Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Livius >

Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 105
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

3 Ein und dreissigstes Buch.

1. Auch mir thut es wohl, nicht anders, als hätte auch ich von jener Noth und Gefahr meinen Theil getragen, daß ich das Ende des Punischen Krieges erreicht habe. Denn so wenig der, der den Muth hatte, sich zur Lieferung der ganzen Römischen Geschichte anheischig zu machen, bei einzelnen Theilen dieser großen Arbeit ermüden darf; so sehe ich doch, wenn ich erwäge, daß mir dreiundsechzig Jahre – denn so viele verflossen vom Anfange des ersten Punischen Krieges bis zum Ende des zweiten – eben so viel Bücher weggenommen haben, als mir die vierhundert achtundachtzig Jahre von Erbauung Roms bis auf den Consul Appius Claudius weggenommen hatten, der zuerst mit Carthago kriegte, im Geiste voraus, daß ich eben so, wie die, die sich von den nächsten Untiefen an der Küste verführen lassen, zu Fuße ins Meer zu gehen, je weiter ich fortschreite, mich in eine ausgebreitete Tiefe und gleichsam in einen Abgrund hineinbegebe, und daß das Werk, welches immer durch Beseitigung des Zunächstfolgenden kleiner zu werden schien, ich möchte sagen, sich vergrößere.

An den Punischen Frieden reihete sich sogleich der Macedonische Krieg; in Hinsicht der Gefahr mit jenem keinesweges zu vergleichen, man sehe auf die Tüchtigkeit des feindlichen Heerführers oder auf die Stärke der Truppen; allein durch den glänzenden Namen der ehemaligen Macedonischen Könige, durch den alten Ruhm ihres Volks und durch die Größe seiner Oberherrschaft, der es einst einen großen Theil von Europa, einen größeren von Asien durch seine Waffen unterworfen hatte, fast noch berühmter. Übrigens hatte der Krieg gegen Philipp, der vor drei Jahren aufgegeben war, beinahe zehn Jahre früher 4 seinen Anfang genommen, und die Ätoler hatten den Frieden, so wie den Krieg, veranlasset. Nun aber ließen die Römer, denen jetzt der Punische Friede freie Hände, und Philipp theils durch seine unredliche Beobachtung des Vertrages mit den Ätolern und andern dortigen Bundesgenossen Roms, theils durch die nach Africa neulich an den Hannibal und die Punier gesandte Unterstützung an Truppen und Gelde Ursachen zur Beschwerde gab, sich durch die Bitten der Athener, welche Philipp nach Verheerung ihres Gebiets in ihre Stadt getrieben hatte, bewegen, den Krieg wieder anzufangen.

2. Etwa um dieselbe Zeit trafen Gesandte sowohl vom Könige Attalus, als von den Rhodiern ein, und zeigten an, daß Philipp auch Asiens Staten aufzuwiegeln suche. Die Gesandschaften bekamen zur Antwort, der Senat werde für die Angelegenheiten Asiens Sorge tragen. Die Berathschlagung über den Macedonischen Krieg verschob man, ohne vorzugreifen, auf die Zurückkunft der Consuln, welche damals beide, jeder in seiner Provinztunc in prælio cum Boiis]. – Diese falsche Lesart entstand, wie ich vermuthe, dadurch, daß der Abschreiber die Abbreviatur prvciis in das Wort prælio verwandelte und die Worte ambo suis unrichtig in cum Boiis zerlegte. Man denke sich das a in ambo als zwei cc geschrieben, um die Leichtigkeit eher einzusehen, wie aus am ein cum werden konnte. Consul Älius allein stand in Gallien gegen die Bojer; Lentulus war in Sicilien: folglich waren die Consuln in provinciis ambo suis. , waren. Unterdeß wurden an den König von Ägypten, Ptolemäus (Epiphanes) drei Gesandte geschickt, Cajus Claudius Nero, Marcus Ämilius Lepidus, Publius Sempronius Tuditanus, theils um dem Könige den Sieg der Römer über den Hannibal und die Punier zu melden, theils ihm dafür zu danken, daß er in ihrer mißlichen Lage, in welcher sogar benachbarte Bundesgenossen die Römer im Stiche gelassen hatten, ihnen treu geblieben sei, und ihn zu bitten, falls sie durch Beleidigungen von Philipp gezwungen würden, den Krieg gegen diesen zu unternehmen, seine ehemalige Gesinnung gegen das Römische Volk beizubehalten.,

Etwa um eben die Zeit ließ der Consul Publius 5 Älius in Gallien, der auf die Anzeige, daß schon vor seiner Ankunft die Bojer Streifereien in das Gebiet der Bundesgenossen gethan hätten, zur Dämpfung dieses Aufstandes zwei eiligst zusammengebrachte Legionen aufstellte, denen er vier Cohorten von seinem Heere zugab, den Obersten der Bundestruppen, Cajus Oppius, mit diesem schnell errichteten Kohre durch jenen Bezirk von Umbrien, der dort den Namen der Sappinische führt, in das Land der Bojer einrücken. Er selbst nahm seinen Weg auf offener Straße mitten durch das Gebirge eben dahin. Oppius unternahm nach seinem Eintritte in das feindliche Gebiet anfangs einige Plünderungen mit Glück und Sicherheit. Als er aber nachher bei dem Schlosse Mutilum eine ganz vortheilhafte Stellung genommen hatte, und nun wieder, um das Getreide einzuernten, auszog, – denn schon waren die Saten reif – ohne die Gegend ausgekundschaftet, noch hinlängliche Posten ausgestellt zu haben, die mit ihren Waffen die Unbewaffneten und mit ihrer Arbeit Beschäftigten hätten decken können, so wurde er mit seinen Mähern in einem Überfalle von den Galliern umzingelt. Darüber verbreitete sich Bestürzung und Flucht auch unter seinen Bewaffneten. An siebentausend der in den Kornfeldern Zerstreuten wurden niedergehauen; mit ihnen der Oberste Cajus Oppius selbst. Die übrigen, welche die Furcht ins Lager trieb, kamen in der folgenden Nacht, von keinem gewissen Anführer, sondern bloß durch eigne Übereinstimmung geleitet, mit Zurücklassung eines großen Theils von ihrem Eigenthume, über beinahe unwegsame Waldgebirge bei dem Consul wieder an, der, ohne in seiner Provinz etwas Denkwürdiges verrichtet zu haben, außer daß er das Bojische geplündert und mit den Ingaunischen Liguriern ein Bündniß geschlossen hatte, nach Rom zurückging.

3. Da in der ersten von ihm gehaltenen Senatssitzung Alle darauf drangen, daß nichts eher vorgenommen würde, als die Sache Philipps und die Klagen der Bundesgenossen, so brachte er dies sogleich zum Vortrage. Und der zahlreich versammelte Senat beschloß, der Consul Publius 6 Älius sollte nach eigner Wahl jemand als Oberbefehlshaber abgehen lassen, der nach Übernehmung der Flotte, welche jetzt Cneus Octavius aus Sicilien zurückbrachte, nach Macedonien übersetzte. Marcus Valerius Lävinus war es, der als Proprätor in der Gegend von Vibo achtunddreißig Schiffe vom Cneus Octavius in Empfang nahm und nach Macedonien überging. Bei ihm fand der Legat Marcus Aurelius sich ein, machte ihm die Stärke der Heere und die Schiffzahl bemerklich, die der König zusammengebracht habe, und wie er nicht allein in allen Städten des festen Landes, sondern auch auf den Inseln theils in Person, theils durch Abgeschickte die Bewaffnung betreibe; so daß die Römer diesen Krieg, wenn nicht Philipp, während sie säumten, dasselbe wagen sollte, was Pyrrhus mit der Macht eines weit kleinern Reichs schon einmal gewagt habe, mit größerm Nachdrucke eröffnen müßten; und Beide beschlossen, Aurelius solle eben diese Vorstellungen auch an die Consuln und den Senat schriftlich gelangen lassen.

4. Auf den am Ende des Jahrs gethanen Vortrag über die Austheilung von Ländereien an diejenigen Altkrieger, welche unter der Anführung und Götterleitung des Publius Scipio den Krieg in Africa zu Ende gebracht hatten, beschloß der Senat, der Stadtprätor Marcus Junius solle, wenn er nichts dagegen habe, Zehnherren ernennen, um durch sie die dem Römischen State zuständigen Ländereien in Samnium und Apulien vermessen und vertheilen zu lassen. Er ernannte den Publius Servilius, Quintus Cäcilius Metellus, die beiden Servilier, Cajus und Marcus – beide hatten den Zunamen Geminus – die beiden Hostilius Cato, Lucius und Aulus, den Publius Villius Tappulus, Marcus Fulvius Flaccus, Publius Älius Pätus, Quintus Flaminius. In diesen Tagen wurden unter dem Vorsitze des Consuls Publius Älius bei den Wahlversammlungen Publius Sulpicius Galba und Cajus Aurelius Cotta zu Consuln gewählt. Darauf wurden Quintus Minucius Rufus, Lucius Furius Purpureo, Quintus Fulvius Gillo, Cneus Sergius Plancus Prätoren. Die 7 Curulädilen Lucius Valerius Flaccus und Lucius Quinctius Flamininus gaben in diesem Jahre die Römischen Spiele nach prächtigen Veranstaltungen auf der Bühne zwei Tage nach einander, und vertheilten mit großer, eben so dankbar anerkannter, Gewissenhaftigkeit den großen Vorrath von Getreide, welchen Publius Scipio aus Africa geschickt hatte, unter das Volk, das Maß zu vier Kupferass. Die Bürgerädilen, Lucius Apustius Fullo und Quintus Minucius Rufus, der als Ädil zum Prätor gewählt wurde, gaben die ganze Feier der Bürgerspiele drei Tage nach einander; und in Beziehung auf die Spiele wurde dem Jupiter zu Ehren ein Opferschmaus angestellt.

5. Im Jahre fünfhundert und zweiundfunfzig nach Erbauung Roms, unter den Consuln Publius Sulpicius Galba und Cajus Aurelius, nahm der Krieg mit dem Könige Philipp seinen Anfang, wenig Monate nach Abschlusse des Friedens mit Carthago. Am funfzehnten März, dem damaligen Antrittstage der Consuln, machte Consul Sulpicius dies zum ersten Gegenstande seines Vortrags, und der Senat beschloß, die Consuln sollten den Göttern, denen sie opfern zu müssen glaubten, größere Thiere darbringen, und der Gebetsformel den Inhalt geben: «Der Schritt, welchen Roms Senat und Gesamtvolk den Stat thun zu lassen, und der neue Krieg, welchen sie zu eröffnen, gesonnen wären, möchte für das Römische Volk, seine Bundesgenossen und die sämtlichen Latiner zu Heil und Segen gereichen:» und nach verrichtetem Opfer und Gebete sollten sie die Lage des Stats und die zu besetzenden Geschäftsplätze im Senate zur Sprache bringen. In diesen Tagen liefen, um die Gemüther für den Krieg zu stimmen zu rechter Zeit, nicht allein Briefe von dem Legaten Marcus Aurelius und dem Proprätor Marcus Valerius Lävinus ein, sondern es kam auch eine zweite Gesandschaft der Athener, mit der Anzeige, daß der König ihnen naher rücke und daß in kurzem ihr Land und selbst ihre Stadt in seiner Gewalt sein werde, wenn sie nicht auf Hülfe von Rom rechnen dürften.

Nach der Erklärung der Consuln, daß das Opfer 8 gehörig verrichtet, daß das Gebet nach Aussage der Opferschauer von den Göttern gnädig angenommen, die Ausschlachtung erfreulich ausgefallen sei, und Erweiterung der Gränzen, Sieg und Triumph angedeutet werde, wurden nun die Briefe des Valerius und Aurelius vorgelesen und die Attischen Gesandten angehört. Dann wurde ein Senatsschluß ausgefertigt, daß den Bundesgenossen Dank gesagt werden solle, weil sie der anhaltenden Versuchungen ungeachtet, selbst bei der Furcht vor einer Belagerung, ihrer Treue nicht entsagt hätten. Über die ihnen zu sendende Hülfe wolle man ihnen dann Auskunft geben, wenn die Consuln über ihre Plätze geloset, und derjenige Consul, dem das Los Macedonien zu seinem Standorte anwiese, bei dem Gesamtvolke darauf angetragen hätte, Macedoniens Könige Philipp den Krieg zu erklären.

6. Publius Sulpicius war es, dem das Los Macedonien zu seinem Geschäftsplatze anwies, und er ließ die Anfrage aushängen: Ob das Volk es billige und genehmige, daß man dem Könige Philipp und seines Reiches Unterthanen, den Macedoniern, wegen der von ihnen an Roms Bundesgenossen ausgeübten Beleidigungen und Gewaltthaten den Krieg ankündige. Dem andern Consul, Aurelius, bestimmte das Los Italien zu seinem Posten. Bei ihrer darauf folgenden Ziehung erhielten die Prätoren, Cneus Sergius Plancus die Gerichtspflege in der Stadt, Quintus Fulvius Gillo Sicilien, Quintus Minucius Rufus das Bruttische Gebiet, Lucius Furius Purpureo Gallien. Die Anfrage wegen des Macedonischen Krieges wurde am ersten Versammlungstage fast von allen Centurien verworfen. Durch den langen und schweren Krieg erschöpft, hatten dies theils die Leute aus Überdruß der Noth und Gefahren von selbst gethan; theils hatte ein Bürgertribun, Quintus Bäbius, der den alten Weg der Klage über die Väter einschlug, diesen den Vorwurf gemacht, daß sie nur Kriege aus Kriegen erwachsen ließen, um den Bürgerstand nie eines Friedens froh werden zu lassen. Dies kränkte die Väter tief: schneidende Schmähungen trafen im Senate den Bürgertribun, und jeder forderte in seinem eigenen 9 Namen den Consul auf, einen Versammlungstag zur Wiederholung der Anfrage anzusetzen, das Volk über seine Stumpfheit zurecht zu weisen und es über die Größe des Nachtheils und der Schande zu belehren, welche dieser Aufschub des Krieges zur Folge haben werde.

7. Auf dem auf dem Marsfelde gehaltenen Volkstage redete der Consul, ehe er die Centurien zur Stimmensammlung schreiten ließ, zu der vorgeforderten Versammlung so: «Es kommt mir vor, Quiriten, als sei es eurer Einsicht entgangen, daß jetzt die Frage an Euch nicht die sein kann, ob ihr Krieg oder Frieden haben wollet; – denn hierin lässet Euch Philipp, der es zu Wasser und zu Lande auf einen fürchterlichen Krieg anlegt, keine freie Wahl: – sondern, ob ihr eure Legionen nach Macedonien übersetzen, oder den Feind in Italien aufnehmen wollt. Ist es euch je einleuchtend geworden, was für einen großen Unterschied dies macht, so war das doch wohl der Fall im letzteren Punischen Kriege. Denn wer kann darüber ungewiß sein, daß wir, hätten wir gleich auf der Stelle den belagerten, uns um Rettung anflehenden, Saguntinern Hülfe gewährt, wie sie unsre Väter den Mamertinern leisteten, den ganzen Krieg auf Spanien abgeleitet haben würden, den wir durch unser Säumen zu unserm höchsten Nachtheile in Italien herübernahmen? Selbst das leidet keinen Zweifel, daß wir eben diesen Philipp, der seinen Übergang nach Italien dem Hannibal schon durch Gesandte und Briefe zugesagt hatte, durch Absendung unsrer Flotte unter dem Lävinus, der ihm im Angriffe zuvorkommen mußte, in Macedonien festgehalten haben. Und was wir damals gethan haben, ob wir gleich einen Feind Hannibal in Italien hatten, das wollten wir jetzt zu thun Anstand nehmen, nachdem wir den Hannibal aus Italien vertrieben und die Carthager besiegt haben? Lassen wir den König bei seiner Erstürmung Athens von unsrer Unregsamkeit eine Probe sehen, wie wir sie dem Hannibal bei Sagunts Erstürmung sichtbar werden ließen: so wird er, nicht in fünf Monaten, wie Hannibal von Sagunt, 10 sondern in fünf Tagen nach seiner Abfahrt von Corinth in Italien eintreffen. Ohne den Philipp gerade mit einem Hannibal, ohne die Macedonier mit den Carthagern in Vergleich zu bringen, werdet ihr sie wenigstens dem Pyrrhus gleichstellen. Gleichstellen, sage ichPyrrho certe æquabitis: dico, quantum]. – Ich kann mich nicht enthalten, mit Hrn. Jacobs zu lesen: Pyrrho certe æquabitis. Aequabitis, dico? Quantum vel – – praestat! Siehe Hrn.  Walchs Emendd. Liv. pag. 171.? Wie weit übertrifft hier der Mann den Mann, und diese Nation jene! Epirus ist von jeher Macedoniens unbedeutendste Zugabe gewesen, und ist das noch heute. Philipp hingegen hat den ganzen Peloponnes in seiner Gewalt, und selbst jenes, durch des Pyrrhus Tod eben so sehr, als durch eignen alten Ruf, verherrlichte Argi. Man lasse mich nun unsre Lage in Anschlag bringen. Italiens weit blühendern Zustand, seine weit mehr geschonten Kräfte – denn ihm standen ja die vielen Feldherren, die vielen Heere zu Gebote, welche nachher der Punische Krieg verschlang – erschütterte Pyrrhus durch seinen Angriff dessen ungeachtet und drang als Sieger beinahe bis vor die Stadt Rom! Und nicht bloß die Tarentiner und jene Küste Italiens, die den Namen Großgriechenland führt, fielen von uns ab, so daß man hätte denken können, sie hätten sich von der Sprache, vom Namen verleiten lassen, sondern auch die Lucaner, Bruttier, Samniten. Glaubt ihr, daß diese, wenn Philipp nach Italien herüberkommt, stillsitzen oder euch treu bleiben werden? Blieben sie es doch, denke ich, nachher im Punischen Kriege! Jedesmal werden diese Völker von uns abfallen; es müßte denn niemand da sein, an den sie abfallen könnten. Wäret ihr zu unlustig dazu gewesen, nach Africa überzugehen, so hättet ihr noch heute den Hannibal und die Carthager als Feinde in Italien. Wir wollen lieber Macedonien, als Italien, den Krieg tragen lassen; die Verwüstung durch Feuer und Schwert lieber den Städten der Feinde, den Ländereien der Feinde gönnen. Haben wir doch die Erfahrung gemacht, daß unsre Waffen im 11 Auslande glücklicher und kraftvoller sind, als daheim. So schreitet denn unter dem segnenden Beistande der Götter zur Stimmensammlung, und gebt dem, was die Väter für gut erachtet haben, die Bestätigung. Zu diesem Entschlusse werdet ihr nicht sowohl von mir, eurem Consul, als von den unsterblichen Göttern selbst geleitet, welche mir bei meinem Opfer und auf mein Gebet, daß dieser Krieg mir selbst, dem Senate, Euch, unsern Bundesgenossen und dem gesamten Latium erwünscht und glücklich ausschlagen möchte, lauter erfreuliche, Segen verkündende Winke gegeben haben.»

8. Als er sie nach dieser Rede zur Stimmensammlung gehen hieß, genehmigten sie den Krieg seinem Antrage gemäß. Dann wurde von den Consuln einem Senatsschlusse zufolge ein dreitägiges Betfest ausgeschrieben, und an allen Altären flehete man zu den Göttern, daß der vom Gesamtvolke gutgeheißene Krieg gegen Philipp erwünscht und glücklich ausschlagen möge: auch befragte Consul Sulpicius die Bundespriester, ob sie es nöthig fänden, daß der dem Könige Philipp zu erklärende Krieg ihm durchaus selbst angekündigt werden müsse, oder ob es hinlänglich sei, ihn der nächsten Truppenmasse innerhalb der Gränzen seines Reiches kund zu thun. Die Bundespriester erklärten, er werde in beiden Fällen recht handeln. Die Väter stellten es dem Consul anheim, nach eigner Wahl jemand von denen, die nicht Rathsglieder wären, als Boten abzusenden, der dem Könige den Krieg ankündigte.

Nun schritt man zur Berathschlagung über die Heere der Consuln und Prätoren. Die Consuln wurden angewiesen, jeder zwei Legionen auszuheben, und die alten Heere zu entlassen. Sulpicius, dem der neue, seinem Namen nach so wichtige Krieg bestimmt war, erhielt die Erlaubniß, von dem durch den Publius Scipio aus Africa abgeführten Heere so viele Freiwillige mitzunehmen, als er könnte; doch sollte er nicht berechtigt sein, irgend einen alten Krieger mit Zwang zu nehmen. Den Prätoren Lucius Furius Purpureo und Quintus Minucius Rufus sollte der Consul jedem fünftausend Mann Latinischer 12 Bundestruppen geben, mit denen sie die ihnen angewiesene Gegend, der eine Gallien, der andre das Bruttische, behaupten könnten. Eben so bekam auch Quintus Fulvius Gillo den Auftrag, aus dem Heere, welches Consul Publius Älius gehabt habe, nach der mindesten Zahl der Dienstjahre eine Aushebung vorzunehmen, bis er ebenfalls fünftausend Mann Bundesgenossen und Latiner aufgestellt hätte: diese sollten die Provinz Sicilien decken. Dem Marcus Valerius Falto, der im vorigen Jahre als Prätor Campanien zu seinem Standorte gehabt hatte, wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert, um als Proprätor nach Sardinien überzugehen und von dem dortigen Heere fünftausend Mann Latinischer Bundestruppen nach der mindesten Zahl der Dienstjahre auszuheben. Auch mußten die Consuln zwei Stadtlegionen aufbringen, welche man dahin schicken wollte, wo etwa die vielen Völker Italiens es nöthig machen würden, die sich während des Krieges als Bundesgenossen der Punier ihrem Einflusse hingegeben hatten und noch immer voll aufbrausender Erbitterung waren. Der Stat bestimmte seine diesjährigen Streitkräfte auf sechs Legionen Römer.

9. Noch während der Vorkehrungen zum Kriege trafen Gesandte vom Könige Ptolemäus mit der Anzeige ein: «Die Athener hätten den König um Hülfe gegen Philipp gebeten. Indeß ob sie gleich ihre gemeinschaftlichen Bundesgenossen wären, würde doch der König, ohne das Gutachten des Römischen Volks für sich zu haben, weder Flotte noch Heer zur Vertheidigung oder Bekämpfung irgend einer Partei nach Griechenland abgehen lassen. Habe das Römische Volk zur Vertheidigung der Bundesgenossen freie Hände, so wolle er ruhig in seinen Staten bleiben: er werde aber auch damit zufrieden sein, falls die Römer die Ruhe vorziehen sollten, und dann von seiner Seite Hülfstruppen hinsenden; denen die Behauptung Athens gegen Philipp ein Leichtes sein solle.» Der Senat sagte dem Könige Dank und gab die Antwort: «Die Römer seien entschlossen, die Bundesgenossen selbst zu schützen. Sollte für diesen Krieg irgend ein Bedürfniß eintreten, so würden sie es dem Könige eröffnen, und sie 13 verließen sich mit Sicherheit auf den Überfluß seines Reiches, als die stärkste und treueste Stütze ihres States.» Dann wurde nach einem Senatsschlusse jedem der Gesandten ein Geschenk von fünftausendUngefähr 150 fl. Conv. M. Kupferassen zugeschickt. Als die Consuln die Werbung hielten und Alles, was zum Kriege nöthig war, besorgten, beschloß der Stat, der vorzüglich beim Ausbruche neuer Kriege auf die Götter Rücksicht nahm, obgleich die Bettage schon gefeiert und die Andachten an allen Altären gehalten waren, um nichts zu unterlassen, was sonst wohl geschehen sei, der Consul, welchem Macedonien als Standort zugefallen sei, solle dem Jupiter Spiele nebst einem Weihgeschenke geloben. Dies Statsgelübde verzögerte sich durch die Behauptung des Hohenpriesters Licinius, «daß man ein Gelübde nicht von einer unbestimmten Summe thun dürfe; insofern ein solches Geld zum Kriege nicht gebraucht werden könne. Es müsse sogleich zurückgelegt werden, und nicht mit dem übrigen Gelde zusammengeworfen sein, Geschehe dies nicht, so werde die Bezahlung des Gelübdes nicht ohne Unrichtigkeit bleiben.» Konnte man gleich den Einwurf selbst so wenig, als den Angeber, unbeachtet lassen, so ließ man doch den Consul bei dem Gesamtamte der Oberpriester anfragen, ob sich mit gutem Gewissen von einer unbestimmten Geldsumme ein Gelübde thun lasse. Nach der Erklärung der Oberpriester war das nicht allein erlaubt, sondern sogar noch gottgefälliger. Der Consul that das Gelübde vermittelst derselben vom Hohenpriester ihm vorgesagten Formel, nach welcher man sonst gewöhnlich die fünfjährigen Gelübde verhieß; außer daß er diesmal angelobte, die Spiele und Weihgeschenke von einer Geldsumme darzubringen, deren Größe der Senat bei Bezahlung des Gelübdes bestimmen würde. So oft waren vorher die Großen Spiele von einer benannten Summe verheißen; diese waren die ersten von einer unbenannten.

10. Da Alle dem Macedonischen Kriege entgegen sahen, entstand gerade in einem Zeitpunkte, wo man es am 14 wenigsten befürchtete, auf einmal das Gerücht von einem Einbruche der Gallier. Die Insubrier, Cenomaner und Bojer hatten nach Aufwiegelung der Statieller und IriatenSalyis Ilvatibusque]. – Da diese hier, der Geographie nach, keine Stelle haben können, so folge ich Cluver's Verbesserung: Statiellis Iriatibusque.»Wenn es XXXXII. 8. von den Statiellaten heißt: qui uni ex Ligurum gente non tulissent arma adversus Romanos, so hindert uns dies nicht, den Namen an unsrer Stelle gelten zu lassen. Denn jenes Zeugniß für sie bezieht sich nur auf den damaligen Krieg im J. 579. und aus dem gleich darauf folgenden deditos in fidem populi Rom. ließe sich vermuthen, daß sie früher mit Rom Krieg geführt haben, und schon länger dediticii waren. und der übrigen Ligurischen Völkerschaften, unter Anführung des Puniers Hamilcar, welcher von Hasdrubals Heere in jener Gegend stehen geblieben war, Placentia überfallen; und jetzt zogen sie, nachdem sie die Stadt geplündert, in der Wuth großentheils eingeäschert, und kaum zweitausend Menschen auf Brandstäten und Trümmern übriggelassen hatten, schon über den Po zur Plünderung von Cremona heran. Der Ruf vom Unglücke der Nachbarstadt gab den Pflanzstädtern Zeit, ihre Thore zu schließen und die Mauern zu besetzen, um sich wenigstens eher belagern, als erobern zu lassen, und dem Römischen Prätor Nachricht geben zu können. Lucius Furius Purpureo war es, der damals dieser Provinz vorstand. Nachdem er dem Senatsschlusse gemäß sein übriges Heer bis auf fünftausend Mann Bundesgenossen und Latiner entlassen hatte, war er mit diesen Truppen, in der Nachbarschaft seiner Provinz, in der Gegend von Ariminum stehen geblieben. Jetzt schrieb er dem Senate, in welchem Aufruhre die Provinz sei. «Von zwei Pflanzstädten, welche jenem schrecklichen Sturme des Punischen Krieges entgangen wären, sei die eine von den Feinden erobert und geplündert, die andre belagert. Sein Heer werde zum Schutze der bedrängten Pflanzstädter nicht stark genug sein, wenn er nicht fünftausend Mann Bundesgenossen vierzigtausend Feinden – denn so viele ständen unter den Waffen – zum Niederhauen vorwerfen und den durch die Zerstörung der einen Römischen Pflanzstadt schon geschwellten Muth 15 der Feinde durch seine eigene große Niederlage noch erhöhen wolle.»

11. Nach Vorlesung dieses Briefes beschlossen die Väter, der Consul Cajus Aurelius solle das Heer, das er schon auf einen bestimmten Tag nach Hetrurien beschieden habe, auf denselben Tag sich zu Ariminum stellen lassen, und dann, wenn es ihm die Lage der Dinge erlaube, entweder selbst zur Dämpfung des Gallischen Aufruhres abgehen, oder dem Prätor Lucius Furius schreiben. Wenn die Legionen aus Hetrurien bei ihm angelangt wären, so möchte er dagegen die fünftausend Mann Bundesgenossen zurückgehen lassen, damit diese indeß Hetrurien decken könnten, und selbst zum Entsatze der belagerten Pflanzstadt aufbrechen. Auch beschlossen sie, Gesandte nach Africa abgehen zu lassen, und zwar nach Carthago und nach Numidien an den Masinissa dieselben. Nach Carthago sollten sie gehen, um dort die Anzeige zu thun, «daß ein Hamilcar, ein geborner Carthager, der in Gallien, man wisse nicht, ob früher von Hasdrubals, oder nachher von Mago's Heere, zurückgeblieben sei, gegen den Friedensvertrag sich mit einem Kriege befasse. Wenn sie den Frieden behalten wollten, müßten sie ihn abrufen und den Römern ausliefern.» Zugleich sollten sie ihnen zu wissen thun, daß nicht alle Überläufer ausgeliefert wären. «Eine große Menge von diesen gehe, wie es heiße, «öffentlich in Carthago umher: diese müßten sie greifen und aufsuchen lassen, um sie ihnen dem Vertrage gemäß herauszugeben.» So weit die Aufträge an die Carthager.

Dem Masinissa sollten sie dazu Glück wünschen, «daß er nicht allein sein väterliches Reich wieder erobert, sondern es auch mit dem hinzugekommenen blühendsten Theile von den Staten des Syphax vermehrt habe.» Außerdem sollten sie ihm melden: «Man habe gegen König Philipp den Krieg unternommen, weil er die Carthager durch Truppen unterstützt habe; weil er ferner durch die Roms Bundesgenossen zugefügten Beleidigungen selbst während des Kriegsfeuers in Italien die Römer genöthigt habe, Flotten und Heere nach Griechenland zu senden, 16 und es ihm vorzüglich wegen dieser Vertheilung ihrer Truppen zuzuschreiben sei, daß sie nicht früher nach Africa übergegangen wären. Sie bäten, der König möge ihnen zu diesem Kriege Unterstützung an Numidischer Reuterei senden.» Es waren ihnen kostbare Geschenke mitgegeben, um sie dem Könige zu überreichen: goldene und silberne Gefäße, ein purpurnes Statskleid, eine Weste mit gestickten Palmzweigen nebst einem Zepter von Elfenbein, auch ein verbrämtes Statskleid nebst einem Thronsessel. Zugleich sollten sie die Versicherung geben: «Wenn er zur Befestigung oder Erweiterung seines Reichs irgend etwas für nöthig erachten sollte, so werde das Römische Volk dies seinem Verdienste angelegentlichst zu gewähren suchen.» In diesen Tagen erschienen auch Gesandte vom Vermina, dem Sohne des Syphax, vor dem Senate, die unter Entschuldigungen seines Fehltritts und seiner Jugend alle Schuld auf die Hinterlist der Carthager fallen ließen. «Auch sei ja Masinissa aus einem Feinde der Römer Freund geworden. Vermina werde sich ebenfalls bestreben, in Gefälligkeiten gegen den Römischen Stat sich es weder von Masinissa, noch von sonst jemand zuvorthun zu lassen. Er bitte darum, vom Senate die Benennung König, Bundesgenoß und Freund zu erhalten.» Die Gesandten bekamen zur Antwort: «Theils sei sein Vater Syphax ohne Ursache aus einem Bundesgenossen und Freunde auf einmal des Römischen Volkes Feind geworden: theils habe er selbst die Lehrjahre seiner Jugend auf feindliche Angriffe gegen die Römer verwandt. Er habe also zuvor bei dem Römischen Volke um Frieden nachzusuchen, ehe er darum bitten könne, König, Bundesgenoß und Freund zu heißen. Die Ehre dieser Benennung pflege das Römische Volk nur wichtigen Verdiensten der Könige um seinen Stat einzuräumen. Es würden Römische Gesandte nach Africa kommen, welchen der Senat auftragen werde, dem Vermina den Frieden auf Bedingungen zu ertheilen, die das Römische Volk ihrer Willkür anheimstelle. Sollte er bei diesen etwas hinzuzufügen, wegzulassen oder abzuändern wünschen, 17 so habe er sich mit seinem Gesuche von neuem bei dem Senate zu melden.» Als Gesandte mit des Senats Aufträgen gingen Cajus Terentius Varro, Spurius Lucretius, Cneus Octavius nach Africa ab. Jedem wurde ein Fünfruderer gegeben.

12. Darauf wurde im Senate ein Brief vom Prätor Quintus Minucius vorgelesen, der im Bruttischen Gebiete seinen Standort hatte, worin er meldete, daß zu Locri aus dem Schatze der Proserpina eine Summe durch nächtlichen Diebstahl entwandt, und keine Spur zu finden sei, auf wen dieser Frevel fallen könne. Mit Unwillen sah der Senat, daß immer wieder Kirchenräubereien begangen würden, und daß selbst ein Pleminius, als ein so sehr in die Augen fallendes und noch neues Beispiel der Verschuldung, so wie der Bestrafung, die Menschen nicht abschrecke. Er trug dem Consul Cajus Aurelius auf, nach Bruttien an den Prätor zu schreiben: «Dem Willen des Senats gemäß müsse er die Beraubung des Tempelschatzes mit eben der Strenge untersuchen, wie vor drei Jahren der Prätor Marcus Pomponius. Das ausfindig gemachte Geld sei wieder in den Schatz zu legen; gebe das Gefundene noch nicht die ganze Summe, so sei diese zu ergänzen: auch könnten, falls er der Meinung sei, zur Sühne für diese Entheiligung des Tempels Opfer angestellt werden, wie sie die Oberpriester das vorigemal für nöthig erachtet hätten.» Auch ließen sich Schreckzeichen sehen, die man um dieselbe Zeit von mehrern Orten meldete. Im Lucanischen sollte der Himmel in Flammen gestanden haben. Zu Privernum sei bei heitrem Wetter die Sonne den ganzen Tag roth gewesen. Zu Lanuvium sei im Tempel der Juno Sospita bei Nacht ein schrekliches Getöse entstanden. Ja von mehreren Orten meldete man häßliche Misgeburten unter Menschen und Thieren. Im Sabinischen war ein Kind geboren, von dem man nicht wußte, ob es männlichen oder weiblichen Geschlechtes sei. Man fand noch ein anderes, schon sechzehn Jahre alt, ebenfalls ungewissen Geschlechts. Zu Frusino kam ein Lamm mit einem Schweinskopfe, zu Sinuessa ein Schwein mit einem 18 Menschenkopfe zur Welt; im Lucanischen auf einer Statsmeierei ein Füllen mit fünf Füßen. Alle diese Erscheinungen hielt man für gräuelhafte Unregelmäßigkeiten, für Fehlgriffe der bei der Erzeugung des Einen sich auf ein Anderes verirrenden Natur. Als vorzügliche Unglückszeichen verabscheute man die Zwitter und ließ sie sogleich im Meere auswerfen, so wie man noch vor kurzem unter den Consuln Cajus Claudius und Marcus Livius eine eben so schauderhafte Zwittergeburt im Meere versenkt hatte. Noch mehr; man ließ wegen dieses drohenden Zeichens die Zehnherren in den heiligen Büchern nachschlagen. Nach Angabe der Bücher verordneten die Zehnherren dieselbigen heiligen Feierlichkeiten, die man das letztemal bei jener Schreckenserscheinung beobachtet hatte. Außerdem sollten drei Chöre, jeder von neun Jungfrauen, mit Absingung eines Liedes durch die Stadt ziehen und der Juno Regina ein Weihgeschenk darbringen. Der Consul Cajus Aurelius besorgte die Ausrichtung, wie die Zehnherren sie angeordnet hatten. Das Lied dichtete diesmal Publius Licinius Tegula, wie jenes zur Zeit der Väter Livius.

13. Als die Consuln nach Beseitigung aller frommen Besorgnisse – denn auch zu Locri war Quintus Minucius den Tempelräubern auf die Spur gekommen und das Geld von dem Vermögen der Thäter in den Schatz zurückgeliefert – auf ihre Posten abgehen wollten, erschienen Mehrere von jenen Privatpersonen, welchen der Stat von dem Gelde, das sie ihm unter den Consuln Marcus Valerius und Marcus Claudius geliehen hatten, in diesem Jahre ein Drittel zahlen sollte, vor dem Senate: denn die Consuln hatten ihnen, da die Schatzkammer den neuen mit einer großen Flotte und großen Heeren zu bestreitenden Krieg kaum decken konnte, schon gesagt, es sei jetzt nichts da, wovon sie bezahlt werden könnten. Der Senat blieb nicht ohne Rührung, als sie ihre Klage dagegen erhoben, «wenn der Stat das Geld, das sie ihm für den Punischen Krieg gegeben hätten, nun auch zum Macedonischen Kriege nutzen wolle. Dies sei ja gerade so, da 19 immer Ein Krieg aus dem andern entstehe, als ob ihr Geld, das sie so wohlwollend hergegeben hätten, ihres Verbrechens wegen vom State eingezogen wäre.» Da auf der einen Seite die Forderung der Einzelnen billig war, und doch auf der andern der Stat seine Schuld nicht bezahlen konnte, so nahmen die Väter in ihrer Erklärung folgenden Mittelweg zwischen Billigkeit und Nutzen: «Da ein großer Theil der Gläubiger davon spreche, daß man für Jedermann käufliche Ländereien genug habe, und ihnen damit gedient sei, welche zu kaufen, so solle es ihnen frei stehen, von den innerhalb des funfzigsten Meilenzeigers belegenen Statsländereien einen Ankauf zu machen. Die Consuln sollten dies Land schätzen lassen, und zum Beweise, daß es Statsland sei, jede Hufe mit einem Ass Grundzins belegen; so daß der, der um die Zeit, wann der Stat zahlfähig sei, lieber sein Geld haben wolle, als den Acker, diesen dem Volke zurückgeben könne.» Mit Freuden nahmen sie diesen Vorschlag an. Man nannte dieses Land, weil es ihnen für ein Drittel ihrer Schuldforderung überlassen war, das Drittel- auch das Schuldregisterland.

14. Publius Sulpicius, welcher unmittelbar nach Ablegung der Statsgelübde auf dem Capitole, seinen Auszug im Feldherrnpurpur mit den vorauftretenden Beilträgern hielt, kam darauf nach Brundusium, und nachdem er die Freiwilligen von den alten Soldaten des Africanischen Heers in die Legionen eingeordnet und sich aus der Flotte des Consuls Cornelius die Schiffe ausgesucht hatte, setzte er in zwei Tagen nach seiner Abfahrt von Brundusium nach Macedonien über. Hier traf er die Gesandten der Athener, die ihn baten, sie von der Belagerung zu befreien. Sogleich sandte er den Cajus Claudius Centho nach Athen, mit zwanzig Kriegsschiffen und einer mäßigenet – militum copiis]. – Nach Crevier's Vermuthung, die auch Drakenborch nicht misbilligt, ist hier ein Wort ausgefallen, etwa parvis, exiguis oder modicis, welches ich übersetzt habe. Anzahl Truppen. Denn es stand nicht der König selbst als Belagerer vor Athen. Gerade jetzt belagerte er 20 Abydus, und hatte schon in zwei Gefechten zur See seine Kräfte gegen die Rhodier und den Attalus, gegen beide ohne Glück, versucht. Allein außer dem ihm eignen Unternehmungsgeiste machte ihm theils das mit Syriens Könige Antiochus geschlossene Bündniß Muth, theils die mit ihm verabredete Theilung des Ägyptischen Reichs, welche seit der Nachricht vom Tode des Königs Ptolemäus (Philopator) beide bezweckten.

Übrigens hatten sich die Athener den Krieg mit Philipp durch eine gar nicht würdige Veranlassung zugezogen, weil sie von ihrem ehemaligen Wohlstande nichts als den hohen Sinn behalten hatten. Zwei Acarnanische Jünglinge gingen zur Zeit der Weihe, ob sie gleich nicht geweihet waren, und ohne zu wissen, daß dies ein heiliges Verbot war, mit dem übrigen Haufen in den Tempel der Ceres. Bald verrieth sie ihre Rede, da sie einige unpassende Fragen thaten: sie wurden vor die Aufseher des Tempels geführt, und ob es gleich am Tage lag, daß sie aus Unwissenheit hineingegangen waren, dennoch, als hätten sie einen unerhörten Frevel begangen, hingerichtet. Diese so unwürdige und feindselige Behandlung klagte das Acarnanische Volk dem Philipp, und erhielt von ihm die Bewilligung, mit Macedonischen Hülfstruppen die Athener zu bekriegen. Dieses Heer, welches anfangs Attica mit Feuer und Schwert verwüstete, kehrte mit Beute aller Art nach Acarnanien zurück. Doch dies war nur der erste Grund zur Erbitterung. Dann wurde daraus durch die zuvorkommenden Ankündigungen von Seiten des Attischen Stats ein förmlicher Krieg. Denn da König Attalus und die Rhodier, als Verfolger des nach Macedonien sich zurückziehenden Philipp, nach Ägina gekommen waren, so ging der König, um die alte Freundschaft mit den Athenern zu erneuern und zu befestigen, in den Piräeus über. Alle Bürger mit Weib und Kind strömten hinaus ihm entgegen; bei seinem Einzuge in die Stadt empfingen ihn die Priester im heiligen Schmucke und es fehlte nicht viel, man hätte die Götter selbst zu seinem Empfange von ihren Sitzen aufgestört.

21 15. Das Volk wurde sogleich zur Versammlung gerufen, weil ihm der König seine Beschlüsse in Person mittheilen wollte: dann aber hielt er es für anständiger, seine Meinung schriftlich abzugeben, als entweder bei Aufzählung seiner Verdienste um den Attischen Stat, oder bei den Freudensbezeigungen und dem wiederholten Zurufe der Volksmenge, die durch übertriebene Äußerung ihres Beifalls der Bescheidenheit lästig würde, als der Erröthende dazustehen. Das an die Versammlung geschickte und ihr vorgelesene Schreiben erwähnte zuerst seiner Wohlthaten gegen den verbündeten Stat, dann seiner Thaten gegen Philipp, und zuletzt forderte es die Athener auf, «zum Kriege zu greifen, da sie jetzt ihn, da sie die Rhodier, und noch mehr, da sie auch die Römer zu Gehülfen hätten. Vergebens würden sie nachher, wenn sie jetzt zauderten, nach der versäumten Gelegenheit sich umsehen.» Darauf bekamen die Gesandten von Rhodus Gehör. Sie hatten sich in diesen Tagen ein Verdienst erworben, insofern sie vier Attische, von den Macedoniern eroberte und diesen wieder abgenommene, Kriegsschiffe abgeliefert hatten. Folglich wurde der Krieg gegen Philipp mit allgemeiner Beistimmung beschlossen. Nun erhielten zuerst der König Attalus, dann auch die Rhodier, übertriebene Ehrenbezeigungen. Jetzt that man zum erstenmale den Vorschlag, die zehn alten Bezirke mit einem neuen, unter der Benennung des Attalischen, zu vermehren: der Stat von Rhodus erhielt für sein Verdienst einen goldnen Kranz zum Geschenke; und den Rhodiern wurde das Bürgerrecht ertheilt, wie es die Rhodier schon früher den Athenern ertheilt hatten. Hierauf begab sich König Attalus wieder nach Ägina zu seiner Flotte. Die Rhodier segelten von Ägina nach Cia, von da zwischen den Inseln durch nach Rhodus, nachdem sie diese alle, bis auf das mit Macedoniern belegte Andrus, Parus und Cythnus, in ihren Bund aufgenommen hatten. Den Attalus hielt zu Ägina die Absendung seiner Boten nach Ätolien und die Erwartung einer Gesandschaft von dort in ziemlich langer Unthätigkeit. So wenig es ihm gelang, die Ätoler zu Ergreifung der 22 Waffen aufzuwiegeln, da sie des mit Philipp abgeschlossenen Friedens, so gut er sich hatte machen lassen wollen, froh waren; so gewiß würde er selbst samt den Rhodiern, hätten sie jetzt den Philipp nicht losgelassen, die ehrenvolle Auszeichnung, Griechenlands Befreier zu sein, davon getragen haben: da sie diesem aber Zeit ließen, wieder in den Hellespont hinüberzugehen und durch Eroberung vortheilhafter Plätze in Thracien sich zu verstärken, so gaben sie dem Kriege Nahrung und überließen den Ruhm, ihn ausgefochten und geendigt zu haben, den Römern.

16. Philipp ging mehr mit königlichem Muthe zu Werke. Waren ihm gleich Attalus und die Rhodier als Feinde überlegen gewesen, so schickte er dennoch, ohne sich selbst durch den bevorstehenden Römischen Krieg schrecken zu lassen, einen seiner Unterfeldherren, den Philocles, mit zweitausend Mann zu Fuß und zweihundert zu Pferde zur Verheerung des Attischen Gebietes ab; übergab dem Heraclides die Flotte, um nach Maronea zu steuern, und ging selbst mit zweitausend Mann leichter Truppen zu Fuß und zweihundert zu Pferde zu Lande eben dahin. Und Maronea eroberte er im ersten Sturme; gewann auch Änus, freilich mit vieler Mühe, doch zuletzt durch Verrätherei des Ganymedes, eines Unterfeldherrn des Ptolemäus: dann besetzte er andre kleine Festungen der Reihe nach, Cypsela, Doriscus und Serrheum; rückte nach Chersones vor, unterwarf sich Eläus und Alopeconnesus, die sich ihm freiwillig übergaben: auch Callipolis und Madytos ergaben sich nebst einigen andern geringeren Festungen. Nur die Einwohner von Abydus sperrten dem Könige ihre Thore, ohne einmal seine Gesandten zuzulassen. Die Bestürmung dieser Stadt hielt den Philipp lange auf, und wären nicht Attalus und die Rhodier saumselig gewesen, so hätte sie entsetzt werden können. Attalus schickte nur dreihundert Mann zu ihrer Vertheidigung, und die Rhodier von ihrer Flotte, die doch bei Tenedos stand, einen einzigen Vierruderer. Als späterhin, wie die Eingeschlossenen die Belagerung fast nicht mehr aushalten konnten, auch Attalus nach Tenedos überging, so zeigte 23 er ihnen die gehoffte Hülfe nur in der Nähe, ohne für seine Bundesgenossen zu Wasser und zu Lande das Geringste zu thun.

17. Die Abydener hielten anfangs durch ihre auf der Mauer angebrachten Geschütze nicht nur die zu Lande Stürmenden vom Hinansteigen ab, sondern beunruhigten selbst die feindlichen Schiffe auf ihrem Ankerplatze. Endlich, als schon ein Theil der Mauer in Trümmern lag, und sich der Feind durch Erdgänge auch der innern eiligst aufgeworfenen Mauer näherte, schickten sie Gesandte an den König, die Bedingungen der Übergabe zu verabreden. Sie verlangten die Erlaubniß, den Rhodischen Vierruderer mit den Seeleuten, wie auch die Truppen des Attalus abziehen zu lassen, und für ihre Person, jeder nur mit Einem Kleide aus der Stadt gehen zu dürfen. Da aber Philipp die Gesandten keine Schonung hoffen hieß, wenn ihm nicht Alles überlassen bliebe, so erhöhete der erstattete Bescheid den Unwillen und die Verzweifelung der Abydener zum Grimme, so daß sie sich der Wuth der Saguntiner überließen und Befehl gaben, alle Frauen in den Dianentempel, die freigebornen Knaben und Jungfrauen, selbst die Unmündigen mit ihren Ammen, in die Übungsschule zu sperren; Gold und Silber auf den Stadtplatz zusammenzutragen, die kostbaren Kleider auf das Schiff von Rhodus und eins von Cyzicus zu bringen, die im Hafen lagen; Priester und Opferthiere herbeizuholen und öffentlich Altäre zu errichten. Hier wurde zuerst ein Ausschuß ernannt, der, sobald er sehen würde, daß die vor der zertrümmerten Mauer fechtende Linie der Ihrigen gefallen sei, sogleich die Weiber und Kinder tödten, Gold und Silber und die auf die Schiffe gebrachten Kleider ins Meer werfen, der öffentlichen und Privathäuser so viele als möglich in Brand stecken sollte, und nach einer von den Priestern ihm vorgesagten Verfluchungsformel sich zur Ausführung dieser That beeidigen ließ: dann schwuren auch die unter den Waffen Stehenden, ihr Leben Alle, falls sie nicht siegten, in der Schlacht zu lassen. Treu ihrem den Göttern gegebenen Worte fochten sie so hartnäckig, daß der 24 König, obgleich die Nacht die Kämpfenden geschieden haben würde, durch ihre Wuth geschreckt, zuerst vom Gefechte abließ. Da nun ihre Vornehmen, welche die gräßlichere Hälfte der That auszuführen hatten, die kleine Anzahl sahen, die vom Treffen noch übrig und von Wunden und Entkräftung erschöpft war, so schickten sie mit Tagesanbruch ihre Priester im heiligen Schmucke an Philipp, ihm die Stadt zu übergeben.

18. Noch vor der Übergabe kam von den drei Römischen Gesandten, welche nach Alexandrien abgegangen waren, auf die Nachricht von der Belagerung der Stadt Abydus, der jüngste, Marcus Ämilius – so hatten sie es unter sich ausgemacht – zu Philipp. Als der König auf die ihm darüber gemachten Vorwürfe, daß er den Attalus und die Rhodier angegriffen habe, und gerade jetzt Abydus belagere, zur Antwort gab, Attalus und die Rhodier hätten ihn mit Krieg überzogen, so sagte Ämilius: «Sind etwa auch die Abydener gegen dich die Angreifenden gewesen?» Ungewohnt die Wahrheit zu hören, nahm er diese Worte für eine zu dreiste Äußerung gegen einen König. «Deine Jugend,» sprach er, «deine Bildung und, mehr als dies Alles, der Römername, macht dich dreister, als du sein solltest. Ich für meine Person, möchte am liebsten, ihr hieltet, der gemachten Zusage eingedenk, mit mir Frieden. Solltet ihr mich aber zum Kriege auffordern, so bin auch ich willens, euch fühlen zu lassen, daß der Thron und der Name von Macedonien des Ruhms im Kriege so viel hat, als der Römische.» So entließ Philipp den Gesandten, nahm das in Haufen zusammengetragene Gold und Silber hin, ging aber aller Gefangenen verlustig. Denn der Volkshaufe wurde von einer solchen Wuth ergriffen, daß plötzlich Alle, in der Meinung, man habe die fechtend Gefallenen verrathen, und unter gegenseitigen Vorwürfen des Meineids, – die hauptsächlich die Priester hören mußten, weil sie diejenigen, denen sie selbst die Weihe zum Tode gegeben, durch Übergabe lebendig dem Feinde geliefert hätten – daß plötzlich Alle aus einander sprengten, nm die Weiber und Kinder zu tödten 25 und sie sich selbst durch alle Arten des Todes mordeten. Staunend über diese Wuth rief der König seine Truppen vom Eindringen zurück und sagte: «Er gebe den Abydenern drei Tage zum Sterben.» Und in dieser Zeit übten die Besiegten mehr Unthaten gegen sich selbst aus, als die erbitterten Sieger sich erlaubt haben würden; und es kam nicht Einer lebendig in feindliche Gewalt, wenn ihn nicht etwa Ketten oder sonst ein Zwang am Sterben verhinderten. Philipp belegte Abydus mit einer Besatzung und ging in sein Reich zurück. Da eben so, wie bei Hannibal die Zerstörung Sagunts, bei Philipp das Unglück der Abydener, den Entschluß zum Kriege mit Rom gereift hatte, erfuhr er unterweges, der Consul sei schon in Epirus und habe die Landtruppen nach Apollonia, die Seemacht aber nach Corcyra in die Winterquartiere gelegt.

 << Kapitel 104  Kapitel 106 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.