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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 109
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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73 Zwei und dreissigstes Buch.

1. Nach dem Antritte ihrer Ämter am funfzehnten März loseten die Consuln und Prätoren um ihre Posten. Dem Lucius Cornelius Lentulus fiel Italien zu, dem Publius Villius Macedonien; von den Prätoren dem Lucius Quinctius die Gerichtspflege in der Stadt, dem Cneus Bäbius Ariminum, dem Lucius Valerius Sicilien, dem Lucius Villius Sardinien. Der Consul Lentulus bekam den Auftrag, neue Legionen zu werben; Villius, das Heer vom Sulpicius zu übernehmen. Man überließ es ihm, zur Ergänzung desselben so viel Truppen zu werben, als er nöthig fände. Dem Prätor Bäbius wurden die Legionen, welche der Consul Cajus Aurelius gehabt habe, mit der Bestimmung angewiesen, daß er sie bei sich behalten solle, bis der Consul mit dem neuen Heere einträfe. Wenn dieser in Gallien ankäme, dann sollten die sämtlichen Soldaten als verabschiedet entlassen werden, fünftausend Mann Bundesgenossen ausgenommen, welche hinreichen würden, die Provinz von Ariminum zu decken. Nachdem den Prätorn des vorigen Jahrs der Oberbefehl verlängert war, – dem Cneus Sergius, um den Soldaten, welche in Spanien, Sicilien, Sardinien so viele Jahre gedient hätten, Ländereien anweisen zu lassen; dem Quintus Minucius, um im Bruttischen durch denselben Mann die Untersuchungen wegen der Verschwörungen zu beenden, die er als Prätor mit so viel Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt betrieben hatte; ferner um durch ihn diejenigen, welche er als des Tempelraubes Überwiesene in Fesseln nach Rom geliefert habe, nach Locri zu ihrer Hinrichtung absenden zu lassen; dann auch, die Wiedererstattung der aus dem Heiligthume der Proserpina entwandten Schätze nebst den Sühnopfern zu besorgen; – so wurden vermöge eines Schlusses der 74 Oberpriester die Latinischen Feiertage noch einmal begangen, weil sich die Abgeordneten von Ardea im Senate darüber beschwert hatten, daß ihnen bei der Latinischen Feier auf dem Albanischen Berge das gewöhnliche Fleischtheil nicht gereicht sei.

Von Suessa meldete man, der Blitz habe in zwei Thore eingeschlagen und in die Mauer zwischen beiden; dasselbe berichteten die Gesandten aus Formiä vom Tempel Jupiters, und die aus Ostia eben so von ihrem Jupiterstempel, die aus Veliträ von den Tempeln des Apollo und des Sancus, und daß sich am Tempel des Hercules Hare erzeugt hätten. Aus dem Bruttischen schrieb der Proprätor Quintus Minucius, es seien ein Füllen mit fünf Füßen, und drei junge Hühner, jedes mit drei Füßen, zur Welt gekommen. Da lief ein Schreiben vom Proconsul Publius Sulpicius aus Macedonien ein, worin er unter andern anzeigte, am Hintertheile eines Kriegsschiffes sei ein Lorberbaum gewachsen. In Betreff der früher gemeldeten Vorzeichen hatte der Senat schon erklärt, die Consuln sollten denjenigen Göttern, die ihrer Meinung nach hier in Betracht kommen könnten, große Thiere opfern: allein über dies Eine wurden die Opferschauer in den Senat gefordert, und ihrer Angabe gemäß dem Gesamtvolke ein Betfest auf einen einzelnen Tag angesetzt und an allen Altären geopfert.

2. In diesem Jahre lieferten die Carthager zum erstenmale die ihnen auferlegte Geldsteuer nach Rom. Auf die Erklärung der Schatzmeister, daß das Silber nicht ächt sei, und weil auch in der Probe der vierte Theil verflogen war, ersetzten sie den Abgang des Silbers von einer in Rom aufgeliehenen Summe. Als sie darauf die Bitte thaten, der Senat möge ihnen, wenn er schon jetzt so gütig sein wolle, ihre Geisel zurückgeben, wurden ihnen hundert wiedergegeben: zu den übrigen wurde ihnen Hoffnung gemacht, wenn sie treue Freunde blieben. Auf ihre fernere Bitte, die Geisel, die ihnen nicht zurückgegeben würden, von Norba, wo ihnen der Aufenthalt nicht ganz paßlich sei, anderswohin zu bringen, wurde diesen erlaubt, 75 nach Signia und Ferentinum zu ziehen. Ferner wurde den Gaditanern auf ihr Gesuch darin nachgesehen, daß ihnen kein Statthalter nach Gades geschickt werden sollte; wogegen sie sich damals, als sie sich an die Römer ergaben, in dem Vertrage mit dem Lucius Marcius Septimus verwahrt hatten. Da auch die Gesandten von Narnia sich beklagten, daß sie nicht die volle Zahl von Pflanzstädtern hätten, und manche eingeschlichene Fremde sich als Pflanzstädter benähmen, so erhielt aus diesen Gründen der Consul Lucius Cornelius den Auftrag, Dreimänner zu wählen. Er wählte die beiden Älier, Publius und Sextus – beide mit Zunamen Pätus – und den Cajus Cornelius Lentulus. Was den Narniensern bewilligt wurde, daß die Vollzahl ihrer Pflanzbürger beigetrieben würde, erlangten die Bewohner von Cosa bei gleicher Bitte nicht.

3. Als die Consuln mit Allem fertig waren, was sie in Rom abzuthun hatten, gingen sie in ihre Provinzen ab. Publius Villius war kaum in Macedonien angekommen, als er sich schon mit einem stürmischen Aufruhre seiner Soldaten, der schon früher eingeleitet und nicht gleich anfangs gehörig unterdrückt war, befassen mußte. Es waren zweitausend Mann, die aus Africa nach dem Siege über Hannibal nach Sicilien, und von da etwa ein Jahr später nach Macedonien als Freiwillige übergeführt waren. Jetzt sagten sie: «Es sei nicht ihr freier Wille gewesen. Trotz ihrer Weigerung hätten ihre Obersten sie eingeschifft. Wie dem aber sein möge, der Dienst möge ihnen aufgezwungen, oder von ihnen willig übernommen sein, so sei auch der nun überstanden, und Einmal müsse doch das Dienen ein Ende haben. In vielen Jahren hätten sie Italien nicht gesehen. Unter den Waffen wären sie in Sicilien, Africa, Macedonien ergreiset. Längst hätten Beschwerden und Arbeit sie entkräftet, und so viele empfangene Wunden ihr Blut verströmt.»

Der Consul erklärte: «Wenn sie um den Abschied mit Bescheidenheit anhielten, so scheine ihm der Grund, warum sie ihn forderten, ganz billig. Allein zu einem Aufstande eigne sich, als ordentlicher Rechtsgrund, weder 76 dieser, noch irgend ein andrer. Wenn sie also bei den Fahnen aushalten und aufs Wort gehorchen wollten, so werde er über ihren Abschied an den Senat schreiben; und sie würden das, was sie suchten, durch Bescheidenheit leichter erlangen, als durch Trotz.»

4. Philipp bestürmte damals Thaumaci aus allen Kräften, durch Erdwälle und Annäherungshütten, und wollte schon den Sturmbock an die Mauern rücken lassen. Allein diese Unternehmung aufzugeben, zwang ihn die plötzliche Ankunft der Ätoler, welche unter der Anführung des Archidamus zwischen den Macedonischen Posten durch in die Stadt gedrungen waren und Tag und Nacht nicht aufhörten, bald auf die Posten, bald auf die Werke der Macedonier Ausfälle zu thun. Und selbst die Lage des Orts unterstützte sie. Thaumaci liegt nämlich, wenn man von Thermopylä und dem Malinischen Meerbusen über Lamia geht, auf einer Höhe, dicht über dem Passe, der dort Thessaliens Höhlung heißtquas Cœla vocant Thessaliæ. Quæ etc.] – So lese ich mit Crev. und Drakenb.: und so wie man die mit Tiefen wechselnden Höhen und die mit gewundenen Thälern verflochtenen Wege zurückgelegt hat, und nähert sich der Stadt; so breitet sich auf einmal eine unermeßliche Fläche, wie die des ungeheuren Meeres, aus, so daß das Auge die unten vor ihm liegenden Ebenen kaum zu begränzen vermag. Von dieser überraschenden Aussicht hat die Stadt den Namen Thaumaci (die wundervolle) bekommen; und sie ist nicht allein durch ihre hohe Lage gesichert, sondern auch, weil sie auf Felsen erbaut ist, deren Klippenwände auf allen Seiten abgeschnitten sind. Durch diese Schwierigkeiten und die viele Mühe und Gefahr, welche sich hier kaum belohnte, wurde Philipp bewogen, die Unternehmung aufzugeben. Auch nahete schon der Winter, als er hier abzog und seine Truppen zurück nach Macedonien in die Winterquartiere führte.

5. Hier nahmen die Übrigen in der ihnen gegönnten ruhigeren Zwischenzeit die Abspannung an Geist und 77 Körper vorlieb. Nur Philipp, dem der entscheidende Erfolg des Krieges am Herzen lag, fühlte sich, je mehr ihn die Jahrszeit den anhaltenden Beschwerden der Märsche und Gefechte enthob, so viel mehr von Sorgen beengt, weil ihm nicht allein vor den zu Lande und zu Wasser ihn bedrängenden Feinden, sondern bald vor der Stimmung seiner Bundesgenossen, bald seiner eignen Unterthanen, bange war, daß jene in der Aussicht auf ein Bündniß mit den Römern von ihm abfallen, und diese, die Macedonier selbst, sich eine Regierungsveränderung wünschen möchten. Darum schickte er auch Gesandte nach Achaja, theils um die Eidesleistung einzufordern; – denn sie hatten sich dazu verstanden, ihm jährlich ihre Freundschaft zuzuschwören – theils, um den Achäern Orchomenos, Heräa und Triphylia wieder zu geben; und den Megalopolitenet Triphyliam; Eleis Alipheram]. – J. F. Gronov (man sehe seine Anm. bei Drakenb.) hat dargethan, daß Aliphera nicht den Eleern, sondern den Megalopoliten wiedergegeben werden mußte. Die Eleer hatten Aliphera den Megalopoliten weggenommen, Philipp wieder den Eleern und giebt es nun den rechten Eigenthümern, den Megalopoliten, wieder, wozu er sich schon XXVIII. 8. anheischig gemacht hatte. Ich trete hier in Allem Gronovs Verbesserung bei, nur darin nicht, wenn er meint, aus dem halb erloschenen Worte Megalopolitis sei die Lesart Eleis entstanden. Dazu sind sich meiner Meinung nach beide Worte doch gar zu ungleich; und noch sonderbarer wäre es, wenn der Abschreiber in seinem Versehen so glücklich gewesen wäre, gerade durch sein Falschlesen die hier in den Zusammenhang gehörenden Eleer zu erhaschen, wenn nicht das Wort Eleis in der Nähe stand. Da nicht die Eleer selbst Aliphera an die Megalopoliten zurückgeben, sondern Philipp, nachdem er es den Eleern wieder abgenommen hatte, so glaube ich, Livius habe so geschrieben: et Triphyl iam; Megalopolitis (nam ademerat iam Eleis), Alipheram cet. Die Endigung iam in Triphyliam und das iam vor Eleis verführten den Abschreiber, die drei Worte dazwischen ausfallen zu lassen. Auf diese Art konnte das Wort Megalopolitis hier ganz verschwinden. – denn er hatte es den Eleern schon abgenommen – Aliphera, weil sie darauf bestanden, daß diese Stadt nie zu Triphylia gehört habe, sondern ihnen wieder eingeräumt werden müsse, weil sie Eine von den Städten sei, welche durch den Landtagsschluß der Arcader zur gemeinschaftlichen Erbauung von Megalopolis aufgeboten wären. Durch dieses Mittel sicherte er sich die Verbindung mit den Achäern: die Liebe der Macedonier aber dadurch, daß 78 er den Heraclides festnehmensibi conciliavit cum Heraclide]. – Die beiden ersten Worte fehlen in allen Msc. auch in allen Ausgaben vor dem Jahre 1513. Sie sind ein Glossem derer, die nicht bemerkten, daß die Worte Macedonum animos eben so gut von firmabat abhängen, als die: societatem cum Achaeis. Philipp fürchtete den Abfall der Achäer, den Aufstand der Macedonier. Wenn er dies bei beiden verhütet, so kann Livius in Rücksicht auf jene sagen firmabat societatem, in Rücksicht auf diese firmabat animos; so wie Tacitus, wenn Claudius ins Lager gehen und den Aufstand der Prätorianer verhüten soll, sagen kann (Ann. XI. 31.) Iret in castra, firmaret prætorias cohortes. Livius hatte, wie ich vermuthe, geschrieben: Et cum Achæis quidem per hæc societatem firmab at, at Macedonum animos vincto Heraclide. Das at, der Gegensatz von et cum Achæis quidem, fiel wegen der Endigung at in firmabat aus; und wenn im Worte uīcto die letzte Hälfte des o erloschen war, so glaubte der Abschreiber im ersten Striche des u ein c zu sehen; der letzte Strich des u und das i gaben ihm ein u, und die drei Striche des c, t und halben o galten ihm für ein m; und so war sein cum gemacht. Was Livius mit den Worten vincto Heraclide sagen will, erklärt er gleich deutlicher durch: nam – – criminibus oneratum in vincula coniecit. ließ. Denn da er sah, daß er sich den Haß hauptsächlich durch diesen Menschen zuzog, so ließ er ihn unter vielen Beschuldigungen, zur großen Freude der Unterthanen, ins Gefängniß legen. Hatte er sich je mit vorzüglichem Eifer zum Feldzuge angeschickt, so that er es jetzt; übte die Macedonier, so wie die Miethsoldaten, in den Waffen, und schickte mit anbrechendem Frühjahre alle fremden Hülfsvölker und die sämtlichen leichten Truppen unter dem Athenagoras durch Epirus nach Chaonien, um den Paß bei Antigonea – er heißt bei den Griechen die Engen – zu besetzen. Er selbst folgte in wenig Tagen mit dem schweren Heere, und fand nach genommener Übersicht der Gegend einen Platz am Flusse Aous zu Verschanzungen sehr vortheilhaft. Zwischen zwei Bergen, deren einen die Anwohner Aeropus, den andern Asnaus nennen, strömt dieser in einem engen Thale, so daß er am Ufer nur einen schmalen Weg übrig läßt. Die Besetzung und Befestigung des Asnaus übertrug der König dem Athenagoras mit den leichten Truppen; er selbst nahm sein Lager auf dem Aeropus. An den schroffen Stellen der Felsen waren nur wenige Bewaffnete als Posten hinreichend; die minder sichern ließ er hier durch Graben, dort durch Wälle, dort durch Thürme 79 befestigen. Auch eine große Menge Wurfgeschütz wurde auf dienliche Plätze vertheilt, den Feind aus der Ferne durch Geschosse abzuhalten. Sein Königszelt ließ er außerhalb dem Walle auf einer in die Augen fallenden Höhe errichten, um durch dies Selbstvertrauen bei den Feinden Bangigkeit, bei den Seinigen gute Hoffnung zu wecken.

6. Der Consul, der durch den Epiroten Charopus benachrichtigt wurde, was für Gebirgspässe der König mit seinem Heere besetzt habe, ging ebenfalls mit Anbruch des Frühlings aus seinen Winterquartieren zu Corcyra auf das feste Land über und führte sein Heer gegen den Feind. Als er beinahe noch fünftausend Schritte vom Lager des Königs entfernt war, ließ er die Legionen in ihrer verschanzten Stellung, rückte selbst zur Besichtigung der Gegend mit leichten Truppen aus, und hielt den Tag darauf Kriegsrath, ob er bei aller dabei vor Augen liegenden Beschwerde und Gefahr dennoch den Durchgang durch diesen vom Feinde besetzten Gebirgspaß versuchen sollte, oder mit seinen Truppen eben den Umweg nähme, auf dem im vorigen Jahre Sulpicius in Macedonien eingedrungen war. Während er hierüber viele Tage lang zu Rathe ging, lief die Nachricht ein, Titus Quinctius, der zum Consul ernannt sei, und durch das Los Macedonien zu seinem Posten bekommen habe, sei nach beschleunigter Abreise schon nach Corcyra übergegangen.

Valerius von Antium berichtet, Villius sei in den Wald hineingerückt, und da er geradezu nicht habe durchdringen können, weil der König Alles besetzt hatte, so sei er dem Thale nachgegangen, durch dessen Mitte der Strom Aous fließt; habe vermittelst einer Nothbrücke das Ufer gewonnen, auf dem des Königs Lager stand, und ihm eine Schlacht geliefert; der König, geschlagen und verjagt, habe sein Lager verloren; zwölftausend Feinde seien in diesem Treffen gefallen, zweitausend und zweihundert gefangen, hundert und zwei und dreißig Fahnen erbeutet und zweihundert und dreißig Pferde. Auch habe Villius während dieses Treffens dem Jupiter, wenn er ihm Sieg verliehe, einen Tempel gelobet. Die übrigen Jahrbücher 80 von Griechischen und Lateinischen Verfassern, so viele ich gelesen habe, sagen uns, Villius habe nichts Denkwürdiges verrichtet und der folgende Consul Titus Quinctius den Krieg noch völlig unentschieden übernommen.

7. Während dieser Unternehmungen in Macedonien hielt der andre Consul, Lucius Lentulus, einen Versammlungstag zur Censornwahl. Unter der Mitbewerbung vieler ausgezeichneten Männer wurden Publius Cornelius Scipio Africanus und Publius Älius Pätus zu Censorn erwählt. Mit großer Eintracht in ihrem Amte vollzogen sie die Musterung des Senats, ohne auch nur Einen auszuschließen; verpachteten die Einnahme vom Waarenzolle zu Capua, Puteoli und Castra – wo jetzt eine Stadt steht; – gaben diesem Orte nach der vom Senate bestimmten Zahl dreihundert neue Pflanzer zu und verkauften die Länderei von Capua am Fuße des Berges Tifata. Um diese Zeit hielt Lucius Manlius Acidinus nach seinem Abgange aus Spanien, weil ihm der Bürgertribun Publius Porcius Läca den kleinen Triumph untersagte, ob er ihm gleich vom Senate bewilligt war, seinen Einzug in die Stadt als Privatmann und lieferte tausend zweihundert Pfund Silber und gegen dreißig Pfund GoldAn Silber ungefähr 37,500 Gulden, an Gold 9.200 Gulden Conv. M. in den Schatz. In eben diesem Jahre wurde Cneus Bäbius Tamphilus, der vom vorigjährigen Consul Cajus Aurelius die Kriegsführung in Gallien übernommen hatte und zu unvorsichtig in das Gebiet der Insubrischen Gallier eingerückt war, fast mit seinem ganzen Heere aufgerieben. Er verlor über sechstausend sechshundert. Mann. So groß war die Niederlage in einem Kriege, vor dem man schon außer Furcht zu sein glaubte. Dieser Vorfall rief den Consul Lucius Lentulus aus der Stadt. In der Provinz fand er Alles in Bestürzung, übernahm das muthlose Heer, und hieß den Prätor, dem er derbe Verweise zu hören gab, seinen Posten niederlegen und nach Rom abgehen. Doch verrichtete auch der Consul nichts Denkwürdiges, weil er des Wahltages wegen nach Rom zurückgerufen wurde. Denn gerade 81 diesen verhinderten die Bürgertribunen Marcus Fulvius und Manius Curius, weil sie nicht zugeben wollten, daß Titus Quinctius Flamininus unmittelbar nach der Quästur um das Consulat anhalten dürfte. «Schon finde man das Ädilenamt und die Prätur zu schlecht, und die Leute vom Adel möchten schon nicht mehr auf den Stufen der Ehrenämter unter abzulegenden Beweisen ihrer Tüchtigkeit zum Consulate hinansteigen, sondern reiheten mit Überschreitung der Mittelstellen die höchsten sogleich an die niedrigsten.» Nach diesem Streite auf dem Wahlfelde kam die Sache vor den Senat. Die Väter erklärten: «Wenn jemand um ein Amt anhalte, dessen Übernahme ihm die Gesetze gestatteten, so müsse dem Gesamtvolke die Freiheit zustehen, zu wählen, wen es wolle.» Die Tribunen fügten sich in den Ausspruch der Väter. Sextus Älius Pätus und Titus Quinctius Flamininus wurden zu Consuln gewählt. Dann folgte die Prätorenwahl. Sie traf den Lucius Cornelius Merula, Marcus Claudius Marcellus, Marcus Porcius Cato, Cajus Helvius, welche beide Bürgerädilen gewesen waren. Sie stellten wieder die Bürgerspiele an, und auf Veranlassung der Spiele dem Jupiter zu Ehren einen Opferschmaus. Auch die Curulädilen Cajus Valerius Flaccus, Jupiters Eigenpriester, und Cajus Cornelius Cethegus begingen die Feier der Römischen Spiele mit vieler Pracht. Die Oberpriester, Sulpicius Galba, der eine Servius, der andre Cajus mit Vornamen, starben in diesem Jahre. An deren Stelle wurden Marcus Ämilius Lepidus und Cneus Cornelius Scipio zu Oberpriestern gewählt.

8. In der Senatsversammlung, welche die Consuln Sextus Älius Pätus und Titus Quinctius Flamininus nach Antritt ihres Amtes auf dem Capitole hielten, setzten die Väter fest: «Die Consuln sollten über Macedonien und Italien, als ihre Amtsposten, sich vergleichen oder losen. Wem von beiden Macedonien zufiele, der sollte zur Ergänzung der Legionen dreitausend geborne Römer ausheben und dreihundert Ritter; und von den verbündeten Latinern fünftausend Mann zu Fuß, fünfhundert 82 zu Pferde.» Dem andern Consul wurde ein ganz neues Heer bestimmt; dem vorigjährigen Consul Lucius Lentulus der Oberbefehl verlängert, und ihm untersagt, aus der Provinz, vor der Ankunft des Consuls mit den neuen Legionen, eben so wenig selbst abzugehen, als das alte Heer abzuführen. Die Consuln ließen über ihre Standplätze das Los entscheiden. Älius zog Italien, Quinctius Macedonien: und die Prätoren, Lucius Cornelius Merula die Gerichtspflege in der Stadt, Marcus Claudius Sicilien, Marcus Porcius Sardinien, Cajus Helvius Gallien. Nun gingen die Werbungen vor sich: denn außer den Heeren, welche von den Consuln aufgestellt wurden, hatten auch die Prätoren Befehl, Soldaten auszuheben; und zwar für den Marcellus nach Sicilien aus den verbündeten Latinern viertausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde; für den Cato nach Sardinien von eben diesen Truppen dreitausend zu Fuß, zweihundert zu Pferde; damit diese beiden Prätoren nach ihrer Ankunft in den Provinzen die alten Truppen zu Fuß und zu Pferde entlassen könnten.

Dann führten die Consuln die Gesandten des Königs Attalus in den Senat. Als diese aus einander gesetzt hatten, «wie der König mit seiner Flotte und allen Truppen zu Lande und zu Wasser den Römischen Stat unterstütze, und bis heute Alles, was ihm die Römischen Consuln auferlegten, unverdrossen; und willig geleistet habe,» so äußerten sie seine Besorgniß, «sich durch den König Antiochus an der ferneren Leistung gehindert zu sehen. «Denn da Antiochus das Reich des Attalus von See- und Landmacht unbesetzt gesehen, habe er es angefallen. Deswegen ersuche Attalus die versammelten Väter, wenn sie von seiner Flotte und seiner Mitwirkung zum Macedonischen Kriege Gebrauch machen wollten, ihm von ihrer Seite zum Schutze seines Reichs Truppen zukommen zu lassen, oder falls ihnen dies nicht gefällig sei, zur Vertheidigung seines Eigenthums ihm mit seiner Flotte und den übrigen Truppen die Rückkehr zu erlauben.» Der Senat ließ den Gesandten zur Antwort ertheilen: «Daß König Attalus den Römischen Befehlshabern mit seiner 83 Flotte und übrigen Truppen behülflich gewesen sei., darüber erkläre der Senat sein Wohlgefallen. Sie würden weder von ihrer Seite dem Attalus gegen den Antiochus, einen Bundesverwandten und Freund der Römer, Hülfsvölker zusenden, noch die ihnen vom Attalus gestellten länger zurückhalten, als dem Könige lieb sei. Das Römische Volk sei immer bei seinem Gebrauche fremdes Eigenthums der Verfügung von jener Seite gefolgt; und diejenigen, die durch ihren Zutritt Rom hätten unterstützen wollen, hätten nach eigner Willkür damit anfangen und aufhören können. Sie würden aber Gesandte an den Antiochus abgehen lassen, mit der Anzeige, daß das Römische Volk jetzt den Beistand des Attalus, so wie dessen Schiffe und Truppen gegen Philipp, diesen gemeinschaftlichen Feind, benutze. Wenn Antiochus das Reich des Attalus unangefochten ließe und vom Kriege abträte, so würde er auch dem Wohlgefallen des Senats gemäß handeln. Billig sollten doch mit dem Römischen Volke verbündete und befreundete Könige auch unter einander den Frieden beibehalten.»

9. Den Consul Titus Quinctius, der bei der Werbung die Maßregel befolgt hatte, meistens nur Krieger von bewährter Tapferkeit auszuheben, die in Spanien oder Africa gedient hatten, hielten bei aller Eile, auf seinen Feldherrnposten abzugehen, die gemeldeten Schreckzeichen und ihre Sühnung noch in Rom zurück. Der Blitz hatte eingeschlagen, zu Veji in die offene Straße, zu Lanuvium auf dem Marktplatze und in den Jupiterstempel, zu Ardea in den Tempel des Hercules, zu Capua in die Mauer, in Thürme und in den sogenannten Weißen Tempel. Zu Arretium hatte man den Himmel brennen sehen. Zu Veliträ war die Erde in einem Umfange von drei Hufen zu einer großen Höhe eingesunken. Zu Suessa Aurunca war laut der Meldung ein Lamm mit zwei Köpfen zur Welt gekommen, zu Sinuessa ein Schwein mit einem Menschenkopfe. Auf Veranlassung dieser Schreckzeichen wurde ein Bettag gehalten. Die Consuln besorgten selbst die gottesdienstlichen Angelegenheiten, und nach Versöhnung der Götter 84 reisten sie auf ihre Posten ab. Älius nebst dem Prätor Cajus Helvius nach Gallien. Er übergab das vom Lucius Lentulus ihm abgetretene Heer, dessen Entlassung ihm aufgetragen war, dem Prätor, weil er selbst von den neuen Legionen, die er mitgebracht hatte, Gebrauch machen wollte: doch verrichtete er nicht das mindeste Denkwürdige. Und der andre Consul, Titus Quinctius, der seine Überfahrt von Brundusium wider die Gewohnheit der vorigen Consuln beschleunigte, lief mit achttausend Mann Fußvolk und achthundert Rittern auf Corcyra ein. Von Corcyra ging er in einem Fünfruderer auf die nächste Küste von Epirus über und eilte in starken Märschen dem Römischen Lager zu. Hier entließ er den Villius, wartete einige Tage, bis die Truppen von Corcyra nachkamen, und hielt dann Kriegsrath, ob er geradezu durch das feindliche Lager einen Durchbruch wagen sollte, oder, ohne ein so schwieriges und gefahrvolles Unternehmen auch nur zu versuchen, lieber auf sicherem Umwege durch Dassaretien und über Lycus in Macedonien eindränge. Die letztere Meinung würde gesiegt haben, wenn er nicht gefürchtet hätte, daß ihm alsdann, wenn er bei einer weiteren Entfernung vom Meere den Feind aus den Handen ließe, sobald Philipp wieder, wie vorher, sich durch Einöden und Wälder decken sollte, der Sommer ohne Erfolg verstreichen würde. Es möge stehen, wie es wolle, so beschloß man, gerade an dieser so ungünstigen Stelle auf den Feind einzubrechen. Doch hieß dies mehr, den Einbruch beschließen, als die Möglichkeit ausmitteln.

10. Vierzig Tage hatten sie ohne den mindesten Versuch, im Angesichte der Feinde still liegend, zugebracht. Daraus ging bei Philipp die Hoffnung hervor, durch Vermittelung der Epiroten einen Frieden einleiten zu können: und der Prätor Pausanias und der Anführer der Reuterei Alexander, die im Kriegsrathe dazu ausersehen wurden, die Sache zu Stande zu bringen, führten den Consul und den König zu einer Unterredung auf den Platz, wo der Fluß Aous in ein sehr enges Bette gezwängt wird. Die Forderungen des Consuls gingen dahin, «der König solle 85 aus den Stäten seine Truppen abführen; was von geraubten Sachen sich anfände, denen wiedergeben, deren Dörfer und Städte er geplündert habe; den Werth des Übrigen nach einer billigen Würdigung bestimmen lassen.»

Philipp erwiederte: «Unter Staten und Staten sei hier ein Unterschied. Die er selbst erobert habe, wolle er räumen. Die ihm aber von seinen Vorfahren überliefert wären, von deren erblichem und rechtmäßigem Besitze werde er nie zurücktreten. Sollten die Staten, mit denen er Krieg geführt habe, über diesen oder jenen erlittenen Kriegsschaden klagen, so wolle er die Entscheidung von ihnen selbst gewählter Völker, die mit beiden Theilen in friedlichen Verhältnissen geblieben wären, anerkennen.» Der Consul sagte: «Hierzu bedürfe es keiner Entscheidung und keines Richters. Wem es nicht einleuchte, daß das Unrecht von dem ausgegangen sei, der zuerst einen feindlichen Angriff gethan habe? Philipp sei von niemand mit Krieg überzogen: er selbst habe sich zuerst gewaltsame Mittel gegen Alle erlaubt.» Als man nun zu der Frage kam: Welche Staten Philipp zu räumen habe; nannte der Consul vor allen andern Thessalien. Hierüber wurde der König so von Unwillen entflammt, daß er laut rief: «Was könntest du mir Härteres zumuthen, Titus Quinctius, wenn du mich schon besiegt hättest?» Hiermit stürzte er fort von der Unterredung; und kaum enthielten sich beide Theile, mit Pfeilen, weil der dazwischen fließende Strom sie schied, einen Kampf anzufangen. Am folgenden Tage veranlaßten die Ausfälle von den Vorposten viele kleine Gefechte, zuerst in einer Ebene, die hierzu Raum genug gab: nachher, als sich die Truppen des Königs auf enge und unebene Gegenden zurückzogen, drangen die Römer, von Kampfbegierde entflammt, auch dahin nach. Auf ihrer Seite waren Ordnung, Kriegskunst, Waffenart, die ganz dazu taugte, sie den Königlichen überlegen zu machen; auf Seiten der Feinde die Gegend, und die kleineren und größeren Wurfgeschütze, womit fast alle Klippen, wie Mauern, bepflanzt waren. Nachdem sie gegenseitig viele Wunden bekommen 86 hatten, auch eben so, wie in einer ordentlichen Schlacht, mehrere gefallen waren, machte die Nacht dem Gefechte ein Ende.

11. So stand die Sache, als ein Hirt, den der Fürst der Epiroten, Charopus, hergeschickt hatte, vor den Consul gebracht wurde. Dieser sagte: «Er weide sonst in der Forst, welche jetzt der König mit seinem Lager gesperrttunc oneratus castris erat]. – Ich folge der von Herrn Walch vorgeschlagenen Lesart: Obseratus castris erat; und füge zu den von ihm angeführten Beispielen noch die Stelle aus Liv. XL, 8. hinzu: Reseratæ aures sunt, quæ posthac – – claudentur. hätte, die Kühe, und kenne in diesem Gebirge jede Windung, jeden Fußsteig. Wolle ihm der Consul einige Leute mitgeben, so sollten diese unter seiner Führung auf einem nicht gefahrvollen, nicht sehr beschwerlichen Wege über den Stand der Feinde hinaufkommen.» Dabei ließ Charopus sagen: «So sehr der Consul hierauf bauen könne, so möge er doch durchaus nicht sowohl dem Hirten, als seinem eignen Ermessen folgen.»

Der Consul, der sich darauf einzulassen mehr Lust als Muth hatte, und unter Empfindungen von Freude und Besorgniß schwankte, beschloß endlich im Vertrauen auf Charopus, auf die ihm dargebotene Hoffnung einzugehen; und um allen Verdacht abzuwenden, ließ er in den beiden folgenden Tagen den Feind ununterbrochen durch Truppen beunruhigen, die er auf allen Seiten aufstellte, und so, daß immer frische in die Stelle der ermüdeten einrückten. Nun übergab er viertausend auserlesene Leute zu Fuß und dreihundert zu Pferde einem Obersten. Die Reuterei sollte er so weit mitnehmen, als die Gegend es gestatten würde: käme sie so weit, daß sie nicht weiter könne, so sollte sie sich irgendwo in einer Ebene aufstellen; das Fußvolk aber dem Wege folgen, den ihm der Führer zeigen werde: wären sie, wie er verspräche, auf der Höhe über dem Feinde angelangt, so sollten sie durch Rauch ein Zeichen geben, allein nicht eher ein Geschrei erheben, bis der Oberste aus dem von ihm selbst erhaltenen Zeichen abnehmen könne, daß der Angriff gethan sei. Bei Nacht sollte er die 87 Märsche machen, – und gerade schien der Mond die Nacht durch; – am Tage sich die Zeit zum Essen und Ausruhen nehmen. Den Wegweiser, den er mit den größten Versprechungen überhäufte, wenn sich seine Verheißung bewährte, übergab er dem Obersten gebunden.

Nachdem er so diese Truppen entlassen hatte, drang er allenthalben so viel eifriger darauf, die feindlichen Stellungen zu erstürmen.

12. Unterdessen gaben die Römer am dritten Tage durch Rauch das Zeichen, daß sie den Gipfel, auf den es angesehen war, gewonnen und besetzt hätten. Sogleich theilte der Consul seine Truppen in drei Züge, rückte mit dem Kerne seiner Leute mitten durch das Thal heran und ließ seine Flügel rechts und links das Lager angreifen. Die Feinde gingen ihm eben so rasch entgegen: und so lange sie aus Begierde zum Kampfe herandrängend außerhalb ihrer Verschanzungen fochten, hatte der Römische Soldat durch Tapferkeit, Übung und Waffenart ein bedeutendes Übergewicht. Als aber die Macedonier mit Wunden und Verlust sich auf Plätze zurückzogen, die durch Werke oder von der Natur gesichert waren, da ging die Noth auf die Römer über, weil sie zu unvorsichtig in nachtheilige Stellen und den Rückzug erschwerende Engpässe vorgedrungen waren: und sie würden sich, nicht ohne ihre Unbedachtsamkeit zu büßen, zurückgezogen haben, wenn nicht zuerst das vom Rücken her erschallende Geschrei, dann das schon beginnende Gefecht die königlichen Truppen durch den plötzlichen Schrecken ihrer Sinne beraubt hätte. Ein Theil warf sich auf die Flucht; ein andrer, der mehr deswegen Stand hielt, weil Fliehen unmöglich war, als weil er Muth zu fechten hatte, wurde von dem von vorn und im Rücken andrängenden Feinde niedergemacht. Das ganze Heer hätte aufgerieben werden können, wenn die Sieger die Fliehenden verfolgt hätten: so aber hinderte den Reuter der geschlossene Raum und die Gebirgsgegend, den Fußgänger das Gewicht seiner Waffen. Der König floh anfangs in vollem Laufe und ohne sich umzusehen. Dann aber, als er nach Zurücklegung 88 einer Strecke von fünftausend Schritten auf die Vermuthung kam, die die Wahrheit selbst war, daß ihm der Feind nicht folgen könne, machte er auf einer Anhöhe Halt, und schickte auf alle Bergrücken und in die Thäler Leute aus, die Zerstreuten zu sammeln. Nach einem Verluste, der nicht über zweitausend Mann betrug, fand sich die ganze übrige Menge, als wäre sie einem gegebenen Zeichen nachgegangen, wieder zusammen und nahm in gut besetzten Reihen ihren Weg nach Thessalien. Die Römer, die ihnen nachhieben und die Erschlagenen beraubten, so lange sie mit Sicherheit folgen konnten, plünderten nun das königliche Lager, welches sie, selbst ohne Vertheidigung, nur mit Mühe erstiegen, und übernachteten in ihrem eignen Lager.

13. Tags darauf zog der Consul durch den eigentlichen Engpaß, wo sich der Strom zwischen die Thäler drängt, dem Feinde nach. Der König erreichte am ersten Tage Pyrrhus Lager. So heißt ein Ort in Stymphäaest in Triphylia terræ Melotidis]. – Ich folge der von Drakenborch nach Palmer verbesserten Lesart Gronovs: est in Stymphæa terræ Elimiotidis., einer Gegend von Elimiotis. Am folgenden Tage verlängerte er seinen Marsch – für einingens iter agminis, sed]. – Ich glaube, daß die vor Drakenb. gewöhnliche Lesart: agminis, et aus agmini, (set oder) sed entstanden sei; und nehme ingens agmini zusammen. Heer außerordentlich weit; allein die Furcht gebot – bis auf das Gebirge Lingos. Diese Berge selbst gehören zu Epirus, sie liegen aber zwischen Macedonien und Thessalien. Die gegen Thessalien gelegene Seite sieht nach Morgen; nach Macedonien zu haben sie Mitternacht; sind mit vieler Waldung bekleidet, und oben auf den Höhen giebt es geräumige Flächen und Quellwasser. Nachdem der König hier mehrere Tage sein Standlager gehabt hatte, konnte er nicht schlüssig werden, ob er sich geradezu in sein Reich zurückzöge, oder sich es erlaubte, nach Thessalien umzukehren. Endlich fiel sein Entschluß dahin aus, unerwartetsuum in Thessaliam agmen]. – Ich folge der von Herrn Walch vorgeschlagenen Lesart: subitum in Thessaliam agmen. Oder stand hier secum? Denn er konnte ja agmen etiam per alium ducem demittere. 89 nach Thessalien hinabzuziehen, und er ging auf den nächsten Feldwegen nach Tricca. Von hier durcheilte er die in seinem Wege liegenden Städte im Fluge. Die Menschen, die ihm folgen konnten, störte er aus ihren Wohnsitzen auf; die Städte zündete er an. Die Eigenthümer durften, so viel sie vom Ihrigen tragen konnten, mitnehmen: das Übrige ward Beute des Soldaten: und sie hätten vom Feinde keine grausamere Behandlung erleiden können, als sie jetzt von ihren Bundesgenossen erlitten. So zu verfahren, war freilich schmerzhaft für Philipp selbst; allein er wollte doch in einem Lande, das bald dem Feinde gehören würde, diesem wenigstens die Personen seiner Verbündeten entreißen. So wurden die Städte Phacium, Iresiä, Euchydrium, Eretria, Paläpharus verwüstet. Pherä schloß ihm, als er heranzog, die Thore. Weil die Eroberung, wenn er dazu Lust gehabt hätte, einen Aufenthalt forderte, und er keine Zeit hatte, so ging er, ohne sich darauf einzulassen, nach Macedonien hinüber. Denn das Gerücht sagte ihm, daß auch die Ätoler im Anzuge wären. Auf die Nachricht von dem am Flusse Aous vorgefallenen Treffen verwüsteten sie zuerst die Gegend um Sperchiä und Come (mit dem Zunamen Macra); gingen dann nach Thessalien hinüber und eroberten Cymine und Angea im ersten Angriffe. Von Metropolis wurden sie, da während ihrer Plünderungen in den Dörfern sich die Bürger zur Vertheidigung ihrer Mauern gesammelt hatten, zurückgeschlagen. Bei ihrem folgenden Angriffe auf Callithera hielten sie einen ähnlichen Anfall der Einwohner mit mehr Festigkeit aus, schlugen die, die sich herausgewagt hatten, in die Festung zurück, begnügten sich aber, weil sie an eine Eroberung gar nicht denken durften, mit diesem Siege und zogen weiter. Dann eroberten und plünderten sie die Flecken Theuma und Calathana; Acharrä bekamen sie, weil es sich ergab. Eben so verließen aus Furcht die Einwohner Xyniä. Allein auf ihrem Zuge aus der Vaterstadt 90 begegneten die Flüchtlinge einer Truppenabtheilung, die, um so viel sicherer Futter zu holen, den Weg nach Thaumacum genommen hatte; und der ungeordnete, unbewaffnete Haufe, mit dem Gewühle seiner Hülfslosen im Gemische, wurde von den Bewaffneten niedergehauen. Das verlassene Xyniä wurde geplündert. Dann eroberten die Ätoler Cyphara, eine kleine Festung, die durch ihre Lage Dolopien bedroht. Dies Alles thaten die Ätoler wie im Fluge innerhalb weniger Tage. Aber auch Amynander und die Athamanen blieben auf den Ruf von der für die Römer glücklichen Schlacht nicht unthätig.

14. Amynander, der sich auf seine eignen Truppen nicht ganz verlassen konnte, erbat sich vom Consul eine mäßige Unterstützung und eroberte gleich auf seinem Zuge nach Gomphi die zwischen Gomphi und dem, Thessalien von Athamanien scheidenden, Engpasse gelegene Stadt, Namens Pheca, mit Sturm. Von hier zog er zum Angriffe auf Gomphi, und wehrten sich gleich die Einwohner mehrere Tage lang mit der größten Tapferkeit, so vermochte doch auch sie die Furcht vor einer Erstürmung, da er die Leitern anschlagen ließ, sich zu ergeben. Diese Übergabe von Gomphi setzte Thessalien in großen Schrecken; und es ergaben sich der Reihe nach Argens, Pherinum, Thimarum, Lisinä, Stimon, Lampsus und andre gleich unwichtige Festungen.

Während die Athamanen und Ätoler, nunmehr vor den Macedoniern außer Furcht, den fremden Sieg zum Beutemachen benutzten, und Thessalien von drei Heeren zugleich verwüstet wurde, ohne zu wissen, wen es als Feind oder als Freund ansehen sollte; ging der Consul durch den Paß, den ihm die Flucht der Feinde geöffnet hatte, auf das Gebiet von Epirus über; und wußte er gleich sehr gut, mit welcher Partei die Epiroten, den Fürsten Charopus ausgenommen, es gehalten hatten, so beherzigte er doch, da er sie seine Befehle, auch um ihn wieder gut zu machen, so eifrig erfüllen sah, mehr ihr jetziges als ihr ehemaliges Benehmen, und erwarb sich gerade durch die so leicht gewährte Verzeihung ihre Liebe 91 auf die Zukunft. Dann ließ er nach Corcyra die Bestellung abgehen, daß sich die Ladungsschiffe im Ambracischen Meerbusen einfinden sollten, rückte in mäßigen Märschen weiter, und schlug am vierten Tage auf dem Berge Cercetius sein Lager auf, wohin er auch den Amynander mit seinen Hülfstruppen berief, nicht sowohl, weil er sie zur Verstärkung nöthig gehabt hätte, als nach Thessalien Wegweiser zu haben. Eben dieser Maßregel zufolge wurden auch die meisten Epiroten als Freiwillige unter den Hülfstruppen angestellt.

15. Die erste Stadt Thessaliens, die er angriff, war Phaloria. Sie hatte zweitausend Macedonier zur Besatzung, die anfangs, so weit ihnen Waffen und Mauern Schutz gewährten, aus allen Kräften widerstanden: allein der anhaltende Sturm, der Tag und Nacht nicht nachließ, weil der Consul glaubte, es würde für die Stimmung der übrigen Thessalier entscheidend sein, wenn gleich die Ersten einem Römischen Angriffe nicht hätten widerstehen können, brach die Hartnäckigkeit der Macedonier. Nach der Eroberung von Phaloria kamen von Metropolis und Piera Gesandte und übergaben diese Städte. Sie erhielten die gesuchte Verzeihung, Phaloria aber wurde in Brand gesteckt und geplündert. Von hier zog er gegen Äginium. Da er aber sah, daß der Ort, den auch eine mäßige Besatzung behaupten könne, so gut als unüberwindlich sei, so ließ er auf den nächsten Posten nur einige Pfeile abschießen und zog seitwärts in das Gebiet von Gomphi. Als er auf Thessaliens Ebenen herabkam und es seinem Heere, weil er die Gefilde der Epiroten verschont hatte, schon an Allem fehlte, so schickte er nach angestellter Erkundigung, ob die Ladungsschiffe zu Leucas, oder im Ambracischen Busen eingelaufen wären, seine Cohorten wechselsweise zur Futterholung nach Ambracia: und der Weg von Gomphi nach Ambracia, so rauh und beschwerlich er ist, ist doch sehr kurz. Da man also in wenigen Tagen die Vorräthe vom Strande herüberschaffen konnte, so hatte das Lager Überfluß an Allem. Von hier brach er nach Atrax auf, das fast zehntausend Schritte von Larissa 92 entfernt ist. Die Einwohner stammen aus Perrhäbien; die Stadt liegt oberhalb dem Strome Peneus. Die Thessalier ließen sich durch die Ankunft der Römer nicht sogleich aus der Fassung bringen: und wagte Philipp es gleich nicht selbst, in Thessalien vorzurücken, so wußte er doch vermittelst einer im Tempe genommenen Stellung, so wie der Feind sich an eine Festung machte, gelegentlich Truppen hineinzubringen.

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