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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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9 Erstes Buch.

1. Gleich die erste, allgemein angenommene, Nachricht sagt: Bei der Eroberung von Troja wurden die übrigen Trojaner feindlich behandelt. Nur gegen zwei, den Äneas und Antenor, machten die Griechen, als gegen ihre alten Gastfreunde, und weil sie immer zum Frieden und zur Herausgabe der Helena gerathen hatten, von keinem Kriegsrechte Gebrauch. Durch mancherlei Unfälle sei dann AntenorAntenors und seiner Ankunft in der Gegend von Padua, welches er gebaut haben soll, erwähnt Livius, weil er selbst aus Patavium (Padua) gebürtig war. mit einem Heerhaufen von Henetern, welche ohne Heimat und Führer sich an ihn geschlossen hatten, – – denn sie waren aus Paphlagonien durch Aufruhr vertrieben, und ihr König Pylämenes vor Troja gefallen; – – in die innerste Bucht des Hadriatischen Meers gekommen; Heneter und Trojaner hätten die zwischen dem Meere und den Alpen wohnenden Euganeer vertrieben und jene Länder behauptet. Auch nennt sich wirklich der Ort, wo sie zuerst das Land betraten, Troja, und nach ihm ein Bezirk von Dorfschaften der Trojanische. Das ganze Volk bekam den Namen Veneter.

Äneas, gleichfalls von jenem Schlage getroffen und aus seiner Heimat flüchtig, allein vom Schicksale zu einer wichtigern Stiftung geleitet, sei zuerst nach Macedonien gegangen; von da als ein Segler, der eine Niederlassung sucht, an Sicilien getrieben; von Sicilien aus habe er endlich mit seiner Flotte das Laurentische erreicht. Auch dieser Platz hat den Namen Troja. Wie sich die Trojaner hier ausgeschifft hatten, und als Leute, denen ihre fast unermeßlichen Seefahrten nichts als Waffen und Schiffe übrig gelassen hatten, im Lande plünderten; so eilten König Latinus und seine Aboriginer, die damaligen 10 Bewohner dieser Gegend, aus der Stadt und aus den Dörfern bewaffnet herbei, den Gewaltthätigkeiten der Ankömmlinge zu wehren. Da giebt es nun zweierlei Berichte. Einige sagen, Latinus habe nach verlorner Schlacht zuerst Frieden, dann auch ein Heirathsbündniß mit Äneas geschlossen. Nach Andern trat Latinus, als die Heere in Schlachtordnung dastanden, noch vor dem Zeichen zum Angriffe, zwischen den VorderreihenEben so Cap. 12. Ad primores Romulus provolat. auf, und lud das Oberhaupt der Fremden zu einer Unterredung ein. Er erkundigte sich, wer und woher sie wären, durch welchen Unfall sie ihre Heimat verlassen, und in welcher Absicht sie sich auf Laurentischem Boden ausgeschifft hätten. Und wie er da vernahm, das Volk bestehe aus Trojanern; ihr Führer sei Äneas, Anchisens und der Venus Sohn; nach Einäscherung ihrer Vaterstadt und weil sie ihr Land hätten meiden müssen, hofften sie eine Niederlassung und Platz zur Anlage einer Stadt zu finden: so reichte er aus Achtung für den Adel der Nation und ihres Helden, nicht weniger für ihren auf Krieg und Frieden gleich gefaßten Muth, dem Äneas zum Unterpfande ihrer künftigen Freundschaft seine Rechte. Beide Heerführer schlossen einen Bund: die Heere begrüßten sich. Latinus nahm den Äneas in seinen Pallast auf; und hier knüpfte er, im Angesichte seiner Hausgötter, an den Völkerverein einen Familienbund: er gab dem Äneas seine Tochter. Und vorzüglich dieser Umstand erfüllte die Trojaner mit der festen Hoffnung, endlich im Besitze eines bleibenden und bestimmten Wohnorts ihren Fahrten ein Ziel gesteckt zu sehen. Sie legten eine Stadt an. Äneas nannte sie, nach seiner Gemahlinn, Lavinium. In kurzem war auch aus der neuen Ehe ein männlicher Erbe da, dem seine Ältern den Namen Ascanius gaben.

2. Jetzt wurden beide Völker, Aboriginer und Trojaner, feindlich angegriffen. Turnus, König der Rutuler, dem die Prinzessinn Lavinia vor des Äneas Ankunft versprochen war, hatte aus Unwillen, daß ihm ein Fremder 11 vorgezogen wurde, dem Äneas und Latinus den Krieg angekündigt. Eine Schlacht lief für beide Heere nicht erfreulich ab. Die Rutuler wurden geschlagen: die siegenden Aboriginer und Trojaner verloren ihren Feldherrn Latinus. Turnus und seine Rutuler nahmen aus Mistrauen auf eigne Kräfte ihre Zuflucht zu der blühenden Macht der Hetrusker und deren Könige, Mezentius. Er herrschte in der damals mächtigen Stadt Cäre. Gleich anfangs gegen das Entstehen der neuen Stadt nicht gleichgültig, überzeugte er sich jetzt noch mehr von der, für die Sicherheit der Nachbaren viel zu schnell anwachsenden, Macht des Trojanischen States, und nahm keinen Anstand, mit seinem Heere zu den Rutulern zu stoßen. Äneas, der sich gegen einen so schweren hereinbrechenden Krieg die Liebe der Aboriginer sichern wollte, nannte beide Völker, um sie unter einerlei Regierung auch durch Einen Namen zu verbinden, Latiner. Und von nun an gaben die Aboriginer an Eifer und Treue für ihren König Äneas den Trojanern nichts nach. Hetruriens Macht war so ansehnlich, daß es nicht bloß das feste Land, sondern schon das Meer an ganz Italien hinunter, von den Alpen bis zur Siculer Meerenge, mit dem Rufe seines Namens erfüllte. Gleichwohl führte Äneas, der sich in Lavinium hätte belagern lassen können, dreist auf die Liebe seiner beiden sich täglich inniger verbindenden Völker, sein Heer vor den Feind. Die erfolgte Schlacht war für die LatinerSecundum inde praelium. – Die Übersetzer alle verstehen unter secundum ein glückliches Treffen. Bei den Erklärern finde ich nichts, außer bei Crevier. Er sagt: Intellige secundum ordine, cui mox opponitur etiam ultimum. Primum prælium Aboriginibus simul Troianisque fuerat adversus Turnum. Diesmal aber haben die Übersetzer Recht gegen Crevier. Denn Livius könnte uns Cap. 3. bei den Worten: Tantum tamen opes creverant, maxime fusis Hetruscis, ut ne morte quidem Aeneæ cet. die Frage nicht verargen: Wo hast du uns denn gesagt, daß die Hetrusker geschlagen wurden? wenn er es nicht gerade durch diese Stelle Secundum inde prælium Latinis gethan hätte. Etiam ultimum ist Gradation. Für die Latiner war dies Treffen Sieg, für den Äneas sogar Übergang zur Vergötterung. glücklich: für den Äneas war sie der Beschluß seiner irdischen Thaten. Er ruhet – was für ein Name ihm nach menschlichen und göttlichen Rechten gebühren mag – auf 12 dem jenseitigen Ufer des Flusses Numicus. Gewöhnlich heißt er Jupiter, der heimische.

3. Noch war Ascanius, des Äneas Sohn, dem Throne nicht gereift: doch blieb ihm sein Königreich bis zur Volljährigkeit ungeschmälert. So lange beruhete der ganze Latinische Stat und ein von Großvater und Vater zusammengestammtes Reich, unter der Leitung einer Frau – und diese große Frau war Lavinia – auf einem Knaben. Ich möchte aber noch sehr zweifeln – denn wer wollte Dinge von so hohem Alter für gewiß behaupten? – ob der Ascanius, den die Julische Familie nach seinem zweiten Namen, Iulus, als ihren Stammvater angiebt, mit dem unsrigen Eine Person, oder ein Älterer gewesen sei, der in Trojas glücklichen Zeiten dem Äneas von der Creusa geboren wurde und dann den Vater auf der Flucht begleitete. Genug Ascanius, wo und von welcher Mutter er geboren sein mag; nach aller Aussage des Äneas Sohn; überließ, weil Lavinium zu volkreich wurde, diesen für damalige Zeiten blühenden und wohlhabenden Ort, seiner Mutter oder Stiefmutter, und baute sich am Fuße des Berges Albanus eine neue Stadt. Sie bekam von ihrer am Abhange hinlaufenden Länge den Namen Alba Longa (Lang Alba). Zwischen den beiden Pflanzungen von Lavinium und Alba Longa verflossen etwa nur dreißig Jahre: allein der Stat war so in Aufnahme gekommen, vorzüglich durch die Besiegung der Hetrusker, daß bei Äneas Tode, und nachher, während der Geschäftsführung einer Frau und der ersten Lehrjahre des jungen Königs, weder Mezentius und die Hetrusker, noch die übrigen Nachbarn einen Angriff wagten. Vermöge des Friedenschlusses schied der Strom Albula, unsre Tiber, Hetrurien und Latium als Gränze.

Nach dem Ascanius regierte sein Sohn Silvius, durch einen Zufall im Walde geboren. Dieser zeugte den Äneas Silvius; dieser wieder den Latinus Silvius, der einige Pflanzstädte anlegte, welche den Namen Altlatiner bekamen. Alle folgenden Könige von Alba aus diesem Geschlechte behielten den Zunamen Silvius. Des Latinus Sohn war Albu, des Alba Atys, des Atys Capys, des 13 Capys Capetus, des Capetus Sohn Tiberinus, der bei einer Überfahrt im Strome Albula ertrank und so dem Flusse den in der Folge üblichen Namen gab. Sein Sohn Agrippa folgte ihm. Nach dem Agrippa beherrschte Romulus Silvius das vom Vater ererbte Reich. Er hinterließ es, als er vom Blitze getödtet wurde, durch die Erbfolge dem Aventinus. Vom Aventinus hat der Hügel, der jetzt ein Theil der Stadt Rom ist, den Namen, weil er da begraben liegt. Nach ihm regierte Proca, und hatte den Numitor und Amulius zu Söhnen. Er bestimmte das alte Königreich des Silvischen Stammhauses dem älteren, dem Numitor. Allein Gewalt setzte sich über den väterlichen Willen und über die der Erstgeburt schuldige Achtung hinaus. Amulius nahm seinem Bruder den Thron, und knüpfte an diese Frevelthat eine neue, die Ermordung seines Brudersohns. Die Tochter Rhea Silvia, machte er zur Vestalinn, und nahm ihr unter diesem Scheine der Ehre, durch das Gelübde des ledigen Standes, alle Hoffnung Mutter zu werden.

4. Gleichwohl trat jetzt der Zeitpunkt ein, auf welchen das Schicksal, wie ich glaube, den Ursprung einer so großen Stadt und den Anfang des, nächst der Macht der Götter, größesten Reichs bestimmt hatte. Die gewaltsam übermannete Vestalinn kam mit Zwillingen nieder, und gab, entweder aus Überzeugung, oder weil ein Gott ein ehrenvollerer Verführer war, den Mars als Vater ihrer namenlosen Kinder an. Und doch schützten weder Götter, noch Menschen sie selbst, oder ihre Kleinen vor des Königs Grausamkeit. Sie – eine Vestalinn! – wurde in Fesseln gefangen gelegt: die Knaben hieß er in den Strom werfen. Durch göttliche Schickung hatte sich die Tiber über ihre Ufer in stehende Sümpfe ergossen. So wenig man irgendwo zum eigentlichen Strome kommen konnte, so hielten doch die königlichen Diener, als sie mit den Zwillingen ankamen, ein noch so seichtes Wasser für tief genug, die Neugebornen zu ertränken, und setzten, als leisteten sie so dem königlichen Befehle Genüge, in der nächsten Anspülung die Kinder aus, da, wo jetzt der 14 RuminalischeRuminalis ficus. – Die Zitzenfeige, weit hier die Wölfinn die Zwillinge gesäugt hatte. Feigenbaum steht, der eine Zeitlang der Romularische geheißen haben soll.

Diese Gegend war damals eine unbewohnte Wüste. Als das sinkende Wasser die hin und her treibende Mulde, worin die Knaben ausgesetzt waren, auf festem Boden stehen ließ, so zog, der angenommenen Sage nach, das Wimmern der Kinder eine Wölfinn, die um zu trinken vom nahen Gebirge kam, herbei. Sie gab den Kleinen ihre dargereichten Zitzen mit so viel Milde, daß sie der Oberhirt der königlichen Heerden angetroffen haben soll, wie sie die Knaben leckte. Man sagt, er hieß Faustulus, und nahm die Kinder mit in die Standhütten der Hirten zu seiner Frau Larentia, um sie aufzuziehen. Einige nehmen an, Larentia habe, weil sie sich preisgegeben, bei den Hirten lupa (die Liederliche) geheißen; (lupa heißt auch eine Wölfinn) dies sei der Ursprung jener Sage und ihres Wunders.

So geboren und so erzogen, durchstreiften sie, sobald sie heranwuchsen, ohne auf dem Standplatze der Hirten und bei der Viehweide lässig zu sein, die umliegenden Forsten auf ihren Jagden. Hiedurch an Körper und Geist gestärkt, wagten sie sich bald nicht bloß an wilde Thiere, sondern fielen auf die mit Beute beladenen Straßenräuber, theilten unter ihre Hirten den Raub aus und machten bei dem sich täglich mehrenden Zuflusse von Jünglingen ihre Zirkel zu Genossen aller Geschäfte und Spiele.

5. Schon damals soll auf dem Palatinischen Berge unser heutiges Lupercal eine feierliche Lustbarkeit gewesen sein, und der Berg von der Arcadischen Stadt Pallanteum den Namen Pallantium, nachher Palatium, bekommen haben. Evander stammte von jenen Arcadiern; hatte, der Sage nach, schon mehrere Menschenalter vorher diese Gegend im Besitze und führte die aus Arcadien mitgebrachte Feierlichkeit auch hier ein. Halbbekleidete Jünglinge mußten, dem Lyceischen Pan zu Ehren, den die Römer nachher Inuus nannten, unter muthwilligen 15 Scherzen umherlaufen. In diesem Spiele, dessen Festlichkeit niemand unbekannt sein konnte, waren die Brüder eben begriffen, als sie von jenen Straßenräubern, die den Verlust ihrer Beute rächen wollten, überfallen wurden. Romulus erwehrte sich ihrer mannhaft. Den Remus nahmen sie gefangen und stellten ihn, sogar mit Beschuldigungen, vor den König Amulius. Die Hauptanklage bestand darin: Diese beiden thäten Einfälle in Numitors Gebiet und plünderten dort, mit einer Rotte junger Leute, gleich Feinden. Auf diese Aussage ließ Amulius den Remus zur Hinrichtung an Numitor abliefern.

Schon seit jener ersten Zeit hatte Faustulus die Vermuthung genährt, daß seine Zöglinge königlicher Abkunft wären. Er wußte, daß auf königlichen Befehl Zwillinge ausgesetzt waren; und die Zeit, in der er sie zu sich genommen, traf genau mit jener überein. Doch wollte er sein Geheimniß, so lange es noch nicht gereift wäre, nicht kund werden lassen, wenn ihn nicht ein günstiges Ereigniß, oder die Noth, dazu aufforderte. Die Noth trat früher ein. In der Angst eröffnete er dem Romulus die ganze Sache. Zu gleicher Zeit fiel auch dem Numitor, der den Remus gefangen hielt, der Gedanke an seine Enkel aufs Herz. Er verglich mit der Nachricht von ihrer Zwillingsgeburt ihr Alter, und vollends ihr gar nicht hirtenmäßiges Benehmen: und durch Nachfrage kam auch er eben so weit, daß er nahe daran war, den Remus anzuerkennen. Von allen Seiten also machte man Anschläge gegen den König. Nicht an der Spitze einer anrückenden Schar; denn zu offenbarer Gewalt war er zu schwach; mit seinen vertheilten Hirten, die er auf verschiedenen Wegen um eine bestimmte Zeit am königlichen Schlosse zusammentreffen hieß, brach Romulus zum Könige hinein. Von Numitors Wohnung aus unterstützte ihn Remus mit einem zweiten bereitgehaltenen Haufen: und der König wurde ermordet.

6. Beim ersten Auflaufe sprengte Numitor aus, es wären Feinde in die Stadt gefallen und hätten schon das Schloß angegriffen. Dadurch gelang es ihm, die 16 Mannschaft in Alba auf die Nebenfestung abzurufen, als müsse man wenigstens diese mit gewaffneter Hand zu behaupten suchen. Kaum aber sah er die jungen Helden nach vollbrachter That unter einem Freudengeschrei heranziehen, so rief er das Volk herbei und machte ihm die Frevelthaten seines Bruders gegen ihn, die Abkunft seiner Enkel, ihre Geburt, Erziehung und Entdeckung, zuletzt den Tod des Tyrannen und seine Mitwirkung dazu bekannt. Und als die Brüder, die mit ihrem Gefolge in die Mitte des Kreises einzogen, ihren Großvater als König begrüßten, so bestätigte der beistimmende Zuruf der ganzen Versammlung ihm Titel und Gewalt.

Romulus und Remus sahen den Numitor wieder im Besitze von Alba. Da stieg in ihnen der Wunsch auf, in diesen Gegenden, wo sie ausgesetzt, wo sie erzogen waren, eine Stadt zu bauen. Und wirklich hatte Alba und Latium an Menschen Überfluß: nun kamen noch die Hirten dazu. Diese zusammengenommen konnten ihnen die Hoffnung einflößen, daß, gegen die zu erbauende Stadt, ein Alba, ein Lavinium, nur Städtchen sein würden. Hier aber mischte sich in ihre Entwürfe das vom Großoheime geerbte Übel, die Herrschsucht, und dadurch entspann sich aus einem sehr unschuldigen Anfange die traurigste Fehde. Sie waren Zwillinge: Achtung für Erstgeburt konnte für keinen den Ausschlag geben. Um also die Gottheiten selbst, in deren Schutze die Gegend stand, durch ihren Vogelflug entscheiden zu lassen, wer die neue Stadt nach sich benennen, und, wenn sie dastände, beherrschen sollte, bezogen sie, zur Beobachtung der Vögel, jeder eine Schauhöhe, Romulus auf dem Palatium, Remus auf dem Aventinum.

7. Remus, heißt es, war der erste, dem die glückbringenden Vögel kamen; sechs Geier. Als aber, nach eben angelangter Meldung, dem Romulus doppelt so viele erschienen, so wurde jeder von seinem Haufen zum Könige erklärt. Jene eigneten sich diese Besetzung des Throns nach dem Vorrechte zu, das ihnen die Zeit gab; diese, nach der Anzahl der Vögel. Zankend wurden sie 17 handgemein; durch den Wetteifer erbittert schritten sie zu blutigen Thaten: Remus, im Gewühle, wurde tödtlich getroffen und sank. Die gemeine Sage ist die: Seinem Bruder zum Spotte sei Remus über die angefangene Mauer gesprungen. Der erzürnte Romulus habe ihn erschlagen, und diesen Fluch ihm nachgerufen: «So fahre jeder, der nach dir über meine Mauer setzt!»

So ward Romulus alleiniger Herrscher, und die erbaute Stadt nach ihrem Erbauer genannt. Das Palatium, auf dem er erzogen war, wurde zuerst ummauert. Den übrigen Göttern brachte er ihre Opfer nach Albanischem, dem Herkules nach Griechischem Brauche, wie ihn Evander angeordnet hatte.

Herkules nämlich, so erzählt man, führte die wunderschönen Rinder des von ihm erlegten Geryon in diese Gegend. Der durch die Tiber vor sich hin getriebenen Heerde schwamm er nach. Um die Kühe durch die Ruhe und fette Weide zu erquicken, und selbst von der Wanderung ermüdet, lagerte er sich hier auf dem grasigen Anger, Speise und Wein, reichlich genossen, gaben ihm einen tiefen Schlaf. Ein auf seine Stärke trotzender Hirt aus jener: Gegend, Cacus hieß er, der zu den schönen Rindern Lust bekam, suchte mit dieser Beute zu entkommen. Brachte er sie aber als Treiber in seine Höhle, so mußten selbst die Spuren den suchenden Eigenthümer dorthin führen. Also zog er die Kühe, die schönsten alle, bei den Schwänzen rückwärts in die Höhle. Herkules, der mit der ersten Morgenröthe erwachte, seine Heerde musterte und sie nicht vollzählig fand, ging auf die nahe Höhle zu, ob etwa die Spuren dort hinführten. Er sah sie aber alle auswärts gekehrt und sonst nirgendwo hinlaufen. Verlegen und unschlüssig wollte er schon aus einer so unsichern Gegend weiter treiben, da erhoben, wie die Kühe pflegen, aus Sehnsucht nach den Zurückgebliebenen, einige ihr Gebrüll, und die aus der Höhle schallende Antwort der Eingeschlossenen bewog den Herkules umzukehren. Er ging grade auf die Höhle zu. Cacus wollte ihm den Eingang mit Gewalt verwehren, schrie den Hirten; wiewohl vergeblich, 18 zu, ihm zu helfen, und wurde mit der Keule zu Boden gestreckt. Evander, nach seiner Flucht aus Peloponnes, beherrschte damals diese Gegend, mehr durch sein Ansehen, als durch Befehle. Das Wunder der Buchstabenschrift, für jene mit den Wissenschaften unbekannten Menschen etwas Staunenswerthes, hatte ihn der Nation ehrwürdig gemacht, ehrwürdiger noch der Glaube an die göttlichen Eingebungen seiner Mutter Carmenta, welche schon vor der Ankunft der Sibylle in Italien von diesen Völkern als Prophetinn bewundert wurde. Auch jetzt zog der Auflauf der Hirten, die den Fremdling, als offenbaren Mörder, verlegen umstanden, den Evander herbei. Als er sich die That und ihre Veranlassung hatte erzählen lassen, und in dem Äußern und Persönlichen des Mannes eine Größe und Erhabenheit wahrnahm, die ihn hoch über Menschen hinaussetzte, so fragte er ihn, was für ein Held er sei. Und wie er da seinen Namen, Vater und Vaterland erfuhr, rief er aus: «Jupiters Erzeugter, Herkules, sei mir gegrüßt! Meine Mutter, durch deren Mund die Götter Wahrheit verkündeten, hat mir geweissagt, daß du die Zahl der Himmlischen mehren werdest, und daß dir hier ein Altar geweihet werden solle, den einst das mächtigste Volk auf Erden den Großen nennen und nach der Weise deines Landes auf ihm opfern werde.»Herkules gab ihm die Rechte und erklärte, er nehme die Verheißung an, und wolle durch Errichtung und Einweihung eines Altars den Spruch des Schicksals erfüllen. Sogleich vollzogen sie mit einem aus der Heerde erlesenen Stiere, dem Herkules zu Ehren, hier das erste Opfer, zu dessen Ausrichtung und Mahle die angesehensten Geschlechter jener Gegend, die Potitier und Pinarier, geladen wurden. Es traf sich, daß die Potitier zur gesetzten Zeit sich einfanden, und von den Eingeweiden mitaßen; daß hingegen die Pinarier erst nach verzehrtem Opferfleische zu den späteren Gerichten kamen. Seitdem blieb es gesetzlich, daß die Pinarier, so lange ihr Geschlecht dauerte, von den Eingeweiden der öffentlich gebrachten Opfer nicht essen durften. Die Potitier wurden von Evander über diesen Gottesdienst belehrt, 19 und versahen ihn viele Menschenalter hindurch als Oberpriester; bis endlich darüber, daß sie dies ihrer Familie erbliche Religionsgeschäft durch Sklaven verrichteten, die der Stat hielt, der ganze Stamm der Potitier erlosch. Dies war der einzige ausländische Gottesdienst, den Romulus jetzt aufnahm; für eine durch Thaten erworbene Unsterblichkeit, zu welcher seine Bestimmung auch ihn leitete, schon damals der Gefühlvolle.

8. Nach gehörig vollbrachten Opfern rief er seine Unterthanen zur Versammlung, und weil sie zu der Einheit eines Statskörpers nur durch Gesetze gedeihen konnten, so bestellte er ihnen ein Recht. Überzeugt, daß einem rohen Haufen dies nur dann heilig sein könne, wenn er sich selbst durch Kennzeichen der höchsten Gewalt ehrwürdiger machte, gab er sich eine grösere Majestät, sowohl in seinem übrigen Äußeren, als vorzüglich durch zwölf angenommene Lictoren (Gerichtsdiener). Einige glauben, er habe in dieser Zahl die Anzahl der Vögel befolgt, die ihm durch ihren glücklichen Flug den Thron verkündigt hatten. Ich trage kein Bedenken, der Meinung derer beizupflichten, welche unsre obrigkeitlichen Bedienten (Apparitoren), und auch diese Classe derselben, ja selbst ihre Anzahl von unsern Nachbarn, den Hetruskern, herleiten, von denen wir auch den Thronsessel und den verbrämten Prachtrock bekommen haben: bei den Hetruskern aber waren es darum so viele gewesen, weil ihrem aus zwölf Völkern gemeinschaftlich gewählten Könige jedes Volk einen Gerichtsdiener gestellt habe.

Unterdeß wuchs die Stadt durch Bebauung eines Platzes nach dem andern, indem sie bei Aufführung ihrer Häuser mehr auf eine zu hoffende Volksmenge, als auf die gegenwärtige Menschenzahl sahen. Um aber die Stadt, deren Anlage nicht umsonst so groß gemacht sein sollte, zu bevölkern, befolgte er die Maßregel älterer Städtebauer, welche die unbekanntesten und niedrigsten Leute zu sich einluden, und dann vorgaben, ein neues Menschengeschlecht sei ihnen aus der Erde erwachsen. Er eröffnete auf dem Platze, welcher jetzt; wenn man die Straße: 20 Zwischen den beiden Hainen, hinabgeht, durch eine Befriedigung gesperrt ist, eine Freistatt. Allerlei Gesindel aus den benachbarten Völkern, Freie und Sklaven ohne Unterschied, führte der Wunsch, sich in einem neuen State zu versuchen, hier zusammen; und dies gab der Größe, auf die man sich eingelassen hatte, zuerst eine verhältnißmäßige Starke.

Wie er schon mit seiner Macht zufrieden sein konnte, wünschte er, dieser Macht auch eine Leitung zu geben. Er wählte hundert Rathsherren. Entweder hielt er diese Anzahl für hinlänglich, oder es waren nur Hundert da, welche zu Vätern gewählt werden konnten: wenigstens wurden sie von ihrem Vorzuge Väter, und ihre Nachkommen Patricier (der Adel) genannt.

9. Schon hatte der Römische Stat eine solche Stärke, daß er jedem seiner Nachbarn im Kriege gewachsen war. Aber aus Armuth an Frauen konnte diese Größe nur Ein Menschenalter dauren. Zu Hause sahen sie sich ohne Hoffnung einer Nachkommenschaft; und noch berechtigten keine nachbarlichen Verträge sie zu Ehen im Auslande. Auf den Rath der Väter beschickte Romulus die nächsten Städte, und ließ für sein neues Volk um Bündnisse und Vergünstigung der Ehen anhalten. «Auch Städte,» sagten die Gesandten, «wüchsen, wie alles Andre, aus dem Kleinen auf. Große Macht und großen Namen erwürben nur mit der Zeit sich die, die durch Tapferkeit und göttlichen Segen sich höben. Sie wären überzeugt, daß das Emporkommen Roms die Götter gefördert hätten, und Tapferkeit es fördern werde. Sie möchten sich also nicht ungeneigt finden lassen, als Menschen mit Menschen Blutsfreunde und gemeinschaftliche Stammältern zu werden.» Nirgends fanden die Gesandten günstiges Gehör: so sehr verachteten Rom seine Nachbarn, und so gefährlich zugleich schien ihnen für sie und ihre Nachkommen das in ihrer Mitte sich erhebende Riesengebäude der Römischen Macht. Fast durchgängig wurden sie mit der Frage entlassen: Ob sie nicht auch für Frauenzimmer eine Freistatt errichtet hätten? Nur dann erst würden die 21 Ehepaare zu einander passen. Dies verdroß die jungen Römer; und Gewalt war von ihrer Seite so gut als beschlossen. Um ihnen dazu in Absicht der Zeit und des Orts behülflich zu sein, machte Romulus, ohne seinen Unwillen sich merken zu lassen, angelegentliche Vorkehrungen zu einem Ritterspiele, welches er unter dem Namen Consualien, dem ritterlichen Neptun zu Ehren, anstellen wollte. Er ließ den benachbarten Städten dies Schauspiel ankündigen; und die Römer machten, um Aufsehen und Erwartung zu erregen, so feierliche Zurüstungen, als sie für damalige Zeiten wußten und konnten.

Es zog eine gewaltige Menge Menschen hin; zugleich auch, die neue Stadt zu sehen: am zahlreichsten die nächsten Nachbarn aus den Städten Cänina, Crustuminum, Antemnä. Da kam eine ganze Schar von Sabinern mit Weib und Kind. In allen Häusern fanden sie gastfreie Aufnahme, und wie sie die Lage und Befestigung Roms und die ansehnliche Häuserzahl sahen, wunderten sie sich über diesen schnellen Anwachs. Als endlich der Zeitpunkt des Kampfspieles herankam, und Herz und Auge hiermit beschäftigt war, brach die im Plane liegende Gewaltthätigkeit aus. Auf ein gegebenes Zeichen sprengten die Römischen Krieger nach allen Seiten zum Raube der Mädchen aus einander. Die meisten wurden ohne Wahl weggenommen, wie sie jedem in die Hände fielen: hie und da hatten sich die vornehmsten Adlichen eine hervorstechende Schöne ausersehen, welche ihnen durch ihre Beauftragten im Volke in die Häuser geliefert wurde. So, sagt man, hatten auch die Leute eines gewissen Talassius ein Mädchen aufgefasset, das an Wuchs und Schönheit alle andere übertraf. Und bei der vielen Nachfrage, wem sie diese zuführten, riefen sie, damit sich keiner an ihr vergriffe, zu wiederholten Malen: Dem Talassius! und dadurch sei dies Wort der hochzeitliche Zuruf gewordenVielleicht lag also in diesem Zurufe auf Römischen Hochzeiten ein Compliment für die Braut. Denn eine ausgezeichnete Schöne war es, die man zum Talassius trug, und nur, sie vor der Gefahr zu sichern, welcher ihre Schönheit sie aussetzte, rief man: Zum Talassius! .

22 Traurig nahmen die Ältern der Mädchen, nach dieser schreckenvollen Unterbrechung des Schauspiels, die Flucht; klagten laut über bundbrüchige Verletzung der Gastfreundschaft, und riefen zu dem Gott um Rache, zu dessen Feste und Spielen erheuchelte Gottesfeier und Redlichkeit sie gelocket habe.

Auch bei den Geraubten waren die Aussichten nicht froher, der Unmuth nicht kleiner. Aber Romulus ging selbst in die Häuser und belehrte sie : «An dieser That sei bloß der Übermuth ihrer Väter schuld, die das Recht gegenseitiger Ehen Nachbarn geweigert hätten. Gleichwohl sollten sie rechtmäßige Gattinnen, sollten Mitgenossinnen des gesammten Vermögens, des Bürgerrechts, ja des Liebsten, was Menschen hätten, der künftigen Kinder sein. Sie möchten ihren Zorn besänftigen, und denen, welchen die Fügung ihre Personen geschenkt habe, auch ihre Herzen schenken. Schon oft habe eine Beleidigung Freundschaft zur Folge gehabt: und sie würden um so viel bessere Männer haben, weil jeder von seiner Seite sich bemühen werde, nach allen Beweisen der Liebe, die sich von ihm als Gatten erwarten ließen, ihnen auch für Ältern und Vaterland Ersatz zu geben.» Von einer andern Seite kamen die Liebkosungen der Männer, welche ihrer That Leidenschaft und Liebe zu Fürsprecherinnen gaben: eine bittende Entschuldigung, die ihre Wirkung auf das weibliche Herz nicht leicht verfehlt.

10. Schon hatten die Entführten sich merklich beruhigt. Aber gerade jetzt war der Zeitpunkt, in welchem die Ältern am dringendsten durch ihren Aufzug in Trauerkleidern, durch Thränen und Klagen ihre Mitbürger in Bewegung setzten. Auch schränkten sie die Ausbrüche ihres Unwillens nicht bloß auf ihre Heimat ein. Sie sammelten sich von allen Orten zum Titus Tatius, dem Könige der Sabiner; und bei ihm – denn des Tatius Name stand in der ganzen Gegend in hoher Achtung – trafen ihre Gesandschaften zusammen.

Zu den Beleidigten gehörten auch die Cäninenser, Crustuminer und Antemnaten. Nach ihrer Meinung 23 verfuhren Tatius und die Sabiner viel zu säumig. Also vereinten sich nur diese drei Volker zur gemeinschaftlichen Führung des Krieges. Ja den eifrigen und erbitterten Cäninensern waren auch die Crustuminer und Antemnaten nicht regsam genug. Aus eigner Kraft unternahmen sie den Einfall ins Römische Gebiet. Sie hatten sich auf Plünderungen versprengt, als Romulus mit seinem Heere ihnen begegnete und in einem leichten Gefechte die Nichtigkeit eines ohnmächtigen Zorns bewies. Er schlug ihr Heer in die Flucht, verfolgte die Fliehenden; erlegte im Treffen ihren König, zog ihm die Rüstung ab; und der Tod des Anführers lieferte ihm ihre Stadt im ersten Angriffe.

Der Held, den seine Thaten verherrlichten, der aber auch mit diesen Thaten zu glänzen verstand, zog bei seiner Zurückkunft mit dem siegreichen Heere, die erbeuteten Waffen des erlegten feindlichen Heerführers an einem dazu verfertigten Gestelle emporhaltend, zum Capitole hinan. Hier legte er sie bei der den Hirten heiligen Eiche nieder, bestimmte zugleich mit diesem Geschenke dem Jupiter einen Platz zum Tempel, und betete den Gott unter einem neuen Zunamen an. «Jupiter Feretrius (Darbringejupiter),» sprach er, «dir bringe ich, König Romulus, diese königlichen Waffen als Sieger dar, und weihe dir auf dem Bezirke, den ich jetzt in Gedanken abmaß, einen Tempel, zum Sitze der Fürstenbeute (spolia opima), welche die Nachkommen, nach Erlegung feindlicher Könige und Heerführer, meiner Stiftung zufolge, dir darbringen werden.» Dies ist der Ursprung des ersten zu Rom geweiheten Tempels. Durch die Vorsorge der Götter blieb die Verheißung des Erbauers, daß hier seine Nachkommen dergleichen Beute darbringen würden, nicht unerfüllt; aber die Ehre dieser Darbringung sollte zugleich nicht durch die Menge derer, die sie erstreben mochten, gemein werden. Nur zweimal wurde nachher, in einer solchen Reihe von Jahren, in so vielen Kriegen, eine Fürstenbeute erkämpft. So selten war das Glück dieser Auszeichnung.

11. Indeß die Römer auf dieser Seite beschäftigt waren, nutzte das Heer der Antemnaten den Vortheil, die 24 Römischen Gränzen unbesetzt zu finden, zu einem feindlichen Einfalle. Im Fluge wurde das Römische Heer auch gegen sie geführt und überfiel sie in ihrer Ausbreitung über das Gefilde. Beim ersten Angriffe und Feldgeschreie waren die Feinde geschlagen. Ihre Stadt wurde erobert. Bei seiner Einzugsfeier nach diesem Doppelsiege bat den Romulus seine Gemahlinn Hersilia, gerührt durch das Flehen der übrigen Geraubten. er möge ihren Ältern verzeihen und sie in die Stadt aufnehmen. Diese Vereinigung werde den Stat durch ein neues Band befestigen. Gern gewährte er die Bitte, und zog nun gegen die anrückenden Crustuminer. Hier war des Kampfes noch weniger: die Niederlagen der Andern hatten sie muthlos gemacht. Nach beiden Orten wurden Pflanzbürger geschickt: doch meldeten sich mehrere wegen der Fruchtbarkeit des Bodens zum Crustuminischen. Auch zogen von dort viele nach Rom, vorzüglich die Ältern und Verwandten der Geraubten.

Zuletzt begannen auch die Sabiner ihren Krieg; und dieser war bei weitem der wichtigste. Sie ließen sich von keinem Zorne, keiner Übereilung leiten, und zeigten den Krieg nicht eher, als bis sie ihn brachten: ja sie nahmen bei ihrer Kaltblütigkeit die List zu Hilfe. An der Spitze der Besatzung auf der Römischen Burg stand Spurius Tarpejus. Seine unverheirathete Tochter, als sie eben außerhalb der Mauer Wasser zum Opfer holen wollte. wurde durch das Gold des Tatius gewonnen, Bewaffnete in die Burg aufzunehmen. Die Eingelassenen tödteten sie durch die Last der auf sie geworfenen Schilde, entweder, sich den Schein zu geben, als hätten sie die Burg erstürmt, oder in diesem Beispiele die Lehre aufzustellen, daß ein Verräther nie auf Treue rechnen dürfe. Die Erzählung hat noch einen Zusatz. Weil die Sabiner meistens schwere goldne Armbänder und herrliche Ringe mit Edelsteinen am linken Arme getragen hätten, so habe sie sich das ausbedungen, was sie an der linken Hand trügen, und deshalb hätten jene statt des Preises in Golde ihre Schilde auf sie eingeworfen. Andre meinen, sie habe, laut der Zusage, ihr zu geben, was sie an der Linken hätten; gradezu diese 25 Waffen verlangt, und, weil man dies für eine List gehalten, durch den von ihr selbst bestimmten Lohn ihren Tod gefunden.

12. Indeß blieben die Sabiner im Besitze der Burg, und ließen sich, als Tags darauf das Römische Heer in Schlachtordnung die ganze Fläche zwischen dem Palatinischen und Capitolinischen Hügel erfüllte, nicht eher auf die Ebene ein, als bis die Römer, gespornt von Zorn und Begierde, die Burg wieder zu gewinnen, bergan rückten. Auf beiden Seiten ermunterten Männer von Range die Kampfenden; die Sabiner Mettus Curtius, die Römer Hostus Hostilius. Dieser, an der Spitze des Heers, hielt die Sache Roms auf ungünstigem Kampfboden durch Muth und Unerschrockenheit aufrecht. Als aber Hostus fiel, verlor sogleich die Römische Linie ihre Haltung und wurde bis zum alten Thore des Palatiums geworfen. Auch Romulus ward im Gedränge der Flüchtigen fortgerissen.

Da hob er die Waffen gen Himmel und sprach: «Jupiter! von dir waren die Vögel gesandt, die mich hier auf dem Palatium den ersten Grund zu einer Stadt legen hießen. Schon ist die Burg, durch Büberei erkauft, in der Sabiner Gewalt! Von dort stürzen sie – die Waffen in der Hand! das scheidende Thal schon im Rücken! – hieher. Du aber, Vater der Götter und Menschen, hier wenigstens scheuche den Feind! Nimm meinen Römern den Schrecken und hemme die schimpfliche Flucht. Hier gelobe ich dir, als Jupiter Stator (Standgeber) einen Tempel, der Nachwelt ein Denkmal, daß deine eingreifende Hülfe die Stadt gerettet habe.»

So betete er. Und gleich als hätte er die Zusage der Erfüllung gehört, rief er aus: «Auf dieser Stelle, ihr Römer, heißt uns der allmächtige Jupiter Stand halten und das Gefecht erneuern.» Und die Römer hielten Stand, wie von himmlischer Stimme befehligt. Romulus fliegt an ihre Spitze.

Mettus Curtius war, den Sabinern voran, von der Burg herabgejagt und hatte die geschlagenen Römer auf dem ganzen Platze, so groß der Markt ist, vor sich her 26 getrieben. Jetzt war er schon nahe am Thore des Palatiums und rief: «Wir haben sie besiegt, die treulosen Gastfreunde, die feigen Feinde! Schon kennen sie den Unterschied zwischen Mädchenraub und Männerkampf!» So frohlockte er noch, als Romulus mit einer geschlossenen Schar seiner kühnsten Krieger auf ihn eindrang. Mettus focht vom Pferde herab. So viel leichter war er vom Platze zu treiben. Die Römer trieben und verfolgten ihn. Auch das übrige Römische Heer, von der Tapferkeit seines Königs begeistert, brachte die Sabiner zum Weichen. Mettus setzte mit seinem Pferde, das vom Getümmel seiner Verfolger scheu geworden war, in einen Sumpf; ein Vorfall, der die Aufmerksamkeit auch der Sabiner, bei der Gefahr eines so wichtigen Mannes, hieherzog. Doch er arbeitete sich, da ihm die Seinigen zuwinkten und zuriefen, und der Beweis der Liebe von so Vielen seine Kraft erhöhete, glücklich heraus. Römer und Sabiner erneuerten in dem Mittelthale der beiden Berge den Kampf: der Vortheil aber war auf Seiten der Römer.

13. Da wagten sich die Sabinerinnen, deren gewaltsame Behandlung die Ursache des Krieges war, weil jetzt die Noth die weibliche Furcht besiegte, mit gelöstem Haare und zerrissenen Kleidern unter die fliegenden Pfeile. Von der Seite her drängten sie sich ein; schieden die gegen einander gekehrten Reihen, traten zwischen die Erbitterten, und baten hier ihre Väter, dort ihre Männer. «Ladet doch nicht als Schwiegerväter und Schwiegersöhne den Fluch einer solchen Blutschuld auf euch! Bringt doch nicht die Schande eines an so nahen Verwandten verübten Mordes über unsre Ungebornen; ihr über eure Enkel; ihr über eure Kinder! Wollt ihr durchaus nicht Verwandte sein, nicht mit uns durch die Ehe verbunden, so kehret euren Zorn gegen uns. Um unserntwillen wird der Krieg geführt; um unserntwillen werden Männer und Väter vewundet und erschlagen. Weit besser, wir sterben; als wir leben ohne die Einen von euch als Witwen oder Waisen!»

Die Heere und ihre Führer wurden gerührt. Es erfolgte Stille und eine unerwartete Ruhe. Dann traten die 27 Feldherren zur Abschließung eines Vertrages hervor, und machten nicht nur Frieden, sondern auch aus beiden Staten Einen: sie vereinigten sich zu gemeinschaftlicher Regierung: zur gebietenden Hauptstadt machten sie Rom. Damit indeß für den Vortheil, den Rom durch seine Verdoppelung gewann, den Sabinern doch Etwas eingeräumt würde, nannten sich beide Völker, nach der (Sabinischen) Stadt Cures, Quiriten.

Zum Andenken jener Schlacht wurde der Ort, wo das aus der Tiefe des Sumpfs sich emporarbeitende Roß den Curtius auf sichern Grund brachte, der Curtische Graben genannt. Dieser aus einem so traurigen Kriege unerwartet hervorgegangene erfreuliche Friede machte die Sabinerinnen ihren Männern und Vätern, vor allen aber dem Romulus selbst, noch so viel werther. Darum benannte er, wie er das Volk in dreißig Curien theilte, diese nach den Namen der Frauen. Unstreitig muß die Anzahl der Weiber viel größer gewesen sein: doch wird nicht gemeldet, ob die, welche den Curien ihre Namen geben sollten, nach dem Alter, oder nach eigenem oder ihrer Männer Range, oder durch das Los gewählt wurden. Auch drei Centurien Ritter wurden damals errichtet. Die eine bekam den Namen Ramnenser vom Romulus, die Titienser vom Titus Tatius. Warum die Luceren hinzugethan und nach wem sie benannt sein mögen, ist ungewiß.

Nun regierten zwei Könige, und nicht bloß gemeinschaftlich, sondern auch einig.

14. Einige Jahre nachher mishandelten Verwandte vom Könige Tatius die Laurentinischen Gesandten. Die Laurenter belangten sie nach dem Völkerrechte; allein die Liebe zu den Seinigen und ihre Bitten galten beim Tatius mehr, als das Recht. Dadurch zog er ihre Strafe sich selbst zu. Als er zur jährlichen Opferfeier nach Lavinium kam, machte das Volk einen Auflauf und erschlug ihn. Romulus soll diese That nicht so übel aufgenommen haben, als sie es verdiente; entweder weil eine gemeinschaftliche Regierung doch auch ihr Unsicheres hatte, oder weil er glaubte, dem Gemordeten sei kein Unrecht geschehen. Er fing auch 28 keinen Krieg an. Um indeß die Verletzung der Gesandten und den Königsmord durch eine Sühne zu tilgen, mußten Rom und Lavinium durch feierliche Erneuerung ihres Bundes sich versöhnen. Hier also blieb es wider Erwartung beim Frieden: dafür aber kam es zu einem weit näheren Kriege, und fast an den Thoren Roms. Die Fidenaten, besorgt, daß ihre so nahen Nachbarn zu große Fortschritte machten, wollten ihnen, ehe sie noch zu jener Stärke gelangten, die die Zukunft erwarten ließ, durch einen Krieg zuvorkommen. Sie fielen mit ihrem Heere in die Gegend zwischen Rom und Fidenä, und verwüsteten sie. Von hier wandten sie sich zur Linken; denn rechts hielt die Tiber sie ab, und plünderten unter dem allgemeinen Flüchten der Landbewohner: und der plötzliche Tumult selbst, der sich vom Lande in die Stadt hereinzog, meldete die Gefahr. Romulus, sogleich in Thätigkeit, – denn ein so naher Krieg gestattete keine Zögerung – führte sein Heer aus und schlug tausend Schritte von Fidenä ein Lager. Hier ließ er eine mäßige Besatzung und rückte mit allen Truppen aus; hieß aber einen Theil in den von dichtem Gebüsche verdeckten Umgebungen sich in einen Hinterhalt legen. Mit dem größeren Theile und der gesammten Reuterei zog er gegen die Feinde, und durch seinen lärmenden und drohenden Angriff, in dem er fast an die Stadtthore sprengte, gelang es ihm, sie herauszulocken. Grade der Umstand, daß der Angriff mit Reuterei geschah, mußte der verstellten Flucht, die in seinem Plane lag, alles Auffallende benehmen. Wie also auch das Fußvolk, während die Reuterei zwischen Flucht und Gefecht gleichsam zu wanken schien, eine rückgängige Bewegung machte, so stürzten die Feinde plötzlich in dichtem Gedränge zu den Thoren heraus, warfen sich hinter das weichende Römische Heer und wurden in der Hitze des Nachhauens und Verfolgens an den Ort gezogen, wo der Hinterhalt lag. Hier nahmen die plötzlich hervorbrechenden Römer den Feind in die Flanke. Der Ausfall der im Lager zurückgelassenen Besatzung vermehrte seine Bestürzung. Geschreckt von so vielen Seiten kehrten die Fidenaten, fast noch ehe Romulus und 29 die ihn begleitende Reuterei mit ihren Pferden umwandten, den Rücken; und da sie eben noch Verfolger der verstellt Fliehenden gewesen waren, so eilten sie jetzt weit schnellern Laufs – denn diese Flucht war Ernst – ihrer Stadt zu. Dennoch entrissen sie sich dem Feinde nicht. Die Römer, ihnen an der Ferse, brachen, ehe noch die Thorflügel zugeworfen werden konnten, wie in Einem Zuge, mit hinein.

15. Die Vejenter, mit dem Kriege bei Fidenä in naher Berührung, auch als Verwandte nicht ohne Theilnahme (denn die Fidenaten sind, wie jene, Hetrusker gewesen) und selbst ihrer Nähe wegen, wenn die Römischen Waffen den sämmtlichen Nachbarn gefährlich werden sollten, in Besorgniß, thaten einen Einfall ins Römische Gebiet, ließen sich aber mehr auf Plünderung ein, als auf ordentliche Führung des Krieges. Ohne ein Lager aufzuschlagen, ohne das feindliche Heer zu erwarten, kehrten sie, beladen mit dem auf dem Lande zusammengerafften Raube, nach Veji zurück. Die Römer hingegen setzten, wie sie keinen Feind im Felde fanden, über die Tiber, zu einer entscheidenden Schlacht bereit und sie erwartend. Als die Vejenter hörten, daß sie ein Lager bezögen und vor die Stadt rücken würden, gingen sie ihnen entgegen, weil sie lieber eine Schlacht wagen, als eingeschlossen ihre Häuser und Mauren in Gefahr setzen wollten. Hier siegte der Römische König, ohne seiner Stärke durch eine Kriegslist zu Hülfe zu kommen, bloß durch die Festigkeit seines schlachtgewohnten Heers, und verfolgte die geschlagenen Feinde bis an ihre Mauer. Einen Angriff auf die durch ihre Werke und selbst durch ihre Lage feste Stadt wagte er nicht: auf seinem Rückzuge verheerte er ihr Gebiet, mehr zur Vergeltung, als um zu rauben. Durch diesen Schaden eben so sehr gedemüthigt, als durch die verlorne Schlacht, schickten die Vejenter Gesandte nach Rom und baten um Frieden. Sie mußten einen Theil ihres Gebietes abtreten und erhielten auf hundert Jahre Waffenstillstand.

Dies etwa sind die Friedens- und Kriegsthaten des Romulus während seiner Regierung. Keine darunter ist 30 mit der Glaubwürdigkeit seiner göttlichen Abkunft und der eigenen, nach seinem Tode geglaubten, Göttlichkeit unverträglich; weder der Muth, mit dem er seinem Großvater den Thron wiedergewann, noch die Bestimmung, die er sich gab, Erbauer einer Stadt zu werden und durch Krieg und Frieden sie zu festigen. Stand sie doch in der durch jenen Vorschritt ihr verliehenen Stärke so kräftig da, daß sie die nächsten vierzig Jahre hindurch eines sichern Friedens genoß. Gleichwohl hatte er mehr Liebe bei der Menge, als bei den Vätern: die ausgezeichnetste Anhänglichkeit bewiesen ihm die Soldaten; und nicht nur im Kriege, sondern auch im Frieden hatte er eine Leibwache von dreihundert Bewaffneten um sich, die er die Celeren nannte.

16. Diese unsterblichen Thaten hatte er vollbracht, und hielt eben auf dem Marsfelde, sein Heer zu mustern, eine Versammlung am Ziegensumpfe, als ein plötzlich entstandenes Gewitter, von lautem Krachen und Donnerschlägen begleitet, den König in eine so dichte Regenwolke hüllte, daß er den Blicken der Versammlung entzogen ward: und nachher war Romulus nicht mehr auf Erden. Als endlich nach dem Wettersturme der Himmel wieder hell und ruhig ward, und die Bestürzung sich legte, sahen die Römischen Krieger den Stuhl des Königs leer. Setzten sie gleich in die Aussage der Väter, die ihm zunächst gestanden hatten, daß ihn die Sturmwolke gen Himmel gehoben habe, kein Mistrauen, so überließen sie sich doch eine Zeitlang, von bangen Gefühlen, gleich Verwaiseten, durchdrungen, ihrem stillen Grame. Bald aber wirkte das Beispiel einiger Wenigen; und unter der allgemeinen Begrüßung: Gott! Gottessohn! König und Vater der Stadt Rom! entboten sie dem Romulus ihr Lebewohl: sie fleheten in Gebeten um seine Gnade, und daß er sichs gefallen lassen wolle, sie, seine Kinder, auch ferner unter seiner Obhut zu beglücken.

Ich glaube, daß es auch damals Einige gegeben habe, die in der Stille die Vermuthung hegten, die Väter selbst möchten den König zerstückelt haben: denn auch diese Sage hat sich, freilich nur sehr im Dunkel, fortgepflanzt. 31 Jener ersten erwarb die Bewunderung des Helden und der erschütternde Auftritt selbst eine ausgezeichnete Verbreitung. Und durch Zuthun eines einzigen Mannes gewann die Sache noch mehr Glaubwürdigkeit. Denn da die Bürgerschaft durch die Sehnsucht nach ihrem Könige verstimmt und gegen die Väter aufgebracht war, so trat Julius Proculus, den Berichten nach ein Mann, der durch seine Aussage die mißlichste Behauptung bewährte, vor der Versammlung auf. «Heute, ihr Quiriten,» sprach er, «mit dem anbrechenden Tageslichte, schwebte Romulus, der Vater unsrer Stadt, plötzlich vom Himmel herab und stand vor mir. Als ich, von Schauder und Ehrfurcht durchdrungen, dastand und ihn betend anflehete, es möge mir vergönnt sein, meinen Blick zu ihm zu erheben, sprach er; «Geh, verkündige den Römern, es sei der Himmlischen Wille, daß mein Rom das Oberhaupt des Erdkreises werde. Darum möchten sie sich der Kriegskunst weihen, und der Überzeugung leben, und sie auf ihre Nachkommen bringen, daß keine menschliche Macht den Römischen Waffen widerstehen könne. So sprach er und schwand gen Himmel.»

Es ist zu bewundern, wie vielen Glauben der Mann mit dieser Erzählung fand, und wie sehr bei der Bürgerschaft und dem Heere die Sehnsucht nach dem Romulus durch diese Beglaubigung seiner Gottheit gemildert wurde.

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