ihr habt also zwei Dinge auf Einmal zu beschicken; erstlich, den alten Senat wegzuräumen; zum andern, einen neuen an dessen Stelle zu wählen. Jetzt will ich Einen Senator nach dem andern vorfordern lassen, so daß ich euch über ihr Leben zu Richtern machen werde. Was ihr über jeden beschließet, soll geschehen. Zuvor aber müßt ihr in diese Stelle einen tüchtigen, brauchbaren neuen Senator ernennen, ehe an dem Schuldigen die Hinrichtung vollzogen wird.» Nun setzte er sich zu Gerichte, und nachdem die Namen in eine Urne geworfen waren, ließ er den Namen, der beim Losen zuerst heraussprang, laut ausrufen und den Mann selbst aus dem Rathhause vorführen. Sowie der Name erscholl, schrie jeder auf seine Weise, das sei ein böser, ein gottloser Mensch und der Todesstrafe würdig. Da sprach Pacuvius: «Ich sehe, wie ihr über diesen gesprochen habt. Wählet nun in die Stelle des bösen und gottlosen Senators einen guten und frommen.»

Aus Mangel eines vorzuschlagenden Bessern war anfangs Alles still: und nachher entstand, als es sich jemand herausnahm, einen zu nennen, sogleich ein weit lauteres Geschrei; da einige sagten, sie kennten den nicht, andre ihm schlechte Thaten, oder Niedrigkeit und schmutzige Armuth, oder auch das Beschimpfende seiner Kunst und seines Erwerbes vorwarfen. Dies war bei dem zweiten und dritten vorgeforderten Senator der Fall noch weit mehr; so daß man wohl sah, die Leute waren mit 7 ihm unzufrieden, hatten aber niemand, den sie statt seiner eintreten ließen; da es theils nichts helfen konnte, die schon einmal genannten noch einmal zu nennen, weil sie bloß dazu genannt zu sein schienen, ihre Schmähungen zu hören; theils auch die übrigen noch weit niedriger und unbekannter waren, als die, auf die man gleich zuerst gefallen war. So gingen die Bürger aus einander; sagten, je bekannter man mit einem Übel sei, je erträglicher sei es, und auf ihr Verlangen wurde der Senat seines Verhaftes entlassen.

4. Da Pacuvius auf diese Weise durch die Wohlthat der Lebensrettung den Senat noch weit mehr sich selbst verpflichtet hatte, als dem Bürgerstande, so herrschte er, weil ihm jetzt Alle den Rang ließen, ohne Gewalt der Waffen. Seitdem schmeichelten die Senatoren, ihrer eignen Würde und Freiheit uneingedenk, den Bürgerlichen, grüßten diese zuerst, luden sie höflich ein, bewirtheten sie auf angestellten Gastereien; übernahmen die Führung solcher Sachen, leisteten immer der Partei Beistand, entschieden als Richter die Streitsachen für die, die bei dem Volke die gelittnere und mehr geeignet war, ihnen die Zuneigung des großen Haufens zu gewinnen. Sogar in den Verhandlungen des Senats ging es nicht anders zu, als ob hier die Bürger Versammlung hielten. Der Stat, in dem man immer zur Schwelgerei geneigt war, nicht allein durch Schuld der eignen Sinnesart, sondern auch durch den zuströmenden Überfluß von Vergnügungen und durch die Lockungen aller vom Meere wie vom Lande dargebotenen Lieblichkeiten, versank nun vollends durch die Nachgiebigkeit der Großen und durch die Zügellosigkeit des Bürgerstandes in eine solche Üppigkeit, daß Lüste und Aufwand keine Schranken mehr hatten. Zu der Verachtung der Gesetze, der Obrigkeiten, des Senats kam jetzt nach der Niederlage bei Cannä noch dies, daß sie vor der Regierung zu Rom, für die sie bis dahin doch einige Achtung hegten, keine Furcht mehr hatten. Das einzige Hinderniß, nicht den Augenblick abzufallen, lag für sie darin, daß das alte Recht der Gegenheirathen 8 viele angesehene und mächtige Familien mit Römischen verbunden hatte; und das stärkste Band waren, da ihrer Mehrere in Römischen Kriegsdiensten standen, die dreihundert Ritter, alle aus den edelsten Campanischen Häusern, welche zu Besatzungen der Sicilianischen Städte von den Römern ausgehoben und dort hingeschickt waren.

5. Ihre Ältern und Verwandten setzten es nur mit Mühe durch, daß man an den Römischen Consul Gesandte abgehen ließ. Sie fanden den Consul, als er noch nicht nach Canusium aufgebrochen, sondern noch zu Venusia war, mit wenigen Halbbewaffneten, unter Umständen, die ihn gutdenkenden Bundsgenossen höchst mitleidenswürdig, übermüthigen aber und treulosen, wie die Campaner waren, verächtlich machen mußten. Und der Consul beförderte diese Verachtung seiner Lage und seiner selbst noch dadurch, daß er Roms Verlust gar zu sehr aufdeckte und enthüllete. Denn als ihm die Gesandten erklärten, es sei dem Campanischen Senate und Volke sehr schmerzhaft, daß die Römer nicht ganz glücklich gewesen wären, und sich zu allen Lieferungen von Kriegsbedürfnissen erboten, so antwortete er: «Ihr Campaner habt euch in der Aufforderung an uns, die Kriegslieferungen bei euch eintreiben zu lassen, mehr an die zwischen uns als Bundesgenossen bestehende alte Formel gehalten, als dem Zustande unsrer gegenwärtigen Lage gemäß geredet. Denn was ist uns bei Cannä übrig geblieben, so daß wir, als hätten wir noch Etwas, uns nur das Fehlende von unsern Bundesgenossen ersetzen lassen möchten? Sollen wir Fußvolk von euch verlangen; gleich als hätten wir Reuterei? Sollen wir sagen, es fehle uns an Gelde, als fehlte es uns nur daran? Das Schicksal hat uns nichts, auch nicht einmal etwas zu ergänzen gelassen. Fußvolk und Reuterei, Waffen und Fahnen, Pferde und Leute, Geld und Lebensmittel gingen entweder in der Schlacht oder in den beiden am folgenden Tage eingebüßten Lagern verloren. Also müßt ihr uns nicht im Kriege unterstützen, ihr Campaner, sondern so gut als an unsrer Stelle den Krieg 9 übernehmen. Möchtet ihr euch jetzt daran erinnern, wie wir einst eure Vorfahren in ihrer Verlegenheit, als sie auf ihre Stadtmauer beschränkt waren, und nicht bloß vor den Samniten, sondern sogar vor den Sidicinern als Feinden bebten, als unsre Schutzgenossen bei Saticula vertheidigt und den eurerwegen mit den Samniten angefangenen Krieg beinahe hundert Jahre lang unter abwechselnden Launen des Glücks ausgehalten haben. Rechnet hierzu noch, daß wir euch, die ihr euch doch an uns ergeben hattet, gleichseitige Vertragspunkte zugestanden, euch eure Gesetze ließen, ja noch bis auf die Letzt – und das wollte doch vor der Niederlage bei Cannä sehr viel sagen – einer großen Anzahl von euch unser Bürgerrecht gegeben und es mit euch getheilt haben. Darum müsset auch ihr Campaner die Niederlage, die wir erlitten, so ansehen, als habe sie beide getroffen; müsset euch denken, es sei ein gemeinschaftliches Vaterland zu vertheidigen. Wir haben nicht mit Samniten oder Hetruskern zu thun, so daß die Regierung Italiens, wenn sie uns genommen wurde, doch noch in Italien bliebe. Unser Feind ist der Punier, der ein Heer, nicht einmal in Afrika heimisch, von den äußersten Küsten der Erde, von der Meerenge des Oceans und von Herkules Säulen herbeischleppt, ein Heer, dem Völkerrecht, Vertrag, ja beinahe die Menschensprache fremd sind. Diese durch Natur und Gewohnheit rohe und wilde Horde hat ihr Führer dadurch noch wilder gemacht, daß er sie Brücken und Dämme von aufgethürmten Menschenkörpern machen ließ, daß er sie – mich ekelt es zu sagen – Menschenkörper essen lehrte. Und in diesen mit so schauderhafter Kost gemästeten Wilden, deren Berührung schon eine Verunreinigung sein würde, seine Beherrscher vor sich zu sehen und über sich zu haben, sich Gesetze aus Afrika und aus Carthago zu holen, Italien eine Provinz der Numider und Mauren sein zu lassen, wem sollte das – sei er in Italien auch nur geboren – nicht ein Gräuel sein? Ehrenvoll wird es euch sein, ihr Campaner, wenn das durch eine 10 Niederlage der Römer gesunkene Reich durch eure Treue, durch eure Kraft behauptet und wieder hergestellt wird. Ich sollte denken, dreißigtausend Mann zu Fuß, viertausend zu Pferde, ließen sich aus Campanien werben. Ferner, Geld und Getreide habt ihr ja genug. Hält eure Treue mit eurer Wohlhabenheit gleichen Schritt, so soll Hannibal eben so wenig davon empfinden, daß er gesiegt hat, als die Römer, daß sie geschlagen sind.»

6. Als die Gesandten nach dieser Rede des Consuls entlassen und auf der Rückreise unterweges waren, sagte einer von ihnen, Vibius Virrius: «Die Zeit sei gekommen, wo die Campaner nicht allein die ihnen ehemals von den Römern widerrechtlich genommenen Ländereien wieder erlangen, sondern sich auch der Regierung Italiens bemächtigen könnten. Mit dem Hannibal würden sie einen Vertrag auf Bedingungen schließen können. Es werde gar kein Streit darüber sein, wenn Hannibal selbst nach geendetem Kriege als Sieger nach Afrika heimziehe und sein Heer abführe, die Regierung Italiens den Campanern zu überlassen.» Da die andern alle diesen Äußerungen des Virrius beipflichteten, so statteten sie ihren Gesandschaftsbericht so ab, daß jedermann glauben mußte, der Römische Stat sei vernichtet. Sogleich sah auch das Volk und der größere Theil des Senats einem Abfalle entgegen. Doch wurde die Sache durch die Einsprachen der Bejahrteren einige Tage hingehalten; endlich aber setzte es die Meinung der Mehrzahl durch, daß eben die Gesandten, die zum Römischen Consul gegangen waren, an Hannibal abgeschickt wurden. Ehe diese abgegangen wären und noch ehe sich die Campaner zum Abfalle fest entschlossen hätten, sollen sie, wie ich in einigen Jahrbüchern finde, Gesandte nach Rom geschickt haben, mit der Forderung, wenn die Römer auf Hülfe rechnen wollten, so müsse der Eine Consul ein Campaner sein. Im Ausbruche des Unwillens habe man sie vom Rathhause wegtreiben lassen, und einen Gerichtsdiener mitgeschickt, der sie habe aus der Stadt bringen und ihnen andeuten müssen, noch heute außerhalb 11 des Römischen Gebiets zu übernachten. Weil mir die ehemalige Forderung der Latiner gar zu gleichlautend war, und Cölius und andere den Umstand nicht ohne ihre Gründe übergangen hatten, so trug ich Bedenken, ihn als erwiesen aufzustellen.

7. Die Gesandten kamen zum Hannibal, und schlossen mit ihm einen Frieden auf Vertragspunkte. «Kein Feldherr, keine Obrigkeit der Punier sollte über einen Campanischen Bürger irgend ein Recht haben; auch kein Campanischer Bürger zu Waffendiensten oder andern Dienstleistungen gezwungen werden. Capua sollte seine Gesetze, seine Obrigkeiten für sich haben. Von Punischer Seite sollte man den Campanern dreihundert Römische Gefangene überlassen, die sie selbst aussuchen würden, um sie gegen die in Sicilien dienenden Campanischen Ritter auswechseln zu können.» So weit der Vertrag. Aber mehr, als der Vertrag forderte, ließen sich die Campaner durch Thätlichkeiten zu Schulden kommen. Denn der Pöbel ließ die Kriegsobersten der Bundsgenossen und andre Römische Bürger, welche theils in Anstellungen beim Kriegswesen zu thun hatten, theils in Privatgeschäfte verwickelt waren, nachdem er sie alle plötzlich festgenommen hatte, unter dem Vorwande, sie hier in Verwahrung zu geben, in die Badehäuser einschließen, wo sie vor Glut und Hitze erstickend auf die schmählichste Art den Geist aufgaben. Sowohl diesen Thätlichkeiten, als der Absendung der Gesandschaft an den Hannibal hatte sich Decius Magius aus allen Kräften widersetzt, ein Mann, dem zum höchsten Ansehen nichts weiter fehlte, als ein gesunder Verstand seiner Mitbürger. Wie er aber hörte, daß Hannibal eine Besatzung schicke, so rief er öffentlich, indem er ihnen laut die übermüthigen Herrscheranmaßungen des Pyrrhus und die klägliche Sklaverei der Tarentiner als Beispiele vorhielt, zuerst, sie möchten die Besatzung nicht einnehmen. Sein zweiter Rath war, wenn sie sie aufgenommen hätten, sie entweder zu verjagen, oder, wenn sie ihre schlechte That, den Abfall von ihren ältesten 12 Bundesgenossen und Blutsfreunden, durch eine tapfere und denkwürdige That wieder gut machen wollten, nach Niedermetzelung des Punischen Kohrs sich den Römern wiederzugeben.

Als dies dem Hannibal gemeldet wurde – und es war ja nicht im Verborgenen geschehen – so schickte er anfangs Einige ab, den Magius zu ihm ins Lager zu rufen. Als dieser in hohem Tone versicherte, er werde nicht hingehen; denn Hannibal habe keinem Campanischen Bürger zu gebieten, so übernahm den Punier der Zorn, und er befahl, den Menschen zu greifen und gebunden herzuschleppen. Doch als er hinterher befürchtete, es könne bei der Gewaltthat ein Auflauf, und durch aufgeregte Leidenschaften ein wilder Kampf entstehen, so brach er nach vorläufiger Anzeige bei dem Campanischen Prätor, Marius Blosius, daß er am folgenden Tage zu Capua eintreffen werde, in eigner Person mit einer mäßigen Bedeckung aus seinem Lager auf. Marius, der eine Volksversammlung berief, forderte sie auf, in zahlreichem Aufzuge mit Gattinnen und Kindern dem Hannibal entgegen zu gehen. Und das thaten sie insgesammt; nicht bloß als die Folge leistenden, sondern selbst sich beeifernd, ja von Seiten des Volks aus Zuneigung und Neugierde, den schon durch so viele Siege berühmten Feldherrn zu sehen. Nur Decius Magius ging weder zum Empfange hinaus, noch hielt er sich auch, was ihm hätte den Schein eines sich fürchtenden bösen Gewissens geben können, zu Hause. Geschäftlos ging er, indeß die ganze Stadt in Bewegung war, den Punischen Feldherrn zu empfangen und zu sehen, auf dem Marktplatze mit seinem Sohne und einigen seiner Schützlinge auf und ab. Hannibal verlangte, nach seinem Einzuge in die Stadt, sogleich Gehör beim Senate; und da ihn nun die Campanischen Großen baten, heute nichts Ernsthaftes vorzunehmen, und den durch seine Ankunft festlichen Tag auch selbst heiter und sich hingebend mitzufeiern, so verwandte er, um sie nicht gleich zum Anfange eine Fehlbitte thun zu lassen, bei seinem natürlichen Hange zum 13 Zorne, dennoch einen großen Theil des Tages darauf, die Stadt in Augenschein zu nehmen.

8. Er trat ab bei den beiden Ninnius Celer, mit den Vornamen Stenius und Pacuvius, deren Adel und Reichthum bekannt war. Pacuvius Calavius, dessen ich oben erwähnte, das Haupt jener Partei, welche den Übertritt zu den Puniern bewirkt hatte, brachte seinen Sohn mit hieher, einen Jüngling, den er dem Decius Magius aus den Armen und von der Seite weggerissen hatte, welchem er sich zur Aufrechthaltung des Römischen Bündnisses gegen den Punischen Vergleich auf das muthvolleste anschloß, ohne sich weder durch das Übergewicht der allgemeinen Stimme für das Gegentheil, noch durch die gebietende Würde seines Vaters von seiner Gesinnung abbringen zu lassen. Jetzt söhnte der Vater mit diesem jungen Manne, mehr durch Bitte um Verzeihung, als durch Rechtfertigung, den Hannibal wieder aus; und Hannibal, der den Bitten und Thränen des Vaters nachgab, lud ihn sogar mit dem Vater zur Tafel, ob er gleich nicht Willens gewesen war, irgend einen Campaner in diese Gesellschaft zu ziehen, außer seine Wirthe und den Jubellius Taurea, einen im Kriege ausgezeichneten Mann. Sie setzten sich noch bei hellem Tage an Tafel, und der Schmaus war nicht nach Punischer Sitte oder auf Kriegerfuß, sondern, wie in einem seit langen ZeitenDomo luxuriosa, omnibus.] – Alle Msc. haben hinter domo das Wort diu, und dann folgt entweder ad varios, oder adversariosa, oder ad variosa. Aus dem letztern rieth Gronov die von Drakenb. gebilligte und aufgenommene Lesart luxuriosa, welche Stroth wieder verworfen, und das vom Sigonius aus dem diu gemachte divite dafür aufgenommen hat. Da aber jenes diu in allen Msc. steht, warum wollen wir nicht diu luxuriosa behalten? Capua und das reiche Haus der Ninnier konnten ein convivium, omnibus voluptatium illecebris instructum, so viel eher geben, wenn sie nicht erst seit Kurzem Schwelger waren, sondern schon lange darauf ausgelernt hatten. Livius sagte oben Cap. 2. mit den Worten Capuam flectit iter, luxuriantem longa felicitate, von Capua ungefähr dasselbe. schwelgenden State und Hause, mit allen Lockungen sinnlicher Genüsse ausgestattet. Nur der einzige Perolla, des Calavius Sohn, ließ sich bei allem Nöthigen, sowohl von Seiten der Hausherren, als zuweilen selbst Hannibals, 14 auf Nichts ein, indem er selbst sein Befinden vorschützte, und auch der Vater die leicht zu erklärende Verstimmung des Sohns als Ursache angab. Als gegen Sonnenuntergang der Vater Calavius aus der Gesellschaft hinausgegangen war, redete der Sohn, der ihm nachging, als sie in dem Garten, der hinter dem Hause lag, sich allein sahen, ihn so an: «Ich theile dir einen Anschlag mit, Vater, durch den wir Campaner für unser Vergehen, für unsern Übertritt zum Hannibal, bei den Römern nicht allein Verzeihung erhalten, sondern in weit größerer Achtung und Liebe stehen werden, als wir je gestanden haben.» Da der Vater voll Verwunderung fragte, was das für ein Anschlag sei, zeigte er ihm, nach Zurückwerfung der Toga von der Schulter, seine Seite mit einem Dolche umgürtet. «Jetzt will ich, sprach er, mit Hannibals Blute das Römische Bündniß besiegeln. Dir wollte ich es vorher zu wissen thun, wenn du etwa, während die That vollbracht wird, lieber nicht zugegen sein wolltest.»

9. Bei diesem Anblick und diesen Worten rief der Greis, nicht minder vor Furcht außer sich, als sähe er die That, von der er hörte, schon vollbringen: «Bei allen den Banden, mein Sohn, welche die Kinder an ihre Ältern knüpfen, bitte und flehe ich dich, vor deines Vaters Augen keine Scheußlichkeiten zu begehen und an dir begehen zu lassen. Es sind kaum einige Stunden, daß wir durch den Schwur bei allen Göttern, so viele es deren giebt, mit dargebotener Rechte, ihm Treue zugesichert haben; etwa dazu, um die durch die Zusage geweihete Hand, so wie wir von der Unterredung abträten, gegen ihn zu bewaffnen? Stehst du von gastlicher Tafel auf, zu der du als der dritte Campaner von Hannibal geladen bist, um diese Tafel mit dem Blute dessen zu bespritzen, der dich lud? So konnte ich meinem Sohne als Vater den Hannibal gewinnen, und meinen Sohn nicht dem Hannibal? Aber setzen wir uns über Alles, was heilig ist, weg; über Treue, Achtung des Eides und Redlichkeit; sie werde gewagt, die Schandthat, wenn sie nicht zugleich mit dem Frevel Verderben 15 über uns bringt. Du allein wolltest den Hannibal antasten? Und jener Schwarm so vieler Freien und Sklaven? die auf ihn allein gehefteten Augen Aller? und so manche Hand? werden die alle bei deiner Tollheit erlahmt sein? Den Blick Hannibals selbst, welchen bewaffnete Heere nicht ertragen konnten, vor dem das Römische Volk schaudert, wolltest du ertragen? Gesetzt, es fehlte ihm an anderer Hülfe; wirst du es vermögen, mich zu durchstechen, wenn ich Hannibals Person meinen eignen Körper vorbreite? Ja, durch meine Brust stich nach ihm und durchbohre ihn. Laß dich lieber hier abschrecken, als dort überwältigen! Laß meine Bitten bei dir gelten, so wie sie heute für dich gegolten haben!» Als er hier den Jüngling weinen sah, schloß er ihn in seine Arme, und mit Küssen an ihm hangend, ließ er nicht eher mit Bitten ab, bis er ihn dahin vermochte, den Dolch abzulegen, und sein Versprechen erhielt, so etwas ungethan zu lassen. Dann sprach der Jüngling: »Was mich betrifft, so zahle ich dann die Pflicht, die ich dem Vaterlande schuldig bin, an den Vater. Aber in deine Seele schmerzt es mich, daß du den Vorwurf eines dreimal am Vaterlande begangenen Verrathes auf dir hast: einmal, als du den Abfall von Rom, dann, als du den Friedensschluß mit Hannibal bewirktest; und heute zum drittenmale, da du das Gegengewicht und Hinderniß wirst, Capua den Römern wiederzugeben. Nimm du, o Vaterland, den Stahl zu dir, mit welchem ich, für dich bewaffnet, diesen Sitz der Feinde betrat, da mir mein Vater ihn entwindet.» Mit diesen Worten warf er den Dolch über die Gartenmauer auf die Gasse, und um so viel weniger Verdacht zu erwecken, ging auch er wieder in die Gesellschaft zurück.

10. Am folgenden Tage erschien Hannibal in dem ihn zahlreich erwartenden Senate. Hier war der Anfang seiner Rede sehr schmeichelhaft und gütig: denn er sagte den Campanern Dank, daß sie seine Freundschaft dem Bunde mit Rom vorgezogen hätten; und unter andern herrlichen Verheißungen, versprach er auch, Capua solle 16 nächstens das Haupt des gesammten Italiens sein, und nebst dessen übrigen Völkern werde dann auch das Römische von hier aus sich Gesetze holen. Nur Einer habe keinen Theil an der Punischen Freundschaft und an dem mit ihm geschlossenen Vertrage; der sei aber kein Campaner und dürfe auch nicht so genannt werden; Decius Magius. Er verlange, daß ihm dieser ausgeliefert, daß noch in seiner Gegenwart die Sache zum Vortrage gebracht und ein Senatsschluß abgefaßt werde. Alle gaben hierzu ihre Stimme; obgleich vielen von ihnen theils der Mann diese Mishandlung nicht verdient zu haben, theils zur Schmälerung ihrer Freiheitsrechte ein nicht geringer Anfang gemacht zu sein schien.

Als HannibalEgressus curia in templo magistratibus consedit.] –. Der Erklärung Dukers: Magistratus est Marius Blosius, praetor Campanus (Cap. VIII.) sind Drakenb. und Crevier stillschweigend, Stroth aber durch eine eigene Anmerkung beigetreten, und die Übersetzer, so viele ich gesehen habe, gefolgt. Und doch kann das Wort magistratus hier nicht der Nominativ sein, sondern, wenn es ächt ist, muß es der Genitiv sein. Denn wenn hier der Nominativ, folglich Marius Blosius zu verstehen wäre, so konnte ja Decius Magius, von seiner eignen Obrigkeit, vom Campanischen Prätor, aufgefordert sich zu verantworten, nicht behaupten, daß er hierzu nicht gezwungen werden könne, und noch viel weniger, daß er hierzu lege foederis nicht gezwungen werden könne. Dies letztere bezieht sich ja auf den ersten Artikel des Vertrages Cap. VII: Ne quis imperator magistratusve Poenorum ius ullum in civem Campanum haberet. Säße hier also nicht Hannibal, sondern der Prätor Capua's auf dem Richterstuhle, so wäre die Berufung des Decius auf jenen Vertragspunkt ohne Sinn. Auch hatte der Campanische Senat durch das in Hannibals Gegenwart abgefaßte Decret die Auslieferung des Decius an Hannibal schon bewilligt, folglich verfährt Hannibal mit ihm, wie mit einem schon in seine Gewalt gegebenen. Daß er sich mit dem von seinem Schwerte geliehenen Rechte auf den Richterstuhl des Campanischen Prätors setzt, dies macht, so wie die am Schlusse seiner Rede geforderte Auslieferung des Decius, den von Livius bezweckten Abstich zu den Worten: Ubi prima eius oratio perblanda ac benigna fuit. das Rathhaus verlassen hatte, setzte 17 er sich auf dem der Obrigkeit geweiheten Platze, hieß den Decius Magius greifen und am Fuße des Richterstuhles stehend sich verantworten. Als dieser mit sich gleich bleibendem Trotze behauptete, hierzu könne er kraft des Vertrages nicht gezwungen werden, so wurde er in Ketten gelegt und ein Gerichtsdiener befehligt, ihn vor sich her ins Lager abzuführen. So lange er während seiner Abführung den Kopf frei hatte, schritt er unter fortgesetzten Reden einher, indem er der von allen Seiten ihn umströmenden Menge zurief: «Das ist nun die Freiheit, Campaner, nach der ihr gestrebt habt! Mitten auf dem Markte, am hellen Tage, vor euren Augen, muß ich, der ich keinem Campaner nachstehe, mich in Fesseln zum Tode fortschleppen lassen. Was könnte Gewaltsameres geschehen, wenn Capua erobert wäre? Gehet doch dem Hannibal entgegen! schmücket die Stadt auf! heiligt den Tag seiner Ankunft, um Zuschauer zu sein, wenn euer Mitbürger im Triumphe aufgeführt wird.» Unter diesen Ausrufungen wurde ihm, weil sie auf das Volk Eindruck zu machen schienen, das Haupt verhüllet, und es kam Befehl, ihn so viel schneller zum Thore hinaus zu schaffen. So wurde er in das Lager geliefert, sogleich auf ein Schiff gesetzt und nach Carthago geschickt, damit nicht auch der Senat, wenn der Unwille über dies Verfahren eine Bewegung in Capua veranlassen sollte, sich es gereuen ließe, 18 einen der ersten Männer ausgeliefert zu haben; ferner, damit man sich nicht genöthigt sähe, falls eine Gesandtschaft käme, seine Zurückgabe zu fordern, entweder durch Versagung ihrer ersten Bitte die neuen Bundsgenossen zu beleidigen, oder wenn man sie gewährte, in ihm den Zunder zu Aufruhr und Unruhen in Capua zu behalten. Ein Sturm verschlug das Schiff nach Cyrenä, welches damals unter Königen stand. Als den Magius, weil er sich hier zur Bildsäule des Königs Ptolemäus rettete, seine Wache von da nach Alexandrien zumPtolemäus IV. Philopator. Ptolemäus hatte bringen müssen, so wurden ihm auf seinen Bericht, daß er gegen die Bedingung im Vertrage vom Hannibal in Ketten gelegt sei, seine Fesseln abgenommen, und ihm freigestellt, wohin er am liebsten wollte, nach Rom oder nach Capua, zurück zu gehen. Magius wandte dagegen ein: «In Capua sei er nicht sicher, und der Aufenthalt zu Rom werde ihm zu einer Zeit, in welcher zwischen Römern und Campanern Krieg sei, eher den Schein eines Überläufers, als eines Gastes geben. Er wolle nirgend lieber leben, als im Reiche dessen, den er für den Retter und Stifter seiner Freiheit ansähe.»

11. Unterdessen kam Quintus Fabius Pictor, der Römische Gesandte, von Delphi zurück und las die schriftlich aufgesetzte Antwort vor. Es waren darin die sämtlichenDivi quoque in eo erant.] – Dies quoque verwerfen Drakenborch, Doujat und Crevier. Die beiden letztern lesen statt dessen quique, welches ich übersetzt habe. Gottheiten angegeben, an die man sich in öffentlichen Gebeten, und wie man sich an sie wenden sollte. Dann hieß es ferner: «Wenn ihr darnach thut, ihr Römer, so werden eure Sachen ein besseres und günstigeres Ansehen gewinnen; eure öffentlichen Angelegenheiten mehr nach eurem Wunsche gehen, und der Sieg im Kriege wird auf Seiten des Römischen Volkes sein. Dem Pythischen Apollo sollt ihr, wenn ihr eures Stats Wohlfahrt beschaffet und ihn gerettet habt, von 19 euren erworbenen Vortheilen ein Geschenk senden; und von der Beute, ihrem Ertrage und den erkämpften Rüstungen ihm eine Verehrung darbringen. Vor Gottesverachtung sollt ihr euch bewahren.» Als er die Griechische Urformel in der Übersetzung vorgelesen hatte, setzte er hinzu: «Sobald er vom Orakel abgetreten sei, habe er sogleich allen diesen Gottheiten mit Weihrauch und Wein ein Opfer gebracht; auch habe es ihm der Vorsteher des Tempels zur Pflicht gemacht, so wie er bekränzt mit einem Lorberkranze vor dem Orakel erschienen sei, und die heilige Opferhandlung vollbracht habe, eben so im Kranze zu Schiffe zu gehen und ihn nicht eher abzulegen, bis er in Rom angelangt sei. Alle diese Befehle habe er mit größter Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit vollzogen, und den Kranz zu Rom auf den Altar des Apollo niedergelegt.» Der Senat befahl, daß alle diese Opfer und öffentlichen Gebete je eher je lieber sorgfältig ausgerichtet werden sollten.

Indeß man sich so zu Rom und in Italien beschäftigte, war Mago, Hamilcars Sohn, mit der Nachricht vom Siege bei Cannä zu Carthago angekommen. Sein Bruder hatte ihn nicht unmittelbar nach der Schlacht abgeschickt, sondern mehrere Tage in Italien zurückbehalten, um die Bruttischen und andere zu ihm übertretende Städte durch ihn in Besitz zu nehmen. Als er im Senate vorgelassen wurde, machte er von den Thaten seines Bruders in Italien diese Schilderung: «Er habe mit sechs Feldherren, von welchen vier – Consuln, ihrer zwei – Dictator und Magister Equitum gewesen wären, mit sechs consularischen Heeren, geschlagen; habe über zweimal hunderttausend Feinde getödtet, über funfzigtausend Gefangene gemacht. Von den vier Consuln habe er zwei erlegt; von den beiden übrigen habe sich der Eine mit einer Wunde, der Andre nach Verlust seines ganzen Heeres kaum mit funfzig Mann gerettet. Der Magister Equitum, der den Rang eines Consuls habe, sei völlig in die Flucht geschlagen; der Dictator gelte bloß deswegen, weil er nie eine Schlacht gewagt habe, für den 20 vorzüglichsten Feldherrn. Die Bruttier und Apulier, ein Theil der Samniten und Lucaner seien auf Punische Partei getreten. Capua, die Hauptstadt nicht bloß Campaniens, sondern nach der Schlacht bei Cannä, dem Todesstreiche der Römischen Macht, von ganz Italien, habe sich dem Hannibal ergeben. Es sei Pflicht, für diese so großen und so vielen Siege den unsterblichen Göttern den Dank der Feier und der Herzen darzubringen.»

12. Zur Beglaubigung dieser so erfreulichen Nachrichten ließ er im Vorzimmer des Rathhauses die goldnen Ringe ausschütten, die einen so großen Haufen ausmachten, daß sie, als man sie maß, nach der Angabe einiger Schriftsteller, drei und eine halbe Metze betrugen. Nach der wahrscheinlicheren Sage, die sich erhalten hat, war es nicht mehr als Eine MetzeEine solche Metze (modius) betrug etwa ⅔ eines Braunschweiger Himtens . Große hat seiner Übersetzung eine Berechnung beigefügt, um ungefähr auszumachen, wie viel Ringe der modius enthalten habe. Er giebt den modius zu 23/5 Berliner Metzen an. Wenn nun eine Berliner Metze 18 Rthlr. Kupferpfennige oder 4184 fasse, also 2 3/5 Metzen 13,478 einzelne Pfennige, und man dann annehme, daß zwei Pfennige mit einem Fingerringe gleichen Raum einnähmen, oder daß ein Gefäß halb so viel Ringe fasse, als Kupferpfennige, so müßte die Zahl der erbeuteten Ringe zwischen 6 und 7000 betragen haben. Die Ringe der Alten waren aber (nach Gorlaei Dactyliotheca) weit dicker, als unsere, und als Siegelringe hatten sie entweder einen größeren, beinahe plumpen, Kasten mit einer geschnittenen Gemme, oder doch ein Petschaft im Golde; so daß ich glaube, es möchten kaum wohl 12 unsrer Pfennige hinreichen, den Raum eines solchen Siegelringes auszufüllen. Nähmen wir indeß 12 Pfennige für den Raum eines solchen dicken Ringes an, so würden nach Große etwa 1000 Ringe in den Modius gehen, also auf die 3½ modios, die der Römer Livius der Angabe einiger Schriftsteller nicht gern glauben möchte, 3500 Ringe, eine Summe, wodurch die oben Cap. 49. von mir angegebene Zahl von 3700 gefallenen Rittern nicht unwahrscheinlich gemacht wird.. Dabei bemerkte er ausdrücklich, um sie auf eine so viel größere Niederlage schließen zu lassen, daß dieses Ehrenzeichen nur von Rittern, und zwar von den Vornehmsten, getragen werde. Im Ganzen ging seine Rede dahin: «Je näher man der Hoffnung sei, den Krieg zu beenden., je mehr müsse man den Hannibal aus allen Kräften unterstützen. Denn der Schauplatz des Krieges sei weit von der Heimat, mitten im Lande der Feinde. Es gehe viel Getreide, viel Geld 21 darauf; und so wie die vielen Schlachten die feindlichen Heere vertilgt hätten, so hätten sie doch auch die Truppen des Siegers um Etwas verkleinert. Also müsse man ihm Verstärkung schicken; und Geld und Getreide zur Löhnung für Krieger schicken, welche sich um den Punischen Namen so hochverdient gemacht hätten.»

Als sie durch diesen Bericht des Mago Alle sehr erheitert waren, so sprach Himilco, einer von der Barcinischen Partei, der die Gelegenheit nutzen wollte, dem Hanno Eins zu versetzen: «Wie nun, Hanno? Bist du noch immer nicht mit dem gegen Rom unternommenen Kriege zufrieden? Dring doch auf Hannibals Auslieferung! untersage uns, den unsterblichen Göttern für so erfreuliche Schickungen unsern Dank darzubringen! Laßt uns doch einmal dem Römischen Senator im Carthagischen Rathhause zuhören!» Und Hanno erwiederte:

«Ich hätte heute geschwiegen, versammelte Väter, um nicht bei der allgemeinen Freude etwas vorzutragen, was euch nicht so angenehm sein möchte. Wenn ich aber jetzt einem Senator auf seine Frage, ob ich noch immer mit dem gegen Rom unternommenen Kriege unzufrieden sei, nicht antwortete, so würde ich entweder den Übermüthigen, oder den Knechtischen spielen: und jenes gehört nur für den Mann, der Anderer; dieses für den, der seiner eignen Freiheit uneingedenk ist. Ich muß also dem Himilco antworten; und zwar, daß ich noch nicht aufgehört habe, mit dem Kriege unzufrieden zu sein, und auch nicht eher aufhören werde, eurem unbesiegbaren Feldherrn Vorwürfe zu machen, bis ichs erlebe, daß der Krieg unter einigermaßen leidlichen Bedingungen geendigt ist: und nichts Andres, als ein neuer Friede, wird meiner Sehnsucht nach dem alten ein Ziel setzen. Jene Verhältnisse, mit denen Mago so eben geprahlt hat, sind allerdings einem Himilco und den übrigen Trabanten Hannibals schon jetzt erfreulich. Auch mir können sie erfreulich sein, weil erworbene Vortheile des Krieges, wenn wir unser Glück benutzen wollen, uns einen billigeren Frieden 22 verschaffen werden. Denn wenn wir diese Zeit vorbeigehen lassen, in der wir uns den Schein geben können, den Frieden mehr zu ertheilen, als anzunehmen, so fürchte ich, daß auch diese Freude für uns zu üppig werde und uns verloren gehe. Und doch von welcher Beschaffenheit ist sie denn, selbst jetzt? ««Ich habe die feindlichen Heere niedergehauen: schickt mir Soldaten!»» Was sonst würdest du verlangen, wenn du der Geschlagene wärest? ««Ich habe zwei feindliche Lager erobert – – die doch wohl mit Vorräthen gefüllt waren – Gebt mir Lebensmittel und Geld!»» Was sonst könntest du dir erbitten, wenn du geplündert, wenn du aus deinem Lager gejagt wärest? Doch um nicht der Einzige zu sein, der das Alles so sonderbar findet, so mag mir jetzt – – denn da ich dem Himilco geantwortet habe, so habe ich nun auch das Recht und die Befugniß, wieder zu fragen – – entweder Himilco, oder Mago, die Frage beantworten: Einmal, da doch die Schlacht bei Cannä zur Vernichtung der Römischen Macht ausgefallen ist, und alle Welt weiß, daß ganz Italien abfällig ist, ob von den Latinischen Völkern auch wohl ein einziges sich für uns erklärt habe: zum andern, ob aus jenen fünfunddreißig Stadtbezirken auch wohl ein einziger Mensch zum Hannibal übergelaufen sei?» Als Mago beides verneinte, rief jener: «So haben wir denn der Feinde immer noch mehr als zuviel. Indeß wünschte ich wohl zu wissen, wie es jetzt um den Muth, um die Hoffnungen einer noch so großen Menge stehen mag.»

13. Als Mago sagte, das sei ihm unbekannt, so erwiederte Hanno: «Und nichts läßt sich leichter wissen. Haben die Römer irgend jemand mit Friedensvorschlägen an Hannibal gesandt? Habt ihr Nachricht, daß man zu Rom des Friedens im mindesten erwähnt habe?» Als Mago auch dieses verneinte, so fuhr jener fort: «So haben wir denn den Krieg völlig noch so vor uns, als wir ihn an jenem Tage hatten, wie Hannibal nach Italien hinüberging. Die meisten von uns Jetztlebenden erinnern sich dessen noch, wie wechselnd für die Römer 23 der Sieg im ersten PunischenQuam varia victoria priore Punico bello.] – Um einen Punischen Rathsherrn vom Punischen Kriege reden lassen zu können,. den er eigentlich einen Römischen nennen müßte, habe ich die Worte «für die Römer» eingeschoben. Richtet er sich doch auch nachher in der Berechnung der Jahre nach Römischen Consuln. Gronov wollte entweder das Wort Punico wegstreichen, oder doch statt dessen Romano, oder pugnatum, oder Italico lesen. Vielleicht hatte Livius geschrieben: Quam varia victoria P. R. PRIORE Punico bello fuerit. Und statt populi Romani zu lesen, gab der Abschreiber das erste P. R. wegen des folgenden P. R. für einen Schreibfehler an. Daß aber Livius einen Punischen Rathsherrn sagen lässet: Wie sehr im ersten Kriege mit uns der Sieg der Römer wechselte – ist in sofern sehr richtig, weil die Römer am Ende Sieger blieben. – Eben so fiel XXIII. 33. 7. in den Worten populumque Romanum Praetor – in einigen Msc. wegen des folgenden PR in praetor das voraufgehende pop. q. Rom. weg, in andern wegen des voraufgegangenen PqR das Wort praetor. Man sehe dort Drakenb. Soll mein vorgeschlagenes P. R. nicht gelten, so gilt die Entschuldigung, die Hr.  Walch p. 216. ganz mit meiner Zustimmung angiebt. Kriege war. Nie hatten unsre Sachen zu Lande und zu Meere ein günstigeres Ansehen, als in dem Jahre vor dem Consulate des Cajus Lutatius und Aulus Postumius. Unter den Consuln Lutatius und Postumius wurden wir bei den Ägatischen Inseln die Besiegten. Gesetzt; das Glück würde – was die Götter verhüten mögen! – auch jetzt wieder wankend, hoffet ihr alsdann Frieden, wenn wir besiegt werden, den uns niemand giebt, da wir siegen? Ich meines Orts würde, wenn mich jemand über den Frieden befragen sollte, ob dieser dem Feinde anzubieten oder von uns anzunehmen sei, ihm meine Meinung sogleich angeben können: wenn ihr aber bloß unser Gutachten über Mago's Forderungen verlangt, so glaube ich, daß es nicht nöthig sei, Siegern etwas zu schicken, und sollten sie uns durch falsche und leere Hoffnungen täuschen, so muß ihnen, meiner Meinung nach, noch so viel weniger etwas geschickt werden.»

Hanno's Rede machte nur auf Wenige Eindruck. Denn theils nahm seine Feindschaft gegen die Barcinische Familie seinen Behauptungen das Gewicht, theils hatten sie, so eben von der Freude bestochen, für Alles, was ihre frohe Stimmung hätte vereiteln können, kein Gehör: ja sie glaubten, dem Kriege bald sein Ende geben zu können, wenn sie sich nur einigermaßen anstrengen wollten. 24 Also wurde mit großer Übereinstimmung der Senatsschluß ausgefertigt, daß dem Hannibal (vier und) zwanzigtausendHannibali quatuor Numidarum millia.] – Drakenb. bemerkt aus Cap. 32. daß dort dem Hannibal statt der hier decretirten 4000 Numider nur 1500 und statt der 40 Elephanten nur 20 zugesandt werden, also Alles in kleineren Summen, als sie nach dem in der ersten Freude abgefaßten Beschlusse sein sollten. Dort werden aber auch 12,000 Mann Fußvolk angegeben. Es ist also an unsrer Stelle die decretirte größere Summe des Fußvolks weggefallen. Er will so lesen: ut Hannibali viginti peditum, quatuor Numidarum millia u. s. w. Nähme man an, daß Livius geschrieben habe, ut Hannibali quatuor et viginti peditum, quatuor Numidarum millia; so ergäbe sich daraus noch anschaulicher, wie die Abschreiber aus dem Einen quatuor ins Andre hinüberlasen und die Worte dazwischen wegfielen. In den nachfolgenden Worten multa talenta folge ich mit Gronov u. Drakenb. der Verbesserung des Muretus: MVCta; Crevier will zwar aus Cap. 32. mille talenta lesen. Allein auch darum, weil in unserm Cap. alle Summen größer sind, als dort, ziehe ich des Muretus Lesart, die ohnehin den Buchstaben nach so viel für sich hat, Creviers Vermuthung vor. Mann Fußvolk, viertausend Numider als Ergänzungstruppen geschickt werden sollten, ferner vierzig Elephanten und tausend fünfhundert Talente Silbers. Vorläufig wurde mit dem Mago ein Dictator nach Spanien geschickt, um dort zwanzigtausend Mann zu Fuß und viertausend zu Pferde auszuheben, um mit diesen die Heere, sowohl das in Italien, als das in Spanien, zu ergänzen.

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