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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 142
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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31. Als die Spanier die Römer in zwei Zügen auf dem diesseitigen Ufer erblickten, brachen sie plötzlich, um ihnen zuvorzukommen, ehe sie sich vereinigen und stellen könnten, in vollem Laufe aus ihrem Lager zur Schlacht heran. Das Gefecht war gleich anfangs schrecklich, weil den Spaniern der neuliche Sieg Muth machte, und den Römischen Krieger der ungewohnte Schimpf erbitterte. Am hitzigsten focht das Mitteltreffen, die beiden tapfern Legionen. Da die Feinde sahen, daß sie diese auf keine andre Art vom Platze drängen konnten, so setzten sie das Gefecht in keilförmiger Stellung fort; und immer zahlreicher und dichter drückten sie ihren in der Mitte Fechtenden nach. Als hier der Prätor Calpurnius seine Linie leiden sah, schickte er eilends seine Unterfeldherren, den Titus Quinctilius Varus und Lucius Juventius Thalna zur Ermunterung der Legionen, an jede Einen, ab. Sie mußten ihnen beweisen und zu bedenken geben: «Daß die ganze Hoffnung zum Siege und zur Behauptung Spaniens auf ihnen beruhe. Wichen sie vom Platze, so werde nie einer vom ganzen Heere Italien wiedersehen, ja nicht einmal das jenseitige Ufer des Tagus.» Er selbst sprengte in einem kleinen Umwege mit den Rittern beider Legionen dem feindlichen Keile, der das 45 Mitteltreffen bedrängte, auf die Flanke. Quinctius mit seinencum suis equitibus]. – Wenn hier nicht ehemals cum sociis equitibus gestanden hat, so muß man doch unter suis, weil schon Calpurnius equites duarum legionum weggenommen hat, hier die Reuterei der Bundesgenossen verstehen. Rittern griff den Feind auf der andern Seite an. Aber weit lebhafter fochten die Ritter des Calpurnius und vor allen Andern der Prätor selbst. Er war der Erste, der in die Feinde einhieb und warf sich so tief in ihre Mitte, daß man kaum erkennen konnte, zu welcher Partei er gehöre. Die Ritter befeuerte die ausgezeichnete Tapferkeit ihres Prätors, das Fußvolk die der Ritter. Schamgefühl spornte die vordersten Hauptleute, als sie den Prätor mitten unter den Waffen der Feinde sahen. Also setzte Jeder auf seine Art seinem Fahnenträger zu, hieß ihn mit der Fahne einrücken, und die Soldaten ihm auf dem Fuße folgen. Alle erneuern das Feldgeschrei: es erfolgt ein Angriff, wie von einer Höhe herab. Wie ein Gießstrom reißen sie die Zurückgedrängten fort und werfen sie, und werden, immer hinter einander her im Andrange, unaufhaltbar. Die in ihr Lager flüchtenden Feinde verfolgte die Reuterei, und mit dem Schwarme im Gemische drang sie in die Verschanzung. Hier erneuerte die im Lager gebliebene Besatzung das Gefecht, und die Römischen Ritter sahen sich genöthigt, abzusitzen. Noch kämpften sie, als die fünfte Legion dazukam; und nun strömten die übrigen Scharen, je nachdem es einer jeden möglich war, herbei. Im ganzen Lager wurden die Spanier allenthalben niedergehauen; und nicht mehr als viertausend Menschen entkamen. Etwa dreitausend von diesen, welche noch Waffen hatten, zogen sich auf einen nahen Berg: tausend meistens Halbbewaffnete zerstreuten sich in die Dörfer. Die Feinde hatten über fünfunddreißigtausend Mann gehabt, von denen nur ein so kleiner Theil die Schlacht überlebte. Hundert und dreiunddreißig Fahnen wurden erbeutet. Von den Römern und Latinern fielen etwas über sechshundert, von den Bundestruppen des Landes gegen hundert und funfzig. Daß der Sieg nicht ohne 46 Blut erkauft schien, machte hauptsächlich der Verlust von fünf Römischen Obersten und einigen Rittern. Weil die Römer nicht Zeit gehabt hatten, ein eigenes Lager anzulegen, so nahmen sie das Nachtquartier im feindlichen. Am folgenden Tage ertheilte Cajus Calpurnius vor der Versammlung den Rittern ihr Lob, beschenkte sie mit Putzschildern an ihre Pferde, und erklärte laut, daß man den Feind geschlagen, sein Lager erstiegen und erobert habe, sei hauptsächlich ihr Werk. Der andre Prätor, Quinctius, beschenkte seine Ritter mit Kettenschmuck und Schnallen. Sehr viele Hauptleute vom Heere Beider erhielten Geschenke, meistens solche, die im Mitteltreffen gestanden hatten.

32. Als die Consuln die Werbungen und andre in Rom zu verrichtende Geschäfte abgethan hatten, führten sie ihr Heer nach Ligurien, seinem bestimmten Posten. Sempronius brach von Pisä gegen die Apuanischen Ligurier auf, und unter Verheerung ihres Gebiets und Niederbrennung ihrer Flecken und Schlösser öffnete er sich den Gebirgswald bis zum Flusse Macra und dem Hafen Luna. Die Feinde zogen sich auf einen Berg, den alten Standort ihrer Vorfahren; allein die Römer, welche die Schwierigkeiten des Bodens besiegten, warfen sie im Gefechte von dort herab. Und in dem Gebiete der Ingaunischen Ligurier that es Appius Claudius durch mehrere Siege seinem Amtsgenossen an Glück und Tapferkeit gleich. Außerdem erstürmte er sechs ihrer Städte, machte in diesen viele Tausende zu Gefangenen und ließ dreiundvierzig von ihnen als Urheber des Krieges unter dem Beile bluten.

Schon nahete die Zeit der Wahlversammlungen. Zwar hatte das Los dem Sempronius das Wahlgeschäft beschieden; allein noch vor ihm kam Claudius in Rom an, weil sein Bruder Publius Claudius das Consulat suchte. Zu Nebenbuhlern unter den Adlichen hatte er den Lucius Ämilius, Quintus Fabius, Servius Sulpicius Galba, lauter ehemalige Bewerber, die nach ihrer Abweisung jetzt um so mehr die Anstellung als eine Schuld einforderten, 47 weil sie ihnen früher versagt war; und weil man aus dem Adelstande nicht mehr als Einen wählen durfte, so sahen sich vier Suchende bei ihrer Bewerbung so viel mehr bedrängt. Auch vom Bürgerstande bewarben sich Männer von Einfluß; Lucius Porcius, Quintus Terentius Culleo, Cneus Bäbius Tamphilus; und auch sie waren, als schon Abgewiesene, auf die Hoffnung hingehalten, endlich einmal die Stelle zu bekommen. Unter Allen war Claudius der einzige neue Bewerber. Allgemein hielt man den Quintus Fabius Labeo und Lucius Porcius Licinus für die unbezweifelt Ausersehenen. Allein der Consul Claudius flog ohne Beilträger mit seinem Bruder den ganzen Markt auf und ab, und so laut ihm auch seine Gegner und der größere Theil des Senats entgegen schrieen: «Es sei für ihn schicklicher, darauf Rücksicht zu nehmen, daß er Consul, als daß er des Publius Claudius Bruder sei. Warum er nicht auf seinem obrigkeitlichen Sitze bei der Wahl entweder den Zeugen, oder den schweigenden Zuschauer mache?» so war doch nichts im Stande, seinen ausgelassenen Parteieifer zu beschränken. Durch die heftigen Streitigkeiten, auch der Bürgertribunen, welche entweder gegen den Consul, oder für seine Wünsche kämpften, wurden die Wahlversammlungen mehrmals gestört; bis endlich Appius es durchsetzte, mit Ausstechung des Fabius seinen Bruder einzudrängen. Wider seine eigne und aller Andern Erwartung wurde Publius Claudius Pulcher gewählt. Lucius Porcius Licinius behauptete seinen Platz, weil sich die Bürgerlichen mit gemäßigtem Eifer, nicht mit Claudischem Ungestüme, bekämpften. Nun ging die Prätorenwahl vor sich. Prätoren wurden Cajus Decimus Flavus, Publius Sempronius Longus, Publius Cornelius Cethegus, Quintus Nävius Matho, Cajus Sempronius Bläsus, Aulus Terentius Varro. Dies ging in dem Jahre, welches den Appius Claudius und Marcus Sempronius zu Consuln, hatte, zu Hause und im Felde vor.

33. Als im Anfange des folgenden Jahres Quintus Cäcilius, Marcus Bäbius und Tiberius Sempronius, 48 welche zur Untersuchung der Zwistigkeiten zwischen den Königen Philipp und Eumenes und den Städten Thessaliens abgeschickt gewesen waren, über ihre Gesandschaft Bericht erstattet hatten, so stellten die Consuln Publius Claudius, Lucius Porcius auch die Gesandten dieser Könige und Städte dem Senate vor. Diese wiederholten von beiden Seiten dasselbe, was sie in Griechenland bei den Gesandten vorgebracht hatten. Darauf beschloß der Senat, eine andre neue Gesandschaft, an deren Spitze Appius Claudius stand, nach Macedonien und Griechenland abgehen zu lassen, um zuzusehen, ob den Thessaliern und Perrhäbern die Städte wiedergegeben wären. Sie bekam auch den Auftrag, die Besatzungen aus Änus und Maronea abführen zu lassen und die ganze Thracische Seeküste von Philipp und den Macedoniern zu befreien. Ferner sollte sie den Peloponnes besuchen, wo die vorige Gesandschaft die Sachen bei ihrer Abreise in einer ungewisseren Lage hinterlassen hatte, als wenn sie nie gekommen wäre. Denn das Übrige abgerechnet, hatte man sie ohne Bescheid entlassen, und ihr die begehrte Versammlung der Achäer nicht bewilligt. Da sich Quintus Cäcilius nachdrücklich darüber beschwerte, und zugleich die Lacedämonier die bittere Klage führten, die Achäer hätten ihnen ihre Mauer zerstört, ihre Bürger nach Achaja weggeführt und verkauft, Lycurgs Gesetze, bei denen ihr Stat bis auf den heutigen Tag bestanden habe, ihnen genommen; so entschuldigten die Achäer besonders die Verweigerung des Landtages, und lasen ein Gesetz vor, welches ihnen einen Landtag auszuschreiben verbot, außer zu Krieg und Frieden, und wenn Gesandte vom Senate mit einem Schreiben oder schriftlichen Aufträgen kämen. Dieser Ausflucht auf die Zukunft vorzubeugen, eröffnete ihnen der Senat, sie hatten dafür zu sorgen, daß Roms Gesandte jederzeit an eine Ständeversammlung gelangen könnten, so wie auch sie, so oft sie wollten; im Senate Zutritt bekämen.

34. Als nach Entlassung dieser Gesandschaften Philipp durch die seinige erfuhr, er müsse die Städte 49 abtreten und seine Besatzungen herausziehen, so ließ er, erbittert auf sie Alle, seinen Grimm an den Maroniten aus. Er trug seinem Statthalter an der Seeküste, Onomastus, auf, die Häupter der Gegenpartei zu ermorden. Dieser richtete durch seine Thracier, die von einem gewissen Casander, einem schon lange zu Maronea wohnenden Königsfreunde, bei Nacht eingelassen wurden, ein Gemetzel an, wie in einer mit den Waffen erstürmten Stadt. Bei den Römischen Gesandten, welche den König einer solchen Grausamkeit gegen die unschuldigen Maroniten, eines so hohen Übermuths gegen das Römische Volk anklagten, daß er gerade diejenigen als Feinde niederhauen lasse, denen er nach dem Willen des Senats ihre Freiheit zurückgeben solle, behauptete er: «Sowohl er als seine sämtlichen Unterthanen hätten mit der ganzen Sache nichts zu thun. Bei einem Aufruhre hätten die Maroniten selbst gegen einander gefochten, weil die eine Partei die Stadt ihm, die andre sie dem Eumenes habe unterwerfen wollen. Dies könnten sie leicht erfahren, sie dürften nur die Maroniten selbst abhören.» Er hielt sich nämlich überzeugt, bei dem allgemeinen durch das neuliche Gemetzel bewirkten Schrecken, werde niemand das Herz haben, zu sprechen. Allein Appius antwortete: «Eine offenbare Sache brauche man nicht als zweifelhaft zu untersuchen. Wolle er sich außer Schuld setzen, so möge er den Onomastus und Casander, die namhaften Vollzieher der That, nach Rom schicken, um sie vom Senate vernehmen zu lassen.» Diese Sprache brachte anfangs den König so aus der Fassung, daß sich seine Farbe und seine Miene verwandelte. Als er endlich wieder zu sich kam, sagte er: «Den Casander, wolle er, wenn sie es durchaus verlangten, hinschicken, weil der zu Maronea gewohnt habe. Was aber die Sache den Onomastus angehe, der gar nicht in Maronea, ja nicht einmal in der Nachbarschaft gewesen sei?» Theils wollte er lieber im Onomastus den Freund von höherem Range schonen, theils fürchtete er eine Aussage von diesem bei weitem mehr, weil er die Sache mit ihm besprochen und 50 ihn bei mancher ähnlichen That zu seinem Werkzeuge und Mitwisser gemacht hatte. Aber auch den Casander, dem er einige mitgab, die ihn durch Epirus an die Küste begleiten mußten, schaffte er, um auch durch ihn nichts auskommen zu lassen, wie man glaubt, durch Gift aus der Welt.

35. Nicht allein die Gesandten schieden so aus der Unterredung mit Philipp, daß sie geradezu erklärten, das Alles habe ihr Misfallen; sondern auch Philipp hielt einen neuen Krieg für unabwendbar: weil aber hierzu seine Kräfte noch nicht gereift waren, beschloß er, um Aufschub zu gewinnen, seinen jüngeren Prinzen Demetrius nach Rom gehen zu lassen, um durch ihn zugleich die Beschuldigungen zu widerlegen und den Zorn des Senats zu besänftigen; weil er sich auch von der persönlichen Erscheinung des Jünglings, der vormals zu Rom als Geisel königlichen Edelmuth gezeigt hatte, einige Wirkung versprach. Da er unterdessen, dem Scheine nach, den Byzantinern zu helfen, in der That aber, die Fürsten der Thracier zu schrecken, ausgezogen war, sie in Einem Treffen gedemüthigt und ihren Heerführer Amadocus zum Gefangenen gemacht hatte, so kehrte er nach Macedonien zurück, beschickte aber noch vorher die am Flusse Ister wohnenden Barbaren, um sie zu einem Einbruche in Italien aufzuwiegeln.

Auch im Peloponnes erwartete man die Ankunft der Römischen Gesandten, weil sie Befehl hatten, aus Macedonien nach Achaja zu gehen. Damit sich die Achäer gegen sie auf Maßregeln anschicken könnten, setzte ihr Prätor Lycortas einen Landtag an. Hier hatte die Verhandlung in Betreff der Lacedämonier folgenden Inhalt. «Aus Feinden wären sie Ankläger geworden, und man müsse besorgen, daß man an diesen Überwundenen furchtbarere Gegner haben werde, als man an ihnen im Gefechte gehabt habe. Denn im Kriege hätten die Achäer die Römer zu Bundsgenossen gehabt: jetzt hielten es eben diese Römer nicht so sehr mit den Achäern, als mit Lacedämon; wo sogar ein Areus, ein Alcibiades, zwei 51 Vertriebene, welche ihre Zurückberufung den Achäern verdankten, eine Gesandschaft nach Rom als Ankläger der Achäischen Nation übernommen hätten, die sich so hoch um sie verdient gemacht habe, und dort eine so feindselige Sprache geführt hätten, als wären sie aus ihrer Vaterstadt durch die Achäer vertrieben, nicht, durch diese wieder eingesetzt.» Von allen Seiten schrie man dem Prätor zu, er möge namentlich über diese Beiden abstimmen lassen; und weil Erbitterung ohne Rücksicht das Ganze leitete, so wurden Beide zum Tode verdammt. Wenig Tage nachher kamen die Römischen Gesandten an und wurden auf einem Landtage zu Clitor in Arcadien zugelassen.

36. Ehe noch etwas vorgenommen wurde, überfiel die Achäer ein Schrecken, und die Ahnung, daß sie bei der Verhandlung wenig Unparteilichkeit zu erwarten hätten; denn sie sahen bei den Gesandten den Areus und Alcibiades, diese auf dem letzten Landtage von ihnen zum Tode Verurtheilten: und keiner wagte zu mucksen. Appius eröffnete ihnen: «Die Behandlung, über die sich die Lacedämonier bei dem Senate beklagt hätten, habe ganz des Senates Misfallen. Einmal hätten sie bei Compasiumad conflictum factam]. – Aus Polybius stellte Crevier sehr glücklich die richtige Lesart her: ad Compasium factam. Und Drakenb. stimmt ihm bei.diejenigen gemordet, die auf Philopömens Forderung, sich zu verantworten, vor der Stadt sich eingefunden hätten. Nach dieser gegen die Menschen ausgeübten Wuth hätten sie ferner, um ihre Grausamkeit an allen Gegenständen in Thätigkeit zu setzen, die Mauern einer so angesehenen Stadt geschleift, ihre uralten Gesetze abgeschafft und Lycurg's Sittenzucht, bei allen Völkern in so hohem Rufe, aufgehoben.» Auf diese Äußerungen des Appius gab Lycortas, theils als Prätor, theils als Anhänger des Philopömen, auf dessen Veranlassung Alles dies über Lacedämon ergangen war, folgende Antwort:

«Unser Vortrag bei euch Gesandten hat für uns 52 größere Schwierigkeiten, Appius Claudius, als neulich der vor dem Senate zu Rom. Denn damals waren die, denen wir zu antworten hatten, unsre Ankläger, die Lacedämonier; jetzt sind wir von euch selbst angeklagt, vor denen wir unsre Sache zu führen haben. Auf einen so nachtheiligen Standpunkt lassen wir uns mit der Hoffnung ein, du werdest mit der Gesinnung eines Richters uns anhören, und den Geist des Widersachers, in welchem du so eben uns bestrittest, ruhen lassen. Ich will wenigstens, ob du gleich selbst kurz vorher eben das, was die Lacedämonier sowohl früher hier bei dem Quintus Cäcilius, als nachher zu Rom klagbar gemacht haben, wieder vorgebracht hast, mich so ansehen, als antwortete ich nicht dir, sondern nur ihnen vor deinem Richterstuhle. Ihr werft uns die Ermordung jener Leute vor, die damals getödtet wurden, als sie der Prätor Philopömen aus der Stadt rufen ließ, sich zu verantworten. Diese Beschuldigung, ihr Römer, mußte uns, meiner Meinung nach, nicht allein nicht von euch, sondern auch nicht einmal vor euch gemacht werden können. Und warum das? Weil in dem Vertrage mit euch geschrieben stand, die Lacedämonier hätten sich aller Seestädte zu enthalten. Hätte also zu der Zeit, als sie die Waffen ergriffen und durch nächtlichen Überfall gerade die Städte eroberten, deren sie sich vorschriftsmäßig zu enthalten hatten, ein Titus Quinctius, ein Römisches Heer, wie in früherer Zeit, im Peloponnes gestanden, natürlich würden dann die durch die Eroberung ihrer Städte unglücklich Gemachten zu ihnen geflüchtet sein. Da ihr aber fern waret, zu wem sollten sie da sonst fliehen, als zu uns, euren Verbündeten, welche sie früherhin der Stadt GythiumMan vergleiche B. 35. Cap. 25 und 27. hatten zu Hülfe eilen, und mit euch selbst aus ähnlichem Grunde gegen Lacedämon hatten herabziehen sehen? Folglich haben wir diesen gerechten und pflichtmäßigen Krieg an eurer Statt übernommen. Andre loben uns darum; 53 tadeln können es nicht einmal die Lacedämonier; ja wir hatten selbst die Genehmigung der Götter, die uns den Sieg verliehen: und nun sollten wir wegen dessen, was das Kriegsrecht mit sich brachte, verantwortlich sein? Gleichwohl trifft auch hiervon das Meiste nicht uns. Was wir gethan haben, ist, daß wir Leute zur Verantwortung herausriefen, welche den Pöbel zu den Waffen gerufen, die Seestädte erobert, geplündert, die ersten Männer dort gemordet hatten. Daß aber jene bei ihrem Eintritte in unser Lager umgebracht sind, das gehet euch an, Areus und Alcibiades, die ihr jetzt, so Gott will! unsre Kläger seid, nicht uns. Lacedämonische Vertriebene – unter ihnen waren ebenfalls diese Beiden – standen auch damals in unserm Heere, und in dem Wahne, die Lacedämonier hatten es auf sie angelegt gehabt, weil sie sich in den Seestädten häuslich niedergelassen hatten, fielen sie über diejenigen her, auf welche sie erbittert waren, weil sie, schon durch sie aus dem Vaterlande verbannet, auch nicht einmal in der Verbannung vor ihnen sicher sollten ergreisen können. Folglich waren die Mörder der Lacedämonier selbst Lacedämonier, nicht Achäer. Auch bedarf es hier der Frage nicht, ob sie mit Recht oder mit Unrecht hingerichtet wurden.»

37. «Aber, sagt man, so war doch das euer Werk, ihr Achäer, daß ihr die uralte Sittenzucht des Lycurgus abschafftet, daß ihr die Mauern schleiftet. – Wie kann uns beides zugleich von einerlei Menschen vorgeworfen werden, da nicht Lycurg den Lacedämoniern Mauern gegeben hat, sondern diese vor nicht gar langen Jahren aufgeführt sind, um die Sittenzucht Lycurgs zu vernichten? Die Zwingherren haben sie ja erst neulich angelegt, als Burg und Bollwerk für sich selbst, nicht für den Stat: und stände heute Lycurg von den Todten auf, freuen würde er sich über ihre Trümmer, würde gestehen, daß er nun erst seine Vaterstadt, sein altes Sparta, wiedererkenne. Nicht auf einen Philopömen, nicht auf die Achäer mußtet ihr warten; sondern selbst, mit 54 eignen Händen, mußtet ihr Lacedämonier jede Spur der Zwingherrschaft wegschaffen und zerstören. Denn sie waren euch geblieben, als die häßlichen Narben eurer Knechtschaft: und da ihr ohne Mauern beinahe achthundert Jahre lang frei, und einst sogar Griechenlands Haupt gewesen waret, so laget ihr nun, mit euch umschlingenden Mauern, wie mit Fußeisen gefesselt, seit hundert Jahren in der Sklaverei.»

«Was die ihnen genommenen Gesetze betrifft, so denke ich, die alten Gesetze haben den Lacedämoniern ihre Zwingherren genommen: nicht von uns sind ihnen die ihrigen genommen, die sie nicht mehr hatten, sondern die unsrigen gegeben; und wir haben es mit ihrem State nicht übel gemeint, wenn wir ihn in unsern Gesamtbund aufnahmen, ihn uns einverleibten, so daß sich der ganze Peloponnes in Einen Statskörper, in Einen Gesamtbund schloß. Wenn wir selbst nach andern Gesetzen lebten, und wieder andre ihnen aufgebürdet hätten, dann, denke ich, könnten sie klagen, könnten darüber murren, daß sie mit uns nicht gleiche Verfassung hätten.»

«Mein bisheriger Vortrag – ich weiß es, Appius Claudius – ist nicht die Sprache eines verbündeten Volks bei seinen Verbündeten, nicht die einer freien Nation, sondern die wahre Sprache der Sklaven, wenn sie ihre Sache vor ihre Herrschaft bringen. Denn wenn jener Ausruf des Heroldes, durch welchen ihr uns Achäer vor allen Andern zuerst für frei erklärtet, keine Posse war, wenn unser Vertrag noch gültig ist, wenn auf Bündniß und Freundschaft gleiche Rücksicht für beide Theile genommen wird, warum werfe ich denn nicht die Frage auf, wie ihr Römer mit dem besiegten Capua verfahren seid, da ihr uns doch darüber zur Rechenschaft zieht, was wir Achäer als Sieger mit den Lacedämoniern gemacht haben? – Ei! es sind einige umgebracht! – Nimm einmal an, wir hätten das gethan. Wie? ließet ihr nicht die Senatoren von Capua unter dem Beile bluten? Wir haben ihnen die Mauern 55 geschleift. Ihr nahmet jenen nicht die Mauern allein, sondern Stadt und Land.» Du antwortest: ««Das Bündniß ist nur dem Scheine nach gleich; in der That gilt die Freiheit der Achäer nur bittweise, auf Seiten der Römer hingegen ist sogar die Oberherrlichkeit.»» – «Das fühle ich, Appius, und murre nicht darüber, so lange dies nicht Pflicht wird: allein ich bitte euch, lasset den Unterschied zwischen Römern und Achäern noch so groß sein, nur gebt euren und unsren Feinden mit uns, euren Bundsgenossen, nicht gleichen Rang bei euch, oder gar vor uns noch Vorrechte. Denn daß sie uns gleich stehen sollten, war unser Betrieb, als wir ihnen unsre Gesetze gaben; als wir es dahin brachten, daß sie zum Achäischen Gesamtbunde gehörten. Als Besiegte haben sie nicht genug zu dem, was den Siegern genügt: als Feinde verlangen sie mehr, als die Bundesgenossen haben. Was wir durch Eidschwur, durch in Stein gehauene Denkschrift für ewige Zeiten geheiligt und geweihet haben, das wollen sie umstoßen, so daß sie zugleich uns dadurch meineidig machen. Ja, wir verehren euch, ihr Römer, und wenn ihr es so wollt, wir fürchten euch auch: allein noch höher verehren und fürchten wir die unsterblichen Götter.»

Er hatte den Beifall des größten Theils der Zuhörer und nach Aller Meinung seiner obrigkeitlichen Würde gemäß geredet; so daß sich mit Sicherheit annehmen ließ, die Römer würden bei schonendem Verfahren ihr Ansehen nicht behaupten können. Da sagte Appius: «Er rathe den Achäern ernstlich, so lange ihnen, nach eignem Entschlusse zu handeln noch frei stehe, hierbei einen Dank zu erwerben, um nicht dasselbe in kurzem wider Willen und gezwungen zu thun.» So wie sie diesen Ausspruch hörten, seufzten sie freilich Alle; und doch schreckte er sie ab, sich des Befohlnen zu weigern. Nur darum baten sie: «Die Römer möchten die Veränderungen, die sie in Ansehung der Lacedämonier nöthig fänden, selbst treffen, und den Achäern nicht dadurch ihr Gewissen beschweren, daß sie heilig beschworne 56 Verordnungen selbst widerrufen müßten.» Bloß das neulich gegen den Areus und Alcibiades ausgesprochene Todesurtheil wurde zurückgenommen.

38. Zu Rom wurde im Anfange dieses Jahrs, als es über die Standplätze der Consuln und Prätoren zur Sprache kam, den Consuln, weil sonst nirgendwo Krieg war, Ligurien bestimmt. Von den Prätoren erlosete Cajus Decimius Flavus die Rechtspflege in der Stadt, Publius Cornelius Cethegus die zwischen Bürgern und Ausländern, Cajus Sempronius Bläsus Sicilien, Quintus Nävius Matho Sardinien und zugleich die Untersuchungen über Giftmischereien, Aulus Terentius Varro das diesseitige, Publius Sempronius Longus das jenseitige Spanien. Aus diesen beiden Provinzen trafen ungefähr um diese Zeit die Unterfeldherren Lucius Juventius Thalna und Titus Quinctilius Varus ein. Nachdem sie dem Senate die Wichtigkeit des nun gedämpften Spanischen Krieges aus einander gesetzt hatten, trugen sie zugleich darauf an, für diese so glücklichen Erfolge den unsterblichen Göttern ein Dankfest zu widmen und die Prätoren zu Abführung des Heeres zu bevollmächtigen. Das Dankfest wurde auf zwei Tage angesetzt. Das Gesuch in Betreff der abzuführenden Legionen sollten sie wieder zum Vortrage bringen, wann den Consuln und Prätoren ihre Heere bestimmt würden. Wenig Tage nachher wurden für Ligurien jedem Consul zwei Legionen angewiesen, welche bisher Appius Claudius und Marcus Sempronius gehabt hatten. Über die Heere für Spanien kam es zwischen den neuen Prätoren und den Freunden der abwesenden, des Calpurnius und Quinctius, zu einem heftigen Streite. Auf beiden Seiten waren Bürgertribunen, auf beiden ein Consul. Die Einen erklärten, sie würden gegen den Senatsschluß Einsage thun, wenn man die Abführung der Heere bewilligte: die Andern, wenn es zu dieser Einsage käme, so würden sie keinen Beschluß über sonst irgend etwas zu Stande kommen lassen. Am Ende war doch der Einfluß der Abwesenden der schwächere, und der Senatsschluß fiel dahin aus: «Die beiden Prätoren 57 hätten jederut praetores quatuor millia]. – Crevier bemerkt sehr richtig, daß Spanien bis dahin nur 2 Römische Legionen gehabt hatte (ich finde dies auch 37, 50. ut singulas legiones duae Hispaniae haberent; und 39, 30. halten die Prätoren Calpurnius und Quinctius nur die 5te und 8te Legion) daß es aber jetzt zum ersten Male, wie nachher gewöhnlich, vier Legionen bekam. Angenommen, daß jene beiden alten Legionen in Spanien [nach den Worten 42, 31. quina millia et duceni pedites ex vetere instituto] zusammen 10,400 Mann Römisches Fußvolk ausmachten; wenn man ferner ihren 39, 30. 31. erlittenen ansehnlichen Verlust in zwei Schlachten nicht in Anschlag bringt, so ist es doch unmöglich, diese 10,400 Mann, wenn sie nur mit 4000 Mann ergänzt, also nur auf 14,400 verstärkt werden, so auf vier Legionen zu vertheilen, daß jede Legion 5000 Mann Römisches Fußvolk bekommt und noch einen Überschuß abgeben soll. Ich reiche zwar nicht ganz aus, aber ich komme doch weit näher, wenn ich jeden Prätor 4000 Mann mitnehmen lasse. Dann müßten aber entweder die Cardinalzahlen quatuor millia – quadringentos etc. hier alle in distributive Zahlen, in quaterna millia – quadringenos etc. verwandelt werden; wie das sehr häufig der Fall ist: oder es müßte bei praetores etwa das Wort singuli ausgefallen sein. Aber auch so kommt meine Rechnung doch nur auf 18,400 Mann, die sich immer noch nicht in 4 Legionen, jede zu 5000, vertheilen lassen. Es muß also entweder an unsrer Stelle eine Unrichtigkeit in den Zahlen sein, oder es waren schon vorher in Spanien mehr als 2 Legionen. Daß man die Bundesgenossen hier nicht mit einrechnen darf, versteht sich von selbst, und schon Crevier sagt ausdrücklich: Solos intellige Romanos: socii enim in legiones non describebantur. Übrigens halte ich bei den Worten quum eas legiones quatuor descripsissent, Gronovs Änderung für unnöthig. Er schlägt vor, zu lesen: quum eos in quatuor legiones descripsissent, und Clericus, Crevier und. Drak. stimmen ihm bei. Da aber describere hier nicht werben (scribere oder conscribere) heißt, sondern so viel als distribuere, dispertiri: die Geworbenen einreihen, so sagen die Worte: quum eas quatuor legiones descripsissent dasselbe, was in quatuor legiones eos descripsissent sagen sollten; eben so wie 1, 42. Tum classes centuriasque et hunc ordinem ex censu descripsit, nichts anders heißt, als Tum populum ex censu in classes centuriasque et in hunc ordinem descripsit. So wie ich hier populum einschiebe, um in classes construiren zu können, so schiebt dort Gronov eos ein, um legiones mit in zu verbinden. viertausend Römer zu Fuß nebst vierhundert Rittern, und fünftausend verbündete Latiner zu Fuß nebst fünfhundert Rittern auszuheben, um sie nach Spanien mitzunehmen. Hätten sie diese vier Legionen eingeordnet, so sollten sie bei jeder Legion die Überzähligen über fünftausend zu Fuß und dreihundert zu Pferde verabschieden; zuerst die, welche ihre Dienstjahre schon ausgehalten hätten, dann, je nachdem Jeder dem Calpurnius und Quinctius in der Schlacht die besten Dienste geleistet habe.»

39. Dieser Streit war beigelegt, und sogleich veranlaßte der Tod des Prätors Cajus Decimius einen neuen. Um seine Stelle bewarben sich Cneus Sicinius und 58 Lucius Pupius, die im vorigen Jahre Ädilen gewesen waren, auch Cajus Valerius, Jupiters Eigenpriester, und Quintus Fulvius Flaccus; und dieser, weil er schon erwählter Curulädil war, zwar nicht in der weißen Toga des Bittenden, aber mit größerer Zudringlichkeit, als die andern Alle. Er hatte es mit dem Eigenpriester auszumachen. Als er diesem anfangs gleichzukommen, bald sogar ihm überlegen zu sein schien, so behauptete ein Theil der Bürgertribunen, auf ihn müsse keine Rücksicht genommen werden, weil er in Einer Person zwei Stellen zugleich, noch dazu adliche, weder annehmen noch verwalten könne. Ein anderer Theil meinte, man müsse ihn von der Verbindlichkeit gegen die Gesetze lossprechen, damit es dem Gesamtvolke freistehe, zum Prätor zu wählen, wen es wolle. Der Consul Lucius Porcius hielt sich anfangs bloß an seine eigene Meinung, den Namen des Fulvius nicht anzunehmen. Nachher berief er, um auch mit Zustimmung des Senats so handeln zu können, die Väter, und sagte ihnen: «Er habe ihnen anzuzeigen, da ein ernannter Curulädil gegen alles Recht und zu einem mit einem Freistate unverträglichen Beispiele sich um die Prätur bewerbe, so sei er Willens, bei dieser Wahl, wenn sie nicht andrer Meinung wären, sich an das Gesetz zu halten.» Die Väter stimmten dahin, der Consul Lucius Porcius solle dem Quintus Fulvius Vorstellungen machen, daß er der gesetzmäßigen Wahl eines in die Stelle des Cajus Decimius einzusetzenden Prätors nicht hinderlich sein möge. Auf die vermöge des Senatsschlusses ihm gemachten Eröffnungen erklärte Flaccus dem Consul: «Er werde nichts thun, was seiner unwürdig sei.» Durch diese zweideutige Antwort machte er denen, welche sie nach ihrem Wunsche auslegten, Hoffnung, er werde sich dem erklärten Willen des Senats fügen, Auf dem Wahltage aber warb er nun noch dringender, als zuvor, nicht ohne klägerische Rüge, daß der Consul und der Senat ihm die Wohlthat des Römischen Volkes entwanden, und ihn wegen doppelter Amtssuchung verhaßt machten, als ob es sich nicht von selbst verstände, daß er in dem 59 Augenblicke, da er zum Prätor ernannt sei, vom Ädilenamte abdanken werde. Als der Consul ihn immer eifriger werben sah; sah, wie das Wohlwollen des Volks immer mehr und mehr sich zu ihm hinneigte: so entließ er die Wahlversammlung und berief den Senat. Die Stimmenmehrheit that den Ausspruch: «Weil sich Flaccus der Willenserklärung der Väter nicht gefügt habe, so müsse man diesem Flaccus Vorstellungen vor dem Gesamtvolke machen.» Der Consul machte ihm seine Vorstellungen vor der berufenen Volksversammlung. Er aber, auch jetzt noch nicht anderes Sinnes, brachte seine Danksagungen vor, «daß ihn Roms Gesamtvolk, so oft es auch jetzt Gelegenheit finde, seine Gesinnung zu erklären, mit so vieler Liebe zum Prätor habe ernennen wollen. Er sei nicht gewillet, seine Mitbürger bei dieser ihrer Liebe zu ihm von seiner Seite im Stiche zu lassen.» Diese feste Erklärung erwarb ihm vollends eine so allgemeine Zuneigung, daß er offenbar Prätor war, so bald sich der Consul dazu verstand, den Namen Fulvius mit auf die Liste zu setzen. Der Streit der Tribunen, unter einander sowohl, als mit dem Consul, wurde heftig. Endlich berief der Consul den Senat, und dieser erklärte: «Weil die Hartnäckigkeit des Quintus Flaccus und die unerlaubte Theilnahme mancher Bürger für ihn die gesetzmäßige Ernennung eines nachzuwählenden Prätors verhindere, so erkenne der Senat, man habe Prätoren genug. Publius Cornelius solle in der Stadt beiderlei Rechtspflege haben, und die Feier der Apollinischen Spiele besorgen.»

40. Durch Klugheit und Festigkeit hatte der Senat diese Wahl vereitelt: da veranlaßte eine andre einen so viel größeren Streit, je wichtiger der Gegenstand, und je größer die Zahl und der Einfluß der Männer war, die ihn führten. Mit höchster Beeiferung bewarben sich um die Censur Lucius Valerius Flaccus, die beiden Scipio Publius und Lucius, Cneus Manlius Vulso, Lucius Furius Purpureo, die Adlichen: die Bürgerlichen waren Marcus Porcius Cato, Marcus Fulvius Nobilior, die beiden Sempronius Tiberius und Marcus, jener mit dem 60 Zunamen Longus, dieser Tuditanus. Aber vor allen Adlichen und Bürgerlichen der angesehensten Geschlechter hatte Marcus Porcius bei weitem den Vorzug. In diesem Manne hatte Muth und Geist eine solche Kraft, daß es schien, er würde, auf welcher Stufe er geboren sein möchte, sich seinen Stand selbst geschaffen haben. Zur Führung der Privat- oder Statsangelegenheiten fehlte ihm der Geschicklichkeiten keine. Auf die städtischen, auf die ländlichen Geschäfte verstand er sich gleich gut. Zu den höchsten Ehrenstellen hat Andre ihre Kenntniß des Rechts, Andre ihre Beredsamkeit, noch Andre ihr Ruhm im Felde emporgehoben. Er aber hatte für das Alles zugleich eine solche Gewandheit des Geistes, daß man hatte sagen mögen, er sei einzig für das, was er jedesmal betrieb, geboren. Im Kriege von der größten persönlichen Tapferkeit und durch viele ausgezeichnete Gefechte berühmt, war er, als er zu den hohen Stellen gelangte, der größte Feldherr; war eben so im Frieden, wenn man ihn über das Recht zu Rathe zog, der größte Rechtskundige, und galt es eine Rede vor Gericht, der größte Redner; und nicht etwa so, daß seine Vorträge zwar bei seinem Leben gewirkt, aber kein Denkmal ihrer Kraft nachgelassen hätten: nein, noch lebt und wirkt seine Beredsamkeit, durch Schriften aller Art geheiligt. Noch haben wir viele Reden von ihm, zu seiner eignen und zu Andrer Vertheidigung gehalten, auch gegen Andre. Denn er demüthigte seine Feinde nicht bloß durch Anklagen, sondern auch in Verantwortungen. Nur hielten ihn zu viele Feindschaften in Spannung, so wie er sie; und es ist nicht leicht zu bestimmen, ob der Adel mehr ihn gedrückt, oder ob er den Adel mehr gehetzt habe. Er war unstreitig der Hartgesinnte; seine Zunge bitter und freimüthig ohne Maß; aber sein Geist jeder Begierde unbesiegbar; von unbiegsamer Rechtschaffenheit; der Gunst, des Reichthums Verächter. In Sparsamkeit, in Ausdauer gegen Arbeit und Gefahr war er an Körper und Geist, ich möchte sagen, der Eiserne: konnte doch sogar das Alter, das sonst Alles abspannt, ihn nicht brechen; führte er doch 61 noch in seinem sechsundachtzigsten Jahre seinen Rechtsstreit selbst, vertheidigte sich in einer Rede und setzte sie auf, zog er doch noch in seinem neunzigsten Jahre den Servius Galba vor das Volksgericht.

41. Ihn wollte, so wie in seinem ganzen Leben, besonders bei diesem Amtsgesuche der Adel niederhalten; und die sämtlichen Bewerber, seinen gewesenen Mitconsul Lucius Flaccus ausgenommen, hatten sich zusammengethan, ihm die Stelle zu versperren, nicht allein um sie lieber selbst zu erlangen, oder aus Unwillen, in einem Emporkömmlinge den Censor zu sehen, sondern auch weil sie eine strenge Führung der Censur und Gefahr für die Ehre so Vieler von einem Manne erwarteten, den die meisten gekränkt hatten, und dessen Wunsch es war, ihnen zu schaden. Denn selbst jetzt warb er in drohendem Tone, und ließ sie den Vorwurf hören, «Daß ihm Alle die entgegen arbeiteten, die vor einer freien und mannhaften Censur sich fürchteten.» Zugleich sagte er zur Empfehlung des Lucius Valerius: «Nur in der Amtsgemeinschaft mit diesem Einzigen sei es ihm möglich, die neuen Laster zu züchtigen und die alten Sitten zurückzurufen.» Die Bürger, hiedurch rege gemacht, wählten nicht allein den Marcus Porcius bei allen Gegenbemühungen des Adels zum Censor, sondern gaben ihm auch den Lucius Valerius Flaccus zum Amtsgenossen.

Als die Censorenwahl vollzogen war, gingen die Consuln und Prätoren auf ihre Standplätze ab, den Quintus Nävius ausgenommen; denn ihn hielten bis zu seiner Abreise nach Sardinien ganzer vier Monate lang die Untersuchungen über die Giftmischereien fest, die er größtentheils, weil es so zweckdienlicher schien, außerhalb der Stadt in den Freistädten und Marktplätzen anstellte. Will man dem Valerius von Antium glauben, so verurtheilte Nävius an zweitausend Menschen. Auch zog der Prätor Lucius Postumius, welcher zu seinem Standorte Tarent bekommen hatte, eine Menge Hirten wegen Zusammenrottungen zur Strafe, und betrieb den Verfolg der Untersuchung über die Bacchanalien mit aller Sorgfalt. Eine 62 Menge Menschen, die entweder auf die Vorladung nicht gekommen, oder ihren Bürgen davongegangen waren und sich in dieser Gegend Italiens verbargen, erklärte er theils für schuldig, theils schickte er sie als Verhaftete nach Rom an den Senat. Sie Alle wurden vom Publius Cornelius in den Kerker geworfen.

42. Im jenseitigen Spanien herrschte Ruhe, weil die Lusitanier im letzten Kriege gedemüthigt waren. Im diesseitigen eroberte Aulus Terentius die Stadt Corbio im Suessetanischen durch Annäherungshütten und Werke, und verkaufte die Einwohner zu Sklaven. Nun hatten auch auf dem diesseitigen Posten die Winterquartiere Ruhe. Die früheren Prätoren, Cajus Calpurnius Piso und Lucius Quinctius gingen nach Rom zurück. Beiden wurde mit großer Einstimmung der Väter der Triumph zuerkannt. Zuerst triumphirte Cajus Calpurnius, über die Lusitanier und Celtiberer. Er brachte dreiundachtzig goldene Kränze mit und zwölftausend Pfund SilberEtwa 375,000 Gulden Conv. M.. Wenig Tage nachher triumphirte Lucius Quinctius Crispinus, ebenfalls über die Lusitanier und Celtiberer. In diesem Triumphe wurde eben so viel Gold und Silber aufgefahren.

Nun erfolgte unter banger Erwartung die Musterung des Senats durch die Censoren Marcus Porcius und Lucius Valerius. Sie stießen sieben aus dem Senate, und unter diesen Einen, durch Adel und Ehrenämter von Auszeichnung, den Consular Lucius Quinctius Flamininus. – Es soll zu unsrer Väter Zeiten Sitte geworden sein, daß die Censorn dem Namen der aus dem Senate Gestoßenen ihre Anmerkungen schriftlich beisetzten. Vom Cato hingegen sind ganze Reden voll Bitterkeit, freilich auch gegen Andre vorhanden, denen er entweder den Senatorenrang, oder das Ritterpferd nahm: allein bei weitem die heftigste ist die Rede gegen den Lucius Quinctius: und hatte er sie noch vor der censorischen Rüge nur als Ankläger, nicht als Censor nach dieser Rüge gehalten, so 63 würde doch selbst Titus Quinctius, wenn er jetzt Censor gewesen wäre, seinen eignen Bruder Quinctius nicht haben im Senate halten können. Unter andern wirft er ihm vor, er habe seinen geliebten und bekannten Schandbuben, den Punier Philippus, durch die Hoffnung großer Geschenke vermocht, ihm von Rom nach Gallien, seinem Standorte, zu folgen. Dieser Bube habe dem Consul, den er aus Muthwillen neckte, oft einen Vorwurf daraus gemacht, daß er sich, um mit seinen Gefälligkeiten immer für den Liebhaber bereit zu sein, gerade gegen die Zeit der Klopffechterspiele von Rom habe müssen wegführen lassen. Einst beim Schmause, als der Wein sie schon erhitzt hatte, sei über Tafel gemeldet, daß ein vornehmer Bojer als Überläufer mit seiner Familie angekommen sei. Er wünsche den Consul zu sprechen, um die Zusicherung des Schutzes von ihm in Person anzunehmen. Nach seiner Einführung in das Zelt habe er angefangen, durch einen Dollmetscher sich mit dem Consul zu unterreden. Mitten in der Rede des Mannes fragte Quinctius seinen Buben: «Hast du Lust, weil du doch die Augenweide des Fechterspiels hast im Stiche lassen müssen, jetzt diesen Gallier sterben zu sehen?» Und er hatte kaum in halbem Ernste dazu genickt, als der Consul auf den Wink eines Schandbuben sein Schwert zog, das ihm zum Haupte hing, dem Gallier während seiner Rede zuerst einen Hieb in den Kopf gab, und als er fliehend den Römischen Stat und alle Anwesende zu seinem Schutze aufrief, ihn durchbohrte.

43. Valerius von Antium führt uns das Stück, weil er vielleicht die Rede des Cato nicht gelesen hatte, und sich nur an eine unverbürgte Sage hielt, nach einem andren Inhalte auf, der aber, was Unzucht und Grausamkeit betrifft, jenem ähnlich ist. Er berichtet, Quinctius habe zu Placentia eine berüchtigte Person, in die er sterblich verliebt war, zu seinem Schmause holen lassen. Hier habe er, um gegen seine Dirne groß zu thun, unter andern erzählt, wie scharf es bei seinen Untersuchungen hergegangen sei, und wie viele zum Tode Verurtheilte er in 64 Haft habe, deren Köpfe unter dem Beile fallen sollten. Da habe sie, die ihm zur Linken zu Tische lag, gesagt, sie habe noch nie mit dem Beile köpfen sehen, und wünsche sehr, es zu sehen. Und nun habe der gefällige Liebhaber Einen von jenen Unglücklichen herbeischleppen und mit dem Beile enthaupten lassen. Mag die That auf die Art begangen sein, wie sie ihm der Censor vorgeworfen hat, oder wie sie Valerius berichtet, so bleibt es immer grausam und abscheulich, wenn beim Becher und über dem Mahle, wo es Sitte ist, den Göttern ihren Antheil zu weihen und Segenswünsche zu sprechen, einem frechen unzüchtigen Geschöpfe, das dem Consul in den Armen lag, zur Augenweide, ein Mensch als Opferthier geschlachtet und die Tafel mit Blut bespritzt ward.

Am Schlusse seiner Rede thut Cato dem Quinctius den Antrag, wenn er diese und die andern ihm vorgeworfenen Thaten leugnen wolle, so möge er nach Verbürgung einer Geldsumme sich vertheidigen; gestehe er sie aber ein, ob er dann glaube, daß seine Beschimpfung irgend jemand nahe gehen werde, da er selbst, von Wein und Liebe sinnlos, mit dem Blute eines Menschen bei einem Schmause gespielt habe.

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