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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 65
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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50. Dies ist die Schlacht bei Cannä, mit der Niederlage an der Allia von gleichem Rufe; übrigens so wie in ihren Folgen, weil der Feind säumte, leichter, so durch das Gemetzel im Heere schwerer und scheußlicher. Denn eben dadurch, daß die Flucht an der Allia die Stadt preisgab, rettete sie das Heer: bei Cannä aber hatte der fliehende Consul kaum siebzig Mann zum Gefolge, der andre im Tode das ganze Heer.

Da in beiden Lagern die halbbewaffnete Menge ohne Anführer war, so ließen die im größern Lager jenen hinübersagen: «Während in der Nacht die vom Treffen und dann von den Mahlen der Freude ermüdeten Feinde der Schlaf feßle, möchten sie zu ihnen herüberkommen: sie wollten dann in Einem Zuge nach Canusium abgehen.» Diesen Vorschlag verwarfen einige ganz. «Denn warum kämen jene, welche sie hinüberrufen ließen, nicht selbst, da sie doch eben so gut zu ihnen stoßen könnten? weil freilich Alles in der Mitte von Feinden besetzt sei, und sie lieber das Leben Anderer, als ihr eignes, einer so großen Gefahr aussetzen wollten.» Andern misfiel der Vorschlag nicht so sehr, als es ihnen an Muth fehlte. Da sprach Publius Sempronius Tuditanus, ein Oberster:

«So wolltet ihr euch lieber gefangen nehmen lassen? von dem geldgierigsten, grausamsten Feinde? den Preis eurer Köpfe bestimmen lassen? euch euren Werth mit 582 den Worten abfragen lassen: Bist du Römischer Bürger, oder Latinischer Bundsgenoß? – damit aus deiner Schmach, aus deinem Jammer Andern Ehre erwachse? Jeder ruft Nein! wenn ihr anders als Mitbürger einem Consul Lucius Ämilius angehört, der für seine Person lieber mit Ehren sterben, als mit Schande leben wollte; und so vielen Tapferen, die in Haufen um ihn herliegen. Nein, ehe uns der Tag übereilt, und größere Scharen von Feinden den Weg sperren, wollen wir durch diese Elenden, die ohne Ordnung, ohne Gliederschluß vor den Ausgängen herumtoben, hinausbrechen. Schwert und Muth bahnen den Weg durch einen noch so dichten Feind. Und vollends im Keile werden wir durch diese verstreute und aufgelösete Schar hindurchgehen, als stände uns kein Mensch im Wege. So folge mir denn, wer sich selbst und den Stat gerettet wissen will!» Mit diesen Worten zog er sein Schwert, schritt in geschlossenem Keile mitten durch die Feinde fort, und da die Numider von der rechten Seite her, wo sie ungedeckt waren, auf sie schossen, so nahmen sie ihre Schilde auf den rechten Arm herüber, drangen an sechshundert stark in das große Lager durch, und von hier, wo sich ein beträchtlicher zweiter Zug ihnen anschloß, glücklich nach Canusium. So ging es bei den Überwundenen zu, mehr in einer Aufwallung von Muth, wie sie Jedem seine eigne Sinnesart oder das Schicksal eingab, als nach einem Kriegsrathe, oder auf Befehl eines Oberen.

51. Bei dem Sieger Hannibal hingegen, den ein Gedränge von Glückwünschenden umringte und ihn aufforderte, nach Beendigung eines so wichtigen Krieges für diesen Tag, so viel davon noch übrig sei, und die folgende Nacht sich selbst zur Ruhe berechtigt zu halten, und sie seinem ermüdeten Heere zu gönnen, sprach Maharbal, der Anführer der Reuterei, der durchaus von keinem Aufschube wissen wollte: «Ei nein! um zu erfahren, was durch diese Schlacht gewonnen sei, mußt du in fünf Tagen als Sieger auf dem Capitole speisen. Komm mir nach: ich will mit der Reuterei vorausgehen, um sie 583 früher erfahren zu lassen, daß du gekommen seist, als daß du kommen werdest.» Dem Hannibal schien diese Unternehmung das Glück zu übertreiben, und zu groß, um sich sogleich darein finden zu können. Er sagte also: «Er lobe Maharbals guten Willen; allein den Vorschlag zu prüfen habe man Zeit nöthig.» Da sprach Maharbal: «Nun ja; die Götter gaben nicht Einem Alles. Siegen, Hannibal, hast du gelernt; nicht aber, den Sieg zu nutzen.» Man glaubt ziemlich allgemein, Rom und seine Oberherrschaft haben dem Aufschube dieses Tages ihre Rettung zu verdanken.

Mit Anbruch des folgenden Tages waren sie darüber aus, ihren Raub zu sammeln und das selbst ihnen als Feinden gräßliche Gemetzel in Augenschein zu nehmen. Da lagen so viele Tausende von Römern, Fußvolk und Reuter, unter einander, wie Zufall, Kampf oder Flucht sie neben einander gebettet hatte. Einige, von ihren durch die Morgenluft gekälteten Wunden ermuntert, richteten sich kaum in ihrem Blute mitten aus dem Gemetzel auf, so wurden sie vom Feinde niedergemacht. Andre sah man, weil sie mit abgehauenen Schenkeln und Kniekehlen noch lebend dalagen, den Nacken und den Hals entblößen und den Feind auffordern, ihnen auch das übrige Blut abzuzapfen. Einige fand man mit den Köpfen unter aufgescharrter Erde stecken, so daß es augenscheinlich war, sie mußten sich diese Löcher selbst gemacht, und dadurch, daß sie sich den Mund mit der aufgeworfenen Erde verschütteten, sich selbst erstickt haben. Besonders zog Aller Augen ein Numider auf sich, der mit zerfleischter Nase und Ohren noch lebend einem auf ihm liegenden todten Römer untergebreitet lag, so daß bei diesem, weil ihm die Hände den Dienst, eine Waffe zu halten, versagten, der Grimm in Wuth übergegangen war, und er den Geist aufgab, während er seinen Feind mit den Zähnen zerfleischte,

52. Nachdem sie bis tief in den Tag die Beute eingesammelt hatten, führte sie Hannibal zum Angriffe auf das kleinere Lager; und sein erstes Geschäft war, die 584 Römer durch einen vorgezogenen Graben vom Flusse abzuschneiden. Da sie aber sämtlich unter Beschwerden, Wachen und Wunden erlagen, so erfolgte die Übergabe früher, als er selbst gehofft hatte. Nach eingegangenem Vertrage, daß für die Römischen Gefangenen auf den KopfUngefähr 60 Thaler, dann 40 und 20 Thlr. dreihundert, für Bundesgenossen zweihundert, für Sklaven einhundert Silberdenare gezahlt und sie nach Entrichtung dieses Lösegeldes, jeder mit Einem Kleidungsstücke, entlassen werden sollten, nahmen sie den Feind in das Lager auf, und wurden alle, Römer und Bundsgenossen von einander getrennt, in Verwahrung gegeben.

Da unterdeß, daß man hier so die Zeit hinbrachte, aus dem größeren Lager von denen, welche noch Kräfte oder Muth genug hatten, an viertausend zu Fuß und zweihundert zu Pferde, sich theils in geschlossenem Zuge, theils einzeln durch die Dörfer – welches eben so sicher war – nach Canusium geflüchtet hatten; wurde das Lager selbst von den Verwundeten und Muthlosen, unter eben den Bedingungen, wie jenes, dem Feinde übergeben. Er machte große Beute: und außer den Pferden und Menschen und was sich etwa an Silber fand – dies bestand meistens in Putzschilden der Pferde; denn zum Tafelgeräthe verarbeitetes Silber hatte man damals nur sehr wenig, vollends im Felde – wurde alle übrige Beute zum Plündern preisgegeben. Darauf ließ Hannibal die Leichen der Seinigen zusammentragen, um sie zu begraben. Es sollen an achttausend der besten Truppen gewesen sein. Nach einigen Schriftstellern soll man auch den Römischen Consul aufgesucht und begraben haben. Die nach Canusium Geflüchteten unterstützte eine Apulierinn, Namens Busa, eine vornehme und reiche Frau, da sie von den Canusiern bloß in die Stadt und in die Häuser aufgenommen waren, mit Getreide, Kleidung, sogar mit Geldhülfen; für welche Mildthätigkeit ihr nachmals der Senat am Ende des Krieges Ehre widerfahren ließ.

53. Ob hier nun gleich vier Kriegsobersten waren, 585 Fabius Maximus von der ersten Legion, der Sohn des vorjährigen Dictators; von der zweiten Legion Lucius Publicius Bibulus und Publius Cornelius Scipio, und von der dritten Legion Appius Claudius Pulcher, der neulich Ädil gewesen war; so wurde doch der Oberbefehl einstimmig dem Publius Scipio, so jung er noch war, und dem Appius Claudius übertragen. Als diese in einem kleinen Zirkel über die Lage der Dinge zu Rathe gingen, so eröffnete ihnen Publius Furius Philus, der Sohn eines gewesenen Consuls: «Es sei umsonst, daß sie sich an eine gescheiterte Hoffnung hielten: es sei mit dem State vorbei und alle Rettung aufgegeben. Einige junge Adliche, deren Haupt Lucius Cäcilius Metellus sei, sähen sich schon nach dem Meere und nach Schiffen um, um mit Hinterlassung Italiens zu irgend einem Könige überzugehen.» Da bei diesem Schlage, der sie, außer seiner Härte, noch als Zugabe zu so vielen Niederlagen traf, Alle vor Staunen und Entsetzen in Erstarrung dasaßen, und der ganze Zirkel dafür stimmte, deshalb einen Kriegsrath zu berufen, so behauptete der junge Scipio, vom Schicksale zum Sieger dieses Krieges bestimmt, so etwas eigne sich nicht für einen Kriegsrath. «Bei einem Übel von dieser Größe,» sagte er, «müsse man wagen und handeln, nicht Rath halten. Wer den Stat gerettet wissen wolle, möge sogleich bewaffnet mit ihm gehen. Nirgendwo stehe das feindliche Lager in eigentlicherem Sinne, als da, wo man dergleichen Gedanken hege.» Begleitet von Wenigen ging er geradezu in Metells Quartier, und da er hier die jungen Männer, die ihnen angegeben waren, versammelt fand, rief er, indem er den Rathschlagenden mit dem gezückten Schwerte über den Köpfen stand: «Ich schwöre, so wie ich es ehrlich meine, so wahr, als ich den Stat des Römischen Volkes nicht verlassen, noch zugeben will, daß ihn ein andrer geborner Römer verlasse. Breche ich diesen Eid wissentlich, dann möge der allmächtige Jupiter mich, mein Haus, meine Verwandten und Alles, was mir zugehört, mit dem schmählichsten Tode belegen! Ich verlange, Lucius Cäcilius, daß du diese Worte 586 nachschwörst, und so auch ihr Übrigen, die ihr hier seid. Wer nicht schwört, soll wissen, daß dies Schwert auf ihn gezogen sei.» Voll nicht geringeres Schreckens, als wenn sie den Sieger Hannibal vor sich gesehen hätten, schwuren sie Alle, und gaben sich selbst dem Scipio in Gewahrsam.

54. Während dieser Auftritte zu Canusium kamen zu Venusia bei dem Consul anAd quatuor millia]. – Ich lese mit der besten Handschrift, der Puteanischen, ad quatuor millia et quingenti, pedi tes equi tesque. Denn sie hat millia et D. pedites equitesque. Nächst ihr die beste, die Florentinische, hat mit mehreren andern nur das D wegen des folgenden P ausgelassen (man sehe oben Cap. 49.), und lieset millia et pedi tes cet. Fast alle Handschriften bestätigen durch die Lesart pedi tes equi tesque, daß bei ihnen die Worte et D weggefallen sein müssen. viertausend fünfhundert Mann, Fußvolk und Reuterei, die sich auf der Flucht über das Land zerstreuet hatten, wieder an. Die Venusiner, welche sie sämtlich zur guten Aufnahme und Pflege unter ihre Familien vertheilten, gaben jedem Reuter ein Ober- und Unterkleid und fünfundzwanzig SilberdenareDem Ritter etwa 5 Thaler, dem Fußgänger 2., dem Fußgänger zehn, auch denen Waffen, die keine hatten; benahmen sich in allen Stücken, als Volk und als Einzelne, sehr gastfreundschaftlich, und beeiferten sich, den Stat von Venusia nicht von Einer Canusinerinn in Liebesdiensten übertreffen zu lassen. Allein für die Busa wurde die Last der Menge wegen so viel drückender; und es waren dort ihrer schon an zehntausend. Darum ließen auch Appius und Scipio, sobald sie hörten, daß sich der Eine Consul gerettet habe, diesem anzeigen, wie viele Truppen zu Fuß und zu Pferde sie bei sich hätten; und zugleich bei ihm anfragen, ob sie ihm dies Heer nach Venusia zuführen, oder es zu Canusium behüten sollten. Varro aber führte seine Truppen selbst nach Canusium hinüber. Und schon hatten sie doch den Schein eines consularischen Heeres wieder, und konnten sich vielleicht in einer Festung, wenn auch nicht im freien Felde, halten.

Allein in Rom hatte man auch nicht einmal vom Dasein dieser Reste von Bürgern und Bundsgenossen gehört, 587 sondern daß beide Consuln mit beiden Heeren niedergehauen und alle Truppen völlig vernichtet wären. Nie herrschte in Roms Mauern, ohne Angriff auf die Stadt selbst, ein solcher Schrecken, eine solche Verwirrung. Also will ich lieber der zu schweren Aufgabe erliegen, und mich nicht an Schilderungen wagen, die bei der ausführlichsten Darstellung dennoch hinter der Wahrheit zurückbleiben würden. Da man schon im vorigen Jahre einen Consul und ein Heer eingebüßt hatte, so wurde jetzt nicht nach dem alten Schlage ein neuer, sondern vervielfachtes Unglück gemeldet, der Verlust zweier Consuln, zweier consularischen Heere; für Rom gebe es kein Lager, keinen Feldherrn, noch Soldaten mehr; Apulien, Samnium, und schon fast ganz Italien sei in Hannibals Händen. Jeder andre Stat würde gewiß von einem so großen Übergewichte des Unglücks erdrückt sein. Wollte man hiermit das Unglück der Carthager in dem Seetreffen bei den Ägatischen Inseln vergleichen, wodurch sie kleinmüthig gemacht Sicilien und Sardinien abtraten, und hinterher sich zoll- und steuerpflichtig machen ließen? oder die unglückliche Schlacht in Africa, welcher gerade dieser Hannibal selbst in der Folge erlag? Sie können in keinem Stücke mit diesem verglichen werden, außer darin, daß man sich dabei so viel kleinmüthiger benahm.

55. Die Prätoren Publius Furius Philus und Manius Pomponius beriefen den Senat in das Hostilische Rathhaus, um auf die Sicherstellung der Stadt anzutragen. Denn sie zweifelten nicht daran, daß der Feind, da die Heere vertilgt wären, zum Angriffe auf Rom, der einzigen noch übrigen Kriegesthat, heranrücken werde. Da aber bei diesen Übeln, die sich, so groß sie waren, doch nicht bestimmen ließen, keiner einen ordentlichen Rath ertheilen konnte, das Geschrei jammernder Weiber sie umtönte, und, so lange noch nichts bekannt gemacht war, die Wehklage über Lebende und Todte ohne Unterschied fast in allen Häusern erhoben wurde; so gab Quintus Fabius Maximus den Rath: «Man solle auf der Appischen und Latinischen Heerstraße leichte Reuterei ausschicken, die 588 nach geschehener Erkundigung bei den ihnen Begegnenden – denn die Flucht würde doch wohl Einige hier- und dorthin versprengt haben – Nachricht zurückbrächten, wie es um die Consuln und um die Heere stehe; und sollten die unsterblichen Götter aus Erbarmung gegen den Stat, dem Römischen Volke ein Überbleibsel gelassen habenFecerint: ubi]. – Drakenborch und mit ihm die späteren Herausgeber trennen diese Worte durch ein Kolon. Dann geben die Worte et si quid dii immortales etc. ein Ob. Mir scheint Creviers Interpunction, der ich gefolgt bin, ungezwungener. Er hat hinter fecerint nur ein Komma: dadurch wird si zum Wenn., wo diese Truppen ständen; wohin sich Hannibal nach der Schlacht gewandt habe, welche Anstalten er treffe, was er jetzt thue, und thun werde. Alles dies müsse man durch tüchtige junge Männer auszuforschen und zu erfahren suchen. Hingegen müsse man es den Vätern selbst, weil der Obrigkeiten zu wenig wären, zum Geschäfte machen, daß sie dem Aufruhre und der Verwirrung in der Stadt ein Ende machten, die Frauen von den Straßen wegwiesen und jede zwängen sich innerhalb ihrer Thür zu halten; daß sie den Wehklagen der Familien Schranken setzten; Stille in der Stadt bewirkten; Sorge dafür trügen, daß die Boten mit jeder Nachricht zu den Prätoren geführt würden; Jeden den Aussager seines Schicksals zu Hause erwarten ließen: ferner, daß sie Wachen an die Thore stellten, um zu verhindern, daß irgend jemand die Stadt verlasse, und daß sie die Leute nur von der Erhaltung der Stadt und ihrer Mauern die eigne Rettung hoffen hießen. Wann sich der Aufruhr gelegt habe, dann erst sei es Zeit, die Väter wieder zu Rathhause zu rufen und über die Sicherstellung der Stadt sich zu berathschlagen.»

56. Nachdem sie Alle beistimmig zum Fabius hinübergetreten waren, und, sobald durch die Obrigkeiten der Schwarm vom Markte weggeschafft war, die Väter sich nach mehreren Gegenden zur Stillung des Aufruhrs vertheilt hatten; da endlich lief ein Brief vom Consul Terentius mit der Anzeige ein: «Der Consul Lucius Ämilius 589 und das Heer sei niedergehauen; Er stehe zu Canusium und sammle die Überbleibsel einer so großen Niederlage wie aus dem Schiffbruche. Sie machten beinahe fünfzehntausendAd decem millia]. – Zahlen! also auch Misgriffe der Abschreiber! Schon Gronov und Crevier wollten ad XIIII millia lesen, weil Livius, der 10,000 von der Busa zu Canusium Verpflegte, und 4,500 zum Varro nach Venusia Geflüchtete angegeben hatte, beide Summen nicht in 10,000 zusammenwerfen kann. Nehmen wir die in der Puteanischen Handschrift (m. s. Cap. 54. im Anfange) aufgeführte Summe, quatuor millia et D, als richtig an, so müssen hier ad quindecim millia angegeben werden; und da es leichter ist, daß ein Abschreiber hinter dem X das V wegfallen lässet, als ein IIII oder IV, so erwächst aus dieser Berichtigung wieder ein Grund für die Richtigkeit jener Lesart des Codex Puteanus, Cap. 54. Mann nicht zusammengehöriger und ungeordneter Truppen aus. Hannibal sitze bei Cannä, wo er, eben so wenig im Geiste eines Siegers, als nach Sitte eines großen Feldherrn, mit den Preisen seiner Gefangenen und der übrigen Beute hökere.» Nun wurde auch jeder Familie der Verlust der Ihrigen bekannt, und die ganze Stadt so überall mit Trauer erfüllt, daß das jährliche Opfer der Ceres unterbleiben mußte, weil keine Leidtragende es bringen darf, und in jener Unglückszeit keine Frau von Stande ohne Trauer war. Damit nun nicht aus gleicher Ursache auch andre dem State oder Einzelnen obliegende Gottesverehrungen versäumt würden, so wurde durch einen Senatsbefehl die Zeit der Trauer auf dreißig Tage beschränkt.

Als nun nach gestilltem Aufruhre in der Stadt die Väter wieder zu Rathhause berufen waren, meldete noch ein andrer Brief, aus Sicilien vom Proprätor Titus Otacilius: «Hiero's Reich werde von einer Punischen Flotte verheeret. Als er diesem auf seine Bitte habe zu Hülfe ziehen wollen, sei ihm gemeldet, daß eine zweite Flotte bei den Ägatischen Inseln gerüstet und zum Angriffe bereit stehe, um sogleich, wenn die Punier merkten, daß er sich auf die Verteidigung der Syracusanischen Küste einlasse, Lilybäum und die übrige Römische Provinz zu überfallen. Wenn man also den verbündeten König und Sicilien schützen wolle, so sei eine Flotte nöthig.»

590 57. Als des Consuls und des Proprätors Briefe verlesen waren, beschlossen die VäterPropraetorisque lectis, censuerunt M. Claudium]. – Das Wort censuerunt hat Stroth aus einer Handschrift aufgenommen. Die beste, die Puteanische, lieset praetorisque Marcium Claudium, die andern praetoris quem Appium Claudium, oder praetorisque Appium Claudium. So viel sieht man, daß vor Claudium ein etwas längerer Name, als der bloße Vorname M. gestanden haben müsse, und das aus dem Cod. Put. angeführte Marcium läßt mich glauben, man müsse Marcellum Claudium lesen; so wie XXIII. 14, 10. Daß dieser damals Prätor war, wissen wir aus Cap. 35; und Livius sagt selbst nachher, der Consul sei befehligt, einem Prätor das Heer zu übergeben. Welchem? Hatte er an unserer Stelle gesagt: praetorem Marcellum Claudium, so war sein späteres praetori deutlich genug. Ich glaube also, da auch Gronov hier censuerunt praetorem M. Claudium lesen will, seine und Sigonius Vermuthung, censuerunt patres hier vereinigen und so lesen zu müssen: Literis consulis propraetorisque lectis, censuerunt patres, praetorem Marcellum Claudium, qui classi cet. Der Puteanischen Lesart, die von praetorisque gleich zu Marcium übergeht, sieht man es an, daß die Ähnlichkeit der Worte praetoris und praetorem Gelegenheit gab, die Worte lectis, censuerunt patres, praetorem zwischen praetoris und Marcellum (welches der Abschreiber falsch Marcium las) ausfallen zu lassen., den Prätor Claudius Marcellus, der jetzt die bei Ostia stehende Flotte befehlige, nach Canusium zum Heere zu schicken, und dem Consul zu schreiben, wenn er dem Prätor das Heer übergeben hätte, möchte er, so weit es sich mit dem Besten des Stats vereinigen lasse, je eher je, lieber nach Rom kommen.

Außer so großen Unglücksfällen wurden die Gemüther theils durch andre Schreckzeichen, theils auch durch dieses erschüttert, daß man in diesem Jahre zwei Vestalinnen, Opimia und Floronia, der Unzucht überführt, und die eine, wie gewöhnlich, vor dem Collinischen Thore unter der Erde hatte sterben lassen, die andre sich selbst den Tod angethan hatte. Lucius Cantilius, Schreiber eines Oberpriesters, die man jetzt die kleinen Oberpriester nennt, der mit der Floronia den verbotenen Umgang gehabt hatte, war vom Hohenpriester auf dem Versammlungsplatze so lange mit Ruthen gehauen, bis er unter den Schlägen den Geist aufgab. Da man nun auch diesen Frevel, wie sichs unter so vielen Unfällen erwarten ließ, für ein Unglückszeichen nahm, so bekamen die Zehnherren Befehl, die Bücher nachzuschlagen. Auch wurde 591 Quintus Fabius Pictor nach Delphi an das Orakel geschickt, um anzufragen, durch was für Gebete und Anrufungen man die Götter versöhnen könne, und auf was Art die so großen Unglücksfälle ein Ende gewinnen würden. Unterdeß brachte man, wie es die Bücher der Schicksale verlangten, mehrere außerordentliche Opfer, auch dieses, daß man einen Gallier und eine Gallierinn, einen Griechen und eine Griechinn, auf dem Rindermarkte lebendig in ein unter der Erde ummauertes Zimmer hinabließ, das schonIm Jahre Roms 526. (also vor 10 Jahren) unter den Consuln M. Valerius Messalla und L. Apustius Fullo hatte man eben so zwei Menschenpare lebendig eingemauert, um der von den Sibyllinischen Büchern gedroheten Besitznehmung des Römischen Bodens von Galliern und Griechen auf diese Art eine abwendende Erfüllung zu geben. (Freinsheim und Crevier.) Die Vermuthung des Perizonius also, der aus der Lesart des Codex Puteanus: conseptum u iam ante lieber so lesen wollte: conseptum VII an. ante, d. i. conseptum septem annis ante, würde gar nicht gegen die Zeitrechnung streiten, wenn man annähme, daß jenes V aus einem halberloschenen X entstanden sei, und man so lesen müsse: conseptum, decem iam annis ante cet. Gerade so haben mehrere Msc. Cap. 60, 19. statt XL die Lesart VI. ehemals, ganz gegen den Geist Römischer Gottesverehrungen, Menschen als Opferthiere in Empfang genommen hatte.

Als die Götter, wie man glaubte, gehörig versöhnt waren, schickte Marcus Claudius Marcellus von Ostia die für die Flotte geworbenen, unter ihm stehenden, tausend fünfhundert Mann, nach Rom, um hier als Besatzung zu dienen. Er selbst eilte, nachdem er die Legion der Flotte (sie war die dritteEa legio tertia erat]. – Nach Cap. 53. focht die dritte Legion bei Cannä; denn der Kriegstribun App. Claudius, der nach Canusium geflüchtet war, gehörte zu dieser dritten Legion. Wie kann sie nun hier die Flottenlegion sein, die unter dem Prätor Marcellus bei Ostia steht? An beiden Stellen rügt Drakenb. diesen Verstoß. Wir wissen, daß damals 8 Legionen waren. Wie, wenn wir annähmen, daß in unserer Stelle, wo eine Handschrift trina lieset, dies TRINA aus dem unrichtig gelesenen VIIMA – oder in den andern Msc., welche alle tertia lesen, dies IIIa aus dem falsch gelegenen VIIa entstanden sei? Vielleicht läßt sich aber die Lesart tertia retten, wenn wir uns erinnern, daß Hannibal den Römern an Reuterei bei weiten überlegen war; daß also vielleicht die Römer die Reuterei der bei Ostia stehenden Legion, die eigentlich mit dem Marcellus (Cap. 35.) nach Sicilien bestimmt war, aber immer noch nicht abfuhr, weil gegen Hannibal ihre Reuterei unentbehrlich war, bei Cannä gebrauchten. So könnte Appius Claudius als Tribunus militum in der Reuterei bei Cannä gefochten und doch zugleich der bei Ostia stehenden Legion gehört haben. Doch ist mir diese Auskunft weit weniger wahrscheinlich, als die erste. Legion) mit den Obersten 592 nach Sidicinisch-Teanum vorausgeschickt, und die Flotte seinem Mitprätor Publius Furius Philus übergeben hatte, wenige Tage nachher in großen Märschen nach Canusium. Der nach einem Senatsgutachten gewählte Dictator Marcus Junius und sein Magister Equitum Tiberius Sempronius hoben nach angesetzter Werbung die Dienstfähigen vom siebzehnten Jahre an, einige sogar noch im verbrämten Rocke, aus. Aus diesen stellte man vier Legionen und tausend Ritter auf. Ferner beschickten sie die Bundesgenossen und das ganze Latium, die vertragsmäßigen Hülfstruppen in Empfang zu nehmen. Sie ließen Schutz- und Angriffswaffen und ähnliche Dinge fertigen: auch nahmen sie in den Tempeln und Hallen die ehemals erbeuteten Waffen herab. Der Mangel an freien Leuten und die Noth veranlaßten noch eine Werbung in einer neuen Gestalt. Sie bewaffneten achttausend vom State gekaufte kernhafte Jünglinge vom Sklavenstande, nachdem sie jeden befragt hatten, ob er zum Kriegsdienste Lust habe. Sie nahmen diese Art Soldaten lieber, ob sie gleich für einen geringeren Preis ihre Gefangenen hätten loskaufen können.

58. Denn als Hannibal, der, nach der so glücklichen Schlacht bei Cannä mehr auf die Geschäfte eines Siegers, als eines kriegenden Feldherrn sah, von den Gefangenen, die er sich vorführen und sondern ließ, die Bundesgenossen der Römer, so wie vormals am Trebia und am See Trasimenus, nach einer gütigen Anrede unentgeltlich entlassen hatte; so redete er auch die Römer, die sonst nie vor ihn gerufen waren, ganz gnädig an: «Er führe mit den Römern keinen Vertilgungskrieg; er kämpfe um Ehre und Oberherrschaft. So wie seine Vorfahren der Römischen Tapferkeit gewichen wären, so gehe sein Streben dahin, daß nun auch seinem Glücke zugleich und seiner Tapferkeit Alles weiche. Er stelle es 593 also den Gefangenen frei, sich loszukaufen. Der Preis betrage auf jeden Kopf, für den Ritter fünfhundert Silberdenare, für den Fußgänger dreihundert, für den Sklaven hundert.»

Wurde hier gleich den Rittern zu der Summe, die sie bei ihrer Übergabe bedungen hatten, ein AnsehnlichesHannibal entschädigt sich an den Rittern für das den Bundesgenossen erlassene Lösegeld. Diese hatten zweihundert Denare oder 40 Thlr. (C. 52.) für den Mann versprochen: so viel läßt er nun die Ritter mehr zahlen. Statt 60 sollen diese nun 100 Thlr. geben. aufgesetzt, so nahmen sie doch einen Vertrag unter jeder Bedingung mit Freuden an. Man ließ sie durch eigne Stimmenwahl Zehn unter sich dazu ernennen, nach Rom an den Senat zu gehen, und nahm von diesen kein anderes Pfand der Redlichkeit, als einen Eid, daß sie wiederkommen wollten. Carthalo, ein vornehmer Carthager, wurde ihnen mitgegeben, um, auf den Fall, daß er zu Rom eine Stimmung zum Frieden fände, die Bedingungen angeben zu können. Als sie aus dem Lager abgegangen waren, kehrte einer von ihnen, ein Mensch ohne allen Römersinn, als hätte er dort etwas vergessen, in das Lager zurück, um sich seines Eides zu entledigen, und holte vor Nacht seine Gefährten wieder ein. Als man erfuhr, daß sie nach Rom kämen, wurde dem Carthalo ein Gerichtsdiener entgegen geschickt, der ihm in des Dictators Namen andeuten mußte, noch vor Nacht das Römische Gebiet zu räumen.

59. Die Gesandten der Gefangenen ließ der Dictator vor den Senat. Ihr Anführer, Marcus Junius, sprach: «Es ist keiner unter uns, der nicht wüßte, daß nie in einem State die Kriegsgefangenen weniger geachtet würden, als im unsrigen. Und dennoch sind nie, wenn wir nicht für unsre Sache zu sehr eingenommen sind, Römer in feindliche Gewalt gerathen, welche es weniger verdienten, von euch vernachlässigt zu werden, als wir. Wir haben nicht aus Feigheit in der Schlacht das Gewehr gestreckt, sondern nachdem wir fast bis in die Nacht, über Haufen der Erschlagenen stehend, das 594 Gefecht fortgesetzt hatten, zogen wir uns ins Lager zurück. Den Rest des Tages und die folgende Nacht hindurch behaupteten wir, obgleich ermattet von Beschwerden und Wunden, unsern Wall. Tages darauf, als uns, vom Heere des Siegers umlagert, das Wasser abgeschnitten war; die Möglichkeit, die dichten Scharen der Feinde zu durchbrechen, sich nicht denken ließ, und wir nicht begreifen konnten, daß es ein Bubenstück sein sollte, wenn nach einem Opfer von fünfzig Tausenden, die aus unserm Heere fielen, ein oder der andre Römische Soldat aus der Schlacht bei Cannä übrig bliebe; erst dann gingen wir den Preis ein, um welchen wir entlassen werden wollten, und überreichten die Waffen, die uns weiter keinen Schutz gewährten, dem Feinde. Wir wußten, daß auch unsre Vorfahren sich von den Galliern durch Gold gelöset, daß eure Väter, so zurückstoßend sie den vorgeschlagenen Frieden verwarfen, dennoch Gesandte zur Auswechselung der Gefangenen nach Tarent geschickt hatten. Gleichwohl war, was beide Schlachten, sowohl die an der Allia mit den Galliern, als die bei Heraclea mit dem Pyrrhus, verrufen machte, nicht so sehr der Verlust, als Muthlosigkeit und Flucht. Bei Cannä sind die Felder mit Haufen erschlagener Römer überdeckt; und nur die von uns überlebten die Schlacht, zu deren Niedermetzelung dem Feinde Schwert und Kräfte zu stumpf wurden. Auch giebt es deren unter uns, die nicht einmal in der Schlacht Flüchtlinge geworden sind, sondern die, im Lager als Besatzung zurückgelassen, nur dadurch in Feindesgewalt geriethen, daß das Lager sich ergab. Ich misgönne keinem meiner Mitbürger oder Kampfgenossen sein Glück oder sein Verhältniß, und möchte mich auch nicht durch Herabsetzung Anderer erheben: allein, wenn nicht etwa Schnelligkeit zu Fuß und im Laufe belohnt werden soll, so dürfen selbst nicht einmal die, die meistens als waffenlose Flüchtlinge aus der Schlacht nicht eher stillstanden, bis sie zu Venusia oder Canusium ankamen, sich mit Recht vor uns den Vorzug geben, noch sich rühmen, daß sie dem State 595 mehr Schutz gewährten, als wir. Machet allerdings von ihnen als tüchtigen und tapfern Kriegern Gebrauch; von uns aber ebenfalls, die wir für das Vaterland noch bereitwilliger sein werden, als sie, insofern wir durch eure Wohlthat ausgewechselt und in unser Vaterland wieder eingesetzt sein werden.»

«Eure Werbung erstreckt sich über jedes Alter, jeden Stand; wie ich höre, werden achttausend Sklaven bewaffnet. Unsre Zahl ist nicht geringer, und uns auszuwechseln kostet nicht mehr, als jene zu kaufen. Denn wenn ich uns übrigens mit ihnen vergleichen wollte, so würde ich ja die Römische Bürgerehre kränken. Auch das, dünkt mich, ihr versammelten Väter, dürftet ihr bei dieser Überlegung nicht unbeachtet lassen, wenn ihr anders gegen uns härter sein wolltet, ob ihr es gleich ohne alles unser Verschulden sein würdet, welchem Feinde ihr uns dann überlassen würdet. Etwa einem Pyrrhus, der unsre Gefangenen als seine Gäste behandelte, oder dem Barbaren, dem Punier, bei dem es sich schwer entscheiden läßt, ob er geldsüchtiger, oder grausamer ist? Solltet ihr die Ketten, das Elend, die Jammergestalt eurer Bürger sehen, gewiß, ihr würdet durch diesen Anblick nicht weniger gerührt sein, als wenn ihr auf der andern Seite eure in den Feldern von Cannä hingestreckten Legionen durchschautet. Aber sehen könnt ihr die Angst und die Thränen unsrer im Vorhofe des Rathhauses stehenden, auf eure Entscheidung wartenden Verwandten. Wenn sie schon für uns und für jene Abwesenden so besorgt und ängstlich sind, was meint ihr, müssen die selbst für Empfindungen haben, deren Leben und Freiheit auf dem Spiele stehen? Bei Gott! sollte Hannibal aus eigner Bewegung im Widerspruche mit sich selbst gegen uns der Gütige sein wollen, so würden wir dennoch glauben, daß uns mit dem Leben nichts gedient sei, nachdem ihr uns für unwürdig erklärt hättet, uns loszukaufen. Freilich kamen einst die vom Pyrrhus unentgeltlich zurückgeschickten Gefangenen wieder nach Rom: allein sie kamen wieder, von Gesandten 596 begleitet, den Ersten des Stats, die man zu ihrer Loskaufung hingeschickt hatte. Und ich sollte wieder in meine Vaterstadt kommen, wenn ich als Bürger Roms nicht dreihundert Denare werth sein soll? Jeder hat sein eigenes Gefühl, ihr versammeltest Väter. Ich weiß, daß mein Leben und mein Kopf auf dem Spiele stehen. Aber weit mehr wirkt auf mich die meine Ehre betreffende Besorgniß, verworfen und verstoßen von euch, abziehen zu müssen: denn daß ihr es auf das Geld angesehen haben solltet, wird die Welt nicht glauben.»

60. Kaum hatte er aufgehört zu reden, so erhob die Menge derer, die auf dem Versammlungsplatze standen, ein klägliches Geschrei, und sie streckten die Hände zum Rathhause empor, mit der Bitte, man möge ihnen ihre Kinder, Brüder und Verwandten wiedergeben. Bangigkeit und das Band der Liebe hatte in diesen Schwarm von Männern auf dem Markte auch Weiber sich einmischen lassen. Nun wurden nach Entfernung der unbefugten ZuhörerDiese sind hier die Gesandten der Kriegsgefangenen. die Rathsherren um ihre Meinungen befragt. Da diese sehr verschieden waren, und Einige dafür stimmeten, man müsse die Gefangenen aus dem Schatze loskaufen; Andre, man müsse dem State keine Kosten machen, aber auch nicht verwehren, daß sich Jeder für sein Geld löse, und wenn es diesem oder jenem an barem Gelde fehlen sollte, ihm aus dem Schatze leihen, und den Stat durch Bürgschaften und liegende Gründe sicher stellen; da soll Titus Manlius Torquatus, ein Mann von alter, und wofür er bei den Meisten galt, von gar zu harter Strenge, als ihm seine Stimme abgefordert wurde, so geredet haben:

«Wenn die Gesandten im Namen derer, die jetzt in Feindes Händen sind, bloß das Verlangen geäußert hätten, wieder losgekauft zu sein, so würde ich, ohne gegen irgend jemand anzüglich zu werden, meine Meinung ganz kurz vorgetragen haben. Denn was hätte ich weiter nöthig gehabt, als euch daran zu erinnern, die von 597 unsern Vätern auf uns vererbte Sitte zu einem für den Kriegsdienst unerläßlichen Beispiele beizubehalten? So aber, da sie sich dessen beinahe rühmen, daß sie sich den Feinden überliefert haben, und sich selbst den Vorzug nicht allein vor den in der Schlacht vom Feinde Gefangenen, sondern auch vor denen, die sich nach Venusia und Canusium retteten, und sogar vor dem Consul Cajus Terentius als ihre Gebühr zuerkennen; so kann ich unmöglich zugeben, ihr versammelten Väter, daß euch auch das Mindeste von allem dem, wie es dort hergegangen ist, unbekannt, bleibe. Und was wollte ich darum geben, daß ich das, was ich jetzt euch auseinandersetzen werde, zu Canusium auseinanderzusetzen hätte, vor dem Heere selbst, dem besten Zeugen von eines Jeden Feigheit oder Tapferkeit; oder daß wenigstens der einzige Publius Sempronius hier gegenwärtig wäre, da diese Menschen noch heute, wenn sie seiner Führung gefolgt wären, Soldaten im Römischen Lager, nicht als Gefangene in feindlicher Gewalt sein würden. Allein da sie die ganze Nacht zum Ausfalle frei hatten, weil die Feinde vom Gefechte ermüdet, vor Siegerfreude trunken und fast Alle, so wie sie, in ihr Lager zurückgegangen waren, da auch siebentausend Bewaffnete selbst dichte Feindesscharen hatten durchbrechen können, machten sie eben so wenig aus eigner Bewegung diesen Versuch, als sie Lust hatten, sich an einen Andern anzuschließen. Fast die ganze Nacht über hörte Publius Sempronius nicht auf, sie zu erinnern, sie aufzufordern, sie möchten ihm als Führer folgen, so lange die Zahl der Feinde vor dem Lager noch so klein, so lange noch Alles ruhig und still sei, so lange noch die Nacht die Unternehmung decke: noch vor Tage könnten sie sichere Gegenden, könnten sie verbündete Städte erreichen. Wenn so, wie zu unserer Großväter Zeiten der Kriegstribun Publius Decius in Samnium, wie in unsern Jünglingsjahren im ersten Punischen Kriege Calpurnius Flamma seine dreihundert Freiwilligen anredete, als er sie zur Besetzung einer Anhöhe führte, die 598 in der Mitte der Feinde lag: Lasset uns sterben, Leute, und durch unsern Tod die umzingelten Legionen aus der Einschließung erretten: – wenn so Publius Sempronius euch anredete, so konnte er euch ja nicht einmal für Männer, geschweige für Römer, halten; wenn sich ihm zum Begleiter bei seiner Großthat auch nicht Einer erbot. Er zeigt ihnen die Bahn, nicht sowohl zum Ruhme, als zu ihrer Rettung; er will sie dem Vaterlande, ihren Ältern, Gattinnen und Kindern wieder zuführen. Euch retten zu lassen, fehlt es euch an Muth. «Was würdet ihr thun, wenn es darauf ankäme, für das Vaterland zu sterben? Funfzigtausend an Einem Tage erschlagener Bürger und Bundesgenossen liegen um euch her. Konnten euch so viele Beispiele der Tapferkeit nicht bewegen, so wird euch nie etwas bewegen: konnte euch eine solche Niederlage nicht gleichgültig gegen das Leben machen, so kann es nie eine. Wünscht euch in das Vaterland zurück, als seine freien, vollbürtigen Mitglieder; oder vielmehr, wünscht euch zurück, so lange es für euch noch Vaterland ist, so lange ihr noch seine Bürger seid. Jetzt wünscht ihr das zu spät, da ihr euren persönlichen Werth verloren, euer Bürgerrecht veräußert, euch den Carthagern zu Sklaven hingegeben habt. Wollt ihr euch da wieder einkaufen lassen, wo ihr aus Feigheit und Untauglichkeit weggegangen seid? Publius Sempronius, euer Mitbürger, fand bei euch kein Gehör, als er euch aufforderte, zum Schwerte zu greifen und ihm zu folgen: aber gleich hinterher fand Hannibal Gehör, als er euch zumuthete, euer Lager zu verrathen und die Waffen abzuliefern. Klage ich noch lange die Feigheit dieser Menschen an, die ich des Frevels bezeihen könnte? Denn sie weigerten sich nicht bloß, dem zu folgen, der ihnen ihr Bestes rieth, sondern versuchten es sogar, sich dem Zuge zu widersetzen und ihn zurückzuhalten, wenn nicht jene Helden mit gezücktem Schwerte die Nichtswürdigen aus einander gesprengt hätten. Ich sage, Publius Sempronius mußte zuvor durch einen Schwarm von Bürgern, und dann erst durch die Feinde sich 599 durchschlagen. Nach solchen Bürgern sollte das Vaterland sich sehnen, da es im Falle, daß ihnen die übrigen ähnlich gewesen wären, heute auch nicht an einem Einzigen von allen, die bei Cannä gefochten haben, noch einen Bürger hätte? Unter siebentausend Bewaffneten fanden sich nur sechshundert, die den Muth hatten, sich durchzuschlagen! die in ihr Vaterland frei und unentwaffnet zurückkehrten: und vierzigtausend Feinde konnten es ihnen nicht wehren. Was meint ihr, wie viel sicherer mußte der Weg einem Zuge von beinahe zwei Legionen sein? Dann hättet ihr heute, versammelte Väter, an Bewaffneten zu Canusium tapfre, treueViginti millia armatorum Canusii, fortia, fidelia]. – Ich behalte mit Drakenb. und Crev. diese Lesart der besten und meisten Msc. bei. Die beiden von Stroth für fortium, fidelium angeführten sind theils nicht die besten, theils machen sie ihre Lesart (die Eine: fortium fideliumque; die Andre: fortium et fidelium) durch diese Zusätze als Correctur verdächtig. Mir scheint Livius absichtlich den Zusammenlauf von vier Genitiven gemieden zu haben. In Rücksicht auf die Zahl viginti könnte ich fast vermuthen, daß die Lesart des Haverk. Msc., TRIGINTA, aus der richtigeren II.VIGINTI (welches duo et viginti heißen sollte) entstanden sei. Man vergl. die Anmerk. Cap. 56. im Anfange. Zwanzigtausend. Wie wäre es aber jetzt möglich, daß diese Menschen nur ehrliche – denn für Tapfere dürften sie sich doch wohl selbst nicht ausgeben – und treue Mitbürger sein könnten; wenn man nicht etwa glauben will, sie wären es damals gewesen, als sie die auf den Feind Ausfallenden vom Ausfalle zurückhalten wollten? oder daß sie nicht die Früchte der Tapferkeit, die Rettung und Ehre jener beneiden sollten, da sie sich bewußt sind, ihre schimpfliche Sklaverei durch Muthlosigkeit und Unthätigkeit verschuldet zu haben? Sie wollten lieber, in ihren Zelten versteckt, mit dem Tage zugleich den Feind erwarten, da sie doch Gelegenheit hatten, in der Stille der Nacht sich hinauszumachen. Doch vielleicht fehlte es ihnen nur an Muth zum Ausfalle aus dem Lager; allein ihr Lager zu vertheidigen, hatten sie Muth genug: vielleicht schützten sie in einer Belagerung von mehreren Tagen und Nächten den Wall durch die Waffen, sich selbst durch den Wall; und nur zuletzt, nachdem sie das 600 Äußerste gewagt und gelitten hatten, da ihnen alle Lebensmittel fehlten, und sie von Hunger entkräftet die Waffen nicht länger halten konnten, erlagen sie, mehr dem Gebote ihrer Natur, als dem Feinde? – Nein! Mit Sonnenaufgang rückte der Feind an den Wall, und schon vor acht Uhr Morgens lieferten sie, ohne ihr Glück im Gefechte auch nur zu versuchen, ihre Waffen und sich selber aus. Denkt euch ihre Thaten in jenen zwei Tagen so: als sie in Linie Stand halten und fechten sollten, flohen sie zurück ins Lager; als sie den Wall vertheidigen sollten, übergaben sie das Lager: im Lager eben so unbrauchbar, als in der Linie. Euch sollte ich auslösen? wenn ihr aus dem Lager ausfallen sollt, säumt ihr und bleibt? wenn die Noth euch bleiben und das Lager mit den Waffen schützen heißt, übergebt ihr Lager und Waffen und euch selbst dem Feinde? – Ich kann eben so wenig, ihr versammelten Väter, für die Loskaufung dieser Menschen stimmen, als für die Auslieferung derer, die mitten durch die Feinde aus ihrem Lager durchbrachen und durch hohe Tapferkeit sich dem Vaterlande wiedergaben, an Hannibal

61. Als Manlius gesprochen hatte, ließen sich die Väter, die doch fast sämtlich mit den Gefangenen in Familienbeziehung standen, nicht bloß durch das Beispiel des States bestimmen, der von jeher gegen seine Kriegsgefangenen durchaus nicht der Nachsichtige gewesen war, sondern auch durch die Rücksicht auf die Geldsumme: denn sie hatten eben so wenig Lust, die Schatzkammer zu erschöpfen, die auf den Ankauf und die Bewaffnung der Sklaven zum Kriegsdienste schon eine große Summe hergegeben hatte, als den Hannibal reich zu machen, dem es, wie man hörte, hauptsächlich an Gelde fehlte. Als der strenge Bescheid erfolgte, die Gefangenen würden nicht ausgelöset, und zu den bisherigen Aufforderungen zur Trauer nun noch diese durch den Verlust so vieler Bürger hinzukam, da reihete sich an die Abgeordneten bis ans Thor eine Begleitung von vielen Weinenden und Wehklagenden. Der Eine von ihnen ging nach seinem 601 Hause, ab, weil er sich durch den listigen Rückgang ins Lager seines Eides entledigt zu haben glaubte. Als dies bekannt wurde und an den Senat kam, stimmten Alle dahin, ihn greifen und unter einer vom State mitgegebenen Wache zum Hannibal zurückbringen zu lassen.

Von den Gefangenen erzählt noch eine andre Sage: es seien ihrer zuerst Zehn gekommen. Als man im Senate unschlüssig gewesen sei, ob man sie in die Stadt einlassen solle, oder nicht, habe man ihnen den Eingang gestattet, doch ohne sie im Senate vorzulassen. Als sie nun gegen Aller Erwartung zu lange ausgeblieben wären, seien noch drei andre Gesandte gekommen, Lucius Scribonius, Cajus Calpurnius und Lucius Manlius. Nun erst habe ein Verwandter des Scribonius, ein Bürgertribun, auf die Auslösung der Gefangenen angetragen, der Senat habe die Auslösung nicht bewilligt, und die drei neuen Gesandten seien zum Hannibal zurückgekehrt, die zehn alten aber geblieben; weil sie von ihrer Reise, unter dem Vorwande, sich ein Namenverzeichniß der Gefangenen geben zu lassen, zum Hannibal zurückgekehrt und ihres Eides entledigt wären. Über ihre Auslieferung sei es im Senate zu lebhaften Erörterungen gekommen, und diejenigen, welche für die Auslieferung gewesen wären, hätten einer nur geringen Mehrzahl von Stimmen nachgeben müssen. Übrigens wären jene von den nächsten Censorn durch alle möglichen Arten schimpflicher Auszeichnung so übel mitgenommen, daß sich einige von ihnen sogleich selbst das Leben genommen, die übrigen aber, so lange sie nachher gelebt, sich nicht bloß den Markt, sondern beinahe das Tageslicht und alles öffentliche Erscheinen versagt hätten. Man kann sich eher über die große Verschiedenheit der Angaben wundern, als mit Gewißheit ausmachen, was hier das Wahre sei.

Wie viel bedeutender aber diese Niederlage gewesen sein müsse, als die früheren, geht schon daraus hervor, daß selbst diejenigen Bundesgenossen, die bis auf diesen Tag festgestanden hatten, jetzt anfingen zu wanken, offenbar aus keinem andern Grunde, als weil sie Roms 602 Oberherrschaft für verloren hielten. Es traten zu den Puniern folgende Völkerschaften über: die Einwohner von Atella, von Calatia, die Hirpiner, ein Theil der Apulier, die Samniten mit Ausnahme der Pentrer, alle Bruttier, die Lucaner; ferner die von Surrentum und fast die ganze Küste der Griechen, die von Tarent, Metapontum, Croton und Locri; und alle Gallier diesseit der Alpen. Und dennoch konnten diese Niederlagen und der Abfall so vieler Bundesgenossen nicht bewirken, daß des Friedens von Seiten der Römer nur Erwähnung geschehen wäre, so wenig vor der Ankunft des Consuls in Rom, als nachdem er zurückgekommen war und das Andenken der erlittenen Niederlage erneuerte. Ja selbst in dieser Zeit beseelte die Bürger ein so hoher Geist, daß sie dem nach einer so großen, meistens durch ihn selbst verschuldeten, Niederlage zurückkehrenden Consul aus allen Ständen zahlreich entgegenzogen, und ihm Dank sagten, daß er den Stat noch nicht aufgegeben habe; da eben er, wenn er Carthagischer Feldherr gewesen wäre, sich der schmählichsten Hinrichtung hätte unterwerfen müssen.

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