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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 59
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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49. Als der Landkrieg am Trebia Halt machte, hatten sich unterdessen die Römer in der Gegend von Sicilien und den an Italien liegenden Inseln, sowohl unter dem Consul Sempronius, als auch schon vor seiner Ankunft, zu Lande und zu Meere thätig gezeigt. Von zwanzig Fünfruderern, welche die Carthager mit tausend Mann Truppen zur Verheerung der Italiänischen Küste aussandten, hatten neun die Liparen, acht die Insel des Vulcan erreicht: drei wurden von der Fluth in die Meerenge verschlagen. Sobald man diese Schiffe von Messana aus gewahr wurde, ließ der Syracusanische König Hiero, der sich gerade, den Römischen Consul zu erwarten, in Messana befand, zwölf Schiffe auslaufen, von welchen jene ohne Widerstand genommen und im Hafen zu Messana aufgebracht wurden. Von den Gefangenen erfuhr man, daß außer dieser gegen Italien abgeschickten Flotte von zwanzig Schiffen, zu der sie selbst gehörten, noch fünfunddreißig andere Fünfruderer auf Sicilien steuerten, um ihre ehemaligen Bundsgenossen auf ihre Partei zu ziehen. Ihr vorzüglichstes Augenmerk sei, Lilybäum zu überrumpeln: aber auch diese Flotte werde von eben dem Sturme, der die ihrige zerstreuet habe, an die Ägatischen Inseln geworfen sein.

Der König schrieb Alles, der Aussage gemäß, an den Prätor Marcus Ämilius, dem die Verwaltung Siciliens gehörte, und rieth ihm, sich Lilybäums durch eine starke Besatzung zu versichern. Sogleich schickte der Prätor theils in die Städte seine Unterfeldherren und Obersten umher, um seinen Leuten die sorgfältigste Hut einschärfen zu lassen; vorzüglich sollten sie sich Lilybäums versichert halten; wobei sie den Befehl bekannt machen mußten, die Seeleute sollten außer dem Kriegsgeräthe auf zehn Tage gekochte Speisen an Bord nehmen; es sollte sich auf das 479 gegebene Zeichen Jeder ungesäumt einschiffenExtemplo et circa a praetore cet.] – Der Prätor schickt theils seine hohen Officiere in die Städte umher mit auszurichtenden Befehlen, theils Andere (geringere Leute) an die ganze Küste, um in die Ferne zu sehen. Diese beiden theils folgen so natürlich, daß man gleich, wie Livius angefangen hatte: Extemplo et, ein nachher folgendes et vermuthen mußte. Dies et ist auch wirklich dagewesen; es ist nur über die Silbe et im Worte facer et von den Abschreibern übersehen. Sie wollten ihr Versehen durch das dem Worte per angehängte que wieder gut machen. Allein in 10 Msc. fehlt dies que. Also Rechtsgrundes genug, es zu verdammen. Das Wort erant, welches schon in dieser Verbindung: per omnem oram qui erant – Allen verdächtig ist, obgleich Hr.  Walch es sehr gut vertheidigt, fehlt nicht allein in den besten, sondern auch in den meisten Handschriften, und ist schon von Gronov, Drakenb. u. A. verworfen. Die Stelle hat also nichts Schwieriges, wenn man sie in diesem Zusammenhange lieset: Extemplo et circa a praetore ad civitates missi legati tribunique, qui (nun kommen die Aufträge, die für Legaten und Tribunen gehören): et per omnem oram (scil. multi, ignobiliores), qui ex speculis prospicerent adventantem hostium classem.: theils Andre an der ganzen Küste umher, um von den Wachthöhen die ankommende feindliche Flotte früh genug zu entdecken. Sobald man sie also, obgleich die Carthager mit Fleiß langsamer segelten, um vor Tage bei Lilybäum anzukommen, dessenungeachtet vorher gewahr wurde, weil der Mond die ganze Nacht schien und sie mit aufgesteckten Segeln kamen; gab man sogleich von den Wachthöhen das Zeichen, rief in der ganzen Stadt zu den Waffen und schiffte sich ein; und die Soldaten standen schon entweder auf den Mauern und an den Thoren auf ihren Posten, oder auf den Schiffen. Auch hielten sich die Carthager, weil sie sahen, daß sie nicht mit Unvorbereiteten zu thun haben würden, bis an den Morgen vom Hafen entfernt, indem sie diese Zeit mit Beilegung der Segel hinbrachten, und sich mit der Flotte zur Schlacht anschickten. Als es Tag wurde, zogen sie die Flotte auf die Höhe zurück, um selbst zur Schlacht Platz zu haben und den feindlichen Schiffen das Auslaufen aus dem Hafen frei zu lassen. Und die Römer, voll Zuversicht theils auf jenen Sieg, an welchen gerade diese Gegend sie erinnerteDurch seinen entscheidenden Sieg bei den Ägatischen Inseln, Lilybäum gegenüber, hatte Consul Cajus Lutatius Catulus dem ersten Punischen Kriege ein Ende gemacht., theils auf die Menge und Tapferkeit ihrer Truppen, nahmen die Schlacht an.

480 50. Als sie auf die Höhe hinausgesegelt waren, wollten die Römer zum Gefechte anlegen und mit dem Feinde sich in der Nähe messen; die Punier hingegen wichen aus, wollten sich nur auf Kunst, nicht auf Tapferkeit, einlassen, und das Ganze mehr zu einem Kampfe der Schiffe machen, als der Männer und Waffen. Denn war gleich ihre Flotte hinlänglich mit Seeleuten besetzt, so war sie doch mit Soldaten schwach bemannet, und sobald sich eins ihrer Schiffe einließ, war die Anzahl seiner Fechtenden der feindlichen durchaus nicht gleich. Sobald dies bemerkt wurde, erhöhete den Römern ihre Menge den Muth, und jenen sank er bei ihrer geringen Zahl. Sogleich wurden sieben Punische Schiffe umringt, die übrigen ergriffen die Flucht. Tausend siebenhundert Mann, Soldaten und Seeleute, wurden auf diesen Schiffen genommen, und unter ihnen drei vornehme Carthager. Die Römische Flotte lief wohlbehalten, da ihr nur Ein Schiff durchbohrt war, welches aber gleichfalls mit zurückkam, wieder in den Hafen.

Nach dieser Schlacht, von der man aber zu Messana noch nichts gehört hatte, kam der Consul Tiberius Sempronius zu Messana an. Als er in die Meerenge einlief, fuhr ihm König Hiero mit seiner festlich geschmückten Flotte entgegen; und als er aus seinem königlichen Schiffe auf das Admiralschiff übergegangen war, setzte er ihm nach abgestattetem Glückwunsche zu seiner glücklichen Ankunft mit Heer und Flotte, und feierlicher Anwünschung einer gesegneten und erfreulichen Überfahrt nach Sicilien, den Zustand der Insel und die Versuche der Carthager aus einander: dann versprach er, mit eben der Gesinnung als Greis den Römischen Stat zu unterstützen, womit er ihn im vorigen Kriege als Jüngling unterstützt habe. Getreide und Kleidung wolle er den Legionen des Consuls und den Seeleuten unentgeldlich liefern. Endlich sagte er, Lilybäum und die Seestädte seien in großer Gefahr, und bei der Stimmung Mancher für Empörung werde es daran nicht fehlen.

Diese Gründe bewogen den Consul, sogleich mit der Flotte nach Lilybäum zu gehen und der König mit seiner 481 Flotte begleitete ihn. Unterweges wurde ihnen die Schlacht bei Lilybäum gemeldet, und daß die feindliche Flotte theils geschlagen, theils genommen sei.

51. Von Lilybäum setzte der Consul, nachdem er den Hiero mit der königlichen Flotte beurlaubt, und den Prätor zum Schutze der Sicilianischen Küste zurückgelassen hatte, nach der Insel Melita über, welche von den Carthagern besetzt war. Bei seiner Ankunft wurde ihm Hamilcar, Gisgons Sohn, der Befehlshaber der Besatzung, mit beinahe zweitausend Mann, und die Stadt mit der Insel übergeben. Von da ging er nach wenig Tagen nach Lilybäum zurück, und Consul und Prätor verkauften ihre Gefangenen, bis auf einige durch ihren Rang sich auszeichnende, im Kreise des Heers zu Sklaven. Als der Consul Sicilien von dieser Seite für hinlänglich gesichert hielt, setzte er nach den Inseln Vulcans über, weil dort eine Punische Flotte stehen sollte, fand aber in der Gegend dieser Inseln auch nicht Einen Feind. Sie waren eben zur Verheerung der Italiänischen Küste hinübergesegelt und setzten, durch Plünderung der Gegend um die Stadt Vibo, diese selbstDa die Stadt Hippo oder Vibo im Bruttierlande, ganz unten in Italien lag (jetzt Bivona in Calabria ultra), so kann Rom hier nicht gemeint sein. in Schrecken. Auf seiner Rückfahrt nach Sicilien wurde dem Consul die im Gebiete von Vibo erfolgte Landung der Feinde gemeldet und ein vom Senate angekommener Brief eingehändigt, der ihm Hannibals Übergang nach Italien anzeigte und ihn je eher je lieber seinem Amtsgenossen zu Hülfe kommen hieß. Über so mancherlei gleichzeitige Sorgen in Verlegenheit ließ er sogleich sein eingeschifftes Heer auf dem Obermeere nach Ariminum abgehen; übertrug dem Legaten Sextus Pomponius, mit fünfundzwanzig Schiffen das Gebiet von Vibo und die Seeküste Italiens zu decken; verstärkte die Flotte des Prätors Marcus Ämilius auf funfzig Schiffe; und kam selbst, nachdem er Siciliens Angelegenheiten in Ordnung gebracht hatte, mit zehn Schiffen, auf denen er an Italiens Küste hinfuhr, nach Ariminum. Von hier brach er mit 482 seinem Heere nach dem Flusse Trebia auf und vereinigte sich mit seinem Amtsgenossen.

52. Haß man jetzt beide Consuln und die gesammte Römische Macht gegen Hannibal aufstellte, hieß deutlich erklären, entweder müsse man die Verteidigung des Römischen Reiches von diesen Truppen erwarten, oder man habe auf weiter nichts zu hoffen. Dennoch wünschte der eine Consul, herabgestimmt durch das letztereEquestri praelio uno], – Das Wort uno ist Mehrern anstößig. Ich vermuthete, die rechte Lesart sei una, ob ich mir gleich selbst gestand, daß Livius hier statt una lieber simul gesagt haben würde. Ich fand nachher, daß schon Sigonius die Lesart una vorgeschlagen, und auch schon Gronov dagegen erinnert habe, daß dem Livius simul angemessener sei, als una. Stroth wollte equestri praelio victus lesen, und ich leugne nicht, daß aus uict 9 leicht die Lesart uno entstehen konnte. Allein da in minutus beides liegt, so dünkt mich, praelio et vulnere minutus sei viel schöner, als praelio victus et vulnere minutus. Jetzt glaube ich, daß alle Versuche, einer Änderung unnöthig sind. Uno ist die richtige Lesart. Scipio nämlich hatte dem Hannibal zwei Gefechte mit der Reuterei geliefert. Das erste an der Rhone, wo Scipio siegte. Auf diesen Sieg seiner Reuterei beruft er sich Cap. 40 und 41. Das zweite Treffen am Ticinus hatte Scipio verloren. Der Geschichtschreiber, der uns selbst den Sieg Scipio's im ersten Treffen erzählt hat, beweiset also seine Aufmerksamkeit auf den Gang der Geschichte, wenn er jetzt, wo er Ton dem Verluste im zweiten Treffen redet, daran erinnert, daß dies nur das Eine, dem Scipio mislungene Gefecht sei; daß dieser in dem zweiten Treffen den Muth 2wieder verlor, den der Sieg im ersten erhöhet hatte. Gefecht mit der Reuterei und durch seine Wunde, lieber zu zögern: der andre, noch unversehrten Muths, und eben darum so viel ungestümer, wollte sich keinen Aufschub gefallen lassen.

Die Gegend zwischen dem Trebia und dem Po bewohnten damals Gallier, die in dem Kampfe der beiden übermächtigen Volker, von ihrer schwankenden Begünstigung beider Parteien unstreitig den Dank des Siegers zu ernten hofften. Dies konnten die Römer, wenn jene nur nicht gegen sie aufstanden, ihnen gern nachsehen; dem Punischen Feldherrn aber war es sehr ungelegen, da er behauptete, von den Galliern gerufen sei er zu ihrer Befreiung hieher gekommen. Aus Rache also und zugleich, sein Heer vom Raube zu nähren, ließ er durch zweitausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde, meistens Numider mit zugegebenen Galliern, die ganze Gegend der 483 Reihe nach bis an die Ufer des Po verheeren. Um Hülfe verlegen, sahen sich die Gallier, so sehr sie bis dahin in der Unentschiedenheit sich erhalten hatten, jetzt gezwungen, statt der Partei, die sie mishandelte, die zu ergreifen, wo sie Schutz erwarteten; und eine Gesandschaft an den Consul mußte sich die Hülfe der Römer für ihr Land erbitten, das für seine nur zu große Treue gegen Rom jetzt büßen müsse.

Weder der Beweggrund, noch die Zeit, war nach des Cornelius Meinung dazu geeignet, sich hiermit zu befassen, und diese Nation war ihm verdächtig, nicht nur wegen ihrer so oft bewiesenen Untreue, sondern auch, wenn alles Übrige als verjährt angesehen würde, wegen der neulichen Treulosigkeit der Bojer. Sempronius hingegen erklärte, es gebe kein stärkeres Bindemittel, Bundsgenossen in der Treue zu erhalten, als dies, der Ersten, welche Hülfe nöthig hätten, sich anzunehmen. Und da sein Amtsgenoß noch unschlüssig war, schickte er seine Reuterei, der er vom Fußvolke beinahe tausend Mann Wurfschützen mitgab, zur Verteidigung des Gallischen Gebietes auf die andre Seite des Trebia. Da diese die Feinde in ihrer Zerstreuung und Unordnung, und noch dazu die meisten mit Beute beladen, unerwartet überfielen, verbreiteten sie allenthalben Schrecken und Gemetzel und jagten die Flüchtigen bis an das feindliche Lager und in die Vorposten: und als sie hier von der herausstürzenden Menge zurückgetrieben wurden, stellten sie durch die von den Ihrigen erhaltene Unterstützung das Treffen wieder her. Ungeachtet nun das Gefecht, da sie unter wechselndem Vortheile bald verfolgten, bald wichenVaria inde pugna sequentes.] – Ich folge mit Crevier der von Sanctius und J. Fr. Gronov vorgeschlagenen Lesart: Varia inde pugna cedentes sequentes que; doch glaube ich, sie in varia inde pugna sequentes cedentesque abändern zu müssen. Und da eine der ältesten Handschriften, die Puteanische, ausdrücklich sequen tesque lieset, so bestätigt sich die Vermuthung, daß die gleiche Endung in den Wörtern sequentes und cedentes den Abschreibern, wie so oft, auch hier zur Klippe ward. (So findet sich bei Drakenb. [Cap, 56, 5.] gerade umgekehrt, daß die Harlej. Handschrift von den beiden auf einander folgenden Worten cedentis sequentes das letzte wegfallen ließ.) Als der Abschreiber die Wörter varia inde pugna sequentes geschrieben hatte, hängte er das que von dem ausfallenden cedentes an das dafür gehaltene sequentes. Auch würde, wenn cedentes voraufgegangen wäre, dieses Wort sich wenigstens in einigen Handschriften erhalten haben, und sequentes das ausgefallene sein; was doch hier gerade der entgegengesetzte Fall ist. In der Lit. Zeit. (J. 1818. Nr. 190. S. 687.) soll der Sinn der folgenden Worte: maior tamen hostium Romanis fama victoriae fuit, des Zusammenhanges wegen, dieser sein: Obgleich der Vortheil beider bis zuletzt gleich gewesen war, so schrieb der Ruf doch den Sieg mehr den Carthagern, als den Römern zu; und Romanis soll für quam Romanorum stehen. Allein gerade der Zusammenhang spricht gegen diese Erklärung. Im folgenden Cap. heißt es gleich anfangs: Aber niemand hielt diesen Sieg für größer und vollständiger, als der Consul selbst. Folglich muß ja der Ruf eines Sieges – obgleich nicht so groß, als ihn der Consul machen will – auf Seiten der Römer, nicht der Feinde, gewesen sein. Livius wollte nicht zweimal fama (das eine Mal im Nominativ, das andre Mal im Ablativ) auch nicht zweimal victoriae sagen, sonst hätte es nach der Construction geheißen: Romanis tamen fama victoriae maior fuit (famâ victoriae) hostium. Man lasse die beiden eingeklammerten Worte weg, so bleibt, was wir ganz richtig noch haben; maior tamen [famâ victoriae] hostium Romanis fama victoriae fuit. So erkläre ich mir diese angefochtene Stelle, auch aus der Stellung der Worte; weil Livius gleich auf hostium das Wort Romanis, das hier den Hauptaccent haben muß, folgen lässet. Hätte er sagen wollen, was Döring vorzieht: fama tamen hostium victoriae (h. e. de victis hostibus) Romanis (apud Romanos) maior fuit (oder Romanis tamen de victoria ex hostibus parta magis gloriari licuit); so würde er wahrscheinlich lieber gesagt haben: maior tamen hostium victoriae Romanis fama fuit. Den Doppelsinn in victoriae hostium mag ich nicht einmal rügen. Walch's Vorschlag: hostium fuga (i. e. ob hostium fugam) würde hier, wenn sich eine Handschrift auch nur ihm näherte, sehr passend den Grund angeben, warum der Ruf die Römer, und nicht die (geflohenen) Feinde für Sieger erklärte., am Ende auf beiden 484 Seiten gleich war, so erklärte sich doch der Ruf des Sieges lauter für die Römer, als für ihre Feinde.

53. Allein unter allen hielt ihn niemand für größer und vollständiger, als der Consul selbst. Er war außer sich vor Freude, gerade mit dem Theile der Truppen gesiegt zu haben, mit dem sich der andre Consul habe schlagen lassen. «Nun sei den Soldaten der Muth wiedergegeben und gestärkt, und niemand wünsche einen Aufschub des Kampfes, als sein Amtsgenoß, der, mehr am Muthe, als am Körper, krank, wenn er an seine Wunde dächte, vor Schlacht und Waffen zurückschaudere. Man müsse sich aber nicht mit dem Kranken verliegen. Wozu man die Zeit weiter aussetzen, oder verbringen solle? Welchen dritten Consul, welch neues Heer man erwarte? Das Lager der Carthager stehe in Italien, beinahe im Angesichte Roms, Ihre Absicht gehe nicht etwa auf 485 Sicilien und Sardinien, das sie als Besiegte verloren hätten, oder auf Spanien diesseit des Ebro: sondern die Römer würden von ihrem väterlichen Boden und aus dem Lande vertrieben, in welchem sie geboren waren. Wie tief,» sagte er, «würden unsre Väter seufzen, sie, die an den Mauern Carthagos zu kriegen pflegten, wenn sie sehen sollten, daß wir, ihre Erzeugten, daß zwei Consuln und consularische Heere, mitten in Italien, hinter ihrem Lager sich ducken! daß die Punier das ganze Land zwischen den Alpen und dem Apennin sich unterworfen haben!»So sprach er am Bette seines kranken Amtsgenossen; so flossen ihm die Worte auf dem Feldherrnplatze, nicht anders, als redete er vor einer Versammlung. Ihn spornte zugleich bei der herannahenden Wahl die Besorgniß, den Krieg auf die neuen Consuln hinausgesetzt zu sehen, und die Gelegenheit, bei der Krankheit seines Amtsgenossen, allen Ruhm sich allein zuzueignen. Mochte Cornelius immerhin seine Zustimmung versagen; genug, er hieß die Soldaten zum nahen Kampfe sich bereit halten.

Hannibal, der des Feindes Bestes kannte, durfte kaum hoffen, daß die Consuln irgend einen unüberlegten und unvorsichtigen Schritt thun würden. Da er aber, zuerst durch das Gerücht, und dann durch die Erfahrung belehrt, von der Hitze und Keckheit des Einen überzeugt war, und jetzt annehmen konnte, daß jener durch das glückliche Gefecht mit seinen Plünderern noch kecker geworden sei, so sah er einer Gelegenheit zur Ausführung irgend eines Streiches mit Gewißheit entgegen. Er war in beständiger Unruhe und Spannung, die Zeit hierzu nicht vorübergehen zu lassen, so lange noch die feindlichen Soldaten ungeübt wären, so lange noch den Besseren von ihren Feldherren seine Wunde unbrauchbar machte, und die Gallier noch frischen Muth hätten, von denen er voraussah, daß ihre gewaltige Menge, je weiter er sie von ihrer Heimat wegführte, so viel weniger Lust haben würde, zu folgen. Da er aus diesen und ähnlichen Gründen ein baldiges Treffen hoffte, falls man aber dort zögern sollte, es 486 zu erzwingen wünschte; und nun durch seine Gallischen Kundschafter – sie waren zur Erspähung dessen, was er wissen wollte, so viel sicherer zu gebrauchen, weil in beiden Lagern Gallier dienten – ihm gemeldet wurde, die Römer schickten sich zum Treffen an; so sah er sich nach einer Stelle zum Hinterhalte um.

54. In der Mitte war ein Bach, auf beiden Seiten von sehr hohen Ufern eingeschlossen, rund umher mit Sumpfpflanzen und der gewöhnlichen Bekleidung unangebauter Plätze, mit Buschwerk und Dornsträuchen bewachsen. Als er diese Gegend, der es nicht an Schlupfwinkeln fehlte, sogar Reuterei zu verstecken, selbst zu Pferde in Augenschein genommen hatte, sprach er zu seinem Bruder Mago: «Dies soll der Platz sein, welchen du zu besetzen hast. Suche dir unter dem gesammten Fußvolke und unter der Reuterei, von jedem hundert Mann aus, mit denen du um die erste Nachtwache zu mir kommen kannst. Jetzt ist es Zeit, euch durch Nahrung zu stärken.» Hiemit wurde der Kriegsrath entlassen.

Mago mit seinen Erlesenen stellte sich bald. «Ich sehe hier lauter Kernmänner!» sprach Hannibal. «Um euch aber auch durch die Anzahl, nicht bloß durch euren Muth ein Übergewicht zu geben, sollt ihr euch Jeder neun seines Gleichen aus den Geschwadern und Rotten aussuchen. Den Ort, wo ihr auflauren sollt, wird euch Mago zeigen. Ihr werdet einen Feind vor euch haben, der für Kriegslisten dieser Art blind ist.»

Als er diese tausend Mann zu Pferde und tausend zu Fuß zu ihrer Bestimmung unter Mago hatte abgehen lassen, gab er mit Tages Anbruche der Numidischen Reuterei Befehl, über den Fluß Trebia zu gehen, vor den Thoren der Feinde herumzuschwärmen und durch Schießen auf die Vorposten den Feind zur Schlacht herauszulocken, dann aber, wenn sie ihn zum Kampfe gebracht hätten, durch einen zögernden Rückzug ihn über den Fluß sich nachzuziehen. So weit die Befehle an die Numider. Den übrigen Anführern des Fußvolks und der Reuterei trug er auf, sie sollten den Soldaten befehlen, daß Alle jetzt 487 äßen, und dann gewaffnet und sattelfertig das Zeichen erwarteten.

Sempronius ließ bei dem lärmenden Andrange der Numider zuerst die ganze Reuterei – dieser Theil des Heeres lieh ihm ja den hohen Muth, – dann sechstausend Mann Fußvolk, zuletzt die sämtlichen Truppen, seinem schon längst bestimmten Entschlusse gemäß, zur Schlacht ausrücken, die ihm sehr erwünscht kam. Es war gerade jetzt um die Zeit des kürzesten Tages, die Witterung Schneegestöber, in einer Gegend, die zwischen den Alpen und Apenninen lag und ohnehin wegen der nahen Flüsse und Sümpfe sehr kalt war. Außerdem hatten Menschen und Pferde, die bei dem eiligen Aufbruche eben so wenig genossen, als sich auf Verwahrungsmittel gegen die Kälte geschickt hatten, nicht die mindeste innere Wärme mehr; und je näher sie dem Zuge der Flußluft kamen, desto heftiger war die Kälte, die ihnen entgegenwehete. Als sie aber in Verfolgung der zurückziehenden Numider in das Wasser gingen – und es reichte ihnen, vom Regen in der Nacht angewachsen, bis an die Brust; – da waren ihnen Allen, vorzüglich als sie wieder heraustraten, die Glieder so erstarrt, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und zugleich vor Ermattung, weil es schon hoch am Tage war, und vor Hunger ohnmächtig wurden.

55. Hannibals Soldaten, die unterdeß vor den Zelten Feuer angemacht, mit dem in dieser Absicht rottenweise vertheilten Öle ihre Glieder geschmeidigt und in aller Ruhe Speise zu sich genommen hatten, griffen auf die Nachricht, daß der Feind durch den Fluß gegangen sei, munter an Seele und Leib zu den Waffen und rückten in Schlachtordnung. Die Balearen undEs ist, wie Stroth bemerkt, nicht wahrscheinlich, daß die Balearen allein achttausend Mann stark gewesen sind. Mit den Balearen machten die Leichtbewaffneten ein so starkes Kohr aus. Auch Polybius sagt ausdrücklich: «Die Balearen und Leichtbewaffneten.»Sigonius fand in einer Handschr. und Drakenb. noch in einer: Baliares locat ante signa levem que armaturam. Ich vermuthe, daß ein ac zwischen sign alevem wegen des zusammenlaufenden al ausgefallen sei. die andern Leichtbewaffneten, beinahe achttausend Mann, stellte er voran; 488 dann das Fußvolk in der schwereren Rüstung, seine zuverlässigsten, seine Kerntruppen: auf den Flügeln umschloß er sie mit zehntausend Mann Reuterei, und neben die Flügel pflanzte er die auf beide Seiten vertheilten Elephanten. Der Consul gab seiner in gestrecktem Laufe verfolgenden Reuterei, als sie, ohne darauf gefaßt zu sein, von den plötzlich Stand haltenden Numidern angegriffen wurde, das Zeichen zum Rückzuge und stellte sie nach diesem Umrufe auf die beiden Seiten des Fußvolks. Der Römer waren achtzehn-, der Latinischen Bundestruppen zwanzigtausend; außerdem hatten sie Hülfsvölker von den Cenomanern, dem einzigen treu gebliebenen Gallischen Volke. Dies waren die Truppen, die jetzt zusammentrafen.

Den Anfang des Treffens machten die Balearen. Da das Römische Fußvolk so leicht Bewaffneten mit großer Überlegenheit widerstand, so mußten diese schnell auf ihre Flügel abfallen. Dies bewirkte, daß die Römische Reuterei sogleich im Nachtheile stand: denn außerdem, daß schon an sich selbst viertausend zu Pferde Zehntausenden, und Ermüdete meistens noch frischen Truppen kaum widerstehen konnten, wurden sie nun noch wie mit einer Wolke von Wurfpfeilen überschüttet, welche die Balearen auf sie hereinschleuderten. Noch mehr; die auf den Ecken der Flügel ragenden Elephanten verbreiteten hauptsächlich dadurch, daß vor ihrem ungewohnten Anblicke und Geruche die Pferde scheu wurden, allenthalben Flucht.

Das Gefecht der Fußvölker war sich gleich, mehr im Muthe, als in der Stärke. Denn die Punier brachten, weil sie noch kurz zuvor sich pflegen konnten, frische Kräfte in die Schlacht; aber den nüchternen, ermattenden und vor Kälte starrenden Römern erlahmten die Glieder. Dennoch hätten sie durch ihren Muth sich behauptet, wenn sie bloß gegen Fußvolk zu fechten gehabt hätten. Theils aber schossen ihnen die Balearen nach Vertreibung der Reuterei in die Flanken, theils waren schon die Elephanten in die Mitte der Linie eingebrochen; und Mago, der mit den Numidern, sobald die Römische Linie vor seinem 489 Hinterhalte ohne sich dessen zu versehen vorbeigerückt war, sich ihr im Rücken erhob, setzte sie in große Verwirrung und Schrecken. Dennoch stand sie, in so vielfachem Nachtheile, eine Zeitlang unbeweglich, und was am wenigsten zu erwarten war, hauptsächlich gegen die Elephanten. Die hierzu angestellten Leichtbewaffneten jagten die Thiere durch die auf sie geschleuderten Wurfpfeile in die Flucht, und stachen ihnen im Nachsetzen von hinten unter die Schwänze, wo sie wegen der weicheren Haut am leichtesten zu verwunden sind.

56. Die Thiere, die in der Verwirrung undTrepidantesque prope iam]. – Die bis auf Jak. Gronov beibehaltene Lesart: Trepidantes propeque iam in suos ist nach Creviers Zeugnisse durch den Beitritt älterer Handschriften bewährt, und schon von ihm in den Text aufgenommen.in Wuth fast schon auf ihre eignen Truppen stürzten, ließ Hannibal aus der Mitte der Linie nach außen hin auf den linken Flügel gegen die Gallischen Hülfstruppen treiben. Hier bewirkten sie sogleich offenbare Flucht. Ein neuer Schrecken für die Römer; die nun ihre Hülfsvölker geschlagen sahen. Jetzt, da sie schon eingeschlossen im Kreise fochten, erzwangen sich beinahe zehntausend Mann den Durchbruch, der ihnen auf keiner andern SeiteQuum alii evadere nequissent]. – Freilich sind es die besten Handschriften, aus welchen Drakenb. die Lesart alii wieder einführte. Dennoch glaube ich, mit Gronov und Crev. alia lesen zu müssen, was sich doch auch in vielen Ausgaben und allen den Handschriften findet, welche Drakenborch nicht als Zeugen für sein begünstigtes alii aufstellt; und andre geben uns durch ihre Lesart: ali is, oder ali o, oder al iter, einen Wink, daß der letzte Buchstabe dieses Wortes in der Urschrift mehr als ein bloßes i war. Hierzu kommen noch für alia folgende Gründe: Hätte Livius sagen wollen: die Andern (alii) konnten sich nicht durchschlagen, so mußte hier nicht nequissent, sondern nequirent stehen. Denn die Versuche dieser Andern, sich durchzuschlagen, dauerten noch fort; sie hatten, als den 10,000 der Durchbruch gelang, noch nicht aufgehört, was uns Livius selbst gleich nachher mit den Worten sagt: Plures deinde in omnes partes eruptiones factae. Für diese rem adhuc imperfectam gehörte also das imperfectum nequirent. Von den 10,000 hingegen konnte er im Plusquamperfect sagen: Media acie perruperunt, quum ali a (via) nequissent. Einen zweiten Grund für die Lesart ali a finde ich darin, daß Livius sagt: «Sie brachen mitten durch die Linie.» Dieses Umstandes erwähnte er gerade deswegen, weil er eben vorher gesagt hatte: «Weil sie auf keiner andern Stelle durchdringen konnten.» Man sieht nicht, warum die umringten 10,000 sich nicht nach jeder andern Seite durchschlagen, wenn nicht der Grund angegeben werden soll: Darum brachen sie durch die Mitte, weil ihnen jeder andre Ausweg gesperrt war. Und drittens endlich: Livius würde sich ja nicht selbst widersprechen, und, wenn er eben erzählt hatte: «Da sich die Andern nicht durchschlagen konnten, so brachen nur die 10,000 durch –» gleich drei Zeilen nachher selbst sagen: «Die Andern brachen nach allen Seiten aus.» – – Auch wollte Gronov statt media Afrorum acie, quae lieber lesen: m. Afr. acie, qua. Ohne diese Lesart geradezu für richtig zu erklären, habe ich doch ihrem Sinne gemäß übersetzt, weil er auch in der gewöhnlichen Lesart media Afrorum acie, quae nicht bloß liegen kann, sondern auch nach Polybius liegen muß. Denn nach ihm (Ιβη̃ρας καὶ Κελτοὺς καὶ Λιβύας) haben ebenfalls die Gallier den mittelsten Platz. 490 möglich war, mit großem Verluste der Feinde, mitten durch die Punische Linie, wo sie mit den Gallischen Hülfsvölkern besetzt war. Und da sie weder in ihr Lager, von welchem sie der Strom ausschloß, zurückgehen, noch bei dem Regen mit Gewißheit bestimmen konnten, wo sie den Ihrigen helfen sollten, so zogen sie gerades Weges nach Placentia. Nun erfolgten mehrere Ausbrüche nach allen Seiten. Freilich Alle, die dem Strom zueilten, wurden entweder von den Tiefen verschlungen, oder während sie Anstand nahmen hineinzugehen, von den Feinden eingeholt. Die sich hingegen auf der Flucht über die Felder zerstreuten, folgten der Spur des weichenden Haufens und gingen nach Placentia; oder sie wagten sich aus Furcht vor den Feinden in den Strom und kamen hinüber in ihr Lager. Ein mit Schnee gemischter Regen, und die unerträglich heftige Kälte, raffte viele Menschen und Lastthiere und die Elephanten fast alle weg. Der Fluß Trebia setzte den verfolgenden Puniern ein Ziel, und sie kehrten vor Kälte so erstarrt in ihr Lager zurück, daß sie die Freude des Sieges kaum empfanden. Als daher in der folgenden Nacht die Bedeckung des Lagers und ein großer Theil des noch übrigen Heers auf Flößen über den Trebia setzten, hörten die Punier entweder vor dem rauschenden Regen nichts davon, oder sie stellten sich, als merkten sie nichts, weil sie sich vor Müdigkeit und Wunden schon nicht mehr regen konnten; und ohne daß sie sich rührten, führte Consul Scipio sein Heer in aller Stille nach Placentia, und von hier, damit nicht Eine Pflanzstadt zu sehr durch die Winterquartiere zweier Heere leiden möchte, über den Po nach Cremona.

491 57. Über Rom verbreitete diese Niederlage einen solchen Schrecken, daß Alle glaubten, «der Feind werde sogleich zum Angriffe auf die Stadt heranziehen, und es sei weder die mindeste Hoffnung, noch irgend ein Mittel übrig, den Sturm auf ihre Thore und Mauern abzuschlagen. Was für andre Heerführer, was für andre Legionen man herbeiziehen könne, da ein Consul am Ticinus, und, nach Abrufung des andern aus Sicilien, zwei Consuln und zwei consularische Heere geschlagen wären?»

In diesem Schrecken fand sie der ankommende Consul Sempronius, der sich nicht ohne große Gefahr mitten durch die allenthalben nach Beute umherschwärmenden feindlichen Reuter durchgefunden hatte, mehr von seiner Kühnheit geleitet, als von einem Plane, oder mit einiger Hoffnung, sich durchzuschleichen, oder wenn er nicht unentdeckt bliebe, sich durchzuschlagen. Nachdem er die Consulwahl, für jetzt das dringendste Bedürfniß von allen, beseitigt hatte, kehrte er in die Winterquartiere zurück. Gewählt wurden zu Consuln Cneus Servilius und Cajus Flaminius zum zweitenmaleet C. Flaminius. Ceterum]. – Da Livius, der in den drei ersten Büchern die Zahl der wiederholten Consulatsführung, wie Drakenb. sehr richtig zeigt (B. II. Cap. 16. §. 7.), öfters unbemerkt läßt, allein nach dem dritten Buche diese Angabe immer seltener versäumt, und sie auch, je umständlicher und wichtiger die Geschichte wird, immer weniger weglassen kann; so glaube ich, daß das schon von Andern vorgeschlagene iterum nach dem Namen des Flaminius (bei einem so wichtigen Consulate) diesmal eingeschoben werden müsse, wobei ich nur nicht aus der Acht zu lassen bitte, daß das folgende ceterum an der Verdrängung des ihm so ähnlichen iterum Schuld war..

Aber auch nicht einmal in den Winterquartieren hatten die Römer Ruhe, weil allenthalben die Numidische Reuterei, und wo für diese die Wege zu schlimm waren, die Celtiberier und Lusitanier umherschwärmten. Folglich war ihnen die Zufuhr auf allen Seiten gesperrt, außer was ihnen auf dem Po die Schiffe zuführten. Nahe bei Placentia lag ein Handelsplatz, der mit vielem Fleiße befestigt und mit einer starken Besatzung belegt war. Hannibal, ob er gleich auf diese kleine Festung, zu deren Erstürmung er seine Reuter und Leichtbewaffneten mitnahm, 492 den Angriff in der Nacht that, weil er sich von der Verheimlichung seines Unternehmens den meisten Erfolg versprach, konnte dennoch die Wachen nicht überfallen. Plötzlich erhob sich ein so lautes Geschrei, daß man es auch in Placentia hörte. Also war gegen Morgen mit seiner Reuterei der Consul schon da, der dem Fußvolke Befehl gegeben hatte, in schlachtfertiger Stellung zu folgen. Indeß kam die Reuterei zum Gefechte, in welchem aber der durch Hannibals Verwundung – sie nöthigte ihn, das Treffen zu verlassen – unter den Feinden sich verbreitende Schrecken für die Besatzung eine ehrenvolle Rettung bewirkte.

Nachdem er sich nur wenig Tage Ruhe gegönnt und seine Wunde kaum völlig hatte heilen lassen, rückte er weiter zum Angriffe auf Victumviä. Dieser Handelsplatz war im Gallischen Kriege von den Römern befestigt. Nachher hatten mehrere Anbauer, die sich von allen Seiten aus den benachbarten Völkern zusammenfanden, den Ort bevölkert; und jetzt hatte ihn die Furcht vor Verheerung zu einem Sammelplatze von größtenteils Landleuten gemacht. Eine Menge Menschen dieses Schlages, durch den Ruf von dem tapfern Widerstande der Besatzung bei Placentia muthig gemacht, griff schnell zu den Waffen und rückte dem Hannibal entgegen. Noch auf dem Wege stießen sie, ich will lieber sagen, in Zügen, als in Schlachtordnung, auf einander: und da auf der einen Seite nur ein unförmlicher Haufe, auf der andern ein Feldherr stand, der seinem Heere, und ein Heer, das seinem Feldherrn trauen konnte, so wurden fast dreißigtausend Mann von Wenigen in die Flucht geschlagen. Den Tag darauf nahmen sie nach, geschloßner Übergabe eine Besatzung ein, und als sie dem erhaltenen Befehle zufolge die Waffen abgeliefert hatten; wurde plötzlich den Siegern ein Zeichen gegeben, die Stadt, als wäre sie durch Sturm erobert, zu plündern. Keine Art des Unheils, welche die Geschichtschreiber bei solchen Ereignissen gewöhnlich bemerkenswerth finden, blieb hier unausgeübt; so völlig erlaubten sich die Punier gegen diese Unglücklichen jeden Ausbruch der Wollust, Grausamkeit 493 und unmenschlichen Verhöhnung. Dies waren Hannibals Unternehmungen im Winter.

58. Die Ruhe, die er nun seinen Soldaten gestattete, dauerte nur kurze Zeit, so lange die Kälte unausstehlich war; und da er schon auf die ersten und unsichern Zeichen des Frühjahrs aus den Winterquartieren aufbrach, trat er den Weg nach Hetrurien an, um auch dieses Volk, so wie die Gallier und Ligurier, mit Gewalt oder mit Güte, sich anzuschließen. Bei dem Übergange über den Apennin überfiel ihn ein so schreckliches Unwetter, daß es die Gräuel der Alpen fast noch übertraf. Gleich zuerst sahen sie sich bei dem von Sturm begleiteten, ihnen gerade ins Gesicht schlagenden Regengusse genöthigt, Halt zu machen, weil sie entweder die Waffen von sich werfen mußten, oder wenn sie gegen das Wetter anstrebten, vom Wirbel niedergeschleudert zu Boden fielen. Als es ihnen aber nun auch die Luft benahm und kein Athemholen gestattete, setzten sie sich ein Weilchen mit dem Rücken gegen den Wind. Und jetzt fing der Himmel schrecklich an zu tosen, und Blitze zückten mit furchtbarem Gekrache. Ohne zu hören, ohne zu sehen, starrten Alle vor Entsetzen. Als endlich nach dem Ergusse des Regenschauers der Wind eben darum sich noch weit stürmischer erhob, mußten sie sich entschließen, gerade auf der Stelle, wo sie vom Wetter überfallen waren, ein Lager aufzuschlagen. Hier war es nicht anders, als ginge ihre Noth von neuem an: denn sie konnten weder irgend etwas aus einander rollen, noch aufstellen; und war es aufgestellt, so blieb es nicht stehen, weil der Wind Alles zerriß und mit sich nahm: und gleich darauf stürzten die vom Sturme in die Höhe geführten und auf den kalten Gebirgshöhen gefrornen Wasserdünste einen so gewaltigen Hagel mit Schnee herab, daß die Menschen alles Übrige preis gaben, sich niederwarfen, und unter ihren Decken mehr vergraben, als verwahrt, umherlagen. Und nun trat eine so heftige Kälte ein, daß niemand, so gern er sich aus den jämmerlich zusammengestürzten Menschen und Lastthieren erheben und loshelfen wollte, dies in langer Zeit vermochte, weil ihm 494 die vor Kälte starrenden Nerven kaum erlaubten, die Finger krumm zu machen. Als sie sich endlich durch Auf- und Abgehen die Bewegung wiedergaben und wieder ins Leben kamen, und man hin und wieder anfing Feuer zu machen, sah sich jeder Hülflose nach fremder Hülfe um. Zwei Tage lagen sie auf diesem Platze wie belagert still. Sie büßten viele Menschen und viele Lastthiere ein, und von den aus der Schlacht am Trebia übriggebliebenen Elephanten sieben.

59. Hannibal zog vom Apenninus herab wieder rückwärts gegen Placentia, rückte an zehntausend Schritte vor und lagerte sich. Den folgenden Tag führte er zwölftausend Mann zu Fuß und fünftausend zu Pferde an den Feind. Und der Consul Sempronius – denn schon war er von Rom zurückgekommen – wich der Schlacht nicht aus. An dem Tage betrug die Entfernung beider Lager nur dreitausend Schritte. Am folgenden schlug man sich mit außerordentlichem Muthe und wechselndem Erfolge. Bei dem ersten Zusammentreffen kamen die Römer so sehr in den Vortheil, daß sie nicht allein in der Linie siegten, sondern auch die geschlagenen Feinde in ihr Lager verfolgten und dann sogar das Lager bestürmten.

Hannibal, der auf den Wall und an die Thore nur wenige Vertheidiger stellte, zog die übrigen Truppen dicht geschlossen in die Mitte des Lagers zurück und befahl ihnen, das Zeichen zum Ausfalle aufmerksam zu erwarten. Schon war es fast um drei Uhr Nachmittags, als der Römische Feldherr, der sich nun keine Hoffnung mehr machen durfte, das Lager zu erstürmen, seinen vergebens ermüdeten Truppen das Zeichen zum Abzuge gab. Kaum hörte dies Hannibal, und sah nun das Gefecht aufgegeben und den Rückzug vom Lager, als er sogleich zur Rechten und Linken seine Reuterei auf den Feind gehen hieß und selbst in der Mitte mit dem Kerne seines Fußvolks aus dem Lager hervorbrach.

Nicht leicht würde eine Schlacht wüthender und durch den Verlust auf beiden Seiten merkwürdiger geworden sein, wenn der Tag gestattet hätte, sie länger 495 fortzusetzen. Die Nacht machte dem mit so außerordentlichem Muthe angefangenen Gefechte ein Ende. Folglich war das erste Zusammentreffen hitziger, als das Gemetzel, und so wie man fast mit gleichem Glücke gefochten hatte, so schied man auch mit gleichem Verluste. Auf keiner Seite fielen im Fußvolke über sechshundert, und halb so viel Reuterei. Bei den Römern aber überwog der Verlust die Zahl, weil mehrere vom Ritterstande, fünf Kriegstribunen und von den Bundesgenossen drei Obersten geblieben waren.

Nach dieser Schlacht zog Hannibal nach Ligurien, Sempronius nach Luca. Die Ligurier überlieferten dem Hannibal bei seiner Ankunft, um ihn von der Zuverlässigkeit ihres Vertrages und Beitritts so viel fester zu überzeugen, zwei listig aufgefangene Römische Quästorn, den Cajus Fulvius und Lucius Lucretius, nebst zwei Kriegstribunen und fünf vom Ritterstande, meistens Söhnen von Senatoren.

60. Während dieser Vorfälle in Italien unterwarf der mit Flotte und Heer nach Spanien geschickte Cneus Cornelius Scipio, als er nach seiner Abfahrt von der Mündung der Rhone am Vorgebirge der Pyrenäen vorbeigesegelt und bei Emporiä gelandet war, mit seinem hier ausgesetzten Heere, das mit den Lacetanern den Anfang machte, die ganze Küste bis an den Fluß Ebro, theils durch Erneuerung der alten Verträge, theils durch eingeleitete neue, der Römischen Hoheit. Durch den hier erworbenen Ruf der Gelindigkeit gewann er nicht bloß das Vertrauen der Küstenbewohner, sondern selbst der kriegerischen Völkerschaften tiefer landeinwärts und auf den Gebirgen. Er vermochte sie nicht bloß zum Friedensschlusse, sondern sogar zum Waffenbündnisse, und man hob bei ihnen an Hülfstruppen mehrere starke Cohorten aus.

Diesseit des Ebro gehörte der Oberbefehl dem Hanno: ihn hatte Hannibal zum Schutze dieser Gegend zurückgelassen. Weil dieser es für nöthig hielt, ehe Alles von ihm abfiele, dem Feinde entgegen zu gehen, so nahm er im Angesichte desselben ein Lager und rückte in Schlachtordnung aus. Der Römische Feldherr sah nicht ein, warum 496 er zögern sollte, da er wußte, daß er mit Hanno und Hasdrubal zugleich zu kämpfen haben würde, und lieber gegen jeden einzeln, als gegen beide vereinigt aufzutreten wünschte. Auch ward die Schlacht ohne großen Kampf abgethan. Sechstausend Feinde blieben, zweitausend wurden nebst der Lagerbedeckung zu Gefangenen gemacht; denn auch das Lager wurde genommen, auch Scissis, eine Stadt in der Nähe des Lagers, erobert. Freilich gab die Beute in der Stadt nur Sachen von geringem Werthe, Hausgeräth wilder Völker und elende Sklaven. Aber das Lager machte den Soldaten reich: denn er fand nicht bloß das Eigenthum des hier besiegten, sondern auch des in Italien unter Hannibal dienenden Heeres, welches fast alle seine Kostbarkeiten, um sich nicht mit schwerem Gepäcke zu tragen, diesseit der Pyrenäen zurückgelassen hatte.

61. Hasdrubal, der noch vor dem bestätigten Rufe von dieser Niederlage mit achttausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde in der Meinung über den Ebro gegangen war, den Römern gleich bei ihrer ersten Ankunft entgegen zu treten, wandte jetzt, auf die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Scissis und dem Verluste des Lagers, seinen Marsch gegen das Meer. Nicht weit von Tarraco jagte er die Römischen Seesoldaten und Schiffleute, die sich zerstreuet hatten und in den Dörfern umherschwärmten – Glück erzeugt ja gewöhnlich Sorglosigkeit – durch seine nach allen Seiten vertheilte Reuterei, mit großem Verluste der Feinde, mit noch größerer Verwirrung in ihre Schiffe. Da er sich aber in dieser Gegend aus Furcht, vom Scipio überfallen zu werden, nicht länger aufzuhalten wagte, zog er sich über den Ebro zurück: und Scipio, der auf das Gerücht von neuen Feinden sein Heer in Eilmärschen herbeigeführt hatte, hinterließ, nach Bestrafung einiger wenigen Schiffshauptleute, in Tarraco eine mäßige Besatzung und ging mit der Flotte wieder nach Emporiä. Kaum hatte er sich entfernt, so war Hasdrubal wieder da, verleitete die Ilergeten, ein Volk, welches dem Scipio Geisel gestellt hatte, zum Abfalle, und gerade ihre Mannschaft war es, mit der er die den Römern 497 treugebliebenen Staten verheerte. Als er dadurch den Scipio aus den Winterquartieren aufgestört hatte, überließ er ihm abermals die ganze Gegend diesseit des Ebro. Scipio brach in das Gebiet der von ihrem Aufwiegeler verlassenen Ilergeten feindlich ein, trieb sie nach Athanagia – dies war ihre Hauptstadt – und belagerte sie: und in wenig Tagen machte er die Ilergeten, denen er jetzt mehr Geisel, als das erste Mal, abforderte und eine Geldstrafe auferlegte, wieder zu Römischen Unterthanen. Von da rückte er in das Land der Ausetaner am Ebro, welche es ebenfalls mit den Puniern hielten, und bei der Belagerung ihrer Stadt überfiel er die Lacetaner, welche ihren Nachbaren zu Hülfe zogen, nicht weit von der Stadt, als sie eben hineinrücken wollten, in einem Hinterhalte. An zwölftausend wurden niedergehauen: die Übrigen flohen, fast alle mit Verlust ihrer Waffen, allenthalben über die Felder zerstreuet, in ihre Heimat; und nun schützte die Belagerten weiter nichts, als der den Belagerern ungünstige Winter. Die Einschließung währte dreißig Tage, während welcher der Schnee selten unter vier Fuß hoch lag: und er hatte die Sturmplanken und Annäherungshütten der Römer so bedeckt, daß er allein gegen das vom Feinde mehrmals hineingeworfene Feuer sogar Schutz gewährte. Endlich, als sich ihr Fürst Amusitus zum Hasdrubal geflüchtet hatte, ergaben sie sich nach eingegangener Bedingung, zwanzig Silbertalente zu erlegen. Nun erfolgte der Rückzug in die Winterquartiere nach Tarraco.

62. Zu Rom oder in seiner Nähe ereigneten sich in diesem Winter viele Vorzeichen, oder es wurden, wie dies der Fall zu sein pflegt, wenn die Stimmung zur Götterfurcht einmal da ist, viele einberichtet und geradezu geglaubt. Unter andern: Auf dem Kohlmarkte habe ein halbjähriges Kind freier Ältern Triumph gerufen: in einem Hause am Ochsenmarkte sei ein Ochs von selbst in das dritte Stockwerk hinaufgegangen und habe sich, durch den Auflauf der Bewohner gescheucht, von da herabgestürzt; am Himmel hätten sich strahlende Schiffe sehen lassen; in den Tempel der Hoffnung am Kohlmarkte habe der Blitz 498 eingeschlagen: zu Lanuvium habe ein Spieß sich geregt; in den Tempel der Juno sei ein Rabe geflogen und habe sogar auf dem Tafelsitze sich gesetzt: im Gebiete von Amiternum hätten sich an mehreren Orten weißgekleidete Menschengestalten in der Ferne sehen lassen, die sich aber niemanden genähert hätten: im Picenischen habe es Steine geregnet: zu Cäre hätten sich die Orakeltäfelchen verkleinert: und in Gallien habe ein Wolf einer Schildwache das Schwert aus der Scheide gerissen und mitgenommen.

Wegen der übrigen Vorzeichen wurden die Zehnmänner befehligt, die Bücher nachzuschlagen; allein wegen des Steinregens im Picenischen wurde ein neuntägiges Betfest ausgeschrieben, und fast die ganze Bürgerschaft hatte immer von neuem mit Ausrichtung der Sühnopfer zu thun. Vor allen Dingen hielt man den Reinigungsumgang um die Stadt, und schlachtete allen in den Büchern angegebenen Göttern große Opferthiere: man brachte nach Lanuvium in den Tempel der Juno ein Geschenk aus vierzig Pfund Goldes: der Juno auf dem Aventinus weiheten die Frauen von Range ein Standbild von Erz: zu Cäre, wo sich die Orakeltäfelchen verkleinert hatten, wurde ein Göttermahl angeordnet, und der Fortuna auf dem Algidus ein Betfest: auch zu Rom der Juventus ein Göttermahl; man setzte ein Betfest namentlich allein für den Tempel des Hercules an, und dann ließ man eins vom ganzen Volke bei allen Altären anstellen: auch wurden dem Schutzgeiste fünf große Thiere geopfert, und der Prätor Cajus Atilius Serranus bekam den Auftrag, im Namen des States, wenn er in den nächsten zehn Jahren seine Verfassung behielte, die Erfüllung gewisser Gelübde zu versprechen. Diese nach den Angaben der Sibyllinischen Bücher veranstalteten Abwendungen und Gelübde erleichterten die Angst vor dem Götterzorne um ein Großes.

63. Der Eine von den beiden ernannten Consuln, Flaminius, welchem das Los die zu Placentia überwinternden Legionen bestimmt hatte, ließ mit einem Briefe an den Consul einen Aufruf abgehen, daß jenes Heer auf den fünfzehnten März bei Ariminum im Lager stehen sollte. Es 499 war nämlich seine Absicht, sein Consulat am Orte seiner Bestimmung anzutreten: denn er erinnerte sich der alten Streitigkeiten, die er mit den Vätern als Bürgertribun und nachher als Consul zuerst über das ihm abgesprochene Consulat, und dann über seinen Triumph gehabt hatte. Auch hatte er sich den Haß der Väter bei Gelegenheit eines neuen Vorschlages zugezogen, vermittelst dessen der Bürgertribun Quintus Claudius zum Nachtheile des Senats – auch unterstützte den Vorschlag von allen Vätern nur der einzige Flaminius – es zum Gesetze gemacht hatte, daß niemand, der selbst Senator sei oder einen Senator zum Vater gehabt habe, ein Seeschiff von mehr als dreihundert Tonnen halten dürfte. Zur Abholung der Früchte aus den Landgütern hielt man diese Größe für hinreichend: und sah jeden Handelserwerb für Senatoren als schimpflich an. Die Folge dieser mit der größten Heftigkeit betriebenen Verhandlung war für den Flaminius als Fürsprecher des Gesetzes bei dem Adel Haß, bei dein Bürgerstande Wohlwollen und dann das zweite Consulat. Da er aus diesen Gründen erwartete, man werde ihn durch erlogene Vorbedeutungen, durch verlangte Abwartung der Latinischen Feiertage und andre mit dem Consulate verknüpfte Hinderungen in der Stadt festhalten, so ging er unter dem Vorwande einer Reise als Privatmann heimlich zum Heere ab. Dies Benehmen zog ihm, so wie es bekannt wurde, bei den ihm schon vorher aufsätzigen Vätern neuen Unwillen zu. «Cajus Flaminius,» sagten sie, «führe nicht bloß mit dem Senate Krieg, sondern nun auch mit den unsterblichen Göttern. Schon ehemals gegen die Winke der Götter zum Consul gemacht, sei er, ob ihn gleich Götter und Menschen, selbst vom Schlachtfelde zurückgerufen hätten, der Ungehorsame gewesen; und jetzt aus bösem Gewissen, weil er beide verachtet habe, dem Capitole und der Abkündigung der jährlichen Gelübde entlaufen, um nur ja nicht am ersten Tage seines Amts den Tempel des allmächtigen Jupiter zu betreten; um nicht den ihm allein verhaßten Senat, dem er selbst verhaßt sei, sehen und befragen zu müssen; oder die Latinischen Feiertage zu 500 bestimmen und dem Jupiter Latiaris das jährliche Opfer auf der Anhöhe zu bringen; um ja nicht zu dem feierlichen Aufzuge auf das Capitol, wo er die Gelübde hätte ablegen müssen, die Zustimmung der Götter einzuziehen und im Feldherrnpurpur mit Lictoren zum Heere abzugehen. Wie ein Marketender sei er ohne Ehrenzeichen, ohne Lictoren, heimlich auf Schleichwegen davongegangen, als hätte er gleich einem Verwiesenen das Land räumen müssen. Er finde es vermuthlich der Majestät des consularischen Oberbefehls angemessener, zu Ariminum, als zu Rom, sein Amt anzutreten, und den Purpur lieber im Absteigequartiere eines Gastfreundes, als bei den Göttern seiner Heimat anzulegen.» Alle stimmten dafür, man müsse ihn zurückrufen und abholen lassen, und ihn zwingen, ehe er zum Heere und zu seinem Bestimmungsorte abginge, allen seinen Pflichten gegen Götter und Menschen an Ort und Stelle Genüge zu leisten.

Quintus Terentius und Marcus Antistius, welche zu dieser Sendung abgingen – denn man bestimmte sich für eine Gesandschaft – konnten ihn eben so wenig bewegen, als ihn in seinem ersten Consulate das vom Senate an ihn erlassene Schreiben bewogen hatte. Wenig Tage nachher trat er sein Amt an. Bei seinem Opfer entriß sich das schon gestochene Kalb den Händen der Opferpriester und bespritzte viele der Umstehenden mit Blut. Das Flüchten und der Auflauf wurde weiterhin bei denen, die die Ursache des Durcheinanderstürzens nicht wußten, noch größer; und die meisten fanden darin eine schreckliche Vorbedeutung. Nachdem er sich die zwei Legionen vom vorjährigen Consul Sempronius und zwei vom Prätor Cajus Atilius hatte übergeben lassen, begann das Heer den Marsch auf den Pfaden über den Apenninus nach Hetrurien.

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