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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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403 Fünftes Buch.

1. Auf allen andern Seiten war der Friede errungen: nur die Römer und Vejenter standen in den Waffen, mit so viel Erbitterung und Haß gegen einander, daß sich schon jetzt die Vertilgung der Besiegten vorhersehen ließ. Auf ihrem Wahltage schlugen beide Völker einen ganz verschiedenen Weg ein. Die Römer vermehrten die Zahl ihrer Kriegstribunen mit Consulgewalt. Es wurden acht gewählt, – so viele hatte man noch nie gehabt; – Manius Ämilius Mamercinus zum zweitenmale, Lucius Valerius Potitus zum drittenmale, Appius Claudius Crassus, Marcus Quinctilius Varus, Lucius Julius Iulus, Marcus Postumius, Marcus Furius Camillus, Marcus Postumius Albinus. Die Vejenter hingegen, der jährlichen Bewerbung müde, welche öfters Veranlassung zu Streitigkeiten gab, wählten einen König.

Dadurch beleidigten sie die Völkerschaften Hetruriens, die nicht sowohl das Königthum haßten, als den König selbst. Er hatte schon früher das Gesamtvolk seinen Reichthum und Übermuth fühlen lassen, als er die Feierlichkeit ihrer Spiele, deren Unterbrechung die Religion verbeut, eigenmächtig gestört hatte: denn als ihm die Stimmenwahl der zwölf Völkerschaften einen Andern in Besetzung eines Priesteramtes vorzog, nahm er, aus Verdruß über seine Zurücksetzung, unerwartet die Schauspieler, welche großentheils seine Leibeigenen waren, mitten aus dem Spiele weg. Das Gesamtvolk also, welches vor allen andern Völkern so viel mehr auf seine heiligen Gebräuche hielt, weil es in der Kunst, sie zu begehen, Meister war, faßte den Schluß ab, den Vejentern, so lange sie unter dem Könige standen, die Hülfe zu versagen. Zu Veji wurde das Gerücht von diesem Beschlusse aus Furcht vor dem Könige unterdrückt, weil er jeden auf die 404 Anzeige, so etwas gesagt zu haben, als Haupt einer Empörung, nicht als Nachsager eines unbedeutenden Geschwätzes, angesehen haben würde. Die Römer erfuhren zwar, daß in Hetrurien Alles ruhig bliebe; weil es indessen hieß, man berathe sich über diesen Gegenstand in jeder Versammlung, so legten sie ihre Verschanzungen so an, daß sie auf zwei Seiten Bollwerke hatten; die Einen der Stadt zugekehrt und gegen die Ausfälle der Belagerten; die Andern, gegen Hetrurien zu, machten eine Linie zum Empfange jedes Entsatzes, der von dort heranziehen könnte.

2. Da sich die Römischen Feldherren mehr von einer Einschließung, als von der Bestürmung versprachen, so wurden, für den Römischen Soldaten etwas ganz Neues, Winterhütten angelegt, um den Krieg in einem Winterfeldzuge fortzusetzen. Kaum erfuhren dies zu Rom die Bürgertribunen, die schon lange keinen Vorwand zu neuen Unruhen fanden, als sie in die Versammlung stürzten und die Bürger in Bewegung setzten, indem sie ihnen vorstellten: «Das sei nun die Frucht davon, daß man dem Krieger einen Sold festgesetzt habe. Sie hätten es vorhergesehen, daß dies Geschenk aus feindlichen Händen in Gift getaucht sein würde. Die Freiheit des Bürgerstandes sei verkauft. Die Mannschaft, auf ewig entfernt, und von der Stadt und öffentlichen Verhandlungen verwiesen, dürfe sich jetzt nicht einmal vor dem Winter oder vor der Jahrszeit bergen, und ihre Häuser und Habe wiedersehen. Was für eine Absicht sie in der Verlängerung des Kriegsdienstes zu entdecken glaubten? Sie würden sicher keine andre finden, als die, nur ihre Vortheile nicht bei der Vollzahl der jungen Männer, auf denen die ganze Stärke des Bürgerstandes beruhe, zur Sprache kommen zu lassen. Außerdem würden diese gequält und weit härter gedrückt, als die Vejenter: denn diese brächten doch den Winter in ihren Häusern zu, während vortreffliche Mauern und natürliche Lage ihrer Stadt ihnen Sicherheit gäben; der Römische Soldat hingegen müsse bei Arbeit und Mühseligkeit, in Schnee und Reif vergraben, unter Fellen ausdauern, ohne einmal während des Winters, wenn alle 405 Land- und Seekriege ruheten, die Waffen abzulegen. So weit hätten weder die Könige, noch jene vor Einführung der tribunicischen Gewalt so übermüthigen Consuln, noch das furchtbare Machtgebot eines Dictators, so weit hätten die frechen Decemvirn die Sklaverei nicht getrieben, daß sie einen ewigen Kriegsdienst eingeführt hätten, eine Tyrannei, welche bloße Kriegstribunen gegen den Römischen Bürgerstand ausübten. Wie die als Consuln oder Dictatoren verfahren würden, die sich unter dem Schattenbilde einer consularischen Stellvertretung so viele Härte und Grausamkeit erlaubt hätten? Allein dem Volke geschehe hierin gerade Recht. Denn nicht einmal unter acht Kriegstribunen habe ein einziger Bürgerlicher sein Plätzchen gefunden. Vorher hätten die Patricier alle Kräfte aufbieten müssen, nur die gewöhnlichen drei Stellen zu besetzen. Jetzt aber rennten sie schon als ein achtspänniger Zug in die zu besetzenden Statsämter, und in einem solchen Schwarme finde sich nicht einmal als Anhang ein einziger Bürgerlicher, der, wenn er auch zu nichts weiter tauge, doch seine Amtsgenossen erinnern könne, daß ihre Soldaten freie Männer und Mitbürger, nicht aber Sklaven, wären, daß man sie zum wenigsten im Winter unter Dach und Fach zurückbringen und ihnen doch Eine Zeit im Jahre gestatten müsse, Ältern, Kinder und Gattinnen wiederzusehen, ihre Freiheit zu genießen und Obrigkeiten zu wählen.»

Mit diesen und ähnlichen ungestümen Äußerungen trafen sie auf einen Gegner, der ihnen gewachsen war, den von seinen Amtsgenossen zur Dämpfung tribunicischer Unruhen zurückgelassenen Appius Claudius, einen Mann, dem die Lust zum Kampfe mit den Bürgerlichen in früher Jugend eingeflößt war, der vor mehrern Jahren, wie ich angeführt habeVor zwölf Jahren. S. Buch IV. Cap. 48. , den Rath gab, die tribunicische Gewalt durch die Einsage ihrer eignen Mitglieder zu entkräften.

3. Jetzt hielt er, nicht bloß als der fähige Kopf, sondern auch als der geübte Gegner, folgende Rede. «Hat es 406 je darüber Zweifel gegeben, ihr Quiriten, ob die Bürgertribunen eures oder ihres eignen Vortheils wegen die beständigen Stifter der Unruhen waren, so weiß ich gewiß, daß dies seit diesem Jahre nicht länger zweifelhaft sein kann. Ich freue mich allerdings, daß endlich einmal eurem langen Irrthume ein Ziel gesetzt ist; vorzüglich aber wünsche ich euch, und eurer wegen dem State Glück, daß ihr gerade unter begünstigenden Umständen diesen Irrthum getilgt sehet. Sollte es einen Menschen geben, dem es zweifelhaft sein könnte, ob die Bürgertribunen je über euch zugefügte Beleidigungen, wenn es deren einst gegeben hat, so erbittert und aufgebracht gewesen sind, als über die dem Bürgerstande von den Vätern erzeigte Wohlthat, da sie den Kriegern einen Sold festsetzten? Was glaubt ihr, was sonst haben sie damals gefürchtet, was sonst möchten sie heute lieber stören, als die Eintracht der Stände, die sie für das wirksamste Mittel halten, ihre tribunicische Gewalt unkräftig zu machen? So suchen sie wahrlich, als unredliche Handwerker, sich nur immer zu thun zu machen; wünschen immer am State etwas schadhaft zu finden, damit es nie an Etwas fehle, zu dessen Heilung sie von euch gezogen werden müßten, Denn sagt, ihr Tribunen; vertheidigt oder bestreitet ihr den Bürgerstand? seid ihr die Gegner der im Felde stehenden, oder führt ihr ihre Sache? Es müßte denn sein, daß ihr sagtet: Die Väter mögen thun, was sie wollen, so hat es unser Misfallen; mag es zum Besten des Bürgerstandes, oder zu seinem Nachtheile sein. «Und so wie ein Hausherr seinen Sklaven gebietet, mit andern Leuten kein Verkehr zu haben, und von diesen billig verlangt, daß sie jenen weder Gutes noch Leides thun sollen; so untersagt ihr den Vätern alle Annäherung zum Bürgerstande: wir sollen ihn weder durch Güte und Freigebigkeit von unserer Seite auffordern, noch der Bürgerstand uns Folgsamkeit und Gehorsam beweisen. Ich bitte euch, wäre es nicht weit eher eure Pflicht – wenn nämlich bei euch noch das Mindeste, ich will nicht sagen, von Bürgersinn, sondern von Menschlichkeit, zu 407 finden wäre, – dieser Milde der Väter und dieser Gefälligkeit der Bürger euch zu freuen und sie nach euren besten Kräften zu befördern? Denn wer würde sich, wenn diese Eintracht dauernd wäre, nicht dreist dafür verbürgen, daß unser Stat in Kurzem unter allen benachbarten der größte werden müsse?»

4. «Wie nützlich nun nicht allein, sondern auch wie nothwendig die Maßregel meiner Amtsgenossen war, welche sie bestimmete, das Heer nicht unverrichteter Sache von Veji abzuführen, werde ich nachher aus einander setzen: jetzt will ich von der Lage der Dienenden selbst reden, Und ich glaube, wenn diese Rede nicht bloß vor euch, sondern sogar im Lager gehalten würde, sie müßte selbst nach dem Ausspruche des Heeres als wahr anerkannt werden können: und fände ich bei meinem Vortrage nicht in mir selbst, was ich sagen sollte, so brauchte ich mich nur an das zu halten, was meine Gegner vorgebracht haben. Sie sagten neulich, den Kriegern müsse kein Sold gegeben werden, weil er ihnen nie gegeben sei. Wie können sie nun darüber unwillig sein, daß denen, die einen neuen Zuwachs an Vortheilen bekommen, auch eine neue verhältnißmäßige Arbeit auferlegt wird? Es giebt nirgend Mühe ohne Ertrag, und eben so nicht leicht Ertrag ohne aufgewandte Mühe. Arbeit und Vergnügen, ihrer Natur nach mit einander im Widerspruche, sind durch ein gewisses natürliches Band wieder an einander geknüpft. Vorher fand es der Soldat lästig, mit eignem Aufwande dem State Dienste zu thun: aber dafür hatte er die Freude, einen Theil des Jahrs über, sein Land bestellen und sich Etwas erwerben zu können, wovon er zu Hause und im Felde sich und die Seinen erhalten konnte. Jetzt ist es ihm willkommen, vom State einen Erwerb zu haben, und freudig nimmt er seinen Sold in Empfang. So muß er es sich auch willig gefallen lassen, von seiner Heimat, von seinem Hauswesen, dem jetzt die Kosten nicht zur Last fallen, etwas länger entfernt zu sein. Sollte nicht der Stat, wenn er ihn zur Gegenrechnung aufforderte, mit Recht sagen können: Du 408 bekommst jährigen Sold; leiste jährigen Dienst. Oder findest du es billig, für halbjährigen Dienst, den vollen Sold hinzunehmen? Ungern verweile ich bei diesem Theile meiner Rede, ihr Quiriten; denn so müssen diejenigen handeln, welche Miethsoldaten halten: wir aber möchten gern wie zu unsern Mitbürgern reden, und finden es billig, daß man mit uns als mit dem Vaterlande spreche. Entweder mußten wir den Krieg nicht anfangen, oder er muß der Würde des Römischen Volks gemäß geführt und möglichst bald geendet werden. Er wird aber geendet werden, wenn wir den Belagerten zusetzen; wenn wir nicht eher abziehen, bis wir unsre Hoffnung durch die Eroberung von Veji gekrönt sehen. Bei Gott! wenn auch weiter nichts, so muß uns schon die Scham Beharrlichkeit auferlegen. Zehn Jahre lang belagerte einst das gesamte Griechenland eine Stadt, eines einzigen Weibes wegen: in welcher Entfernung von der Heimat! durch wie viele Länder und Meere geschieden! Und wir fänden es schon unbequem, diesseit des zwanzigsten Meilensteins, beinahe im Angesichte unsrer Vaterstadt eine Belagerung nur Ein Jahr fortzusetzen? Etwa, weil die Ursache zum Kriege nicht erheblich genug ist? und wir nicht den mindesten gerechten Schmerz empfinden, der unsre Beharrlichkeit spornen könnte? Siebenmal haben sie den Frieden gebrochen: nie haben sie ihn so gehalten, daß wir ihnen trauen konnten: tausendmal haben sie unser Land verheert, die Fidenaten zum Abfalle von uns gezwungen, unsre dortigen Anbauer erschlagen: sie waren es, die gegen alles Völkerrecht die frevelhafte Ermordung unsrer Gesandten anstifteten: schon längst war es ihre Absicht, ganz Hetrurien gegen uns in die Waffen zu bringen, und noch jetzt arbeiten sie daran. Wie viel fehlte noch, daß sie sich an unsern Genugthuung fordernden Gesandten vergriffen hätten?»

5. «Und mit einem solchen Volke sollen wir schonend und aufschubsweise Krieg führen? Wenn ein so gerechter Haß nichts über uns vermag; ich bitte euch, vermögen denn auch folgende Gründe nichts? Die Stadt 409 ist mit ungeheuren Werken umschanzt, durch welche der Feind in seine Mauern eingeschlossen ist. Sein Land hat er nicht bestellt; und was bestellt war, ist durch den Krieg verwüstet. Ziehen wir nun unser Heer zurück, wer kann denn noch daran zweifeln, daß jene nicht bloß auf Rachsucht, sondern durch die Noth gezwungen, auf fremdem Boden zu plündern, weil sie das Ihrige eingebüßt haben, in unser Land einfallen werden? Folglich wird der Krieg durch diese Maßregel nicht etwa verschoben, sondern wir nehmen ihn in unsre Gränzen auf.»

«Wie aber? – und dies betrifft eigentlich die Soldaten selbst, für deren Bestes die gutherzigen Bürgertribunen, die ihnen neulich den Sold aus den Händen winden wollten, jetzt auf einmal so besorgt sind – wie steht es um diese? Sie haben ihren Wall und Graben, beides Werke von ungeheurer Arbeit, in einer so weiten Ausdehnung vollendet; haben Schanzen, anfangs in geringerer Anzahl, dann, nach Vermehrung des Heers, in Menge angelegt; haben ihren Werken eine Stirn nicht bloß gegen die Stadt gegeben, sondern auch nach Hetrurien hin, wenn etwa von dort ein Entsatz kommen sollte. Soll ich der Thürme, der Annäherungshütten, Sturmdächer und der übrigen bei einer Belagerung nöthigen Anstalten erwähnen? Da sie so viele Arbeit überstanden haben, und nun endlich zur Vollendung des Werks gediehen sind, was meint ihr? so sollten sie nun das Alles liegen lassen, um gegen den Sommer auf die von vorne beginnende Anlage neuen Schweiß zu wenden? Wie weit weniger kostet es doch, die angelegten Werke zu behaupten, darin fortzufahren, zu beharren und was man zu thun hat, abzuthun? Und wirklich ist es bald gethan, wenn es nur in Einem Gange fortgeht, und wir nicht durch Unterbrechungen und Zwischenzeiten unsre Hoffnung selbst verzögern.»

«Doch ich rede hier von der Arbeit? vom Zeitverluste? Wie aber? gestatten uns denn die wiederholten Zusammenkünfte Hetruriens, die den Entsatz von Veji zum Zwecke haben, die Gefahr zu vergessen, der wir uns 410 durch Verlängerung des Krieges aussetzen? Wie jetzt die Sachen stehen, sind die Hetrusker gegen sie voll Zorn und Haß, schlagen ihnen alle Hülfsendung ab, und wenn es auf sie ankommt, mögen wir Veji erobern. Wer steht uns aber dafür, daß sie späterhin, wenn wir den Krieg aufschieben, eben so gesinnet sein werden; da vielleicht, wenn wir ihnen eine Zwischenzeit gönnen, größere und wiederholte Gesandschaften hingehen? da vielleicht der zu Veji angestellte König, woran sich jetzt die Hetrusker stoßen, nach einiger Zeit abgeschafft werden kann, entweder nach dem Gemeinwillen des Volks, um dadurch die Hetrusker wieder zu gewinnen, oder nach des Königs eignem Entschlusse, wenn er nicht will, daß die Rettung seiner Mitbürger durch sein Königthum gehindert werde?»

«Sehet, wie mancherlei und wie schädliche Folgen aus dieser Maßregel entspringen; der Verlust aller so mühsam angelegten Werke; zu erwartende Verheerung unsres Landes, und statt des Vejentischen ein Hetruskerkrieg. Dies, ihr Tribunen, sind eure Anschläge: wahrhaftig gerade so, als wenn man einem Kranken, der sogleich genesen könnte, wenn er sich mit einiger Standhaftigkeit behandeln ließe, nur für dasmal eine Speise, einen Trunk bewilligen wollte, durch deren Genuß die Krankheit langwierig und vielleicht unheilbar würde.»

6. «Wenn es aber auch auf diesen Krieg nicht den mindesten Bezug hätte, so ist es doch, bei Gott! für die Kriegszucht von höchst wichtigem Einflusse, daß unser Soldat gewöhnt werde, nicht bloß den Sieg, der ihm entgegenkommt, sich gefallen zu lassen, sondern auch bei einem zögernden Gange der Dinge nicht zu ermüden, bei, noch so entfernter Aussicht das Ende zu erwarten, und sollte ein Krieg nicht gleich im Sommer geendigt sein, den Winter kommen zu lassen; nicht aber, wie die Sommervögel, sich schon im Herbste nach der Heimat und dem Rückzuge umzusehen. Ich bitte euch! die Neigung zur Jagd, und sein Vergnügen daran, treibt so Manchen durch Schnee und Reif in die Gebirge und Wälder: und 411 wir wollten bei dem Nothzwange des Krieges nicht die Standhaftigkeit zeigen, die eine bloße Lustbarkeit, ein Vergnügen so oft uns abgewinnt? Glauben wir denn, daß der Körper unsrer Soldaten so verzärtelt, ihr Muth so erschlafft sei, daß sie nicht Einen Winter im Lager ausdauern und von Haus entfernt sein können? daß sie, nicht anders, als hätten sie einen Seekrieg mit Benutzung des Wetters und Beachtung der Jahrszeit zu führen, weder Hitze noch Kälte ertragen könnten? Gewiß, erröthen würden sie, wenn ihnen jemand so etwas vorwürfe, und darauf bestehen, daß es ihrem Muthe und Körper noch nie an männlicher Ausdauer gefehlt habe; daß sie im Winter so gut, als im Sommer Kriege führen könnten; den Tribunen nicht aufgetragen hätten, Weichlichkeit und Trägheit in Schutz zu nehmen, und gerade durch dies tribunicische Amt daran erinnert würden, daß auch dieses ihre Vorfahren nicht im Zimmer, nicht unter einem Dache erworben hätten.»

«So ist es der Tapferkeit eurer Krieger, so dem Römischen Namen anständig, daß wir nicht bloß Veji und den gegenwärtigen Krieg vor Augen haben, sondern uns auch für andre Kriege und bei andern Völkern auf die Zukunft einen Ruf erwerben. Oder glaubt ihr, daß die daraus erwachsende Meinung von uns so unbedeutend sei? «Wollt ihr etwa lieber, daß die Nachbarn in uns Römern ein Volk sehen, von dem auch nicht einmal eine Stadt etwas Weiteres zu fürchten habe, sobald sie nur den ersten schnell vorübergehenden Angriff abgeschlagen hat? oder soll der Schrecken unsres Namens darin bestehen, daß kein Überdruß einer langwierigen Bestürmung, keine Strenge des Winters ein Römisches Heer von einer einmal umschlossenen Stadt verscheuchen kann; daß es keinen andern Ausgang des Krieges kennt, als den Sieg, und in seinen Kriegen nicht bloß den muthigen Angriff, sondern auch Beharrlichkeit zeigt, die freilich in jeder Art des Kriegsdienstes, hauptsächlich aber bei Belagerungen nothwendig ist, da die meisten Städte, wären sie auch durch Werke und natürliche Lage unüberwindlich, die 412 bloße Zeit durch Hunger und Durst besiegt und erobert; so wie sie auch Veji erobern wird, wenn nicht die Bürgertribunen den Feinden Hülfe leisten, und die Vejenter Beistand in Rom finden, um den sie sich in Hetrurien vergeblich bemühen. Was könnte wohl den Vejentern erwünschter kommen, als eine allgemeine Empörung, zuerst in Rom, und dann, wie durch Ansteckung, auch im Lager? Dahingegen ist wahrhaftig das Betragen der Feinde so löblich, daß bei ihnen kein Überdruß der Belagerung, selbst nicht des Königthums, die mindesten Unruhen veranlasset, nicht die Versagung Hetruskischer Hülfe sie schwierig macht. Jeder Stifter eines Aufruhrs muß dort auf der Stelle sterben, und auch nicht Einer darf sich erlauben, das zu sagen, was bei euch ungestraft ein Jeder sagt. Wenn unser Soldat der Fahne entläuft, oder seinen Posten verläßt, so erwartet ihn die Strafe des Todtprügelns. Aber Leuten, die nicht etwa einen oder den andern Krieger, sondern ganze Heere auffordern, den Fahnen zu entlaufen und das Lager zu verlassen, hört man öffentlich in der Versammlung zu. So sehr seid ihr schon gewohnt, Alles, was ein Bürgertribun spricht, und würde Landesverrath und Auflösung des States dadurch bewirkt, mit Beifall anzuhören, und von den Reizen dieses Amtes bezaubert, lasset ihr jeden Frevel sich hinter ihm verstecken. Es fehlt weiter nichts, als daß sie eben dies, womit sie hier so laut sind, im Lager und bei den Soldaten vortragen, unsre Heere verführen und ihnen den Gehorsam gegen die Feldherren untersagen; weil das nun einmal in Rom Freiheit heißt, Senat, Obrigkeiten, Gesetze, Gebräuche unsrer Vorfahren, Einrichtungen unsrer Väter und Kriegszucht nicht weiter achten.»

7. Schon war Appius selbst in den Volksversammlungen den Bürgertribunen gewachsen, als ihm plötzlich ein Vorfall, von dem man es am wenigsten erwartet hätte, eine vor Veji erlittene Niederlage, in seiner Sache das Übergewicht gab, bei den Ständen eine größere Einigkeit, und den Eifer weckte, Veji so viel hartnäckiger zu belagern. Denn als der Belagerungswall bis an die Stadt 413 vorgerückt war und die Annäherungshütten sich beinahe schon an die Mauer lehnten, öffnete sich bei Nacht, als man die Werke nicht mit der Sorgfalt bewachte, mit der man sie bei Tage förderte, plötzlich ein Thor; eine zahlreiche Menge, größtentheils mit Fackeln bewaffnet, ließ allenthalben Feuer regnen, und in einer unglücklichen Stunde verschlang die Feuersbrunst den Belagerungsbau und die Annäherungshütten, das Werk einer so langen Zeit; und eine Menge Menschen, die umsonst zu retten suchten, fraß das Schwert, oder das Feuer.

Wie diese Nachricht in Rom ankam, erregte sie Trauer bei Allen, bei dem Senate Besorgniß und Furcht, daß vollends nunmehr der Aufruhr sich weder in der Stadt, noch im Lager, werde zurückhalten lassen, und daß die Tribunen dem State als Sieger mitspielen würden; als unerwartet diejenigen, denen bei ihrem Rittervermögen kein Pferd vom State angewiesen war, vor dem Senate erschienen, und auf erhaltene Erlaubniß zu reden, sich erboten, sie wollten den Dienst auf eignen Pferden thun. Auf das ehrenvolleste stattete ihnen der Senat seinen Dank ab: das Gerücht drang auf den Markt und durch die Stadt, und plötzlich sammelte sich vor dem Rathhause eine Menge Bürger. «Nun sei die Reihe,»Ich lese mit Cuper, Duker und Stroth: Pedestris ordinis, aiunt, nunc esse, operam rei p. cet. Dann fällt das unnütze se, hinter ordinis, weg und geht ein weit passenderer Sinn hervor. sagten sie, «an dem Stande, der zu Fuß diene, dem State einen außerordentlichen Dienst anzutragen; man möge sie nun vor Veji, oder sonst wohin führen. Wenn man sie nach Veji führte, so wollten sie nicht zurückkommen, bis sie die feindliche Stadt erobert hätten.»

Da konnte man sich im vollen Ausbruche der Freude kaum mäßigen. Man gab nicht etwa, wie bei den Rittern, den obrigkeitlichen Personen den Auftrag, ihnen zu danken; auch wurden sie ebenso wenig in das Rathhaus gerufen, um eine Antwort zu empfangen, als sich der Senat selbst durch die Schwelle des Rathhauses beschränken ließ; sondern von oben herab gab jeder mit Hand und Mund der 414 auf dem Platze stehenden Menge die allgemeine Freude zu erkennen. «Rom,» sagten sie, «sei bei einer solchen Eintracht glücklich, unüberwindlich, ewig.» Sie priesen die Ritter, priesen die Bürger, erhoben selbst den Tag mit Lobpreisungen; gestanden, man habe es der Güte und Wohlthätigkeit des Senats noch zuvorgethan. Vätern und Bürgern rannen Freudenthränen um die Wette, bis die Väter ins Rathhaus zurückgerufen und folgender Senatsschluß ausgefertigt wurde: «Die Kriegstribunen sollten sowohl denen, die zu Fuß, als denen, die zu Pferde dienten, vor einer berufenen Versammlung Dank abstatten, und sie versichern, daß der Senat ihrer Liebe zum Vaterlande eingedenk sein werde. Es solle aber Allen dieser außerordentliche Dienst, wozu sie sich freiwillig erboten hätten, in der Zahl ihrer Dienstjahre angerechnet werden.» Auch den Rittern wurde eine Zahl der Soldjahre festgesetzt. Dies war das erstemal, daß Ritter für Sold auf eignen PferdenAuch in dieser Zeile folge ich dem von Stroth eingeschalteten suis so wie in der vorigen seiner Erklärung. dienten.

Dies vor Veji geführte Heer von Freiwilligen stellte nicht allein die verlornen Werke wieder her, sondern legte auch neue an. Und von Rom aus besorgte man ihm die Zufuhr viel angelegentlicher, als vorher, um es einem so wohlverdienten Heere in keinem Stücke an dem Erforderlichen fehlen zu lassen.

8. Das folgende Jahr hatte zu Kriegstribunen mit consularischer Macht den Cajus Servilius Ahala zum drittenmale, den Quintus Servilius, Lucius Virginius, Quintus Sulpicius, Aulus Manlius zum zweitenmale, Manius Sergius zum zweitenmale. Indeß unter ihrem Tribunate jedermann seine Sorge auf den Vejentischen Krieg richtete, wurden zu Anxur, wo man die Soldaten zu sorglos beurlaubt und Volskische Kaufleute ohne Unterschied aufgenommen hatte, die verrathenen Thorwachen plötzlich überfallen und die Besatzung überrumpelt. Der Soldaten fielen nur wenige, weil alle, bis auf die Kranken, nach 415 Marketender Art in den Dörfern und benachbarten Städten ihrem Handel nachgingen.

Nicht besser ging es bei Veji, welches damals der Hauptgegenstand aller öffentlichen Sorgen war. Denn theils hegten die Römischen Feldherren mehr Haß gegen einander, als Muth gegen die Feinde: theils vergrößerte sich der Krieg durch die unvermuthete Ankunft der Capenaten und Falisker. Diese beiden Völkerschaften Hetruriens, die sich nach der Eroberung von Veji, weil sie ihrer Lage nach zunächst auf jenes folgten, auch zunächst einem Römischen Kriege ausgesetzt sahen; ja die Falisker noch insbesondere dadurch in Gefahr, daß sie sich schon früher in den Fidenatischen Krieg gemischt hatten; verbanden sich durch gegenseitige Gesandschaften eidlich, und rückten unvermuthet mit ihren Heeren vor Veji.

Sie griffen das Lager gerade auf der Seite an, wo der Kriegstribun Manius Sergius den Oberbefehl hatte; und setzten Alles in Schrecken, weil die Römer glaubten, ganz Hetrurien aus seinen Sitzen emporgehoben, falle mit Riesenmacht über sie her. Eben diese Meinung setzte in der Stadt die Vejenter in Bewegung. So wurde das Römische Lager von zwei Seiten bestürmt, und die Römer konnten bei dem Hin- und Herlaufen – denn sie wandten ihre Waffen bald hier- bald dorthin – weder die Vejenter mit Nachdruck in ihre Mauern zurückweisen, noch den Sturm auf ihre eignen Werke abschlagen und sich gegen den äußeren Feind vertheidigen. Ihre einzige Hoffnung war, wenn man ihnen aus dem größeren Lager zu Hülfe käme, so daß die Legionen in entgegengesetzter Richtung, die einen gegen die Capenaten und Falisker föchten, die andern gegen den Ausfall der Belagerten. Allein in jenem Lager war Virginius Befehlshaber, und zwischen ihm und Sergius herrschte aus besondern Rücksichten gegenseitige Feindschaft. Als er die Nachricht erhielt, daß die Schanzen fast alle bestürmt, die Werke erstiegen würden, und der Feind von beiden Seiten eindringe, ließ er seine Leute unter den Waffen stehen bleiben, mit der Äußerung: «Wenn Hülfe nöthig sein sollte, würde sein Amtsgenoß es 416 ihn wissen lassen.» So wie er begrüßt sein wollte, so war jener hartnäckig genug, ehe er seinen Feind um Hülfe anspräche, sich lieber von den Feinden besiegen zu lassen, als durch seinen Mitbürger zu siegen. Das Gemetzel der in die Mitte genommenen dauerte lange. Endlich flohen sie, mit Hinterlassung ihrer Werke, in geringer Anzahl dem größern Lager zu, die meisten aber und Sergius selbst nach Rom; und da er hier alle Schuld auf seinen Amtsgenossen schob, beschloß man, den Virginius aus dem Lager abzurufen und dies so lange den Unterfeldherren anzuvertrauen. Nun wurde die Sache im Senate vorgenommen, und die Amtsgenossen wetteiferten gegen einander in Schmähungen. Nur Wenige stimmten für das allgemeine Beste; sondern, je nachdem jeden Privatgunst oder Einfluß in Beschlag genommen hatte, dieser für den Einen und jener für den Andern.

9. Die Vornehmsten der Väter erklärten sich endlich: «Diese so schimpfliche Niederlage möchte nun der Schuld der Feldherren beizumessen sein, oder ihrem Mangel an Glück, so müsse man die gesetzmäßige Zeit der Wahl nicht abwarten, sondern sogleich neue Kriegstribunen wählen, welche mit dem ersten October antreten sollten.» Da die Senatoren zu dieser Meinung übertraten, so hatten die übrigen Kriegstribunen nichts dagegen. Aber Sergius und Virginius, um derentwillen der Senat unläugbar mit den diesjährigen Tribunen unzufrieden war, verbaten sich zuerst die Beschimpfung, dann legten sie gegen den Senatsschluß eine Verwahrung ein und erklärten, sie würden vor dem dreizehnten December, dem zur Übernahme der Ämter bestimmten Tage, ihre Stelle nicht niederlegen.

Jetzt wurden die Bürgertribunen, die bei der allgemeinen Eintracht und glücklichen Ruhe des Stats ungern geschwiegen hatten, auf einmal begeistert, und droheten den Tribunen, wofern sie sich nicht dem Gutachten des Senats fügten, sie ins Gefängniß führen zu lassen. Da sprach Cajus Servilius Ahala, der Kriegstribun:

«Was euch betrifft, ihr Bürgertribunen, und eure Drohungen, so hätte ich in der That wohl Lust, den 417 Versuch zu machen, ob es um euer Recht zum Drohen nicht eben so schlecht stehen möchte, als um euren Muth. Allein es ist unerlaubt, sich dem Gutachten des Senats zu widersetzen. Gebt also den Plan auf, in unsern Streitigkeiten Gelegenheit zu Beleidigungen zu suchen; und was meine Amtsgenossen betrifft, so werden sie entweder thun, was der Senat für gut findet, oder ich werde sogleich einen Dictator ernennen, der sie zur Niederlegung ihres Amtes zwingen soll.»

Da diese Rede allgemeinen Beifall fand, und die Väter erfreut waren, daß sich, ohne von den niedrigen Drohungen der Bürgertribunen Gebrauch zu machen, ein kräftigeres Mittel, Beamtete zu zügeln, gefunden habe; so schritten die einmüthig Überstimmten zur Wahl von Kriegstribunen, welche auf den ersten October das Amt antreten sollten, und legten ihr eignes vorher nieder.

10. Als Lucius Valerius Potitus zum vierten-, Marcus Furius Camillus zum zweiten-, Manius Ämilius Mamercinus zum dritten-, Cneus Cornelius Cossus zum zweitenmale, Cäso Fabius Ambustus und Lucius Julius Iulus Kriegstribunen mit Consulgewalt waren, begab sich vieles zu Hause und im Felde. Theils hatte man vielfachen Krieg, zu gleicher Zeit bei Veji, bei Capena, bei Falerii, und um den Feinden Anxur wieder abzunehmen, auch im Volskischen: theils hatte man in Rom Noth mit der Werbung sowohl, als mit Aufbringung der Steuer: theils gab es einen Streit über die Nachwahl einiger Bürgertribunen, theils verursachte die gerichtliche Anklage der Beiden, welche kurz vorher noch in consularischem Amte gewesen waren, keine geringe Bewegung.

Die Kriegstribunen ließen es gleich ihr Erstes sein, eine Werbung anzustellen: und nicht bloß die Dienstpflichtigen wurden ausgehoben, sondern auch die älteren gezwungen, sich, zum Wachendienste in der Stadt, aufzeichnen zu lassen. Je mehr man nun die Zahl der Soldaten vergrößerte, desto mehr Geld hatte man zum Solde nöthig: und dies mußte durch die Steuer aufgebracht werden, welche die zu Hause bleibenden ungern entrichteten, weil sie 418 bei ihren Stadtwachen doch auch Soldatenarbeit verrichteten und im Dienste des States standen. War die Sache an sich schon drückend, so gaben ihr die Bürgertribunen dadurch einen noch ärgerlicheren Schein, daß sie in empörenden Reden die Beschuldigung vorbrachten: «Gerade dazu habe man den Kriegern einen Sold festgesetzt, um den einen Theil des Bürgerstandes im Dienste, den andern durch die Auflage zu Grunde zu richten. Einen einzigen Krieg schleppe man schon ins dritte Jahr hinüber und führe ihn geflissentlich schlecht, um ihn desto länger zu führen. Dann habe man in Einer Werbung zu vier Kriegen Heere aufgeboten, und Knaben sogar und Greise ausgehoben. Schon mache man zwischen Sommer und Winter keinen Unterschied mehr, um den geplagten Bürgern nie einige Ruhe zu gestatten, die man nun noch zu guter Letzt steuerpflichtig gemacht habe, um sie, wenn sie nun ihren durch Arbeit, Wunden und zuletzt vom Alter geschwächten Körper zurückbrächten, und zu Hause wegen des lange entbehrten Oberhaupts Alles schlecht bestellt fänden, dann noch von diesem zerrütteten Vermögen die Steuer zahlen, und den Sold, als hätten sie ihn um Zinsen empfangen, dem State vielfach erstatten zu lassen.»

Während man mit der Werbung, Aufbringung der Steuer und der Besorgung wichtigerer Angelegenheit beschäftigt war, traf es sich, daß man bei einer neuen Wahl den Bürgertribunen nicht die Vollzähligkeit geben konnte: dann stritt man darüber, daß für die leeren Plätze Patricier nachgewählt werden sollten. Als dies nicht durchging, brachte man, um doch das TrebonischeMan vergleiche Buch III. Cap. 65. bald nach dem Anfange mit Cap. 64 gegen das Ende. Gesetz zu entkräften, es dahin, daß aus dem Bürgerstande, unstreitig durch Einwirkung der Patricier, Cajus Lacerius und Marcus Acutius zu Tribunen nachgewählt wurden.

11. Es traf sich, daß in diesem Jahre Cneus Trebonius Bürgertribun war, der die Aufrechthaltung des Trebonischen Gesetzes seinem Namen und Geschlechte 419 schuldig zu sein glaubte. Unter lauten Klagen darüber, «Daß den Vorsatz einiger Väter, ob diese gleich mit dem ersten Versuche gescheitert wären, die Kriegstribunen dennoch durchgefochten hätten; daß man das Trebonische Gesetz umgestoßen, und Bürgertribunen nicht durch die Summen des Volks, sondern auf patricisches Machtgebot nachgewählt habe; daß es so weit gediehen sei, daß man entweder Patricier oder doch Anhänger der Patricier zu Bürgertribunen haben müsse; endlich daß die beschwornen Gesetze dem Volke entrissen, das Tribunenamt ihm entwunden würde» – suchte er zu erhärten, daß an dem Allen die List der Patricier, und die Bosheit und Verrätherei seiner Amtsgenossen Schuld sei.

Da nun nicht bloß die Väter, sondern auch die Bürgertribunen, die Nachgewählten sowohl, als die Nachwähler, allen Haß auf sich fallen sahen, so machten sich drei von den Tribunen, Publius Curiatius, Marcus Metilius und Marcus Minucius, um sich selbst aus der Verlegenheit zu helfen, an den Sergius und Virginius, diese Kriegstribunen des vorigen Jahres, und leiteten durch eine Anklage vor Gericht die Unzufriedenheit und den Haß der Bürger von sich ab auf jene. Sie erklärten:

«Allen, welche sich durch die Werbung, durch die Auflage, durch den langwierigen Kriegsdienst, durch die Entfernung des Kriegsschauplatzes gedrückt fühlten; welchen die vor Veji erlittene Niederlage empfindlich sei; welche durch den Verlust ihrer Kinder, Brüder, Stammgenossen und Verwandten in Haustrauer versetzt wären; allen diesen hätten sie nun das Recht und die Gelegenheit verschafft, ihren Schmerz über das Unglück des Stats und der Ihrigen an den beiden Schuldigen zu rächen. Denn die Schuld von allem dem Übel treffe den Sergius und Virginius; und dies rüge der Kläger nicht ernstlicher, als die Beklagten es eingeständen, welche, obgleich beide schuldig, die Schuld einer auf den andern schöben, indem Virginius dem Sergius seine feige Flucht vorwerfe, Sergius aber dem Virginius, daß er ihn im Stiche gelassen habe. Ihre Sinnlosigkeit sei so unglaublich, 420 daß es vielmehr wahrscheinlich werde, man sei dabei nach einer Verabredung, nach einem gemeinschaftlichen Bubenstücke aller Patricier, zu Werke gegangen. Diese hätten, um den Krieg zu verlängern, sowohl vorher den Vejentern die Verbrennung der Werke gestattet, als jetzt das Heer verrathen und das Römische Lager den Faliskern preisgegeben. Dies geschehe alles, um die Jünglinge vor Veji veralten zu lassen, und die Tribunen zu hindern, daß sie weder über Ländereien noch andere Vortheile des Bürgerstandes einen Vortrag an das Volk thun, durch die Volksmenge in der Stadt ihren Verhandlungen eine Würde geben, und der Verschwörung der Patricier Widerstand leisten, könnten. Vorläufig habe gegen die Beklagten theils schon der Senat gesprochen, theils das Römische Volk, theils ihre eignen Amtsgenossen. Denn einmal wären sie durch einen Senatsschluß der Statsverwaltung entsetzt; dann, als sie nicht hätten abdanken wollen, von ihren Amtsgenossen mit einem Dictator geschreckt; und das Römische Volk habe Kriegstribunen gewählt, welche nicht am dreizehnten December, dem gewöhnlichen Tage, sondern sogleich, am ersten October ihr Amt hätten antreten müssen, weil der Stat, wenn solche Leute im Amte geblieben wären, nicht länger habe bestehen können. Durch so viele Urtheile schon vernichtet und zum voraus verdammt stellten sie sich gleichwohl dem Volksgerichte dar, und glaubten damit abzukommen und gestraft genug zu sein, daß sie zwei Monate früher amtlos gemacht wären, ohne zu begreifen, daß ihnen damals bloß die Macht, länger zu schaden, entrissen, allein keine Strafe auferlegt sei: denn auch ihren Amtsgenossen sei ja die Statsgewalt abgenommen, die wenigstens nichts verbrochen hätten. Die Quiriten möchten sich in jene Stimmung zurücksetzen, in der sie unmittelbar nach der erlittenen Niederlage gewesen wären, als sie das Heer in der Bestürzung der Flucht, voll Wunden und Angst zu den Thoren hatten hereinfallen sehen, wie es Klagen, nicht über sein Geschick, noch irgend einen der Götter, sondern über diese Anführer 421 erhoben habe. Sie wären überzeugt, daß niemand in der Versammlung dastehe, der nicht die Person, die Familie und alles Eigenthum des Lucius Virginius und Manius Sergius an jenem Tage verflucht und verabscheuet habe. Es würde höchst ungereimt sein, wenn sie gegen die, über welche Jeder den Zorn der Götter herabgeflehet habe, von ihrer erlaubten und pflichtmäßigen Gewalt nicht Gebrauch machen wollten. Die Götter legten nie selbst Hand an die Verbrecher: es sei genug, wenn sie die Gekränkten mit der Gelegenheit zur Rache waffneten.»

12. Durch solche Reden erbittert verdammte der Bürgerstand die Beklagten, jeden zu einer Strafe vonZu 310 Gulden Conventionsgeldes. zehntausend schweren Kupferassen, indeß Sergius vergeblich das wechselnde Kriegsglück und das Schicksal anklagte, und Virginius in die Bitte ausbrach, man möge ihn doch im Frieden nicht unglücklicher werden lassen, als er im Felde gewesen sei. Die Richtung, die dem Zorne des Volks auf die Männer gegeben wurde, ließ die Nachwahl der Tribunen und die gegen das Trebonische Gesetz gebrauchte List im Dunkel der Vergessenheit ruhen.

Die Tribunen, welche als Sieger die Bürger für ihren Richterspruch gleich auf der Stelle belohnen wollten, brachten öffentlich Landvertheilungen in Vorschlag und untersagten die Aufbringung der Steuer, da doch für so viele Heere Sold nöthig war, und die Angelegenheiten im Felde in so weit glücklich genug gingen, außer daß man in keinem einzigen Kriege das gehoffte Ziel erreichte. Denn vor Veji wurde das verlorne Lager wieder erobert und durch Schanzen und Posten verstärkt. Hier hatten die Kriegstribunen Manius Ämilius und Cäso Fabius den Oberbefehl. Marcus Furius fand im Faliskerlande, und Cneus Cornelius im Capenatischen die Feinde nirgend außerhalb ihrer Festungen. Sie machten also Beute und verheerten die Gegend durch Niederbrennung der Landhäuser und Feldfrüchte. An die Städte machten sie sich wederIch lese mit Aldus, Gronov und Crevier: Oppida nec oppugnata, nec etc. In Rücksicht der eritischen Gründe gesteht Drakenborch seine Ungewißheit, und läßt uns also freie Hand. Daß aber Camillus hier Feldherr ist, lässet vermuthen, daß er nicht vergebliche Stürme auf diese Städte gewagt haben werde. Würde man ihn noch, vor seiner Verbannung, zweimal wiedergewählt haben, wenn er hier so schlechtes Glück gehabt hätte? im 422 Sturme, noch als Belagerer. Im Volskerlande hingegen wurde nach Verheerung ihres Gebiets das hoch gelegene Anxur vergeblich angegriffen, und, weil der Sturm fruchtlos war, durch Wall und Graben eingeschlossen. Der Feldherr, dem das Los den Volskischen Krieg beschieden hatte, war Valerius Potitus.

Bei diesem Zustande der kriegerischen Angelegenheiten brach ein Aufruhr im Innern aus, der mit größerer Heftigkeit, als die Kriege, betrieben wurde. Und da die Tribunen die Zusammenbringung der Steuer verhinderten und den Feldherren kein Sold überschickt wurde, der Soldat aber seine Löhnung forderte, so war es nahe daran, daß der Einfluß der empörten Stadt auch das Lager zerrüttet hätte. Ob aber gleich die Tribunen dem Bürgerstande bei dieser seiner Erbitterung gegen die Väter vorstellten, daß jetzt die Zeit da sei, der Freiheit Festigkeit zu geben und das höchste Statsamt von einem Sergius und Virginius auf brave und tüchtige Männer aus dem Bürgerstande zu verlegen; so gingen die Bürger doch nicht weiter, als daß sie einen einzigen Bürgerlichen, um von ihrem Rechte Gebrauch zu machen, den Publius Licinius Calvus zu einem Kriegstribun mit Consulgewalt ernannten: die übrigen wählten sie aus den Patriciern, den Publius Mänius, Lucius Titinius, Publius Mälius, Lucius Furius Medullinus, Lucius Publilius Volscus.

Der Bürgerstand selbst wunderte sich, so viel erlangt zu haben, nicht der allein, den man gewählt hatte, ein Mann, der nie vorher ein Amt bekleidete, aber lange im Senate saß und schon bei Jahren war. Auch ist man nicht darüber eins, warum man gerade ihm zuerst und hauptsächlich die neue Ehre zu kosten gab. Einige glauben, der Einfluß seines Halbbruders Cneus Cornelius, der im vorigen Jahre Kriegstribun gewesen war und den Sold für die 423 Ritter auf das Dreifache erhöhet hatte, habe ihn zu dieser so hohen Ehre erhoben: Andre, er selbst habe zu rechter Zeit den Ständen die Eintracht in einer Rede empfohlen, die den Beifall der Väter und der Bürger gehabt habe. Frohlockend über diesen Sieg auf dem Wahltage ließen die Bürgertribunen in dem Punkte, der das Wohl des Stats am meisten behinderte, in Ansehung der Steuer nach: man brachte sie willig zusammen und überschickte sie dem Heere.

13. Anxur im Volskerlande wurde bald wieder erobert, weil an einem Feste die Wachen der Stadt vernachlässigt waren. Dies Jahr wurde merkwürdig durch einen so kalten Winter mit so vielem Schnee, daß die Wege gesperrt und die Tiber unschiffbar waren. Allein bei den angefahrnen Vorräthen änderte sich der Kornpreis nicht.

Weil sich Publius Licinius in dem Amte, das er ohne zu lärmen, mehr zur Freude der Bürgerlichen, als mit Unwillen der Väter, bekommen hatte, auch eben so benahm, so wandelte die Bürger die Lust an, bei der nächsten Kriegstribunenwahl Bürgerliche zu wählen. Ein einziger patricischer Bewerber, Marcus Veturius, bekam einen Platz: zu den übrigen Kriegstribunen mit Consulgewalt ernannten fast alle Centurien Bürgerliche, den Marcus Pomponius, den Cajus Duilius, Volero Publilius, Cneus Genucius, Lucius Atilius.

Auf den harten Winter folgte, entweder durch die unmilde Witterung, welche sich zu schnell in das Gegentheil umsetzte, oder aus einer andern Ursache, ein drückender und Allem, was lebte, ungesunder Sommer: und da man von dem unabwendbaren Dahinsterben weder Ursache noch Ende sah, so mußten auf Befehl des Senats die Sibyllinischen Bücher zu Rathe gezogen werden. Die Zweiherren des Gottesdienstes bewarben sich durch ein Göttermahl – das erste in Rom gehaltene – acht Tage lang um die Gnade des Apollo und der Latona, der Diana und des Herkules, des Mercurius und NeptunusDa die sechs Götter auf drei Polsterbetten standen, und Drakenborch und Stroth für die Vertheilung nach Paren (nach B. XXII. C. 10.) gestimmt sind, so folge ich der Handschrift bei Drakenborch, welche das et vor Dianam wegläßt, und lese: Apollinem Latonamque, Dianam et Herculem, Mercurium atque Neptunum., welche in drei 424 für die damalige Zeit auf das prachtvollste gepolsterten Speisebetten aufgestellt wurden. Auch in Privathäusern beging man diese heilige Feier. Wie es heißt, nahm man in der ganzen Stadt bei offen stehenden Hausthüren, vor denen man Bedürfnisse aller Art zu Jedermanns Gebrauche öffentlich ausgelegt hatte, Bekannte, und unbekannte Fremde ohne Unterschied als Gaste auf; man ließ sich mit seinen Feinden gütig und freundlich ins Gespräch ein, vermied jeden Zank und Rechtsstreit, nahm auch den Gefangenen für diese Tage die Bande ab, und machte sich nachher ein Gewissen daraus, diejenigen wieder zu fesseln, welcher sich die Götter selbst angenommen hätten.

Indeß vervielfältigte sich vor Veji die Gefahr dadurch, daß sich drei Kriege in Einen zusammenzogen. Denn da die Capenaten und Falisker unerwartet zum Entsatze anrückten, so begann wieder eben so, wie das vorigemal, auf beiden Seiten der Belagerungswerke ein hartnäckiger Kampf gegen drei Feinde. Die Erinnerung an die Verurtheilung des Sergius und Virginius that hier besonders das Ihrige. Ihr zufolge fiel sogleich aus dem größeren Lager, wo man das vorigemal so saumselig war, ein Kohr, das einen kurzen Umweg nahm, den Capenaten bei ihrem Sturme auf den Römischen Wall in den Rücken. Dieser Anfang der Schlacht setzte die Falisker in Schrecken, und in dieser Bestürzung jagte sie ein zu rechter Zeit angebrachter Ausfall aus dem Lager selbst, in die Flucht. Die Sieger, die den Geschlagenen nachsetzten, hieben ihrer eine Menge nieder, und gleich nachher trafen sie bei ihren Verheerungen im Capenatischen auf den der Schlacht entronnenen Rest, als würde er ihnen vorgeführt, und vertilgten ihn. Auch die Vejenter verloren bei ihrem flüchtigen Rückzuge in die Stadt viele Leute an den Thoren, weil sie aus Furcht, die Römer möchten zugleich mit eindringen, die 425 Thorflügel zuwarfen und die Letzten der Ihrigen ausschlossen.

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