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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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229 Neuntes Buch.

1. Auf dieses Jahr folgt der durch die Niederlage der Römer berühmte Caudinische Vertrag, unter den Consuln Titus Veturius Calvinus, Spurius Postumius. Die Samniten hatten in diesem Jahre den Cajus Pontius, des Herennius Sohn, zum Heerführer, der von einem sehr einsichtsvollen Vater stammete, und selbst der erste Krieger und Feldherr war. Als die zur Auslieferung jener Sachen nach Rom geschickten Gesandten, ohne den Frieden bewirkt zu haben, zurückkamen, so fing er an: «Damit ihr nicht glaubt, wir hätten durch diese Gesandschaft gar nichts ausgerichtet, so muß ich euch sagen: Aller Zorn der Himmlischen, der wegen des Bundesbruches über uns waltete, ist abgebüßt. Ich bin überzeugt, daß allen den Gottheiten, nach deren Willen wir zu der Nothwendigkeit herabgebracht werden mußten, die von uns vertragsmäßig zurückgeforderten Sachen herauszugeben, diese von Seiten der Römer so übermüthige Abweisung der Bundessühne misfallen habe. Denn was konnte, Götter zu befriedigen und Menschen zu besänftigen, mehr gethan werden, als was wir gethan haben? Das erbeutete Eigenthum der Feinde, das wir nach Kriegesrecht als das Unsrige ansehen konnten, haben wir zurückgeschickt: die Anstifter des Krieges lieferten wir, weil wir sie lebendig nicht stellen konnten, nach ihrem Ableben aus: beladen mit ihren Gütern, um von Allem, worauf die Sünde haftete, nicht das Mindeste zu behalten, zogen wir nach Rom. Sprich, Römer, was bin ich dir, was bin ich dem Bündnisse, was den Zeugen des Bündnisses, den Göttern, noch weiter schuldig? Vor welchen Richter, über deinen Zorn, über meine erlittenen harten Strafen, 230 soll ich dich bescheidenGronov verwirft dies Fragezeichen, und Drakenborch und Stroth folgen ihm. Crevier hat die Frage beibehalten. Fällt sie weg, so giebt das Ganze in Verbindung eine zierlichere Lateinische Eleganz. Allein die fortgesetzte Frage passet hier besser in den lebhaften Vortrag. Und wenn Gronov meint, sie thue dem Sinne Eintrag, so irrt er meiner Meinung nach. Denn es ist ja nicht durchaus nöthig, wie er will, die Frage so zu verstehen: Vix inveniri quemquam, quem iudicem capere possit; sondern sie leidet ja eben so gut, ja sie erfordert hier den Sinn: Per me licet, quemcumque mihi arbitrum feras. Quem vis, ut tibi feram? Neminem, neque pop. etc.? Vor ein Volk? vor einen Privatmann? Ich scheue keinen. Und wenn denn dem Hülflosen gegen den Mächtigen kein Recht bei Menschen übrig bleibt, nun so flüchte ich mich zu den Göttern, den Rächern eines so unerträglichen Übermuths, so bitte ich sie, ihren Zorn diejenigen treffen zu lassen, denen weder ihr ausgeliefertes Eigenthum, noch die Zugabe von Fremdem genügt; deren Wuth nicht der Tod der Schuldigen, noch die Auslieferung der entseelten Körper, noch das die Auslieferung des Besitzers begleitende Vermögen sättigen kann: die nicht versöhnt werden können, wenn wir ihnen nicht unser Blut zum Vergießen und unser Fleisch zum Zerhauen darbieten. Wer nothwendigen Krieg führt, ihr Samniten, der führt einen gerechten Krieg; und heilig sind die Waffen dessen, der keine Rettung, als durch die Waffen, hoffen kann. Folglich könnt ihr, Samniten, da in den Angelegenheiten der Menschen so viel darauf ankommtNach meiner Einsicht hat Stroth hier einen doppelten Irrthum begangen. Er beschuldigt einmal Gronoven, er habe darum die Lesart unsrer Stelle ändern wollen, weil ihm die Intension, die in den Worten quam propitiis, quam adversis diis liege, anstößig gewesen sei. Davon ist aber in Gronovs Note (bei Drakenborch) keine Spur. Gronov will nur das Wort agant in agantur abändern und rem weglassen, folglich die Intension des quam beibehalten. Zum andern, wenn Stroth glaubt, quam sei hier der Accusativ des Pronomens, nicht das adverbium intendendi, so irrt er auch hier nach meiner Ansicht. Denn 1) hätte Livius, wenn er den von Stroth ihm untergelegten Sinn ausdrücken wollte, nicht gesagt: quam propitiis rem, und das quam unmittelbar vor propitiis stehen lassen, sondern: quam rem propitiis, quam adversis agant diis. 2) Wenn auch Stroth in philosophisch-theologischer Hinsicht Recht haben mag, wenn er sagt: Nulla res adversis diis, bene; nulla propitiis male geri potest; so hätte ihn doch der Nachsatz belehren müssen, daß Livius hier allerdings die Intension des adverbii quam zum Zwecke hat. Denn er läßt den Pontius seine Samniten versichern, daß sie in den vorigen Kriegen nicht bloß unter der Misbilligung der Götter gefochten hätten, sondern, gleich den Giganten, gegen die Götter selbst, und eben so in diesem durch die Noth gebotenen Kriege nicht bloß die Zustimmung der Götter haben würden, sondern sogar die Götter zu Führern. Die hier unverkennbare Gradation lässet mich glauben, daß Livius sich auch bei dem quam des Vordersatzes Stufen gedacht habe., in wiefern über ihrem Unternehmen der 231 Segen oder die Ungnade der Götter waltet, fest überzeugt sein, daß ihr die vorigen Kriege mehr gegen die Götter, als gegen Menschen geführt habt, in dem bevorstehenden aber die Götter selbst zu Führern haben werdet.»

2. Als er nach dieser eben so wahren, als erheiternden Vorhersagung mit seinem Heere ausrückte, nahm er in der Gegend von Caudium sein Lager so versteckt als möglich. Von hier schickte er nach Calatia, wo die Römischen Consuln seinen Nachrichten zufolge schon mit ihrem Lager standen, zehn Soldaten, als Hirten gekleidet, mit dem Auftrage, sie sollten mit ihren Heerden in der Nahe der Römischen Posten nach entgegengesetzten Richtungen, der eine hier, der andre dorthin treiben: stießen sie auf Plünderer, so sollten sie Alle dieselbe Sprache führen: «Die Legionen der Samniten ständen in Apulien; sie belagerten Luceria mit ihrer ganzen Macht, und würden es in Kurzem durch Sturm erobern.» Auch war den Römern dies vorher geflissentlich verbreitete Gerücht schon zu Ohren gekommen: allein die Gefangenen machten es ihnen hauptsächlich dadurch glaubwürdiger, daß sie alle in ihrer Aussage übereinstimmeten. Daß die Römer den Lucerinern, ihren guten und getreuen Bundesgenossen, zu Hülfe eilen mußten, um zugleich den Abfall des gesammten Apuliens in dieser dringenden Noth zu verhindern, war außer allem Zweifel. Nur das war die Frage, welchen Weg sie nehmen sollten. Nach Luceria führten zwei Wege; der eine, breit genug und offen, durch Länder des oberen Meeres, allein so viel sicherer er war, so viel mochte er auch länger sein; der andre kürzere, durch die Caudinischen Gabeln. Die Beschaffenheit dieser Gegend ist folgende. Zwei hohe, schmale und waldige Pässe haben durch das rund umher zusammenhängende Gebirge eine Verbindung: zwischen ihnen liegt in der Mitte eine 232 ziemlich breite eingeschlossene Ebene, die Gras und Wasser hat, und der Weg geht mitten durch. Ehe man aber an dieses Feld kommt, muß man in die erste Schlucht hineingehen, und dann entweder denselben Weg, auf dem man sich hineinzog, wieder rückwärts nehmen, oder, will man weiter vorwärts, sich durch den andern noch engeren und beschwerlicheren Paß durcharbeiten.

Als die Römer, die ihr Heer auf dem einen Wege durch die hohlen Felsen in diese Ebene herabgezogen hatten, jetzt weiter zu der zweiten Schlucht fortrückten, fanden sie diese durch gefällete Bäume und große im Wege liegende Felsstücke gesperrt. Als hieraus offenbar feindliche List hervorging, ließen sich auf der Höhe des Passes auch Truppen sehen. Geschwind machten sie sich auf denselben Weg wieder zurück, den sie gekommen waren. Da fanden sie auch diesen eben so von seinem Verhacke und von Bewaffneten geschlossen. Von niemand zum Haltmachen befehligt standen sie. Betroffenheit bemächtigte sich aller Herzen und eine nie gefühlte Art von Lähmung ihrer Glieder: und Einer den Andern anblickend, weil jeder dem Andern mehr Besonnenheit und Entschließung zutrauete, schwiegen sie lange unbeweglich. Wie sie darauf die Hauptzelte der Consuln aufschlagen, und diesen und jenen das Schanzzeug zur Hand nehmen sahen, so gingen sie, – ob sie gleich einsahen, daß sie mit ihrem Schanzen, weil Alles verloren, und jede Hoffnung ihnen genommen war, zum Gespötte dienen würden – um wenigstens das Unglück nicht durch Straffälligkeit zu vermehren, der eine wie der andre, ohne von jemand aufgefordert oder befehligt zu sein, an die Schanzarbeit und zogen um das am Wasser aufgeschlagene Lager den Wall, indem sie, unter lautem Gehöhne des übermüthigen Feindes und eignen kläglichen Geständnissen, ihrer verlornen Mühe und Arbeit spotteten. Bei den in Trauer versunkenen Consuln, die auch keinen Kriegesrath beriefen, weil hier weder Rath noch Hülfe stattfand, sammelten sich die Legaten und Obersten von selbst; und die Soldaten, nach den Hauptzelten blickend, verlangten eine Rettung, die ihnen kaum 233 die unsterblichen Götter gewähren konnten, von ihren Feldherren.

3. Mehr unter Klagen als Berathschlagungen wurden sie von der Nacht überfallen, während jeder nach seiner Denkungsart seinen Unmuth laut werden ließ, der Eine: «Durch die verhauenen Wege» – der Andre: «Gerade zu den Bergen hinauf lasset uns fortdringen! durch den Wald! wo sichs irgend mit den Waffen in der Hand einbrechen lässet! Sobald nur die Möglichkeit da ist, an den Feind zu gelangen, den wir schon beinahe seit dreißig Jahren besiegen, so wird dem Römer im Kampfe mit dem treulosen Samniten Alles zu Flächen und Ebenen.» Ein Andrer dagegen: «Wohin denn, oder wo sollen wir ziehen? Wollen wir die Berge aus ihrer Grundfeste heben? Wo will man, so lange diese Höhen emporragen, an den Feind gelangen? Wir Alle, Bewaffnete und Wehrlose, Tapfre und Feige, sind einer wie der andre gefangen und zu Grunde gerichtet. Der Feind wird uns nicht einmal das Schwert zum ehrenvollen Tode darbieten; stillsitzend wird er dem Kriege ein Ende machen.» Unter wechselnden Äußerungen dieser Art, ohne an Speise, ohne an Schlaf zu denken, brachten sie die Nacht hin.

Aber selbst die Samniten wußten eben so wenig in ihrem großen Glücke sich zu rathen. Deswegen stimmten Alle dahin, den Herennius Pontius, den Vater des Feldherrn, schriftlich um seine Meinung zu fragen. Seines hohen Alters wegen hatte sich der Mann schon von allen kriegerischen, selbst von den bürgerlichen, Geschäften zurückgezogen: allein den abgelebten Körper beseelte noch die volle Geisteskraft und Entschlossenheit. Auf die Anzeige, daß man bei den Caudinischen Klausen die Römischen Heere zwischen den beiden Pässen eingeschlossen halte, erklärte er dem nach Verhaltungsregeln fragenden Boten seines Sohns, man solle sie sogleich, ohne ihnen Leides zu thun, sämtlich abziehen lassen. Als dieser Rath verworfen wurde, gab er dem abermals an ihn gefertigten Boten auf die wiederholte Anfrage den Bescheid, man solle sie Alle bis auf den letzten Mann niederhauen. War gleich 234 der Sohn selbst einer der ersten, die der Widerspruch dieser gleichsam durch ein zweideutiges Orakel ertheilten Antworten auf den Gedanken brachte, auch des Vaters Geist habe in dem abgelebten Körper schon vom Alter gelitten, so mußte er doch dem einstimmigen Verlangen, ihn selbst in den Kriegsrath zu berufen, nachgeben. Der Greis soll, ohne sich durch die Beschwerlichkeit abhalten zu lassen, ins Lager gefahren sein, und als er in den Kriegsrath berufen wurde, sich ungefähr so erklärt haben, daß er nichts in seiner Meinung abänderte, sondern nur seine Gründe hinzufügte. «Sein erster Rath, den er für den besten halte, sichere ihnen Frieden und Freundschaft mit einem der mächtigsten Völker durch diese große Wohlthat auf immer: der zweite verschiebe den Krieg auf viele Menschenalter, während welcher der Römische Stat nach dem Verluste zweier Heere so leicht nicht wieder zu Kräften kommen werde: eine dritte Auskunft gebe es nicht.» Als ihm darauf im weiteren Verfolge der Sohn und andre Vornehme die Frage vorlegten: «Wie? wenn man einen Mittelweg einschlüge, und die Römer zwar unangefochten abziehen ließe, ihnen aber, als durch ein rechtliches Kriegsmittel Besiegten, gewisse Bedingungen auferlegte;» so sagte er: «Diese Maßregel ist von der Art, daß sie euch weder Freunde erwirbt, noch eure Feinde vertilgt. Versucht es, und schenkt denen das Leben, die ihr durch Beschimpfung erbittert habt. Die Römer sind ein Volk, das besiegt keine Ruhe kennt. Mag die Schande, die ihnen dasmal die dringende Noth aufdrückt, bestehen worin sie will, nie wird sie in der Römer Busen ersterben; wird sie nicht eher ruhen lassen, bis ihr sie ihnen durch vielfache Strafen gebüßt habt.»

4. Von beiden Vorschlägen wurde keiner angenommen, und Herennius fuhr aus dem Lager nach Hause zurück. Im Römischen Lager fühlte man sich nach vielen vergeblich versuchten Angriffen, um sich durchzuschlagen, und weil schon Mangel an Allem war, durch die Noth gedrungen, Gesandte abzuschicken. Sie mußten zuerst auf einen Frieden unter gleichen Bedingungen antragen, und 235 wenn sie keinen Frieden erhielten, zur Schlacht herausfordern. Da antwortete ihnen Pontius: «Der Krieg sei zu Ende; und weil sie auch nicht einmal als Besiegte und Gefangne lernen wollten, ihre Demüthigung zu gestehen, so wolle er sie entwaffnet im bloßen Unterkleide unter dem Jochgalgen durchziehen lassen: die übrigen Friedensbedingungen sollten Besiegten und Siegern gleiche Vortheile gewähren. Wenn das Samnitische geräumt und die Pflanzstädter abgeführt würden, dann könnten Römer und Samniten im Genusse gleicher Bundesvortheile beide nach eigenen Gesetzen leben. Auf diese Bedingungen sei er zu einem Vertrage mit den Consuln bereit; sollte man aber auch nur Eine nicht bewilligen wollen, so möchten die Gesandten sich nicht unterstehen, wieder zu ihm zu kommen.»

Als die Gesandschaft diesen Bescheid zurückbrachte, so erhoben auf einmal Alle eine so laute Wehklage und wurden von so tiefer Traurigkeit befallen, daß man hätte glauben sollen, es könnte ihnen nicht schrecklicher sein, wenn ihnen der Tod auf der Stelle angekündigt wäre. Lange blieb man ohne alle Erklärung, und den Consuln erstarb jedes Wort, sowohl zur Empfehlung eines so schimpflichen, als zur Misbilligung eines so nothwendigen Vergleichs; da begann Lucius Lentulus, damals durch seine Tapferkeit und verwalteten Ämter unter den Legaten der Erste: «Ich habe oft meinen Vater erzählen hören, ihr Consuln, daß er allein auf dem Capitole dem Senate nicht dazu gerathen habe, die Stadt von den Galliern durch Gold zu erkaufen, weil man theils von diesem zur Anlage von Werken und Schanzen viel zu trägen Feinde nicht durch Wall und Graben eingeschlossen sei, theils auch, wenn gleich nicht ohne große Gefahr, doch ohne gewissen Tod, sich durchschlagen könne. Wenn wir jetzt, so wie es ihnen gestattet war, vom Capitole herab mit den Waffen auf den Feind einzubrechen, wie so oft schon Belagerte auf die Belagerer einen Ausfall thaten, eben so – gleichviel, ob unsre Stellung günstig oder ungünstig wäre – nur zum Kampfe mit dem Feinde gelangen könnten, so sollte auch mir bei meinem zu ertheilenden Rathe der Geist meines muthvollen Vaters nicht entstehen. Ehrenvoll ist es, ich läugne es nicht, für das Vaterland zu sterben; und ich bin bereit, für das Römische Volk und seine Legionen mich entweder zum Todesopfer zu weihen, oder mich mitten in die Feinde zu stürzen. Allein nach meiner Ansicht ist das Vaterland hier, hier Roms sämtliche Legionen. Wollen diese nicht für sich selbst in den Tod gehen, was bleibt ihnen dann durch ihren Tod noch zu retten? Die Häuser der Stadt, könnte man mir antworten, und die Mauern, und jener Haufe, von dem die Stadt bewohnt wird. Nein, bei Gott! aufgeopfert wird das Alles, wenn dies Heer vernichtet wird; nicht gerettet. Denn wer soll das Alles schützen? Etwa die unkriegerische und unbewehrte Menge? Wahrhaftig, eben so gewiß, als sie es vor dem Einbruche der Gallier schützte. Sollen sie etwa ein Heer von Veji, und einen Camillus als Anführer, herbeirufen? Alle Hoffnung, alle Hülfe ist nur von diesen hier zu haben: durch ihre Rettung retten wir das Vaterland; überliefern wir sie dem Tode, so verlassen, so verrathen wir das Vaterland. Allein die Übergabe ist so empörend und schimpflich? Die Liebe, die das Vaterland fordert, geht zu seiner Rettung, wenn es sein muß, eben so gern in den Schimpf als in den Tod. So nehmen wir denn diese Unehre auf uns, sei sie, so groß sie wolle! unterwerfen uns einer Nothwendigkeit, die auch die Götter nicht besiegen können! Ziehet hin, ihr Consuln! bringet dem State eure Waffen dar, dem eure Vorfahren ihr Gold darbrachten.»

5. Die zur Unterredung mit Pontius abgegangenen Consuln erklärten dem Sieger, der auf einen Friedensabschluß drang, ohne Genehmigung des Volks könne kein Friede geschlossen werden, eben so wenig ohne Bundespriester und festgesetzte Feierlichkeiten. Also kam der Caudinische Vertrag nicht, wie man gewöhnlich glaubt, und Claudius auch schreibt, durch einen Friedensschluß, sondern durch eine verbürgte Übereinkunft zu Stande. Denn wozu wären Bürgen oder Geisel bei einem Friedensschlusse 237 nöthig gewesen, wo die Sache mit der Anrufung Jupiters abgethan wird, «daß er dasjenige Volk, durch dessen Schuld die aufgestellten Bedingungen nicht gehalten würden, eben so treffen solle, wie die Bundespriester das Schwein treffen?» Dasmal verbürgten sich die Consuln, die Unterfeldherren, die Schatzmeister, die Obersten; und die Namen Aller, die sich verbürgten, sind noch zu lesen; wo man doch, wenn die Sache auf den Fuß eines Friedensschlusses behandelt wäre, bloß die Namen der beiden Bundespriester finden würde. Auch wurden wegen des nothwendigen Aufschubs des eigentlichen Friedensschlusses noch sechshundert Ritter als Geisel gefordert, welche mit ihrem Leben büßen sollten, wenn die Zusage nicht gehalten würde. Dann wurde zur Auslieferung der Geisel und zum waffenlosen Abzuge des Heers eine Zeit festgesetzt.

Die Ankunft der Consuln erneuerte die Traurigkeit im Lager so sehr, daß sich die Soldaten beinahe an ihnen vergriffen hätten, deren Unbesonnenheit sie an einen solchen Ort geführt hatte; und durch deren Unentschlossenheit sie noch schimpflicher abziehen sollten, als sie hineingegangen waren. «Keinen Wegweiser, keinen Kundschafter hätten sie gehabt; blindlings hätten sie ihre Soldaten, gleich dem Wilde, in die Fanggrube stürzen lassen.» Sie sahen Einer den Andern an, betrachteten ihre bald abzuliefernden Waffen, ihre bald wehrlosen Hände, ihre dem Feinde preisgegebene Person. Sie stellten sich selbst den feindlichen Jochgalgen vor Augen, und den Hohn des Siegers, und seine stolzen Mienen, und ihren Zug ohne Waffen durch die bewaffneten Reihen; dann die klägliche Wanderung ihrer schimpfbeladenen Schar durch die Städte der Bundsgenossen, und diese Rückkehr ins Vaterland zu den Ihrigen, wohin sie selbst und ihre Vorfahren so oft triumphirend gekommen wären. «Nur sie allein wären ohne Wunde, ohne Schwert, ohne Schlacht besiegt; nur ihnen sei es nicht so gut geworden, das Schwert zu ziehen und mit dem Feinde handgemein zu werden; umsonst wären sie mit Waffen, umsonst mit Mannskraft, umsonst mit Muth gerüstet.»

238 Unter diesen Äußerungen des Unwillens brach die Stunde der über sie verhängten Beschimpfung herein, in der ihnen alles unter der Erduldung noch härter werden sollte, als sie es sich vorher gedacht hatten. Gleich zuerst wurde ihnen befohlen, nur im Unterkleide, ohne Waffen, aus dem Lagerwalle zu gehen; und vor allen Dingen wurden die Geisel überliefert und zur Verwahrung abgeführt. Darauf mußten die Lictoren von den Consuln abtreten, und die Feldherrnkleider wurden ihnen abgezogen: ein Anblick, der selbst bei denen, die kurz vorher unter Fluchen ihre Auslieferung und Zerstückelung verlangt hatten, ein so tiefes Mitleid wirkte, daß jeder, seines eignen Schicksals vergessend, von dieser Verunglimpfung einer so erhabenen Würde, als von einem sündlichen Schauspiele, seine Augen wegwandte.

6. Zuerst wurden die Consuln, fast halbnackend, unter dem Jochgalgen durchgeschickt; dann traf die Schande jeden, wie er im Range der nächste war, zuletzt die Legionen eine nach der andern. Höhnend und spottend standen die Feinde in Waffen umher: vielen droheten sie mit dem Schwerte, ja einige wurden verwundet und getödtet, wenn etwa in ihrem Blicke der Ingrimm über die unwürdige Behandlung den Sieger beleidigte. So wurden sie unter dem Jochgalgen durch, und was beinahe noch drückender war, vor den Augen der Feinde vorübergeführt.

Als sie den Pass hinter sich hatten, war ihnen, ob sie gleich, als aus der Hölle hervorgezogen, jetzt erst das Tageslicht zu erblicken glaubten, dennoch selbst dies Tageslicht, in welchem sie ihren entstalteten Zug sahen, trauriger als jeder Tod. Ob sie also gleich noch vor Nacht in Capua hätten eintreffen können, so warfen sie sich, über die Zuverlässigkeit dieser Bundesgenossen ungewiß, und weil sie die Scham nicht weiter gehen ließ, nicht weit von Capua an der Heerstraße, unter Mangel an Allem, auf den Erdboden nieder. Als dies in Capua gemeldet wurde, überwog gerechtes Mitleiden gegen Bundsgenossen den den Campanern angebornen Übermuth. Sogleich versahen sie die Consuln mit ihren Ehrenzeichen, 239 mit Ruthenbündeln und Lictoren; und schickten den Soldaten Waffen, Pferde, Kleidung und Lebensmittel reichlich; und Senat und Volk, die ihnen bei ihrem Anzuge auf Capua vor das Thor entgegengingen, leisteten ihnen, für sich und im Namen ihres Stats jede von Gastfreunden zu erwartende Gefälligkeit. Doch alle Güte der Bundsgenossen, ihr freundlicher Blick, ihre Ermunterungen, konnten ihnen keine Rede abgewinnen; selbst nicht einmal bewirken, daß sie die Augen aufschlugen und den tröstenden Freunden ins Gesicht sahen. Vielmehr war es außer ihrer Betrübniß eine sehr begreifliche Scham, welche sie alle Gespräche und Menschengesellschaft fliehen hieß. Als die jungen von AdelDer Nachsatz von diesem Postero die, quum iuvenes nobiles – – folgt, nach der langen eingeschobenen Rede, erst im folgenden Cap. mit den Worten: dicitur Ofilius Calavius etc. Das 6te Cap. darf also nicht mit einem Punkt geschlossen werden., die man ihnen von Capua mitgegeben hatte, um die Abziehenden an die Campanische Gränze zu begleiten, am folgenden Tage zurückkamen, und vor den Rath gefordert auf die Nachfrage der Bejahrteren erzählten: «Sie wären ihnen noch weit betrübter und niedergeschlagener vorgekommen; so still und beinahe stumm wären sie auf ihrem Zuge weitergegangen: der alte Römische Hochsinn sei zu Grabe getragen; sie hätten sich mit den Waffen auch den Muth nehmen lassen; sie grüßten niemand, und erwiederten keinen Gruß; vor Furcht habe kein einziger den Mund aufthun können, gleich als trügen sie noch auf ihrem Nacken das Joch, unter dem sie entlassen wären. Die Samniten hätten sich nicht bloß einen herrlichen, sondern auch einen bleibenden Sieg zu eigen gemacht: denn sie hätten nicht, wie ehemals die Gallier, Rom, sondern, was eine weit größere Kriegsthat sei, die Römische Tapferkeit, den Römischen Heldenmuth erobert;»

7. und nun nach Anhörung eines solchen Berichts alles, was Römisch hieß, von der Versammlung der treuen Bundsgenossen so gut, als aufgegeben wurde: da soll Ofilius Calavius, des Ovius Sohn, ein durch Abkunft und 240 eigne Thaten, jetzt auch durch sein Alter ehrwürdiger Mann gesagt haben: «Die Sache verhalte sich ganz anders. Dies hartnäckige Schweigen, dieser auf die Erde geheftete Blick, dies für alle Tröstung taube Ohr, und die Scham, ins Tageslicht aufzusehen, verrathe einen lastenden, aus der Tiefe der Seele sich emporarbeitenden Grimm. Entweder kenne er die Denkungsart der Römer nicht; oder jenes Schweigen werde nächstens bei den Samniten klägliches Geschrei und Seufzer wecken; und die Erinnerung an den Caudinischen Vertrag werde einst den Samniten weit schmerzhafter sein, als den Römern. Denn wo sie sich einander träfen, würden beide den ihnen eigenen Muth beweisen; allein Caudinische Pässe würden sich für die Samniten nicht allenthalben finden.»

Jetzt hatte auch über Rom die schlimme Nachricht von seiner Niederlage sich verbreitet. Hier hatte man anfangs bloß die Einschließung des Heers erfahren: dann kam die noch traurigere Botschaft von einem mehr schimpflichen Vertrage, als wirklicher Gefahr der Truppen. Auf das Gerücht von ihrer Einschließung hatte man sogleich eine Werbung vorgenommen: als man aber vernahm, daß diese schändliche Übergabe schon vor sich gegangen sei, wurden die aufgestellten Hülfsvölker wieder entlassen, und ohne allen öffentlichen Aufruf vereinigte man sich zu jedem Bekenntnisse der Trauer. Die Buden am Markte waren geschlossen; der Gerichtsstillstand erfolgte auf dem Markte von selbst, ehe er angekündigt ward; alle breite Purpurverbrämung, alle goldenen Ringe legte man ab: die Bürgerschaft war fast noch betrübter, als das Heer: sie zürnte nicht bloß auf die Feldherren, nicht bloß auf die Abschließer und Bürgen des Vertrages, sondern haßte auch die unschuldigen Soldaten, und erklärte, man müsse sie nicht wieder in die Stadt und in die Häuser einlassen.

Die Ankunft des Heers, auch Zürnenden mitleidenswerth, brach diesen Sturm der Gemüther. Nicht als in ihr Vaterland Heimkehrende, nicht als über alle Erwartung Gerettete, sondern dem Aufzuge und der Miene nach als Gefangene, spät Abends in die Stadt geschlüpft, barg sich 241 Jeder so in sein Haus, daß er es auch am nächsten und folgenden Tagen nicht wagte, sich auf dem Markte, oder sonst öffentlich sehen zu lassen. Die Consuln, in häuslicher Stille begraben, entzogen sich jeder Amtsverrichtung, außer daß sie – und auch dies wurde ihnen durch einen Senatsbefehl abgenöthigt – zur Haltung des Wahltages einen Dictator ernannten. Dieser war Quintus Fabius Ambustus; und Publius Älius Pätus sein Magister Equitum. Weil bei dieser Wahl ein Fehler begangen war, so traten an deren Stelle als Dictator Marcus Ämilius Papus, als Magister Equitum Lucius Valerius Flaccus. Aber auch diese hielten den Wahltag nicht, und weil das Volk mit allen Obrigkeiten dieses Jahres unzufrieden war, kam man wieder auf eine Zwischenregierung zurück. Zwischenkönige waren Quintus Fabius Maximus, Marcus Valerius Corvus. Dieser erklärte den Quintus Publilius Philo und den Lucius Papirius Cursor (diesen zum zweitenmale) zu Consuln, nach unläugbar einstimmiger Wahl der Bürger, weil sie für die berühmtesten Feldherren ihres Zeitalters galten.

8. Noch am Tage ihrer Wahl traten sie, dem Willen der Väter gemäß, ihr Amt an, und nachdem sie die gewöhnlichen Senatschlüsse ausgewirkt hatten, brachten sie den Caudinischen Frieden zum Vortrage. Publilius also, dem heute die Ruthenbündel gehörten, rief: «Spurius Postumius, erkläre dich!»

Er trat auf und begann, mit eben dem Blicke, mit dem er unter dem Jochgalgen durchgegangen war: «Ich bin mich dessen bewußt, ihr Consuln, daß ich, mir zum Schimpfe, nicht der Ehre wegen, zuerst aufgefordert und zu reden befehligt werde; nicht als Rathsherr, sondern als der mit der Schuld theils des unglücklichen Krieges, theils des schimpflichen Vertrages, Behaftete. Gleichwohl will ich, da ihr weder unser Verbrechen, noch unsre Bestrafung zum Vortrage gebracht habt, ohne allen Versuch einer Vertheidigung, die mir hier, vor diesen der menschlichen Schicksale und Nothfälle nicht unkundigen Männern, eben nicht schwer werden sollte, nur 242 über den Gegenstand eures Antrags mit Wenigem meine Meinung sagen. Und diese meine Meinung wird entscheiden, ob ich meiner selbst, oder eurer Legionen geschont habe, als ich diese Verbürgung – sei sie schandbar, oder nothgedrungen– auf mich nahm. Allein, da sie ohne Genehmigung des Volks geschlossen ist, so ist auch das Römische Volk nicht durch sie gehalten, und den Samniten gebührt vermöge derselben weiter nichts als unsre Person. Lasset uns durch die Bundespriester nackend und gebunden ausliefern; lasset uns das Volk von der eidlichen Verpflichtung, wenn wir ihm ja eine auferlegt haben, befreien; damit euch so wenig von Seiten der Götter als der Menschen irgend etwas hindere, den Krieg mit Gerechtigkeit und göttlichem Segen von neuem zu eröffnen. Indeß müßten die Consuln ein Heer werben, bewaffnen, ausführen, allein nicht eher in das feindliche Gebiet einrücken, als bis Alles zu unsrer Auslieferung Erforderliche in Stand gesetzt ist. Euch, ihr unsterblichen Götter, bitte ich und zu euch flehe ich; wenn es euch nicht gefällig war, daß die Consuln Spurius Postumius und Titus Veturius den Krieg gegen die Samniten mit Glück führen sollten, es dabei bewenden zu lassen, daß ihr uns unter dem Jochgalgen durchziehen sahet, uns sahet, wie wir mit einer, so berüchtigten Verbürgung belastet waren, und nun sehen sollet, wie wir nackend und gebunden den Feinden überliefert werden, und der ganzen feindlichen Rache unsre Häupter entgegenbringen. Möchtet ihr die neuen Consuln und Römischen Legionen den Krieg mit den Samniten so führen lassen, wie alle Kriege vor unserm Consulate geführt sind!»

Als er so gesprochen hatte, ergriff zugleich Bewunderung und Mitleiden gegen den Mann sie Alle in so hohem Grade, daß sie jetzt es sich kaum denken konnten, daß dies derselbe Spurius Postumius sei, der einen so schimpflichen Vertrag angenommen hatte; dann wieder es bedauerten, daß ein solcher Mann bei den Feinden, aus Rache für den aufgehobenen Vertrag, ausgesuchte Marter 243 erleiden sollte. Alle traten, nur in das Lob des Mannes einstimmend, durch schweigenden Übergang seiner Meinung bei; die BürgertribunenBei Caudium hatten sie noch im Heere gedient, und waren nach ihrer Zuhausekunft zu Bürgertribunen gewählt. Crevier. Lucius Livius und Quintus Mälius versuchten einige Einrede. Sie sagten: «Eines Theils werde das Volk durch ihre Auslieferung von der eidlichen Verpflichtung nicht befreiet, wenn nicht den Samniten Alles, wie es bei Caudium gewesen sei, wieder übergeben würde; zum Andern hätten auch sie dafür, daß sie durch Verbürgung des Vertrages dem Römischen Volke ein Heer erhalten hätten, durchaus keine Strafe verdient: und endlich, da sie unverletzlich wären, dürften sie weder den Feinden überliefert, noch gemishandelt werden.»

9. Da sprach Postumius: «So liefert inzwischen, was ihr eurem Gewissen unbeschadet thun könnt, uns Ungeweiheten aus: diese Unverletzlichen liefert ihr dann hinterher ab, sobald sie von ihrem Amte abgegangen sind; doch, wenn mein Wort gelten soll, vor ihrer Ablieferung hier auf dem Versammlungsplatze mit Ruthen gepeitscht, um ihnen so die aufgeschobene Zahlung der Strafe gleich zu verzinsen. Denn wenn sie sagen, durch unsre Ablieferung werde das Volk von der eidlichen Verpflichtung nicht entbunden, so möchte wohl niemand mit dem Rechte der Bundespriester so unbekannt sein, der nicht begriffe, daß sie dies mehr deswegen vorbringen, um nicht ausgeliefert zu werden, als weil sich die Sache wirklich so verhielte. Auch will ich nicht in Abrede sein, versammelte Väter, daß bei uns, die wir nächst den Verbindlichkeiten gegen die Götter menschliche Zusagen in Ehren halten, Verbürgungen eben so heilig sind, als geschlossene Verträge; das aber läugne ich, daß ohne Genehmigung des Volks irgend etwas zu einer Verpflichtung gemacht werden könne, durch die das Volk gebunden wäre. Wie? wenn die Samniten mit eben dem Übermuthe, mit dem sie jene Verbürgung von uns 244 erpreßten, uns gezwungen hätten, die bei der Übergabe von Städten eingeführte Formel auszusprechen, wolltet dann ihr Tribunen behaupten, daß wir das Römische Volk übergeben hätten, und daß diese Stadt, diese Tempel und Heiligthümer, und Land und Wasser den Samniten gehörten? Ich lasse den Ausdruck Übergabe fahren, weil es hier auf eine Verbürgung ankommt. Wie nun, wenn wir uns verbürgt hätten, daß das Römische Volk diese Stadt verlassen, daß es sie anzünden solle? daß es ohne Obrigkeit, ohne Senat, ohne Gesetze leben, daß es wieder unter Königen stehen solle? Behüte Gott! höre ich antworten. Allein das Empörende in der Forderung löset ja das Band der Verbürgung nie. Kann das Volk zu irgend etwas verbindlich gemacht werden, so kann es das zu Allem. Auch das verschlägt hier nichts, worauf vielleicht Mancher Rücksicht nehmen möchte, ob der Bürgende Consul war, oder Dictator, oder Prätor. So urtheilten auch die Samniten selbst, da sie, mit der Bürgschaft der Consuln nicht zufrieden, auch die Legaten, Schatzmeister und Obersten sich zu verbürgen zwangen. Auch muß mich jetzt Niemand fragen, warum ich denn diese Bürgschaft geleistet hatte, da sie doch keinem Consul zustehe, und ich keinen Frieden verbürgen könne, den ich zu geben nicht befugt sei, auch nicht in eurem Namen, da ihr mir dazu keinen Auftrag gegeben hattet. Bei Caudium, versammelte Väter, hat menschliche Leitung gerade nichts gethan. Die unsterblichen Götter nahmen euren und den feindlichen Feldherren den Verstand. Wir waren im Kriege nicht genug auf unsrer Hut; und sie verdarben sich ihren schlecht erworbenen Sieg auf eine eben so schlechte Art, da sie selbst auf die Gegend, durch die sie gesiegt hatten, nicht ohne Mistrauen blieben, und nur darauf erpicht waren, Männern, für die Waffen geboren, unter jeder Bedingung die Waffen aus den Händen zu winden. Oder machte das, wenn sie bei Verstande waren, so viele Schwierigkeit, während sie die Greise aus der Heimat zu ihren Beratschlagungen holen ließen, Gesandte nach Rom zu schicken, und mit dem 245 Senate, mit dem Volke, über Friedensschluß und Vertrag zu unterhandeln? Für Unbepackte war es eine Reise von drei Tagen. Unterdessen hätte ein Waffenstillstand Statt gehabt, bis ihnen die Gesandten entweder gewissen Sieg, oder gewissen Frieden von Rom zurückgebracht hätten. Das wäre dann eine gültige Verbürgung gewesen, in der wir uns mit Genehmigung des Volks verbürgt hätten. Allein weder ihr würdet sie haben an das Volk gelangen lassen, noch würden wir sie eingegangen sein; auch mußte der Ausgang der Sache kein andrer sein, als der, daß jene gleichsam durch einen viel zu fröhlichen Traum, als daß ihr Geist ihn hätte tragen können, umsonst geneckt wurden, und die Befreiung unseres Heeres eben so das Werk des Schicksals ward, wie seine Einschließung es gewesen war; daß ein nichtiger Sieg durch einen noch nichtigern Frieden aufgehoben, und eine Verbürgung ins Mittel treten mußte, die für niemand, als den Bürgen verbindlich war. Denn wo wären die Unterhandlungen, versammelte Väter, die man mit euch, oder mit dem Römischen Volke gepflogen hätte? Wer kann euch darauf in Anspruch nehmen? wer kann sagen, ihr hättet ihn getäuscht? Der Feind? oder der Unterthan? Dem Feinde habt ihr für Nichts gebürgt: von keinem Unterthan Bürgschaft für euch verlangt. Folglich habt ihr es weder mit uns zu thun, da ihr uns keinen Auftrag gegeben, noch mit den Samniten, da ihr mit ihnen über Nichts unterhandelt habt. Den Samniten ist niemand Bürge geworden, als wir, die wir ihnen für das, was wir dabei gethan haben, hinlänglich haften könnenStatt der Drakenborchischen Interpunction, in welcher meiner Meinung nach nicht ohne Tautologie, das am Ende folgende saeviant auf in id, quod nostrum est, und eben so auch auf das folgende in id, quod praestare possumus, corpora nostra et animos etc. bezogen werden muß, folge ich lieber der von Crevier gegebenen: Samnitibus sponsores nos sumus: rei satis locupletes in id quod nostrum est; in id quod praestare possumus, corpora nostra et animos. In haec saeviant etc., mit dem haften, was wir dagegen aufsetzen können, mit unserer Person, mit unserm Leben. Mögen diese der Gegenstand ihrer Wuth werden, gegen den sie 246 ihre Schwerter, gegen den sie ihre Rache schärfen. Was die Tribunen betrifft, so stimmet darüber, ob ihre Auslieferung gleich jetzt geschehen könne, oder ob sie auf demnächst verschoben werden müsse. Indeß wollen wir, Titus Veturius und ihr übrigen, diese unsre werthlosen Häupter zur Büßung unsrer Bürgschaft darbringen, und durch unsre Bestrafung den Römischen Waffen die Ungebundenheit wiedergeben.»

10. Die Sache selbst sowohl, als ihr Führer, bestimmte die Väter; und nicht bloß die übrigen, sondern auch die Bürgertribunen, erklärten, sie würden sich der Verfügung des Senats unterwerfen. Darauf dankten sie sogleich von ihren Ämtern ab, und wurden insgesamt den Bundespriestern zur Abführung nach Caudium übergeben. Die Abfassung dieses Senatsschlusses war für den Stat gleichsam ein Strahl des Lichts. Postumius war in Aller Munde: man erhob ihn mit Lobsprüchen zum Himmel: man setzte seine That dem Opfertode des Consuls Publius Decius und andern berühmten Thaten an die Seite. «Daß sich der Stat aus einem lastenden Friedensschlusse wieder emporhebe, sei seine Angabe, sein Werk: er selbst biete sich den Martern und dem Zorne der Feinde dar, und gebe sich zum Sühnopfer für das Römische Volk.» Nach Waffen und Krieg sich sehnend, fragten Alle: «Ob es denn nicht Einmal dazu kommen werde, daß sie sich als Bewaffnete mit den Samniten einlassen könnten?»

Da die Bürger so von Zorn und Haß entbrannt waren, so ließen sich beinahe alle freiwillig anwerben. Aus denselben Truppen wurden wieder neue Legionen aufgestellt und das Heer nach Caudium geführt. Als die voraufgegangenen Bundespriester an das Stadtthor kamen, ließen sie den Bürgen die Kleidung abziehen und die Hände auf den Rücken binden. Da der Gerichtsdiener aus Ehrfurcht für den hohen Rang des Postumius ihn nur lose band, rief dieser: «Willst du bald den Riemen anziehen, damit die Überlieferung ihre Gültigkeit habe?» Als sie darauf in die Versammlung der Samniten und vor den Richterstuhl des Pontius kamen, sprach der Bundespriester 247 Aulus Cornelius Arvina folgende Worte: «Demnach diese Leute hier ohne Geheiß des Römischen Volks der Quiriten sich verbürgt haben, daß ein Friedensvertrag geschlossen werden solle, und deswegen sich mit Schuld behaftet haben; als übergebe ich deswegen, damit das Römische Volk von diesem gottlosen Frevel entbunden sei, diese Leute hier in eure Hände.» Bei diesen Worten gab Postumius dem Bundespriester, so stark er nur konnte, mit dem Kniee einen Stoß in die Hüfte und rief laut: «Er sei jetzt Samnitischer Unterthan, und jener ein Gesandter. Er habe sich gegen das Völkerrecht an einem Bundespriester vergriffen; um so viel gerechter werde der zu führende Krieg sein»Es sei mir erlaubt, Stroths heftige Invective gegen den armen Postumius mit seinen Worten herzusetzen: Vae isti nequam! qui magnanimus dicitur. Quis eum Samnitem civem fecerat? deditum, obnoxium Samnitibus? Num haec est ista Romanorum laudata fides et probitas? Ego quidem nullum maius flagitium, nullam maiorem perfidiam inter barbaros novi. Hoc erat eludere deos, religionem ac fidem. Verissima contra sunt, quae adversus haec Pontius monet, quem postea Romani crudeliter interfecerunt. Ich möchte darauf antworten: Licet verissima sint, quae Pontius in sequentibus (Livio praeeunte) huic Postumii facto opponit, tamen de Postumio iudicanti obliviscendum non esse existimo, solam patriam eum respexisse ac ne mortis quidem instantis metu nec saeviore hostium in se ira, quam prodita per id facinus voluntate acuebat, a faciendo eo deterritum esse, quod sola et eximia illa quidem in patriam pietate ductus eo consilio perpetrabat, quo suis rem profuturam, hostibus deos iratos facturam, licet erraverit, sibi, pro sollenni (etiam scriptoribus sacris) temporum istorum de diis opinione, persuasum habebat..

11. Da sprach Pontius: «Eine solche Auslieferung nehme ich eben so wenig an, als die Samniten sie gelten lassen werden. Wenn du noch glaubst, Spurius Postumius, daß es Götter giebt, warum rufst du nicht entweder Alles wieder auf, oder hältst deine Zusage? Dem Samnitischen Volke gehören alle diejenigen, die es in seiner Gewalt hatte, oder statt ihrer der Friede. Doch warum nehme ich dich in Anspruch, der du dich als Gefangenen dem Sieger mit möglichster Treue zurückgiebst? Das Römische Volk muß ich in Anspruch nehmen. Ist ihm die bei den Caudinischen Klausen getroffene Verbürgung nicht anständig, so liefere es die Legionen in den Paß zurück, in welchem sie eingeschlossen waren. Keiner soll den Andern übervortheilt haben: wir nehmen Alles, als ungeschehen: sie erhalten die Waffen zurück, die sie vermöge des Vergleichs ablieferten, und begeben sich wieder in ihr Lager. Alles, was sie Tages zuvor hatten, ehe wir in Unterhandlung traten, sei ihnen gewährt: dann wollen wir sehen, ob Gefecht und Kraftentschlüsse in ihrem Plane liegen, ob sie Bürgschaft und Frieden zurückweisen. Ganz in derselben Lage, auf demselben Standorte wollen wir den Krieg beginnen, die wir vor Erwähnung des Friedens hatten: und das Römische Volk soll sich so wenig über die Verbürgung seiner Consuln, als wir uns über die Treulosigkeit des Römischen Volks zu beschweren haben.»

«Soll es euch denn nie an Vorwand fehlen, warum ihr als Besiegte nicht Wort haltet? Dem Porsena stelltet ihr Geisel: durch einen Schelmstreich entzoget ihr sie ihm. Den Galliern kauftet ihr euren Stat mit Golde ab: bei der Einhändigung des Goldes hiebt ihr sie nieder. «Mit uns habt ihr den Vertrag geschlossen, daß wir euch eure gefangenen Legionen wiedergeben sollten; den Vertrag ruft ihr auf, und jedesmal belegt ihr eure Unredlichkeit mit einem Scheine des Rechts. Das Römische Volk misbilligt die Rettung seiner Legionen durch einen schimpflichen Frieden? Gut; ich gebe ihm diesen Frieden zurück; nur liefere es dem Sieger die gefangenen Legionen wieder ein; das hieße doch Redlichkeit; das hieße doch, sich der Verträge, sich der feierlichen Zusagen der Bundespriester würdig benehmen. Also du nur wolltest vermöge des Vertrags in dem Besitze dessen bleiben, was du dadurch zu gewinnen suchtest; das Leben so vieler Unterthanen: ich aber soll den Frieden, den ich mir bei der Rückgabe dieserHos tibi, nicht hosti tibi. Gronov, Duker, Crevier. Leute bedang, fahren lassen? und dies wäre das Recht, welches du, Aulus Cornelius, und ihr, ihr Bundespriester, zwischen den Völkern aufstellt? Nein, ich nehme diese Leute, die ihr zum Scheine ausliefert, eben so wenig an, als ich dies für eine 249 Auslieferung erkenne: auch werde ich sie nicht abhalten, in den Stat, der durch die vor sich gegangene Bürgschaft verbindlich ward, auf den alle Götter zürnen müssen, weil er mit ihrer Gottheit ein Gespött treibt, zurückzugehen. Führet den Krieg immerhin, weil doch Spurius Postumius so eben einen Gesandten, einen Bundespriester, mit dem Kniee gestoßen hat. So einfältig werden auch die Götter sein, daß sie glauben, Postumius sei ein Samnitischer Unterthan, und kein Römischer; habe als Samnit einen Römischen Gesandten gemishandelt; und dadurch sei euer Krieg gegen uns rechtmäßig geworden. Daß ihr euch nicht schämt, mit einer solchen Verhöhnung ehrwürdiger Gegenstände an das Licht zu treten! und daß Männer von Jahren und gewesene Consuln, um der Haltung ihres Worts zu entschlüpfen, nach Winkelzügen haschen, die kaum für Knaben sich schicken! Geh hin, Lictor, nimm den Römern die Fesseln ab; und niemand wehre ihnen, zu gehen, wohin sie wollen!»

Und so kamen diese, nachdem sie das Versprechen, vielleicht auch des Stats, wenigstens doch das ihrige, gelöset hatten, von Caudium unangefochten in das Römische Lager zurück.

12. Die Samniten, die aus einem übermüthigen Frieden einen höchst erbitterten Krieg wieder hervorgehen sahen, stellten sich Alles, was nachher erfolgte, nicht bloß im Geiste vor, sondern hatten es beinahe vor Augen: und zu spät und vergebens priesen sie nun beide Vorschläge des Greises Pontius, zwischen welchen sie auf einem unglücklichen Mittelwege durchschlüpfend, den Besitz des Sieges für einen unsichern Frieden hingegeben, und nun, nachdem sie die Gelegenheit, wohlthun oder zu schaden, versäumt hätten, mit denen fechten müßten, die sie auf ewig entweder als Feinde hätten vertilgen, oder zu Freunden machen können. Ja ehe noch ein Treffen einer der Mächte ein Übergewicht gab, hatte sich seit dem Caudinischen Vertrage die Stimmung der Gemüther so geändert, daß Postumius von seiner Auslieferung bei den Römern größeren Ruhm hatte, als Pontius bei den Samniten von 250 seinem unblutigen Siege; und daß die Römer die möglichgemachte Führung des Krieges schon für gewissen Sieg ansahen; die Samniten hingegen glaubten, den Krieg erneuren und siegen sei für die Römer einerlei.

Unterdeß waren die Einwohner von Satricum zu den Samniten abgefallen, und die Pflanzstadt Fregellä durch einen Überfall der Samniten, zu denen sich auch laut sichern Nachrichten Satricaner geschlagen hatten, bei Nacht überrumpelt. Dann hielten sich beide Theile aus gegenseitiger Furcht bis zum Anbruche des Tages ruhig. Das Tageslicht eröffnete den Kampf, den die Fregellaner, ob er gleich eine Zeitlang unentschieden blieb, dennoch bestanden, theils weil sie für Altar und Herd fochten, theils weil die unkriegerische Menge von den Dächern herab sie unterstützte. Eine List brachte endlich ihre Sache zum Sinken, weil sie einen Herold zu Worte kommen ließen, welcher jedem, der die Waffen strecken würde, freien Abzug versprach. Durch diese Aussicht wurde der Muth zum Kampfe gebrochen, und hin und wieder fing man an, die Waffen wegzuwerfen. Die Beharrlicheren brachen mit den Waffen zum entgegengesetzten Thore hinaus; und ihnen gewährte ihre Kühnheit besseren Schutz, als jenen die unvorsichtige Leichtgläubigkeit ihrer Furcht. Denn diese wurden von den Samniten mit rund umher angelegtem Feuer eingeschlossen und unter vergeblichen Berufungen auf Götter und gegebenes Wort verbrannt.

Die Consuln theilten sich in die Schauplätze des Krieges: Papirius zog nach Apulien gegen Luceria, wo die Römischen Ritter, die bei Caudium gestellten Geisel, in Verwahrung waren; Publilius blieb in Samnium gegen die Legionen von Caudium stehen. Dies gab der Aufmerksamkeit der Samniten eine verschiedene Richtung: denn sie durften nicht geradezu nach Luceria gehen, wenn sie nicht den Feind im Rücken haben wollten, noch auch ihre Stellung behalten, um nicht indeß Luceria zu verlieren. Sie hielten es für das Beste, etwas zu wagen und mit dem Publilius fertig zu werden. Also stellten sie ihr Heer zur Schlacht auf.

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